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Nr. 204

Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Vie geheimen Tageraufzeich­nungen der Rufsifchen Außen­ministeriums vom Juli (9(4.

Neue dokumentarische Beiträge zur Ztriegsschuldfrage aus dem Aktcn- material der Sowjet-Regierung.

Don Alfred von Wegerer.

Leiter der Zentralstelle für Erforschung der Kriegsursachen.

DDT. 3m vierten Heft des von der Russischen Sowjet-Regierung herausge­gebenenRoten Archivs" sind vor lur- -em die geheimen Tagebuch-Aufzeichnun­gen des ehemaligen Russischen Ministe­riums des Aeußeven veröffentlicht wor­den. Die Zentralstelle für Erforschung der Kriegsursachen hat die ganze Deröffent- lichung ins Deutsche übersetzt und gibt sie, als zweite Publikation ihrer Schristen- reihe Beiträge zur Schuldfrage", so­eben, zur zehnjährigen Wiederkehr der Kriegsausbruchtage, im Derlage der Deutschen Derlagsgesellschaft für Poli­tik und Geschichte in Berlin in Buchform fjerauS1 2 *). Der folgende Aufsatz aus der Feder des Herausgebers bildet eine Wie­dergabe des Inhalts dieser Veröffent­lichung, die geeignet ist, Sensation zu er­regen.

Zu Swerbejews Berliner Schlutzbericht.

Die Auffassung des Berliner russischen Bot- schafters Swerbejew, daß in Deutschland die Heberzeugung herrschte, England werde neutral Bleiben, traf, jedenfalls soweit die Berliner Re­gierung in Frage kommt, nach dem abendlichen Besuch Bethmanns bei dem englischen Botschafter Sir Edward Goschen am 29. nicht mehr zu. Swer- , 6ejeto ist aber beizupflichten, wenn auch er her­vorhebt, daß nach seiner Meinung eine klare Sprache aus London den Frieden hätte erhalten 'können. Diese klare Sprache hätte aber, wenn man nicht mit Rußland und Serbien gehen wollte, in erster Linie in Petersburg erfolgen müssen.

Ein ausführlicher Bericht über die Unterre­dung Swerbejews mit 3agow ist uns aus dem 'Telegramm Rr. 140 des Telcgrammwechsels Ber­lin-Petersburgs) bereits bekannt.

Die Auffassung Swerbes^ws über die Art und Weise, wie Oesterreich Serbien hätte behandeln müssen, weicht von den tatsächlichen Verhältnissen, »wie sie zwischen den beiden Rationen Vorlagen, zu sehr ab, um näher darauf einzugehen/ Wie die Dinge wirklich lagen, war dem Botschafter an­scheinend nicht bekannt.

Auch irrt Swerbejew, wenn er sagt, das;Oester­reich gewußt hat, Rubland werbe nicht tellnahm- los einem bewaffneten Zusammenstoß zuschauen. Die Erinnerungen des Feldmarschalls Conrad zei­gen, daß leider In Oesterreich eine große Unklar­heit bezüglich der Haltung Rußlands herrschte, und daß man über die Haltung Frankreichs und Englands anscheinend überhaupt kaum ernstlich nachgedacht hatte. Man muß hierbei berücksichti­gen, daß die Aufmerksamkeit Oesterreichs durch die unsichere Haltung Rumäniens und Italiens stark abgelenkt war.

ES ist mittlerweile genügend bekamrtgewvr- den, daß Deutschland von dem Ultimatum kaum mehr wußte als die übrigen Regierungen. Der Wortlaut ist Deutschland jedenfalls vorher nicht bekannt gewesen. Wie Swerbejew erwähnt, hat ihm Iagow selbst gesagt, daß Deutschland lediglich jdr eine Strasexpedition gegen Serbien war. Daß die Oesterreicher einen regelrechten Krieg daraus machen wollten, hat die deutsche Regierung leider erst zu spät erfahren.

Wenn Swerbejew die Teilmobilmachung Ruß­lands gegen Oesterreich damit zu rechtfertigen sucht, daß er selbst Material bekommen habe, welches beweise, daß in Galizien weitgehende mili­tärische Vorbereitungen getroffen wurden, ban­delt es sich hier voraussichtlich wieder um un­zutreffende militärische Agenten-Rachrichten, die bei der Entstehung des Krieges leider eine ver­hängnisvolle Rolle gespielt haben. Die Meldun­gen mögen zum Teil darauf zurückzuführen sein, daß möglicherweise in Galizien einzelne Reser­visten eingezogen worden sind, die zu dem Korps gehörten, die gegen Serbien mobil gemacht wor­den sind. Solche geringfügigen militärischen Vor­bereitungen können aber nicht als ein zu Recht bestehender Grund für die Mobilmachung gegen Oesterreich angesehen werden, zumal Rußland seit dem 26. durch Anordnung der Kriegsvorberei­tungsperiode an seinen Grenzen ausreichend ge­schützt war.

Auch aus der Bemerkung Swerbejews, daß er verläßliche Meldungen darüber habe, daß Deutschlandunausgesetzt seine Kräfte gegen uns konzentriere", geht deutlich hervor, daß Swerbe- /jew selbst den wildesten und unmöglichsten Agen­ten-Rachrichten Glauben geschenkt hat. Eine Kon­zentration von Kräften ohne vorherige Mobil­machung war 1914 eine militärische Hnmöglich- keit, die auch ein Botschafter begreifen konnte.

Die endgültige Anordnung der allgemeinen Mobilmachung.

Die im Laufe der Rächt (29./30.) einge- troffenen Rachrichten", die in allen die Lieberzeu­gung erstarken ließ, daß man sich unverzüglich zu einem ernsten Kriege vorbereiten müsse, werden nicht näher angegeben. Wenn die Bemerkung einen Sinn haben soll, so müssen es Rachrichten gewe­sen sein, die den Kriegswillen Deutschlands er­kennen ließen, denn gegen' Oesterreich war man Mobilmachung der vier südwestlichen Militärbezirke genügend gerüstet. Wenn man von falschen, unkontrollierbaren Agenten-Rachrichten absieht, können derartige Rachrichten nicht Vor­gelegen haben. Im Gegenteil wußte Sasonow, dah Pourtalss ernstlich bemüht war, die allge­meine Konflagration zu vermeiden.

/) Beginn des Krieges 1914. Tages- Aufzeichnungen des ehemaligen russischen Außen­ministeriums. Heoausgegeben von der Zentral­stelle für Erforschung der Kriegsursache mit einem Vorwort von Alfted von Wegerer. Deutsche Derlagsgesellschaft für Politik und Ge­schichte. Berlin 1924.

2) »Telegrammwechsel Berlin Petersburg

währetü» der Iulitrise 1914. Herausgegeben von

der Zentralstelle für Erforschung der Kriegs­ursachen. Berlin 1923.

Bei der aus 3 Hhr nochguttagS festgesetzten Audienz Sasonows im Beisein von Tatischtschew gelang es, der. Zaren für die Anordnung der all­gemeinen Mobilmachung zu gewinnen. Hm den bedeutsamen Beschluß sofort in die Tat umzusehen, eilt Safonow sofort an das Telephon, um Ianusch» kewitsch zu benachrichtigen. Man wird unwillkür­lich an die Worte Ianuschkewitsch erinnert, welche er bei Mitteilung dieses Befehles an den General Dobrorolski richtete:Alors, faires vos ordres mon general, et enfuite . . . dispavarssez pour toute la journee.

Es fragt sich nun, welches waren die Be­weggründe sür den Zaren, um diesen wichtigen Entschluß zu fassen, der den Weltkrieg unvermeid­lich gemacht hat. Man hat lange geglaubt, daß die falsche Meldung deEBerliner Lokal-Anzei­gers" einen Einfluß auf die Entschließung des Zaren ausgeübt habe. Wo man dies nicht an­nahm, sprach man ällgemein von Rachrichten, die aus Berlin eingegangen sein sollten. In den Aus­zeichnungen finden wir aber nichts Räheres über derartige Rachrichten. Als einziges Motiv für die Anordnung der allgemeinen Mobilmachung blei­ben also die militärischen Schwierigkeiten, in die man sich durch die Teilmobilmachung selbst ge­bracht hatte und die uns Dobrorolski in seiner Schrift eingehend auseinandergesetzt hat. Auch die bereits erwähntenVerabredungen" mit Poin- care dürften mitgesprochen haben.

Hätte man sich bei der Teilmobilmachung be­gnügt, so hätte dieser Druck wohl ausgereicht, um Oesterreich zu bestinzmen, dem deutschen und eng­lischen Wunsch nachzugeben und seine Ziele zu­rückzustecken.

Die Verantwortung für die voreilige Anord­nung der allgemeinen Mobilmachung fällt auch nach den Tagebuch-Aufzeichnungen ausschließ­lich der russischen Regierung zur Last.

Die Wirkungen der russischen Mobilmachung

Der Wunsch Sasonows, die allgemeine Mo­bilmachung geheimzuhalten, zeigt, daß er sich selbst keiner Täuschung hingab, welche Wirkung dieser Schritt in Berlin Hervorrufen würde.

Im übrigen sind die Aufzeichnungen an die­sem Tage tendenziös und zielen darauf hinaus, die Wirkung der allgemeinen Mobilmachung, na­mentlich auf Graf Pourtalös, abzuschwächen. Wel­chen Eindruck das Bekanntwerden der allgemeinen Mobilmachung tatsächlich auf Graf Pourtalös machte, und was er alles unternahm, um die Rückgängigmachung des Befehles zu erreichen sofortige Vorstellung beim russischen Auswärti­gen Amt, telephonisches Gespräch mit Sasonow, Audienz beim Zaren, Besuch beim Grafen Fre­dericks ist uns aus den Aufzeichnungen des Grafen Pourtalös^) bekannt.

Die russische allgemeine Mobilmachung be­deutete den Krieg. Wenn der Zar wirklich ge­glaubt hat, daß fein feierliches Wort, das er

Kaiser Wilhelm in dem bekannten Telegramm vom 31. (Die Deutschen Dokumente zum Kriegsaus­bruch, Ar. 4874)) gab, und worin er sagte, daß seine Truppen keinerlei hervusfordernde Haltung einnehmen würden, so lange die Verhandlungen Oesterreichs wegen Serbien andauern, den Frie­den hätte erhalten können, beweist nur, wie we­nig er von militärischen Dingen verstand. Die russische Mobilmachung bedeutete deshalb den Krieg, weil sie durch eine deutsche Mobilmachung in ihrer Wirkung in dem bevorstehenden Krieg nach zwei bzw. drei Fronten nicht ausgeglichen werden konnte. Eine bis zu Ende durchgeführte Mobilmachung Rußlands und der automatisch ein­setzenden Mobilmachung Frankreichs hätte es Deutschland unmöglich gemacht, den Krieg mit der geringsten Chance auf Sieg beginnen zu können. Deutschland wäre von vornherein in diesem Fall schachmatt gewesen. Auf die Haltung der russi­schen Truppen kam es zunächst gpr nicht an.

Abgesehen hiervon dürfc^ wir rückschauend heute sagen, daß das Ehrenwort eines Zaren, hinter dessen Rücken beinahe die ganze Armee mobil gemacht worden wäre, praktisch nur we­nig bedeutete. Riemand wird behaupten wollen, daß es dem Zaren «gelungen wäre, nach der all­gemeinen Mobilmachung die russische Armee an der Grenze festzuhalten, wenn der Großfürst Ri- kolajewitsch es anders haben wollte. Daß aber der beschränkte, skruppellose Rikolajewitsch den Krieg gegen Deutschland wollte, wird man erst recht nicht in Zweifel ziehen dürfen.

Die Tagebuch-Aufzeichnungen stimmen, im allgemeinen betrachtet, mit dem Bild überein, das die neuere Forschung über die Vorgänge während der Iuli-Tage in Petersburg aus dem bisher vorliegenden Material gewonnen hat. Ab­gesehen viervon sind aber wichtige Einzelheiten und mehrere bisher unveröffentlichte Telegramme im Wortlaut bckanntgeworden, die für eine sach­kundige Beurteilung der Kriegsschuldfrage nicht entbehrt werden können.

Dem Tagebuch sowie dem Bericht Swerbe­jews haftet ein eigentümlicher Geruch des Miß­trauens am; der bezeichnend ist für die europäische Lage vor Beginn der großen Tragödie. Dieses Mißtrauen, das dazu geführt hat, jede Aeuhe- rung des beglaubigten Botschafters Deutschlands oder des deutschen Außenministers in Zweifel zu ziehen, wilden Gerüchten militärischer Agen­ten aber blindes Vertrauen zu schenken, gehört mit zu den Imponderabilien, die die diplomati­schen Verhandlungen während der Iulikrisis zum Scheitern gebracht haben.

s) Graf Pourtalös:Am Scheidewege zwi­schen Krieg und Frieden". Deutsche Verlags­gesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin.

*) Deutsche Derlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin.

Landwirtschaft und Gartenbau

Rettung der Haustiere bei Feuersgesahr.

Don H. von Grünau.

Man hat noch nie soviel über Feuersbrünste gelesen tote in diesen Monaten. Trotz aller mög­lichen Dorsichtsmaßnahmen finden gerade nach der Ernte nicht selten auch Brände auf Grund­stücken und Gehöften statt, die mit einem Schlage Eigentum und Wohlstand vernichten, wenn nicht mit Kaltblütigkeit und Ruhe an die Rettung herangegangen wird. Gewiß, Ruhe und Kalt­blütigkeit zu bewahren bei dem Gedanken, das in jahrzehntelanger Arbeit erworbene Hab und Gut verlieren zu müssen, ist nicht immer leicht. Selbst der bedachtsamste Mensch kann «zu Heber- stürzungen verleitet werden, wenn eS sich nicht nur um die Rettung von Menschenleben, von Geld und Wertsachen, sondern auch um die Be­währung der Hausttere vor Schaden unb Unter­gang handelt. Wie mancher Tierzüchter und Land­wirt muhte zusehen, wie seine Hausttere, auf deren Rutzungs- und Derkaufswert er seine Hoff­nungen setzte, elend unb qualvoll zugrunde gingen, weil ihnen keine Rettung wurde, und vor allen Dingen, weil die Rettungsbeflissenen ohne Um« sicht und Erfahrung bei der Hilfeleistung zu Werke gingen. Gut und empfehlenswert wäre es daher, wenn jeder, der Tiere zu halten gezwungen oder zur Hilfe bei Feuersgefahr aus ersehen ist, sich darüber Kenntnis verschaffte, was in Fällen der Rot zu tun ist und was zu unterbleiben hat.

Bei allen Rettungsarbeiten ist es erforderlich, daß jedes Lärmen, Rufen oder Schreien möglichst unterbleibt. Ie weniger die Tiere, auf deren Rettung man bedacht ist, beunruhigt werden, um so leichter wird die Gefahr überstanden. Dor allen Dingen aber vergesse man nicht, die Feuerwehr schnellstens herbeizurufen. Auch wird es immer gut sein, unbekannte Personen vom Rettungswerk fernzuhalten. Gerade in solchen Rotfällen erweist sich die Wahrhaft des SprichwortesGelegenheit macht Diebe". Dann ist es aber auch, wenn andere Hilfe noch nicht möglich ist, iwtwendig, für Be­wegungsfreiheit zu sorgen: Auf den Zugängen zur Brandstelle stehende Wagen, Gerätschaften usw. sind zu entfernen, damit die Feuerwehr, wenn sie etntrifft, ohne weiteres ihr Rettungswerk be­ginnen kann. Hält die Wehr es dann für not­wendig, die Hilfe Fremder in Anspruch zu neh­men, so hat sie das Recht, dies von den Anwesen­den zu fordern. Der § 360 Absatz 10 des Straf­gesetzbuches ermächtigt sie dazu.Mft Geldstrafe bis zu einbunbertfünfjig Mark oder mit Haft axirb bestraft, wer bei Hnglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Rot von der Polizeibehörde oder deren Stellvertreter zur Hllfe aufgefordert, feine Hilfe leistet, obgleich er der Aufforderung ohne erhebliche eigene Gefahr genügen konnte."

Zunächst ist weiter auch darauf hinzuweisen, daß Bei dem heute noch vielerorts anzutreffenden, ebenso ungesunden wie zweckwidrigen Ställen die Rettung der Hausttere feine Kleinigkeit ist. Da sind Futtermittel, Sttoh und bergleichen, Decken und andere leicht brennbare Gegenstände im Stalle für Grobtiere untergebracht, für das kleinere Hausvieh sind schwer zugängliche Holzstallungen geschaffen worden und was dergleichen Derkehrt- heiten mehr sind. Reben der Feuersgefahr ist dann die Erstickungsgefahr vorhanden 2Iber selbst in solchen Fällen, die durch Vorbedacht hätten ver­mieden werden können, ist es dem, der Tiere zu behandeln a>eih und ihre Gewohnheiten kennt, r och möglich, sie in Sicherheit zu bringen.

Wenn die Tiere 'in den Ställen von der Flamme des Feuers geblendet werden, so drängen

sie sich zu einem Rudel zusammen und ziehen sich, wenn es ihnen möglich ist, in die entfernteste Ecke des Stalles zurück oder wüten tote wild, wenn sie ihre Koppel nicht zerreißen können. Wenn bet einem Stalle Türen angebracht sind, die nach innen aufgehen, so kann es Vorkommen, daß die Tiere gerade vor diesen Türen Posten fassen und mft aller Gewall dagegen drücken. In einem solchen Falle ist es ratsam, sofort die dem Feuer entgegengesetzte Wand zu durchschlagen und die Tiere dadurch ins Freie zu bringen.

Aber auch dann, toenn die Türe zu öffnen ist. muß sachgemäß vorgegangen werden. Man hört zwar oft, daß es nur nötig sei, eines deri Tiere ins Freie zu bringen, worauf bann die anderen folgen. Das tfl aber selber bei Schafen, die sonst hinter ihrem Leithammel herzutraben gewohnt sind, nur in seltenen Fällen richttg. Zu­nächst flüchten die Tiere, bevor sie bis an die Tür gekommen sind, in den brennenden Stall zurück, und das geschieht um so schneller, je mehr der Feuerschein außerhalb des Stalles bemerkbar ist. Daher müssen selbst Schafe sehr oft einzeln aus brennenden Ställen getragen werden.

Bet den allermeisten Bränden gilt es, zu­nächst das Großvieh zu retten. Pferde und Kühe stehen in der Regel angebunden vor ihren Futter­krippen. Machte man die erschreckten Tiere zu gleicher Zett los, sv würden die Retter leickft in die Gefahr kommen, erdrückt, von den Husen der Pferde erschlagen, oder von dem Hornvieh verletzt zu werden. Die Tiere dürfen nur einzeln befreit werden und müssen mit einer Dycfe oder sonst irgendwelchem gerade zur Hand befindlichen Ma­terial geblendet werden. Sie folgen dann leichter ihrem Retter. Hierbei ist aber immer zu be­tonten, daß manche Tiere von Ratur aus störrisch sind und immer dementsprechend behutsam be­handelt werden müssen. Am besten ist es, wenn die Rettung der Großttere von zwei bis drei kräf- tigen Männern ausgeführt wirb, die mft Heber- legung sich gegenseitig in die Hände arbeiten, und zwar so, daß einer die Tiere losbrntot und für die Augenblendung sorgt, während der zweite die Tiere aus dem Stalle hinausführt unb der dritte sie.in Sicherheft bringt. Kann der Besitzer selbst an ton Rettungsarbeiten teilnehmen, so ist dies um so vorteilhafter, ba die Tiere seine Sttrnme kennen und williger folgen.

Am meisten Mühe macht die Rettung der Schweine. Befinden sie sich in Holzställen, so reihe man ton Stall schnell nieder und zerre ober trage die Tiere hinaus. Vor einem Biß darf sich da der Retter nicht fürchten. Ist es möglich, ton Tieren einen dicken Strick oder eine zusammen gerollte Decke hinter ton Vorderbeinen um ton Leib zu schlingen, so tut man dieses. Das Hinausschleifen gelingt bann ohne Zeitverlust.

Beim Federvieh muh der Retter ton Stall betreten und die Hühner, Enten, Gänse und son­stiges ®ef lüget in Säcke stopfen unb hinaus tragen. Die Tiere müssen weitab vom Feuer in Sicher­heit gebracht werben. Gibt man ihnen vorher die Freiheft, so fliegen sie ins Feuer zurück und gehen dann trotz aller Mühe zugrunde.

Am gefährlichsten werden die Rettungsarbei- ten, wenn in der Rähe der Brandstätte Bienen vorhanden sind. An ihre Rettung ist erst zu denken, wenn Feuerspritzen am Platze sind oder sonst Wasser herbeigeschafft werben kann. Die erregten Dienen stechen jeden, der ihnen zu nahe kommt, unb machen überhaupt jede Rettungsarbeit unmöglich. Es ist zunächst in die aufgeregten Schwärme gehörig Wasser zu giehen oder zu spritzen. Die Dienen ziehen sich durch das kalte Wasser beruhigt, in ton Stock zurück, der hierauf

Samstag, 30. August 1924

burch den Schieber, oder, wenn ein solcher nicht vorhanden ist, durch eine Handvoll feuchte Erde zu schieben ist. Dann müssen die Stöcke einzeln und so schnell wie möglich in einem dunklen Raum gebracht werden, wo sofort das Flugloch zu öffnen ist, damit die Dienen nicht ersticken. Ratürlich muh sich der Retter schnell entfernen. Die Dienen suchen sofort das Freie oder beruhigen sich im Dunkeln schnell, wenn der Raum etwas kühl ist.

Die Düngung der Wintersaaten.

Don Dr. 21 u g u ft Kilbinger.

Erntezeit Erntesegen, aber auch in Dietern fruchtbaren Iahre Erntesorgen! Die Tücke des letzten Winters hat viel an der Wintergelreide- emte verdorben. Rur hin und wieder sah man iw ton letzten Monaten so ausgeglichen bestandene, dunkelgrüne Roggenfelder, wie wir das in ton letzten 3obren schon gewohnt zu werden anfingen. Diese schönen Ausnahmefeitor waren wohl durch gute Lage begünstigt, aber sie verrieten auch daß hier keine Zurückhalttmg auch auch nur kurzsich­tige Sparsamkeit in Düngemitteln und speziell in der Stickstoffvorwendung geübt war.

Immerhin wird man bei Beurteilung des ge­samten Saatenstandes anerkennen müssen, dah der deutsche Landwirt es auch in dieser schweren Zeit nicht an der gewohnten peinlichen Sorgfalt der Feldbestellung hat fehlen lassen. QRan merkt, wie allmählich die Ergebnisse der Landwirtschafts-- Wissenschaft die Praxis zu befruchten beginnen. Vieles ist zwar noch zu tun, um unsere Landwirt­schaft noch mehr zu intensivieren. So ist es z. B. mit der Frage der Saatzeit. Für die Wiifteisaat dürften im allgemeinen die beiden ersten Oktober­drittel als richtiger Zeitpunkt angesprochen wer­den. Ein anderer Grund tos ungünstigen Stan­des der Wintergetreitoselder war offenbar die häufig viel zu reichliche Saatmenge, trotz über­mäßigen Aufwandes also verschlechterte Gewinn­aussichten.

Durch ein geben to Versuche ist längst erwiesen, das durch dünnere Saat bei guter Düngung ein viel üppigerer unb gefunberer Saaten st and her- vvrgerusen werden kann.

Wichtig ist auch der Zeitpunkt der Stickstoff» Verwendung. Während man Kali und Thomas­mehl schon im Herbst vor der Saat streut, soll man bas schwefeisaure Ammoniak nur zu einem Drittel im Herbst geben, um die Bestockung anzuregen, unb die übrigen zwei Drittel im Frühjahr vor Er­wachen tot Vegetation.

Der Stickstoff ist der Rährstoff, der bekannter­maßen dem Boden in weitestem Umfange zu fehlen pflegt. Es wird daher vor allem daraus ankom- men, ihn dem Boden zuzuführen. Der Stickstoff ist bereits auf etwa 75 Prozent tos Friedens­preises gesunken und ist auch im Verhältnis zum Roggenpreise billiger geworden als vor Dem Kriege. Er ist somit der billigste unter ton Pflanzennährstvffen und der billigste der landwirt­schaftlichen Bedarfsartikel überhaupt. 3m allge­meinen sind letztere im Verhältnis zu ton land­wirtschaftlichen Produkten viÄ zu teuer.

Die Herbsttostellung tos Ackers steht twr der Türe, und es ist schwer für ton Lanto-iri, bas nötige Geld zum Ankauf tor Düngemittel aufzu­bringen. Es darf aber nicht verkannt werden, dab ohne künstliche Düngemittel eine Erhöhung deS Betriebskapitals unmöglich ist. Rur die rationelle Anwendung der Düngemittel macht der deutschen Landwirtschaft ein Heberwrnton der jetzigen schwe­ren Krise möglich.

ES muß daher vor falscher Sparsamkeit ent­schieden gewarnt werden, zumal das Stickstoff- syndikat durch seine neuen Sontorbedingungen ton Bezug von Stickstoffdüngemittelft aber wesentlich erleichtert hat. Hm ton Landwirt mit den neuen AnbaumetHoden vertraut zu machen, wird jedem auf Wunsch die Schrift:Anbau und Dün- gung der Winterhalmfrüchte" kostenlos zugesandt.

Vom Ausreisen der grünen Tomaten.

Es wird auch in diesem Sommer Vorkommen, wenigstens in rauheren Lagen, daß doch nicht alle Tomaten ausreifen. Es werden, wie all« jährlich so auch Heuer, noch immer einzelne grün« Früchte am Stocke hängen,1 toenn die ersten Rachtfröste drohen. Dann aber müssen DU Tomaten sofort abgenommen und zu: Rachveife an ehren warmen Ort gebracht ererben

Oft wird empfohlen, die unreifen Früchte ir Kisten ober Schachteln gut zugetockt an einen» warmen Orte Nachreifen zu lassen. Doch dieses Erfahren ist nicht empfehlenswert, denn nach meiner eigenen Erfahrung gehen viele Der unreifen Früchte in tor dumpfen Wärme in Fäulnis über, noch ehe sie rot und reif geworden sind.

Häufig werden auch die unreifen Tomaten auf die nach der ^Sonnenseite gelegenen Fenster- gesimfe gelegt, um hier durch die Wärme tor Sonnenstrahlen die rote Farbe und Die Voll­reife zu erzielen. Das wird aber nur mangelhaft erreicht, da besonders an Herbsttagen die falte Luft durch die Fugen der Fensterrahmen strömt, so daß die Steife nur langsam vor sich geht. 2lm besten ist es, wenn man die unreifen Tomaten auf ZeitungSpapier hoch hinauf auf K ä ft e n und Schränke im Zimmer und vor allem in der warmen Küche legt: tonn oben ist die Lust immer am wärmsten. Im vergangenen Iahre ließ ich viele grüne Tomaten auf Den Schränken in Der Küche unb im Wohnzimmer ausreifen. Sie wurden schon rot, faulten nicht unb blieben tadellos fest. Allerdings muß fleißig nachgesehen werben. Es können dann immer die reifen Früchte ausgelesen und heruntergenom­men werden. Besonders wenn einmal geheizt wird, geht das Rachreifen sehr rasch vor sich.

Marie Führer.

Inder Rächt vom 26. zum 27. August gegen 2 Hhr überraschte Der Wächter A. von der Rheinischen Wachgesellschaft zwei Männer, die einen Aus- Hängekasten im Seltersweg zertrümmerten. Einen Der beiDen nahm Wächter A. Dingfest unD führte ihn auf Das Polizeirevier 3.

WieDer ein Vorfall, Der Darauf aufmerksam macht, Daß ein Anschliehen an Die Rheinische Wach« gesellschast für jeDermann eine Beruhigung in Den kommenden Dunklen Winternächten ist. Anmel- Düngen werDen jeDerzeit entgegengenommen:

Sleinstraße 53, Telephon 33. 022911