Einzelbild herunterladen

Deutscher Reichstag.

Berlin, 26. Juni. 1924.

Am Regierungstisch ArbeitSmimster Dr. VraunS.

Auf der Tagesordnung stehen 45 Anträge aller Parteien über sozialpolitische Fragen: ver­bunden wird damit die sozialistische Interpellation über die Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit und ein Antrag der Rationalsozialisten auf Vorlegung eines Geschenttvurfes, der den deutschen Front­kämpfern die Vorrechte im Staate einräumen soll, die sie sich mit ihrem Blute vor dem Feind erstritten haben.

Abg. D e i d t (Deutschn.) richtet den Appell an das Weltgewissen, den Rotruf eines sterbenden Volkes zu hören. Der Redner dankt den barmherzigen Menschen, die die Volksspei- sungen ermöglichen und dadurch Tausende vom Hungertod erretteten. Die brüderliche Gesinnung sei nienrals so stark gewesen wie in diesen Zeiten der Rot. Aufreizend wirke jedoch die Schlemmerei gewisser Kreise. An einzelnen Forderungen stellt der Redner im Sinne der deutschnationalen An­träge aus Erhöhung der Renten der Kriegsbe­schädigten und der Verstümmelungszulage, Scho­nung Der wirklich Geschädigten beim Personal­abbau, berufsständigen Umbau der Sozialversiche­rung Aenderung de8 Gesetzes zur Erhaltung lei­stungsfähiger Kranlenkasfen. Erwerbslosenfürsorge auch sür Jugendliche, keine Durchbrechung des Rachtbackverbotes und der Durchführung der Sonntagsruhe, Einrichtung von Arbeitsgerichten in Verbindung mit den ordentlichen Gerichten. Zur Arbeitszeitfrage erklärte der Redner, daß die Deutschnationalen nicht gewillt sind, den Acht­stundentag zu bekämpfen, aber er dürfe auch nicht als Dogma aufgestellt werden.

Abg. Grap mann (S.) richtet an die Mit­glieder der Rechten die Aufforderung, ihre Zu­stimmung zu den warmherzigen sozialpolitischen Ausführungen des Vorredners dann nicht zu ver­gessen, wenn es ans Bezahlen gehe. Das einzige, worauf das kaiserliche Deutschland hätte stolz sein iönnen, wäre seine soziale Gesetzgebung gewesen. Wir wehren uns dagegen, daß diese Sozialpolitik jetzt immer weiter abgebaut werken soll. Die deutschen Unternehmer verlangten Preise über den Weltmarktpreisen und auf der anderen Seite zahlten sie Löhne, die weit unter den Welt- mar ltlöhnen liegen. Der Redner sucht dies an zahlreichen Beispielen nachzuweifen. Gr verlangt vor allem eine Senkung der Rohstoffprei'e durch eine scharfe Kartellgesehgebung. D e Produktions­steigerung sei nicht durch eine Verlängerung der Arbeitszeit zu erreichen. Der Redner ging dann auf die Anträge seiner Fraktion ein. Diese An­träge verlangen Erhöhung der Renten der Kr e s- beschädigten und Kriegshinterblieberen, Aufhe­bung der Verordnung über die Fürsorgepflicht und der Verordnungen über die Vereinfachun .ea in der Sozialversicherung und über die Kranken­versicherungen. Weiter wird gefordert, die Kran- kenversicherungspfltcht der S^eleuie. Erhöhung der Invalidenrenten, Reform der Erwe-bsioenfür- svrge, Ratifizierung des Washingtoner Abkom­mens über den Achtstundentag und Aufhebung der preisverteuernden Kartelle.

Hierauf wird die Beratung durch die gestern verschobenen Abstimmungen über die

Anträge zur Deamtenbesoldung unterbrochen.

Rach längerer Geschäftsordnungsdebatte und der Ablehnung verschiedener Anträge wird der Antrag des Hauptausschusses unverän­dert angenommen' Er besagt, das) die zur Verfügung stehenden 71 Millionen ausschließ- lich zur Aufbesserung der Gruppen 1 bis 6 verwendet und außerdem die Frauen- und Kinderzulage in allen Gruppen erhöht werden sollen. Das Ergebnis der Ab­stimmung wird von den Kommunislen mit Pfuirufen ausgenommen.

Sämtliche

Anträge zum Personalabbau

Serben auf Antrag des Zentrums dem Haupt» cmsschuß überwiesen. Die Anträge auf Aende- nmg des Reichsbeamtengesehes und des Pen- s^onsergänzungsgesehes werden dem Beamtenaus­schutz überwiesen. Angenommen wird gegen Zen­trum, Deutsche Volkspartei und Demokraten ein sozialdemokratischer Antrag, den weiteren Per­sonalabbau solange auszusehen, bis der Gesetzentwurf über eine zweite Abände­rung der Personalabbauverordnung vom Reichs­tag verabschiedet ist.

Damit find die Abstimmungen erledigt, und die sozialpolitische Aussprache wird fortgesetzt.

Abg. Frau Teuschmann betont, das Zen­trum habe immer mit allem Eifer die Sozial­politik gefördert. Wir verlangen ein Obligato­rium für die Familien-Krankenversicherung, vor allem eine Ausdehnung der Familien-Wochcn- hilfe. Die Verwaltung der Sozialversicherung muh vereinfacht und verbilligt werden. Der Gesetzent­wurf über die Erwerbslosenversicherung sollte möglichst schnell verwirklicht werden. Für die Erwerbslosenfürsorge in dem besonders schlecht gestellten besetzten Gebiet müßten auch Zuschüsse aus dem unbesetzten Gebiet geleistet werden. Die furchtbare Rot de Kkeinrentner erforderte die schleunige Herausgabe der Ausführungsbestim­mungen zur Fürsorgeverordnung. Wir halten nach wie vor am normalen Achtstundentag fest, aber er darf nicht zum starren Schema werden, sondern muh sich den Produktionsnotwendigkeiten an- passen. Ein Arbeitsgerichtsgeseh mutz schleunigst vorgelegt werden.

Abg. S t e t t e r (K.) bezeichnet es als eine widerliche Heuchelei, wenn diejenigen Parteien über die Sozialpolitik sprechen, die durch ihre Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz erst den Abbau der Sozialpolitik ermöglicht hätten. Von diesem Reichstag, diesem Geldsackparlament könne das Proletariats nichts erhoffen, es müsse sich selber helfen.

Abg. Thiel (D.Vp.) fordert In erster Linie eine bessere und direkte Versorgung der Kriegs­opfer, denen in der Inflationsperiode bitteres Unrecht angetan worden sei. Die Sozialversiche» rnug muh dem sozialistischen Monopol entzogen und auf einer berufsständigen Grundlage auf- gebaut werden. Die Erwerbslosenfürsorge mutz in eine Erwerbslofenversicherung un gewandelt werden. Ein Dogma des Achtstundentages bestehl für vernünftige Arbeitnehmer nicht, aber die Be­messung der Arbeitszeit darf nicht der Willkür des Arbeitgebers überlassen werden. An Stelle des Schlichters sollte eine Körperschaft über die Derbindlichkeitsercklärung von Schiedssprüchen entscheiden.

Abg. Fahren horst (Rat.-Soz.) meint, es Set eine Schande, daß man erst vom Reichstag die

Pflichterfüllung gegen die Kriegsopfer fordern müsse. Wir verlangen vollständige Aufwertung der den Kriegsbeschädigten gezahlten Abfindungen und Renten, Gefängnisstrafen für -Unternehmer, die Kriegsbeschädigte entlassen, einen Ehrensold von monatlich 100 Goldmark für die Altvetera­nen von 1864, 66 und 70. Die vorbildliche So­zialpolitik der kaiserlichen Zeit sei von den nach­novemberlichen Regierungen in Grund und Boden versaut worden.

Abg. Ziegler (Dem.) erklärt, eine wirk­same Sozialpolitik werde erst möglich fein.nach der Lösung des Reparativnspvoblems. Für die Kriegsbeschädigten müsse besser gesorgt werden. Besonders müssen die Verhältnisse der Krieger­witwen und Kriegerwaisen nachgeprüft werden. In der Krankenversicherung hat sich die Form der Ortskrankenkasse am besten bewährt. Im Ar­beitsnachweiswesen ist der Betrieb zu bürokra­tisch. Wenn es notwendig war, ist die Arbeiter­schaft immer zur Leistung von Ueberstunden be­reit gewesen, aber der Achtstundentag darf nicht beseitigt werden. Wir hallen es nicht für richtig, datz Juristen an die Spitze der Arbeitsgerichte treten.

Abg. Schwarzer (Daher. Vp.) verlangt eine grundlegende Aenderung in der Versorgung der Kriegsbeschädigten. Der größte Teil der Be­dürftigen gehe jetzt trotz der Zusahrente leer aus. Die Zusahrente sollte einfach zur Grundrente zu­geschlagen werden.

Abg. Hetzel (Wirtschastl. Dgg.) bedauert gleichfalls die unzureichende Versorgung der Kriegsbeschädigten und verlangt vom Reich Hilfe für den Mittelstand, der durch die staatlichen Ver­fügungen in der Inflationsperiode an den Bettel­stab gebracht worden sei. Don Art. 164 der Ver­fassung, der dem Mittelstand den Schuh des Reiches verheißt, sei nie Gebrauch gemacht worden.

Abg^ Jen h en (Deutsch-Soz.) betont, Hilfe sür die Rotleidenden und Bedrängten sei der beste Schutz der Republik. Dem Leihkapital, den Wucher­zinsen und der Dividendenpolitik der Banken müsse zu Leibe gegangen werden, dann würde auch Geld für die sozialpolitischen Aufgaben da sein. Damit schließt die Aussprache.

Die Anträge, die die Kriegsbeschädigten be­treffen, werden einem besonderen Ausschuß, die übrigen dem Sozialpolitischen bzw. Volkswirt­schaftlichen Ausschuß überwiesen. Um 7>/2 Uhr ver­tagt sich das Haus auf Dienstag 12 Uhr. Auf Der Tagesordnung stehen Interpellationen über d i e R o t l a g e de r Lan dw i rt schäft unddes Weinbaues.

Die Etatberatung im Hessischen Landtag.

(Eigener Bericht unserer Darmstädter Redaktion.)

Präsident Adelung eröffnet die Sitzung um 9V2 Uhr.

Am Regierungstisch: Staatspräsident Ul­rich, sowie die Minister Henrich und von Brentano.

Die Spezialdebatte zumStaatShaushalt für 1924

wird bei Kap. 9 und 10 fortgesetzt, die zusammen beraten werden. Sie behandeln den Anteil aus den Reichs steuern usw., sowie die Lan­dessteuern, indirekten Auflagen usw. Der Ausschuß beantragt, an Mehreinnahme aus den Reichssteuern 6000 000 Ml. in den Haushalt einzustellen und die gesamte Summe auf 26474 000- Mark festzusetzen. Ferner wird beantragt, einem sozialdemokratischen Antrag zuzustimmen, bei der Reichsregierung dahin zu wirken, daß für die endgültige Veranlagung der Reichseinkommen- steuer die progressive Ausgestaltung des Einkommentarifs angewandt wird.

Zu demselben Kapitel liegen noch folgende Anträge der Deutschen Voltspartei vor:Der Landtag möge beschließen, die Regierung um Anweisung an die zuständigen Behörden zu er­suchen:

1. bei Stundungen und bei Erlatzvon Steuerschulden mit Rücksicht auf die be­stehende Wirtschaftslage in weitherziger Weise zu verfahren und den berechtigten Wün­sch, n der Steuerzahler weitgehendes Entgegen­kommen zu gewähren:

2. den Kleinrentnern und denjenigen Steuetpslichtigen. die denRachweis e bringen, daß ihr Kapitalvermögen im wesentlichen aus Hy- pothekenforderungen, Staatsanleihen und Obli­gationen besteht, auf Anfordern die S teuer - schulden gänzlich zu erlassen."

Ferner wird beantragt, der Landtag möge unter Ablehnung des Artikels 1 des Finanzge- sehes beschließen die Regierung zu ersuchen, als­bald eine neue Vorlage des Finanzgesetzes aas- zuarbciten, durch die a) die Sähe der Grund­steuer vom landwirtschaftlichen D e- s i h den Sähen der preußischen Grundsteuer an­geglichen werden, b) die Sähe der Gewerbe- steuer um dieHälfte herabgesetzt wer­den c) die Sonder st euer vomGebäude- besitz in Wegfall kommt.

Abg. Lux (Soz.) teilt als Berichterstatter mit, daß von dem ersten Antrag der Deutschen Dolkspartei der erste Punkt vom Finanzausschuß angenommen sei der zweite wurde der Regierung als Material überwiesen. Der zweite Antrag der Deutschen Voltspartei ist abgelehnt worden, Außerdem hat der Ausschuß einen sozialdemo- kratischcn Antrag angenommen, der u. a. vorsieht daß etwaige Erträge aus der Wohnungswirtschafi nur zur Befriedigung des Bedarfs an Klein­wohnungen Verwendung finden dürfen. Eben­falls stimmte der Ausschuß einem Zentrumsan­trag auf Steueifftundung im besetzten Gebiet za.

Zu Kap. 10 beantragt der Ausschuß u. a., die Regierung zu ersuchen, dem Landtag späte­stens bis zum 1. Oktober eine Uebersicht über den Eingang aus Sondersteuern von Gebäuden vorzulegen, um hiernach darüber Beschluß fassen zu können, wie weit die Mehreingünge für die Förderung deS Wohnungsbaues verwendet wer­ben können.

Abg. Brauer (Dnll) verliest sodann nach­stehende Erklärung seiner Partei.Die gestrigen Aeutzerungen des Staatspräsidenten Ulrich über persönliche Verhältnisse des Abg. Kindt ver­anlassen uns zu der Erklärung, daß wir das Hereinziehen von persönlichen Ange­legenheiten von Abgeordneten in die Land­tagsverhandlungen, mögen sie erwiesen oder nicht erwiesen fetn, als den bisherigen Gepflogenheiten deS Landtags zuwider aufs entschiedenste zu­rück w e i s e n müssen."

Abg. Dingeldey (D. Vp.) erklärt sich mit dieser (Srllävung einverstanden und wünscht, daß in allen Fällen persönliche Angriffe und Belei­digungen unterbleiben.

Staatspräsident Ulrich stimmt ebenfalls der Forderung zu, meint aber, daß in manchen An­trägen ein persönlicher Ton angeschlagen sei.

Abg. Schott (D. Vp.) spricht zu Kap. 10. Er zeigt an einer Reihe von Beispielen, wie Landwirtschaft und Weinbau unter den 3m- verhältnissen leiden. Der Redner tritt für Steuer- stundung ein, und empfiehlt die Anträge der Deutschen Volkspartei zur Annahme.

Abg. Dr. Büchner (Dem.) bespricht Steuer­fragen vom Standpunkt der Industriellen aus.

Abg. D i e h l - Hochweisel (Bbd.) setzt sich mit den SteueraufstÄungen des Abg. Lux aus­einander.

Abg. Dr. Greiner (Komm.) erklärt, diesem Staat würden die Kommunisten keine Steuern bewilligen.

Finanzminister Henrrch bemerkt zu den allgemeinen Klagen über die Steuern, er schließe sich ihnen an. Was Hessen mehr als andere Län­der an Staatssteuern erhebe, das werde an Ge­meindesteuern gespart. Die Anträge der Deut­schen Volkspartei bedeuteten einen Ausfall von 17 Millionen. Eine neue Vorlage des Finanz- gesehes auszuarbeiten, sei technisch nicht durch- siihrbar. Bei der Stundung von Landessteuern werde Entgegenkommen gezeigt werden.

Um 1 Uhr werden die Verhandlungen abge­brochen. Rächste Sitzung morgen 9 Uhr.

Anträge.

Dem Landtag ist ein Antrag Brauer und Gen. zugegangen, im Staatsvoranschlag die Stellvertretungs- und Aushilfe- ko st en sämtlicher Hauptabteilungen um 75 Proz. und die Postgebühren um 50 Proz. herabzusehen.

Die Abgg. S t u r m f e l s und Gen. bean­tragen, die Regierung aufzufordern, dem Landtag eine Vorlage über eine Reureg elung der ärztlichen Gebührenordnung vorza- legen.

Die Abgg. Sturmfels, H o f m a n n-Sel.. Dr. Werner, Reiber und Greiner bean­tragen, die Regierung zu ersuchen, die Kreisge­sundheitsämter anzuweisen, daß sie die wieder­holte Aufforderung zur Impfung "un­terlassen, falls der Erziehungsberechtigte, nachdem er einmal wegen Unterlassung der Impfung sei­ner Pflegebefohlenen rechtskräftig bestraft worden ist, die eidesstattliche Versicherung abgibt, daß er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, seine Pflegebefohlenen impfen zu lassen.

Abg. Reiber beantragt, der Landtag möge besstlietzen, daß der für Den Anlauf von Kunstwerken vorgesehene Betrag von 2000 Mk. auf mindestens 15 000 Mk. erhöht wird mit der Maß­gabe, daß die Erhöhung wenn irgend angängig, Hessischen Künstlern zugute kommen soll.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 27. Juni 1924.

Die (Hieszener Jugendherberge auf dem Hoherodskopf.

_Wer allzeit hinterm Ofen sitzt, Grillen fängt und Hölzlin spitzt, Und anDre Länder nie beschaut. Der bleibt ein Rarr in seiner Haut!"

So fang dereinst schon Ha n s Sachs, und wir geben ihm gerne recht, aberFroh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt, man hat die Mittel!" reimt Wilhelm Busch sehr t.ef- sinnig, und wir müssen ihm auch recht gebend Da nun heuer gerade die Mittel so rar sind, ganz besonders bei der wanderlustigen Jugend, so muß ein neuer Weg gefunden werden, um den jungen Menschen das Wandern und Rei.en zu ermöglichen, die neben frohem Herzen und leichtem Sinn auch nur mit leichtem Säckel aus­gerüstet sind. Dazu sind unsre Jugendherbergen da, die weitverzweigt sich bereits über ganz Deutschland und Oesterreich erstrecken.

Eine neue Masche in dem großen Retz soll unsre Jugendherberge au f dem Hoherodskopf werden. Dort steht auf dem höchsten Gipfel, unmittelbar hinter dem Klubhaus, das sogenannte Schweizerhäuschen, ehemals für Zwecke der Obersörsterei erbaut, im, Krieg Russen- quartier und gegenwärtig malerisch verwildert. Leere Fenster- und Türhöhlen grinsen dich an, fehlende Ziegel und ein schlecht eingefugter Ka­min geben dem gefährlichen Wasser Zutritt von oben, so daß die Decke unb einige Balken sehr mitgenommen sind. In diesem Frühjahr drohte ihm der Abbruch: da hat es der Verband für Jugendherbergen gerettet, um es zu.einem Heim für die wandernde Jugend werden zu lassen, wo sie nach des Wandertages Mühe eine würdige, einfache Unterlauft finden kann, ohne Verpflich­tung und ohne Versuchung zu größeren Geld­ausgaben, ganz auf sich selbst gestellt, wie es dem Sinn unserer gesunden Jugend entspricht. Unb das Häuschen auf dem Oberwald ist wohl geeignet, ein schönes Rest zu werden: nach heimi­scher Sitte sind die Wände mit grünen Schindeln bekleidet, und freundlich leuchtet daS rote Ziegel­dach durch die Bäume. Im Erdgeschoß soll eine Küche unb der Schlafraum für Mädchen einge­richtet werden, der ganze erste Stock soll den Buben gehören, und das Dachgeschoß wird mit Strohsäcken für Her bei gShochbe trieb ausgerüstet. Sogar stärkere Schulllassen sollen im Häusel Platz finden, um Gelegenheit zu haben, den Vogelsberg einmal wirklich kennenzulernen, unb nicht zu denken, es sei bloß ein dunkelbrauner Fleck auf der Landkarte. Auch im Winter wird die Her­berge der sporttreibenden Jugend eine gastliche Stätte fein. Jedoch ich muß auf Dusch zurück- kornmen unser Heim kann nur werden, wenn totrdie Mittel" zum Ausbau aufbringen können. Eine Haussammlung soll unferm Werk zu Hilfe kommen, und es steht zu hoffen, daß die fugend- lichen Sammler in der nächsten Woche Überall offene Herzen unb Hände finden werden, damit der Ausbau im Laufe dieses Sommers noch er­folgen kann. Dr. F.

Universitäts-Gottesdienst.

Am Sonntag, 29. Juni, vormittags IV L Uhr, fmbet in der Reuen Aula ein älniversitäts- Gottesdienst statt, zu dem in erster Linie die An­gehörigen der Uniöerfität eingeladen sind. Selbst­verständlich hat auch jeder andere Zutritt. Die Predigt hält Pros. Hans Schmidt.

* * Die Besteuerung der von Ame­rika freigegebenen deutschen Ver­mögen. Der Treuhänder in Washington hat in seinem Tätigkeitsbericht für 1923 gesagt daß die Rutznießer des Gesetzes vom 4. März '1923 ab­geneigt sind, ihr Vermögen zurüctzuerlangen in der Furcht und dem Glauben, ihnen werbe es zum größten Teil aus irgendeine Weise wieder abgenommen. Diese Annahme findet in vielen

Zuschriften, die an bte Amerika-Abteilung deS Hansabundes gelangen, ihre Bestätigung. Wit Bezug hierauf hat nun der Hansaband, wie er unS mitteilt, eine Anfrage an den Reichsminister der Finanzen gerichtet, der unterm 17. ds. Mts. da­rauf folgendes geantwortet hat:Die von Ame­rika auf Grund der Winslow Bill freigegebenen deutschen Vermögen unterliegen der Vermögens­steuer 1924, durch deren Entrichtung aber im Hinblick auf die niedrigen Steuersätze (371/2 vorn Laufend des steuerbaren Vermögens) eine erhebliche Schmälerung der freigegebenen Beträge nicht eintritt. Sofern das freigegebene Vermögen infolge Erbfalls oder Schenkung den Besitzer ge­wechselt hat, ist auch Erbschaftssteuer zu zahlen. Von den übrigen in Betracht kommenden Reichs- fleuem sind die freigegebenen Vermögen gemäß 8 18 des Reichsentlastungsgesetzes befreit, sie wer­den insbesondere auch nicht zur Dermögenszu- wachssteuer herangezogen."

* * Die Julimiete in Preußen. Rach einer Verordnung des preußischen Wohlfahrts- ministeriums vom 25. Juni beträgt die gesetzliche Miete in Preußen ab 1. Juli 62 Prozent der reinen Friedensmicte. Aus der gesetzlichen Miete sind nunmehr neben den Betriebskosten sämtliche auf dem Grundstück ruhenden öffentlichen Lasten zu entrichten. In Gemeinden, in denen der Zu­schlag zur ^rundvermogenssteuer mehr als 100 Prozent beträgt, ist der Vermieter berechtigt den 100 Prozent übersteigenden Betrag umzulegen.

* * Don der Stenographie. Das Hes­sische Regierungsblatt Rr. 17 enthält eine De- kanntmachung des Landesamts für das Bit dungswesen, wonach für den RachweiS der De- fähigung zur Erteilung des stenographifchen Un- terichts in öffentlichen Lehranstalten ein Prü- funasamt gebildet worden ist. Die Prüfung findet in Der Regel im Januar eines jeden Jahres in Darmstadt statt. Zur Prüfung werdeii in dev Regel nur solche Bewerber zugelassen, die in das zwanzigste Lebensjahr eingetreten sind und den Rachweis erbringen, daß sie die nötige geistig: Reife und allgemeine Bildung besitzen. D;r Prü­fung wird vorläufig bis zur Entscheidung über ein Einheitssystem das System Gabelsberger zu­grunde gelegt.

* Auszeichnung Prof. Winder­steins. Dem Leiter des Bad-Rauheimer staat­lichen Kurorchesters Hofrat Prof. Hans Win­de r stein wurde von der hessischen Staatsregie­rung der TitelGeneralmusikdirektor" verliehen.

* * Ernennungen. Ernannt würden der Lehrer Ludwig Philippi zu Rixfeld, Kreis Lauterbach, zum Lehrer an der Volksschule zu Lollar, Kreis Gießen: die Schulamtsanwärter: August A l b a ch aus Ossenheim zum Lehrer an der Volksschule zu Ober-Gleen, Kreis Alsfeld: Jakob Hartmann aus Alsfeld zum Lehrer an Der Volksschule daselbst: Adam Scharlach aus Rordheim zum Lehrer an der Volksschule zu Hemmen, Kreis Lauterbach: Friedrich Vier- heller aus Liederbach zum Lehrer an der Volksschule zu Storndorf, Kreis Alsfeld.

* * P u ppen Gegenstände des täg­lichen Bedarfs. Die Franffurter Strafkam­mer als Berufungsinstanz entschied, daß Puppen als Gegenstände des täglichen Bedarfs anzusehen seien.

* Leichenländung. Die Leiche des am Dienstag gegen Abend beim Baden in der Lahn ertrunkenen Karl Dapper ist gestern vor­mittag in der Rähe des Freibades geländet wor­den. Der Leichnam wurde nach Dem Friedhof überführt.

* * ilnfere Reichswehrkapelle gab gestern abend auf Der Liebigshohe ihr Drittes Abonnementskonzert unter Der persönlichen Lei­tung Des Obermusikmeisters L ö b e r. Die Kapelle bereitete mit ihren ausgezeichneten Darbietun­gen, die sie in exaktester Weise zu Gehör brachte, wieder einen vollen Genuß. Das sehr zahlreich versammelte Publikum wurde des lebhaften, stets wohlverdienten Beifalls nicht müde, so Daß sich die treffliche Musikerschar zu zahlreichen Zu­gaben verstehen mußte, was sie offensichtlich auch sehr gern tat. Auf Grund Der bisherigen ge­diegenen Leistungen Der Kapelle Darf man ihr für die künftigen Abonnementskonzerte Die beste Empfehlung mit auf den Weg geben.

X Der Verband evangel. -kirchl. Frauenvereine in Hessen hielt am Mitt­woch im Hindenburg eine stark besuchte vberhessische Parallel-Versammlung zu Der in Darmstadt statt­gehabten Hauptversammlung ab. Der Vorsitzende, Dekan Gußmann -Kirchberg, verlas Den Jah­resbericht 1923. Der Verband zählte zu dessen Ende 121 Vereine. Das infolge der Inflation einge­gangene Verbandsblatt soll wieder erscheinen, auch wird eine neue Geschäftsführerin angestellt wer- Den, wozu die Mittel vorhanden sind. ALdann be­handelte Dr. meß Happich- Dannstadt das ThemaGesundheit, Ehe und Familie". Die in­teressanten Ausführungen gipfelten in Der For­derung der Kameradschaft, genährt aus dem Quell der Religion. Der Vorsitzende schloß mit Dem Wunsch auf die Auswertung des Gehörten die Versammlung.

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag. Gießener Goethe-Woche: Geheimrat Prof. Dr. König:Goethe und die Farbenlehre", 8V2 -Uhr, Physikalisches Institut. Englisches Seminar: Vortrag Prof. I. A Roh.Entwicklung und gegenwärtige Lage Kanadas". Rundfunkhaus, Loberstraße: 8 Ähr Vortrag von Dr. Kohler- mann über Oswald Spengler, 81Uhr Lustiger Abend. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Das Kußverbot". Astoria-Lichtspiele:Die Ma­gyarenfürstin". Palast-Lichtsviele:Kriem­hilds Rache".

Gießener Gvethe-Woche. Man schreibt uns: Als letzte Veranstaltung der Gieße­ner Goethe-Kundgebung findet heute abenb im Physikalischen Institut ein Vortragsabeird statt, art Dem Geheimrat Professor Dr. König über Goethe und die Farbenlehre" sprechen wird. An Der Hand von zahlreichen und interessanten Vor­führungen wird der Redner über Die naturwissen­schaftlichen Htudien Goethes berichten und ins­besondere Einblick geben in hie sich über einen Zeitraum von 20 Jahren erstreckenden intensiven Arbeiten Goethes an seiner Farbenlehre. Es ist zu erwarten, daß auch dieser vielversprechenden Gocth veranstal.ung all eilig s Cnterei): entgehe i- gebracht wird. (Räheres stehe im gestrigen An­zeigenteil.)

Landkreis Gicsten.

* Kirin-Linden, 26. Juni. Die 7 0. Jubiläumsfeier des hiesigen Po­saun enchors, die am nächsten Sonntag stattfindet, bringt vormittags und nachmittags große Feiern. Am Rachmiltag wird u. a.