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Ur. 123 Zweites Blatt

Europas zweite Arbeiterregierung.

Don Adolf Gregori, Rendsburg.

Das, mit Ausnahme des Außenministers, sozialistische Kabinett deS neuen dänischen Ministerpräsidenten, des Sozialisten S t a u ° ning, ist mit einer Mehrheit von 75 Folke- tingsabgeordneten der Sozialisten und Radi­kalen (Demokraten) gegen 74 der Gegenseite parlamentarisch schwach gegründet. Fehlen bei wichtigen Abstimmungen auch nur zwei Stimmen auf Staunings Seite (wobei man die Radikalen immer zu den Sozialisten grup­piert). und ist die Gegenseite vollzählig da, so sitzt Staunings Kabinettsschiff auf dem Trocke­nen. Anter solchen Amständen kommt der Hcll- uing des Vertreters der deutschenRord- HchleSwiger im Folketing, Schmidt-Wod- der, besondere Bedeutung bei; er kann in ge­wissen Fallen das Zünglein an der Wage bilden.

Stauning weih genau, dah er sein Regie- rnngsprogramm mit Vorsicht zu entwickeln hat, und daß er nicht in eiligem Tempo an Ver­wirklichung spezifisch sozialistischer Ideen aus dem Odenseer Programm der dänischen So­zialdemokratie Herangehen kann. Auf die Frage, welche Gesetzesvorschläge im Sommer von ihm zu erwarten seien, hat Stauning kürz­lich geantwortet: nur die absolut notwendigen, in erster Linie der Dalutaplan (Maßnahmen Kegen den Kronenfall) und die Verlängerung Des Mietgesetzes. And einem anderen Aus- ftager hat er z. D. hinsichtlich eines Kontroll­rechts der Arbeiterschaft in der Führung der Werkbetriebe gesagt, man müsse bescheiden be­ginnen, damit die Interessen der Arbeiter sich nicht von den Betrieben entfernten. Das zeigt einen in sozialgesetzgeberischer Hinsicht prak­tischen und behutsamen Mann. Stauning wird das praktisch Erreichbare im Auge be­halten; bezeichnend war sein im Winter in der deutschen Regierungsstadt Schleswig seinen deutschen Genossen in gelinder Form gemach­ter Vorwurf, die deutsche Sozialdemokratie habe im letzten Jahrzehnt über ihrem Ideen­programm zuweilen die Praxis des Lebens und der Politik zu kurz kommen lassen.

Stolz vielleicht mit etwas zu viel Stolz angesichts derradikalen" parlamentarischen Krücke Staunings schreibt die sozialistische Presse zu beiden Seiten der deutsch-dänischen Grenze von derzweiten Arbeiterre- gierungEurvpas" (neben der englischen) ,im Hinblick auf das Kabinett Stauning. Von einigem Interesse ist es, wie der sozialistische Kabinettschef Stauning seine Stellung gegen­über dem dänischen König auffaßt. Stauning erklärte, sein Ministerium stehe zum König loyal, es erkenne die bestehende Ordnung als gesetzlich auf Grund der Verfassung an und erblicke im König den obersten Beamten des Landes. Stauning behauptete, der dänische König, zu dem er die besten Beziehungen un- tterhalten habe, hege großes Interesse für die soziale Frage. Als Aufgaben der nächsten Zu­kunft, die mit dem Plan der Besserung der 'Dänischen Krone Zusammenhängen, nannte Stauning die Vermehrung der Erzeugung des Landes, Einschränkung der Einfuhr, Förde­rung des Verbrauches dänischer Ware, Stei­gerung des Exportes gewisser Industrien. Sympathie bekundete er für den Abrüstungs­gedanken. Das Kopenhagener Zentralorgan der dänischen SozialdemokratieSocialdemo­kraten" glaubt sich in Pose setzen zu sollen, in­dem es von demeigenen Gesicht" des Mini­steriums Stauning schreibt, das darin bestehe, daß ein Svzialministerium errichtet ind das Handelsministerium erweitert wor­den sei; es seien auch einleitende Schritte ge­tan, um Orden und Titel abzuschaffen.

Die BemtigEv.

Roman von Hermann Stegemann.

12 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Da rief der Amtmann mit lauter Stimme: Hütlein, nimm dein Tütlein und blas vom Antersberg ins Rheintal!" And Hütlein legte die Fiedel nieder, nahm die Trompete und ging. Der schlechte Geiger war ein guter Bläser, und als er im hintersten Winkel des Baumgartens, wo der Eichenwald über die Mauer schaute, zu blasen begann, klang es rein und lockend vom Hügel über das schwarzsilbrrn glitzernde Wasser.

Sie sahen still und tranken nicht mehr, bis hatte, dann sagte Bantiger leise:

Mara, sing!"

Sie trat stumm von ihm weg, verschwand hinter dem Rebenspalier, das Klavier schlug an. und Mara sang.

Sie saßen ft,in und tranken nicht mehr, bis ihre dunkle, leidenschaftliche Stimme vertlungen war.

Sie singt immer dasselbe," murmelte der Apotheker Hausmann.

Ja, aber man wird immer wieder heiß da­bei," flüsterte der Schifssbauineister zurück.

Gottfried Bantiger rückte der Sängerin den Stuhl zurecht, und sie blickten sich an, bewegten die Lippen, auf denen vergessene Worte brann­ten. und seine rechte Haick» verflocht sich mit ihrer linken zu schmerzhaftem Druck.

Da sprang die Ratschreiberin auf. Sie warf den blonden Kopf in den Nacken, daß ihr Haar- kvanz sich löste, reckte die Arme und rief:Ich will tanzend

Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Was die in unklaren Meldungen behaup­tete, angebliche Bereitschaft Staunings zu Verhandlungen mit Deutschland über die Festlegung und Sicherung der Freiheiten und Rechte der bei­derseitigen nationalen Minder­heiten in einem deutsch-dänischen Staatsvertrag betrifft, so hat man die Entwicklung abzuwarten. Man hat sich vor Augen zu halten, daß die dänische Sozial­demokratie sich bisher für einen solchen zwi­schenstaatlichen Minderheiten-Vertrag nicht begeistert hat und sich darauf berief, daß be­reits die dänische Gesetzgebung der deutschen Minderheit in Dänemark alles billigerweise zu Fordernde gewähre. Stauning dürste die diesbezüglichen großen Widerstände in Däne­mark kennen und sich gewiß nicht zu weit vor- wagen. Cs wäre ganz abgesehen von der zweiten dänischen Kammer, dem Landsting, sehr fraglich, ob er im Folleting eine Mehr­heit auf den Gedanken eines zwischenstaat­lichen Minderheilen-Vertrages vereinigen könnte. Cs müßte denn schon sein, daß der neue dänische Außenminister, der bisherige dä­nische Gesandte in Berlin und parteilose Graf M o l t k e, glaubte, Dänemark zum Entgelt für einen solchen Vertrag die Anerkennung der heutigen deutsch-dänischen Grenze durch die deutschen Verfassungsfaktoren besorgen zu können. Das aber ist ein recht heikles Kapitel. Denn die gegenwärtige Grenze beruht auf gewissen Angerechtigkeiten, ist grundsätzlich von den maßgebenden deutschen Faktoren nicht anerkannt, und die grund­sätzliche Ablehnung wird besonders immer und immer wieder aus dem deutschen Grenzland Schleswig-Holstein erhoben.

Das Sprachorgan des deutschen Folke- tingsabgeorüneten Schmidt-Wodder hat dieser Tage einen vernünftigen Weg gezeigt. Es schrieb, ein Minderheiten-Vertrag habe nur dann Sinn und innere Berechtigung, wenn er grundsätzlich bessere Bedingungen des na­tional-kulturellen Lebens der Minderheiten im Grenzgebiet schaffe, als Dänemark sie seinen unfreiwilligen deutschgesinnten Staatsbürgern gewähre. Sei das auf dem Wege des Gegen­seitigkeitsvertrages nicht zu erreichen, so solle Deutschland am sichersten und sachverstän­digsten über Schleswig-Holstein von sich aus solch besseres wirkliches Minderheitenrecht schaffen; das werde auf die Dauer auch der deutschen Zukunft Nordschleswigs zugute kommen.

Weil der Ausfall der Fvlketingswahlen in dem bis zur Abtretung an Dänemark deut­schen Nvrdschleswig besonders inter­essiert, so sei noch eine kleine Nachlese gehalten. Gewählt sind in Nordschleswig Schmidt-Wvd- der (Deutsche Schleswigsche Partei), Holger Andersen (Konservativer), H. P. Haussen und Amtsverwalter Pedersen (beide Venstre = Bauernlinke), Nis Nissen (Radikaler), I. P. Nielsen und Mortensen (Sozialdemokraten). Die Verdoppelung der sozialistischen Stimmen in Nordschleswig gegen die letzte Folketings- wahl soll weniger deutsch sprechenden Ar­beitern zu verdanken sein, als dem Amstand, daß es im Laufe der letzten, unter dänischer Herrschaft verbrachten Zähre gelungen sei, die dänischen nordschleswigschen Arbeiter, die sich unter der deutschen Regierung abseits von der Sozialdemokratie in dänisch-bürgerlichen, nationalen Vereinen gesammelt hätten, ins sozialistische Lager herüberzuziehen. Die Zahl der deutsch sprechenden Arbeiter - unter den Wählern der dänischen Sozialdemokratie in Nordschleswig wird in sozialdemokratischen Berichten auf 2000 bis 3000 geschätzt.

War angesichts des Amstandes, dah der Wahlkampf im nordschleswigschen Landesteil für die deutschen Nordschleswiger den Charak­ter einer nationalen Selbstbehauptung

So tanz!" antwortete der Baumeister, riß die Hand ans Maras Umschlingung und schob mit einem Ruck den Tisch beiseite. Die Gläser klirr­ten und die Früchte rollten aus den Schalen.

Also, tanz allein, tanz!" rief Bantiger lachend, als die junge Frau sich suchend nach der Musik und einem Tänzer umblickte.

Sie wurde unsicher, suchte zu entschlüpfen, aber von allen Seiten riesen sie ihr zu:

Ja. tanz, tanz allein! Tanz, Tina, tanz!"

Nur der Ratschreiber sah mit gerötetem Ge­sicht und gerunzelter Stirne und schwieg. Sie lachte befangen unD schielte nach ihrem Mann. Als sie seine üble Laune erkannte, fuhr das Hexlein aus ihr heraus.

Gut, so tanz ich allein!" trotzte sie, trank noch einmal, lief ins Ankleidezimmer, kehrte mit offenen Haaren und geschürztem Kleid zurück und tanzte zwischen Tisch und Stühlen zu Hütleins Geige einen Walzer von Lehar. Erst steif und mit einer gemachten Keckheit, die sich an ihrem unruhig blickenden Ehemann festbih, dann freier und mehr für sich und zuletzt, von der Musik getragen, in wilder Verzückung. Sie streifte ihr ganzes bürgerliches Wesen ab und erschien plötz­lich als ein fremdes, von elementaren Trieben be= wegtes Geschöpf. Der Ratschreiber starrte mit ausgerissenen Augen auf die phantastische Er­scheinung.

Sie sahen nicht mehr still, sondern rückten unruhig auf den Stühlen und stürzten den Wein in raschen Zügen.

Als Hütleins Trio den Tanz zu Ende gespielt, verharrte die Tänzerin noch einen Augenblick in dec letzten Stellung, dann sanken ihre Arme. Sie tat ein paar unsichere Schritte, um an einem

trug, die von der deutschen Grenzsozicllderno- kratie im Schleswigschen ausgegebene Parole, es solle für die dänischen sozialistischen Kan­didaten gestimmt werden, auch zu mißbilligen, so ist immerhin zu konstatieren, daß der große Stimmenzuwachs der Sozialdemokraten in Nordschleswig eine Abkehrvonden chau­vinistischen eiderdänischen Am- trieben bedeutet, welche auf weitere Einverlei­bung deulsch-schleswigschen Gebietes an Dänemark abzielen. Von besonderem Reiz ist es, dah die beiden Gegner H. P. Hanssen- Apenrade und Amtsverwalter Pedersen-Son­derburg als Kandidaten ein und derselben Partei, nämlich der Venstre, ins Folleting ge­kommen sind. Pedersen vertritt in der Grenz­frage die expansionistisch-nationalistische Flensburg-Richiung, während H. P. Hanssen für die heutige sogenannte. Clausengrenze und im übrigen fürAufsaugung" des Deutsch­tums in Nordschleswig ist.

oiim Gießener Haushalts-Voranschlag für 1924.

hielt Oberbürgermelfter Keller, wie wir nm Samstag schon mitteilten, in der Stadtverordneten-Sihung vom vorigen Freitag eine große Rede, aus der wir nachstehend den bedeutsamsten Teil wie­dergeben. Die Red.

Die vielfachen Wandlungen der Reichs- finanzpolitik in den letzten Jahren haben die FinanzpolitikderStädte in mannig­facher Weise nachteilig beeinflußt. Die Entziehung der Steuerautonomie auf dem Gebiete der Ein- kommenbesteuerung, ein äußerst bureaulratisches Dotationssystem, ein dem Wesen des freiheitlichen Volksstaates zuwiderlaufendes System der Bevor­mundung, uie Fülle unproduktiver Arbeit durch fortwährende Auseinandersetzungen mit Reich und Land beschwerten, ganz abgesehen von den Wir­kungen der Inflation, die Finanzpolitik der Städte in geradezu unerträglichem Maße und raubten ihr die Lebenselemente jeder gesunden Finanzwirt­schaft. nämlich die Aebersichtlichkeit, freie Beweg­lichkeit und Verantwortungsfreudigkeit. Die Na­tionalversammlung, in den Besitz der Reichssou- veränität gelangt, hatte die Allmacht des Reiches auf die Spitze getrieben und Aufgaben in solcher Fülle dem Reiche zugewiesen, dah es weder ver­waltungstechnisch. noch finanziell ihnen gewachsen war, ungerechnet die psychologischen Wirkungen eines stark überspannten Zentralismus und Ani- tarismus. Wie leicht vorauszusehen war, ist diese Aeberladung mit Obliegenheiten dem Reich na­mentlich in finanzieller Beziehung sehr schlecht be­kommen. so dah es zu Beginn dieses Jahres ge­zwungen war, mit bemerkenswerter Eile und Rück­sichtslosigkeit Aufgaben und Lasten auf die Län­der, bzw. nach näherer Vorschrift der Landes- gesehgebung auf die Gemeinden abzuwälzen. Es geschah dies durch die viel berufene dritte Steuer­notverordnung vom 14. Februar 1924, die in Ver­bindung mit dem hessischen Ausführungsgesetz zürn Finanzausgleichsgesetz nunmehr die rechtliche Grundlage des Finanzwesens der Städte bildet.

Durch die dritte Steuernotverord­nung erhöhte zwar das Reich die den Ländern und Gemeinden zufließenden Anteile an der Reichseinkornmensteuer und Reichskörperschafts- fteuer von 75 o. Sy auf 90 v. Sy, auch gewährte es das Danaergeschenk einer Sondersteuer vom be­bauten Grundbesitz, die sogenannte Mietzinssteuer. Es setzte aber andererseits die den Ländern und Gemeinden zukommenden Anteile an der Reichs- umsatzsteuer von 25 v. Sy auf '20 v. H. herab und schüttelte gleichzeitig in beträchtlichem Um­fange Lasten von sich ab, die es bisher ganz oder teilweise übernommen hatte. Denn nicht nur hat das Reich die den Ländern und Gemeinden ge­währten Befoldungszuschüsse volllommen ein­gestellt, sondern auch die Aufgaben der Wohl­fahrtspflege, des Schul- und Bildungswesens und der Polizei den Ländern zur selbständigen Rege­lung und Erfüllung übertragen. Dabei fällt be­sonders die Wohlfahrtspflege vom finanziellen Gesichtspunkt aus stark ins Gewicht, da infolge des Krieges und der ungünstigen wirtschaftlichen Ver­hältnisse der Kreise und die Zahl der in öffent­licher Fürsorge befindlichen Personen gegenüber der Vorkriegszeit beträchtlich erweitert ist. Zu den vom Reiche abgewälzten Aufgaben der Wohl­fahrtspflege gehören insbesondere:

1. die Fürsorge für die Rentenempfänger der Invaliden- und Angestelltenversicherung, so-

Tische Halt zu finden, strich sich geistesabwesend die blonden Haare aus dem Gesicht, atmete krampfhaft mit geöffnetem Mund und lieh sich endlich mit einem leisen Seufzer auf den nächsten Stuhl gleiten.

Da bot ihr der Baumeister das volle Glas und sagte mit heißem Kopf:

Trink, du blankes Seekind, halb Nix, halb Weib, und daß du das Aus-dir-Heraus tanzen nicht verlernst in deinem verhockten Leben!"

Mechanisch leerte sie das Glas und verschwand dann mit einem scheuen Blick, um das Haar auf- zuslecken und das Kleid zu ordnen.

Mara preßte die Lippen. Bantigers Ge­danken toaren nicht bei ihr geblieben, und das warf Unruhe in ihr Dlllt. Sie stand auf und verlangte, man solle einen Augenblick auf die Terrasse hinaustreten.

Das Ljcht des von Wolken übergangenen Mondes wanderte durch die Nacht. Kühl strich s vom See herauf.

Da war's geschehen.

Als Gottfried Bantiger ins Freie trat, fühlte er plötzlich eine seltsame Leere im Hirn. Er wollte cLtc luftige Bemerkung machen, aber es wurde >achts daraus als ein erschreckender Laut, denn er wußte auf einmal den Namen der Frau nicht mehr, deren Arm in dem seinen lag. Er wuhte nicht mehr, wo er war. Er suchte sich in furchtbarem Aufbäumen zusammenzureißen, er wollte zur Selbstermannung und zur Prüfung seines Gedächtnisses leise die Namen seiner Kin­der aufsagen, er fand auch diese nicht mehr vor, sah die Terrasse im Mvndlicht wie von einem Erdbeben geschüttelt, auf und nieder schwanken, spürte, dah ihn die Kraft verlieh, und sank, lang-

IRontag, 26. Hlai 1924 'iMüfiMranrarenrffiiwniii iiibmi miiM-ura

Weit sie nicht den Versicherungsträgem ob­liegt,

2. die Fürsorge für die Kleinrentner und die ihnen gleichgestellten Personen,

3. die soziale Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene und die ihnen nach den Versorgungsgesehen gleichgestellten Personen,

4. die Fürsorge für hilfsbedürftige Minder­jährige.

5. die Wochenfürsorge.

In Ausführung der dritten Steuernotverordnung hat das Land Hessen den Finanzaus­gleich zwischen dem Land und den Ge­meinden in einer Weise geregelt, die den be­rechtigten Wünschen der Städte leider nur wenig entspricht. Zwar Yar das Land Hessen durch die Verstaatlichung der Polizei Die persönlichen und sachlichen Polizeikosten den Städten ab­genommen. Auch sind durch Die Verstaatlichung des Volksschulwesens die persönlichen Ko­sten der Volksschule vom Staat,übernom­men worden: die sachlichen Kosten fallen Dagegen nach wie vor den Städten zur Last und haben durch Die vom Staat bewirkte Ausgestaltung des Volksschulwesens gegenüber Der Vorkriegszeit eine wesentliche Steigerung erfahren, in Gießen um rund 70 v. Sy gegenüber Dem Jahre 1914. Mar kann Dahingestellt sein lassen, ob nach verlorenem Kriege ein mit Kosten verknüpf ter Ausbau des Volksschulwesens angezeigt war und nicht die Auf­rechterhaltung des bisherigen hohen, auch vom Auslände anerkannten, Standes Des Deutschen Volksschulwesens an sich schon eine beachtens­werte Leistung für ein Volk gewesen wäre, das einen Weltkrieg verloren und mit unglaublich hohen Reparationslasten bedrückt wird. Solange der Zustand fortdauert, dah an den Hauptsäch­lichfun Reichssteuern Reich, Staat und Gemeinden mitbeteiligt find, solange also ein Finanz aus- gl e i ch unter diesen drei Steuergläubigern er­forderlich ist, Darf dies liegt schon im Worte Ausgleich dieser nur im Sinne einer gerechten und billigen Auseinandersetzung erfolgen: info- lange ist aber jeder Der drei Steuergläubiger an Der Finanzgebahrung des andern interessiert.Denn es nützt offenbar gar nichts, wenn Die Länder sparen, das Reich sich aber feine Beschränkung auferlegt, und es nützt ebensowenig etwas, wenn die Gemeinden sparen, die Länder aber von dieser Tugend entfernt bleiben. Es ist ein Trugschluß, zu glauben, daß Die Verhältnisse des Reiches ge­sunden können, wenn die Glieder, nämlich Die Länder, Der finanziellen Gesundheit ermangeln, und es ist erst recht ein Trugschluß, zu meinen, daß Die Länder auf Kosten ihrer Glieder eben Der Gemeinden gesunden könnten. Aeu- Herste Sparsamkeit in allen öffentlichen Haus­halten, billige Rücksichtnahme des einen auf Den anDern sind neben Regelung Der Reparationsfrage unD Der Aufrechterhaltung der Währung die un- erlählichen Voraussetzungen für eine Gesundung der öffentlichen Finanzen Deutschlands. Aller­dings muß zu diesem Ziele auch die Bevölkerung selbst mitwirken. Die Fälle sind aber nicht selten, dah die Bevöllerung im Interesse der Minderung des Steuerdrucks von Den öffentlichen Verwaltun­gen Sparsamkeit begehrt, in dem Augenblick jedoch, wo die Verwaltungen zu Sparmahnahmen schrei­ten, diesen Widerstand entgegensetzt. Einschrän­kungen und Sparmaßnahmen sind für eine tatkräftige, vorwärtsstrebende Verwaltung gewiß ein unangenehm empfundenes Hemmnis, sie stellen aber bei der heutigen Lage das Gebot Der StunDe dar und sind schließlich nur dem Wohle der Bevöllerung selbst dienlich.

Wenn der hessische Staat nach dieser Abschweifung komme ich Darauf zurück sonach Die Städte von Polizeikosten und Den persön­lichen Volksschulkosten, unD zwar in größerem Maße wie in anDeren ßänDern, auch entlastet hat, so hat er Doch anDererseits die Beteili­gung Der Gern einDen an den Re ich s - st e u e r n ungünstiger geregelt wie Dies in Der Mehrzahl Der übrigen Länder Der Fall ist. Der Staat Hessen beteiligt an Dem Dem Staate zu- fommenDen Anteil von der R e i ch's einkom - men- und Korperschaftssteuer die Ge­meinden nur mit 4 0 v. H. und kürzt überdies diesen geringen Anteil noch um diejenigen Be­träge, es sind 5 v. H., die er den Kreisen und Provinzen überweist, so daß für die Gemeinden letzten Endes nur 35 v. H. verbleiben: er beteiligt an Dem dem Staate zustehenden Aufkommen Der Reichsumsatz st euer Die GemeinDen mit 5 0 v. H., gleichfalls unter Kürzung Dieses letzteren Betrages um Die Den Kreisen und Provinzen zu- getoiefene Summe (5 B. Sy); er beteiligt enDlich an Dem Dem Staate zustehenden Aufkommen an Grunderwerbsteuer Die Gemeinden mit 5 0 b. Sy Sehr wesentlich ist, daß das Land Hessen die Grund- und Gewerbesteuer nun­mehr in beträchtlichem Maße für sich in Anspruch nimmt und dadurch Den Zugriff auf Steuer- vbjekte genommen hat, Die früher lediglich

sam an Maras Seite nieDergleitenb, bewußtlos z/u Boden.

Die Erinnerung beschämte ihn tief.

Es war weder der Wein gewesen, noch die Dafelfreude, weder Maras Gesang nach Tinas Tanz. Es war etwas älnheimliches, Das aus ihm selbst emporgestiegen und 41t ihm selbst wieder zur Rupe gegangen war. Ja, es war zur Rahe gegangen, war eine vorübergehende Blutleere Des überarbeiteten Gehirns, ein Gefähkrampf oder wie immer der Arzt es nennen mochte, den sie in Der Nacht von Radolsszell berübergeruDert hatten, es war etwas, Das nie wiederkehren Durfte, das nie wieDerkehrte, so wahr er hier klar und kräftig am Fenster stand.

Er besann sich Darauf, wie. er wieder zu sich gekommen war. Er hatte zuerst auf Dem kalten Stein Der Terrasse, Dann beim zweiten Erwachen auf Dem Feldbett im Giebelzimmer gelegen. Mara und Die Frau Des Pächters waren um ihn be­schäftigt, und Der graue Morgen stand vor Den Fenstern.

Ec hatte schon Damals ein Gefühl Der Be­schämung empfunden, und Der kleine dicke Arzt, Der sich an Dem falten Rehrücken und einer auf- gewärmten Pastete gütlich getan hatte, wurde unwirsch empfangen, als Mara ihn ohne Säu­men an sein Bett rief.

Ich zweifelte, ob ich Ihnen nach alter Väter Sitte zur Ader lassen sollte," waren des Arztes erste Worte gewesen.

Ein Schlagfluh?" Der Baumeister hatte laut aufgelacht.Der hatte bei Ihrer Armatur we­niger Mühe, Doktor!"

(Fortsetzung folgt?