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Erstes Blatt
174- Jahrgang
Keltag, 27. Juni 1924
GietzenerAnjeiger
General-Anzeiger für Werhessen
vrvck Md Verlag: Vrülsl'fche Univerfitätr-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange in Sietzen. Schriftleltung und Geschäftsftefie: Zchulftratze 7.
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Achtstundentag und Politik.
Sft Genf findet zur Zeit eine „Internationale Arbeitskonferenz" statt, zu der auch eine Reihe deutscher Vertreter der Regierung, sowie der Arbeitnehmer und Arbeitgeber geladen und erschienen sind. Es war vorauszusehen, daß diese Konferenz einen erheblichen Teil ihrer Beratungen der Frage der Arbeitszeit widmen würde. Denn das Problem der Beschränkung der Arbeitszeit bewegt seit Jahrzehnten die Arbeitnehmer aller Länder, ohne bisher einer Lösung entgegengeführt werden zu können. Wohl besteht ein Washingtoner Abkommen über die Durchführung des Achtstundenarbeitstages, aber es ist nicht ratifiziert worden. Wohl ist am 1. Januar 1919 die achtstündige Arbeitszeit in der deutschen Republik eingeführt worden, aber die unerhörte Ber- schlechterung der Produktionsmöglichkeiten durch das Bersailler Diktat und besonders die Zerstörung unseres Wirtschaftslebens durch die französischen Gewaltakte in Rheinland-Westfalen haben im Verein mit den Anforderungen von Reparationsleistungen Zustände geschaffen, die eine Durchführung des schematischen Achtstundentages unmöglich machten. Die deutsche Regierung sah sich aus diesein Grunde genötigt, die bekannte Verordnung am 21. Dezember 1923 zu erlassen, die unter besonderen ä.lmständen eine Tleberschrei- tung des Achtstundenschemas gestattet und dem 'Arbeitgeber das Recht cinräumt, an 30 Tagen im Jahr eine Mehrarbeit bis zu zwei Stunden zu fordern. Es erscheint überflüssig, an dieser Stelle auf die Einzelheiten dieser Arbeitszeitver- vrdnung einzugehen, die vor allem auch dem Willen zur Mehrarbeit Einzelner Rechnung trägt, den die Revolutionsgesetze nutzer Betracht lietzen.
Jedenfalls hätte man annehmen können, dah dieser Wille zur Mehrarbeit, dec nicht zuletzt aus dem Zwange, Reparationsleistungen zu tätigen, und aus der durch die Schuld der französischen Eindringlinge ins Ruhrgebiet entstandenen katastrophalen Wirtschaftslage entsprang, bei unseren Gegnern dankbarer Anerkennung begegnen würde. Weit gefehlt! Sie sehen in der Mehrarbeit eine Schädigung ihrer Interessen, und sie suchen ohne Rücksicht aus die deutschen Produk- tions- und Lebensmöglichkeiten und ohne Rücksicht auf die Yon der ihrigen grundverschiedenen Lage in dem ausgepowerten und ausgeplünderten .Deutschland uns in ein Schema zu svannen, das anzunehmen nicht nur aus wirtschaftlichen und Derrrunftgründen unmöglich 4st. Der Grund für diese Haltung liegt nahe und ist rein politischer Art. Eine Anerkennung der deutschen Mehrarbeit würde eine Verurteilung der wirt- schafts- und friedensfeindli^hen Versailler Bestimmungen und der Gewaltpolitik und Zwangsmatz- nahmen gegen die deutsche Wirtschaft darstellen. Deshalb wird 'in Genf von den Franzosen und ihren politischen Satrapen Sturm gegen die deutsche Arbeitszeit gelaufen und versucht, möglichst viele Ländervertreter davon zu überzeugen, Latz das harmlos friedliche Frankreich keineswegs die deutsche Wirtschaft so zerrüttet hat, datz sie mit dem schematischen Achtstundentag nicht mehr auskommen kann. Auch die Arbeiterver- vertreter Belgiens, Frankreichs und Englands, die Herren Mertens, Iou- h a u x und P u l t o n bestritten nach den vorliegenden Berichten energisch die These, wonach die Mehrarbeit in Deutschland für die Erfüllung der Reparationen nötig sei. Ihnen assistierte selbstverständlich der französische Arbeitsminister Godart und der tschechoslowakische Regierungsvertreter Stern, der außerdem noch aus die Gefahren hinw'.es, die aus der Mehrarbeit in Deutschland für die anderen Länder angeblich erwachsen.
Mit Recht erinnerte der deutsche Regie- rungsvertreter, Geheim rat Lehmann, daran, daß Deutschland seit 1918 den Achtstundentag strenger als saft alle anderen Länder durch- gefühct habe. Lind mit Recht führte er dann folgendes aus:
Im Herbst 1923 sei dann durch das Zusammentreffen einer Reihe von Tlmständen eine Aenderung der ganzen Wirtschaftslage einge- treteir. Die Ruhrbesehung und ihre Folgen, die hohen deutschen Frachten, der Währungszusammenbruch und die sogenannten Micumverträge hätten die deutsche Wirtschaft völlig zerrüttet, Industrie, Handel und Verkehr zum Stillstand und die Zahl der Erwerbslosen zeitweise bis auf 5 Millionen gebracht, wobei besonders schlimm der Mangel an Kohlen wirkte. -Unter dem Zwang und 8?r Wucht dieser Verhältnisse und nach eingehender Beratung aller in ihr vertretenen Parteien sah sich die Regierung damals gez'wungen, von der Durchführung eines starren Achtstundentages abzusehen und auf tariflichem Wege in vielen Industrien seit 1923 eine Verlängerung der Arbeitszeit einzusühren, während sie noch in anderen wichtigen Industrien, wie im Bergwerksbetrieb, in der Glasindustrie und im Baugewerbe den Achtstundentag weiter durchführte. Die Regierungserklärung endet mit folgen Öen Worten:
„Ob es gelingt, der gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Herr zu werden, steht noch nicht fest, wie auch nicht zu übersehen ist, wie sich die Verhältnisse gestalten werden, wenn erst die Reparationszahlungen in voller Wucht auf uns lasteii. Das zur Zeit geltende Acbeitszeitgeseh vom Dezember 1923 ist ein Rotgesetz, mit seiner Aenderung ist unter günstigeren und besser übersehbaren wirtschaftlichen Verhältnissen zu rechnen. Die deutsche Regierung ist aber außerstande, über den Inhalt, Umfang und Zeitpunkt solcher Aende- rungen zur Stunde Bestimmtes zu sagen, sie muh sich vielmehr darin völlige Freiheit Vorbehalten. In ihrem Ramen möchte ich aber auch erklären, bah der in dem Bericht des Herrn Direktors des
Arbeitsamtes zur Erörterung gestellte Gedanke, eine Art internationaler Kontrolle über unsere Arbeitszeit einzuführen, für uns un diskutabel ist. Ein solcher Eingriff in die Souveränität wäre für uns wie für jedes andere Volk unerträgl ich, zumal es sich nach Lage aller Umstände keineswegs um ein soziales Dumping handelt. ■ **
Als Vertreter der deutschen A r b ei ter anerkannte Hermann Müller die schwierige wirtschaftliche Lage Deutschlands infolge der Reparationen und Gewaltakte, erklärte aber weiter, dah die deutsche Arbeiterschaft fordere, die Grundsätze des Achtstundentags ohne Veränderung aufrechtzuerhalten. Eine Erhöhung der Arbeitszeit dürfe nur mit Willen und Zustimmung der Arbeiter erfolgen. Ebenso dürfe eine Kontrolle der Arbeitsbedingungen in Deutschland nur dann stattfinden, wenn sie auch in allen anderen Ländern ausgeführt werde. Im Gegensatz zu Hermann Müller erklärte der deutsche Arbeitgebervertreter Vogel, dah die Arbeitgeber durchaus nicht Gegner des Achtstundentags, aber seiner schematischen Anwendung seien.
Sie seien der Meinung, dah die Arbeitszeit in Einklang gebracht werden müsse mit den An- sorderungen der Produktion. Diese Ansicht konnten die Arbeitgeber, fuhr der Redner fort, in Washington seinerzeit nicht geltend machen, ba sie dort nicht vertreten waren. Sie müssen des- halv auch die juristische und moralische Veranl- wvctung für die Washingtoner Konvention ablehnen. Der Redner schilderte dann die heutige schwierige Lage der deutschen Industrie infolge der hohen Zinssätze, infolge der allg.meiner Belastung durch die hohen Tesahungstosten, die sozialen Lasten usw., die auch von führenden deutschen Arbeiterkreisen anerkannt worden sei. Die Erklärung Iouchaur, dah der Ertrag der Mehrleistungen der deutschen Arbeiter nicht zu Reparationszahlungen, sondern zur Be-ämpfung der Arbeiterforderungen verwendet werde, müsse er als eine frivole Behauptung bezeichnen, solange Herr Iouhaux nicht Tatsachen zum Beweise seiner Behauptung an führen könne. Gegenüber dem deutschen Avbeiterde legierten Müller betonte der deutsch? Arbeitgeberdelegierie Vogel, dah seinerzeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausdrücklich vereinbart lporden sei, dah der Achtstundentag nur dann in Deutschland durchgeführl werden könne ucnn er in allen Kulturländern gleichmähig eingesührt sei. Das sei aber bis heute durchaus nicht der Fall.
Die dreitägige Debatte wurde gestern mit einer Rede des Direktors des Arbeitsamts, Albert Thomas, abgeschlossen, die sich ausschließlich. auf die Frage des Achtstundentages in Deutschland bezog. Thomas spracht größte.itcils unmittelbar zu dec deutschen Delegation gewandt, indem er im einzelnen die Rede, die der deutsche Regierungsve treter Geheimrat Lehmann gehalten bäte, durchging. Thomas gab zunächst zu, datz Deutschland in den vergangenen Jahren den Achtstundentag aus das strengste durchgeführt habe, und daß auch die 'Neuordnung den Grandsatz des Achtstundentags beibehalte, der in einzelnen Industrien auch tatsächlich weiterbestehe, hob dann aber nachdrücklich, und zuweilen leidenschaftlich. hervor, daß die Tatsache der Mehrarbeit in Deutschland eine internationale Ge-- Gcsahr bilde, und verurteilte vor allem die Abkehr in der Metallindustrie vom Dreischichtensystem. Er begrüßte die Erklärung Lehmanns, dah es sich in Deutschland bei einer Mehrarbeit nur um eine vorübergehende Mahnahme handele, und verlas eine Stelle des Sachverständigengutachtens (§ 8 B Teil 1), wo es als ungerecht bezeichnet wird, dah die Alliierten im industriellen Wettbewerb durch höhere Tlnkosten und auch höhere Gehälter als der deutsche Konkurrent behindert werden. Thomas faßte dann seine Darlegungen folgendermaßen zusammen:
Von einem autoritativen Eingreifen in die deutsche Souveränität ist niemals die Rede gewesen, aber helfen Sie mir, die internationale Garantie zu finden, die alle beunruhigten Staaten gegenwärtig von Deutschland fordern können, nämlich bei der Reparationskommission, beim gen der Sachverständigen und vor allem bei der Sachverständegenbericht und den Schluhfolgerun- wahren Methode, die für die Konferenz in Betracht kommt.
Konflikt
im Berliner StadLparlament.
Der Konflikt im Berliner Rathaus zwischen den bürgerlichen Parteien und dem sozialdemokratischen Stadtv rordnetenvorsteher hat sich gestern weiter verschärft. Die bürgerlichen Parteien gaben in der Stadtverordne.en- Versammlung eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie den Stadtverordnetenvorsdeher Haß der Parteilichkeit beschuldigen und ihm ihr Mißtrauen aussprechen. Der Stadtverorkn - tenvorsteher erklärte, dah er sein Amt nicht niederlegen werde, weil er sich keinen Verstoß gegen die Geschäftsordming habe zu chulden kommen lassen. Die bürgerlichen Parteien verl'eßen daraufhin als Pro est den Saal. Eine darauf vorgenommene Auszählung der Stad verordneten ergab die D e s ch l u h u n f ä h i g k e i t des Hauses. Die Sitzung wu^de daraufhin ausge- h oben. Eine auf heute nachmittag angesetzte Sitzung der Stad'verordnetenver ammlung dürste das gleiche Schicksal erleiden. Die Tagung des Berliner Stadtparlaments dürfte wah.'cheinlich solange unmöglich gemacht tverd n, bis das Oberpräsidium oder als zweite Instanz das preußische Innenministerium sich zur Auflösung der Berliner Stadtverordnetenversammlung genötigt sieht.
Rückkehr Von 60000 Ausgewiesenen i
Derlin, 26. J::ni. Amtlich. Ser französische Ministerpräsident hat die deutsche Regierung davon in Kenntnis gesetzt, daß seine in der französischen Kammer abgegebenen Erklärungen über die Freilasssung der Gefangenen und die Wiederzulassung der Ausgewiesenen bereits durch entsprechende Weisungen an die französische Desatzungsbehörde in die Lat umgesetzt worden sind. Wie Meldungen aus Len besetzten Gebieten bestätigen, sind diese Weisungen schon seit einigen Lagen in der Durchführung begriffen. Visher ist schon für den französischen BesetzungsaLschnitt Les altbesetzten Gebiets 7500 Familien, also etwa 30 000 Personen, die Rückkehrerlaubnis erteilt worden. Am 25. Juni hat die Rhein- landkommissron die Aufhebung weiterer Ausweisungen aus dem altbesehtm Gebiet in etwa dem gleichen Amfonge beschlossen, so Laß im ganzc n etwa 15 000 Familien bzw. 60 000 Personen die Rückkehr in die rheinische Heimat ermöglicht ist. Die gleichen Maßnahmen sollen für das neubesehte Gebiet ergehen. Sonach ist damit zu rechnen, daß in kürzester Frist dem größten Leil der Ausgewiesenen die Rückkehr ermöglicht und der Mehrzahl der Gefangenen aus der Zeit des Ruhrkampfes die Freiheit wiedergegeben wird. Früher sind bereits auch die deutschen Gefangenen aus St. Martin Le Re und anderen französischen Strafanstalten gemäß der, Zusage der französischen Regierung in Gefängnisse des besetzten Gebietes zurückgeführt worden. Ansere Wünsche in dieser, dem deutschen Volke und deÄ deutschen Regierung so sehr am Herzen liegenden Angelegenheit sind durch die Initiative der Regierung des Herrn Herriot ihrer
Verwirklichung einen erheblichen Schritt nähet gebracht. Möge das Echo, das dieser den französischen Derständigungswillen bekundende Entschluß in Deutschland sicherlich finden wird, mit dazu beitragen, daß auch die jetzt noch bestehenden Ausnahmen baldigst aufgehoben und damit baldigst sämtlichen Gefangenen und Ausgewiesenen die Freiheit und di« Heimat wiedergegeben werden.
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So unerfreulich Ton und Inhalt der untenstehenden Erklärung des französischen Minister« Präsidenten Herriot sind, so stark wird die Genugtuung über die Rachricht vom Beginn der Rückkehr eines erheblichen Teils der im Ruhr- abwehrkampf von Haus und Hos verjagten Rheinländer sein. Die Rheinlandkommission hat nach einer Havasmeldung diese Aushebung von Ausweisungsbefehlen am 25. Juni beschlossen und nach derselben Quelle sind ähnliche Maßnahmen auch vom belgischen Oberkornmissai für die belgisch besetzte Zone vorgesehen, so daf die Gesamtzahl der Heimkehrer sich noch um einige Tausend vermehren dürfte. Immerhin bleibt eine mindestens ebenso große Zahl noch weiter in der Verbannung, und es ist zu erwarten, daß die deutsche Regierung energisch darauf dringt, Latz die von ihr verlangte Aushebung aller Ausweisungsbefehle raschestens durchgeführt wird. Jedenfalls ist ein Grund zum Jubel über diese immer noch halbe Maßnahme durchaus nicht vorhanden. Das beweist nicht nur die Rede Herriots vor dem Senat, sondern auch die Tatsache, daß er den Vorschlag der deutschen Regierung, in der Frage der Micumverträge in Verhandlungen von Regierung zu Regierung einzutreten, glatt abgelehnt hat. Der Hinweis auf die Londoner Konferenz im Verein mit der Bemerkung, daß die deutsche Regierung den Zeitpunkt schlecht gewählt habe, kann kaum als stichhaltiger Grund für diese schroff ablehnende Behandlung der für uns lebenswichtigen Frage gelten.
Eme neue Erklärung Herriots.
„Deutschland muß entwaffnet werden, damit Europa in Frieden leben kann".
Paris .26. Juni. (Wolff.) Der Senat ist heute nachmittag zu einer Sitzung zusarnmeage- treten. Der neu gewählte Präsident de Sel- v e s übernahm sein Amt und hielt die übliche Eröffnungsrede. Es ergreift sodann Senator Lucien Hubert das Wort, um an den Ministerpräsidenten 10 Fragen über den Charakter, die Ergebnisse und die Folgen der in London und Brüssel geführten LInterredungen zu stellen.
Ministerpräsident Herriot verliest eine schriftliche Erklärung, die in der Hauptsache wie folgt lautet:
„Ich habe mich infolge einer herzlichen Einladung des britischen Premierministers nach Che- quers begeben, um mit ihm die Arrangements zu diskutieren, die geeignet sind, den S achv erst ändigen-Plan zur Ausführung zu bringen. Ich vertraue auf die Annahme diesesPlanes. Die Alliierten müssen nun die Sicherheit erlangen, dah ihre Forderungen an Deutschland einen kommerziellen Wert haben. Was die militärische Besetzung des Ruhrgebiets betrifft, so ist keinen Augenblick die Rede davon gewesen, die Handlungsfreiheit der französischen und belgischen Regierung aufzu- geben. Es war notwendig, die Verfehlungen Deutschlands im Dawesplan ins Auge zu fassen.
Ramsah Macdonald hat mir bestätigt, daß für den Fall, dah Deutschland versagen werde, Grohbritannien als Hüter des Vertrages sich feierlich verpflichten würde, an der Seite der Alliierten zu bleiben. Aber unsere Tlnterredung hat sich auch auf die Frage einer Garantie für Frankreich erstreckt gegen einen deutschen Angriff. Ich habe die Sicherheiten, die der Friedensvertrag gibt, nicht auf geben können. Was die Gebiete betrifft, die der französisch-belgischen Re- g i e unterworfen sind, werden die Sicherheftsbe- dingungen militärischen Sachverständigen unterbreitet.
Damit Europa in Frieden leben kann, muß Deutschland entwaffnet fein.
Erklärungen und Versprechungen können uns nicht genügen. Ich habe mich überzeugen können, daß in dieser §iage die Ansicht Macdonalds mit der meinigen absolut überein stimmt. Auch die Minister Theunis und Hymans haben sich, nachdem sie sich über die Einzelheiten unserer Verhandlungen unterrichtet haben, mit ans vollkommen einverstanden erklärt. Von feiten der deutschen Regierung war der Zeitpunkt schlecht g ew ä h l t, wenn sie einen Ve handlungsmodus oder ein neues Regime anstreben wollte, während die Alliierten zum 16. Juli die Konferenz einzaberufen beabsichtigen, die die rasche Durchführung des Sachverständigenplanes ermöglichen soll. Die deutsche Regierung hat selbst eine Interesse daran, ihrerseits so schnell wie möglich die für die Ausführung des Sachverständigenplanes notwendigen gesetzgeberischen Bestimmungen zu schaffen.
England wünscht, dah sich Deutschland durch eine unterschriebene Verpflichtung bindet. Ich habe alle Borsichtsmahregeln ergriffen, damit diese Verpslich ungen keinerlei Reuerungen des Vertrages von Versailles schassen. Ich habe mich
durch endgültige Abmachungen nicht gebunden. Das letzte Ergebnis äiefer Verhandlungen ist die Festigung des einmütigen Wunsches der Vertreter Englands, Frankreichs und Belgiens,
einen Frieden der Gerechtigkeit dir schaffen. Wir haben erklärt, dah an dem Tage, cm dem Deutschland die Verpflichtungen erfüllt hat, die ihm der Vertrag von Versailles auferlegt, es nur von ihm abhängen werde, in den Dö lker b und einzutreten. Wir haben uns dann verständigt, zu erklären, dah Deutschland nicht beunruhigt werde, wenn es loyal sei, dah aber, wenn es nicht loyal sei, ihm nichts erspart bleiben würde."
Als Herriot seine Rede beendet hatte, wurden ihm vom Senat regelrechteOvativnen bereitet Senator Lucien Hubert stellte fest, datz die Erklärung des Ministerpräsidenten ihn im ganzen befriedigt habe, allerdings unter dem Vorbehalt weiterer Auseinandersetzungen. Ich will unter st reiche n, sagte er, daß Herriot erklärt, datz im Einverständnis mit unseren Alliierten Deutschland emwaffnet werden müsse. Wenn der Ministerpräsident sein Programm durchführen kann, wird er sich um das Land sehr verdient gemacht haben.
In der Kammer, in der der Abg. Klotz Anfragen an die Regierung über die Verhandlungen von Cheguers richtete, gab Herriot dieselbe Erklärung ab. Auch Klotz versicherte, dah er befriedigt sei.
Skandal
im Tschechischen Landtag.
Emer Drahtmeldung aus Prag zufolge kam es in der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses bei den Verhandlungen über die Aufhebung der Immunität des deutschnationalen Abg. Dr. Schollich zu großen Skandalszenen. Schollich sagte in einer Erklärung, er nehme für den ihm zur Last gelegten Ausdruck (er hat in einer Versammlung gesagt, wenn die Regierung auf der Beschlagnahme des deutschen Waldes bestehe, bann werbe der Wald in Flammen und Rauch aufgehen) die Verantwortung auf sich. Er trage auch die Verantwortung für einen zweiten Ausspruch, den er hier wiederhole: „Wennes wiederzueinemKriegemit Deutschland kommt, so werden wir nicht so dumm sein wie 1 8 6 6 und auf unsere Brüder schiebe n!" Diese Worte entfesselten stürmischen Widerspruch auf tschechischer Seite und trugen dem Redner die Entziehung des Wortes durch den Präsidenten ein. Da Schollich trotzdem weiterspricht, wird er für fünf Sitzungen ausgeschlossen. Da er trotzdem die Rednertribüne nicht verläßt, erteilt der Präsident die Anweisung, den Abgeordneten durch die Par - lamentswache aus dem Saale entfernen zu lassen. Die sich bei der Abführung des Abg. Schollich abspielenden t u m u l t a r i s ch e n Szenen veranlassen den Präsidenten, die Sitzung zu unterbreche n. Rach Wiedereröffnung der Sitzung gaben sämt liche Oppositionsparteien eine Erklärung ab, worauf sie den Sitzunassaal verließen.


