Nr. 202
Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 28. August (92^
Ju Goethes 175. Geburtstag
UebergangS Heber-
Goethe und die Wetzlarer Rittertafel
»Die Deutschen tote die Juden lassen sich toohl unterbunden, aber nicht vertilgen. Sie lassen sich nicht entmutigen und bleiben stark geeint, selbst wenn es ihnen beschien toäre, kein Vaterland mehr zu besitzen."
Aber auch ungezählte Gefahren würde er in der zeitigen Verflachung, in dem Hange zum Luxus, in dem Streben nach Herdenmähigteit, in der Rechthaberei der Par.rien und der Willenlosigkeit der Allzu vielen sehen. Vielleicht aber auch in aller Ungereimtheit des Ee chehens — und das kann uns zuversichtlich tn>l) allem stimmen — die unerhörte Mannigfaltigkeit und die gesund gebliebene Widerstands traft des deut'ch n Lebens, das die Ttäjolution und bei Ruhrkmg, das Versailles und deutsche Bolschewiken als Volks,,Vertreter" ertragen muhte und erträgt. Gewiß würde der Weltbü.ger Goethe diesem deutschen Volk in seinem verworrenen und verwirrendem
Heermeister hatte einen grotesken Hofstaat wie es etwa im Dierstaat der Jenenser Burschenschaften und Landsmannschaften ein Gegenstück gibt. Da gab es außer einem Herzog Minister, Kanzler und andere hohe Würdenträger. Die Ritterliste erschien in feinster Aufmachung, „nobel wie ein Reichstagskalender". Als eigentliche Stifter dieser Rittertafel sah man den aus Gera stammenden H. Gottfried von Dretschneider und den braunschweigischen GesandtschafWsetretär Goae an. Dretschneider, zu vergnüglichem Hlk aufgelegt, bat den gleichgesinnten Gous. „den possenhaften Ritterorden zu erneuern, den dieser vordem in Wolfenbüttel, wo er das Amt eines Hofgerichts-Assessors ntnogeijabt, ins Leben gerufen“. So entstand unter allgemeiner Beteiligung der sich in Wetzlar rechtschaffen langweilenden Rechts- bcattifanten, Sollizitanten und Gegationssekre- täre, denen noch der studentische Hebermut in den Knochen steckte, diese Rittertafel, die sich nun
Dieser schwingt in seinen leuchtendsten Worten, seinen erhabensten Gestalten durch unser Geben wie ein ungreifbarer, unauflösbarer Akkord aus fernen Sphären. Der andere, der Mensch, blickt uns aus Bruder äugen an. Ihn suchen wir, wenn wir nach Weimar pilgern und vor den Zeugen und Resten seines Erdenlebens wie vor Dingen stehen, die uns selbst einmal gehört und gedient haben könnten. Rach ihm fahnden wir, wenn wir niemals müde werden, aus immer anderen Federn die Darstellung seines Lebens auf uns wirken zu lassen, den feinen Beziehungen nachzuspüren, welche von seinen Schöpfungen zu seinen Schichalen zuruckführen. Der mythische Goethe thront zu hoch über uns — der geschichtliche zeigt uns, wenn auch 'm nie erreichbarer Vollendung, die Möglichkeiten und Verpflichtungen unseres eigenen Wesens.
Und nichts ist uns notwendiger in dieser Zeit, da um uns und in uns alle die vertrauten Gestaltungen zerbrochen und versunken sind an denen wir Halt und Leitung zu finden gewöhne waren — nichts brauchen wir da so dringend als das Beispiel eines Menschen, dem es gelang, den Schranken unserer Gattung sich immer mehr und endlich bis zur Höhe völliger Befreiung zu ent- raffen, durch strebendes Bemühen sich elber za erlösen. Wenn einem unter uns dies Höchste gelang, so weckt das erhabene Schauspiel solcher Selbsterfüllung auch in uns die brennende Se n- sucht, an unserem armen Teile so hohem Ziele wenigstens zuzustreben — und die gläubige Hoffnung, daß es uns, wenn das Schicksal uns Zeit lassen will, vergönnt sein möchte, eine gleiche Vollendung ob auch nicht zu erreichen, so doch über alle Hemmungen und Trübungen, durch alle Bitternis und Wirrnis unserer Zeit und unserer persönlichen Veranlagung ihr wenigstens so nahe zu kommen, als unsere Kraft bei äufjerfter Anspannung emporlangen mag. Denn in jedem von uns lebt ein Ideal von uns selbst, das freilich von der Wirklichkeit unserer Erscheinung noch unendlich viel weiter entfernt sein mag als Triepels Gott von Triepels Geheimrat. Aber daß es einmal einen Menschen gegeben hat, der
diesen Weg vom Geheimrat zum Gott in der Erdentoirklichkeit bis auf den Gipfel hat wandeln können — das gibt uns die tröstliche Gewißheit, daß auch uns auferlegt und beschieden ist, die unendliche Spanne, welche heute noch zwischen der Tatsächlichkeit unseres Diseins und unserem Ideal von uns selber sich streckt, in strebendem Bemühen von - Tag zu Tag zu verkürzen.
Die beiden Goethe
Von Walter D l o e m.
In dem reizenden Tiefurter Schlößchen stehen manchen Anspielungen^ bereichert hatte." Manches nebeneinander zwei Gipsbüsten: beide von Trie- erinnert in Goethes Schilderung ganz auffallend pels Hand. Die eine zeigt einen zur Korpulenz an die heutigen schlaraffischen Gebräuche, so hatte neigenden Herrn in mittleren Jahren mit dünn auch jeder seinen Ritternamen mit einem Beigeworden em, kurz geschnittenem Haar und ver- tvorte Goethe hieß Götz der Redliche Aber, sorgt verschlossenem Gesichtsausdruck. Die anbeie fährt Goethe fort, „in dieses Ritterwefen ver- — einen hellenischen Epheben — nein, einen schlang sich noch ein seltsamer Orden, welcher Sendling des Olymp — mit leuchtendem Antlitz, Philosophisch ijnb mystisch fern sollte und keinen von wallendem Gelock umrahmt, eine Stirn, die eigentlichen Rainen hatte. Der erste Grad hieß ----------- —...... *— ------ *— ■t“!L! des Hebergangs
mit Witz, Laune und Komment gesellig versammelte und erheiterte. Goethe war 1772 Mitglied dieser Runde. Der spätere Dichter Gotter aus Gotha, dem Goethe sich vorzüglich anschloh, hat wahrscheinlich das oberste Amt des Heermeisters bekleidet. Auch Graf Kielmannsegge und der junge Jerusalem aus Braunschweig, das unglückliche Hibild des Werther, gehörten mit klingenden Ritternamen dem übermütigen Kreise an. Die verschiedenen Grade haben die Freimaurerei als Vorbild; v. Goue, der eifriger Maurer gewesen sein soll, hat daher toohl diese Einrichtung entlehnt. Don manchen Seiten wird vermutet, daß in den höheren Graden „des Hebergangs" humanitäre Ideen zum Ausdruck kamen, während die Masse der „Ritter", darunter auch Goethe, nichts davon ahitten. Für diese „Profanen" scheinen Freundschaft und Geselligkeit die Zweck dieser Bereinigung gewesen zu sein, wie man es auf der Hniversität als Mitglied eines Studentenordens oder einer Sozietät gewohnt gewesen war. Auch hier zeigt sich eine gewisse Rachahmung der Ritterorden, wie es die damaligen studenti- sche.i Verbindungen auch taten. Ein Zusammenhalten über die Studienzeit hinaus war damals einfach unbekannt. Selbst Goethes „kleine akademische Horde“ in Straßburg hatte ein besonderes Erkennungszeichen, jedoch feaine sonstigen Zeichen korporativen Zusammenschlusses im heutigen Sinne. — Die Rittertafel hat sich einige Jahre hindurch lebendig gehalten: nach dem, was uns überliefert ist, nichts als den Charakter einer heiteren akademischen Stammtischrunde zeigend; mit Goethes Wetzlarer Zeit bleibt aber ihr anspruchsloser Munvnenschanz eng verknüpft.
Rvsander.
! 3um Verständnis Goethes
Don Dr. Wollgang von Oettingen.
Der 28. August dieses IahreS, als der 175- lahnge Geburtstag Goethes, wird an vielen Orten, m vieler Herren gefeiert werden; man freut sich Gelegenheit und CBeranlaffung zu haben, wieder einemal sich zu Goethe zu befennen und im Verein mit Gleichgesinnten oder in der Stille den Bund mit ihm zu erneuern. So ertocift sich Goethe noch immer als eine Macht, als ein wirkendes Element in unserem geistigen Leben, und es ist zu vermuten, daß zur Zeit der Begehung seiner 200- lährigen Geburtstagsfeier dieser Einfluß an Bedeutung noch gewonnen haben wird.
Denn die Kenntnis Goethes ist ohne Zweifel in öauernöer Zunahme begriffen. Richt nur bringen seine Werke in die weitesten Kreise und Volksschichten (man denke nur an die Verbreitung des sogenannten Volks-Goethe), f en beim es beginnen auch seine Briefe, seine Tagebücher unb Gespräche in den allgemeinen Besitz überzugehen, Aufschlüsse und Anlegungen zu geben und den Eindruck seiner Persönlichkeit abzurunden. Welche Mengen tiefster Erfahrungen, reifster Weisheit offenbaren diese unmittelbaren Erzeugnisse einer unermeßlichen Geistesarbeit! Ihre Tragweite läßt sich in vielen Fällen nicht einmal völlig absehen — das bleibt wohl künftigen Geschlechtern oorbehal- ten — aber sie bereichern jeden, der sich in sie einzufühlen und sie zu nutzen weiß. Hnd daß dieses ungeheure Material auch denen nicht vvrent- halten bleibt, die nicht in der Lage sind, es sich selbst zu eigen zu machen, dafür sorgt in verschiedensten Formen die biographische wie die räfon- nierenöe Goelhe-Lileralur, ja überhaupt die ganze Presse, insofern diese in zahllosen Artikeln Zitate aus Goethes Besitz, auch selbst schon ganz entlegene, zur Beleuchtung und Stützung neuerer Ansichten bringt. Wenn noch vor wenigen Jahrzehnten nur die zunächst liegenden Dichtungen, der Götz, Iphigenie, Tasso, der erste Teil des Faust, die Balladen unb die Jugendgedichte wirklich Gemeingut waren, so wird jetzt von vielen auch der zweite Teil des Faust studiert, werden die Romane, die autobiographischen Werke und Dokumente, die schwereren Gedichte gewürdigt und begriffen. Man kann sagen, daß kaum eines bedeutenden Menschen Leben und Wirken — Friedrich den Großen vielleicht ausgenommen — so bekannt ist wie Goethes Werden und Sein, und daß seine Schöpfungen in weit höherem Maße als zu seinen Lebzeiten der Welt angehören. Hnwillküu- lich denken wir hierbei auch an Schiller! Seine Dramen, von der Bühne herab der gewaltigsten Wirkungen fähig, und ein großer Teil seiner ©e- dichte werden gleich bei ihrem Erscheinen so volkstümlich, daß ihre Gemeinde damals weit großer war als die um Goethe; aber noch heute liest und kennt man von Schiller kaum mehr als eben diese Gedichte und Dramen, und den Umfang seines erhabenen Geistes ahnen nur wenige, fein tägliches Geben ist nur recht unvollständig bekannt. Goethe dagegen, von seinem ganzen Wirken umgeben und von allen Seiten beleuchtet, steht greifbar da mit allen feinen dämonischen Trieben und rätselhaften Widersprüchen, mit feinen unvergleichlichen Gaben und dem nie rastenden Arbeits- fleih, eine Gestalt wie ein beredtes Denkmal, an dem jede Einzelheit bestimmt und gerechtfertigt hervortritt.
Eingehende Kenntnis Goethes ist die Voraussetzung und Vorbedingung für eindringendes Verständnis; je weiter jene sich vollendet, desto umfassender wird dieses sich gestalten, wobei es sich freilich fragt, ob es jemals in vollstem Sinne abgeschlossen wird erscheinen können. Denn da zum Verständnis nicht nur Kenntnisse gehören, sondern auch mitfühlende Empfänglichkeit, so wird jede Zeit nur mit ihrer besonders gefärbten Gesinnung einen Standpunkt zu Goethe gewinnen. Jahrzehntelang war er mit dem Götz der Stürmer und Dränger, der für die ganze Welt dieser Bewegung die Form gab, mit dem Werther der Her- zenskündiger und Erlöser von heiligen Schmerzen, der der Menschheit Wohl und Wehe auf seinen Busen gehäuft und fein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitert hatte: dann zeigte er sich in klassischem Gewände, und die entsprechend gestimmte Zeit jubelte ihm begeistert als dem neuen Griechen zu: noch später drang sein weltweises Olym- piertum durch und in ihm glaubte man den rechten Goethe zu besitzen. Heute suchen wir nicht einer einzelnen seiner Perioden gerecht zu werden, sondern wir streben danach — und wir vermögen es schon ausgiebig — ihn als ganzen Menschen zu verstehen. Er ist soweit historisch geworden, daß ein Heberblick über seine Eigenart allenfalls möglich ist, und diese ist so vieldeutig und weitreichend, daß sie sobald nicht aufhören kann zu gelten. Wir begreifen jetzt den Hebergang vom Stürmer zum Klassiker und werden dem einen tote dem anderen gerecht; wir beobachten das allmählich sich vollziehende Erstarken der naturwissenschaftlichen Interessen des Gelehrten Goethe und finden mit Bewunderung, wie feine Persönlichkeit ihre Grenzen dadurch erweitert, ihre Höhe und'Tiefe steigert: und wenn das Beherrschen fast aller Arten von menschlichen Bestrebungen ihn schließlich dem Hebermenschentum anähert, so erblicken wir darin die organische Entfaltung längstgepflegter Fähigkeiten, also eine notwendige Blüte des mächtig und gesund entwickelten Wunderbaumes, und beugen uns vor ihrer Herrlichkeit, auch wenn vielleicht, einer Vorliebe entsprechend, der junge, noch dumpfe, weniger abgeklärte Goethe uns teurer sein ollte als der vollendete.
Das gegründete Erfassen von Goethes Universalität muh uns aber aufs Innigste beglücken: es führt uns an die Helle Quelle seiner Weisheit, zum Anschauen seiner kraftvollen Schicksalsbejahung und zum Miterleben seiner Siege über ich selbst wie über so viele Widerstände. Wir finden in ihm nicht ein Vorbild — denn wer könnte es wagen, ihm nachstreben, nachleben zu wollen? — aber einen vorbildlichen Kämpfer, einen unendlich überlegenen, aber auch unendlich reundlichen Führer. Wäre Freundschaft nicht doppelseitig, so würde man ihn Freund nennen dürfen — so mag er denn ckls Tröster, als Parallel uns gelten, als ein Orakelmund, aus dem Erleuchtung hervortont. Richts Menschliches war ihm fremd, das Mitverstehen machte ihn — trotz oft so schroffer Abwehr — milde und liebevoll- und fein
das Schicksal nicht tennt Bride sind gleichzeitig der Hebergang, der zweite entstanden, beide stellen sie Goethe dar. Die eine Hebergang, der dritte des H ift rin Porträt, die andere eine „Idealisierung" gang zum Heber gang, .... nur wiederhole ich, im Geiste ihrer Entsteh ungszett. baß auch nicht ehre Spur von Zweck hinter
So leben auch im Bewußtsein des deutschen diesen Hüllen zu finden war.“ Wie in der Schla- Doltes zwei Goethebilder. Das eine zeichnet jenen raffia wurde der Ritterschlag unter Deobach- Goethe, bei- uns aus der Gesamtheit seines rie- tung besonderer Gebräuche erteilt, und man las figen Lebe ns Werkes anschaut und aus den Briefen I babei Abschnitte aus sogenannten kanonischen und Schilderungen seiner Zeitgenossen: den uner- Büchern, wie den Haimonstindern, die dazu ge= müdlichen Arbeiter und Lerner, den Bändiger rechnet wurden. Zweck des „erhabenen Ordens" feiner verzehrenden Leidenschaftlichkeit, den toar angeblich die „Verteidigung des Rechts, die Fürstendiener, Staatsbeamten und Theater- Rettung der unterdrückten Hnschuld". In der Hm- bireftor, den Forscher und Sammler — mit einem gegenb von Wetzlar wurden Dörfer zu Kommen- Worte den Geheimrat. Das andere Bild das I den des Ordens ernannt, ähnlich wie wir es bei unsere Seele bewahrt, zeichnet den Ideal- öen studentischen „Dierdörfern" noch kennen. Eine deutschen, den Erfüller der Sehnsucht des deutschen Mühle ernannte man zur Burg, und den alten Menschen von sich selbst. Den einen, einzige^ | Müller zum Burgherren; und der Präside oder Fall, in dem die problematische Mischung fremdester Grundanlagen und Bildungselemente, -als welche das deutsche Wesen sich darstellt, einmal za widei-spruchsloser Klärung, zu klingender Harmonie sich hindurchgeläutert hat. Den Menschen, der sich zum Gott umschuf.
Beide Anschauungen von Goethe sind unseren Herzen gleich teuer, gleich notwendig. Aber mir will scheinen, als ob Uns gepeinigten und entstellten Deutschen von heute ber ringende Mensch doch noch näher stände als der vollendete Gott.
Deutschland am Tage Goethes.
* Es ist rin Zufall, aber eine zu Dergleichen, Hinweisen and Bemerkungen mannigfaltiger Art beinahe herausfordernde Tatsache, daß just an dem Tage, an dem Deutschland and der größte Tril der Kulturwelt die 175. Wiederkehr des Geburtstages des Titanen von Weimar als einen menschheitsgeschichtlichen Ehrentag begeht, die erkürten Dertreter des Volles Goethes den Schlußstein hinter eine Kämpfperiode setzen sollen, die der in solchen Dingen nicht sehr liebenswürdige Kritiker Goethe vielleicht mit seinem 1807 geschriebenen Urteil kennzeichnen würde:
„So viele Köpfe, so viele Sinne. Das ist eigentlich die Devise unserer Ration. . . Sie haben eine Unart, durch übertriebene Forderungen das Geleistete zu vernichten, da sie immer vom Mittelmäßigen leben . .
Es liegt uns fern, den Riesen, dessen Seele den gesamten KoSmos umspannte und dessen pro- mriheischer Geist — trotz allem Verbunden sein des Menschen Goethe mit dem Geben und Empfinden des Dolles — hoch erhaben über den Gärm und Streit der Stände und Parteien war, in die Riederung der Alltagspolitik herabzuziehen. Um so weniger, als auch der Minister Goethe and der Herzogliche Geheimbdevath nur Dichter Künstler, geistig Schaffender war, der im hohen Alter seine Stellung zur und seine Ansicht über die Politik in den Sätzen festlegte, die er seinem getreuen (Hermann 1832 diktierte:
„Sowie ein Dichter politisch wirken will, muh er sich einer Partei hingeben, und sowie er dies tut, ist er als Poet verloren: er muß seinem freien Geiste, feinem unbefangenen Heberblicke Gebewohl sagen und dagegen die Kappe der Borniertheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen."
Rein, wir wollen den Gewaltigen, dem die ganze Welt gerade groß und gut genug zur Einfügung und Auswirkung seines Geistes war, so daß er und nur er die kühnen Worte sprechen konnte:
„Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide gehören wie alles Hohe und Gute der ganzen Welt an ...“ wir wollen diesen größten und selbstverständlichsten aller Weltbürger weder als politisches Vorbild, noch als Beispiel« oder gar Banner-Träger für eigensüchtige, politische Ziele von heute aus- rufen. Denn der Mann, der 1817 — nach den Freiheitskriegen I — an Riemer schrieb, „der Patriotismus verdirbt die Geschichte", der in den „Wanderjahren" erklärt:
„Richts ist widerwärtiger als die Majorität: denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will . . .“
Dieser Goethe, der 1820 behauptete, „v o r der Revolution war alles Bestreben, nach der Revolution verwandelte sich alles in Forderung", und der 1831 an Zelter schrieb: „Die Hansnarren des Tages wollen den Adel aufgehoben sehen . . . Sie sollten täglich auf den Knien Gott danken, daß man das Altgeprüfte legitim nennen möge . . .“, und der 1826 betonte:
„'Warum denn wie mit einem Besen wird so ein König hinausgekehrt?
Wären's Könige gewesen, sie stünden alle noch unversehrt. . ."
. . . dieser Goethe sollte dem politischen Tagesstreite der Gruppen und Partiten ferne? gehalten werden, als es geschieht.
Denn über diesen erhabenen Verächter der menschlich — allzu menschlichen Institutionen stand jener Erkenner der ewig göttlichen Schicksalsmacht, stand der Forscher, Denker und Künstler, dessen Geben Könige und Feldherren, die fvonzösische Revolution unb der deutsche Zusammenbruch, der Große Friedrich, Rapoleon und die Befreiungskriege mit wechselnden Bildern erfüllt hatten, und dessen Weisheit letzter Schluß doch die demütigen Worte waren: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis."
Dieser Goethe mit fernem jubelnden Bekenntnis.
„Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkett"
.sollte uns und unseren gleichmachenden, prole- tartfierenben, niederreißenden und autvritätslosen Tagen stolzestes, nachahmenswertestes und beglückendes Vorbild fein. Er sollte es. Denn noch immer lähmt der Parieigeist die Freude an der Persönlichkeit, noch immer ist die Führerschaft, der Dienst am Volke ein Geidenspfad, weil nur wenige des Olympiers Rat befolgen und von Gott „große Gedanken und ein reines Herz" sich erbitten. Hnd weil eine Heberheblichkeit auf der einen, eine Hnduldsamkeit auf der anderen Seite herrscht, die im Spiegel des tausendfältig angerufenen „Geistes von Weimar" die ganze Hohlheit und Simiwidrigkeit eines Kultes enthüllen, der das höchste Glück der Erdenkinder nur dann sieht und anerkennt, toerni die parteimäßig äbgetoogene und abgestempelte Gesinnung oder das Verlangen der Hrtellslosen einen Zeitgenossen mit der Dornenkrone einer „Persönlichkeit von Demos Gnaden" schmückt.
Zwar würde im Zeitalter des Versailler Dik- tats toohl auch Goethe den Sah von 1828 nicht schreiben.
„Eher macht ein Engländer Bankerott, als daß er sich beschimpfen läßt. So handelt das ganze Doll."
Aber mit beißender Ironie würde er gewiß die Versuche begleiten, im Romen der Freiheit Dölker zu knechten und im Romen des Rechtes Reiche zu zerstören.
„Sie streiten sich, so heitzt's, um Freiheitsrechte: Genau beseh'n sind's Knechte gegen Knechte."
Unb Deutschland? Das strebende, ringende, gä- renbe Deutschland? Hngezählte Wunder würden dis Tiefen des Geschehens üjm enthüllen, der noch 1806 Reinhardt erklärte?
Zu den charakteristischen Erscheinungen des 18. Jahrhunderts gehören die geheimen Gesellschaften, deren Ziele mehr oder minder verschwommen waren, die aber in der Beobacht ing . .... ____ ______________ gemeinsamer ganz besonderer Dräiche und Zeichen
Streben, in feiner ganzen Fehlerhaftigkeit unb vielfach ihren stärksten Zusammenhalt fanden. Hnzulänglichkrit seine besondere Giebe schenken. Freimaurer, Studentenorden, Illuminaten. sie alle Denn mögen wir noch so sehr irren noch so äußer- üblen ihre Anziehungskraft aus und haben sie lich und oberflächlich erscheinen, dieses köstlichste heute noch nicht ganz verloren. Früh schon bildeten Vermächtnis des Titanengristes von Weimar steht sich daneben Gesellschaften und Vereinigungen, doch auch in diesen gärenden Tagen innerer deren Brauchtum und Zeremoniell einen stark und äußerer Rot als Geltstem vor den Sinnen parodistischen Hnterton auftoeifl cvie wir es heule von MUlionen um „Erlösung sich strebend be° noch bei den sehr bekannten und sehr verbreiteten mühender" Deutschen: „Schlaraffen" ausgebildet finden. Daß auch der
„Rur der verdient sich Freiheit wie das Geben W6 Goethe in seiner Wetzlarer Zeit einer Der täglich sie erobern muß!" ' wichen -Bereinigung angehort hat, ist wenig be-
tennt, trotzdem der Dichter in „Dichtung und Wahrheit" auf das Geben und Treiben der iDUvlyv. „Wetzlarer Rittertafel" zu sprechen kommt: „Wie
rn71f ; r - ., , verwundert war ich. als mir anstatt einer sauer-
mi<b Äl ?lt lege ich topfischen Gesellschaft ein drittes akademisches
mub weder. Einzig dem Studium feiner Werke pc!x,n -ntaeaensvrana" An der nrohen Wirts- 1teM BZ“ ^f^sich dte jüngerm Drunter Mitglieder des Reichstemmergerichts. Sie nah- aunodtDf^DInprfenni^2?^1^?1^9’ men den jungen Doktor aus Frankfurt nach
bt • ^nfCrT seinem eigenen Geständnis freundlich auf, und -»alem gesteckt find, den festen Wlllen, nicht nach
SÄ dJun- sLnto Ltz Brfi'XnfZ
teiten ^nttrtirforn^ ^Muble stchzu Fähig- durch eine romantische Fiktion erheitert hatten, a^m fiA S iSie stellten nämlich, mit Geist und Munterkeit, aehmbbrif Geistes- eine Rtttertafsl vor. Obenan sah der Heermeister.
f° 1061119 ?ur Seite desselben der Kanzler, sodann die wich- verstandene goethesche Obiektivttat tigften Staatsbeamten; nun folgten die Riter.
-airreb Bock. | nach ihrer Anciennität; Fremde hingegen, die zusprachen, mußten mit den untersten Plätzen vorlieb nehmen, und für sie war das Gespräch meist unverständlich, weil sich in (>er Gesellschaft die Sprache, außer den Ritterausdrücken, noch mit


