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Hr. 301 Swettes Blatt

Gießener Anzeiger lGeneral-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, 51. Dezember {92|

Die hessische Politik des Jahres 1924.

(Don unserer Darmstädter Redaktion.)

3m Iahre 1924 zeigte die hessische Politik keine wesentlich anderen (Srundzüge, als in dem gleichen Zeitraum vorher. Die Lenker des Staatsschiffes waren dieselben geblieben, denn die Zusammensetzung der Koalition hat sich nicht geändert. Daß der Zusammenhalt unter den Regierungsparteien manchmal ge­lockert war. hatte sich bei früheren Gelegen­heiten gezeigt, z.B. als Finanzminister Hen­rich seinen Rücktritt angekündigt hatte. (Dez. 1922.) Zu Beginn des OahreS 1924 war viel­leicht das Einvernehmen bei den Mehrheits­parteien besser als früher und ihre Politik um so aktiver, dafür wurde sie von den Oppo- sittonsparteien um so scharfer angegriffen. 3n den ersten Monaten drehte sich der politische Kampf vorwiegend um den Abbau, d. h. um die einseitigen Abbaumahnahmen der Regierung. Die Führung in diesem politischen Kampfe hatte die DeutscheDolkSpartei. die die auch von anderen Parteien gestellte Forde^ng vertrat, daß der Abbau über­flüssiger Behörden nicht von unten, sondern von oben her erfolgen müsse. Hinter dieser Frage traten andere wohl zunächst et­was zurück. Die Landtagsverhandlungen in den Monaten 3uni und 3uli standen auch noch vorwiegend unter dem Zeichen des Kampfes gerade für diese Forderungen. Ins­besondere wurde die Auflösung des Mi- nisteriumS für Arbeit und Wirt­schaft und die Aufhebung des Lan» deSbildungSamteS als selbstän­dige Behörde verlangt. Mit einer Energie, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, verteidigten im Landtag Regierung und Re­gierungsparteien das Fortbestehen dieser Be­hörden, obwohl z. B. in Baden fast um die­selbe Zeit das Arbeitsministerium, und zwar intt aus Betreiben der Sozialdemokratie, auf­gehoben wurde.

Kaum geringer als beim Abbau war das Interesse, das die Öffentlichkeit den Steuer- und Finanzfragen fast das ganze Jahr hindurch entgegenbrachte. Ramentlich wurde vom Mittelstand über die drückenden Steuern geklagt. Gewerbe und Landwirtschaft brachten viele Klagen über die Steuerlasten durch Ver­mittelung der Oppositionsparteien im Land­tag vor den Ftnanzmintster. doch fanden sie dort nur selten einmal ein geneigtes Ohr für ihre Vorstellungen, lleberhaupt wurde allge­mein in der Oeffentllchkeit, in der Presse und im Landtag die Finanzpolittk der Regierung stark angegriffen; nicht allein richteten sich diese Angriffe gegen einzelne Maßnahmen, sondern vor allem auch gegen die Grundsätze der Rcgterungspolltik auf diesem Gebiete.

Viel krittstert wurde im Zusammenhang mit finanziellen Fragen die Besoldungsord­nung der Beamten sowie die Teuerungszu­lagen. das Onsllassensystem. das Sperrgesetz und die Pensionen, doch sind das nicht eigent­lich Angelegenheiten der hessischen, sondern der Reichspolittk.

Der Sommer hatte mit seinen starken Regenfällen dem Lande, vorwiegend der Lailliwirtschaft, schweren Schaden zugefügt. Es ist wohl die erfreulichste Tatsache in der hessi­schen Politik, daß sich Regierung und sämt­liche Parteien bereit fanden. Hilfsmaßnahmen zu treffen. Der Landtag war einmal einmütig in seinen Beschlüssen, sonst bot er fast immer ein Bild der Parteizerklüftung.

Wie schon eingangs erwähnt, war die Einigkeit unter den" Regierungsparteien kei­neswegs immer vorhanden, und am Schlüsse der Landtagsverhandlungen des Monats Juli brach plötzlich eine Krise herein. Der Anlaß

waren Anttäge der Abg. Hofmann-Se­ligenstadt (Zentrum), Birnbaum (Deutsche Volkspartei) und 3ost (Bauernbund) zur Unterstützung von religiösen Privatschulen. Sozialdemokraten und Demokraten hintettrie- ben die Annahme dieser Anttäge und das Zentrum fühlte sich so dadurch verletzt, daß es eine Zeitlang eine starke Llbneigung gegen die anderen Koalittonsparteien hegte.

Zeilen politischer Hochspannung waren die Wahlkämpfe. Zweimal im 3ahre 1924 waren die Wähler zur Wahlurne gerufen worden: 2lm 4. Mai bei den Reichstagswahlen und am 7. Dezember bei den Reichstags- und Landtagswohlen. Die Landtagsw schien haben keine wesentlich andere Zusammensetzung des hessischen Parlaments als bei den Wahlen im 3ahre 1921 gebracht; namentlich gilt dies in bezug auf die Mehrheitsverhältnisse. Die Linksparteien haben die Mandatsziffern der Hessischen VollSkammer von 1919 nicht wieder erreicht. Die Sozialdemokraten hatten damals 31 Mandate, gingen 1921 auf 24 zurück und verfügen jetzt über 26. Die Kommunisten Ver­größerten die Zahl ihrer Parlamentssitze von einem auf zwei und dann auf vier. Die De­mokraten gingen von 13 auf 5 zurück und haben nunmehr 6. Das Zentrum, das aus den 3ahren der Wahlen 1919 und 1921 mit 13 Sitzen herdorgegangen war, hat jetzt zwei verloren. Don den Rechtsparteien hatte die Deutsche Dolkspartei 7 Mandate, sie stieg auf 10 und Verfügt Im neuen Landtag über 8. Die Deutschnationale DollSpartei und der Bauernbund brachten im 3ahre 1919 zusam­men 5 Mandate auf. Bei den späteren Wahlen trennten sie sich; 1921 hatten die Deutschnationalen 3 Mandate und der Bauern­bund 11. Aus den letzten Wahlen gingen die Deutschnationalen mit 5 Sitzen und die Bauernbündler mit 9 hervor.

Gießen im Jahre 1924.

I.

3n wenigen Stunden wird das Jahr 1924 ab­geschlossen fein. Damit findet der erste Zahres- abschnitt der streng und opferreich durchgeiühr- ten Markstabilisiei-ung nach dem 3rr'inn der 3nflation sein Ende. Dieser Zahresschlutz ist deshalb auch für die Gemeinden besondere Veranlassung noch einmal den Blick rückwärts zu lenken, Bilanz au machen, um die Aktiven und Passiven in Der Kommunalpolitik dieses wirtschaftlichen Wendejahres klar zu erkennen und auS diesen Feststellungen bestimmte Schluhso ge­rungen für die Fortentwicklung des Gemein­wesens zu ziehen. Diese Erkenntnis wird nicht nur für die Gemeinden hinsichtlich der Orientie­rung zu ihren Aufgabengebieten hohen Wert haben, sie wird auch vielfach wichtig sein für die Beeinflussung und endgültige Gestaltung der Landes- und Reichspolitik.

Wenn wir jetzt die Kommunalpolitik der Stadt Gießen im 3ahre 1 92 4 in ihren Hauptpunkten noch einmal an unserem gei­stigen Auge voiüberziehen lassen, so finden wir manchen wertvollen Aktivposten, wir floß en aber auch auf allerlei Passiven, deren Beseitigung un­seren städtischen Körperschaften ein n cht zu knapp bemessenes Arbeitsvrogramm für die nächsten 3ahre schon heute zu'ichrt. Daß die 6 aMrertral- tung und das S adtsa. lanent den An o de u: gen der Bürgerschaft und der Zeitnotwendigkeilen gern zu entsprechen sich bemühen werden, wird niemand zweifelhaft sein, der Gelegenheit hat, das Wirken beider Körperschaften ständig aus der Rähe zu beobachten. Freilich ist dabei nicht immer nur der gute Wille allein ausreichend, es kommt vielmehr stets in allererster Linie darauf an, ob die Voraussetzung m. d. h. die not­wendigen Geldmittel für die Lösung der Auf­gaben vorhanden sind.

Als Aktivposten unserer kommunalen Ar­beit betrachten wir zunächst einmal die Stabili­sierung des städtischen Haushalts­planes, die man nach dem fortwährenden Schwimmen" der Haushaltsziffern in den 3n- flationsjahren besonders wohltuend empfinden

mutz. 3etzt hat die Derwaltung doch wieder festen Boden unter den Füßen, auf dem sich aufbauen läßt, wenn dieses Aus bauen auch einfttoci.en noch in engen Grenzen gehalten ist. Ader n;cht nur ber Ausgleich und Die Festigkeit des Haushalts ist begrüßenswert, mehr noch ist die HecabimnDe- rung der Kosten gegenüber 1914 von 3 694 000 Mark (1914) auf 2 233 500 Mk. (1924) in Der Be­triebsrechnung und die ähnliche Gestaltung in der Dcrmögensrechnung als eine gute Tat an§tr­ieben. Daß trotz dieser starken Ersparnis die Steuerschraube empfindlich angezogen werden mußte, war vielen Bürgern allerdings weniger angenehm. Aber man durste und darf auch heute noch bei der kritischen Betrachtung un­serer städtischen Sienerpo itik nicht überleben, daß sich die Berhältnisse aus diesem Gebiete für die Gemeinden gegenüber der Vorkriegszeit doch grundslürzend geänhert haben. Damals Mitten sie ihre steuerlichen Hoheitsrechle. die ihnen eine vielseitige Lastenver ilung ermöglichten, beute )u>h sie zum größten Teil Kostgänger des Reiches, das ihnen die ergiebigsten Einnahmequellen weg­genommen hat, dafür nur sehr knapp bemessene Anteile an dem Steueraufkommen gewährt und ihnen für die Deckung der nicht unbedeutenden restlichen ©rforbernifie nur ein sehr engbegrenztes Steuergebiet sreigllassen hat. Daß es trotz dieser Sachlage den ftäatifdften Körperschaften angelegen und möglich war, Mitte August zur Erie ch.cn ung des Steuerdrucks auf unserer lokalen Wirtschaft eine Herabsetzung der Gewerbesteuer und der Grund- und Gebäudesteuer vorzunehmen, würde natürlich weithin in der Bürgerschaft mit Genugtuung begrüßt. Freilich gab es anderseits auch sehr ernstzuneh.nende Meinungen, die Dahin- gingen, man hätte diesen Steuerabbau unter­lassen oder aber nur in engbegrenztem Rahmen vornehmen sollen, um den Haushalt mit einem gewissen äleberschuß abschlcetzen zu lassen. Den man dann im nächsten Wirtschaftsjahr bei der Lösung dringender Ausgaben gut hätte verwenden können. Welcher Anicht das Vorrecht gebührte, darüber zu streiten, hat heute keinen Zweck mehr, sicher ist aber, daß jeder Standpunkt vieles für sich hatte. Aus der Attivse te sehen wir weiter die Grund st ückskäuse der Stadt, insbeson­dere die Erwerbung des Hardthoses und des Einhorn. Beide Käufe sind, wie wir früher schon mal in anderem Zusammenhang betonten, allerdings nicht mit barem Gelde aus den Be­triebsmitteln der Stadt befti ten wo den, sondern die Stadt hat zu deren Deckung eine erhebliche Anleiheschuld ausgenommen: aber nichtsdesto­weniger sind diele Besitzergreifungen zu be­grüben, denn sie geben unserer stäuti ch n Grund- stückspoütjk Möglichkeiten an die Hand, die für das Gemeinwesen nur vorteilhaft f 'in können und zweifellos auch nur zum Wohle der Gesamt­heit ausgenuht werden. Auf dem Geb-ete des Wohnungsbaues ist gleichfalls ma'cherlei Positives geleistet worden, tonn es allerdings auch noch weit hinter dem zu ückbleibt, was nach Lage der Dinge notwendig ist: hierüber werden wir weiter unten noch einiges sagen. Immerhin kann man die Erstellung von 22 Fachwerkwoft- nungen an der Kaiseoallee. die schon vergeben werden konnten, und die der Vollendung ent­gegengehenden Wohnhausbauten am Riegelpfad auf her Aktivseite unserer Kommunalb lanz für 1924 nicht unbeachtet lassen. Als löbliches Vor­haben ist ferner die erst in den letzten Tagen beschlossene Derwirllichung des städtischen Rest- bauprogramms für 1924 zur Errichtung von 40 Wohnungen zu begrüßen. Rach den D-schüsfen der städtischen Körperschaften kann ma i als Er­gebnis der städtischen Wohnungsbau', o i i in 12 einen Zuwachs von 80 Wohnungen registrieren, davon sind bis zu b eiern Iahresschluß alle dings erst Die obengenannten 22 Fachwerkwohnungen tatsächlich benutzbar geworden. Als ein Gewinn für das Gemeinwohl ist weiter die am 29. Juni erfolgte Wiederaufnahme des Stra- henbahnbetriebs a"zus hen. Es hat s r ec- zeit zwar etwas Mühe gekostet, bis man sich zu diesem Entschluß durchgerungen hatte, aber die Argumente für die Wiederinbetriebnahme dieses Unternehmens waren, wie der .Gießener An­zeiger" ja auch verschiedentlich dargekegt hat, so zwingend, namentlich auch in bezug auf die ver­kehrspolitischen Erschließungsmöglichseiten zum Besten unserer Stadt, daß sie gar keine andere Entscheidung als die bejahende zuließen. Der aufmerksame Beobachter wird Denn auch die Fest­

stellung gemacht haben, daß die Frequenz der Bahn trotz des etwas höheren Fahrprets.'s aanz annehmbar ist. Aus Grund dieser Tatsache barg man sogar damit rechnen, daß die weitgehenden Befürchtungen mancher Stadivater hinsichtlich Der Zuschußleistung nicht in Erfüllung geben werden. Diesen Gang der wirtschaftlichen Entwicklung kann das Publikum wesentltch und lehr vorteil­haft dadurch beeinslullen, daß eS zu feiner eigenen Bequemlichkeit und zum Besten der Betriebs- Wirtschaftlichkeit die Straßenbahn dauernd mög­lichst stark benutzt. Schließltch wollen wir noch einen vorteilhaften Posten von Bedeutung in un­serer städtischen 3ahreSsch!ußbilanz nicht un­erwähnt lassen, der zwar von privater Seite, aber doch mit weitgehender ideeller und mate­rieller älnlerstühung der Stadt geschaffen wurde nämlich den Gießener Zlugtag Ende Okto­ber. Er war ein slugsportlicheS Unternehmen, um Hessen Zustandekommen der Verkehrsverein und der Gießener Verein für Lustfahrt sich ein großes und bleibendes Verdienst erworben haben. Aber neben dem rein sportlichen Gedanken ft na­hen, Den Eingeweihten klar bewußt, noch andere sehr wichtige Pläne. Als nächstfiegendes Ziel wollte man unserer Geschifteiw.lt, Di« an jenem Sonntag die Geschäfte osfenhielt, eine besondere Einnahmemöglichkeit in dieser« schweren Zeit ver- schassen, und das ist Denn auch zur Zufriedenheit weiter Geschäftskreise gelungen. DaS höhere Ziel jedoch war. die Grundlage für die Eingliederung unserer Stadt in das große Lustve.kehrsnetz an- zustreben durch die Propagierung deS GedankenS, in Gießen einen ständigen Flugplatz für Ver­kehrsflugzeuge und für den Flugsportbetrieb zu schassen. Auch nach dieser Richtung hin hat das Unternehmen mit einem guten Gewinn abge­schlossen, Denn her Gedanke hat in Der Bürger­schaft Wurzel gefaßt, und er hat einflußreiche Männer bereits zu tatfroheit Schritten in her Richtung zu feiner Verwirklichung zusammen- gebracht. Die Verhandlung n f.nd zur Zelt noch im Gange: sie dürften nach unserer Kenntnis der Dinge In einem allgemein zufriedenstellenden Ergebnis ihren Ausklang finden. Wann das sein wird, kann heute noch nicht gesagt werden, aber die Bürgerschaft darf überzeugt fein, daß mit aller Energie auf hie schnellstmögliche Erreichung des Zieles hingearbeitet wird.

Die Toten des Jahres 1924

Januar: 3. Dr. QI. Drestel, Erster Bürger­meister und Präsident des Senats der Freien Stadt Hamburg: 4. Dr. R. Barth, Professor der Musik in Hamburg: Paul Renoir, fran- zöllscher Maler. 8. Marie v. OlferS, Schrift­stellerin', 13. Geh Rat Professor Dr. E. Schwe- ninger, Bismarcks Leibarzt: 14. Geh. Rat Professor Dr Moritz Ritter: Donner Histo­riker: Prinz Max von Ratibor und Cor« Del), ehemaliger deutscher Botschafter in Ma­drid: 16. Wirk!. Geheimer Rat Professor Dr. G. Quincke, Heidelberger Physller. 17 Dr. A. Thierselder, Prosessor Der Musik in Ro­stock: 21. Veh. Kommerzienrat Dr. theol. et phil. h c. OSkar Beck, Münchner Ver a '.sbuchhändler: Wladimir 3ljitfch Lenin, Präsident der russi­schen Sowjetrepublik: 24. Maria Adelheid, ehemalige Großherzogin von Luxemburg.

Februar: 1. Dr -3ng. Reinhold Becker. Großindustrieller: Ludwig B a r n a y . Dchauspic- ler. Ehrenpräsident Der Bühnengenollenschasi: 3. Wovdrow Willon, ehemaliger Präsident Der Vereinigten Staaten von Nordamerika 6. von Höpsner, General D. 3.; 10. G'h Rat Prof. Dr. F. von Luschan, Direktor deS Berliner Völkermuseums: 14. Geh. Rat Dr Karl Z e i ü Münchner Theaterindentant; 18. Dr. Jakob Voßhardt, schweizerischer Dichter. 25 Dr Gustav Roesicke. deutschnat onal.r Reichstags« abgeordneter, Führer des Reichs andbundcs 29 Generalmajor Hans Groß, Ecfmder des halb- starren Luftschifses.

Mär,: 1. Luise. Prinzessin von Bel­gien: Baronin Mathilde von Rothschild: 11. Admiral von Grapow, Vorsitzender des Alldeutschen VerbandeS: 13 3 E Geschow, ehemaliger bulga i cher Ministerprä'i ent; Steift, v. Hoiningen gen. Huene. General d. 3 ; 14. Wirll Geh. Rat Dr. 3 v. Olshausen, ehern. Eenatsprä ident beim Reichsgericht. 20. F. v o n Boeck, General d. 3.. ehern. Direktor des Allg. Kriegsdepartements; 21. Wladimir Xular,

Berühmte Neujahrsbriefe.

Gin zögerndes 3nnehalten im gewohnten LebenSgleichmaß, ein nachdenklich prüfender, Die Summe eines Lebensabschnittes ziehender Blick rückwärts und ein ungewiß forschender in das graue Rebelland vor und: fo spiegelt sich hie Jahreswende in jenen schriftlichen Stimrnungs- Niederschlägen, denen allein der viel mißbrauchte Rame Reujahrsbriefe zukommt. Hüllen lösend von der Seele ihres Schreibers, find sie Dekennt- nisbriefe im wahrsten Sinn.

Wie ernst und tief der grüblerische Geist Wilhelm von Humboldts sich der schick­salsbergenden Macht der Jahreswende bewußt geworden, davon geben zwei Reujahrsbriefe an Eharlotte Diede Kunde. Denn wie er es selbst als seine Art bezeichnet, sich von Epoche zu Epoche zusammenzufassen und irgend etwas Reues in seinen Vorsätzen zu beginnen, wird ihm die neue Jahreszahl zu einem ins Höhere emporweisenben Symbol:Wer nur irgend Emp­findung in sich trägt, geht immer ganz anders vorn 31. Dezember zum 1.3anuar. als von zwei andern aufeinanderfolgenden Tagen über. Es ist. als wenn der Mensch versucht, durch die Zeit­einteilungen der Flüchtigkeit Der Zeit Einhalt zu tun. . . Der Mensch steht wie auf einer schmalen Grenze zwischen der Vergangenheit und Zukunft still, er sammelt sich, nimmt in seinen Gedanken den zuletzt verflossenen Zeitabschnitt zusammen und umspannt ben nächstfolgenden mit neuen Vorsätzen, Entwürfen. Hoffnungen und Besorg­nissen." So sieht Humboldt bei dem Schritt über die 3ahresfchwel!e bewußt und fest der ftrengen Mahnerin Zeit ins Auge, die den Unbedachten mit her ilntoieöetbrtng(ia)fcit jedes verflossenen Augenblickes straft, ilnh her gleiche prüfende Ernst spricht auch aus den Reujahrsbriesen des Ihm geistesverwandten Weimarer Dich'erpaar?s. Än ihnen klingt das frohe Bewußtsein dessen toichcr, was ihnen das gegenseitige Verhältnis bedeutet, toenn Goethe das neue 3ahr mit hem Wunsche begrüßt, es ebenso wie das ver­gangene in wechselweise!: Teilnahme an ihrem Lieben und Treiben zuzubringen:Wenn sich Die Gleichgesinnten nicht anfassen, was soll aus her

Gesellschaft und Der Geselligkeit werben!" Aus Dem gleichen Gefühl heraus preist es Schiller drei 3ahre später als ein günstiges Omen. Daß es Goethe ist, an Den er zum erstenmal unter Dem neuen Datum schreibt; indem er mit liebevoll abwägenden Blick wiederum, wie so gern, des Freundes Schaffensart Der seinen gegenuberstellt, erfleht er als besondere Gunst vom Schicksal: Mochte auch mir die Freude in diesem 3ahr beschert fein, das Beste au« meiner Ratur in einem Werke zu sublimieren, wie Sie mit der Ihrigen es getan!" Reben dem hohen Pathos dieses Reujahrsbriefes möge das Schellen­geklingel verspottender Selbstironie ft'ften. unter dem Gottfried Keller die seelischen Kämpfe birgt, die seiner tiefen Ratur die innere Einkehr an der 3ahreswende bedeutet. Ein Reujahrs­schreiben an Ludmilla Alling berichtet von der ihn beherrschendenabergl rub schen und heid­nischen Sitte" jeden Zahresanfangmit einer vehementen Heulerei" beginnen zu müssen.

Aber wohl kaum in einem anderen Brief­wechsel spielen die Reujahrsbriefe eine fo wich­tige. ja dominierende Rolle wie in jenem zwischen Jakob Burckhardt und Friedrich v. Preen. Sie sind in her anfangs reichlich, später spär­licher fließenden Korrespondenz. Der sichere, un­verrückbare Pol. von dem aus der <zorscherbltck rückgleitet über Die Fülle Der Dazwischen liegen­den Ereignisse. UnD wie vor Burckhardts Auge sich alle Probleme zum Tiefen und Tiefsten das 3ndiviDuelle zum Allgemeinen und Weltftisto- rifchen weitete, so wölben sich über dem ruhigen -Sau persönlichen Erlebens, ihn machtvoll über­ragend. Die sturmgepeitsch'en Wipfel des ahnungs­voll belauschten Weltgeschehens. Erst ein nach- aeborenes Geschlecht versteht die seheraleiche Vor­deutung. mit der Der weife Einsiedler von St Alban in Der Reujahrsnacht 1871 Den deullch- franzöllfchen Krieg, zutunftschauend, ausbeutete: Das Bedenllichste ist aber nicht her jehtge Krieg, sondern Die Aera von Kriegen, in welche wir em- cetreten sind, und auf diese muh ficft Der neue Geist einrichten." Doch neben dem toaffer.tlimn- Den Heldenepos Die Idylle: neben wclterschlle- ßenden Zukunftsblicken zeigen un5 Burckhardts Reujahrsschreiben auch den Briefempfänger

Burckhardt in der Beschaulichkeit seiner stillen Gelehrtenstube. der in der Reujahrsnacht die Briese des 3ahres aus seiner Schublade,dem allgemeinen Bries-Hades" hervorholt und in Pakete sortiert, abschließend auch rein äußerlich mit dem verflossenen 3ahr, wie auch ein Reu- jahrsbries Goethes an Frau von Stein von der gleichen symbolisch-kulthaften Handlung zu be­richten weih. H. 3-

Neujahr in aller Well.

Der Beginn des neuen 3ahres wird überall in her Welt mehr cher weniger lebhaft gefeiert. Die germanischen Völker zeichnen sich dabei durch besonders lärmende und raufeftenhe Festlichkeiten aus. wobei allerdings anerkannt werden muß, daß man gerade in Holland und 'Kor» wegen das Reui ahrsfest in ernster Zurück­gezogenheit und RackOenllichkeit verbringt. Etwas stürmischer gebt es schon in Schweden zu. Früher war Die Reujahrsnacht in Berlin berühmt oder auchberüchtigt wegen des ungeheuren Radaus. Aber wir sind in letzter Zeit von ben Ameri­kanern weit übertrumpft worden. Die Seiet des Reujahrs in Reuhork und anderen Groß­städten artete so aus, daß jedesmal eine Riesen­menge von ilnglüdsf allen zu melden war. und in den letzten Zähren ist man mit strengen Verboten und Strafen gegen diese überschäumende Un­gebärdigkeit der Pankees vorgegangen. Recht stürmisch vollzieht sich das Reuiahrsfest auch in London, wo sich große Massen auf dem Platz vor der St.-Pauls-Kathedrale versammeln und einen wahren Höllenlärm vollführen. 3m übrigen wird das neue 3aftr überall mit Glückwunsch­besuchen und mit Festessen begangen. Der ganze Glanz der Reujahrsfeier, ber sich im alten Rom entfaltete und von dem heute viel auf Weih­nachten übergegangen ist, lebt eigentlich nur noch in Frankreich. Hier ist noch das Reujahrs- gefchenk allgemein üblich, hauptsächlich in der altüberlieferten Form der Bonbonniere; aber auch an anderen Gaben fehlt es nicht, hauptsächlich an Blumen und Süßigkeiten. Die Besuche an diesem Sage vollziehen sich mit besonderer Festlichkeit und bauern endlos lange. Recht ähnlich ist Die Reujahrsfeier in Belgien, wo man auch am

1. 3anuar sein Geschenk erwartet. Ratürlich wird furchtbar viel gegessen, und Die verschiedenen Kuchen bilden die Hauptgeschenke. Die Reujahrs- karte, die ja überall mehr und mehr die Stelle des Besuches vertritt und von England aus ihren Siegeszug angetreten hat, ist in Spanien sehr heimisch geworden. Man gratuliert sich aber nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich, über­all bis zum 6. Zanuar. und in Madrid findet auf dem großen Platz hei Puerta Del Sol eine allgemeine Gratulationsseier statt. Dabei werden von zahllofen Verkäufern die Reujahrstrauben angepriesen, die die eigenartigste spanische Reu- jahrssitte Darftellen. Es find 12 Traubenbeeren, Die jeder »rwartungsvoll in die Hand nimmt, und Wenn der erste Glockenschlag den 'Beginn des neuen 3ahreS verkündet, bann wird bte erste Traube verschluckt, beim zweiten Die zweite usw. Wer sich bei dieser merkwürdigen Zer-monie ver­schluckt. dabei hustet und prustet, der hat im ganzen 3aftr kein Glück. Aber wer sie glatt und ruhig herunterschlingt. Der Darf mit gutem Mut in hie Zukunft blicken. Zn Griechenland wird zu Reujahr besonders bad Fest ber Wasser- Weihe gefeiert. An manchen Orten wirst der Geistliche ein silbernes Kreuz ins Meer, und ab­gehärtete Jünglinge schwimmen in Dem kalten Wasser nach Dem heiligen Symbol. Der, der bas auf den Wellen treibende Kreuz zuerst ergreift und an feine Lippen drückt, gewinnt sich damit besonderes Glück. Die Mohammedaner leiern ihr Muharrem-Fest, das aber nicht mit unterem Reujahr zusammenfällt durch leiden­schaftlich erregte llmzüge und durch das An­bringen sog. Tazias in ben Häusern, bai sotten Rachbildungen der heiligen Gräber sein und find Holzrahmen, in denen Lichter brennen. 3n China wird zu Reujahr ber Herb zu Ehren des Hausgott^ gereinigt. Bei Anbruch des neuen Zahres nimmt die ganze Familie ein Bad und legt Die besten Gewänder an. Dis Tnnpel werden besucht, die Hausaltäre glan^enb er­leuchtet. Raketen werden abgebrannt, und man schenkt sich allerlei. Aehnlich vollzieht sich das Reujahr in 3 ap an, wo die Gratulation mit besonderer, echt orientalischer'l'.chkeit erfolgt und erlesene Gerichte gereicht werden.