Er. 506 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen) Dienstag, 50. vezemver |92l
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Aus dem Reiche der Frau.
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1924.
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Silvestergedanken.
Don Marie Dousfet.
HaS Jahr geht zu Ende. Da halten die ®c- danlen, sonst von den Pflichten, Sorgen und Freuden der fordernden Gegenwart rastlos bedrängt, einen Augenblick inne; wir richten unS auf, Im Strome dec Zeit dahintreibend, mit der ernsten Frage nach Sinn und Ziel der Fahrt. Vorwärts ist der Blick der Jugend gerichtet in die goldene Ferne, wo die Erfüllung winkt. Aber der ältere, der gereifte Mensch schaut sinnend zurück, denn hinter ihm liegt bereits die größere Hälfte seines Lebens mit ihrer Lieberfülle an Erlebnissen und Erfahrungen, an Glück, Schmerz und Enttäuschung, an äußeren und inneren Kämpfen. Da bricht wohl bei den aufquellenden Erinnerungen an vergangene Seligkeiten übermächtig der Wunsch hervor: „®ib meine Jugend mir zurück" — doch nein, im Grunde ist er's wvhlzufrieden, daß diesem Sehnen keine Erfüllung werden kann. Er hat s erfahren und ausgewstet, „das schmerzvolle Glück" der Jugend: ihr ruheloses Stürmen, ihren ungestümen Tatwillen, ihre zerspengende Gesühlskraft — jetzt hat er anderes, vielleicht besseres dafür eingetauscht: Die innere Sicherheit, die heitere Gelassenheit, die Reife. Lind ein unveräußerlicher Besitz ist sein eigen, den die Jugend nicht kennt, das Paradies. aus dem er vertrieben werden kann: die Erinnerung.
Denn je weiter wir im Leben schreiten, einen desto größeren Platz nimmt in ihm die Erinnerung ein. Lind sie ist ja nicht — wie weiche Sentimentalität meint — nur lähmende Wehmut, sie ist vielmehr unerschöpfliche Kraft, ein Bewußtsein um den Schatz von wirklichem Leben, der uns geschenkt wurde, und den wir uns bewahrt haben, Erinnerung ist in gewissem Sinne Ewigkeit in der Zeit. Wie wunderfein weiß Wilhelm von Humboldt den Wert der Erinnerung in seinen Briefen an eine Freundin zu schildern: „Der große Genuß, das große Glück, das wahrhaft durch keine Macht Cntreißbare, liegt in der Vergangenhell und in der gewissen Betrachtung, daß das käuher") G'ück zwar ein großes, schätzenswertes Gut, aber daß doch die Bereicherung der Seele durch Freue und Schmerz, die Erhöhung aller edeln Gefühle der wahre und letzte Zweck ist.... Durch diese Ansicht versinkt das Leben in der Vergangenheit nicht in ein dumpfes Brüten über vergangene Freuden oder empfundene Leiden, sondern verschlingt sich in die innere Tätigkeit, welche das Gemüt in der Gegenwart beschäftigt. So ist es in mir, und da die Gefühle, auf welchen mein Leben beruht, jetzt alle in die Vergangenheit entrückt sind, auf eine zwar von Wehmut beglellete. aber ein so süßes und so sicheres, von Menschen und Schicksalen so unabhängiges Glück gebende Weise, daß nichts es zu entreißen, ja selbst nur zu schwächen vermag." —
In einem anderen Briefe schreibt er, wie die guten Erwartungen, die ec in früheren Lebensepochen von dem Alter gehest hat, noch übertroffen seien, da er eS selbst kennen gelernt. „Die Ruhe des Geistes, die Freiheit von allem, was die Seele unangenehm spannt und aufreizt, die Llnabhäng gkeit fast von allem, was man sich nicht selbst durch innerliche Stimmung und Beschäftigung geben kann: diese Dinge sind alle in früheren Jahren schwerer zu erreichen.... Dennoch sind sie es vorzüglich, welche ein innerlich glückliches Leben geben und sichern.... So stirbt zwar in höheren Jahren eine gewisse Lebendigkeit mehr ab; aber es ist dies nur eine äußere, oft sogar fälschlich geschätzte. Die viel wohllätigere, schönere, edlere, die sich immer in fruchtbarer Klarheit entfaltet, gehört vielmehr erst recht eigentlich dem wahren Alter an.“
Lin Rezept für die Einsamkeit.
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Don Ella Roesing.
Diele Menschen sind einsam und tragen schwer daran. Auch ich bin einsam. Jahrelang Halle ich mit me.ner herzensguten Mutter zusammen gelebt. Wir waren ein Herz und eine Seele. Infolge eines Schlaganfalls starb sie, und ich war allein, einsam. Die Mullerliebe fehlle
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Wie soll ich Heizen?
Don Prof. Dr. Kvrff-Petersen.
In der jetzigen Winterszeit wird wohl mancher sich die Frage vorlegen: Wie heize ich, mn den Anforderungen der Gesundhellspflege zu genügen und dabei doch mit dem Heizmaterial möglichst zu sparen!
Zunächst wird zu entscheiden sein, welche Temperaturen am zuträglichsten für das Wohlbefinden und damit auch für die Gesundheit sind, ^n manchen Kreisen war es vor dem Kriege üblich, die Zimmer stark zu überheizen. Diesem Mißbrauche wird man in Wohnungen aus naheliegenden Gründen jetzt weit weniger begegnen;
ist aber vielleicht doch nicht ganz nutzlos, darauf hinzuweisen, daß ein Lleberhitzen der Räume der Gesundheit sehr unzuträglich ist. Wird der menschliche Körper durch die hohe Lufttemperatur gehindert, die in seinem Innern entstehende Wärme auf dem Wege der Wärmeleitung an die Luft abzugeben, so versucht er rieä durch gesteigerte Wasserverdunstung von der Haut zu erreichen. Die Blutgefäße der Haut erweitern sich stark, und es tritt eine mäßige Schweißabsonderung ein. Das ist ein Zustand, in welchem der Körper gegen jede stärkere Abkühlung außerordentlich empfindlich ist. Treten wir daher aus einem überhitzten Raum ins Freie, so setzen wir uns damit in hohem Grade der Gefahr der Erkältung aus. Ratürlich darf man auch nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen. die Aufenthaltsräume so wenig zu heizen, daß dauernd eine zu starke Wärmeentziehung vom Körper eintritt Auch dies kann zu Erkältungskrankheiten und bei schwächlichen und blutarmen Personen zum Auflleten von Frostbeulen an Händen und Füßen führen. Als zuträgliche Temperaturen. Hat die Erfahrung erwiesen: Sür Wohnzimmer 17 bis 18 Grad Celsius. Aiedrigere Wärmegrade rufen Lin- hehagen hervor.
überall, der Gedankenaustausch, die gegenseitige Hllfe. das Leben zu zweien. Sonst, wenn ich nach Haufe kam. empfing mich die Mutter schon an der Tür mit ihrem lieben, gütigen Blick in Öen treuen Augen, jetzt war mir beim Heimkommen alles so öde, kahl und liebeleer — o, wie fühlte ich mich verlassen I
Ich sann darüber nach, wie ich meine Einsamkeit weniger empfinden möchte, und da erhellte mich der Gedanke: „QLmm dich anderer Menschen an." Gleich ging ich ans Werk. Ich besuchte eine kranke Dame, eine F eundin meiner Mutter, tat ihr kleine Hilfeleistungen und erheiterte sie. Sie war mir dankbar, und ich war nicht mehr ganz einsam. Dann versuchte ich, arme Kinder zu erfreuen, ein glückliches Kinder- gcsicht macht bas eigne Herz we ch und fröhlich. Jeden Montag lud ich mir unsere alte Räh rin ein. die viele Jahre bei uns genäht hatte, jetzt aber kränklich geworden war und nicht mehr arbeiten konnte. Die Alte freute sich, und ich war wieder nicht allein.
Auch kamen sonst noch manche zu mir. die sich Rat, Trost und Hilfe bei mir holen wollten, und ich ward Trösterin für betrübte Seelen. Jahrelang war ich selbst krank gewesen, angewiesen auf die Hilfe anderer, nun war ich glücklich, daß ich wiederum anderen d enen konnte.
In diesem Tun fühlte ich die Verbundenheit mit meiner teuren, entschlafenen Mutter besonders innig, die ein so warmes, gütiges Verständnis für Einsame gehabt hatte. So lud sie alljährlich zu Sllvester alle einsamen Mensch enknder aus chrem Bekanntenkreise zu sich ein. Sie sollten nicht allein ins neue Jahr hmeingeh.n, und sie waren so dankbar. Der Weihnachtsb rum brannte dann zum letzten Male im alten Jahr, und w.r waren alle fröhlich miteinander. Ich nannte diesen Abend „Einsamer Seelen Abend."
Als ich kürzlich einer alleinstehenden Dame mein Rezept für die Einsamkeit, andern F.eude zu machen, mitteilte, meinte sie, dazu gehörten größere Mittel, und die hätte sie nicht. Aber sie irrte sich, größerer Mittel bedarf es in vielen Fällen durchaus nicht. Sv sprach ich kürzlich mit einer Leidenden, deren Arzt ihr ve.ordre, möglichst viel in die frische Lust zu gehen, l Iber könne sie aber nicht allem g hen ihres Fußleidens wegen, und sie habe niemanden zur Begleitung. Wie mancher, der sich einsam fühlt und Zeil hat, könnte dieser Dame den ersehnten L ebesdienst erzeigen und würbe innere Freude und Befriedigung d durch haben! Auch Erblindeten konnte man helfen: ihnen vorlesen, Briefe für sie schreiben. für sie stopfen und flicken und andere kleine Dienste verrichten.
Allerdings erfordert der Dienst für andere auch zuü eilen kleine Mühen und Opfer, aber wie reich wird man entschädigt durch die innere Glückseligkeit und Fröhlichkeit! Wenn ich jetzt allein bin. fühle ich keine Einsamkeit, ich empfinde Gottes Liebe und Rähe. Ich habe die Wahrheit des alten Spruches erfahren:
„Willst du glücklich sein im Leben.
Trage bei zu andrer Glück, Denn die Freude, die wir geben, Kehrt ins eigne Herz zurück."
Neujahrserinnerungen.
Don Florentine Gebhardt.
Silvester und Reujahr ist ebenso wie Weihnachten das Fest der Erinnerungen. Wer älter ward und noch — buchstäblich — aus dem vorigen Jahrhundert stammt, der kommt immer wieder in die Dersuchung. einmal den Erinnerungen nachzuhängen, und am allerliebsten tut er das um die Jahreswende. Lind, da es wieder so weit ist, tauchen unter den übrigen Erinnerungsbildern aus Kindertagen, in der Kleinstadt verlebt. auch die an unsere Sllvester- und Reujahrsfeier daheim im Elternhause auf. Silvester, Reujahr, welch wichtige Tage für unsere Kinderleben! Wenn sie auch in Bedeutung naturgemäß ein wenig hinter dem Heiligabend zurückstehen muhten, so bedurfte ihre würdige Feier doch ebensogut der heimlichen Dorbereitungen, wie jener, von den offiziellen gar nicht erst zu reden! Schon vor Weihnachten, m den letzten Schultagen, erbat man sich, wenn man über kein eigenes Taschengeld verfügte, einen „Sechser"
Die zweite wichtige Frage ist nun: Wie kann die zuträgliche Temperatur bei möglichst großer Dreonstv'fersparais erreicht w rden? Dies ist nicht nur privatwirtschaftlich außerordentlich bedeutsam, sondern auch die Rücksicht auf das Interesse der Allgemeinheit erfordert größte Sparsamkeit beim Derbrauch von Kohlen. Bisher ist eine gewaltige Verschwendung von Wärme getrieben worden. Man schätzt die Kohle, die durch unsachgemäßen Verbrauch der nutzbringenden Verwertung entzogen wird, auf 20 bis 25 Millionen Tonnen jährlich. An dieser unsachgemäßen Verwertung ist der Hausbrand in starkem Maße beteiligt. Zunächst kann, wenn vielleicht auch nur in bescheidenem Maße, dadurch an Wärme gespart werden, daß ihr Absiuß aus dem Zimmer in die Außenlust möglichst vermindert wird. Man hat darauf zu achten, daß alle ins Freie führenden Türen und besonders die Fenster gut schließen. Wo keine Doppelfenster vorhanden sind, die eine sehr beträchtliche Wärmeersparnis bewirken und bei Reubauten stets angebracht werden sollten, ist es zweckmäßig, den unteren Tell der Fenster mit Tüchern. Friesdecken oder dgl. zu verhängen. An den Wänden selbst angebrachte Decken machen das Zimmer sehr viel leichter anheizbar, so daß bei geringerem Brennstoffverbrauch viel schneller die Behaglichkeit erreicht wird. Ratürlich soll auch das Lüften nicht vernachlässigt werden.
Wie wir ein zu schnelles Entweichen der Wärme aus dem Wohnraume selbst zu verhindern suchen müssen, so haben wir auch darauf zu achten, daß nicht mehr Wärme als durchaus nötig durch den Schornstein entweicht. Wir müssen den Zug in unserem Ofen beobachten. Wird eine an den Spalt der Aschentür gehaltene Kerzen- flamme rechtwinklig abgelenkt, so ist der Zug günstig, erlischt sie, so ist der Zug au stark. Das Rauchrohr muß dann verlängert oder verändert werden. Wird die Flamme nur wenig abgelenkt, so ist der Zug zu schwach, und eS kommt -u einer
oder „Groschen" zu einem verborgenen Zwecke. Daß man dafür den „Reujahrswunsch" erstehen wollte, einen sauberen, weißen Bogen mit einem wunderschönen bunten Bilde auf der Stirnseite, das ahnten natürlich die wohlgezogenen Elteim nicht im mindesten. In der Deutsch- oder Schreib- stunde erblühte dann dem betreffenden Klassenlehrer, bzw. dem , 5räulein“ die angenehme Pflicht, das Schreiben dieser ReujahrSwünsche zu überwachen. „Schön" geschrieben mußten ja doch alle 40—50 in der Klasse werden, und das „Linienziehen" erforderte gewiß eine nicht unbeträchtliche Kraflleistung von dem geplagten Klassenleiter. Die Schreiber aber schwitzten nicht weniger in ihrem Eifer, das kostbare Blatt durch ihre „Schönschrift" nicht allzusehr zu verunglimpf fen. Sorgsam wurde dann der Reujahrswunsch in den Tiefen des Schubfachs die Feiertage über aufbewahrl, um nur zum Zweck des „Lernens" wieder hervorgeholl zu werden.
Die allerwichtigsten Vorbereitungen gab es am Morgen des Silvestertages. Mutter brühte zuerst den Mohn, die Kinder halfen beim Mandelhäuten und Hacken und beim Rosinenlesen oder Semmelschneiden, und wenn bann die Mohnpielen fertig waren, gab eS einen Kampf um das Vorrecht, wer den „Reibenapf auslecken" durfte. Roch vor dem Mittagessen. wurden die abendlichen „Pfannkuchen" eingeteigt und die Schüssel mit dem Teig in den Ofenwinkel zum Gehen gestellt und sorgsam eine Decke als Vorhang angebracht, den Teig vor „Zug" zu schützen. Das Formen und Füllen geschah erst am Rachmittag gegen drei oder vier Llhr, und das feierliche Backen, eine der wichtigsten Aktionen, ging in der Abendstunde vor sich. Weil es nun noch galt, für den Abend des Reujahrstages den obligaten Heringssalat zu mischen, damit er tüchtig „durchziehn" konnte, und vielleicht auch noch ein Häslein für den Reujahrsbraten zu spicken, hatte Mutter wirllich ihre Arbeit. Für den Heringssalat fteilich betätigte sich Jung und Alt. Was kam da nicht alles mit hinein! 2lepsel und Kartoffeln, Hering und Dratenreste, Zwiebeln und allerlei Eingemachtes, wie Kürbis und grüne Dohnen, Gurken, Kirschen und Pflaumen, dazu Zucker, Essig, Del und Pfeffer! Er war immer ein Gedicht.
Wir Kinder hatten übrigens auch genug Dorbereitungsarbeiten für den Abend. Da muhten bleierne Knöpfe, Flaschenkapseln, und derlei Dinge zusammengekramt werden für das abendliche Dleigiehen. Rußschalen wurden zurecht gemacht, mit Heinen Stücken dünnen Wachsstocks versehen, damit sie als Zukunftskünder, auf einer wassergefüllten Schüssel schwimmend und im Glanze jenes Lebenslichtchens leuchtend, dienen konnten, sobald die Mitternacht sich nahte. Mutter legte auch die Spielkarten zurecht, denn auch sie wurden stets am Silvesterabend befragt. Dater aber sorgte für den Punsch. Ehe jene Fragen an das Schicksal, ehe Punsch und Pfannkuchen an die Reihe kam, gab es erst noch das Abendessen mit den Mohnpielen, und hinterher das große Christbaumplündem — einen für uns Kinder sehr wichtigen, mit großer Llngedulo erwarteten Akt. Derrn wenn auch die hübschen Zuckerfiguren, des OnkÄls Geschenk, für das nächste Jahr sorgfältig beiseite gelegt wurden, etwas Süßes, Frisches siel doch immer ab. Raschen beim Plündern galt nicht, erst nachher wurde eingeteilt, und wir sahen mit leuchtenden Augen auf die Schätze, die wir meist nur wenig verringert, ins neue Jahr mit hlnein- nahmen. — Zwischen Zehn und zwölf war bann die Frage an das Schicksal das Wichtigste! Was wurde da aus dem gegossenen Blei alles herausgeraten, worauf mußten die Karten, die gegriffenen Bibelstellen alles Antwort geben! Llnd Die Apfelschalen, in einem Stück vom Fruchtfleisch getrennt, mit bet Rechten über die linke Schulter geworfen, nannten den Anfangsbuchstaben vom Ramen derjenigen Person, die für bas Geben des einzelnen im neuen Jahre von Bedeutung werden sollte. — Zwischendrein der leibliche Genuß. Das letzte Glas Punsch aber ward erst geleert, wenn die Glocken den Beginn des neuen Jahres einläuteten, nachdem Mutter während des Zwölfschlagens eifrig mit „dem Besen von außen her über die Stubenschwelle das Glück hereingefegt" hatte. Hatten die Glocken ausgeläutet und wir uns „Prosit Reujahr" zugerufen, so gingen wir alle schlafen. Denn da
mals und in der Kleinstadt war cm Reujahr-- lärmen wie etwa in Berlin nicht Sitte.
Gewöhnlich begrüßten wir den Reujahrs- morgen etwas später, als das Licht der anderen Tage. Zuerst nun das Lieberreichen der Reu- jahrswünsche an die feierlich aufs Sofa genötigten Eltern, und die schwungvolle Dikta matlon der dort niedergeschriel>cnen Verse. Elterliche Rührung. Kuh, Umarmung. Dann begann der Tageslauf, indem die Wohnungsklingel un- verdrosfen hintereinander sich hören lieh, die Reujahrsgratulanten meldend Schornstein reger. Zeitungsbote, Rachtwächter. Aufwartefrau usw. ufw. Der Briefträger kam an diesem Tage - anders, ganz anders als heute viel öfter, als gewöhnlich; meist war es jebesmal ein anderer. der als Hiffsdote von der Post angenommen war. Wenn die „Betglocke' anschlug, zum Zeichen, daß der Gottesdienst vorüber war. bann kam etwas, bas mir noch heute in höchst unangenehmer Erinnerung ist, die Reujahrsbesuche bei ben Paten. Sie waren örtliche Sitte, und obwohl es dabei immer Wein und Kuchen gab, so fanden wir Kinder sie langweilig und schauderhaft. Dater ging mit uns ich glaube Mutter war froh, uns einmal alle los und bei ihrer Küchenarbcit ungestört zu sein — von einem Paten zum andern. Fünf oder sechs Parteien galt es zu besuchen, unb es wurde ein oder gar einhalb zwei Llhr, ehe man herumkam unb Mutter schalt, daß wir so lange blieben, weil der Braten doch längst fertig war! Rachmittag war es zu Reujahr immer hübsch. Wenn nicht die beste unserer Paten die kinderlose Witwe, Tante Stüblng, die wir alle liebten, bei uns war. so gingen wir wohl spazieren, und gegen Abend kamen unsere Freundinnen, und wir durften mit der Puppenstube spielen ober auch gar auf ber Heinen Muschlne mit richtigem Feuer kochen! — Llnb bann, abenbs Tee unb Heringssalat. Lind Dater unb Mutter spielten mit uns „Schwarzer Peter" unb „Lotto' unb „Post- und Reisesplel", ober auch Schreib- unb Ratespiele, bis Vater zu feinem Stammtisch ging, und wir die Weihnachtsgeschenke noch einmal musterten, ehe sie endgültig beiseite geräumt wurden und der Alltag toieber in fein R«ht trat.
Praktische Ratschläge für Haus unb Küche.
Gebrannter Kaffee, der sch n läng re Zeit liegt, schmeckt wieder wie frisch gcröitct, wenn man das jeweilige nötige Quantum lurz vor dem Gebrauch auf einer Gasflamme in einem Dlechbeckel unter Rühren heiß werden läßt. So-> bald die Bohnen anfangen $u knistern, nehme man sie vorn Feuer, was vielleicht schon nach zwei Minuten nötig ist. Eine M sserspitze feinen Zuckers gibt eine schöne glänzende braune 5 rbe.
W i e reinigt man Silberzeug? Das Reinigen unb Aufbewahren von Ta'elgerät tolrb oft sehr erleichtert, wenn man sich bie Dori eile ber Erfahrung unb der Wissenschaft zunutze macht. Besonbers wichtig Ist bles b i dem kostbaren Silberzeug. Silbernes Tafelgeschirr wäscht man nach jebesrnaligern Gebrauch in heißem Loba- unb Ceifenwasser. Ist baS Silber gerippt oder nicht glatt gearbeitet, so b b ent man sich beim Abtraschen einer Weichen Bärste. Rach bem Abwaschen spült man es in heißem Wasser unb trocknet es ab. solange es noch warm ist. Besonders bet Silb.-.g sch rr muß man es sorffältls: vermeiden, es in gesäuerten Spe sen ober Salz liegen zu lassen, weil bei ber Enff-rnung ber baburd) entftanbenen F! den burch spacf: M t cl bas Sild r sehr ang g sfen w rb. Ze gen sich auf Silber schwarze Flecken, so enff rne man sie zunächst burch Reiben mit Puhdul er ober Kreibe unb wäscht bann bie ®eg- n länb: in der obin angegebenen Welse. Beim Ab trockn en verwende man nur trockene Tüch r. die man häufig wechseln muß, wenn man einen schön m Glanz erzielen will. Schließlich legt man das Silbergerät auf ein trockenes Luch, um eS mit ein m Wild- lederlappen nachzupolieren, unb v rschl eßt es bann an einem sicheren Aufbewahru gjort Silberne Kaffee- unb Teekannen wäscht man mW einer Bürste innen unb außen sorgfältig ab trocknet unb reibt sie mit Tüchern blank, um sic schließlich mit einem Wlldleberlappen nachzupolieren.
übermäßigen Rauch- und Rußbilbung unb bamit zu schlechter Ausnutzung ber Heizstoffe. Meist ist zu schwacher Zug auf Llndichtlgkeilen im Ofen ober im Schornstein zurückzuführen. Wo zu starker ober zu schwacher Zug beobachtet wirb, ziehe man am besten einen Fachmann zu Rate. Große Sorgfalt ist bem Ofenroste zuzuwenben. Damit bie Luft zum Brennmaterial ungehinbert zutreten kann, muß ber Rost stets vor bem Anheizen gut gesäubert werden. Die Feuertür muß nach bem Anheizen geschlossen werben, bamit bie Luft gezwungen ist, durch ben Rost zu treten. Eine an der Feuertür vorhandene Regulierscheibe läßt man solange ein wenig geöffnet, als Flammen vorhanden sind; wenn nur noch Glut auf bem Roste liegt, so wirb sie geschlossen.
Für eine gute Ausnutzung der Brennstoffe ist es von größter Debeutung, bah der Rost ganz mit dem Heizmaterial bedeckt ist. Zu diesem Zwecke muh bas Brennmaterial genügend zer- Heinert werden, sonst tritt zu biel Luft hinzu. Kohlen zerlleineri man bis Eigröhe, Holz unb Torf wird am besten in Faustgröße verbrannt. Oft sind die Roste zu groh und müssen burch teilweises Dbdecken mit Ziegelsteinen verkleinert werden. — Wenn die Glut zu dunkeln beginnt, muh der Ofen dicht abgeschlossen werden, da sonst die eintretende kalte Luft zu viel Wärme in den Schornstein führt.
Ein paar Worte mögen noch über Gasheizung angefügt werden. Diese an sich so gut regulierbare Heizung wird dadurch oft viel teurer, als sie zu fein brauchte, dah das richtige Regulieren durch die Rauminsasfen vernachlässigt wirb. Man heizt mit völlig geöffnetem Gashahn an, vergißt aber zu leicht, den Hahn kleiner zu stellen, wenn die gewünschte Temperatur erreicht ist, und bequemt sich erst dazu, wenn das Zimmer überheizt ist. Traut man es sich nicht zu, diesen zu großer Gasverschwen- bung führenden Fehler selbst zu vermeiden, so sollte man einen selbsttätigen Wärmeregler ein
bauen lassen, von denen es eine ganze Reihe in zuverlässiger Ausführung gibt.
Schließlich möge die Frage kurz erörtert werden, ob es nötig sei, während des Heizens die Zlnnnerluft künstlich zu befeuchten. Immer wieder werden alle möglichen unangenehmen Erscheinungen auf bie angeblich beim Heizen ent- stehende zu große Trockenheit zurückgeführt. Besonders die Zentralheizungen sollen sich dadurch unangenehm bemerkbar machen. Es ist nun auch richtig und unvermeidbar, dah beim Erwärmen von Luft, ganz gleich ob durch Oefen oder Zentralheizungen bie relative Feuchtigkeit abnimmt. Das ist aber in den weitaus meisten Fällen gänzlich unbedenllich. Im allgemeinen befinden wir uns im Sommer wie im Winter in trockener Luft Wohler als in feuchter. Rur bei der in Wohnungen allerdings selten anzutreffenden Luftheizung kann es zu einer so weitgehenden Austrocknung kommen, daß Reihen des Holzes eintreten kann. Hier wäre daher eine Luftbefeuchtung in Erwägung zu ziehen. In allen anderen Fällen ist dies jedoch unnötig. Die unangenehmen Erscheinungen, die man in geheizten Räumen gelegentlich wahmimmt und die meist in einem unangenehmen kratzenden Gefühle im Halse bestehen, beruhen nämlich gar nicht auf zu groher Lufttrockenheit. Sie sind vielm^r bedingt durch Derschwählen von Staub an über 80 Grad heißen Heizflächen. Rotwendig ist es daher, die Oefen und Heizkörper sorgfältig von Staubablagerung zu reinigen und eine zu starke Erhitzung der Heizflächen möglichst zu vermeiden. Bei Kachelöfen ist die Gefahr ber Staub- verschwählung sehr gering, dagegen tritt sie bei den einfachen eisernen Oefen verhältnismäßig leicht ein. Den Dorzug verdienen daher die auch in anderer Hinsicht zweckmäßigen guten Dauerbrandöfen, und die Technik sollte es sich angelegen fein laffen, Dauerbrandofen zu konstruieren, die auch mit billigem Brennstoff heizbar sind.


