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Er. 178 Drittes Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)

Samstag, August (925

Asien.

Don R. R. Coudenhove-Kalergi.

3m 3ahre 1924 vollzog sich die Derschiebung des weltpolitischen Schwerpunttes non Europa nach Asien. Dom Atlantischen zum Pazifischen Ozean.

Der Anschluß Rußlands, das lange zwi­schen beiden Kontinenten geschwankt hatte, an Asien, ist Wirklichkeit geworden und sand seinen Ausdruck im Abkommen mit China und Japan.

Q'lun ist dieser in Bildung Begriffene a f ta - rische Dolkerblock, der non der Ostsee zum Chinesischen Meere reicht, an Menschen und Zu­kunst der stärkste der Welt: an Macht und Reich­tum ist er der zweitstärkste: denn hier überragt ihn der angelsächsische Block, zusammen- gehalten durch die Gemeinschaft der Sprache und Kultur.

So entsteht ein neues politisches Kräfte­system der Erde: Ost und West stehen ein­ander gegenüber. 3n riesigen Dimensionen wie­derholt diese Zweiteilung der Welt dte Zweiteilung Europas, die 1914 zur Katastrophe geführt hat.

Bei dieser drohenden Teilung der Welt be­findet sich Europa nicht unter den Protago­nisten, feine führenden Mächte sind in dem Drama, das sich an der Küste des Pazifik nor- bereitei, zu Statisten herabgesunken, die weder in der Lage sind, die Tragödie zu nerhindern noch sie zu beeinflußen.

Als Weltmacht existiert Europa nicht: das ist paradox angesichts der Tatsache, daß dieser Erd­teil eine größere Armee unter Waffen hält, al- die gesamte übrige Welt.

Richt die Derarmung Europas ist schuld an feiner Ohnmacht und Hilflosigkeit, sondern seine Kleinlichkeit und Blindheit: beim sonst wäre es unmöglich, daß Ruhland, ge­schwächt und zerrüttet nicht nur durch den Krieg, sondern auch durch die Revolution, im Gegen­sah zu Europa eine aktive und erfolgreiche Welt­politik führt.

Während der Westen des asiatischen Erd­teils unter dem Rainen Europa sich in Krieg und Frieden selbst zerfleischt, bildet im Rorden Asiens Rußland, im Süden Britannien, im Osten Japan die Hauptmacht.

3n diesen drei politischen Kraftfeldern ent­falten sich drei geistige Mafsenbewegungen: der Bolschewismus: ber 3 f l a m: der Ratio­nalismus.

Der Bolschewismus stützt sich auf die Macht Rußlands: der 3siam bedroht die Macht Englands, der panasiatische Rationalismus hofft auf 3apcm.

Dieser Rationalismus ist politisch wie ethisch sehr verschieden vom europäischen: denn der asiatische Rationalismus ist, außer in 3apan, defensiv: während der europäische Ratio­nalismus ofsensiv ist.

3aDan nimmt dem asiatischen Rationalismus gegenüber eine Doppelstellung ein: durch seine koreanische Herrschaft nimmt es einerseits teil an der imperialistischen Politik Europas wäh­rend es anderseits die Zukunftshoffnung deS panasiatischen Freit-eitsdrauges ist.

Für die Zukunft Asiens sind zwei Tendenzen von größter Bedeutung: der wachsende Gegensatz zwischen England und dem 3siam und die wachsende Annäherung zwischen dem panasiati­schen Rationalismus und 3apan.

Diese doppelte Entwicklung, ergänzt durch den Sieg des Bolschewismus in Sibirien, bereitet, von allen politischen Konstellationen abgesehen, ein Bündnis zwischen jenen drei ideellen Großmächten Asiens gegen die europäische Suprematie vor: zwischen Bolschewismus, Pan- 3slam, Pan-Asien.

Der politische Ausdruck dieses geistigen Drei­bundes wäre eine Entente zwischen Ruß­land, China und 3apan, ergänzt durch die Sympathien 3ndienS und Dorderasiens. Diese Menschengruppe würde, zwischen Petersburg und Singapore, zwei Drittel der Menschheit umfassen.

Roch ist es verfrüht, von einer solchen poli­tischen oder auch nut geistigen Gruppe zu spre­chen: aber es kann anderseits nicht geleugnet werden, dah die russisch-asiatischen Dereinbarun- des 3abres 1924 den Grundstein zu einer solchen Entwicklung legen.

Zunächst strebt nur Rußland zielbewußt dieses Bündnis zwischen Bolschewismus, 3siam und Rationalismus an. 3 aPan verhält sich abwartend und zurückhaltend und erschwert durch seine chinesische und koreanische Politit den asiatischen Zusammenschluß mehr, als es ihn fördert. 3n 3nbten begegnet die von Gandhi angebahnte Dersöhnung zwischen Rationalismus und 3flam den größten Schwierigkeiten, während China sich durch Druderkämpse ebenso zerrüttet wie Europa.

Der Kampf um Asien ist zunächst der Kampf zwischen Rußland und Eng­land. Die letzte entscheidende Phase dieses hundertjährigen Ringens war der russisch-japa­nische Krieg, in dem England durch seinen Der- bündeten siegte und zugleich selbst im Tibet ein- zvg, dem Glacis seines indischen Reiches.

Aus diesen Sieg folgte ein Waffenstillstand und Bündnis zum Kampf gegen den gemeinsamen Gegner: Deutschland.

Unmittelbar nach dem Zusammenbruch der deutschen Macht nahm der russisch-britische Kamps um Wien von neuem seinen Fortgang, wenn auch unter veränderten Formen. Denn Rußland hatte durch die Revolution feine materiellen Machtmittel verloren, aber sie durch ideelle ersetzt.

Bisher war Rußland in diesem Ringen erfolgreicher. Als Derbündeter Kemals siegte es in der $ n rl e l über England, das die Griechen unterstützte: ebenso siegte es im Kaukasus und in Persien, wo Riza Khan mit Erfolg die Rolle Kemals spielt. Die Kämpfe in Afgha­nistan scheinen ebenfalls eine Etappe in diesem gewaltigen Ringen zu sein, ebenso der arabische Bürgerkrieg, in dem die von England gestützte Dynastie Hussein unterlag.

Zuletzt standen sich 1924 diese beiden Gruppen im chinesischen Bürgerkrieg gegenüber. fiter mischten sich aber andere Staaten in den ri tisch-russischen Zweikampf. Wu-Pei-Fu

slljtzte sich auf die angelsächsische Gruppe, Tschan- T s o - L i n auf Rußland, Japan und Frank- reich

Auch hier siegte Tschan-Tsv-Lin, der Kandidat Rußlands.

3n diesem Ringen um Asien kommt der Haltung 3apanS entscheidende Bedeutung zu. DiS 3um Ende des W-cktkrteaes stand es aanz

auf Seite Englands, dessen Derbündeter es war.

Rach dem russischen Zusammenbruch unter­nahm 3apan den Versuch einer großzügigen Ex­pansion auf Kosten Rußlands. Während es aber Rordsachalin und Ostsibirien besetzt hielt, lief sein Bündnis mit England ab. 3apan war plötz­lich isoliert: verfeindet mit Rußland und Ch.na, auf gespanntem Fuß mit Amerika, ohne Rück­halt an England.

3n diesem Augenblick fetzt 3apans ton- equente Friedenspolitik ein: es räumt zuerst Schantung, dann Sibirien, schließlich Rord­sachalin: schließt mit Amerika das Washingtoner Abkommen und begnügt sich mit der zweiten Rolle im Pazifischen Ozean. So überwindet es diese kritische Lage und gewirmt dadurch die Möglichkeit, selbst die schreckliche Erdbebenkata­strophe ohne Schmälerung feiner Machtstellung zu überstehen.

1924 beginnt aber eine neue Phase seiner Politik. Es sucht Anschluß an Rußland.

ruht, heute noch, der Schwerpunkt der W e 11 - kult ur in Europa. Dielleicht ist es berufen, einer erneuten Menschheit dieses Erbe zu wahren und zu retten.

Aussichten und Ziele.

Persönliches über Add el Krim.

Don einem im Rifgebiet weilenden Beauftragten indischer Mohammedaner erhalten wir folgende interessant? Aus­führungen:

Es ist mir möglich gewesen, für längere Zeit in lehr enger und lebhafter Berührung mit Sidi Achmed El - Melilawi, einem engen Freunde Abd el Krims. de« siegreichen Füh­rers der Rifkabhlen. zu leben.

Den 3nhalt vieler Unterhaltungen, die ich mit dem genialen Sidi Achmed hatte, werde ich wie folgt hier niederlegen:

Abd el Krim ist kein waghalsiger und fana­tischer Abenteurer. Er ist ein höchst gebildeter

WWMMW

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daS ebenfalls isoliert ist, und nach langwierigen Verhandlungen kommt es endlich, im 3anuar 1925, zum Vertragsabschluß.

Während Rußlanb und 3apan sich finden, wird die britisch - amerikanische Freundschaft immer intensiver. Diese Freundschaft wird gefestigt durch die Rückzahlung der englischen Kriegsschulden und durch das Washingtoner Abkommen.

, Die Dominions bilden die natürliche Drücke zwischen diesen beiden Mächten, deren Geldschaft und Flottenmacht die Welt beherrschen.

Diese angelsächsische Weltherrschaft verlegt ihren Schwerpunkt langsam vom Atlantischen in den Pazifischen Ozean. Die letzten Etappen dieser Entwicklung sind: der Ausbau Singa­pore s zum größeren Gibraltar eines größeren Mittelmeeres durch England und die großen amerikanischen Flottenmanöver im Pazifischen Ozean.

ES ist möglich, daß in Zukunft bet gutem Willen und Großzügigkeit von beiden Seiten ein Ausweg gefunden und der Konflikt vermieden wird. Diese Hoffnung ändert aber nichts an der Tatsache, daß die heutige Weltlage auch für Europa lebensgefährlich ist: bei dessen labiler Lage würde jeder asiatische Weltkrieg auf Europa übergreifen. Russen und Angel­sachsen könnten, bei der gewaltigen Ausdehnung ihrer Reiche, felbft diesen Krieg überleben; Deutschland und Frankreich aber müßten an dessen Folgen zugrundegehen.

Alle, die ein enges Bündnis zwischen Deutschland und Rußland oder zwischen England und Frankreich anstreben, bereiten diese Kata­strophe vor: die kriegerische Zerreißung Europas um Asiens willen. Die beiden Mächtegruppen, im Osten durch den Pazifischen Ozean und den Himalaya, durch das größte Meer und das höchste Gebirge der Erde geschieden, wür­den sich am Rhein begegnen und aneinander- prallen. Hier würde dec Kampf um die Welt­herrschaft geführt werden und Europa unter seinen Trümmern begraben.

Zunächst also ist es die Aufgabe Europas, einen inneren Krieg zwischen seinen Rationen durch eine Föderation unmöglich zu machen und nach außen eine Einheit zu bilden. Dann soll dieses Europa seine Weltstellung m die Wag­schate des Friedens werfen, um den drohenden Zusammenstoß zwischen Ost und West zu verhin­dern und eine friedliche Lösung der asiatischen Probleme herbeizuführen.

Zu dieser Friedensmissivn ist Europa be­rufen. weil es mit beiden Gruppen durch wirt­schaftliche und geistige Bande verbunden ist: mit England und Amerika durch die Gemeinschaft der Zivilisation, der Rasse und der Demokratie mit Rußland und Asien durch Geographie und Wirtschaft und die Hoffnung auf eine geistige Erneuerung unserer Kultur.

Mißlingt Europa diele «ynebendmtmon, kann c» diesen furchtbaren Zusammenstoß zweier Welten nicht verhindern, sio bleibt wenigstens einem einigen Europa die letzte Möglichkeit, sich selbst durch eine starke Neutralität zu retten und in dieser Lage den völligen Zusammenbruch menschlicher Kultur zu yerh'.ndern.

Denn wenn auch der Schwerpunkt der W e 1t- politik nach Asien, der Schwerpunkt der Weltwirtschaft nach Amerika geruckt ist.

Mann, dessen äußeres Leben mit dem inneren übereinstimmt. Er ist lange Zeit der Kadi, der Richter von Melilla gewesen. Außer den Ge­setzen des 3slams kennt er auch ebenso genau die europäischen Gesetze. Er ist ein sorgfältiger For­scher des internationalen Rechtes und hält sich genau auf dem Laufenden über die Ereignisse in der europäischen Politik. Er lächelt in einer den ihm Rahestehenden wohlbekannten Weise, wenn er liest von Gerechtigkeit. Gleichheit, Freiheit und Unabhängigkeit Dinge, über die man in Europa hin und her spricht und diskutiert. Einmal sagte er, er könne immer wissen, daß irgendeine furchtbare Sache sich ereignen würde, wenn die eurobäilüK Staatsmänner diese Worte sehr oft gebraucht ^en Vertrag vonDersailleS nannte er berzeugendste Dokument der hoff­nungslose amoral und der törichsten 3ntcl- leftualität großen europäischen Rationen. Sein größ Wunsch ist. sein Doll rein von dem Keim o.eser moralischen Krankheiten zu erhalten. Er ist ein Mcnm des Friedens und haßt Blutvergießen. Aber man muh ihn in seinem Hause unbelästigt lassen! Der große Krieg unb der sogenannte Friede, der auf ihn folgte, hat den n.vralifchen Rimbus Europas im Orient für immer zerstört. Keiner hat mehr Dertrauen zu den Worten und Versprechungen der europäischen Staatsmänner.

Abd el Krim wundert sich nicht, daß selbst manche Deutsche auf französischer Seite kämpfen trotz der Tatsache, daß Deutschland so ungerecht und grausam von den Franzosen behandelt wor­den ist und behandelt wird. Er sagt: Gold ist das höchste Gut in Europa. Ehre. Vaterland. Wahrheit und Gerechtigkeit sind nur Güter, wenn sie sich bezahlt machen. Waffen unb Munition könne man von spanischen Firmen kaufen, auch während man gegen Spanien kämpfe. Die Fran­zosen find keine Ausnahme von dieser Regel, selbstverständlich auch nicht die Engländer, die das kaufmännischste Doll der Welt sind. obgleich die Amerikaner ihm jetzt den Rang streitig machen. Abd el Krim glaubt, daß jedermann m Europa gekauft werden kann, und daß damit eine Ration gegen die andere auszuspielen ist. Aber er baut seine Hoffnung nicht auf diese Dinge.Wenn einer in Frieden zu leben wünscht, muß er immer kriegsbereit sein" ist die eine große Grundregel der Zivilisation. So muß er, ganz gegen feine Reigung stets eine stehende Armee für das Rif bereit haben, welche mit den modernsten Waffen ausgerüstet ist.

Die Flugzeuge fürchtet er nicht sehr. Sie können einem Lande wie dem feurigen keinen großen Schaden zufügen. Seines Sieges über die Franzosen ist er sicher. Er ist ein treuer Musel- mane. Er vertraut auf Gott, und seine Sache ist gerecht. Aber sein Dertrauen auf Gott ist nicht von jener Art. wie eS gewöhnlich die Europäer den Mohammedanern unter dem Rainen Kismet oder Fatalismus zuschreiben und doch von der rechten Weise, die Mohammed, der Abgesandte Gottes, lehrt. Als ein Beduine zu ihm kam und sagte, daß er fein Kamel draußen frei gefallen hätte in dem Vertrauen, daß Gott eS in feine Hut nehmen würde, antwortete Mohammed: ^Geh und binde zuerst dein Kamel gut an und dann setze dein Vertrauen auf Gott."

Auf die Frage, die öfter an Abd el Krim gerichtet wird, ob er die Spanier und Franzofen

auS MaroUo vertreiben möchte, antwortete et immer, daß er feinem Volke ein freies und unab­hängiges Leben wünsche. Als man ihm sagte. eS sei töricht, auch gegen Frankreich, die stärkste militärische Macht in Europa, zu kämpfen, sagte er. dah er die Feindseligkeiten nicht begonnen habe, daß er aber schon lange wüßte, wie unver­meidbar der Krieg wäre. Deshalb war er auch bereit für ihn. Er wußte, daß den Franzosen die Anwesenheit der Spanier in Rordafrika. daS Frankreich als sein Monopol anfah, ein Dorn im Auge ist. Die Franzosen begünstigten in jeder Weise unseren Sieg über Spanien nicht auS Freundschaft für uns. sondern wegen ihrer eigenen imperialistischen Ziele. Sie wußten und wir wuß­ten auch, daß sie nur nach der endgültigen Riederlage Spaniens sich einmischen tonnten, aber sie machten schon Vorbereitungen dazu. Der erst« Schritt war. daß sie Abd el Krim die Zufuhr abschnitten, besonders von Waller. daS uns so nötig ist. Sie schoben sogar ihre Vorposten vor und kleine Gei echte hier und dort waren daS Resultat. Wir Mohammedaner alle wünschten keinen Krieg mit Frankreich, aber Frankreich beschwor Ibn herauf. Deshalb waren lotr gezwungen, unser Geben und unsere Freiheit zu verteidigen, und Abd el Krim ist unser Vor­kämpfer. Frankreich kennt die Ausdehnung deS Kampfes nicht. Abb el Kadir von Algerien kämpfte 30 3ahre gegen Frankreich während deS letzten 3ahrhundertS. Aber jetzt kann Frankreich den Krieg keine 10 3ahre fortsetzen, ohne sich finanziell und in der Folge politisch leibst und vielleicht damit auch ganz Europa ynd die euro­päische Zivilisation in ihrer Gesamtheit zu ruinieren.

Zehn 3ahre Krieg für Frankreich in Afrika können die Oberfläche Europas verändern. Frank­reichs finanzieller Ruin kann das schnelle An­wachsen des Kommunismus dort veranlassen und dessen Einfluß auf die benachbarten Länder. Abd el Krim ist völlig orientiert über den Bund der Rationen, den Völkerbund. Er bat nicht viel Vertrauen zu ibm in seiner jetzigen Form. Er vergleicht ihn mit einem hohen Gerichtshof, dessen Geschäft es ist. die hohe Geschicklichkeit ihrer mächtigen Mitglieder zu bestätigen und dem ganzen ungerechten Geben dieser Welt einen Anschein von Gerechtigkeit zu geben Aber da er daran glaubt, seine Feinde mit ihren eigenen Waffen schlagen zu müllen, so will er auch gern mit dem Völkerbund arbeiten in den Dingen, die fein Verhältnis zu Frankreich und Spanien an­geben. Abd el Krim bösst, daß Frankreich die augenscheinliche Gefahr für fein eigenes System sehen wird und sich so mit ihm aussöhnt. Frank­reich hängt von der Loyalität feiner mohammeda­nischen Untertanen ab, die bisher oft genug gegen andere europäische Rationen von ihm mit Gold erlauft wurde. Aber das mag nicht lange mehr dauern. Mohammedaner sind oft durch Moham­medaner ruiniert worden. Aber es wird nicht immer so bleiben. Wenn die Mohammedaner diese Wahrheit einsehen. waS eines Tages doch endl.ch geschehen muß, bann ist der imperialistische Traum der europäischen Mächte zu ®nbe. Abd el Krim ist ein Mann, der den Frieden ernstlich will. Ec ist immer bereit zu einem ehrenhaften und gerechten Frieden. Abd el Krim ist für alle Mohammedaner ihtr Welt der persönliche Ausdruck ihrer nach 3ahrhunderten der Knechtschaft wieder erwachen­den Kraft, ihres wachsenden Dranges nach Frei­heit und Selbständigkeit. Er selbst kennt seine Bedeutung und wird deshalb nur in einen Frie­den willigen, der seine Freiheit garantiert.

Außenpolitische Umschau.

Don

Prostssor Dr. Otto Hoetzsch, M. d. R.

Die deutsche Antwort vom 20. Juli mit den Reden des Grafen Westarp und des Reichs­kanzlers, sowie die Abstimmung der bürgerlichen Parteien s ü r und der Sozialdemokratie gegen das BiUigungsvotum am 24.Juli ist eine einschnei­dende Etappe in der Sicherheitserörterung, die die europäischen Kabinette in Atem hält. Die andere Seite weiß jetzt ganz genau, auf welche Weise es Deutschland für möglich Höll, den Faden weiter zu spinnen, und auf welche Weise nicht. Die Fragen, Einwände, Bedenken und Borbehalle sind von un­serer eeite klipp und klar geäußert, in der Rote im diplomatischen Deutsch, in den Ausführungen des Reichskanzlers noch bestimmt ergänzt. Run muß die andere Seite zu den oft erörterten sprin­genden Punkten der ganzen Frage ihre Stellung nehmen.

Briand will das in Form der Rote beantwor­ten, die in umständlicher Dorbereitung mit London feftgefteUt wird. Genau wie wir, will auch Frank­reich erst einmal Klarheit über die Prinzipien des ganzen Planes, ehe man daran denkt, in einer mündlichen Verhandlung die Dinge weiter zu füh­ren. In England, wo man sich jetzt vor der 'Not­wendigkeit sieht, die Differenzen zwischen London und Paris endlich ganz zu klären, möchte man dar­über Hinwegreden. Darum drängt die englische Presse auf eine baldige mündliche Behandlung etwa in Form einer Zusammenkunft der Minister oder dergleichen. Aber dazu ist die Entwicklung längst nicht reif. Man sieht auch nicht, daß bis zum Be- ginn der Völkerbundstagung am 7. September in Gens eine feste Grundlage für alle Seiten gefunden sein wird. Wir warten die weitere Entwicklung ab, und inzwischen wollen wir in Deutschland alle Straft zusammennehmen, damit das große Ordnungs­und Wiederaufbauprogamm, das im Reichstag durchgekämpft wird, noch vor der großen Sommerpause in jeder Beziehung unter Dach und Fach kommt. Denn es steht alles mit- einander in unlösbarem Zusammenhang: Auswer­tung und Steuern, Handelsverträge und Zolltarif, Etat und Finanzausgleich, und der Abschluß, wie er umschwebt, wäre natürlich auch außenpolitisch ein Gewinn. v

In der Reichstagsdebatte wurde leider em Punkt nicht heroorgehoben, der wesentlich ist. Wie wesenllich er ist, vergeht man allerdings erst dann, wenn man die fremde Presse genau verfolgt. Wir meinen das Verhältnis zu Rußland im Zusammenhang mit der Sicherheitserörterung. Wenn wir ;.B. den Führer der französischen So- zialisten, Paul B o n c o u r , imOeuvre" sagen hören, daß Deutschland sich zwischen Genf und Moskau klar entscheiden müsse, so wißen wir, was die andere Seite meint. Drüben glaubt man in der Energie, mit der die deutsche Regierung Befreiung von dem Artikel 16 der Döl- kerbundssatzung oerlcngi, den Hintergedanken zu sehen, daß Deutschland Rußland bei einem Konflikt mit Polen seine Neutralität versprochen habe.