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Erster Blatt

R. Jahrgang

Samstag, 28. Juni 1924

GietzeimAWiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrvck miö Verla-: vrühfsche Univerfitats-Vuch- und Steinöruderei R. Lange in Gießen. Schristleitunz und SefchfttsfteSe: §chufttraße 7.

Annahme von Anzeige» für die Tagernummer bis zum Nachmittag vorher ohne jedeDerbiudlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite crtlichö, auswärts 10 Goldpfennig; für Ne« blame-An: eigen v 70. m Breite .35 Goldpfennig, Plotzvorschrift 20 Aus« schlag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: l)r Friedr.Wilh Lange; für den übrigen Te l: Ernst Dlumschein, für den Anzeigenteil: Hans Becü, sämtlich in Gießen.

Zehn Jahre Krieg.

Sarajevo Versailles Loudon.

Der 28. Juni 1924 ist ein Gedenktag be­sonderer Prägung. Zehn Jahre sind heute seit jenem Revolveraltentat von Sarajevo vergangen, dem daS österreichische Thronfolgerpaar zum Opfer fiel, und dessen blutiges Geschehen wie ein schriller Auftakt die weltgeschichtlichen Ereignisse ein- leitete, die nach zehnjährigem Kampfe noch nicht zum Abschluß gebracht worden find. Trotzdem oder weil zwischen dem fiebernden Heute und dem von serbischen Beamten und Offizieren ver­ursachten Morde am Grzherzogthronfolger von Oesterreich jener 28. Juni 1919 liegt, an dem die älnterzeichnung des schandbarsten Llnkultur-Doku- mentes der Menschengesckichte erfolgte. Die un­geheuerliche Erpressung, die heute vor 5 Jahren durch die erzwungene Anerkennung der Lüge von der deutschen Schuld am Kriege und der anderen ehrenrührigen Behauptungen dieses Paragraphen­monstrums an Deutschland ausgeführt wurde, hat eine böse Tat nach der anderen gezeugt. Denn die hohe Politik derBesieger" Deutschlands hat sich seit der Legalisierung des beispiellosen Wortbruches von Versailles im Kreise bewegt, und es dürfte kaum einen ehrlichen und Flar- bltckenden Beobachter der weltpolitischen Gescheh­nisse geben, der nach dem Debüt des Herrn Her- riot baran zweifelt, daß zum mindestens versucht toirb, den gut gemeinten Dawes-Bericht zu einem zweiten Versailler Diktat aus­zubauen. Eine einfache Durchsicht der zahl­reichen Auslassungen und Srllärungen des fran­zösischen Ministerpräsidenten beweist dies. Die Optimisten in Deutschland erwarteten von der raschen Zustimmung zu dem Sachverständigengut­achten und dem zur ehrlichen Verständigung an­geblich bereiten Linkskabinett in Frankreich« nicht nur die Aufhebung aller Vertrags- und rechts­widrigen Maßnahmen der Poincar6-Zeit, also Rückkehr aller Ausgewiesenen, Freilassung der Gefangenen, völlige Wiederherstellung der deut­schen Souveränität im Westen, Räumung der Ruhrhäfen, des Industriegebietes, der Flaschen­hälse. Herriot hat einem Teil der Ausgewiesenen zur Heimkehr verholfen alle anderen Pro­bleme aber in einer so ungenügenden und zum Teil hinterhältigen und zweideutigen Weise be- Handell, daß er sich in dieser Hinsicht kaum von seinem Vorgänger Poincar6 unterscheidet. Zwi­schen der Ausführung des Dawesberichtes und der Ruhrräumung konstruiert er Zusammenhänge, die zu den schwersten Befürchtungen Veranlassung geben. Die teilweise Räumung Bann nach Herriot erst dann in Frage kommen, wenn die wirtschaft­lichen Garantien vorhanden sind. Tlnd diese find nach seiner Auslassung erst dann gegeben, wenn die Obligationen für die Industrie und Eisenbahn verkauft sind und der Erlös unter Deutschlands Gläubiger aufgeteilt ist. DaS konnte nach der Be­rechnung maßgebender WirtschasiSpolitiker frühe­stens in 12 Monaten der Fall sein! Lind dann die Sicherungsforderungen: Beibehaltung der Besetzung der Ruhrhäfen, militärische Kontrolle der Eisenbahnen des besetzten Gebietes, Garan­tien gegen einen deutschen Angriff im Hinter­gründe taucht das Gespenst der Vervolkerbund- lichung der Rheinlande unter französischer Ober­aufsicht auf.Deutschland muh entwaffnet werden, damit Europa in Frieden leben kann," ruft der Rachfolger Poincaräs. Es ist dieselbe Melodie, die feit fünf Jahren von der Seine nach Deutsch­land dringt, und besonders die gestern von uns veröffentlichten Erklärungen Herriots vor den französischen Senatoren und Deputierten lassen den Lyoner Bürgermeister als gelehrigen Schü­ler des Lothringer Advokaten erscheinen.Hand- lungsfrelheit"Prozedur bei Verfehlungen Deutschlands"Garantien und Sicherheiten" ^Inantastbarkeit des Versailler Vertrags": Haben wir diese Leitmotive ministerieller älnfrie- Lensgesänge nicht hundertfältig aus dem Munde desSiegers" Poincars gehört? Genügt nicht die unbedingte Zustimmung des Interpellanten des Rationalen Blocks", des Deutschenfressers Klotz, zum Beweise der Behauptung, daß nichts weniger angebracht ist, als von dem Kabinett Herriot mehr moralisches Verantwortungsgefühl und ehrlicheren Verständigungswillen zu erwarten, als von par- teipotittsch anders abgestempelten französischen Machthabern?

Deutschland, der Friedensstörer, muß ent­waffnet werden", erklärt der demokratische Füh­rer der bis an die Zähne bewaffneten Ration. Als ob nicht eine tausendjäh­rige Geschichte als ob nicht die bekannt gewordenen Geheimabkommen zwischen Ruß­land und Frankreich, als ob nicht das unlängst veröffentlichte französ.sche G e l b b u ch, als ob nicht Wilsons Memoiren, der Geheimbericht D a - riacs, das Tagebuch des amerikanischen Generals Allen, die Aufzeichnungen des amerikanischen Delegierten Rohes und zahllose andere Doku­mente llar bewiesen hätten, daß die französische Gier nach dem Besitz des Rhein- und Ruhrge- bietes die tiefste Ursache des Weltkrieges war und das Kriegsziel noch heute die Eroberung des Rheinlandes ist. Lind als ob nicht der fünfte Teil des Friedens"-Vertrages ausdrücklichdie Be­schränkung der Rüstungen aller Rationen" vorsieht.

Das Versailler Diktat ist für Herriot u n an­tastbar .Als ob nicht das Ehr- und Scham­gefühl jedes vernünftigen Menschen in der Welt sich gegen diesen in 440 Paragraphen verborge­nen Wortbruch und gegen die Tatsache auf­bäumte, daß dieserVertrag" auf der Lüge von der deutschen Schuld am Kriege aufgebaut ist.

EinenFrieden der Gerechtigkeit" will Her­riot schaffen, womit er zugibt, daß das Werk von Versailles das Gegenteil be­

wirkt hat. Wir haben allen Grund, diesen Absichten unsere größte Aufmerksamkeit zu schenken, denn auch Wilson betörte uns mit feinemFrieden der Gerechtigkeit", der im Ver­sailler Diktat eine so seltsame Gestalt gewann. Cs ist kaum nötig, nochmals an die 14 Punkte und ihre Verwandlung in 440 Paragraphen zu er­innern, oder an die Phrasen vom Schuhe des Selbstbestimmungsrechts der Völker, mit denen als Schlachtruf man 14 Millionen Deutsche der Riedertracht kulturell unter ihnen stehender Völker auslieferte.

Aber an eins muh heute, am Jahrestage der Unterzeichnung des schmählichsten Dokumentes der Menschengeschichte, erinnert werden: daß es kein Vertrauen, keine Ruhe und keinen Frieden in der Welt geben wird, solange nicht das unge­heuerliche Anrecht des. Versailler Wortbruchs wiedergutgemacht wurde.

Wir wissen, daß Deutschland Waffen- und machtlos ist, und daß auch uns das Hemd näher als der Rock sitzt. Wir wissen, daß wir aus diesem Grunde noch manche Last tragen, noch manches Opfer bringen, noch manche Zustim­mung zu harten und folgenschweren Forderungen geben müssen. Aber wir wissen auch, daß aus den 14 Punkten die 440 Versailler Paragraphen geworden sind. Darum haben die deutsche Regie­rung uird insonderheit die amerikanischen Väter des Sachverständigenberichtes, den wirdes Frie­dens und der Freiheit halber" auszuführen im Begriffe find, die Pflicht, rechtzeitig dafür zu sorgen, daß die bevorstehende Konferenz von London kein zweites Versailles und der Dawes- Friede kein zweiter Wilson-Friede wird. Die Staatskunst unserer Gegner hat sich feit dem 28. Juni 1919 im Kreise beewgt, aber eine gerade Linie führt von Sarajevo über Versailles nach London. Das Ziel heißt dort wie hier Zer­störung der Macht, Riederhaltung, Balkanisierung Deutschlands, Aufrichtung der französischen Hege­monie in Europa, Ausdehnung der dritten Repu­blik bis zur Ruhr. Wenn wir heute, zehn Jahre nach dem serbischen Signal zum Beginn der Tra­gödie, fünf Jahre nach dem Wortbruch von Ver- sallles diese Feststellungen machen müssen, kann damit eine Enttäuschung nur für diejenigen ver­bunden sein, die Worten und Versprechungen, an­statt den Lehren der Geschichte Glauben schenken.

Herr Herriot hat eine Kurs änderung der französischen Politik versprochen und sie mit der Aufhebung zahlreicher Ausweisungsbefehle eingeleitet. Gewiß ein Anfang xum Abbau der Kriegshandlungen, aber einer, den die franzö­sische Ehre ebenso wie die Gerechtigkeit ver­langt und der dazu noch sehr prvblemattsche Be­deutung hat, solange den Heimkehrern nicht die von den Franzosen besetzten Wohnräume zurück­gegeben werden. Darüber hinaus hat Herriot in allen RcLen und Handlungen enttäuscht. Der Kriegszustand besteht weiter die Londoner Konferenz wird zeigen, ob sie nur eine Etappe auf dem alten Wege oder der Beginn einer neuen friedlicheren Epoche ist. Wir hoffen es ohne Illusionen.

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Die Ausgewiesenen des Ruhrgebiets.

Rückkehr Aller mit wenigen Ausnahmen.

Paris. 27. Juni. (WTD.) Wie Ha Vas aus Düsseldorf meldet, hat General Degoutte Vorkehrungen getrosten, um die Rückkehr sämt­licher aus der französischen Zone des Ruhr­gebietes und dem Brückenkopf von Köln Ausgewiesenen bis auf einige Ausn ah­men zu ermöglichen, da die französische Regie­rung. um im beruhigenden Sinne zu wirken, beschlossen habe, den aus dem besetzten Gebiet seit dem 11. Januar 1923 ausgewiesenen Personen gegenüber weitgehende Gnadenmah- nahmen durchzuführen. Diese Entscheidung fei am 27. Juni den Beteiligten mitgeteilt toorben. Des weiteren seien Strafeinstellungen zu­gunsten der wegen Teilnahme am passiven Wider­stand Verurteilten angeordnet worden, denen binnen kurzem die endgültige Be­gnadigung folgen werde.

Die Kehrseite.

Erschwerung der Einreise ins besetzte Gebiet.

Köln. 27.Juni. (WTB.) Sämtliche Ge- leitscheine zur Einreise in die britische Zone über H ö ch st a. M.. Goldstein und Ludwigshafen sind für ungültig er­klärt worden. Die Inhaber solcher Geleitscheine werden aufgefordert, diese mit genauer Adressen­angabe an die Paßstelle Köln, Domhof 28, ein- zusenden, welche die Scheine über Honnef ge­bührenfrei abstempelt und den Inhabern zurück­schickt.

Ein Jahr Gcsäugnis wegen des Gesangs vaterländischer Lieder.

Mainz, 27. Juni. (WTB.) Das fran­zösische Kriegsgericht in Mainz hat einen Deutschen Ramens Io st zu drei Jah­ren Gefängnis verurteilt, weil er, besonder« in der Hunsrückgegend, Aufrufe verteilt haben soll, worin die Bauern aufgefordert wur­den. die Tätigkeit der interalliier­ten Forstkommission zu verhindern. Drei andere Deutsche, die zu Jost in Beziehun­gen gestanden haben sollen, denen man aber nur das Singen von nationalen Lie­dern in Cafes nachweisen konnte, erhielten je ein Jahr Gefängnis.

Die Verlängerung der Micumveriräge.

Wir konnten bereits gestern mitteilen, daß Herriot den Wunsch der deutschen Regierung, Verhandlungen von Regierung zu Regierung über die Micum-Verträge ftattfinben zu lassen, glatt abgelehnt hat. Heute liegt der Wortlaut der ab­lehnenden Rote vor, die zwar in höflicher Form gehalten ist, aber an der Ausschaltung der deut­schen Regierung in der lebenswichtigen Frage der Reparationslieferungen des Ruhrgcbi.tes fest­hält. Herriot wehrt sich gegen die Wiederher­stellung der wirtschaftlichen Hoheit Deutschlands im Ruhrgebiet, der Druck auf die Industriellen soll angeblich auf belgifch es Verlangen fortgesetzt werden, trotzdem es in Frankreich ebenso wie in Deutschland bekannt ist, daß die gesamte Ruhrwirlschask dem völligen Zusammen­bruch infolge der Erpressung der Micum-Lei- stungen und der Kapital- und Kredit-Rot nahe ist. Die Haltung Herriots in dieser Angelegenheit ist um so weniger verständlich, als die Besprechung von Regierung zu Regierung Frankreich nur Vorteile gegenüber der zeitigen Lage bringen und 'von ihm der angeblich so starke Versiändi- gungswille bei dieser Gelegenheit auf die billigste Art bewiesen werden konnte. Oder braucht man neueVerfehlungen" für neueMaßnahmen,, ?

Die Ablehnung des deutschen Verhandlungswunsches.

Berlin, 27. Juni. (WTB.) Die von der französischen Regierung gestern der deutschen Bot­schaft in Paris übergebene Rote des fran- zöfischen Ministerpräsidenten, in der der deutsche Antrag auf Einleitung von Regie­rungsverhandlungen über die Ausfüh­rung von Reparationskohlenlieferungen nach dem 1. Juli abgelehnt wird, hat folgenden Worllaut:

In Beantwortung der an die französische Re­gierung gerichteten Roten betreffend die Erneue­rung der Micumverträge beehrt sich das Ministerium für die Auswärtigen Angelegenheiten der deutschen Botschaft mitzuteilen, daß mit Rück­sicht auf den nahe bevorstehenden Zusammentritt der Konferenz über die Anwendung des Sach - Verständigenplanes es dem Ministerium nicht möglich erscheint, direkte Verhandlungen mit der deutschen Regierung anzubahnen. Im Hin- o'.ick auf den technischen Charakter dieser für die Erneuerung der Micumverträge notwendigen Ver­handlungen glaubt das Ministerium überdies, daß sie mit Vertretern der deutschen In­dustriellen geführt werden sollten. Die fran­zösischen und belgischen Delegierten an der Ruhr erhielten Instruktionen, allen Forderungen der

deutschen Industriellen Rechnung zu tragen, die ihnen begründet erscheinen. gez. Herriot."

Eknwillignug der deutschen TLerk- iciter ausgeschlossen.

Essen, 27. Juni. (WB.) Zu den am 28. Juni beginnenden Verhandlungen der Industrie mi* der Micum erfahr: dieDeut ch Bergw cis- zeitung", daß eine Einwilligui g der beulten Werkleiter in die Verlängern ig dec Micumie- träge gänzlich ausgeschlossen sii. Dsi Wecke hätten ihre letzten Kredite verbraucht. Zur weiteren Derwirtschaftung des Resies der ihnen anvertrauten Kapitalien tonnten die in u'trie. en Führer unmöglich die Hand bieten. Die Ver­antwortung dafür, was aus dieser Situation ent­stehen werde, falle den Regierungen zu. da lediglich durch Verhtnd langen zw sche i der deu - scheu und der französischen Regierung eine für die Industrie tragbare Regelung an die S e.le der Micumverträge treten könne.

Belgien ist der Sündenbock.

Paris, 27. Juni. (WTB.) Zur Frage bet Verlängerung der Micumverträge schreibt der Temps" in feinem Leitartikel, wie die von Her­riot verlesene Erllärung bezeuge, habe die fran­zösische Regierung sich in der Tat der Ablehnung der deutschen Vorschläge angeschlossen. Aber der Beschluß sei in Brüssel gefaßt worden und der belgische Vertreter in der Micum steht ihm sicher nicht fern. Die veröffentlichte franko- fische Rote gebe also nicht die persönliche Mei­nung irgendeines französischen Beamten wieder. In Paris wünsche man übrigens diesen Zwischen- fall nicht tragisch zu nehmen.

Kommunisten als Volksvertreter

Prügeleien und Skandalszenen.

Einer Drähtmeldung aus Hannover zu­folge kam es in der gestrigen Sitzung der städti­schen Kollegien zu einem heftigen Zusarnrnrnftoh zwischen Kommunisten und Sozialisten, der zu einer regelrechten Schlägerei ausartete. Man bewarf sich mit Akten, ging mit Stühlen aufeinander los, boxte und ohrfeigte sich. Oberbürgermeister L e i n e r t rief Schutzpo­lizei herbei, um die Ruhe wiederherzustellen. Die Sitzung mußte schließlich vertagt werden, ba eine ruhige Fortführung der Debatte nicht mög­lich war.

Die Notlage der Landwirtschaft.

Eine Regierungserklärung Int Reichstag.

Berlin. 27. Juni. Zur gemeinsamen Be­ratung kommen zunächst die mit Litauen und Esthland abgeschlossenen Handelsverträge und Verträge über den gegenseitigen Verzicht auf Entschädigung für im Weltkrieg entstandene Schäden.

Ä Dr. F r e h t a g ° Loringhoven (Dnt.) n Verträgen zu. wünscht aber, daß die deutsche Regierung mehr auf die Respektierung ihrer Stellung durch die Randstaaten achten möge. Litauen dem man das Memelland zugesprochen hat, habe sich nach wie vor dein Inkrafttreten des Autonomiestatuts unerhörte Eingriffe in die Rechte der Memeldeutschen herausgenommen. Ob­wohl sich nur 2 Prozent der Eltern für die Ein­führung des litauischen Sprachunterrichts ausge­sprochen 'haben, ist jetzt in den Schulen des Me- mellandes Litauisch zur Llnterrichtssprache er­hoben worden. Es muh hier ausgesprochen werden, daß es eine Germaniairridenta gibt und daß wir alle des Tages harren, da unsere unerlösten Brüder zu uns zurückkehren.

Abg. Graf Reventlow (Rat. Soz.) er- klart, für feine Freunde blieben die Gründe be­stehen, die sie schon bei der ersten Lesung zur Ablehnung der Verträge nötigten.

Abg. Bredt (Wirtsch. Verein.) begründet eine Entschließung, in der die Reichs regier ung er­sucht wird, bei den ferneren Verhandlungen mit Esthland durchzusehen, daß die in Csthland ent­eigneten Grundbesitzer deutscher Reichsangehörig'- kei nach denselben Grundsätzen entschädigt a>erben, wie die meistbegünstigten Grundbesitzer anderer Staatsangehörigkeit.

Es folgt die gemeinsame Beratung der von verschiedenen Fraktionen etngegangenen Inter­pellationen und Anträge über

die Aotlage der Landwirtschaft mb des Wein­baues.

Abg. Schiele (dntl.) begründet die Inter­pellation der Deutschnationalen, in der verlangt wird, daß das Mißverhältnis beseitigt wird, das durch Maßnahmen der Gesetzgebung auf zoll- und handelspolitischem Gebiet zwischen den Prci- sen der landwirtschaftlichen Erzeugnisse einer,ei s und den landwirtschaftlichen Bedarfsartikeln an­dererseits schon durch eine längere Periode wirk­sam gewesen ist. Wir verlangen die schleunige Rachpcüsung der gesamten St<u»rge etz esiing un­ter dem Gesichtswinkel der Tragfähigkeit. Bei der Verteilung der Rentenbankkredite schneidet die Landwirtschaft sehr schlecht ab. Während das ausländische Getreide 30 Prozent über ien Friedenspreis notiert, notiert das inländische 30 Pioz. unter dem Friedenspreis. Die Reichs- regieruna müsse schleunigst die Besteuerung der landwirtschaftlichen Produktionsmittel und eine Heranziehung der Landwirtschaft zur Gewerbe­

steuer verbieten und für die gesamte steuerliche Belastung der einzelnen Steuerpflichtigen eine Höchstgrenze bestimmen.

Abg. Schmidt- Hoepenick (Soz.) wendet sich gegen die Forderung des Reichslandbundes aus Einführung von Schutzzöllen. LlmdieProduk- t i on zu verbilligen, müßten die Zölle für Roh­stoffe beseitigt werden. Wir ersuchen den Land- wirtschaftsminister um klare Beantwortung der Frage, ob der Regierung tatsächlich schon ein fer­tiger Schuhzollgesetzentwurf vorliegt und nur aus taktischen Gründen noch nicht veröffentlicht wurde. Es ist eine maßlose Uebertreibung, wenn ganz allgemein behauptet wird, die Larchwirtschast fei nicht in der Lage, die Landarbeiterlöhne und Steuern zu zahlen. Wir unterstützen den deutsch- nationalen Antrag auf Milderung der Wohnungs­not auf dem Lande.

Abg. K a r p (Zentr.) weist daraus hin, daß die Rotlage der Landwirtschaft unk^des Weinbaues heute von niemandem bestritten Mrd. Die Kredit­not und die Zinsenlast ist so groß, daß die in­tensive Landwirtschaft keinen Gewinn abwirft. Dem Weinbau müßten Sonderkredite gewährt werden, wenn er nicht zugrunde gehen soll.

Abg. Hepp (D. Vp.) bezeichnet den Gegen­stand der Aussprache als eine Lebensfrage der deutschen Wirtschaft und des deutschen Vol­kes, die nicht nach parteiagitatorifchem Gesichts­punkten behandelt werden Dürfe. Das verarmte deutsche Volk könne sich auf die Dauer nicht eine große Lebensmitteleinsuhr aus dem Ausland leisten. Sonst würde auch die deutsche Währung wieder in Gefahr kommen. Die deutsche Landwirtschaft wird die Versuche der Linken, einen Keil in ihre Reihen zu treiben, zurückweisen. Sie ist einig in ihrer Rotlage. Der Redner begründet die Anfrage seiner Fraktion, in der verlangt wird, eine steuer­lich einheitliche Bewertung des landwirtschaft­lichen Besitzes in Reich, Ländern und Gemeinden, ausreichende Zölle auf ausländische Weine, Steuernachlaß, zinslose Steuerstundung und be­vorzugte Krlditgewährung für den notleidenden Weinbau, Ermäßigung der ülmsahsteuer und zins­lose Steuerstundung für die Landwirtschaft, sowie Aufhebung der bisher für ausländische Land­wirtschaftsprodukte zugestandenen Llmfatzsteuer- befreiung.

Abg. Schliephacke (Rat.°soz.) betont die Rotwendigkeit des Schuhes der deutschen Land­wirtschaft im völkischen Interesse.

Landwirtschaftsminifter Graf Kami;

verliest hieraus eine längere Erklärung d e r Reichsregierung zu den einzelnen Be­schwerden der Landwirtschaft. Die Regierung er­kennt die furchtbare Rotlage der Landwirtschaft an. Zur Behebung der Kreditnot hat die Rei.hs- bank schon über den üblichen Rahmen hinaus Kre-