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Mittwoch, 26. März 1924
174. Jahrgang
Erst« Blatt
GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Die auswärtige Politik des neuen Kurses.
Don Dr. Gustav Roloff, ort). Professor der Geschichte an der UmDerfität Giesen/)
III.
Aegypten. — Die Dalkansrage. — Armenien.
Deutschland hatte um so mehr Qlnlaft, das Verhältnis zu England nicht zu schwer zu belasten, als es gleichzeitig im Interesse des Dreibundes der guten Dienste Englands bedurfte. Als die Verwicklung in Südafrika begann, war Italien in seinem abessinischen Unternehmen in grober Bedrängnis und begehrte von England den Durchzug durch Zeila am Roten Meere, um einen besseren Zugang zu Abessinien zu gewinnen. England lehnte aus Gründen, die nicht deutlich erkennbar find, ab, und in 'Berlin erblickte man darin eine unfreundliche Handlung, da Italien, von England verlassen, sich versucht fühlen konnte, zu Rußland und Frankreich abzu° schwenken. Diese Stimmung kam ja in der erwähnten Aeußerung des Grasen Metternich deutlich zum Ausdruck. Bekanntlich erlitt Italien kurz daraus (1. März 1896) eine schwere Riederlage; seine Stellung in OEb.-filmen war verloren, ja zeitweilig war es fraglich, ob es seine Kriegsgefangenen aus den Händen der Sieger zurückerhalten werde. Hilfe konnte allein England bringen. Deutfchland bemühte sich daher, die Londoner Regierung zu der längst erwogenen Expedition gegen die Mahdisten, die tatsächlichen Dunlesgenofsen Alessiniens, die die sudanesischen Provinzen Aegyptens beseht hatten, zu bestimmen. Wenn man hierdurch den Italienern eine Anlehnung zu verschaffen suchte, so verband man damit den weiteren Zweck, durch die Anerkennung der dauernden Okkupation Aegyptens, die in dieser Aufforderung lag, das getrübte Verhältnis zu England wieder zu klären und Evvglaird die Verständigung mit Frankreich zu erschweren. He fester Grgland seine Herrschaft in Aegypten und im Sudan auf richtete, desto schwerer mußte ihm ein Einvernehmen mit Frankreich werden, das ihm jene Stellung mißgönnte. Rach einigen Schwierigkeiten zeigte sich England bereit, forterte aber, daß die international verwaltete Kasfe der ägyptischen Staatsschuld einen Beitrag zu den Kosten des Feldzugs leiste.. Der Dreibund stimmte im Gegensatz zum Zweibund sofort zu, uird die Expedition wurde in der Tat unter Kitcheners Führung unternommen. Wiederum traten die Versucher von Osten und Westen an Deutschland heran, während diese Angelegenheit schwebte. Russland und Frankreich gingen damit um, eine mtemattonale Konferenz zu berufen, um gegen die Verwendung der ägyptischen Gelder, ja gegen die ganze Expedition zu protestieren, und womöglich die ägyptische Frage auf- zu rollen; als sie damit nirgends Anklang fanden, legten sie Deutschland sogar nahe, es möge Kassela und andere Gsbiete, die Italien nicht mehr halten könne, annektieren: gewiß in der Absicht, Deutschland und England hierdurch völlig zu entzweien. Aber die Erfahrungen der ostasiatischen und südafrikanischen Vorgänge waren nicht verloren: j.ne Zunnutung erfuhr eine kategorische Abweisung. „Der Himmel bewahre uns vor einer solchen Torheit", schrieb der Kaiser, und Graf Hahseldt wie Holstein erklärten ben französischen und russischen Diplomaten, ien Gedanken nicht ernst nehmen zu können. Man hatte aber unter ren Diplomaten den Eindruck, daß Fürst Lobanow, der,ebenso den Ruf der Unwahrhaftigkeit wie der Zähigreit und Unternehmungslust genoß, die äghptrs^.e Frage trotzdem nicht ruhen lassen, vielmehr mit Hilfe des französischen Ministers Hanotaux, auf dessen Gef-lgschaft er zählen konnte, die Mächte zu Aeuserang-.n über die Stellung Englands in Aegypten zwingen wollte. Rur sein plötzlicher Tod (30. August 1896), der die russische Pclitil für einige Mo.rate führerlos machte, hat damals Eurvpa anscheinend vor der Gefahr schwerer Erschütterungen bewahrst.
Viel Raum boanspruben endlich die Fragen, die mit der Da l k a n ha l b in s e l und dem nahen Orient zusammenhängen. Sie sind überaus verwickelt, weil sich hier die verschiedensten Vorgänge und Interessen kreuzten. Bulgarien und feine Beziehungen zur Türkei waren ja ein alter Streitpunkt zwischen Oesterreich und Rußland, die ewigen Unruhen in Mazedonien und Kreta stellten den Frieden am Balkan in Frage, seit 1894 trat noch die armenische Schwrerngkeit hinzu, und im Jahre 1897 brach gar ein Krieg zwischen Griechenland und der Pforte aus. Die Zukunft des Osmanenstaates schien durch alle, diese Vorgänge bedroht, wad sogleich erhoben sich die Probleme, die die europäische Welt so oft beschäftigt und ihren Friedet gefährdet hatten: wem Konstantinopel und die Meerengen zulallen sollten, was aus Kleinasien, Albanien und den übrigen europäischen Ländern dec Türkei werden sollte, wie durch alle diese Veränderungen das Machtverhältnis im Mittelmeer beeinflußt wurde und bet-gl. Man kann nicht sagen, daß es dem Leser Reicht gemacht wird, sich durch dieses politische Gestrüpp hindurchzufinden, ater man muß zugeben, daß die Disposition außerordentliche Schwierigkeiten bot. Hier sei raur auf zwei Punkte der Charakteristik ber deutschen Politik hin- gewiesen.
Die orientalische Frage geriet fett etwa 1895 in stärkeren Fluß, da die, insbesondere durch die englische öffentliche Meinung morattsch unterstützte, armenische Insurrektion mit der Erschütterung des türkischen Reiches allerlei politische Fragen aufwarf und zugleich das christliche Ge- r—----—
*) Siehe „(Siebener Anzeiger" Rr. 70 vom 22. März und Rr. 72 vom 25. März,
Hessens Finanzlage.
Finanzminister Henrich begründet im Landtag die neuen Steuergesetze.
D a r m st a d t, 25. März. (Priv.°Tel.) Am Re- gierungstisch-e: Staatspräsident Ulrich, Finanzminister Henrich, Meister des Inne.n v. Brentano, Wirtschastsminister Raab und Rogierungskommissare.
Präsident Adelung: „Meine Damen und Herren, die Zusammenkunft des Landtags hat sich- notwendig gemacht, weil der Sonderausschuß, dem der Landtag am 16. Rovember v. Is. beitünmte Rechte übertragen hat, die Auffassung vertrat, die auf der Tagesordnung unter 1—3 bezeichneten Regierungsvorlagen soll en wegen ihrer einschaeiden- den Wirkungen von dem Plenum selbst erledigt werden."
Finanzminister Henrich
führte dann aus, der Landtag stehe angesichts der großen Steuerbelastungen vor schweren Entscheidungen, zumal in einem Wahljahre. Die Verab- schieoung des vorläufigen Finanzgesetzes sei grundsätzlich bedeutungsvoller als die des endgültigen Finanzgesehes mit dem Voranschlag, da heute sch)N wenigstens grundlegende Bestimmungen über die Steuern des Jahres 1924 geschaffen werden müßten Der auf Gc-ldmark gestellte Voranschlag für 1924 konnte aus bekannten Gründen jetzt erst fertiggestellt werden. Eine Verlängerung des bisherigen Voranschlags erschien untunlich, da die eingestellten Geldbeträge keinerlei Grundlagen für die Ausgaben ergaben können. Ebenso würde eine For.erhebang Lee Steuern des Jahres 1923 zu starken Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in der Belastung führen. Darum war cs notwendig, die Steuern vom 1 Llpril ab neu zu ordnen. Hierzu ist aber bet Nachweis des Tedarss unerläß rch. Wenn allerdings dec Landtag sich mit der Verlängerung des Voranschlags für 1923 mit entsprechender Vollmacht hinsichtlich des Betrags der Ausgaben cinverstanden erklärt, dann kann sich auch dir Regierung damit abfinden; sie muß aber dann ihren Steuerbedarf in anderer Weise und auf anderem Wege Nachweisen. Für diesen Rachweis liegt ein Vergleich mit dem D o rkr t eg s - bedarf nahe. Da die Gehalte heute 60 ober demnächst 70 Prozent der Friedensgehalte betragen so müßte man folgern, daß die Ausgaben für 1924 erheblich unter denen des Jahres 1914 zurück fein müßten. Das wär» richtig, wenn sich In den letzten zehn Hahren nichts im Staate und feinen Aufgaben und in seiner inneren Organisation geändert hätte.
1914 betrug der Gesamtbedarf für die Der- tixsltung 76 Millionen, für 1924 waren in dem Notetat 83 Millionen ausgeworfen, das sind
7 Millionen mehr.
Der Minister zeigt an einer Rrnhe von Ernzel- beispielen daß sich allein aus diesem Posten gegtn 1914 eine Mehrausgabe von 40 Mißionea Mark errechnet, wobei die durch die Vern.hrung der Arbeit in allen Gebieten verursachte Personal
vermehrung und die Verteuerung aller Materialien noch nicht berücksichtigt sind. Allerdings srnd | seit 1914 auch eine Reihe von Ausgab.poften weg- gefallcn (Schuld?,insen, Zivilliste usw.), die man mit etwa 30 Millionen beziffern kann. Aus diesen kurzen Darlegungen ergibt sich schon zur Genüge, daß der im Rotetat angenommene Dedar, nicht zu hoch gegriffen ist.
Der Redner bespricht dann die einzelnen Steuervorlagen. Dir allgemeine G e b ä u beste u er ist nicht beanstandet. Preußen erhebt den doppelten Betrag. Die Gewerbesteuer ist als Provisorium nur für 1924 gedacht. Die bisherigen Steuerunterlagen sind nich. mehr verwendbar, ein neues Gewer besten ergeseh konnte aus bekannten Gründen noch nicht geschaffen werden; man entschloß sich daher mit Zustimmung dec Handelskammern und dec Handwerkskammern, die Gewerbesteuer in Form von Zuschlägen za der in der 2. Steuemotverordnung vorgesehenen vorläufigen Einkommensteuer für 1924 zu erheben, und zwar in Höhe von 80 Prozent des Reichssteuerbetrags. Ob der vorgesehene Betrag von 5,5 Millionen erreicht wird, erscheint angesichts her vorgesehenen starten Ermäßigungen sehr zweifelhaft. Gleichwohl ist die Regierung bereit, dem geäußerten Wunsch zu entsprechen, daß schon nach dem Ergebnis des erste.: Zieles in eine Nachprüfung des Steuersatzes eingetreten werden soll. Eine Befreiung ganz kleiner Betriebe ist schon in dem Reichsgesehe vorgesehen. Schärfere Beanstandung erfuhr im Ausschuß die Grundsteuer vom land- und forstwirt-- schastlichen Grundbesitz.
Die Sätze sind hoch, aber nicht unerschwinglich, im Rormalfallr durchschnittlich 1,80 Mark vom Morgen. ®a£u kommt allerdings die Gemeindesteuer, die in den größeren Städten Wohl höyer, in der Mehrzahl der Landgem.inden sicher aber geringer ist als die staatliche (Steuer. Die Staffelung entspricht sozialen Rücksichten und ist auch in Preußen vorgesehen. Mit der Ermäßigung les Satzes für Vermögen unter 20000 Mk. ist die Regierung einverstanden. Unerwünscht ist es, daß die Sätze höher sind als in den meisten anderen Länderm. Die Ursache liegt aber darin, daß dessen in weit stärkerem Maße Schul- und Pott- zeilasten übernommen hat wie andere Lander, was nicht ohne Rückwirkung auf den Gemeindesteuerbedarf ist. Eine Rückwärts eoidierung der in Betracht tomm.itben Gesetze dürfte aber Wohl aus technischen wie aus politischen Gründen heute nicht mehr in Frage fommeti.
Dem größten Widerstand beg-gneie im nanzausschuß die als Gebäudesteuer vorgesehene Miet st euer nach den Bestimmungen der 3. S euer Notver ordnung. Die Regierung ging von dem Wunsche aus, die Volksvert.etung bet der Ausgestaltung dieser an sich zweifellos sehr un° I sozial wirkenden Steuer mitwirken zu lassen, obwohl sie nach § 31 der 3, Steuerrwtoerordnung
das. Recht hat, die ihr Zwangsweise auferlegte Steuer durch eigene Verordnung zu erheben. Nachdem sich in dein Finanzausschuß ergeben hat, daß eine Neigung, hierbei initzu wirken, zum Teil grundsätzlich, zum Teil in bezug auf die Höhe der Steuer auf keiner Seite vorhanden war, blieb bei1 Regierung nichts anderes übrig, als den durch den § 31 der 3. Steuernotverordnung gewiesenen Weg zu gehen.
Auch das Verhältnis, in dem die Einkommensteuer zwischen Land und Gemeinden zu teilen ist, war im Finanz,ausschuß Gegenstand lebhafter Bedenken Es ist richtig, daß die hessischen Gemeinden hierbei etwas ungünstiger dastehen als in vielen anberon Ländern. Es ist aber auch hier zu beachten, daß der hessische Staat den Gemetnben große Lasten abgenommen hat, die in anderen Ländern den Gemeinden verblieben sind. Wäre das nicht der Fall, dann könnten auch die Steueranteile der Gemeinden erheblich günstiger gestaltet werden; aber es ist wenig wahrscheinlich, daß das Mehr zur Deckung der ihnen abgenommenen Lasten ausreichen würde.
Der Redner glaubt den Nachweis erbracht zu haben, daß der Staat mindestens die angeforderten Steuern braucht, wenn er nach dem 1 April wüt er bestehen soll und daß der scheinbar höheren Belastung in Hessen gegenüber den anderen Ländern auch eine entsprechende Mehr- übemahmevon Gemeinbelasten gegen- üb rsteht Es ist schwer, in einer Zeit, in der alles im Flusse ist, Voraussetzungen für ein ganjeS Jahr zu treffen. Die Regierung ist deshalb damit einverstanden, daß die Steuern zunächst nur auf vier Monate (zwei Ziele) bewilligt werden, und hofft mit dem Finanzausschuß, daß bis dahin die Verhältnisse sich so gebessert haben, um die eine ober andere Steuer ermäßigan zu können.
Abg. Brauer (Dbd.) sendet sich besonder« gegen die staatliche (d ru n d st e u e r. 3m (Staate sollte man rascher und energischer mit Dem Abbau vorgehen. Dor allem können und müssen die Ministerien abgebaut werden, in erster Linie das Landesamt für bas tB 11 - dungswesen, bas früher auch von nur brei Beamten versorgt wurde. Der Redner stellt dann eine Reihe Abänderungsanträge zum Landes- sieuergcsetz, zum Ortspolizeigesetz und zum Volks» schulgesetz. — Vor Schluß der Sitzung gibt der Präsident noch einen bereits gestern in einem Seil der Auflage gemeldeten Antrag des Abg. Dr Osann (D. Vpt.) bekannt, der dahingeht, den Landtag mit Wirkung vom 24.Mai aufzulösen und Neuwahlen auf den 25. Mai festzusehen. Der Antrag wird auf die Tagesordnung der morgigen Sitzung gesetzt werden. Das Haus vertagt sich hierauf aus Mittwoch.
meinschaftsgefühl in Wallung versetzte. Marquis Salisbury, lec im Jahre 1895 nach dreijähriger liberaler Herrschaft die Regierung wieder über» r.cmmen hatte, begann unter tem Druck dieser Momente seine Haltung gegen die Türkei zu ändern. Während er früher die traditionelle englische Politik, den Sultan gegen Rußland zu schützen, vertreten hatte, näherte er sich jetzt dem Geränken, mit der Pforte ein Ende zu manchen und ihr Gebiet aufzuteilen. Er ließ den Wunsch durchblicken, sich hierüber mit Deutschland zu ree- ständigen. erst in einem Gespräch mit Hahfeldt, später mit dem Kaiser selbst. (August 1895.) Heber diese Verhandlung des Kaisers mit Salisbury war bisher die Oeffentlichkeit fast nur unterrichtet durch Mitteilungen des Freiherrn v. Eckardstein, eines ch maligen Botschaftssekretärs in London, die den Kaiser im übelsten Lichte erschein-:n ließen: er habe durch schroffes Austreten Lord Salisbury verletzt, eine herrliche Gelegenheit zur Erwerbung orientalischer Kolonien aus der Hand gelassen und den Anlaß zur Verschlechterung der deutsch- englischen Beziehungen gegeben. Hetzt erfährt man authentisch, daß Eckardstein hier tote an manchen anderen Stellen das Gegenteil der Wahrheit berichtet hat: nicht der Kaiser, sondern Salisbury hat es an persönlicher Rücksicht und Hoflichk.it fehlen lassen. Und in der Besprechung mit dem Kaiser ist er nicht über einige Andeutungen hinausgegangen, die der Kaiser vorsichtig, weder ablehnend noch zustimmend, beantwortet hat, um dem Botschafter die eigentliche Verhwrdlung zu überlassen. Die Zurückhaltung war berechtigt: später versuchte her englische Minister die Siche umzudrehen und behauptete, der Teilungsvor- schlog sei vom Kaiser ausgegangen, wahrend er tatsächlich schon zwei Wvch-en vor ter <<ufammen» fünft gegen Hahfeldt den Gedanken angeregt hatte. Heber die Sache selbst ist in den folgenden Monaten noch wiederholt gesprochen worden, aber zu einer klaren Fragestellung oder gar einem direkten Vorschlag hat sich Salisbury nie verstanden.
Der zweite Punkt ist Deutschlands Haltung in der armenischen Frage. In der ausländischen Presse tvar es ein Glaubenssatz, daß Deutschland — und speziell der Kaiser — jedes Eintreten für die mißhandelten Armenier abgelehnt und fo das christliche Gemeinschaftsgefühl wie die elementaren Pflichten der Humanität I verletzt habe. Aus den Akten ersieht man aber, wie ernstlich man sich in Berlin immer wieder trotz mancher Fehlschläge am die Besserung Ser
armenischen Zustände bemüht hat, w.e scharf der deutsche Botschafter dem Sultan persönlich und der türkischen Regierung ins Gewissen geredet hat und wie insbesondere der Kaiser persönlich höchst empört über die Metzeleien war: wiederholt nannte er es eine Schande für die Großmächte, Ixaf; sie den Sultan nicht zur Verhinderung der Greuel zwingen könnten, über Abdul Hamid fällte er die schärfsten Urteile und brachte seine Absetzung in Anregung. Das einzige Mal, wo die europäischen Mächte den Anne.norm toirlam zu Hilfe gekommen sind (in Zeitun in Cilicien, Ente 1895), war es deutschen Anstrengungen z.r dank.n. Freilich waren ber deutschen Regierung die Hände gebunden. Es lag außer dem Bereich ihrer Macht, den Sultan zu gründlichen Reformer zu zwingen vd-er nur die Initiative in dieser Angelegenheit zu ergreifen. Denn bei jedem tieferen Eingriff in die türkischen Verhältnisse drohe der Zusammenbruch ter Pforte, da-.rn stand aber sofort bei dem Gegensatz zwischen England und Ruß- lar-b wie zwischen Oesterveich und Rußland der Krieg um k-ie Erbschaft vor der T-""- Maßgebend Der 'lern w r das Verhält B England Rußlrnd: dieser; wünschte den Untergang Pforte zu verschieden, jenes ihn zu beschleunigen. Gewagte Kuren, die unter Umständen den Tod des „kranken Mannes" zur Folge haben konnten, tagen aljü im Interesse Englands. Aber hier kam das sch>n erwähnte Mißtrauen gegen England aufs stärkste zur Geltung; Deutschka'nd hegte nicht die feste Zuversicht, von E.vgland unterstützt zu wer- ben, we,rn es wegen etwaiger Reformvorschläge über Armenien mit Rußland in Konflikt gerate. Es hätte also vielleicht aus Gründen der Talkan- pclitik einen Zweifrontenkrieg im englischen Interesse, aber ohne englischen Beistand, auf sich nehmen müssen. Um diese Gefahr zu vermeiden, hat daher Deutschland stets dahin gewirkt, daß sämtliche Großmächte sich auf tiefgreifende Reformen in der türkischen Verwaltung einigen und sie mit den stärksten Mitteln — am besten „mit Kanonenkugeln nach Ilknz Kiosk hinein', schrieb der Kaiser — vertreten sollten. Aber hierfür war Rußland nicht zu h.rben. Mit derselben absoluten Gefühllosigkeit, mit ter es im Weltkriege die westlichen fremdstämmigen Volker in seinen Grenzen zu dezimieren suchte, sah es den armenischen Metzeleien zu. Es lehnte jeden wirklichen Reformversuch ab, weil es vom Gelingen wie Dom Mlf> liisgen eine Störung seiner Pläne erwartete. Glückten sie, erhielten die Armenier etwa, wie tfOEaeldikMwn eine Autonomie, so be
fürchtete man in Petersburg eine unbequeme Rückwirkung auf die eignen armenischen Provinzen, und eine Kräftigung der Pforte durch Reformen war unwillkommen, weil sie ihre Zerstörung, die für später in Aussicht genommen war, erschwerte; mißlangen aber die Reformen und ergaben sich daraus Verwicklungen, so wurde die ostasiatische Politik, die jetzt die russische Regierung sich zur Hauptaufgabe gemacht hatte, l-urchkreuzt. Auch England hielt sich wie angegeben zurück, obgleich cs die moralische Verpflichtung hatte, das Los der Armenier zu bessern, da die englische Agitation viel zur Verschärfung des türkischarmenischen Gegensatzes und fo zur Provokation der Blutbiäder beigetragen hatte: es kam daher rnchts von Ber:eutung zustande. Dieselben Rationen, die den Weltkrieg herbeigeführt haben, tragen auch die Verantwortung für die Blutströme, die damals in Armenien geflossen sind.
Mies in allem ist es lehre glänzende Epoche der Geschichte des Deutschen Reiches, die uns die Bände schildern, aber auch keineswegs eine unrühmliche ober erfolglose. Zwar große positive Gewinne hat Deutschland in diesem Jahrzehnt — abgesehen von Kiautschou — nicht erreicht, aber es hatte auch nicht die Aufgabe, solche Erfolge zu erzivlen. Große aktive Politik brauchte es nicht zu machen, weil kein Fragen auf der Tages? rdnung standen, die sein Ledens in tereffe berührten. Seine Aufgabe war, den Frieden in Ehren zu behaupten und zu dem Zweck sich an Macht durch die anderen Großstaaten nicht überflügeln zu lassen, in erster Linie den Dreibund als zuverlässiges Instt'ument der auswärtigen Politik zu erhalten unb zu stärken. Dieser Aufgabe ist Deutschland gerecht getoorben. Als Friedenshort hat es sich ebenso bewährt wie unter Bismarck: es wäre ihm nicht schwer geteerten, z. D. aus Anlaß der Dalkanverhältniss« einen Bruch unter den Großmächten herbeizu- führen. Wie eingangs bemerft, erkennt man deutlich, wie sich der Interx-sse-nkreis Deutschlands immer mehr ausbreitet; die nächsten Bände werden daher voraussichtlich die Beziehungen zu Amerika im fpanisch-amerikanischen Kriege und vor allem zu England um die Jahrhundertwende beleuchten: über das Mißlingen der deutsch-eng- lischen Verständigung, das so entscheidend für die Vorgeschichte des Weltkrieges geworden ist, wird man hoffentlich völlige Aufklärung erhalten.


