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Erster Blatt

Ut. ^ayrgang

Donnerstag, 24. April 1924

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oderhessen

vrvü mid Verlag: vrüßl'sche Univerfitälr-Vuch- und Steinöruderei B. Lange in Stehen, schriftleitung und Gefch^ftrftelle: Zchulltraße 7.

Annahme von Lnzelgen für die Tagernummer bis zum Nachminag vorher ohne jcdeDcrbindlichkett. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlid-8, auswärts 10 Goldpfennig; für Re­klame-An-,eigen ü 70" m Breite 35 Goldpfennig, Plvtzvorfchiift 20' Auf­schlag. - Verantwortlich für Politik u. ReuiUetoe: vr. Iriedr. Wilh Lange; für den übrigen leit: Ernst Blumfchem; fürden Anzeigenteil: Hans Deck, sämtlich in Gießen.

Reichsregierung und Gutachten.

Eine Erklärung des Vizekanzlers Dr. Jarres: Die Entschlüsse des Kabinetts greifen dem neuen Reichstag nicht vor. Die Voraussetzungen einer wirklichen Lösung. - Die Anleiheausfichten.

Stettin. 23. April. (WTV.) 3n der heu­tigen großen Wahlversammlung der Deutschen Volkspartei in Stettin batte der Reichsminister des Innern Dr. Jarres das Referat über die po­litische Lage übernommen. Zur äußeren Politik bemerkte ec folgendes: Rach außerordentlich ein­gehenden Beratungen unter Zuziehung der Haupt- lenner des schwierigen Reparationsproblems habe die Rcichsregierung die Sachverständigengutachten der Reparaüonskommission gegenüber auch ihrer­seits als eine praktische Grundlage für die schnelle Lösung des Reparationsproblems er­klärt und sich bereit erklärt, an dem Plan der Sachverständigen mitzuarbeiten. D.eser Auffas­sung hätten sich die Vertreter der Län­der einstimmig angeschlossen. Bei die­sen Beratungen kamen selbstverständlich die schwe­ren Bedenken gegen die in den Gutachten vorge­sehenen Kontrollen der wichtigsten Teile des deutschen Wirtschaftslebens, namentlich der Reichsbahn und der Reichsbank zum Ausdruck, ebenso wie gegen die offenbare ,1Ieberschätzung der deutschen Lei­st u n g s f ä h i a k e i t", andererseits müsse ledoch die ganze Tendenz des Gutachtens, welches zum ersten Male die wirtschaftliche Vernunft zum Durchbruche bringt, anerlannt werden, ebenso wie der Umstand, daß das Gutachten selbst wichtige Kautelen gegen eine Ueberspannung der deut­schen Leistungen enthält.

Wenn die deutsche Regierung sich zur Mit- fistelt tereit erklärt und insbesondere auch die Dsrterelluug der nötigen Gesetze und Verord­nungen übernommen hat, so mußte sie so han­teln, well sie zur Zeit die Derantwortunfg tragt und Eile namentlich im deutschen Inter­esse am Platze ist. Selbstverständlich hat die endgültige Entscheidung der neue Reichstag Zu treffen, dem durch diese Vorbereitung nicht vorgegriffen ist.

Wenn von dLutschnationaler Seite behauptet wird, die Regierung sei dem Drucke der Linken In ihrer Entscheidung gewichen, so Ist daran kein toab es Wort, Andererseits legte der Minister größten Wert darauf, zu betonen, daß nach der Auf­fassung des Kabinetts es nicht allein auf die wirtschaftliche Seite des Problems ankomme, so wichtig diese auch sei. Es müßten vielmehr die ebenso wichtigen, wenn nicht wichtigeren poli­tischen Fragen gleichzeitig mit er.eaiZt werden. Es sei auffallend, daß nach der amtlichen S)a:» notiz Frankreich zwar die Kon lasionen des Sach- verständigTNgutacht.'ns en blae angenom­men hare, daß aber nach der offenba en Ge- danlengängen der französischen Staatsleitu rg Deutschland zunächst auf die Löfung der wirt­schaftlichen Fragen festg legt teer, en solle und daß man dann eventuell später über die politischen Probleme sich verständiget wolle. Da­bei komme zum Ausdruck, daß Frank.eich in diesen politischen Fragen nur bedingt und t n geringem Umfange nachgeben Finne. Demg gmüber stehe die Reichs - g erunj ru, d m Stan.punkt, daß, die wirtschaftlichen uad pvll- tifchen Staren nur unv acto geregelt werden könnten. Leutsch and müsse die Verfügung über Rhein und Ruhr zum min'e 'e.i na>^ den Grün setzen des Fried msvmtvrgrs un> des Riei ilan abEcmmenS rh .e we tere D sch än an e i wiener erhalten; das fei auch die tlare Auf­fassung ter Dnchverständigen, wenn bie.e sich auch in ihrem Bericht zunächst nur mit den Wirtschaft» lichen Problemen zu befassen batten.

Die wirtschaftliche und fiStal sche Eiuhe't deS Reiches könne ohne Wiederherstellung der DerwaltungShoheit nicht als gesichert ange­sehen werden und die ungeheuren Leistungen, zu denen Deutschland sich verpflichten solle, tonnten nur unter dieser gleichen Dorausset- zung übernommen werden. Diese deutsche Auf­fassung werde offenbar auch von den Ver­einigten Staaten und England, sowie Italien geteilt, und selbst Belgien scheine sich dieser billigen Forderung nicht mehr ganz zu ver­schließen.

Auch die Shrenfragen des deutschen Volkes, die Entlassung der Gefangenen des Ruhr­kampfes und die Rückkehr der Ausgewie- f e n e n müßten gleichen Schrittes erledigt werden. Die mehrere Minister des Kabinetts schon zum Ausdruck gebracht hätten, könne dem deutschen Volke nicht zugemutet werden, die wirtschafllichen Lasten auf sich zu nehmen, ohne die gleichzeitige Lösung dieser politischen Frage und Ehrenpunkte. Solle die Losung eine wirkliche Lösung. tm Sinne der Befriedigung der Welt sein, so mühte endlich die ganae europäische Atmo­sphäre bereinigt werden. So stehe das deutsche Voll trotz der grundsätzlichen Erklärung der Regierung und der im Gange befindlichen Vorbereitung einer endgültigen Entscheidung noch in völliger Freiheit g?genüber. Endlich konnte der Minister mittellen. daß nach zuverlässi­gen Meldungen eine der Hauptvoraussehungen des ganzen Gutachtens, nämlich die Aufbrin­gung der internationalen Anleihe von 800 Millionen Goldmark zu Gunsten Deutsch­

lands. die beste Aussicht habe, indem in Ame­rika 100 Millionen Dollars und in England Z5 Millionen Dollar bereits als Zeichnungen ge­sichert erschienen.

Belgiens Standpunkt.

Paris, 24. Aprik. (WTV.) Wie der Brüsseler Berichterstatter deSEcho de Pa­ris" meldet, bereitet die belgische Regierung die Antwort auf die Entscheidung der Re- parationtkommission vor. Hebet den Inhalt sei noch nichts bekannt. Es sei wohl möglich, daß sie ein gewisses Interesse beanspruchen könne, weil sie in tem Augenblick gefaßt werde, in dem das Brüsseler Kabinett wirklich den Wunsch äußere, unverzüglich mit Poin- carözuverhandelu. Die französisch-bel­gische Zusammenkunft, die nach den letzten Auskünften frühestens im Mai statlfinden sollte, werde früher erfolgen. Der Bericht­erstatter deS Blattes sieht als Arsache dieser Beschleunigung die Rede Macdonalds in Bork, die Unterredung des belgischen Außen­ministers mit dem belgischen Botschafter in London und die letzte Rede des Präsidenten E o o l l d g e. Der Berich e.statter glaubt, daß die belgischen Minister THeun iS und Hy­mans bei Poincare zum Ausdruck bringen werden, daß man die gebotene Gelegenheit, diedeutscheAnleiheiuAmerika zum Gelingen zu bringen, ergreifen müsse. Wenn die belgischen Minister mtt Poinearä ge­sprochen hätten, würden sie auch Gelegenheit suchen, mit Macdonald zu verhandeln. Sie würden bei ihm den französisch-belgischen Standpunkt vertreten, daß die Lockerung des wirtschaftlichen Druckes im Ruhrgebiet der Organisation des neuen Pfän­dersystems unterworfen werden müsse und daß die militärische Besetzung nicht geändert, sondern nur abgemildert werden müsse.

Der Brüsseler Berichterstatter der »Ti­mes" erfährt von gutunterrichteter Seite, die belgische Regierung stehe vollkommen zu den Beschlüssen der Sachverständigen. Es gäbe jedoch gewisse Punkte, wie der Prozent­satz der Verteilung der deutschen Zahlungen, die Bedingungen für eine Räumung des Ruhrgebietes, die interalliierten Schulden usw., über die ein Meinungsaustausch zwischen Frank­reich und Belgien als nötig erachtet werde. Die Ansicht der belgischen Regierung sei, daß die Frage der Festsetzung des Betrages der deutschen Schulden urrd der inter­alliierten Schulden ohne mitein­ander vermengt zu werden auch parallel erwogen werden könnte. Die Festsetzung der deutschen Gesamtschuld könne für einen gewissen Zeitraum verschoben wer­den, um die Durchführung des im Berichte der Sachverständigen enthaltenen Planes zu erleichtern und zu beschleunigen. Man sei in Brüssel der Ansicht, daß die Besetzung des Ruhrgebiets beendet werden müsse, aber unter der Bedingung, daß gewisse ernste Garantien vereinbart werden. Die Haupt­sache sei, daß eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen werde, damit die Frage der deutschen auswärtigen A n l e i he, die bei der Lösung des Reparationsproblems michelfe, gesichert werde.

Amerika

und die deutsche Anleihe.

Berlin, 23. Aprll. (Wolff.) Rach einem Funkspruch aus Reuyork lauten die bereits gestern im Auszug veröffentlichten Aeuße- rungen des Präsidenten Coolidge über eine Anleihe für Deutschland wörtlich folgendermaßen:

Ein TeU des DaweSplaneS sieht vor. daß Deutschland für sofortige dringende Bedürf­nisse eine bettächtliche Anleihe gewährt wird. Och vertraue darauf, sagte der Präsident, daß das private Kapital bereit sein wird, sich an der Anleihe zu beteiligen. CS bestehen gesunde geschäftliche Gründe dafür, daß Amerika sich an der Finanzierung von Werken des Friedens in Europa beteiligt. Die Anleihe würde unserem Handel und Ver­kehr zugute kommen, wir hoffen besonders, daß sie auch unserer landwirtschaftlichen Erzeugung einen weiteren Markt ver­schaffen wird. Es ist notorisch, daß fremdes Gold reichlich in unser Land geflossen ist. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß ein TeU dieses GoldeS mtt größeren finanziellen V o r t e i l e n für uns inEuropaalsin den Vereinigten Staaten verwertet werden kann.

Wie derMatin" berichtet, soll der Teil- haber des Bankhauses Morgan, David W. Morrow, demnächst mit der Mission betraut werden, die Emission der im Sachverstän­digenbericht vorgesehenen Anleihe in Höhe von 200 Millionen Dollar vorzubereiten.

Monatliche Vorauszahlung der Beamtenbeziige.

Berlin, 23. April. (WB.) Obgleich die Fi­nanzlage des Reiches immer noch sehr gespannt ist, chat sich der Reichsminister bar Finanzer doch entschlossen, den Reichsbeamten am 30. 4. ihre Be­züge wieder für einen ganzen Monat im voraus zahlen zu lassen. Gr glaubt, die Verantwortung für diese Maßnahme trotz der noch bestehenden Schwierigkeiten im Interesse der Beamtenschaft auf sich nehmen zu müssen. Rach Wiedereinführung der monatlichen Vorauszahlung der Bezüge wer­den die Beamten gut daran tun, sich wieder ein Bankkonto einzurichten und ihre monatlichen Bezüge auf dieses Konto überweisen zu lassen, und zwar aus allgemeinen wirtschaftlichen Grün­den als auch insbesondere zur Förderung der ge­meinnützigen Deamtenbanken mn> um die zeit­weise von den einzelnen Beamten nicht benötigten Beträge hierdurch für die Gesamtbeamtenschaft nutzbar zu machen.

Löhne und Preise^

Berlin, 23. April. (Wolff.) Amtlich. Der preußische Minister des Innern drückt in einer Verfügung die Erwartung aus, daß die polizeilichen Wucher st ellen nach wie vor tm Zusammenarbeiten mit den Preisprü­fungsstellen und berufenen Vettretungen der Erzeuger, des Handels und der Ver­braucher sich ihrer wichtigen Aufgaben bewußt bleiben und insbesondere sei etwaigen, in der letzten Zeit vielfach aufgettetenen Versuchen, die Aufbesserung der Löhne und Gehälter sowie die Erhöhung der Wvh- nungsmieten zu ungerechtfertig­ten Preis st eigerungen auszunutzen, mit aller Entschiedenheit entgegenzu­treten.

Lohnverhandlnngen im Rnhrbergban.

Essen, 23. April. (WB) Bei Beginn der heutigen Verhandlungen zur Regelnig tec Löhne im Ruhrbe.gbau nah.n bec Reta-silaatsllmmis ar Mehlich entschieden Stellung g g.n Lie in Ler Presse gegen ihn gerichteten Vorwürfe, die Ver­handlungen verschleppt zu Haden; er b.zeichne e diese Vorwürfe als wahrheitswidrig Der Schiedsspruch erging dah n, daß ab 14. April der tarisliche Zimmerheuer - Sp.tzenschichtlohn von 4,70 Mk. auf 5,40 Mk. erhöht wiro. D.e übrigen Löhne ändern sich entsprechend. Die Pateim fcLen sich bis nächsten Monxtg za diesem Schieds­spruch erllären. Sie für heute eben alls ange­setzten Verhandlungen über die Verlänge­rung des Mehrarbeitsabkommens kamen nicht zustande

Französische Lügen.

Mannheim, 23. Aprll. (WTV.) Bürger­meister H e l f f e r i ch von Münchweiler wurde gestern nachmittag, als er mtt dem Zag 3,15 llhr von Pirmasens auf dem Bahn ho s Münch­weiler ankommend die Sperre passiert hatte, von einem dort stehenden Mann durch einen Rcvolverschuß am Kinn leicht verletzt. Der Täter gab bei seiner Verfolgung mehrere Schüsse auf seine Verfolger ab, ohne aber je­manden zu treffen. Er selbst entkam unerkannt in dem nahegelegenen Walde. Bürgermeister Helf- ferich, der wählend der Seoaratistenherrschnfl als Parteigänger der Sonderbündler In feinem Amtsbezirk eine Rolle gtspiell hat e, hat e sich dadurch, in weiten Kreisen de? Bevölkerung mißliebig gemacht. Bereits am 13. Fedruar wurde die Rachruht verbreitet, daß er von der erregten Bevölkerung gelyncht worden sei. Dieses Mal beeilt sich das französische »Echo du Rhin" den ikterfall als ein nationalistisches Ver­brechen hinzustellen und sagt, daß Heifserich von den Mitgliedern einer Mordkommission aus dem rechtsrhnnischen Deutschland, die in einem Auto ankamen, ermordet worden sei. Diese Rach- richt trifit nach den oben geschilderten Umständen der Tat in keiner Weise zu.

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Wie dieKölnische Volkszeitung" aus Bonn beliebtet, sollten sich vor dem französischer Kriegs­gericht sieben junge Leute aus dem unbesetzten Deutschland, die bei der Austreibung der Separatisten aus Düren am 24. Rovern- her mitgeholfen haben fälltet, wegen Pa ß- vergehens, verbotenen Waffen­tragens und Störung der öffentlichen Ordnung verantworten. Während sechs nach ihrer damals erfolgten Verhaftung wieder frei- gelassen wurden, blieb der Polizeioffizier Äölner aus Tilsit, der als Anführer angesehen wurde, in Haft. Das Kriegsgericht verurtellte khn zu 18 Monaten Gefängnis und 1030 ML. Geldstrafe. Gegen die anderen nicht erschienenen sechs Angellagten verhäng'.e das Gericht je fünf Zcthrc Gefängnis und 1000 Mk Geldstrafe.

Deutscher Kolonialgedenktag.

Don Dr. Wolfgang Panzer, Assistent am Geographischen Institut der Landes« Universität.

In tiefer Trauer gedenken wir heute des Ta» ges, der ans vor 40 Jahren Kolonialmacht wer­den lieh. Hamburger Grohkaufleute hatten, lange bevor das Reich sich ihrer anzunehmen in der Lage war, vornehmlich in den tropischr.t Küsten Afri­kas mit eingeborenen Stämmen Handelsbeziehun­gen angeknupft, die mehr and mehr der britischen Seemacht Aergernis bereiteten. Bedenkl.ch wurde Englands Re.d, als der deutsche Kaufmann Lüde- ritz in Südwestasrika von Häuptlingen Land er­warb, um seiner Handelsniederlassung eigenes Hinterland zu sichern. Der Einspruch Englands machte eine entschiedene Stellungnahme des Deut­schen Reiches notwendig, und da hat Bismarck an den deutschen Konsul in Kapstadt heut vor vierzig Jahren folgendes gedrahtet:Rach Mitteilung des Herrn Lüderitz zweifelten die Kolon,albehör- den, ob seine Erwerbungen nördlich des Oranje Anspruch auf deutschen Schuh haben. Sie wollen amtlich erklären, dah er und seine Riederlass.ingen unter dem Schuh des Deutschen Reiches stehen." Rur wenige Wochen später hißte Gustav Rachtigal im Reichsauftrag die deutsche Flagge in Togo und in Kamerun, und die von Karl Peters neu. erworbenen Gebiete in Ostafrika wurden im fol­genden Jahre unter den Schuh des Reiches ge­stellt. In der Südsee und auf Reu-Guinea war man ähnlich Vorlegungen, die deutsche Slag^ wurde an der Küste aufgepflanzt und damit das Gebiet unter deutsche Schuyherrschaft gebracht. Die notwendig folgenden auhenpolillschen Re.bangen, vor allem mit England und Frankreich, verstand Bismarck klug zu beseitigen, die Grenzen wurden vereinbart und schließlich noch inmitten d.r großer ostasiatischen Reiche in Kiautschau ein Stützpunkt deutscher Macht und deutschen Handels einge­richtet.

Das Deutsche Reich war damit Kolonialmacht geworden. Fast 3 Mlllionen Quadratkilometer Koloniallandes standen unter seiner Oberhoheit. An allen Formen tropischen Raturgebietes batte es nun Anteil. Der höchste Berg Afrikas, der Kilimandjaro mit Gletschern unter der Tropen-- sonne, gehörte so gut zu deutschem Besitz wie die 100 Kilometer breite Küstenwüste der Ramib in Südwestafrika. Ungeheure regenfeuchte ilrtoälba dehnten sich in Reu-Guinea und Kamerun, in Teilen Togos und Ostafrikas. Das Hochland von Oftafrila mit seinen unübersehbaren Daumgras­steppen war ein Wildpark ersten Ranges, ähnlich wie die weiten Steppengebiete der Etoschapfanne und der Kalahari in Südwest, wo trotz der Wan­derhirten, Hottentotten und Hereros, auch für die deutsche Grobtierzucht noch Raum und Weideland genügend zur Verfügung stand. Für Ackerbau und grobe Pflanzungen erschien das Klima Deutsch- Ostafrikas mit seinen regelmäßig wiederkehrenden Jahreszeiten besonders günstig. In Togo gatt eS, ausgedehnte Oelpalmenoestände wirtschafllich zu nutzen, und die kleinste Südseeinsel war durch ihre Kokospalmenhaine wertvollster Besitz.

Die Entwicklung aller dieser W rtschafts» gebiete ging nicht so schnell vor sich, als man bet ihrer günstigen Raturausstattung zuerst geglaubt hatte. Zudem bestanden zu Beginn der Schuhherr­schaft gerade bei den leitenden Stellen bedauerlich geringe, Wirtschaftsgeograph sche Kenntst sse. Man vergaß, dah jede wirtschaftliche Ruhung eines Landes ohne gut entwickeltes Verkehrsnetz nicht gut zu denken ist. Aber das waren Kinderkrank­heiten, die das wachsende Gebilde gegen spätere Anfälle widerstandsfähig machten. Immer deut­licher erwies sich, dah aus allen den erworbenen Gebiete reiche Erträge zu erzielen waren, wenn man sich nicht scheute, zuerst einmal die notwen­digen Detriebsgelder in die Unternehmung hinein» zustecken. Dah der Erfolg bei gleichem Aufand ungleichmäßig w->r. liegt in der natürlichen Ver« schiedenhti e Länder begrün' et lie hier mit rui geringen Mitt In schon dm Anbau lohnend machte, der anderwärts mit großen Kosten für Bewässe« rung und Pflege kaum sich selbst bezahlte. @ng ist mit der Bewirtschaftung die Frage nach den Sied- lungsmöglichketten verknüpft. Die feuchtheihen Riederungen um dm Aeguator sind mit ihren Fie­bern und der erschlaffenden Gleichmäßigkeit der Wärme für den Weihen unbesiedelbar. D e Pflan­zungen, die in dem Klima ohne Jahreszeiten stän­dig reiche Ernte liefern, können nur von farbigen Arbeitern bestellt werden. In Deutsch-Südwest ist untern Wendekreis das.Klima für den Europäer denkbar günstig, doch schlieht der Wassermangel Ackerbau auf weite Strecken aus, und wo die Viehzucht betrieben werden soll, muh die Besiede­lung notgedrungen dürftig bleiben.

So waren Schwierigkeiten überall zu über* winden. Doch sind sie überwunden worden. Aus vielen Mihersclgen hat man gelernt; es flössen immer neue Gelder aus der Heimat in die Kolo­nien und verzinsten sich dort trefflich. Jeder neue Streckenkilometer Eisenbahn zog weite Flächen Landes in den Strom der Weltwirtschaft. Immer größer wurde das Arbeitsfeld für Techniker und Kaufleute, für Aerzte, Farmer, Missionare. Richt nur der Willen zum Fortschritt war überall zu erblicken, es waren allenthalben auch schon schöne Ergebnisse gezeitigt worden. Gerade das Sorgen­kind Deutsch-Südwestafrika hatte die augenfällig­sten Lullurgeograph schen Wandlungen erfahren. Landfrieden und Rechtssicherheit waren berge» stellt, Eisenbahn, Post- und Fernsprechleitungen wurden immer Wetter ausgebaut. Funkverbindung mtt Rauen war bereits erreicht. Die cinacborcnen Wanderhirten waren zu seßhaften Lohnarbeilern geworden. Hebet all wurden Forschur..gsanßallen und Dersuchsfarmen. Krankenhäuser und Schulen