Ausgabe 
27.10.1924
 
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Hr. 253 Erster

Erscheint täglich, außer Somu und Feiertags.

Beflogen: GiehenerFamilienblätter

Heimat im Bild, »onats Sezugrpreir:

2 Goldmark u. 20 Gold- Pfennig für Trägerlohn, «och bei Nichterscheinen pon einzelnen Nummern infolge höhrrer Gewalt, llernspr e ch-Anlchlüsse: Schriftleitung 112, Ber- 'ag undGeschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach» -tchten.Änjei-erSietze».

postfchectkonLo: Frankfurt a. M. 11686.

blatt ' 17^. Jahrgang

Montag, 27. VNover 1924

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

®n,tf «n» vnlag! Vnlhrsch« llniverfitSts-vuch- und Steindrucke«« R. Lange in «letzen. Schriftleitung und Seschästrftell«: SchuMatz« 7.

Annahme von ? -ii für die1agesi.um«er vis zum Nachmitrag vorher ohncjedeBerbindlichkcit.

Preis für 1 rom böhe für Anzeigen von 27 mm Brette örllich8, auswärts 10 Goldpfennig; für Re­klame-Anzeigen v 70mm Brette 35 Goldpfennig, Playvorschrift 20° Auf« schlag. - Derantworilich für Politik u. Feuilleton Dr. Friedr. 2Vilh. Lange; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein;fürden Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

Tirpitz und England.

Ans den Dokumenten des Großadmirals.

Don Prof. Dr. Fritz Kern, Bonn.

Um die vor fünf Jahren erschienenen Tirpitz - schen r®iimTcnmycn,< richtig zu würdigen, muh man sich vor QIxtqcn halten, dah bei ihrer Die­berschrist Deutschlands Kaisertum, Heer und Flotte noch bestanden, bei ihrer Veröffentlichung noch kein Friede geschlossen war. Verschiedene Rücksichten verhinderten also damals den Gr>h- admiral, sein Geheimarchiv vorzulegen. Erst nach dem Vertrag üoer das Dawesgutachten öffnet der greise Staatsnrann seine Schranke ohne jeden Rückhalt. Für den, der das Zeitalter Wilhelms II. kennen lernen will, wie es von innen war, ent­hüllt sich damit ein Dlld von packender Lebens­wahrheit, von zugleich intimem Reiz und gröhten weltgeschichtlichen Perspektiven. Gleich der 2tn- fcmg der jetzt im Cottaschen Verlag erscheinenden .Politischen Dokumente" seht in Erstaunen. Wer hätte das gedacht, dah der alte See recke einmal mit all seiner Kraft eine deutsche Flottenvermeh- umg bekämpft hat, um den Trieben mit Eng­land zu erhalten? Diesen Kampf, der lange nur wenigen Eingeweihten bekannt war, kann der Leser jetzt in allen Phasen verfolgen; der Vor­teil dieses Tirpihschen Buches ist, dah es durch­weg die Geheinrakten ungekürzt bringt, so dah der Leser sich sein Urteil selber bilden kann.

Das erste Tirpitzdrama nun, das zu ernstlicher Spannung mit Kaiser und Reich führte und ein 2Dfchiedsgesuch des Admirals zur Folge hatte, fällt in die Aera Bülow. Der Kanzler hatte die englischen Bündniscrnerbiettmgen um die Jahr- hundertweirde nicht ausgenommen und muhte 1904 erleben, dah sich England mit Frankreich ver­band. Die Bedeutung dieses Umschwungs war keinen Augenblick zweifelhaft. Lord Rosebery hat damals vor dem Abschluß der Entente Cordiale gewarnt mit der Weissagung, sie müsse über kurz ober lang zum Krieg führen. Seit Ende 1904 mehr­ten sich die Anzeichen, dah die britische Admirali­tät bcn Gedanken des Präventivkriegs erwog. Dis zum Jahre 1908 hin hat Admiral Fisher feiner Regierung den Rat gegeben, die deutsche Flotte ä la Delsvn zu kopenhagen, d. h. ohne Kriegs­erklärung zu vernichten. Dach den Tirpihschen Bcmplänen muhte die deutsche Flotte etwa von 1912 ab ein starker Faktor der europäischen Kräfte- bilanz sein; aber 1904 oder 1905 war sie noch ranz unfertig. Einen solchen englischen Präventtv- rrieg befürchtete die deutsche Reichsleitung, als der Zivillord der Admiralität, Mr. Lee, am 3. Fe- sruar 1905 seine berühmte Rede hielt. Die britische Flotte, so erklärte Lee, werde gegebenenfalls den rrsten Schlag zu führen wissen, noch ehe man auf !>er anderen Seite der Nordsee Zeit gehabt hätte, die Kriegserklärung in der Zeitung zu lesen. Diese Fanfare wirkte in Deutschland, wie ein Jahrzehnt früher die Krügerdepesche In England gewirkt hatte. Tirpitz der zufällig gerade den englischen Botschafter <5tr Frank Lascelles zu Tisch geladen hatte, erhielt kurz vor Eintreffen seines Gastes folgendes Handschreiben, das er jetzt veröffentlicht:

Berlin, 4. Februar 1905.

Lieber Maestro I

Sie werden Di: verblüffende Rede des Zivil­lords of Admiralth mit der offenen Kriegs­drohung gegen uns Wohl eben in der Zeitung gelesen haben. Ich habe eben Lascelles hier gehabt imb habe ihm in einer nicht mihzuver- sleheiiden Weise klar gemacht, dah dieser rache- fchnaubende Korsar morgen von feiner Regierung offiziell rektifiziert werden müsse. Sonst würde in unserer Presse ein solcher Sturm losgehen, wie er nur durch das schleunige Einbringen eines kolossalen Reubautenprogrammes, welches uns durch ,.Public opinion" aufgenotigt worden wäre, abgewendet werden könne. Er ist total zerschmet­tert und verzweifelt und hat sofort telegraphiert. Er will mit Ihnen noch über die Sache sprechen. Machen Sie das niederträchtigste Gesicht, dessen Sie fähig sind, toemi er kommt, und lassen Sie ihn ordentlich .^peln und Angst kriegen.

Ihr Wilhelm J.R.

Die Antwort lautete:

An das Kaisers Majestät!

©irrer Majestät gnädiges Schreiben soeben erhalten Ich werde dem bei mir zu Tisch befind­lichen Lord L cs.elles gegenüber mich den An- Weisungen Eu ier Majestät entsprechend verhalten.

von Tirpitz. Staatssekretär.

Trotz Der Erregung des Kaisers und der öffentlichen Meinung war indes Tiip h n.chk Der Meinung, einkolossales Deubautenprvgranun vor bcn Reichstag za bringen. Sein wichtigster Grund war die Befürchtung, dah daraus eine un­mittelbare Krvgsgc.sahr entstünde. Dis zum bruar 1906 dauerte r.un der zähe Kampf, den Tirpitz geg.si e'mfluhreiche Wünsche zu fuhren hatte Der Flottenv-wein griff ihn an. Bülow. Der die Wahrscheinlichkeit eines Kn-eges für nicht w groh hielt tour Darauf bedacht, die Gunst des Kaisers und bei ösfMttichen 2Neinung nicht zu vertieren Bülows Verhalten in diesem lang­wierigen anb zähen Kampf, des en drarnattfchen Ve.-l.ius b:c Tirpitzsch-m Dokumente wi derg.ben, erinnert an die Eharatterttttk:®i:i geölter Aal ist em Igel nrix-n Bülow." Sch.iehiich si gte der Admi al. bet nicht zögerte, seinen Ab chi« zu erbitten Der Kaiser konnte sein organisatorisches Solen - nicht enibehien und mur.te >ich fugLi. Der Kaiser war ungehalten, dah Tirpitz mit dem Ricktitti so rösch bei dex Hand war. In seiner drastischen .Art äußerte er,er schmisse den anberen JKsriUent noch viel tollere Sachen an den Kopf, nxis solle daraus werden, wenn jeder darauf seinen Abschied einreichen wolle?" Man

Die Politik der Deutschen Dolkspartei. Eine Rede Stresemanus in Mühl­hausen.

Mühlhausen (Thür), 27. Oft (TU.) Im Rachmen deS Landesparteitages Thü­ringen der Deutschen Dolkspartei sprach gestern mittag in einer von Tausenden von Zuhörern besuchten Versammlung der Reichsaubenminister Dr. Strelemann über die politische Lage. Die Deutsche Dolls­partei stehe auf dem Boden nationaler Realpolitik. Illusionisten feien diejenigen, die in einer Zeit, in der wir ferne Macht hoben, von Machtpolitik reden und sich dabei auf Bismarck berufen, während doch Bismarck der größte Realpolitiker aller Zeiten war. Der Ge­danke nationaler Realpolitik halte sich aber auch frei von JllusionspvliUfern, die da sagen, Deutlch- land brauche nur das, was die andern von ihm fordern, zu erfüllen und dann die Besserung der Stimmung tm Ausland abzuwcrrien. Dr. Stresemann ging auf die Londoner Ver­handlungen ein und zeigte, welche Erfolge die deutsche Delegation in die en schwierigen Ver­handlungen erreichte. Das sei daß Bedeutsame der Londoner Vereinbarungen, dah die Abmachun­gen internationales Recht sind, an denen neben den europäischen Mächten auch die Ver­einigten Staaten beteiligt sind. Was in London erreicht wurde, sei ein weltwirtschaftlicher Akkord. Dr. Stresemann wies darum den Vor­wurf zurück, die Deutsche Vollspartei habe eine Schwenkung in ihrer Haltung vollzogen und betonte dah dos Ziel, die deutsche Dolksge» meinschaft, stets das Endziel der Deutschen Dolkspartei fein und bleiben werde. Wir ge­hören nicht zu denen, die erklären, dah sie prin­zipiell niemals mit den Svz valdemo träten zu­sammengehen würden. Wir werden eine solche Erklärung schon deshalb für ganz verfehlt hallen, weil kein Mensch in der Lage sei, in die Zukunft zu sehen.

Es kommt daraus an, ob die Sozialdemokraten die StaatSnotweudigteiten der Gegenwart an­erkennen,

Tun sie es, dann ist es recht, auch ihre Hand zu ergreifen wie die jeder anderen Partei, die sich auf den Boden der Staatsnvtwendigkeiren stellt. Der durch die Furcht vor der kommunistischen Agitation erfolgte Austritt der Sozialdemokratie aus der groben Koalition habe>>ch gezeigt, dah die Sozialdemokratie zur staatspolitischen Mitarbeit noch nicht reif sei. Sie dürfe sich daher nicht beschweren, wenn die Entwicklung eine andere Richtung genommen habe. Der Minister wies dann die demokratischen Angriffe gegen die Deutsche Dolkspartei scharf zurück. Er toieS auf den Widerspruch hin, dah die Demokraten heute erklären, eine Zusarnmenarbeit mit den Deutschnationalen verstohe gegen ihre

Der Wahlkampf

Grundsätze, während sie noch im Mai mit über den Eintritt der Deutschnationalen in die Regierung verhandelten. Rach seiner Ansicht müsse der Kern der Regierung von den Mittel- Parteien gebildet werden, an den sich die zur Mitarbeit bereiten übrigen Kräfte anfügen mühten.

Der Führer der Demokratischen Partei mache gar kein Hehl daraus, dah er die Partei nach links steuern will, um angeblich die Republik zu schüt- zen, obwohl niemand an einen Vorstoß gegen die jetzige Staatsform denke.

Dieses demokratische Geschrei, das erhoben werde, um von der Schwäche der eigenen Partei abzu­lenken, gleiche dem Ruf: Republikaner, vereinigt euch, denn die Deutschnationalen sind im Begriff, sich auf den Boden der Republik zu stellen I Dr. Stresemann ging dann weiter auf die demokra­tisch-sozialistische Behauptung ein, die Bildung eines Linksblocks sei aus außenpolitischen Gründen notwendig und sagte, das Ausland wird uns niemals achten, wenn wir uns nicht selber ach­ten. Die Einbeziehung der Deutschna­tionalen in die Regierung ist eine ftaatd- politische Rotwendigkeit. Rachdem Dr. Stresemann auf die Auswirkung eines Re­gierungseintritts der Deutschnationalen auf einen großen Teil der vaterländischen Derbände hinge- toiefen und betont hatte, daß man durch Ableh­nung der Deutschnationalen nur d i e extre­men Kräfte stärke und die vernünf­tigen schwäche, führte er in feinem Schluß­wort aus, daß es gelte, alle aufbaubereiten Kräfte Deutschlands zu sammeln. Das nächste Ziel müsse die Bildung einer in sich gefestigten und dauerhaf­ten Regierung fein, deren Arbeit die Grundlage für den Wiederaufstieg bilde und die Rückkehr zur deutschen Freiheit.

Die bayerischen Demokraten.

Vertrauensvotum für Dr. Geßler und die Parteileitung.

München, 27.Oft. (TU.) Gestern tagte in München der Landesausfchuh der Deutsch- demokrattschen Partei. Reichswebrrninister Dr. Gehler entwickelte seine Oluffaffung über die Regierungskrise. Er bertrat die Anschauung, daß man bie Deut sch nationalen zur Veran twvrtung an der Regierung zwingen müsse. Die Politik der Mitte müsse weiter geführt werden. Der Dorsihende der Reichspartei. Reichsminister a D. Koch, e Härte, dah die Partei mit Stolz auf ihre bisherige Haltung zurückblicken könne. Die Ergebnisse der Verhandlungen wurden in den folgenden Ent- schliehungen feftgeftelU:

1. Der Landcsausschuh bet Deutsch-beiw kri­tischen Partei billigt unter dem Ausdruck bes Dankes und des Vertrauens die von be: R ichs- tagsfrakrion mit Zähigkeit vertretene Politik. Die'e Politik allein hat zum Witt ch.fttichen und poli­tischen Wicä>eraufbau Deutschlands geführt Der Landesausfchuh dankt ber Reichstags- Fratton

dafür, dah sie nicht ihre Hand zur da bolle* rung dieser Politik durch die Deutsch nationalen gegeben hat

2. Der Landesausschaß hat den Ausführungen des Reichswehrministers Dr Gehler mit Genug­tuung entnommen, dah keinerlei grundsätz­liche Meinungsverschiedenheit ötot- schenihmundderdemokratischei'. Par- tei bestehen. Er dankt ihm, sowie Minister Hamm und dem Abgeordneten 6 harter, daß sie trotz abweichender Meinung in der Frage der Taktik der Partei in entscheidender Stunde bie Treue gehalten haben und erwidert Treue mit Treue.

Die demokratische Partei in Hessen.

In ber am 23. Oktober stattgesundenen Do^ standsfihung ber Deutschen Leinokra ische.i Pu toi in (Sieben wurde nach längerer, redlicher Aus­sprache folgende En t s ch l ie hu n g gefaßt und der Parteileitung übermittelt:Der Vorstand de.> Vereins ber D. d P. Gi he:i billigt einmü tig die Haltung der Reictz^agsfr.: t on währ.nd ber Regierungskri e und dankt ih für daZ uner­schütterliche Fest halten an den Grund ätzen demo­kratischer Politik."

Der Auftakt zum Ieutrumsparteitag. Der Kamps der beiden Flügel. Berlin, 27. Oft. (Sil.) Als Auftakt zu dem heute vormittag 9 ilhv beginnenden Reichs- Parteitag des Zentrums fanden den gannzen Sonntag über Vorstandsberatungen statt In ber Diskussion nahm besonders Dr. Wirth das Wort zu einer großen Rede, in ber er die Haltung des linken Flügels der Zen- trumsfraktivn im Reichstag verteidigte. Reichs­arbeitsminister Dr. Brauns vertrat ebenso ausführlich den Standpunkt ber Zen­trumsmehrheit. dah die Deutschna­tiv n a l e n, nachdem sie die Richtlinien bes Kanzlers angenommen und sich für die Durch­führung des Londoner Pattes erklärt hatten in bie Regierung tten aufgenom' men werden müssen.

Die Wahlen in Hamburg.

Hamburg, 27. Oktober. (WTB. Funk­spruch.) Hier fanden gestern die Wahlen zur Bürgerschaft statt. Rach dem vorläufigen Wahlergebnis in Stadt und Landbezirk wer­den die wichtigsten Patteien folgende Sitze erhalten: Sozialdemokraten 53 (bisher 69), Deutschnationale 28 (18), Kommunisten 24 (17), Deutsche Volkspattei 23 (31), Demo­kraten 21 (23), Nationalsozialisten 4 (0), Zen­trum 2 (2), Bürgerbund 2, Gewerbetreibende 2 (0), Wohnungsuchende 1 (0).

kann es rückschauend nur bedauern, daß andere mehr an ihrer Stellung klebten.

Als ber Ka ser erkannte, dah sich ber Abmiral enbgüttig tee gerte, einen beschleunigten Flotten- bau mitzumachen, gab es eine lebhafte Szene im Schloß.Also bie Schiffe bekomme ich nicht? Das Weitere wirb sich finden", stöht ber Kaiser hervor, unb bann in erregtem Ton, zu Tirpitz gewendet:Wenn wir nachher keine Schiffe ha­ben? . . ." Dem Kaiser schwebt ein aufgezwun­gener Krieg, eine verlorene Seeschlacht vor. Tir- pih toirb bann schulb sein, bah Deutschlanb zu wenig Schisse hatte. Der Kanzler schweigt zu dieser Szene unb bemerkt beim Verlassen bes Schlosses achselzuckenb zu Tirpitz:Mehr konnte ich ja für Sie nicht tun."

Seltsam berührt es, auch ben späteren Ka- binettschef ber Marine, Admiral v. Müller, un­ter ben Anhängern ber beschleunigten Rüstung zu sehen. Er hat 1914/15 bie wesentlichste Mit- schulb daran getragen, daß ber Kaiser bie Flotte nicht zur Schlacht einsetzte, obwohl bie beutsche Flotte damals von Tirpitz für die Seeschlacht für reif gehalten wurde.

Die Front, die gleichfalls auf die Seeschlacht unter Tirpitz' Führung brannte, hat Herrn von Müller im Kriege wegen seines unheilvollen Einflusses auf den Monarchen den Ramen ,,-Unfer Rasputin" gegeben. Im Jahre 1905 aber hatte Müller furchtlos dem Weltkrieg ins Auge sehen wollen, berunsere Heere nach Indien führt und nach Aegypten", wie er schrieb. Der nüchterne Tirpitz konnte sich in solche Phantastereien nicht verlieren. Er bremste 1905 mit Erfolg die un= Bugen Flottenpläne und er drängte 1914, diesmal ohne Erfolg, dah die vorhandene Flotte zur Rettung eingesetzt würde. In beiden Fällen scheute er die kaiserliche Ungnade nicht.

Der Verlauf der Krisis von 1905'06 ist bei der Diskretion aller Beteiligten der Oeffentlich- feit unbekannt geblieben. Soviel aber wurde dem Reistag damals Elar, dah Tirpitz nur das un­bedingt -Notwendige fordern werde unb Reibun­gen mit England möglichst vermeiden wolle. Da­mit erklärt sich zum Seil die Leichtigkeit, mit ber Tirpitz später beim Reichstag alles durch- geseht hat, was er verlangte.

Togo.

Gens, 25. Oft. (WB) Die Mandatskommis­sion des Völlerbunbes hat ben Bericht üxr bas Logomandat geprüft. Der Vertreter ber eng­

lischen Regierung, Rewlands, teilte mit, dah feit dem 1. April 1924 an Stelle aller beutschen Gesetze für bas Togogebiet bie Gesehgebu ng ber benachbarten Gvlbküste getreen sei. Er machte ferner Angaben über die Bedingungen, unter denen bie Eingeborenen für Straßen bauten verwendet werden unb teilte mit, dah bie englisch-französischen Verhand­lungen über bie Vereinheitlichung ber Zölle für bas Importieren von Altohol an ben Schwierigketten scheiterten, die sich aus ber Ent­wertung des französischen Franken unb bes Unter» schiedes zwischen ben beiden Zollsystemen ergaben.

Die Koloniakmandate.

Zur Tagung der Mandatskommission.

In Genf hat die Mandatskommission des Völkerbundes mit der Prüfung der Mandate über die Kolonien begonnen, die dem Deutschen Reich durch den Versailler Vertrag entrissen wurden. Dieser Kolonialraub ist ein besonders schmerzliches Kapitel für Deutschland, da deutscher Fleiß und deutsche Tüchtigkeit diese Kolonien im Laufe der Friedensjahre in ertragreiche Landstriche verwan- dell hate. Deutschland hat entgegen allen Anfein­dungen von feiten Englands und anderer Mächte den Beweis geliefert, daß es unter all den Kolo- nialmchten durch seine Fähigkeiten, zu kolonisie­ren, an führender Stelle steht. Der Kolo­nialmächten durch seine Fähigkeiten, zu tobnifie* lüft, weil das viele dort investierte deutsche Kapi­tal verbren ist, sondern vor allen Dingen auch ein ideeller Verlust, tveil er dem deutschen Or­ganisationstalent die Betätigung zum Nutzen fremder Erdteile abfchneidet.

Mit einer gewissen Befriedigung kann man aus den Mitteilungen, die der Vorsitzende des Mandatsausschusfes gestern den Vertretern der Presse über die Pläne und Arbeiten des Aus­schusses mach e, entnehmen, daß aus den ehemals deutschen Kolonien zahlreiche Klagen von den Eingeborenen und von zahlreichen anderen interessierten Personen und Völkerschaften in Genf eingegangen sind, die über die An der Verwal­tung Beschwerde führen. Es ist ja längst bekannt, daß, feit die Kolonien den Deutschen ge­raubt sind, dort eine erbärmliche Miß­wirtschaft herrscht und allgemein die Rück­kehr der deutschen Verwaltung ersehnt wird. Der Mandatsausschuß macht sich allerdings die älntersuchung aller dieser Beschwerden

sehr leicht. Er erklärt ganz einfach, baß biefd Beschwerden nicht an Ort und Stelle nachgeprüft werden könnten. Die Tätigkeit des Ausschusses müsse sich darauf beschränken, bie ©laubtoürbigfeit ber Beschwerde­führer nachzuprüfen. Was dabei herauskommt, kann man sich denken, da alle Mcmdatarmächte auch in diesem Ausschuß vertreten sind. Don einer überparteilichen Beurteilung kann also keine Rede sein. 3m Gegenteil.. Alles, was für bie Rückgabe der Kolonien an Deutschland sprechen sollte, wird man in den Bereich ber plnglaubwürbigkeit verweisen. Auf alle Fälle wirb ber Mandatsausschuh durch seine Tätigkeit unb Beschlüsse den Beweis dafür zu erbringen haben, dah er jede, auch die verschleierte Form der Annexion ber Kolonien durch bie Manbatarmächte verhindert und ihre Souve­ränität beschränkt. Er wird auch zu beweisen ha­ben, bah er eine strenge Aufsicht über bie Manbctte führt, wie ber Dorsihende in seiner Rebe hervorgehoben hat.

Verlängertes Einreiseverbot für Ost-Afrika.

London, 26. Oft. (Sil.) Durch Order vom 5. September ist die Exenemies Restructton Or- boimance 25, nach der kein Angehöriger der ehemaligen Feind st aalen in das Tanganika - Territorium einreif en und dort verweilen darf, um weitere drei Monate, d. h. bis zum 4. Dezember 1924 verlängert worben. Wie dieKreuz-Zeitung" erfährt, hat das Auswärtige Amt an die Kolonial-Abteilung des englischen Auswärtigen Amtes eine Anfrage über die Gründe dieser Verlängerung des Einreiseverbotes gerichtet.

Die revolutionäre Bewegung in Indien.

London, 26. Ott. lWTD) Rach Melbun- gen aus Kalkutta sind auf Befehl des Dizekönigs, Lord Reading, Freitag Mitternacht dreißig bert>orragenbe Persönlichketten verhaftet wor­den. In Kalkutta selbst wurden bimbcrt Häu­ser durchsucht unb Korrespondenzen b e schlagnahmt; in der ganzen Provinz beer­ben Mtchforschungen durchzeführi unb ix- :»cre Verhaftungen erwartet. Diese Maßilahnu.''. :eien infolge der Aufdeckung eines organi-