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Frankfurt a. Dl. 11686.

Zrettag, 25. April 1924

Erster Blatt

Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrvck mid Verlag: VrLhl'sche UniverfttSt§-vuch- und Stdnöruderei R. Lange in Sietzen. Schristieitung und Geschäftsstelle: Zchulftratze 7.

Annahme von Anzeige» für die Tagesnummer bil zum Nachmittag vorher ohne jedeDerbindliS^leit.

Preis für 1 mm hohe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlid)8, auswärts 10 Goldpfennig; für Re­klame-Anzeigen v 70mm Breite 35 Goldpfennig, Plotzvorschrift 20°, Auf- chlag. - Verantwortlich ür Politik u. Feuilleton: )r. Friedr. Wilh Cangfe; ür den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Bietzen.

5-cr preußisch^ Minifterp räsident sandte an Frau Staatsminifter Helfferich nach Stresa, Dllta Siemens, folgendes Telegramm: Anläßlich des in so grausamer Weise erfolgten Todcs Ihies Herrn Gemahls, te? früheren pveu- tzischen Staatsminifters Dr. Helfferichl, spreche ich Ihnen namens des preußischen Staatsministe­riums meine wärmste Teilnahme aus.

Währungseinheiten auSdrüctt. Da die Renten- mark grundsätzlich der Goldmark gleich­gestellt ist, nimmt sie selbstverständlich an diesem Vorgang teil, dem auch die hochwer­tigen Zahlungsmittel wie der Nordamerika- nische Dollar und die schwedische Krone unterworfen sind. Gegenüber den mehrfach hervorgetretenen Versuchen gewissenloser Ge- fckäftsleute, diese Tatsache zu einer Diskre­ditierung speziell der Rentenmark zu benutzen, sowie zur Richtigstellung aller abweichenden publizistischen Darstellungen erkläre ich aus­drücklich, daß die Rentenmark nach wie vor als ein vollwertiges inländischeS Zahlungsmittel anzusehen ist und die Reichsbank, wie die neuerdings von ihr ge­troffenen kreditpvlitischen Maßnahmen und deren Wirkungen auf die Devisenkurse bewei­sen, nich't nur den ernsten Willen hat, die Sta­bilität der Rentenmark sowohl, wie der Papiermark unter allen Umstän­den aufrechtzuerhallen, sondern auch über wirksame Mittel verfügt, diese Qfi>b ;r durchzusetzen.

Ter Bayrische Ministerpräsident hat am Kommerzienrat Helfferich in Ncuftadt a. .H. namens der Staatsregierung telegraphisch eine Beileidskundgebung gerichtet, wo.in es heißt: Der tragische Hingang Ih.es hochverehrten Herrn Bruders, der aus reinster Vaterlandsliebe alle Zeit seine glänzende Begabung und seine reichen Erfahrungen, sowie feine be­wundernswerte Tatkraft restlos in den Dienst des Vaterlandes gestellt hat, e Uxckt allent­halben die tiefste Teilnahme. Die Verdienste Helfferichs um die deutsche Politik und die Dolls- wirtschaft gehören der Geschichte an und werden ihm einen unvergeßlichen Ruhm sichern. Zu reichem Wirken schien er noch berufen. Bayern war stolz auf einen solchen Sohn und bedauert mit Ihnen den unersetzlichen Verlust auf das Schmerzlichste.

Der Vorsitzende der Deutschnatio­nalen Volkspartei Staatsminifier H e r g t richtete an Frau Staatsminister Helfferich nach­stehendes Telegramm: Tlnter dem furchtbaren Eindruck von dem Hinscheiden unseres unersetz­lichen Freundes, Führers und Dorkämp ers, der ZukunftshOfchung unseres Vaterlandes, daZ seiner Besten und Größten Einen in ihm verliert, ge-

Aeußerung getan worden, daß die Rentenmark nur 60 Pfennig wert sei. Am einer Mißdeu­tung dieser Bemerkung entgegenzutreten, habe ich bei der Fortsetzung der Ausschußbesprech­ung am 11. April ausgeführt, daß in derganzeuWeltderWertdesGel- d e s, gemessen am Preisniveau der hauptsächlichsten Waren, gegenüber dem Frie­densstand im Durchschnitt umetwa40Pro- zentgesunlenist. Tedauerlich-rwe se wur­den auch diese Ausführungen in bewußter oder unbewußter Verkennung ihrer tatsäch­lichen Bedeutung benutzt, um die Sache so hm- zustellen, als hätte ich damit eine Anter- Wertigkeit der Rentenmark gegenüber der Goldmark feststellen wollen. Davon kann selbstverständlich nicht die Rede fehl, wie jedem einsichtigen-meiner Worte ohne weiteres klar sein f 3n jener Sitzung handelte es sich um die -. . - e Fest­stellung der allgemeinen r^r..öhung deS Preisstandes, die der größte Teil aller Waren erfahren hat, und die sich natur­gemäß in einer ge-ingeren Kaufkraft deS Gol­des il .j damit auch der auf Gold lautenden

Staatsminister a. D. Dr. Karl Helfferich t

Ein Opfer der Eisenbahnkatastrophe von Bellinzona.

DeNinzona, 24. April. (WTD.) Nach Dachrichten, die dem Wolffschen Bureau von dem Bruder HelfserichS, dem Direktor Wil­helm Helfferich in Mannheim und dem deut- chen Konsul in Lugano heute mittag zugegan- grn sind, ist die Annahme, daß Dr. Helfferich und seine Mutter sich unter den Opfern deS Eisenbahnunglücks von Bel­linzona befinden, zur Gewißheit geworden.

Widerspruch reizte. An den Vorarbeiten zur Stabilisierung unserer Währung, vor allem an der Schaffung der Rentenmark, nahm er hervor­ragenden Anteil. Mit Helfferich ist einer der begabtesten und fähigsten deulsch.m Politiker aus einem Leben geschieden, das bis zum letzten Atem­zug dem Wohl des Vaterlandes gewidmet war. Das Beileid der Reichs- behörden.

Berlin, 24. April. (WTD.) Der Deichspräsident hat an Frau Staats­minister Helfferich folgendes Beileidstele­gramm gerichtet: Sehr verehrte, gnädige Frau! Die Nachricht, daß Ihr Herr Gemahl und seine Mutter einem furchtbaren Eisenbahn­unglück in ter Schweiz zum Opfer xesallen sind, hat mich tief ergriffen. Ich bitte Sie, die Ver­sicherung meines herzlichen Beileids entgegen­zunehmen. Möge die allgemeine Teilnahme, die dieser Schicksalsschlag findet, Ihnen eini­gen Trost in Ihrem Auglück bringen.

Der Reichskanzler '$at an Frau Staats- Minister Helfferich folgendes Telegramm gesandt: Ti'.f ergriffen erfahre ich, daß, Ihr S)err ®> mahl durch das Bahnunglück am Gotthard den Tod gefunden hat. Aufs neue ist Deutsch­land eines seiner fähigsten Köpfe und bedeutendsten Führer beraubt worden. Während des Weltkrieges hat er feine ungewöhnliche Arbeitskraft und seine überragen­den Kenntnisse und Fähigkeiten restlos in den Dienst fernes über alles geliebten Vaterlandes gestellt. Die Geschichte, deren Blick nicht durch den Kampf der politischen Tagesmeinuna getrübt ist, die vor allem Ziel und Wollen des Schaffens prüft, wird in dem Verblichenen einen Mann sehen, der mit seiner ganzen starken Per­sönlichkeit das Glück seines Volkes er­strebte. Mit ihm persönlich verband mich, beson­ders die Liebe und Sorge für das besetzte R He i n- land, dessen Söhne wir beide sind. Ich bitte Sie, die Versicherung meiner und der Reichs- regierung aufrichtigen Trauer e.rtgegenzunehrnen.

Gez.: Reichskanzler *2Harj.

Die Stabilität derRenten- mark.

Berlin, 24.April. (Wolff.) Die im Fi- nanzpolitischen Ausschuß des Reichswirt- schastsrales letzthin gefallenen Äußerungen, daß die Renlenmark nur noch 60 Pfennige wert sei, hat zu den verschiedensten Bemer­kungen und Deutungen in der Presse geführt und weite Kreise mit Anruhe und Sorge über einen neuen Währungsver­fall erfüllt. Am über diese vielfach aus dem Zusammenhang gerissene Demerlunz Klarheit zu schaffen, und ihre völlige Bedeutungslosig­keit darzulegen, hat der R e i ch s b a n k p r ä - sident Dr. Schacht am 23.April an den Vorsitzenden des Verwaltungsrates der Deut- schm Rentenbank, Staatsminister L e n tz e, fol­gendes Schreiben gerichtet, das in seinem we­sentlichen Tell hiermit veröffentlicht wird:

Am 10. April war in einer gemeinsamen Beratung deS Finanz- und Wirtschaftspoliti- schru Ausschusses des BeichSwirtschaftsratS von eiurm Mitglieds dieser KörpersHast die

denken wir in mitfühlendem Schmerz Ihres an­endlichen Leides. Goll schütze Sie und Ihre Kin­der. Möge der Sohn Helfferichs einst im Geiste seines unvergeßlichen Vaters wirken und eie Früchte des ihm und uns zu früh Entrissenen reifen sehen.

Die deutsche Presse zum Tode Helfferichs.

B e r l i n, 24. April. (Driv.^Tel.) Zum Tod« Helffer chs schreibt dieKreuz- Zeit ung: A cht nur wir allein als seine nahen politischen Freunde können den unfaßbaren entsetzlichen Aus­gang seines Lebens noch nicht in seiner ganzen Schwere begreifen; auch das gesamte deutsche Vock, gleichviel welcher Parteirichtung und dar­über hinaus die ganze Kulturweli wird sein Ende als einen politischen Schicksalsschlag empfinden müssen. DieDeutsche Allgemeine Zeitung" sagt: Großes hat Helfferich für sein .Volk als Kritiker und Mahner in den Jahren der Opposition geleistet, Größeres noch tDO'j von ihm bei den zu erwartenden Mehrheits- verhältnissen im neuen Reichstag für die Zukunft zu erhoffen. Die ,Z e i t weist auf den schwe­ren Verlust hin, den das deutsche Volk dadurch erlitten hat, daß es kurz nach S t i n n e s nun auch Helfferich auf der Höhe seiner Schaffens­kraft verloren hat.

Helfferich habe daS eine mit Stinnes gemein, daß er mit ihm vielleicht die umstrittenste Per­sönlichkeit unseres öffentlichen Lebens war. Aber er habe mit ihm auch eine andere Eigen­schaft geteilt: er war eine unbestrittene Kapa­zität, vor deren Wissen und Können auch der politische Gegner Achtung hatte.

DieGermania" betont: Helfferich halt« viele Gegner, ja man kann sogar behaupten, daß er sehr wenig wirkliche Freunde besaß. Aber unter dem Eindruck der furchtbaren Nachricht, dir aus Bellinzona kommt, wird es nur eine Stimme des Bedauerns geben, nur ein allgemeines Ge­fühl aufrichtiger Teilnahme an dem furchtbaren Sch cksal eines Mannes, der eine der bedeu- tensten Persönlichkeiten unseres po­litischen Leben s war. Auch die «Bos­nische Zeitung" erklärt, daß die Bestätigung der Todesnachr cht nur Raum für das Gefühl schmerzlichen Bedauerns läßt, daß eine Persön- lich'eit von so ungewöhnlichen Gaben von so leidenschaftlicher Vaterlands­liebe und ungebrochener Schaffensfreude ein so furchtbares Ende gefunden hat.

Die deutsche Politik verliert in Helfferich einen ungewöhnlich kenntnisreichen Kops, die Deutschaationale Partei ihren fähigsten Mann. Daß Helfferich in mancher Hinsicht dieser Partei innerlich nichtzugehörte, war bem Ken­ner feiner Wesensart von Anfang an klar, und es ist auch bei mehr als einem Anlaß in Innern Auseinandersetzungen der Reichstagsfraktion zu­tage getreten. Es ist auch kein Geheimnis, daß Helfferich, als er sich nach dem Ausscheiden aus amtlicher Stellung zum Eintritt in das parlamen­tarische S&ben entschloß, bereit gewesen wäre, sich der Deutschen Dollspartei anzuschliehen, wenn diese ihm sofort ein sicheres Mandat zur Verfügung gestellt hätte. Freilich entsprach die Oppositionsstellung derDeutschnationalen einem Zug von Helfferichs Charatter, nämlich fei­ner mit pfälzischer Streitlust gemischten herri­schen Art, die sich durch überlegene Sachkennt­nis nur noch verschärfte und dabei nicht feiten der Gefahr erlag, von der Sachkenntnis keinen Gebrauch zu machen. Die ungewöhnliche Arbeits­kraft und das ausgebreitete Wissen Helfferichs hätten ihn vielleicht noch einmal in eine hohe Stellung gebracht, wo er verantwortungsvoll und ohne den Stachel des unbefriedigten Ehrgeizes ver­dienstlich hätte wirken können; gerade weil er fei­nen Wirkungskreis zu selbständigem positivem Schaffen hatte, war er in eine verbitterte Opposi­tion geraten.

Der so plötzlich aus einem arbeitsreichen Le­ben geschiedene stand im 52. Lebensjahr. Er war gebürtiger Pfälzer aus Neustadt a. H., wo ein Vater Fabrikbesitzer war. Der Sohn stu­dierte in München. Straßburg und Berlin (Staats- Wissenschaften, promovierte und Habilitierte sich nach großen Reisen tm Ausland 1899 in Berlin auf Grund seines Werkes überReform des deutschen Geldwesens nach der Gründung des Reiches". 1901 erschien seineHandelspolitik", die den noch nicht dreißigjährigen zum Profeckor und einen der führenden Finanzmänner Deutsch­lands machte. Er wurde im gleichen Jahr Re- erent für wirtschaftliche AngelegenH.'tten in der Kolanialabteilung deS Auswärtigen Am­tes. 1902 Legationsrat, 1905 Vortragender Rat In der Kolonialabteilung, 1906 Direktor der Anatolischen Eisenbahn, 1908 Mitglied der Direktion der Deutschen Bank und des Hansabundes. Mehrmals war er in dieser Zett Vertreter des Deutschen Reiches bei internatio­nalen Wahrungs- und Finanzkonferenzen.

Als dann der Krieg ausbrach und zur Be­wältigung der gewaltigen finanziellen Aufgaben die rein beamtenmäßig k,e,chulte Kraft des Reichs­chahsekretärs Kühn nicht mehr ausreichte. da war Helfferichs Stunde gekommen. Als Reichs- schatzselretär trat er am 16. Januar 1915 an die Spitze eines großen Zweiges der Reichs­verwaltung und führte dann drei große Kriegs­anleihen durch, die zusammen 32 Milliarden Mark ergaben. Er war wahrend dieser Zeit mehr und mehw der vertraute Mitarbeiter des Reichskanzlers geworden, so daß die-er als Staatssekretär des Innern Delbrück Im Frühjahr 1916 gesundheitlich zusammenbrach Helfse.ich am 22. Mai 1916 als dessen Nachfolger im S t a a t s - fetrctarlat des Innern und als Stell- Vertreter des Reichskanzlers berief. Als solcher gelang es ihm nicht, sich mit der Reichstags- Mehrheit auf besonders guten Fuß zu stellen; fiz warf ihm allzu kurz angebundenes, schrof.es Auftreten vor. Drrum hieß es, als im Juli 1917 die große Personalkrisis in den leitenden Stellen der großen Aemter eintrat, Helfferich werde zu- rüeftr-t it. Tat ächltch wu 6-2 er dann am 5 August 1917 zwar von der Leitung des Reichsamtes des Innern enthoben. Indessen legte fo hieß es in der amtlichen Verlautbarung der Kai er im Einklang mit den Vorschlägen des Reichskanzlers Wert darauf, daß er die allgemeine Stellvertre­tung des Reichskanzlers beibehielt und auch Mit­glied des preußischen Staatsministeckums blieb. Bei der zweiten Krisis im November 1917, tm Verlauf deren Dr. Michaelis als Reichskanzler durch den Grafen Hertling ersetzt wurde, trat Dr. Helfferich endgültig zurück. Helfferich ging im Juli 1918 an Stelle des ermordeten Grafen Mirbach-Heiss als OSer tretet des Deutschen Reiches bei der Sowjetregierung nach Moskau. Die Verhältnisse in Rußland nahmen jedoch bald eine derartige Wendung an, daß er bereits im August wieder nach Berlin zurückkehrte.

Nach der Revolution zog er sich durch sein entschiedenes Auftreten gegen Erzberger die leb­hafteste persönliche Gegnerschaft des Zentrums und der Sozialdemokratie zu. Er trat der Deutsch- nationalen Partei bei und zählte seither zu deren Führern. 1920 wurde er in den Reichstag gewählt, nachdem er vorher durch seinen Prozeß mit Erz­berger vor dem parlamentarischen älntersuchungs- ausschuß viel von sich hatte reden machen.

Im Reichstag kam allezeit sein überragen­des finanzpolitisches Wissen der poitiven Arbeit zugute, so oft auch sein scharfes, aktives Vorgehen in den Plenarfitzungen die Linke des Hauses zu

Die Wahlen in Frankreich

Deutschland marschiert am 4. Mai, in 23 Partei-Heerhaufen gespalten, in den Wahl­kampf. In Frankreich ist die Wahlbewegung noch viel verwickelter. Niemand kann heute sagen, wie es am Abend des 11. Mai dort aus­sehen wird. Man ist ja in Frankreich um eine Woche zurück. Man hat sieben Tage mehr. Man hat die unbezahlbare Propaganda der letzten Woche, wenn das Ergebnis der deut­schen Reichstagswahlen vorliegt. Jeder war­tet daraus und jeder hofft es im Sinne seines Politik auszunutzen. Aber wer hat welche Politik? Keine Fraktton der französischen Kammer, mit Ausnahme der sozialistischen Gruppen, hat im Lande eine Partei-Organi­sation hinter sich. Die Abgeordneten sind der Wählerschaft ihres Wahlkreises verantwort­lich, sonst niemandem. Die Wahlen werden übeichaupt nicht durch Parteimaschinen vor­bereitet, sondern Wirtschafts- und DerufSver- bände, soziale, kulturelle oder allgemeine poli- tische Organisationen, die sich erst für eine be­stimmte Wahl bilden, stellen die Kandidaturen auf. Die Listen werden diesmal sehr spät fer­tig. Die Zerfahrenheit ist eben groß.

Die Zersplitterung und der Verfall zeigt sich am deutlichsten bei den Sozialisten. Die sozialdemokratische Partei, die vor dem Kriege durch die starke Persönlichkeit Jean ZauvtzS wett über ihre wirkliche Kraft hin­aus zu einer Macht im Lande geworden war und nach dem Kriege zahlenmäßig auf 150 000 Mitglieder angewachsen war, verfügt heute, nach der Spaltung nur über 55 000 ein­geschriebene Angehörige. Die Führer der al­ten Partei gehören einer Epigonen-Gene- ration an, die sich vergeblich bemüht, durch Eifer und Fleiß auszugleichen, was ihr an hin­reißendem Schwung und an Geist fehlt. Für die Wahlen des 11. Mai sind die französischen Sozialdemokraten gespalten in Revolutionäre, geeinigte, unabhängige,französische- und ra­dikale. Dann erst kommen weiter links die fünf Schattierungen der Kommuni st en. Auch dort kein Kopf, kein hervorragender Führer. Don Marcel E a ch i n und den anderen fran­zösischen Moskauern wird in Deutschland ent­schieden mehr gesprochen als in Frankreich.

Wir verweilten bei der linken Opposition absichtlich länger, um ein wahres Bild zu malen. Denn in Deutschland ist man leider von der Kriegszeit her gewöhnt, int gegnerischen Lager die herrschenden Mächte zu klein und die Opposition durch ein Vergrößerungsglas zu sehen. In der Opposition des französischen Parlaments sah bisher auf der linken Seite auher den Sozialdemokraten und Kommunisten nur die bürgerliche Gruppe der Sozi al - radikalen. Man kann sie nicht ohne wei­teres mit der Deutsch-demokratischen Partei vergleichen, sondern höchstens mit deren linken Flügel. Die Opposition auf der Rechten ist die Royalistengruppe unter der Führung Leon D a u d e t S. Sie entspricht der heutigen völkischen Partei in ihrer rücksichtslosen Rührigkeit, unterscheidet sich aber von den Hitlerleuten dadurch, dah sie mit dem Klerus gutes Einvernehmen hält aus finanziellen Gründen. Denn von dort fliehen die Gelder für die Parteikasse der Feudalen in Frankreich.

Zwischen dieser auf beiden Seiten schwachen Opposition sitzt der vielgenannte nationale Block. Er ist ein Bürgerblock. Aus ihm formt sich P 0 i n c a r e auch bei die­sen Wahlen erst seinen, den Poincarö- Dlock, und er stöht dabei innerpolitisch wie außenpolitisch meist auf feinen intimsten Geg­ner, den Präsidenten Mi Her and. Man muh sich folgendes gewärtig halten: Die re­publikanische Rechte des Blocks, das heiht, das rechte Zentrum, das den alten Zwiespalt zwischen Klerikalen und Antiklerikalen über­brücken möchte, deckt die innerpolitischen Ansichten MillerandS, der eine Revision der Gesetze über die Trennung von Kirche und Staat betreiben möchte. Poin- car6, ursprünglich ein Antiklerikaler, will sich durch diplomatisches Totschweigen des inneren Konfliktes helfen. Millerand wünscht in der äußeren Politik ein lluges Nach­geben, Poincare beharrt wie Shhlock auf seinem Schein. Daraus ergeben sich wiedär Schwierigkeiten, die Poincars in auswärtigen Fragen mit dem linken Flügel des nationalen Blocks hat. Er nennt Ihn den Block der Mitte, und zwar ist dieser gleichbedeutend mit der Partei Zonnarts. Die Ionnartpartei ist 1919 als Gegenformalion gegen denna­tionalen Block- gegründet worben. Hält es Poincare mit dem Block der Mitte, so wird er von seinen maßlosen Ansprüchen gegenüber Deutschland einige Abstriche machen müssen. Das wäre immerhin ein Gewinn für den an­zubahnenden Völkerfrieden,