Ausgabe 
1.8.1925
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 178 Erstes

Lischetnl täglich, außer Sonn« und Feiettagr.

Beilagen:

G iefeenerffamllienb lätter Heimat im Dlld.

Monatt-Sezu-rpreit:

2 Goldmark il 20 Gold- Pfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Fe r n s p r e ch-Anschlüsse: schriftleitung 112, Der» lagundGeschäftsftelle51. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Hieße«.

Postscheckkonto: Krankfutt a. M. 11686.

Blatt

175. Jahrgang

Samstag, k. August 1925

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

vnlck und Verlag: SrLhl'sche UniverfitätL-vuch- und Zteindruckerei R, Lange in Sieben. Zchriftleirung und Geschäftsstelle: Zchlllstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag oorher ohne jedeDerdindlichKeit.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örUichS, auswart» 10 Goldpfennig; für Ne- Klame-Anzeigen o.70mm Breite 35 Goldpfennig, 'Plcrhvorschrift 20°. Auf- schlag. - Verantwortlich für Politik il Feuilleton: Dr. Friedr. Wilh. Lange; für den übrigen Teil: Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil: Hans Deck, sämtlich in Gießen.

Um die deutsche Saar.

An der Brück' an der Saar Deutsche Waldoöaelein!

Wenn ihr singt hell und klar Im freien Sonnenschein. Denkt, daß von eurer Schar Eins trauern mutz allein An der Brück' an der Saar!

So fana einst Friedrich Rückert, als nach den napoleonischen Kriegen der Wiener Kongreß Teile der deutschen Grafschaft Saarbrücken zu Frankreich schlug. So rufen uns heute die mehr als tausend Turner zu, die aus dem Saargebiet zum Mittelrheinischen Kreisturnfest herbeigeeilt sind und gestern von der Gießener Bevölkerung mit einer Herzlichkeit ganz besonderer Art begrüßt wurden. Gewiß, nicht leichten Herzens werden sie ihre Hei­mat verlassen haben, in einem Augenblick, der Tausende ihrer Volksgenossen in einem erbitterten Wirtfchastskarnpf um ihre Existenz sieht. Der Streik der saarländischen Gruben­arbeiter wendet von neuem aller Augen auf bie Not des Saargebietes. Gewiß ist der Lohn­kampf in den Saargruben nur ein Ausschnitt aus der ungeheuren Kohlenkrisis, in die ganz Europa verstrickt ist: in England, im Ruhrgebiet, in Frank­reich, Polen und der Tschechei bereiten sich ähnliche Dinge vor, ohne daß man wüßte, wie dieser inter­nationalen Krisis im Bergbau beizukommen wäre. Der Streik im Saargebiet jedoch hat neben dieser wirtschaftlichen Seite eine eminent politische Bedeutung.

AlsErsaß für die Zerstörung der Kohlengruben in Nordsrnnkreich" und eineAnzahlung auf den Betrag der von Deutschland geschuldeten Wieder­gutmachung der Kriegsschaden" mußte Deutschland int Versailler Vertragdas volle und un­beschränkte, völlig schulden- und lastenfreie Eigen- tum an den Kohlengruben im Saargebiet mit dem ausschließlichen Ausbeutungsrecht an Frank­reich a b l r e t e n". Von diesem Eckpfeiler Iran- zösischer Herrschaft aus begann Frankreichs Feld­zug gegen deutsche Sprache und Kultur, deutsches Staats-' und Volksbewußtsein im Saarbecken. Denn keineswegs übereignete der Friedensvertrag das aus preußischen und bayerischen Gebietsteilen will­kürlich zusammengefügle Saargebiet an Frankreich. Am 11. Januar 1935 fällt erst die Entscheidung über die Zugehörigkeit des Saargebiets. Bis dahin mußte Deutschland auf die Regierung ver­zichtenzugunsten des Völkerbundes, der so­mit als Treuhänder gilt". 3n welch einseitiger Weise der Völkerbund seine Pflichten als Treuhänder des Saargebiets aufgefaßt hat und ausübt, haben wir alle in den legten Jahren mit Schaudern und Em­pörung erlebt.

Die Eingliederung des Saarbeckens in das fran­zösische Zollsystem und die Klausel des Ver­sailler Vertrages, daßder Umlauf franzö­sischen Geldes keinem Verbot und keiner Be- - schränkung unterliegt", boten Frankreich weitere Möglichkeiten, unter den Fittichen des Völkerbunds sich heute schon die tatsächliche Herrschaft im Saar- decken anzueignen. Mit einer Rücksichtslosigkeit ohnegleichen suchten die französischen Machthaber die deutsche Währung zugunsten des Franken zu verdrängen, trog ständiger Einsprüche der ört­lichen Verwaltungsbehörden und Volksvertretun­gen. Arbeiter und Angestellte der Staatsbetriebe und der Kohlenzechen erhielten ihre Lohnzahlungen in Franken, die durch französisches Kapital stark überfremdete Großindustrie vermochte sich dem ebenfalls nicht zu entziehen, kurz, fast das gesamte Wirtschaftsleben des Saarbeckens wurde in den katastrophalen Strudel der Frankeninflation hin- tinaeriffen. Hier erwuchs die bittere Wirtschafks- not, die in diesen Tagen zum Streik der Gruben­arbeiter, zum Kampf um ihre nackte Existenz führte. Frankreich scheint nicht gesonnen, den berechtigten Forderungen der Bergarbeiter entgeaenzukommen. Unverrichteter Sache sind die deutschen Unterhänd­ler aus Paris zurückgekebrt. Mit Hilfe der be­waffneten Macht gedentt der französische Fiskus und die französischen ©ruben^erren den Streik zu beenden. Unter Bruch des Versailler Vertrags hat Frankreich f*on seit Jahren eine Militärdik­tatur im Saargebiet errichtet, gegen die die zahl­losen Proteste der Saarländer beim Völkerbund in Genf vergebens Sturm laufen. Unter ihrem Schutz werden die Saargruben einem Ausbeutungssystem unterworfen, das in seiner Skrupellosigkeit keine soziale Pflicht gegenüber den Bergarbeitern kennt.

Unter dem Schutz französischer Waffen gehen ober auch die kulturpolitischen Maßnahmen, die auf eine Verwelschung des Saarbeckens ab­zielen, um es für die 1935 vorgesehene Abstimmung reif zu machen. In erster Linie ist hierbei die Grün­dung einer französischen Presse durch franzö­sisches Kapital in allen Teilen des Landes zu rech­nen. Dem parallel gingen zahlreiche Versuche, auf dem Umwege über die Grubenverwaltungen fran­zösischen Sprachuntericht einzuführen und fron» -ösische Schulen zu gründen. Schließlich machen diese Bestrebungen auch vor der Kirche nicht halt. Während des Konflikts zwischen dem Kabinett Herriot und dem Vatikan versuchte ersteres eine kirchliche Einheit zwischen Elsaß-Lochrmgen und dem Saargebiet zu konstruieren, sand aber in Rom damit keine Gegenliebe. Der Vatikan wies vielmehr darauf hin, daß das Saargebiet nach wie vor zum Deutschen Reich und zur Diözese Trier gehöre.

Die Saarländer sind dieserPenetration paci- fique" gegenüber nicht untätig geblieben. Zwar schug- und wehrlos waren sie dem französischen Terror ausgeliefert, kein Finger rührte sich im Kreise des Völkerbundes zur Verteidigung ihrer Rechte, aber stetig und treu in zähem Kampf um ihr Deutschtum wuchsen sie heran zu glühenden Verteidigers der deutschen Westmark. Leicht wird ihnen bfe Erhaltung ihres Volkstums wahrnch nicht

Entspannung im englischen Bergbaukonflikt.

Staatsunterstützung für den Kohlenbergbau. Rücknahme der Kündigungen. Kein Vergarbeiterstreik.

Bei den Verhandlungen, die in E n g l a n d zwischen den Grubenbesitzern und den Bergarbeiter- Vertretern mit und ohne Vermittlung der Regie­rung stattgesunden haben, herrschte ausgesprochenes Aprilweter: einmal strömte der Regen des Pessi­mismus hernieder, und wenige Stunden darauf lädjelte wieder die Sonne des Optimismus. EL muß jedoch fcftgefteUt werden, daß es sich diesmal wirklich nicht um einen Bluff gehandelt hat. Die Zechenbesitzer bestanden darauf, daß das Lohnniveau ermäßigt und die Arbeits­zeit erhöht werden müßten, da auf andere Weise die für britische Kohle gewonnenen Absatz­märkte nicht zu behaupten seien. Die Berg­arbeiter sträubten sich hiergegen mit Händen und Füßen. Sie appellierten an die fairneß der Gegenseite, die es eigentlich hätte verhindern sollen, daß man den Bergleuten just in einer Zeit steigender Lebensmittelpreise einen Verzicht auf einen erheblichen Teil der bisherigen Bezüge zumutete. Die Delegierten der Bergleute hatten einen wichtigen Trumpf im Hintergründe: sie beantworteten die Erklärung der Zechenbesitzer, daß bei allem Bemühen aus dem britischen Kohlen­bergbau nicht mehr herauszuholen sei, mit dem Vorschläge, man möchte einmal versuchen, ob es bet einer Nationalisierung des Berg­baues besser ginge.

In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag stand der Pessimismus in höchster Blüte. Die Ver­treter des Bergbaus hatten sich der Mitwirkung anderer großen Gewerkschaften vergewissert, in erster Linie der Transportarbeiter, die es allerdings in der Hand haben, eine etwaige Not- standsaktion der Regierung (Verteilung der noch vorhandenen Kohlenvorräte) zu hintertreiben. So­gar die Gewerkschaftsinternattonale ist in dieser Angelegenheit becküht worden.

Baldwin, dem man nachsagt, daß er von der Finanz- und Wirtschaftspolitik mehr verstehe als von der hohen Politik, hat persönlich keine Mühe gescheut, um zwischen den beiden Parteien ein Kompromiß zustande zu bringen. Er hat, nachdem er sich vom Mißerfolg seiner Bemühun­gen überzeugt hatte, einen M i n i st e r r a t zu­sammenberufen und es durchgeseht, daß die Re­gierung den Grubenbesitzern bis zum nächsten Frühjahr finanzielle Hilfe gewährt. Dis dahin soll eine große Bergbau-Enquete feststellen, ob und wie die britische Kohlen­förderung rentabler gestaltet werden kann, lieber die Art der finanziellen Hilfe werden noch ein­gehende Derhandlungen stattfinden. Damit nicht doch noch der Streik losbricht und eine gefähr­liche Erhitzung der Gemüter cintritt, hat Baldwin die Zechenbesitzer veranlaßt, den Beschluß auf Entlassung der Belegschaft für vierzehn Sage auszusetzen. Die Vertreter der Bergarbeiter haben es durchgesetzt, daß ihre Vertrauensmänner an der Bergbau-Enquete teilnehmen dürfen.

Der günstige Stand der britischen Finanzen ermöglicht es in der Tat, einem lebenswichtigen Wirtschaftszweige behmiäre Tlnterstühung zu ge­währen, ohne daß dadurch der Staatshaushalt in Einordnung gerät. Wenn es dem Kabinett Bald­win durch dies Opfer gelingt, die drohende Kata­strophe im Kohlenbergbau abzuwenden, so kann

die britische Regierung mit viel größerem Nach­druck, als es sonst möglich gewesen wäre, die schwebenden außenpolitischen Fragen: das fernöstliche Problem, die europäische Paktfrage und nicht zuletzt die Auseinanderrechnung mit dem französischen Schuldner betreiben.

Wie nicht anders zu ermatten war, sind die engli s ch-französi s ch en Schuldenver­handlungen wieder einmal ins Stocken geraten. Die beiderjeitigen Sachverständigen kämpfen um die Höhe der Annuität und um die Art der Bezahlung. Frankreich hat 140 Millionen Mark jährlich angebo- ten, England aber will 400 Millionen Mark haben. Die Differenz von 260 Millionen Mark erscheint nicht allzu groß: es muß jedoch bedacht werden, daß der amerikanische Gläubiger die zwischen Frankreich und England getroffenen Vereinbarungen als Norm für seine eigenen Forderungen gegenüber Frank­reich nehmen wird.

Von besonderem Reiz für uns ist die Berner- tung, welche dabei etwaige Markzahlungen Frankreichs finden sollen. Frankreich möchte nämlich mehr als die Hälfte der an England zu zahlenden Annuität durch Anweisungen auf den An- teil Frankreichs am Re parati on sf o n ds be­gleichen. Vor zweieinhalb Jahren hat das Kabinett Cuno in Washington den Vorschlag gemacht, Deutschland wolle die Abtragung der alliierten Schulden gegenüber Amerika übernehmen. Der amerikanische Staatssekretär Hughes hat das An­erbieten damals abgelehnt. Es war zu erwar­ten, daß dieser Vorschlag damit nicht ein für allemal erledigt sein würde. Wenn sich England daraus ein- läßt, statt der französischen Barzahlungen zum Teil beim deutschen Reparationsfonds kreditiert au wer­den, so muß sich Englands Interesse an der künftigen Finanz- und Wirt- fchaftsentwlcklung Deutschlands stei­gern. Deutsche Gutschriften will man aber nur zu vierzig, höchstens fünfzig Prozent ihres Nennwertes auf Frankreichs Annnuität gegenüber England in Anrechnung bringen. S o wenig günstig beur­teilt man also im Lager unserer beiden größten Reparationsgläubiger die deutsche Leistungsfähig­keit!

Baldwin hat mit der Zusicherung finanzieller Unterstützung an die britischen Zechenbesitzer Zeit gewinnen wollen, um für die britische Kohle noch weitere Absatzmärkte zu gewinnen. Wie hoch werden wohl die britischen und französi- schen Politiker den Wert der deutschen Markbeträge auf Reparationskonto veranschlagen, wenn Baldwins Kohlenpolitik erfolgreich ist und der deutschen Kohle der Absatz auf dem Weltmärkte noch weiter ein­geengt fein wird?

Baldwins Vermittlung

Beseitigung der Streikgefahr im britischen Bergbau.

London. 31. Juli. (111.) In später Nacht­stunde ist in der englischen Kohlenkrise eine Über­raschende Wendung eingetreten, so dah die unmittelbare Gefahr eines Streiks i m Augen­blick beseitigt zu fein scheint. Nach der ge­strigen K a b i n e t t s s i ß u n g , an der fast alle Kabinettsmitgleider teilnahmen, halte Baldwin

gemacht. Auch nur der Anschein eines Mitbestim­mungsrechts an ihren Geschicken wurde durch die Regierungskommission und den von Frankreich ge­gängelten Völkerbund der Bevölkerung versagt. Statt des geforderten Saarparlaments speiste man das Saargebiet mit der famosen Ein­richtung desß a n b e s r a t s" ab, dem nur be­ratende Befugnisse eingeräumt wurden.

Düstere Tage der Not und Sorge durchlebt das Saarland, mühsam und steinig liegt der Weg vor ihm zu jenem 11. Januar 1935, der die Wieder­vereinigung mit dem Reiche bedeutet. Lichtblicke auf den Weg sollen auch diese Gießener Fest­tage fein. Tage innigen Verbundenseins mit unse­ren deutschen Brüdern im Saarland, Tage ernster Erkenntnis unserer Volkseinheit, Tage freudigen Bekennens unserer Schicksalsgemeinschaft. Glaube und Zuversicht sollen die saarländischen Turner mit in ihre schwergeprüfte Heimat zurücknehmen, daß wir ihrer in Treue gedenken, mit ihr kämpfen und harren, bis auch der Saar die Stunde der Freiheit schlägt. ____

Der Berqarbeilerstreik im Saargebiet.

Saarbrücken. 31. 3ull (WB.) Samstag findet die Beschlußfassung der Revierkon- ferenzen der am Bergarbeiterstreik teilneh­menden Organisationen statt, die zum Ergebnis der beengen Verhandlungen Stellung nehmen. Das genaue Ergebnis derPariser Ver­handlungen. das in den Verhandlungen der letzten Tage mit der Dergwerksdirektton noch Verbesserungen erfuhr, wird den Delegierten der Revierkonseren-en vorgetragen werden. Wie wir hören, ist neben der eigentlichen Lohnerhö­hung eine Verbesserung Hauermin- destgedinglohnes erreicht worden, die be­kanntlich ehre bedeutungsvolle Forderung der Bergleute bildete. Die Konferenzen werden von großer Bedeutung fein. Von ihrer Entscheidung hängt es ab, ob die Arbeit im Saarbergbau aus­genommen wird oder nicht.

Drohender Eisenbahnerstreik im Saargebiet.

Saarbrücken, 31 Juli. (TU.) Wie die Saarbrücker Zeitung" mitteilt, hat die Regie­rungskommission die Lohnforderungen der Eisenbahner abgelehnt. Eine Der- fammlung des Deutschen Eisenbahnerverbandes hat daher beschlossen, der Bahnarbeiterschaft den Streik zu empfehlen. Die Bezirksleitung wurde be­auftragt, eine Urabstimmung unter den Mit­gliedern vorzunebmen. Auch die anderen Eisen- bahnergewettschaften werden zu der Lage Stel­lung nehmen.

Das Ruhrgebiet frei.

Die letzten Truppen aus lassen und Mülheim abgezogen.

Essen, 31. 3uli. (SIL) Heute früh 7Uhr verliehen die Bataillone des Infanterie-Regi­ments Rr. 171 das Essener Stadtinnere. Sie marschieMrn, die Kompagnien reichlich schwach (nur 50 bis 60 Mann stark) auf Mülheim. Um 8 Uhr vormittags haben die letzten französischen Truppen und zwar Teile des Ins.-Regts. 161 Mülheim a. d. Ruhr verlassen und sind in der Richtung Landau und Germersheim (Pfalz) ber­laben worden. Damit ist das Ruhrgebiet mit Ausnahme der Sanktionsstädte vollstän­dig geräumt.

Vor Verhandlungen im Ruhr­bergbau.

Essen, 31. Juli. (IDB.) Die Bergarbeiter- oetbänbe haben bie bestehende Lohnorbnung zum 31. August gefünbigt Gleichzeitig wirb eine Lohn­erhöhung ab 1. September beantragt, beren Be- grünbung demnächst mündlich vorgetragen werden

weitere Besprechungen mit Bertrelern der Gruben­besitzer und der Bergarbeiter. Die Vertreter der Bergarbeiter erklärten, daß sie an der von Bald­win vorgefchlagenen Untersuchung über bie INethoben zur Besserung b e r Wirtschaft- Iichheit ber englischen kohleninbustrie und zur Vermehrung bes Wettbewerbs auf bem Weltmarkt teilzunehmen wünschten. Balbroln erklärte, bie Re­gierung sei gewillt, ber Jnbusttte bis zum Früh­jahr nächsten Jahres eine staatliche Subven­tion zu gewähren. Wan hoffe, daß biefe Zelt ge­nüge, bie Untersuchungen zu Lnbe zu führen. Der wlnisierpräsibent bat barauf bie Grubenbesitzer. Ihre fiünbigungen, bie heute um Mitternacht in Kraft treten sollten, zurückzuziehen, damit bie Besprechungen fortgesetzt werben könnten.

Balbroln konnte bann im Unterhause mitteilen, bah bie Grubenbesitzer bie Kündigungen zurück- genommen hätten, unb bah bamit Zeit ; u weiteren verhanblungen über bie staat­liche Unterstützung bes Bergbaus gewonnen sei. wenn über bie Reglerungsmaßnahmen zur Unter­stützung bes Bergbaus eine Einigung erzielt wirb, soll bas bisherige Lohnabkommen bis zum nächsten Frühjahr verlängert werben. Im Namen ber Arbeiterpartei brückte EIeynes seine B ef riebigung über bas tat­kräftige (Eintreten Balbrolns zur Berfjinberung des Streiks aus. Auch Lloyb George flimmle für bie Liberalen ber Politik Balbrolns zu. Nach bet Debatte teilte Balbroln mit, bah bie Regierung über bie Lage bes Kohlenbergbaus eine Denk­schrift veröffentlichen werbe. 3n ber nächsten Woche soll eine große Aussprache über die Berg­baufrage statt finden.

Die Staatssubvention.

3n einer offiziellen Erklärung des Schatz­amtes heißt es: Die Unterstützung, welche seitens der britischen Regierung der Kohlen­bergwerksindustrie bewilligt worden ist. soll i n Form einer Subvention zwecks Sicher st ellung der Lohnzahlungen während neun Monaten vom 1. August 1925 bis zum 1. Mai 1926 erfolgen. Während dieser Zeit sollen die Löhne auf Grund des Ab­kommens vom Jahre 19z4 gezahlt werden: aber, falls die Löhne, welche nach dem anerkannten Verteilungsschlüssel zwi'chen Lohn und Prosit berechnet werden sollen, ir» irgend einem Monat dieser Zeitspanne in einem Bezirk niedriger sein würden als die Mindestlöhne, öle in dem! Vertrag vorgesehen find, so wird die Diffe­renz vom Schatzamt bezahlt werden. Somit sollen die gleichen Richtlinien verfolgt werden, wie bei der Lohnsubventionierung im Jahre 1921. Jedoch sollen im vorliegenden Falle, falls der monatliche Durchschnittsprofit in einem Distrikt, in welchem Subventionszahlungen ge­leistet werden, 1 Schilling 3 Pence (1,25 Schil­ling) für die Tonne übersteigt, die Überschüsse zur Verringerung der Subvention benutzt wer­den. Zur Zeit ist es unmöglich, im voraus zu kalkulieren, wieviel diese staatliche Subvention das Schatzamt kosten wird, denn das ist gänzlich abhängig von dem Umfang des Kohlen­handels.

soll. Ls roirb um balblge Festlegung bes ver- hanblungstermlns gebeten.

Schwere Niederlagen der Franzosen.

(Kngllsche des

Marokkokrieges.

London, 31. Juli. (Reuter.) Zuverlässigen Informationen aus Fez zufolge sind die Iran- zösischen Streitkräfte in Marokko bisher über­haupt noch nicht regulären Truppen Abd e t Krims gegenübergetreten. Sie haben vielmehr bisher lediglich von Abd el Krim organisierte Aufstände von Rif stäm- men zu unterdrücken versucht. Denselben In­formationen zufolge sott Abd el Krim über min­destens 25 0C0 gut bewaffnete wohldisziplinierte Truppen verfügen. Cs wird ferner angenom­men, dah Abd el Krim versuchen wird bis Ok­tober durch lokale Aus st ä n. d e von Ris- stämmen die Franzosen zu beschäftigen, da bann bie Regenperiode beginnt, während welcher eine französische Offensive s o aut wie un­möglich ist. Wie verlautet, beabsichtigt Abd el Krim dann seine Hauptmacht einzusetzen. Augenblicklich sollen sich nur 49 französische Ba­taillone in Marokko befinden, einschl. der Siche­rungsposten für die Verbind,ingslinien. Schätzungsweise würden die Franzosen etwa 00 000 Mann europäischer Truppen benötigen, um der Lage mit irgendwelcher siche­ren Aussicht auf Befolg Herr zu werden. Die Spanier bleiben so gut tote untätig.

Spanische Meldungen aus Marokko besagen, daß sich die Lage weiter zu Ungun ft en der Franzosen verschlechtert habe.

In den letzten lagen fei die französische Front an verschiedenen Stellen durchbrochen worden.

Bei den Rifleuten zeige sich erhöhte ftampftätig« feit, besonders in ber Gegend von Uouk-el-Araba. Rifttupen haben verschiedene erfolgreiche Vor-