Ausgabe 
25.8.1924
 
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Eine Mieynung ves Londoner Vertrages ve- deutet zunächst jedenfalls die Zerstörung aller Hoffnungen, die das deutsche Volk und insbeson­dere unsere Brüder in den besetzten Gebieten he­gen. Industrie und Landwirtschaft werden noch mehr unter der Kreditnot zu leiden haben, und ob unsere bisher mühsam aufrechterhaltene Wäh- rung einem neuen Verfall dann entgegengeht, ist eine bange Frage. Die Zunahme der Arbeits- losigkeit aber ist eine bittere Folge davon. Der furchtbare militärische Druck wird auf den be­setzten Gebieten unvermindert weiter lastey. Hun­derte gefangene Deutsche, die sich für ihr Vater- land eingesetzt haben, werden dann weiter in den Gefängnissen schmachten müssen. Dielen Tausen­den Ausgewlesenen wird die Rückkehr in die Hei­mat weiter untersagt bleiben. Die Entschei­dung des Reichstages wird für Deutschland Se­gen oder Fluch bedeuten. Das ganze deutsche Volk, die ganze Welt richten ihre Augen auf uns. Das besetzte Gebiet, das unsere heißesten Wünsche begleiten, hat uns seinen Willen kund­getan. Seine Hoffnung ist erwacht und darf nicht getäuscht werden. .

Daun nimmt, von den Kommunisten mit lär­menden Kundgebungen empfangen, Reichsfinanzminister Dr. Luther dos Wort.

Ich toiH vor Ihnen die Tatsachen darlegen, die Sie selbst in den Stand sehen sollen, zu sehen, was wird, wenn der Londoner Abmachung nicht zugestimmt wird. Unsere Gesamtwirtschaft befindet sich in einer schweren Krise. Ein guter Gradmesser für den Zustand des Wirtschafts­lebens, ist ftet-S die Bewegung der Erwerbs­losigkeit. Seit dem Juni hat diese erheblich zugenvmmen, um annähernd 60 Prozent inner­halb zweier Monate, in denen sonst regelmäßig die CrwerbSIosenzahlen gefallen sind, wegen des erheblichen Bedarfs der Landwirtschaft an Hilfs­kräften. Im Ruhrgebiet sind jetzt schon rund 80 000 Kohlenarbeiter erwerbslos. Das Reich hat seit Stabilisierung der Mark seine dringen­den Verpflichtungen erfüllt, allerdings hat das Reich einen erheblichen Betrag einmaliger Ein­nahmen gehabt, die nicht wiederkehren. Diese ganze Summe von zusammen mindestens 1,6 Mil­liarden ist bis auf einen kleinen Rest verbraucht. Run hat seit einigen Monaten im Zusammenhang mit der Rvt unserer Wirtschaft die Steuerfähigkeit offensichtlich a b ge­nommen und der Reichsfinanzminister hat mög­lichst weitgehende Rücksichtnahme auf die Wirt­schaftslage des Einzelnen ar.gcoVdnet. In der Wirtschaft hat sich zum Teil unter Führung großer Wirtfchaftsverbände eine Bewegung ent­wickelt, die grundsätzliche Hinausschiebung von Steuerterminen cder allgemeinen Rachlässen er­strebt. Die sachlichen Grundlagen für ein langes Durchhalten sind unter den jetzigen Verhältnissen nicht gegeben Einer erneuten Herabsetzung der Beamtengehälter und der sozialen Unterstühungs- betrüge stehen die schwersten Bedenken entgegen. Die Ausgabendrosielungen bei den Sachxessorts dürften auch nicht immer auftechtzuerhalten fein. Es wäre zweifellos mit steigenden Ausgaben zu rechnen. Die Wirtschaft des besetzten Gebietes kann die Micumoerträge nicht mehr weiter tragen. Infolgedessen wird die Regierung eingreifen müs- s sen, und, wenn die Mittel dazu nicht vorhanden fein werden, so wird

ein völliger wirtschaftlicher und sozialer Zusam­menbruch im Ruhrgebiet

drohen und damit Die größte Gefahr für ganz Deutschland. Unserer Wirtschaft fehlt Der Kredit. Bei Richtannahme Der Abmachungen würde Die Kveditnot unvermeidlich stark fl eigen. Die Kredit­politik der Reichsbank müßte erheblich einge­schränkt werden. Auch das Vertrauen zur Renten- marf' würde leiden, und die Reichsbant würde ihr» Hauptaugenmerk Darauf richten müssen, Den Kurs der Rentenmark zu halten.

Def Plan, durch Umgründung der Rentenbank die Hunderte von Millionen kurzfristiger land- winschastlicher Kredite in langfristige zu verwan­deln, würde gegenstandslos.

Die zahlreichen in ^Deutschland la.fmden kurz­fristigen ausländischen Kredit? wir er en'tue c nid); oder richt zu > en gleiten Be in yun en ve - längert werden. Die Verschärfung De Kre^itn t beDcu'.ct Weitere Arueitslo igkeit. Schließlich muh so der Zeitpunkt kommen, daß Reich, Länder und Gemeinden ihre einfachsten Aufgaben nicht m hr erfülle i körnen De Au.- weg aus 'Der Kre.it not durch ei e neu? In­flation ist durchaus unmöglich Wir kön­nen nicht in Deutschland zum ,'w itrn Mal- künst­liches Geld machen Die Fogerung aus em von mit Entwickel en liegt für mich auf der Hand. Trotz aller Bedenken zwingt uns Der gefam.e Zustand unserer Birllcha.fi zur Annahme der Londoner Abmachungen. Denn

durch die Londoner Abmachungen hören Rhein und Ruhr auf, Reparationsprodinz zu sein.

Hierauf erhält

Reichsauflenminister Dr. Stresemann

das Wort. Er wendet sich gegen die äußerste Rechte und schildert, oft von nationalsozialisti­schen Zwischenrufen unterbrochen, Den Berkau der Verhandlungen über Die Räumung des Ruhr­gebiets. Im Vergleich zu dem ursprünglichen französischen Standpunkt in der Räumungsfrage habe London doch sehr wesentliche Vorteile für Deutschland gebracht. Die Rechte bezeichne Hemot auf Der einen Seite als einen Mann, Deffciif Räumungsversprechen nicht aufrichtig sei; au der andern Seite stelle sie ihn wieder als einen harmlosen friedlichen Menschen hin, Der aus einer Ablehnung des Dawesgutachtens gar keine Kon­sequenzen ziehen würde. Wenn auch nicht formell, so bestehe tatsächlich

ein gewisser Zusammenhang zwischen den han­delspolitischen Wünschen Frankreichs und der Räumungsfrage.

Die deutsche Delegation habe London verlassen, ohne sich Den handelspolitischen Fragen irgend­wie zu widmen. Es wäre für Deutschland sicher besser gewesen, in bezug auf Den Endtermin Der militärischen Räumung etwa- nachzugeben, statt für Die künftigen WirtschaftSverHandlungen Die Trümpfe vorher aus Der Hand zu geben. (Leb­hafter Beifall.) GS sei in London auch erreicht worden, daß die Frist für die Räumung sechs bis acht Wochen früher ihren Lauf nimmt als Die übrigen Fristen. (Zuruf eines Kommunisten:Das ist fabelhaft!") Das ist nicht fabelhaft, aber das wird von Denjenigen im besetzten Gebiet begrüßt werden für die 6 bis «8 Wochen eine Rolle tptelen. (Lebhafte Zustimmung in Der Mitte.)

Wenn von der Rechten gesagt wird, die G e - t höÜLLLe sofortige RLummur erfor­

dert, so kllnge daS seltsam im Munde von Leu­ten, die sonst immer betonen, daß sich die Entwick­lung Der Geschichte nicht nach Theorien, fonDern nach realen Machtverhältnifsen richtet. (Sehr gut bei der Mehrheit.) Herriot wollte uns durch die ofortige Räumung von Offenburg und Appen­weier einen si chtbaren Beweis seines guten Willens geben. ilnD er hat sein Wort gehalten. Das anzuerkennen, nehme ich keinen Anstand. (Lärm bei Den Rationalsozia­listen; Beifall bei Der Mehrheit.) Wir können Die Außenpolitik nicht so treiben, daß wir Den Geg­ner als wortbrüchigen Schuft bezeichnen. (Beifall bei Der Mehrheit.) Daß Der 15. August 1925 Der allerletzte Termin für Die militärische Räumung des Ruhrgebietes ist, darin besteht gar kein Zwei- el. (Rufe rechts: Abwarten!) Sie (nach rechts gerichtet), geben ja den Leuten in Frankreich das beste Material, Die Daran herumdeuteln wollen.

Sehr wahr bei Der Mehrheit des Hauses.)

Der Kamps um die Befreiung ist mit London nicht beendet, sondern er hat damit begonnen.

Die deutsche Regierung betrachtet es als ihre Pflicht, auf eine Beschleunigung der Räumung hinzuwirken. Es ist ganz falsch zu behaupten, das Ruhrgebiet bleibe noch ein volles Jahr beseht. Es ist ein Unbestreitbarer Erfol g, daß ein ganz bestimmter äußerster Endtermin für Die Be- etzimg erreicht wurde. Die Machtbefugnisse Der Repko, unter denen Deutschland so schwer ge­litten hat, sind seit London diirchaus verändert. Frankreich hat dort nicht mehr Die entscheidende Mehrheit. In der Sankt ions frage sind w e - entließe Erleichterungen für uns er­langt worden. Ein großer Fortschritt ist Die Durchs­etzung des Schiedsgerichts für alle diese Fragen. Das ist doch ein ganz anderer Geist als Der Geist des Diktats, unter dem wir bisher uns befunden haben.

Die Mitglieder des Reichsverbandes Der Deutschen Industrie, Die Politisch meist weit rechts leben, haben sich gewiß nicht aus Gesühlsgründen ür das Dawesgutachten ausgesprochen, sondern weil der Verstand es ihnen gebot. Das Ruhrgebiet hört damit auf, Die Reparationsprovinz zu fein. (Rufe rechts: Ganz Deutschland wird Repara-' tionsprovinz!)

3a, und das soll auch so sein; ganz Deutschland hat die Pflicht, für die Reparationslasten zu haf­ten. Dies darf nicht der Bevölkerung des besetzten Gebietes allein überlassen werden.

Mit Zustimmung der Rechten wollte schon das Kabinett Cuno aus Der Spezialschuld des Ruhrgebiets eine Generalschuld des Deut­schen Reiches machen. Zum Segen des be­setzten Gebiets .habe ich das jetzt erreicht. (Leb­hafter Beifall, Händeklatschen Der Mehrheit.) Von Versailles bis London war ein weiter Weg, Der DeinungenD genug wax und dessen Schluß Der Anfang einer Entwicklung fein soll, Deren Ziel das Ende der nationalistischen Isolierung und Der Beginn einer neuen Aera Der Verständigung Der Völler ist. (Lebhafter Beifall unD Hände­klatschen bei Der Mehrheit des Hauses. Zischen bei Der äußersten Linken und Rechten.)

Abg. Katz (Komm.) versucht, ohne das Wort erhalten zu haben, Die sofortige Besprechung der Regierungserklärung zu beantragen.

Präsident Wallraf erllärt dazu, er sei allein berechtigt, das Wort zur Geschäftsordnung zu erteilen ober zu verweigern.

Abg. Koch (Dem.) erklärt zugleich im Ra­inen des Zentrums, Der Deutschen Dolkspartei, der Wirtschaftspartei und der Demokratischen Partei, diese Partein feien sich einig Darin, jede Maß­nahme des Präsidenten zu unterstützen, Die er zur Wahrung des Hausrechts ergreift. (Beifall bei Der Mehrheit; Lärm bei Den Kommunisten.)

Die Abgg. Scholz (D.-Rtl.) und Leicht (B. V.) schließen sich für ihre Partein den Er- tlärungfin des Abg. Koch an.

Präsident Wa llraf crklärt, er fe^e, daß er das Haus hinter sich habe und er werde nun nach Den hier ausgesprochenen Grund jähen ver­fahren.

Hierauf wird ohne Aussprache Der Einspruch des A q Dr. Schwa-z gegen f-ine Ausschließung abgeleh it, rur d e Kommunisten stimm en Da e-v n.

Präsident Wallraf schägt vcr ie n. ch e Sitzung am Montag um 12 Uhr abz?Hilten m t der Tagesordnung: erste und zweite Oefung Der Gutach engesetze.

Anträge Der Kommunisten. Deutschnationalen und der'ionalfozialisten auf Aenoerung Der Tagesordnung werde i ab elehnt. Es bleibt beim Vorschlag des Präsidenten.

Aus aller Welt.

Die Feststellung des Erzberger- Mörders Schulz in Budapest.

Budapest, 24. Aug Die Oberstadthaupt- mannschaft v röffentlicht folgende Mitteilung: Der wegen des Verdachts Der Teilnahme an der Ermordung des deutschen Reichsministers E r ft b e r g e r auf Der Oberstadthauptmannschaft in Haft befindliche angebliche Fo er st er wurde ftwe i deutschen Kriminalbeamten gegenübergestellt, Die ?u Me ern Zw ck nach Buda­pest gekommen sind. Die Kr.mrnalbeamten glauben in dem Genannten den des Mordes verdächtt en 31jährigen Kaufmann Heinrich Schulz aus Sanl- seld zu erkennen. Dieser beftrei ei aber, Der ge­suchte Schulft zu sein. Er wurde behufs eines weiteren Verfahrens der Budapester Staatsan­waltschaft übergeben.

Die nach Den Mördern Erzbergers fahndenden deutschen Kriminalbeamten waren in Dem Zimmer des Oberstadthauptniannstellvertreters, wo Die Konfrontierung mit Dem verhafteten Förster statt- fand, mit verschiedenen Photographien des Mör­ders Schulz erschienen. Ein deutscher Kriminal- beamtrr. Der Schulz persönlich kannte, trat so­fort auf Förster zu und identifizierte ihn als Mör­der Erzbergers. Förster versuchte sein Alibi zu beweisen, die deutschen Kriminalbeamten erflärten jedoch Den Beweis für hinfälli g. Rach der Konfrontierung wurde Förster alias Schulz der Staatsanwaltschaft eingeliefert. Der ungarische Iustizminister hat sich dahin geäußert, daß die Regierung zur Frage Der Auslieferung noch keine Stellung genommen habe. Gr ver­trete Den Standpunkt, daß der Gerichtshof Darüber zu entscheiden habe, sobald sich herausstellt, daß es sich tatsächlich um Den MörDer Erzbergers han­delt. In diesem Falle würde die Auslieferung ordnungsgemäß eingeleitet werden.

Der Mörder seiner Braut.

Vor dem Charlottenburger Schöffengericht hatte sich Der 23jährige Kaufmann Kohschmar zu verantworten, der in ferner Berliner Wohnung

seine Braut, Die 16jäyrigeJlCarte Majewski er­schossen und mit Hilfe feiner Mutter die Leiche im Walde bei Beelitz vergraben hat. Dec Ange­klagte, Der angab, daß ein Unglücksfall vorliege, wurde toeyn fahrlässiger Tötung zu einem Iah; sechs Monaten Gefängnis verurtrilt.

Aus Eifersucht zum Mörder.

Gestern vormittag feuerte in Reukölln ein 30jähriger Techniker auf seine Braut mehrere Revolverschüsse ab und richtete dann die Waffe gegen sich selbst. Das junge Mädchen ist kurz nach Der Einlieferung in Das Krankenhaus g.stor- ben. Der Grund Der Tat ist angeblich Eiferjucht.

Kommunisten gegen Reichsbanner.

Am SamstagabenD kam es in Köpenick in einer Versammlung zu schweren Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Angehörigen Des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Gummiknüppel, Stuhlbeine und Schlagringe spielten Dabei eine Rolle, 15 Personen würben Verletzt, Darunter zwei schwer. Der Saal wurde polizeilich ge­räumt.

Unter dem Verdacht des Gattenmordes

Wie aus Berlin gemeldet wird, hat die Kriminalpolizei Die 55jährige Witwe Marie Krüger wegen Verdachts des Gattenmvr- d e s Verhaftet. Im September 1923 wurde in Hammer in der Rahe von Landsberg ai. D. War.hr Der 73 Jahre alte Landwirt uno Stellmacher Krüger in seinem Wohnzimmer mit durchschnit­tener Kehle aufgefunDen. Frau Krüger gab an, Daß ihr Mann in geistiger Umnachtung Selbst­mord begangen habe. Als nun Frau Krüger, die schon dreimal verheiratet war, kaum ein Jahr nach dem Tode ihres drttten Mannes auf Hei­ratsanzeigen in Berliner Blättern antwortete und Dabei, wie schon früher, alte Männer, bevor­zugte, wurde die Polizei auf sie aufmerksam. Ermittelungen ergaben, daß der letzte ihrer Drei Männer, Krüger, von frember Hand getötet wor­den ist. Es wird angenommen, daß Die Frau ihre beiden anderen Männer durch Gift um» gebracht hat, um sie zu beerben.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 25. Aug. 1924.

Herr Quebeker will sich erholen.

Von Dr. W. Schweisheimer.

Die Menschen sind verschieden wie Die Kaul­quappen. Eins von diesen Lebewesen hat einen großen Kopf, das andre einen langen Schwanz. Das eine rudert ungestüm, das andere läßt sich langsam treiben. Wohl suhlt sich jedes nur, wenn es seiner inneren Ratur gemäß einher- fl rubeln Darf. Eine objektive Rorm läßt sich zwar gesetzmäßig errechnen. Mit ihr lockt man leinen Kaulquappenhund hinter einem Sandkorn hervor.

Herr Quebeker ist überarbeitet, nervös ange­spannt, geistig überlastet. Er will sich erholen. Seine Rerven müssen wieder zur Ruhe kommen. Wec findet ihm das Richtige, das rasch und sicher Hilst? Gleichgewicht seelischer Einzelstrebunaen wieDerherstellt? Reizbarleiten verschwinden läßt?

So geht Das nicht, Herr Quebeker," mahnt wohlwollend sein Chef.Sie müssen unbedingt etwas für Ihre Gesundheit tun. Da gibt es mir eines: Die ganze Lebensweise so einstellen daß Sie täglich Zeit zu Erholung und körperlicher Krästigung gewinnen. Die Rerven müssen hxi» niert werden! Bei offenem Fenster schlafen. Iedeß Morgen zehn Minuten müllern. Sehen Sie mich an! Mich hält Das morgendliche Turnen frisch, schlank und jung. Dor Dem Bureau ein einftün- Diger Spaziergang. Abends Drei Minuten kalt Duschen. Dann Atmungsgymnastik, fünf Minuten lang. Bor Dem Schlafengehen nochmal fünf Mi­nuten Freiübungen. Am Sonntag eine Wande­rung, eine Bergtour, Daß Sie abends vor Müdig- leit umsinken. Machen Sie Das einen- Monat lang und Ihre Rerven werden von Stahl werden Sie haben doch schon gemerkt, daß meine DaS sind? Ihre Konstruktion wird eisern sein!"

*

Da gibt's nur eins," sagt überzeugend Der Arzt, nachdem er einen ausführlichen Klage­bericht entgegengenommen hat.Sie müssen her­aus aus Dem Beruf, heraus aus Dem Alltags­leben. Vollkommene Ausspannung Der Rercen ist nötig. Morgen schließen Sie Ihre Tätigkeit ab, teilen Ihrem Vertreter mit, was er wissen muß unD übermorgen fahren Sie fort, an einen ruhigen, idyllischen, waldreichen Platz. Da essen Sie gut, schlafen lang, machen schone Spazier­gänge nicht anstrengend, nur zur Anregung des I Stoffwechsels, gehen früh ins Bett. Die Rerven müssen abgeregt werden! Kein Kurortbetrieb, kein gesellschaftlicher Verkehr. Rur Ruhe, ländliche Stille schone Ratur, Einsamkeit ja Langeweile. Und vor allem keine Zeitung! Keine Post nach­schicken lassen! In drei Wochen sind Sie ein anderer Mensch. Sie sind erholt und leistungs­fähig, Ihre Rerven neuen Anforderungen ge­wachsen."

Verehrter Herr Quebeker, da gibt es nur ' eins, meint der welterfahrene Geschäftsfreund und' streicht über Den schwarzen Bart.Sie müssen an einen K irort, müssen sich einer Heil­quelle nkur unterziehen. Die verloren gegangene Rervensubstanz muß erseht werden. Wissen Sie, Lecithin und Phosphor unD Mineralsalze. Sie trinken täglich Ihren Brunnen, Da werden Die nötigen Mineralsalze in wirkungsvollster Form ziigciührt. Warme Bäder helfen von außen nach. Da wird Der Körper gründlich Durchgespült, von Den Giftstoffen Der verbrauchten Rervensubstanz befreit, Platz für neue Stosse zur Anlagerung geschaffen. Ich habe mich intensiv mit dieser Materie befaßt, spreche auch aus eigener Er­fahrung. Glauben Sie mir, mir eine Badekur wird Ihnen helfen!"

Freudig schlug Herr Rervenfest Dem Er- holungsbeDürftigen auf Die Schulter, als er hörte, um was es sich handle.

Erholung? Da gibtS nur eins. Sie haben hoffentlich keinen Dottor um Rat gefragt? Doch? Da schlagen Sie sich diese grauen Theorien nur gleich aus dem Kopf. Die Rerven müssen auf» gepulvert werden! DaS Ganze ist eine Erschlaf­fung der Rerven durch immerwährende gleich­förmige Tätigkeit. Hier muß Mumm rem! An- regung! Aufputschung! Musik brauchen Sie, mo­derne Schlagermusik, Tanzlokale, da haben Sie gleich auch die körperliche Bewegung, Die man Ihnen sicher an geraten hat. DarietH! Wenn Da bei der Pointe irgendeiner Sensattonsnummer ein atemberaubender Trick auSgeführt wird, daß man weiß, ein AuStutschen. ein Falschzugreifen

unD Der Mann stürzt ab, und wenn Der ganze Zuschauerraum Den Atem anhält, wenn Die Musik schweigt unD nur Die Trommel noch aufgeregt rollt, wenn Sie selbst von Dem aufregenden, gefährlichen DilD Legschauen möchten und Doch Den Blick nicht abwenden können, lieber Freund dann spüren Sie Ihre Rerven wieder und fühlen DaS Elixier, Das Sie in neue Span­nung versetzt. Sensation I Aufregung! Amüse­ment! DaS bringt Ihnen Erholung!"

Run wußte Herr Quebeker, was ihm not tat. Er stand Da, wie noch einmal Buridans Esel, zwi­schen einer Menge verlockender, verheißender Heubündel. So konnte er sich auch zu nichts entschließen.

Er stand und dachte nach. Und kam zu keinem Ende. Dann ging er inS Bett. Schlief vierzehn Tage lang, von kurzen Ellenspausen unter­brochen. Schloß gleich die zweite Hälfte feines Urlaubs an und schlief nochmals vierzehn Tage.

Da war er wieder frisch und wie neugeboren. Und war in Der glücklichen Lage, seinem FreunD, der Erholung brauchte, ohne Hemmung, ohne Wimperzucken Den einzig richtigen" Weg dazu verraten zu können.

Metzen und der Rhönsegelflug.

Eines Der größten sportlichen Ereignisse, tie sich augenblicklich in erreichbarer Räh_- cbspi.le i, ist der Rhönsegelflugwettbewerb auf DewW a )» serkuppe. Er ist um so interessanter, als er die durch Den FrieDenSvertrag in Der raffinierte­sten Weise geknebelte Deutsche Technik und In­dustrie auf ganz neuen, ungeahnten Bahnen sieht. Erfreulich, wenn auch eigentlich selbstverständ.ich, ist Das große Interesse, Das ganz Deutschland an- Dem Rhönsegelflug nimmt. Um so ausfälliger ist Daher für jeden Rhönbesucher die Tatsache, daß *rhan auf Der Wasserkuppe so gut wie kaum einen Gießener antrifft. Interessierte Kreise auS Frankfurt, Darmstadt unD anderen Orten Der weiteren Umgebung beherrschen fast ausschließlich das Feld. Und hier sind es keineswegs nur In­genieure, Techniker, Spvrtsleute, Die zum Stu­dium Des Segelfluges Die Wasser dippe besuchen, nein, Vertreter aller Bevölkerungsschichten neh­men regsten Anteil an den kühnen Unterneh­mungen unserer Flieger.

i Wie kommt es nun, Daß Gießens sonst so vielseitig interessierte Bevölkerung sich diesen weit über lokale Bedeutung hinausgehenDen Veran­staltungen auf der Wasser kuppe fast ganz fern­hält? DeS Rätsels Lösung scheint uns in den schlechten Verkehrsverhältnissen zu liegen. Der neue Fahrplan hat Die Verbindungs­möglichkeiten zwischen Gießen und Der Wasser­kuppe durch Den Fortfall des Frühzugs nach Fulda so wesentlich verschlechtert, Daß man brüte einen Ausflug zur Wasserkuppe in einem Tage kaum mehr machen kann. Der Morgenzug Gießen ab 8,16 ist erst 2,33 nachm. in Hilders. Der lebte j Zug mit Anschluß nach Gießen verläßt Hildes bereits 8 Minuten später, lieber Gersfeld ist Die Verbindung nicht viel besser. Arn Sonntag, der ja für die meisten Ausflügler in erster Linie in Frage kommt, ist Die Verbindung von Gießen aus völlig ausgeschlossen. Der, Fahrplan Dec Reichsbahn berücksichtigt die Gießener Beange so wenig, Daß man Die Rhön von Gießen aus auf'Dem schnellsten Wege über Frank­furt erreicht. Hier hat die Eisenbahndiiektion für glänzende Verbindungen in jeder Richtung gesorgt. Diese stiefmütterliche Behandlung Der oberhesfischen Metropole in ihren Verkehrsver- bindungen mit ihrem weiteren Hinterland hat naturgemäß noch erheblich weittragendere 2lach° teile ftir Gießen zur Folge, als den nahezu gänz­lichen Ausschluß vom Rhönsegelflug. Erwähnt seien nur die sehr erschwerten Anschlüsse an die Schnellzüge nach Leipzig. Hier ist eS Sache des Verkehrsvereins, der Handelskam- mer und letzten EndeS deS Stadtparla­ments, alle Hebel in Bewegung zu sehen, um eine gründliche Abhilfe zu erreichen und für Gie­ßen die Bahnverbindungen durchzusetzen, auf die eS als wirtschaftlicher und kultureller Mittel­punkt Der Lande zwischen Weser und Main un­bedingten Anspruch hat.

Unveränderter Lebenshaltungsindex.

Die Reichsindexziffer für Die Lebenshaltungs­kosten (Ernährung, Wohnung, Heizung, Deleuch hing und Bekleidung) beläuft sich nach den Fest­stellungen des Statistischen Reichsamtes für Mitt­woch, den 20. August, auf das 1,1 Millionenfache der Vorkriegszeit. Sie ist gegenüber der Vorwoche damit unverändert geblieben.

Bornotjzcn.

T ageS kalender für OKon taff. Schneider-Zwangsinnung, 8 Uhr bei Hopfeld: Monatsversammlung. Allgemeine Ortskranken­kasse Gießen-Stadt. 8V2 Uhr imPostkeller": Or­dentliche Ausschußsihung. Rundfunkhaus, 8V2 Uhr: Bläser-Kammermusik. Lichtspielhaus:Die Taucher".

S tadtt Heater. Wir machen nochmals auf die Aufführung am Dienstag, den 26. Aug, aufmerksam und hoffen, Daß Die alte Anziehungs­kraft des so trefflichen SchwankesCharley's Tante" von Brandon Thomas sich auch diesmal bestens bewähren wird.

Gegen daS rücksichtslose Drauf- losfahren von Automobilen und Krafträdern macht eine Verordnung des Kreisamts mit Recht scharf Front. Rarnentlich in den Ortsdurchfahrten der Dörfer, aber auch auf unübersichtlichen Straßen und selbst in Gießen hat der Kraftwagenverkehr teilweise Formen ange­nommen, Die für die Bewohner der Ortschaften und Die Straßenpassanten eine stete Gefahr be­deuten. Das Kreisamt fordert die zuständigen Aufsichtsorgane auf, mit aller Energie gegen diese Unsitte einzuschreiten und bedroht rücksichtslose Fahrer mit dauernder Entziehung der für DaS ganze Reich gültigen Fahrterlaubnis.

** Maul- und Klauens euche. Schon wieDer ist Die Maul- und Klauenseuche im Kreise Gießen erneut auSgebrochen. j nachdem Der Kreis einige Wochen seuchenfrei ge­wesen war. Wie schon wieDerholt in früheren Fällen, ist Die Seuche eingeschleppt worden Durch Vieh, das, von einem Händler gekauft, in einen landwirtschaftlichen Betrieb eingestellt worden war. Der Fall beweist wieder, welche Vorsicht man beim Zukauf von Vieh walten lassen muß.

" Die Hessifche Lehrervereinigung nach dem Kurzschristsystem Stolze- S ch r e y. hielt in Darmstadt eine gut besuchte Hauptversammlung ab. Richt nur aus Darm­stadt selbst, sondern aus der ganzen Provinz Starkenburg, von Oberhessen und Rheinhessen, I Hessen-Rasfau und den Qtacbbaraebietert waren