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Dienstag, September 1925

175. Jahrgang

Nr. 204 Erstes Matt

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vnltk und Verlag: vrühl'sche Univerfitäts-Vuch- und Steinöruderei R. Lange in Stehen. Schriftleitung und Seschästsftelle: Schulstrahe 7.

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Deutsche im Ausland.

Der Bund der Auslanddeutfchen. Die Wiener Anschluhtagung.

Gleichzeitig am vergangenen Sonntag haben zwei Veranstaltungen ftattgcfunben. die den Deutschen jenseits unserer Reichsgrenzen ge­widmet waren: die Tagung des Bundes der Auslanddeutschen in Berlin unb eine Anschluhlundgebung in Wien. Die Berliner Tagung war den auf schwerem Posten auShaltenden Deutschen der durch den Versalller Vertrag verloren gegangenen Ge­bietsteile wie auch vieler anderer Länder ge­widmet. Die Anschluhlundgebung in Wien galt dem durch den Versailler Vertrag ausgesproche­nen Derbot, daß die beiden, von rein deutscher Bevölkerung bewohnten Staaten, das Deutsche Reich und Oesterreich, trotz ihres leidenschaft­lichen Wunsches nicht zusammenkommen können. Während auf der Tagung der Auslanddeutschen die amtlichen Vertreter der Reichspolitik durch offizielle Vertreter ihren Gruft und ihre Sym­pathie entbieten liehen, sand die Anschluhkund- gebung in Wien sozusagen unter Ausschluh der hochpolitischen Oefscntlichkcit statt. Der deutsche Reichstagspräsident Lobe betonte ausdrücklich, dah er als Vertreter des deutschen Volkes, nicht aber in amtlicher Mission erschienen sei.

So ähnlich die beiden groften Veranstaltun­gen einander im Wesen sein mögen, so verschieden sind sie doch in dem, was zunächst anzuftreben ist. Der Bund der Auslanddeutschen will in erster Linie die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Differenzierungen beseitigen, die unseren Landsleuten jenseits der Reichsgrenze auf erlegt worden' sind. Man könnte sich über die schikanöse Behandlung, die viele Ausland- deutsche über sich ergehen lassen müssen, vielleicht philosophisch mit der Erwägung hinwigtrösten. dah neue Herren zunächst ein hartes Zepter führen, und dah die Regierungen, etwa Polens und der Tschechoslowakei, es allmählich lernen werden, ihre Minoritäten klug und loyal zu behandeln. Eine solche fatalistische *. *)- lungSweise der Dinge ist jedoch nicht m?-^ch, ba gerade die genannten beiden Staaten in ihrem ersten natlonaustischen Rausch nicht wieder­gutzumachende Gewalttaten gegen deutsche Menschen und deutsches Be­sitztum begehen Darum ist es nicht ganz rich­tig, wenn gesagt wird, der Bund der Ausland­deutschen treibe eine Arbeit auf lange Sicht. Er muh die in fremden Gemeinwesen wohnenden Deutschen zu energischer Abwehr gegen Vergewaltigungen zusammenfassen und gleich­zeitig das öffentliche Gewissen aufzu­rütteln suchen.

Die von zahlreichen Rednern auf die Wie­ner Kundgebung variierten Forderungen können mit einem Schlage verwirklicht werden. Sobald die Mitunterzeichner des Versailler Vertrages auf den Artikel 30 Verzicht leisten, bc: Deutschland verpflichtet. Oesterreichs Unab- bängigTcit unbedingt zu achten, so steht der Vereinigung der beiden deutschen Staaten nichts mehr im Weg' Die Seele des Widerstandes gegen den Anschluß Oesterreichs an das Reich ist Frankreich im Verein mit seinen Freunden von der Kleinen Entente. Es war nicht ganz leicht, der Welt begreiflich zu machen, warum im Falle Deutschland-Oesterreich ans die Anwendung der Wilsonschen Thesen Verzicht ge- Iciftct werden muhte. Man hat das Ziel schlieh- lich erreicht, indem man behauptete, das Wieder­anwachsen Deutschlands zu einem Siebzig-Mittiv- nen-Staal sei eine schwere Gefahr für den europäischen Frieden. Redner aller poli­tischen Schattierungen in Wien haben versichert, dah im Gegenteil das Verbot der Vereinigung der beiden deutschen Staaten eine Gefahr für den Welts rieden darstelle.

3m Bunde der Auslanddeutschen wie auch auf der Wiener Anschluhkundgebung sind De- trachtungen darüber angestellt worden, welchen gegenseitigen Vorteil die Bewohner Deutschlands und Oesterreichs von einer Vereini­gung haben würden Es liehe sich manches bar- liber sagen, dah die Vereinigung aller auf ge­schlossenem Territorium in Mitteleuropa zusam­menwohnenden Deutschen ganz andere Möglich­keiten für die Verwirklichung großer Wirtschafts-, Handels- und verlehrspvlitifcher Probleme schafft. Auch wird man sagen können, daß die Belebung der kulturellen Gemeinschaft mit den deutschen Minderheiten in benachbarten Staaten zur Belle- rung der politischen 'Beziehungen Deutschlands zu seinen früheren Gegnern beitragen kann. Aber alle diese verstandesgemäßen Erwägungen wurden durch das elementare Gefühl -.urückgedrängt, daß Brüder in ein gemeinsames Haus ge­hören und auf die Dauer nicht durch den Machtspruch eines Fremden auseinandergehaltcn werden dürfen. Auch wenn uns die Geschichte der nach dem Kriege neuentstandenen Staaten keine praktische Letrion ertellt hätte, so hätten wir Deutschen doch alle gespürt, daß nationa­ler Zusammenschluß die große politische Parole unseres Zeitalters ist.

Mancher Redner besonders in Wwn hat seinen Worten für den Zusammenschluß des Deutschtums Spezialwunsche hinzugefügt, die nicht von allen denen geteilt wurden, die in der Haupt­sache mit ihnen einer Meinung waren. Löbes Döllerbundschwärmerei, sowie seine Lleblingsidee von den Vereinigten Staaten Europas findet nicht in allen deutschen Herzen Widerhall. Ueber diese Fragen werden wir uns aber innerhalb der geeinten deutschen Vo'lsaemeinschall klar

werden und zu einem Entschluß durchringen. Wir Deutschen haben in den letzten Jahren gelernt, nächste Ziele ins Auge zu fassen. Eines der wichtigsten und nächsten Ziele wird es sein, die Beziehungen zu unseren Brüdern in der Fremde sehr viel enger zu knüpfen, als dies bisher der Fall gewesen« ist. Die Deutschen Oesterreichs gehören in unser gemeinsames Deutsches Reich und die in fremden Ländern verstreut wohnenden deutschen Brüder müssen sich immer wieder an dem Dorn unserer nationalen Kultur laben können und deshalb in stetiger naher Beziehung zu uns Reichsdeutschen stehen.

Die Tagung des Auslanddeutschtums.

Berlin, 31. Aug. (Wolff.) Heute vormittag eröffnete Gouverneur a. D- von Truppel die Ge­samtsitzung der Tagung des Auslanddeutschtums. Der Senior der Tagung, Herr Dehnhard, der als erster Deutscher in Westafrika Farmen anlegte, und Dr. Peters den Anstoß zum Erwerb der ersten deutschen Kolonie gab, wurde ein­stimmig zum Ehrenpräsidenten der Ta­gung gewählt. Rach einem Referat des Ober- regierungsrats Grosse-Berlin über die .Heimat im Dienste des Auslanddeutschtums" wurde ein­stimmig eine Entschließung angenommen, nach der für die Wahrnehmung der 'Belange des Aus- landdeutschtums bei den heimischen Behörden und Dolksvertretmtgen eine offizielle Dienst­stelle der Auslanddeutschen in der Heimat als wünschenswert bezeichnet wird und dringend eine Zusammenarbeit aller in der Hei­mat für das Auslanddeutschtum tätigen Verbände und Organisationen gefordert wird.

Dr. Herold- Berlin und Graf Revent- lvw, Mitglled des Reichstages, sprachen dann über das Wahlrecht der Auslanddeut­schen. Zur Wahlrechtsfrage wurde eine Ent­schließung vorgelcgt, durch die verlangt ttnib, daß die Reichsregierung den gesetzgebenden Kör­perschaften eine Rodel le zum Reichswahlgesetz vorlegen möge, die Bestimmungen darüber trifft, in welcher Weise die im Auslande an­sässigen Reichsangehörigen, das ihnen verfassungsmäßig zustehende Wahlrecht ausüben können. Anschließend hielt ReichswirtschaftSrat Bernard einen Vortrag über:

Die Fragen der Staatsangehörigkeit.

Hierzu wurde eine Entschließung vorgelegt, durch die die Reichsregierung gebeten wird, den gesetz­gebenden Körperschaften einen Gesetzesvorschlag vorzulegen, wodurch deutsche Staatsangehörige, welche sich im Reicheniederlassen, grund­sätzlich ein Rechtsanspruch auf Einbürgerung im Lande ihres Riederlassungsor- 1 e s gewährt wird

Angenommen wurde dann noch eine Ent­schließung, durch die verlangt wird, dah die im Reiche ansässigen Auslanddeutschen durch ent­sprechende Verwaltungsmaßnahmen Reichs» angehörigen gleichgestellt werden. Ferner wurde eine Entschließung ange­nommen, und zwar zur Flaggenfrage, in der darauf hingewiesen wird, daß die Flaggen­srage auch das Auslanddeutschtum in zwei Lager zu zerreißen drohe. Die Versammlung verlangt -einen Volksentscheid, und zwar unter Einbeziehung der Reichsdeuts chen im Auslande. Schließlich nahm die Ver­sammlung eine Entschließung an, in welcher die Auslanddeutschen an die Reichsregierung die Bitte richten, sich mit allem Nachdruck dafür ein­zusehen. daß die Beschränkungen des Aufent­haltes, der Riederlassung und der gewerbepolizei­lichen Gleichberechtigung sowie der Patzzwang beseitigt werde.

lieber die Wegnahme des Privat­eigentums durch die gegnerischen Mächte im Weltkriege referierten W. v Malinckrodt- Haag und Rechtsanwalt Dr. Bitter- Hamburg. Rach den Vorträgen nahm die Versammlung eine Entschließung an, in der u. a. gegen die entschädigungslose Wegnahme des deutschen Pri­vateigentums im Auslande auf Grund des Ver­sailler Vertrages Verwahrung eingelegt und von der Reichsregierung verlangt wird, diese Schädigung des deutschen Privateigentums bei allen sich bietenden Gelegenheiten wieder gut zu machen.

Die Tagung fand chren Abschluh in einer gewaltigen

öffentlichen Kundgebung

im Herrenhaufe. Als Vertreter der Reichs­regierung war Staatssekretär Z w e i g c r t er­schienen. Der Gruft der Reichsregierung gelte allen Auslanddeutschen, die treu zur Heimat stehen. Die wirtschafllichen Röte in der Heimat hätten das soziale Gefüge unserer Bevöllerung und ihrer Erwerbszweige derart gestaltet, daß insbesondere der Mittelstand vernich- l c 1 sei. Dieses schwere Schicksal sei von den Reichsdeutschen m den vormals feindlichen Län­dern mit ihrem ganzen Vermögen be­zahlt worden. Dieses schwere Opfer werde me­in anb verkennen, es müsse aber betrachtet werden im Rahmen dessen, was unser Volk als ganzes erlebt h"abe und ohne Bitter­keit müsse deshalb gewürdigt werden, dah auch den Möglichkeiten staatlicher Hllfe Grenzen ge­zogen seien. Bei der Reichsregierung bestehe

indessen der Wllle und das Bestreben zu helfen unverändert fort. Zu der wirtschafllichen Rot komme die kulturelle, unter der fast alle Auslanddeutschen leiden. Der Redner schloß, daß die Rot der Auslanddeutschen auch einen Weg finden werde zur großen Volkseinheit. Die Aus­landdeutschen könnten die Gewißheit mit hinaus­nehmen, dah es trotz aller Rot in Deutschland mit der Entwickelung unseres Volkes im Innern und Aeuhern vorwärts gehe. Hierauf sprachen Prof. Dr. Goebel- aus Hannover und Dr. Rohrbach aus Berlin über die wirtschaftliche Bedeutung des Auslanddeutschtums.

Am Schluß der Tagung sprachen noch Pro­fessor Dr. Busse von der llnitxrfität Reuyork und Professor Dr. Kühnemann. Pfarrer Olbrich aus Barcelona überbrachte Grüfte aus Spanien und dankte für die freundliche Ausnahme in Berlin. Seine Ausführungen gipfelten in einem Hoch aus das deutsche Vaterland, woraus der gemeinsame Gesang des Deutschlandliedes folgte. Die Berliner Tagung wurde durch ein Zusammensein im Krottgarten abgeschlossen. Am Dienstag begeben sich die Teilnehmer nach dem Hallenser Industriegebiet. Am Mitt­woch werden sie der Leipziger Messe einen Besuch abstatten.

Der Anschlußgedanke in der Schule.

Auf dem Derbandstage des Deutschen Philo­logenverbandes zu Heidelberg wurden neben Organisations-, Standes- und schulpolitischen Fragen auch eine Reihe von kulturpolitischen Fragen behandelt, die ihren Riederschlag m entsprechenden Entschließungen fanden und sich wesentlich mit dem Grenz - und Ausland­deutschtum beschäftigten. So wurde zum Bei­spiel der alljährlichen Ausschreibung einer frei­willigen Spende für den Schutz des Grenz- und Auslanddeutschtums das Wort gesprochen, weiterhin die Gründung von Schulgrup­pen desVereins für das Deutsch­tum im Ausland" begrüßt, schließlich aber und das mag uns hier besonders interessieren die Durchführung des geistigen An­schlusses (Deutschland - Oesterreich) betrieben, indem man mit allem Rachdruck darauf hin­zuarbeiten gewillt ist, daß die geistigen Bande zwischen Deutschland und Oesterreich immer enger geflochten werden, um die durch äußere Ver­hältnisse gefährdete Anschluhbewegung wach zu halten und mit immer stärkerem Impulse zu erfüllen. Diese geistige Beeinflussung muh, wie es weiter ganz richtig heißt, insbesondere die Jugend und ihre Erzieher erfassen, wes­halb alle Bestrebungen zu unterstützen sind, die dazu beitragen, den Anschlußgedanken gerade in ihnen und durch sie im Volksganzen lebendig zu erhalten. Diese Bestrebungen lassen sich zu- sammensassen in folgenden Leitsätzen:

1. Reger Au s t a u s ch v er ke h r von Schü­lern und Lehrern beider Länder durch Schüler- fahrten, Studienfahrten der Lehrer, gegenseitige Tettnahme an wissenschaftlichen, sportlichen und vaterländischen Tagungen.

2. Berücksichtigung des Anschluhgedankens in den Lehrbüchern und im Unterricht, ins­besondere im Rahmen des deulschkundlichen und staatsbürgerlichen Unterrichts.

3. Allmähliche Annäherung des Schul­wesens beider Länder auf der Grundlage der Gleichberechtigung unter genauer Prüfung der besonderen Eigenart und Entwicklungstendenz durch besondere sachverständige Studienkommissio­nen und gemeinsame Tagungen der Schulverwal­tungsbehörden unter Teilnahme der Vertreter der Lehrerschaft.

4. Annäherung der Vor- und Ausbil­dung der Lehrer beider Länder.

Der Deutsche Philologenverband (D. PH. D. und der Verband der Deutsch-Oesterreichischen Mittelschuttehrer (D. d.M.» sind einig in dem Bestreben, von sich aus mit allen Mitteln die Durchführung des geiftigen Anschlusses zu be­treiben. Sie wenden sich an alle Amtsgenossen und Ellern ihrer Schüler mit der Bitte, sie in diesem Bestreben mit Wort und Tat zu unter- stühen. An die Regierungen und Parlamente der Länder wurde das dringende Ersuchen gerichtet, die Arbeit im Sinne des Anschlußgedankens so weit wie möglich zu unterstützen, und insbesondere dafür zu sorgen, dah

a) für die Durchführung der oben genannten Ziele alle Hilfsmittel der beiden Länder bereiigeftellt, und alle Behörden ange­wiesen werden, das weitgehende Ent­gegenkommen zu bestätigen,

b) alles vermieden wird, was den unge­hinderten Grenzverkehr zwischen Deutsch­land und Oesterreich erschweren und so den Anschlußge. anken abträgttch sein könnte.

Wir sind mit den beiden Verbänden über­zeugt, daß mit dieser Arbeit eine Pflicht erfüllt wird, die den Verbänden als der Vertretung der akademisch gebildeten Lehrerschaft Deutschlands und Oesterreichs im Rahmen der deutschen Kultur- entwicllung obliegt, nachdem schon zu Pfingsten 1923 die feierliche Ausnahme des V. d. M. in den D. PH. V. im rebenumkränzten Würzburg voll­zogen worden ist.

Vorwärts auf diesem Wege: Hier wird praktische Arbeft geleistet!

Der deutsch-russische Handelsvertrag.

Rußland gegen den Ticherheitspakt.

Moskau, 31. Aug (TU.) Die deutsch- russischen HandelSvertragsverhandlungen sind in den letzten Tagen in einen scharfen Krisen­zustand getreten, so dah mit dem unmittel- raren Abbruch derselben gerechnei werden muß. Vor einiger Zell schienen die Aussichten für einen Vertragsabschluß günstig. Beide Seiten batten gegenseitig auf strittige Forderungen verzichtet, und in einer Reihe strittiger Fragen sind Korn- promfsse erzielt worden. Runmehr hat die Sow­jetseite gestern eine Reihe bereits ungesagter Zugeständnisse zurückgezogen und eigene vorder allcngelaffenc Forderungen wieder ausgestellt. Bei Gesamtfragen gewerblichen Rechtsschutzes und einer Kartcttlonvention hatte die Sowjetseite die Sicherhell deutscher Kartell- und Prioritätsrechte zuerst von der Bewilligung russischer Forderungen auf Getreide- und Vieheinfuhr abhängig gemacht. Als deutscherseits solche Gegenüberstellung ab­gelebt wurde, verstand sich Rußland später zur Genehmigung deutscher Vorschläge. Run erklärt die ©otojetfeite, die Patentkonvention für un­annehmbar. Ebenso wurde die berät6 zu­gestandene Vergebung der Fischereikon­zession imMurrnan an eine deutsche Wirt­schaftsgruppe widerrufen. Endlich wollte die Sowjet-Union in der Meistbegünstigungs- Häufel in Widerspruch zum Wortlaut deS Rapallovertvages ganz Asien auSschlie- tz e n, während sie von Deutschland uneinge­schränkte Meistbegünstigung verlangt. Don Sowjetseite werden von neuem Forderungen auf Erweiterung der Rechte der Han­delsvertretung, Mmdes^ötte und Erleich­terung der Einfuhr von Vieh, tterifchcn Pro­dukten und Getreide gesteift.

Russischerfeits ist man sich nicht im Klaren darüber, dah man nur dann Früchte aus der Meistbegünstigungsklausel des Rapollavertrages. insbesondere In bezug auf Fette- und Getreide- empört ernten kann, wenn Deutschland alle wirtschaftlichen Konsequenzen deS Rapallovertrages z u g e b i l l i g t werden.

Es macht den Eindruck, als ob der Qlbbtud) dec HandelSvertragsverhandlungen mehr aus politischen als aus sachlich-wirtschaftlichen Erwägungen heraus herbeigeführt werde. Man wlll hier in der Frage des Sicherheits- Paktes einseitig Pressionen ausüben, an­dererseits überhaupt die Lösung der Sicherheits- fragen abwarten, ehe man wirtschaftliche Bedin­gungen eingeht.

Die Londoner Juriftenlonferenj

London. 31. Aug (TU.) Die Londoner juristische Konferenz, die ursprünglich schon heute ihren Anfang nehmen sollte, wird morgen erst offiziell beginnen, da die italienische Re­gierung an den Besprechungen teilzuneh­men wünscht. Heute sind die Rechtssachverstän­digen lediglich zu einer kurzen Sitzung im Außen­ministerium zusammengetreten, um die Tages­ordnung für die morgige erste offizielle Sitzung festzusetzen. Die Teilnahme des italienischen Dele­gierten P i l o 11 i wird in hiesigen mafjgebenben Kreisen als ein Zeichen des Iitteresses Italiens an dem Sicherheitspakt sehr begrüßt In Londoner unterrichteten Kreisen glaubt man, daß ein deutsch - p olnifcher Schieds- gerichtsvertraa vorgeschlagen werden wird, dessen vom Völkerbund ernannter Garant Frankreich sein sott. Man glaubt nicht, daß die Konferenz die ganze Woche über andauern soll. Man erwartet, daß nach Beendigung der juristischen Konferenz von deutscher Seite eine internationale Konferenz vor- geschlagen werden wird, die vvraussichllich während der letzten Septemberwoche in öau-» saune beginnen soll

Die DöHerbunösDerfammlung.

Die Wahl des Präsidenten.

Genf, 31. Aug. (TU.) Die Vollversammlung des Völlerbundes wird jedes Jahr durch den derzeitigen Vorsitzenden eröffnet. Da der Vor­sitz im Dölkerbundsrat zur Zeit Frankreich zu- sälll, wird P a i n l e v e die Eröffnungsrede halten. Der erste Gegenstand der Beratung ist die Reuwahl des Präsidenten. 3n franzosenfreundlichen Kreisen wird stark Stim­mung für den ersten Delegierten der kanadi­schen Delegation, den Senator Dandurand, gemacht, der französischer Herkunft ist und, trotzdem er ein englisches Dominium vertollt, seine Reden stets in französischer Sprache auf der Vollversammlung hält, um sie danach selbst ins Englische zu übersetzen. Don anderer Seite wird die Kandidatur Fridjos Ransens an­geregt, der als wirklicher Friedenssreund und als namhafter Forscher und Gelehrter überall in der Welt Verehrung und Vertrauen genießt. Durch seine jahrelange selbstlose Arbeft für die russischen Flüchtlinge und durch sein mannhaftes und wahrhaft neutrales Auftreten hat er sich die Sympathien weiter Döllerbundskreise er­worben.

Beginn des amerikanischen Kohlenarbeilerftreiks.

Reuyork, 31. Aug (TU.) Heute um Mitternacht beginnt der Streik im norbamerifani- I scheu Steinkohlenbergbau. Der Streik wird s ä m t- liche Steinkohlenber g toerke derDer- 1 einigten Staaten In Mitleidenschaft ziehen.