Montag, 30. Iuni 1924
171 Jahrgang
Erstes Blatt
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Vrvckmid Verlag: vrilhl'sche Univerfitötr-Vuch- und Steindruckerei R. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstraste 7.
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Nr. 151
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Die Aufhebung der Ausweisungsbefehle. Die eine Hand gibt - die andere versagt. Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, sind alle seit dem 11. Januar 1923 von französischen DesahungSbehörden vollzogenen Ausweisungen mit Ausnahme von etlichen 60 aufgehoben worden. Unter den nicht zurückgenommenen Ausweisungsbefehlen befinden sich namentlich solche gegen höhere Beamte. Die Aufhebung der Ausweisung schließt die Wiederzulassung zum Amt nicht in s i ch, dazu ist vielmehr einbesonderer Antrag erforderlich. Außerdem scheint eine besondere Genehmigung zur Einreise verlangt zu werden. Die entsprechende belgische Anordnung steht noch aus.
Unter den ausgewiesenen Beamten, denen die Rückkehr in das besetzte Gebiet nicht gestattet wird, befindet sich der Regierungspräsident von Düsseldorf, Grühner, der Landrat von Essen, Schöne, der Chef der Polizei in Düsseldorf, Oberregierungsrat Oexle und der Polizeichef von Essen, Riedereher.
Weitere 1OOOO Ausweisungsbefehle aufgehoben.
Paris, 28. Juni. (WTB.) Rach einer Havasmeldung aus Düsseldorf hat die Rhein- landkommission in ihrer gestrigen Sitzung beschlossen, weitere ' 10 000 Ausweisungsbefehle zurückzunehmen, die in der französischen Be° setzungszone erfolgt sind. Die Rachricht stellt ausdrücklich fest, daß es sich um eine weitere Be- gnadigungsmahnahme handelt, die zu der vom 25. Juni komme. 3m ganzen würden damit bisher 24 850 Ausweisungen annuliert worden sein.
Eine deutsche Amnestie als Gegenleistung.
Berlin, 30. Juni. (WB.) Anläßlich der zugunsten der Ruhrgefangenen und Ausc,ew.ebenen vom französischen Ministerpräsidenten getroffenen Maßnahmen wurde französifcherfei s angeregt, zur weiteren Befriedung diejenigen Deutschen zu begnadigen, die während des RuhrramPfeS den französischen Behörden mittelbar oder unmittelbar Hilfe geleistet haben oder sich der Anwendung der Verordnungen der interalliierten Rheinlandkommission nicht widersetzt haben. Der Reichspräsident entfchllh sich daraufhin, die Begnadigung derjenigen Deutschen in Aussicht zu stellen, die sich gegen die vom Reichspräsidenten erlassenen Verordnungen vergangen zu haben, soweit sie sich nicht des Hoch- oder Landesverrats schuldig gemacht haben,
Degoutte beschlagnahmt weiter.
Düsseldorf, 29. Juni. (Wolff.) Die Desatzungsbehörde hat etwa die Hälfte des Düsseldorfer R e gie ru n g s g e - bäudes beschlagnahmt und verlangt, daß die beschlagnahmten 17 6 Räume ihr bis zum 10. Juli zur Verfügung gestellt werden. Cs handelt sich um eine Maßnahme, deren Tragweite über die örtlichen Interessen weit hinaus- geht und die für die gesamte Verwaltung des Regierungsbezirkes Düsseldorf von größter Bedeutung ist. Wenn die Beschlagnahme wirklich zur Durchführung gelangt, dürsten die Folgen gar nicht zu übersehen sein. Es wäre dann bestimmt damit zu rechnen, daß große Teile der Verwaltung einfach stillgelegt würden und daß bei anderen Abteilungen große Schädigungen eintreten, wie sie schlimmer nicht gedacht werden können. 3n den 176 angeforderten Räumen sind gegenwärtig 700 Beamte und Angestellte nicht nur der preußischen inneren und allgemeinen Polizei, der Landjägerei, Kataster-, Schul- und Forstverwaltung, sondern auch die großen Kassen des Finanzamts, des Katasteramts, des Dersorgungsamts, des Dersorgungs- gerichts und des Oberversicherungsamts beschäftigt, abgesehen von einer Anzahl umfangreicher Registraturen, die in drei Stockwerken, Kellergeschoß und Dachgeschoß untergebracht sind und deren Beschlagnahme die Verwaltungsgeschäfte geradezu unmöglich machen würden.
Um die Micum-Verträge.
Düsseldorf, 29. Juni. (Wolff.) 3n der gestrigen Verhandung hat die Micum ihre Fo>- d e r u n g auf Lieferung der Reparationskohle auch für den Juli in vollem Umfange aufrecht erhalten und jede Diskussion über eine ganze oder teilweise Bezahlung oder Kreditierung und über eine Decring.-rung dec zu liefernden Kohlenmengen abgelehnt. Dage en bot sie eine Ermäßigung der Kohlensteuer bis zur Hälfte und unter Umstünden auch etwas darüber hinaus an. Ebenso hat sie eine Verminderung der Ein- und Ausfuhr — sowie der Der- rehrsabgaben für Rebenprodukte auf die Hälfte zug.standen. Diese Erleichterungen sind im Ver- ^hältnis zu der Gesamtbelastung ganz außerordentlich gering. Die Sechserkom- Mission hat den Standpunkt vertreten, daß angesichts der trostlosen Wirtschaftslage im rheinisch-westfälischen Bezirk zum mindesten die Ko Philen st euer und die sonstigen geldlichen Belastungen vollständig wegfallen müßen, Berlin, 30. Juni. (WTB.) Die Vertreter des Ruhrbergbaues haben am gestrigen Sonntag in der Frage der Micumverträge mit kurzerUnter- brechung von 11 Uhr vormittags bis 10 Uhr abends mit der Reichsregierung verhandelt. Auf Grund der ihnen erteilten Instruktionen iverden s.e morgen Die Verhandlungen mit der Micum in Düsseldorf wieder aufnehmen.
Gegen die Schuldlüge von Versailles.
Kundgebungen in Berlin und im Reiche.
Der fünfte Jahrestag der Uirterzeichnung des Versailler „Unfriedens"-Diktats wurde vom A - beitsausschuß d ut cher Verbände zur De: an la su g großer Kundgebungen genommen, die der For e- rnng der Aushebung des berüchtigten § 231 des Diktats, in dem Deutschland als Urheber des Krieges bezeichnet u^d für alle Schäden haf bar gemacht wird, eine gewaltige Plattform schaffen sollten. Es ist nicht mir das gute Recht, sondern die heilige Pflicht des deutschen Volles, immer und immer lvieder mit stärkstem Rachdruck diese Forderung zu stellen, deren rascheste Erfüllung für die Mitunterzeichner des Versailler Diktates eine elementare Pflicht der Ehre und der Moral sein sollte. Mag man über Kundgebungen und Resolutionen denken, wie man will — dieser 28. Iunr durfte nicht ohne sie vorübergehen. Gerade am Vorabend der Londoner Konferenz, die erneute schwerste Opfer vom gesamten deutschen Volke erheischt, mußte unser Wille zur Verständiging unterstrichen und begrenzt werden durchs den feierlichen Protest gegen die beispiellosen Beschuldigungen im Versailler Diktat, deren Anerkennung vor 5 Jähren von dem am Boden liegendens Deutschland erpreßt wurde. Wir begrüßen aus diesem Grunde die gestern im Reichstagsgebäude in Gegenwart der Mehrzahl der Ka° binettsmitglieder veranstaltete Kundgebung, über die wir folgenden Bericht erhalten:
Berlin, 29. Juni. Der Arbeitsausschuß deutscher Verbände, dem rund 700 Organisationen aller Parteirichtungen angehören, veranstaltete heute im Reichstag eine machtvolle Kundgebung gegen das Friedensdiktat von Versailles und gegen d i e Kriegsschuld l ü g e in Anwesenheit des Reichska nz- l e r s und der Minister S t r e s e m a n n, Luthe r, Jarres, Brauns, Gehler und Hamm. Ein Kinderchor trug „Ich hab mich ergeben" vor, worauf der Vizepräsident des Reichstags, Geh. Rat Dr. R i e ß e r, die Eröffnungsansprache hielt. Die Abgg. Prof. Dr. Kahl (D.Dp.), Prof. Dr. Hösch (Dntl.), Osterrvth (Soz.) und Dr. Dernburg behandelten dann in ausführlichen, mit stürmischem Beifall aufgenommenen Reden das Thema des Tages, worauf einstimmig folgende
Entschließung angenommen wurde:
Die aus Anlaß der fünfjährigen Wiederkehr der Unterzeichnung des Versailler Diktates am 29. Juni 1924 im Reichstagsgebäude versammelten deutschen Männer und Frauen aller Schichten und Parteien wünschen Frieden, einen Frieden der Gerechtigkeit. Die Versprechungen des Wilson-Programms sind nicht gehalten worden. Am fünften Jahrestag des Versailler Diktats ist Deutschland, ist Europa, ist die ganze Welt im Instand völliger Unordnung.
Deutschland hat ehrlich abgerüstct. Die anderen Völker sind diesem Beispiel nicht gefolgt. Trotz des kraftvollen Widerspruchs der Bewohner im Rorden, Osten und Westen wurden dem Deutschen Reich wertvolle Gebietsteile genommen. Mit der Lüge der kolonialen Schuld wurde es seiner überseeischen Besitzungen beraubt, mit der Lüge von der deutschen Schuld am Kriege und der deutschen Schuld im Kriege wird es heute noch in der ganzen Welt verleumdet. Am Tage von Versailles gedenkt das deutsche Volk mit Trauer und Teilnahme der qualvollen Leiden der deutschen Brüder und Schwestern in den ot>getreten en upd besetzten Gebieten, die es m i t allen Kräften unterstützen wird in ihrem zähen Widerstand gegen alle Bestrebungen, ihre Heimat vom Vaterland loszureihen oder wie das Saargebiet zu neutralisieren. Das deutsche
Volk wird sich nach, wie vor mit seiner ganzen Kraft wehren,
gegen alle Versuche, das Reich zu zerschlagen,
die deutsche Wirtschaft zu zerstören und die deutsche Dolkskraft Vernich end zu treffen. Es wird sich nach wie vor mit aller Entschiedenh.it gegen die Verleumdung des deutschen Ramens in der Welt wenden. Die deutsche Reg e.ung hat durch Oeffnung ihrer Archive der Wahrheit die Dahn geöffnet.
Der derzeitige Reichsauhenminister hat die amtliche Aufrollung der KriegLschuldfrage zu- gesagt.
Wir werden uns einmütig hinter jede Reichs- regierunß stellen, die in vollem Bewußtsein ihrer Verantwortung und in Übereinstimmung mit dem ganzen deutschen Volke in amtlich-diplomatischen Verhandlungen erklärt,
daß die Schuldanklage den geschichtlichen Tatsachen widerspricht
und daß daS Schuldbekenntnis vom deutschen Volt in wchr Loser Stunde unter Protest erzwunge n worden fist- Wir verlangen endlich Recht und Gerechtigkeit und einen wahren, dauerhaften Frieden. Wir fordern Wiederher st ellung unserer F reihe it und unserer Ehre, wir fordern Ansehen und Gleichberechtigung in der Welt.
Massenkundgebung in München.
München, 29. Juni. Anläßlich der fünfjährigen Wiederkehr des Tages der Unterzeichnung des Versailler Friedens veranstaltete der Deutsche Kampfbund gegen die Kriegsschuldlüge 'heute vormittag eine Massenkundgebung ,ber auch u. a. der neugewählte Ministerpräsident Held, der frühere Ministerpräsident Knilling und Graf D o t h m e r beigewohnt haben.
Der Protest Württemberg.
Stuttgart, 28. Juni. (Wolff.) Im Landtag verlas Staatspräsident Bazille eine Kundgebung der würtkembergischen Regierung, in der es heißt:
„Heute, am 28. 3unl, sind fünf Jahre seit der Unterzeichnung des Vertrages von Versa i l l-e s verflossen, ohne daß der Friede in Europa eingekehrt ist. Deutschland hat diesen Friedensvertrag nur unter der Drohung neuerlicher kriegerischer Handlungen unterzeichnet. Es wäre zwecklos, dies hervorzuheben, da besiegte Rationen beim Abschluß des Friedens stets unter Zwang handeln, wenn die Unterzeichnung des Friedensvertrages nicht gleichzeitig die unlerschriftliche Anerkenntnis der verbrecherischen Schul d>D eutsch- lands am Weltkriege bedeute. Dieses an- gebtiche Geständnis des angeklagten deutschen Volkes ist entgegen dem Rechte aller zivilisierten Rationen durchDrohungmit Gewalt erpreßt worden. Wenn die württembergische Regierung wiederholt ausgesprochen hat, daß Deutschland sich mit allen seinen Kräften am Wiederaufbau Europas beteiligen will, so muh sie am 5. Jahrestag der Unterzeichnung des Friedensvertrages feier- lichst Verwahrung dagegen einlegen, daß als Basis seiner Leistungen die ihm zur Last gelegte ver- brrLherische Schuld am Kriege angesehen wird. Die Ehre Frankreichs verlangt, daß es sich der For- deming anschließt, die Frage der Schuld am Kriege dem Urteil eines unabhängigen internationalen Gerichtshofes zu unterwerfen. Frankreich kann es auf die Dauer nicht ertragen, daß seine Regierung Rechts- grundsähe mißachte, die das französische Volk in einer der größten Zeit seiner Geschichte erkämpft hat.
Die neue Regierung in Bayern.
Am Samstag wurde vom bayrischen Landtag — wie wir in einem Teil unserer Auflage vom 28. 6. bereits melden konnten — der Führer der Bayrischen Dollspartei, Geheimrat Held, mit 68 von 107 Stimmen zum Ministerp r ä s i- denten gewählt. Geheimrat Held erHärte, daß er die Wahl *um Ministerpräsidenten annehme Das neue Kabinett tverde er am Mittwoch vorstellen und die Regiei-ungsgrundsätze entwickeln. J)räsident Königbauer dankte dem neuen Runisterpräsidenten für die Uebernahme des schweren Amtes. Beim Schluß der Sü u ig erklärte Landlagspräsident Königbauer unter Pfuirufen der K o mmun i st e n, daß er zukünftig gegenüber Störungen scharf vorgehen werde. Der Geschäftsordnungsausschuß werde sich demnächst mit der Frage der Abänderung der Geschäftsordnung zur Sicherung der Ruhe und Ordnung im Landtag befassen. Unter Protest der Kommunisten wurde die Sitzung geschlossen. Bei dem Wah gang gab auch der Völkische Block weiße Zettel ab.
Kommunisten stören die Grundsteinlegung zu einem Schlageter-Denkmal.
Wie aus Berlin gedrähtet wird, fand gestern in R e u b r a n d e n b u r g die Grundsteinlegung zu einem S ch l a g e t e r de n km u l in Anwesenheit der Gener.cke Luden dorff und Lietz- man n statt. Hierbei kam es zwischen Kom- m u n i st e n und Deutsch-Völkischen zu
einem Zusammenstoß, wobei einige Personen durch Stiche und Hiebe zum Teil schwer verletzt wurden.
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Neue Haftbefehle wegen des Hiklerputschcs.
Rürnberg, 29. Juni. (WTB.) Dem „Fränkischen Kurier" zufolge hat der Oberreichsanwalt neue Haftbefehle gegen den Kaufmann Derchtold und den Hauptmann a. D. Müller wegen Beihilfe zum Hochverrat anläßlich des Hitlerputsches erlassen.
Die Nnhrkredite in der französischen Kammer.
Die französische Kammer stimmte nach einer längeren Debatte am Samstag über die Kosten det Ruhrbesehung ab. H e r r i o t erklärte im Laufe der Aussprach«, daß Frankreich seine Rechte nicht aufgeben und die Ruhr nicht räumen wmde, während es verhandele. Er stellte die Vertrauensfrage, nachdem der Führer der Sozialisten, Abg. Leon Blum, erklärt hatte, daß er und seine Freunde sich der Abstimmung enthalten würden, weil sie stets gegen die Rührbesetzung gelämpft hatten. Trotzdem gaben nur 61 Mitglieder der sozialistischen "Fraktion weis)« Zettel ab, während die größere Hälfte der Partei für die Kredite stimmte. Das Vertrauensvotum wurde mit 456 gegen 26 Stimmen bei 75 Stimmenthaltungen angenommen.
Die ägyptische Freiheitsbewegung.
Rücktritt Zaglul Paschas.
Kairo, 29. Juni. (WTB.) Zaglul Pascha ist zurückgetreten.
Zaglul teilte seinen Beschluß im Laufe der Kammerdebatte mit. Er berichtete über die Mitteilung der britischen Regierung, daß iedenSudannichtaufgeben und ihrer Politik vom 28. Februar 1922 treu bleiben werde, an welchem Tage erklärt wurde, daß das Protektorat über Aegypten aufgehoben und Aegypten als unabhängiger Staat anerkannt werde, wobei sich die britische Regierung ihre Entscheidung über verschiedene Fragen, namentlich die Frage deö Sudans, für die Zukunft vorbehielt. Zaglul betonte, Aegypten werde niemals seine Rechte auf den Sudan aufgeben und niemals einwilligen, auf der Grundlage der Politik vom 2 8. Februar zu verhandeln. Die Kammer sprach auf diese Erklärung ZaglulS hin diesem ihr Vertrauen aus und protestiert gegen seinen Rücktritt. Aber Zaglul erklärt trotzdem, daß er die Angelegenheit dem K ö - n i g unterbreiten werde. Als der König das Rücktrittsgesuch ZaglulS ab lehnte, erbat Zaglul Bedenkzeit, um sich mit seinen Amts- kollegen zu besprechen.
Einer Reutermeldung aus Kairo zufolge demonstrierten größere Massen vor dm auswärtigen Konsulaten und Tertretungm. Die Demonstration, die vor dem Parlament ihr End- fand, verlief im allgemeinen ruhig.
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Ausgewiesenen-Debatte
im Reichstag.
Berlin, 28. Juni. Gin Qlntrag der nationalsozialistischen Freiheitspartei, die Privatllage gegen den Abg. Fritsch für die Dauer der Sitzungsperiode aufzuheben, ruft eine lebhafte Debatte hervor. Im Hammelsprung wird die Rückverweisung an den Ausschuß mit 128 gegen 124 Stimmen beschlossen.
Auf Vorschlag des Ausschusses wird herauf ohne Debatte die Einstellung des Verfahrens gegen die kommunistischen Abgeordneten Buch- mann, Florin und Schlecht beschlossen. Die vom Oberreichsanwalt nachgesuchte Genehmigung zur Zeugenvernehmung des Abg. Radel wird verweigert.
Dann kommen zur gemeinsamen Beratung Interpellationen und Anträge der Demokraten, des Zentrums und der Sozialdemokraten, die sich mit der
Notlage der Ausgewiesenen und der aus dem besetzten Gebiet Vertriebenen beschäftigen.
Abg. Korell (Dem.) begründet eine Interpellation seiner Freunde, in der darüber SLage geführt wird, daß die Beihilfen der Ansgewresenen unzureichend und ungerecht abgestuft sind, daß die Entschädigungen für requirierte Güter zu langsam gezahlt werden, daß die ausgcwieenen Beamten abgebaut werden und daß dem Lande Hessen keine Entschädigung für die za hlre chen beschlagnahmten Gebäude des öffentlichen Verkehrs gewährt wurden. Der Redner d'nki unter lebhaftem Beifall den Bewohnern des besetzten Gebietes für die dem Reiche bewiesene Treue.
Abg. Esser (Z.) bedauert, daß die von dem Kabinett Cuno den Ausgewiesenen gegebenen Zusagen nicht gehalten worden sind, namentlich die Maßnahmen des Reichsverkehr s - minifteriumS müssen die ernsteste Stritt! herausfordern. (Lebhafte Zustimmung.) Dei Redner begründet dann den Antrag, unverzüg- lich einen Sonderausschuß einzusehen, der bü Aufgabe hat, die Fürsorge für die aus den alt- und neubesehten Gebieten und aus den abgetretenen Gebieten Ausgewiesenen oder Gefangenen insbesondere die volle Wahrung der wohlerworbenen Rechte der Betroffenen, zu überwachen.
Abg. Dr. v. Dryander (Rntl.) unterstützt den Antrag auf Einsetzung eines Sonderausschusses. Das schwer leidende besetzte Gebiet müsse als Ausnahmegebiet behandelt werden, das besondere Maßnahmen verlangt. Der Redner bedauert die Stellungnahme des Deutschen Beamtenbundes zur Frage der ausgewiesenen Beamten. Er verlangt, daß kein Beamter aus der Ausweisung einen Rachteil in seinen Beförderungsverhältnissen erleidet und schließt mit den Worten des Dankes an die Beamten und Arbeiter des besetzten Gebietes.
Abg. Sollmann (Soz.) begrüßt die Rückkehr der Ausgewiesenen als erstes Zeichen der Entspannung zwischen Frairkreich und Deutschland. Seit dem Ausscheiden Poincarös zeigen sich in Frankreich Ansätze zu einer politischen Kultur, wie sie den beiden großen mitteleuropäischen Völkern würdig sei. Don der tkutfdycn Regierung und den deutschen Kapitalisten sei den Ruhrkämpfern ein schmählicher Undank zuteil geworden. Man hatte ihnen den Achtstundentag genommen (Saute Rufe der Kommunisten: Der Sozialdemokrat Mehlichl). Tiefstes Bedauern verdiene das Verhalten des Reichsarbeitsminister3; zu verurteilen sei auch die Haltung des Rciciis- verkebrsministeriums, das unter anderen 2400


