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Nr. M Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberheflen) Mittwoch, 25. jult

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Die Mossul-Frage.

Don Ferdinand Perkampus.

Sie in Konstantinopel unlängst staitgefimdene englisch-türkische Konferenz über d e Mossul-Frae ist bekanntlich kläglich von den Engländern abge­brochen worden, weil der englische Delegierte, Sir Percy Cox, keine Möglichleit mehr sah, mit der Regierung von Angora zu einem Ausgleich zu kommen. Somit wird also nun diese Ange­legenheit an den Völkerbund verwiesen werden, dem auf Grund des Lausanner Friedensvertrages baS Recht einer Entscheidung zusteht.

Gegenstand des englisch-'.ki ch.m Streites ist die östlich des Tigris von Türken und Kurden bewohnte Provinz Mossul. Südlich der Stadt, etwa 120 Kilometer von ihr entfernt, befinden sich ausgedehnte und sehr reiche Petroleumfelder, die die Engländer für sich behalten wollen. Wäh- vend der Dertrag von Lausanne alle Probleme, wenn auch nicht zur vollen Zufriedenheit der ver- tragschliebenden Parteien, löste, bl'.eb das De'itz- recht der Provinz Mossul mit ihren Erdölschähen ungeklärt. Einem direkten Meinungsaustausch sollte die Abgrenzung der neuen Türkri gegen das englische Mandatsgebiet in Mesopotamien Vorbe­halten bleiben. In Konstantinopel haben nun beide Parteien versucht, eine Regelung zu schaffen. Dabei hat aber die Türkei von Anfang an die Forderung auf restlose Rückgabe des Mossul- GebieteS erhoben und sich in keiner Weise von ihrem Standpunkt abbringen lassen, bis dann schließlich der englische Delegierte, Sir Cox, ein gründlicher Kenner des Orients, der wiederum nur ganz kleine Grenz Verschiebungen zugestehen wollte, die Konferenz für gescheitert erklären und die Angelegenheit an den Völkerbund verweisen muhte.

Die Nachkriegszeit hat aus dem Gebiet der Ehemaligen kaiserlichen Türkei eine Unmenge von kleinen Staaten und sogenannten Mandatsgebieten geschaffen. Den größten Teil Vordsrasiens nimmt die neue Türkei ein, deren Territorium von Osten nach Westen über Kurdistan bis nach Persien geht. Der Rest der ehemaligen Türkei zerfällt Dann zuerst einmal in die englischen Mandats­gebiete Palästina und Mesopotamien und in das französische Mandatsgebiet Syrien. Auherdem existieren nun verschißene kleine Sultanate und Fürstentümer, die aber in der Hauptsache in star­ker Abhängigkeit von England leben; immerhin besitzen sie jedoch eine gewisse Selbständigkeit. Der Ost- und Südrand der arabischen Halbinsel ist unter die Sultanate Jemen, Hadramaut, Ohman, Darin, Kowit und Assir aufgeteilt. 3m Innern Arabiens existiert das Emirat Redschd, während außerdem noch drei Königreiche, nämlich Hedschas, Ostjordansand und Irak bestehen. Alle diese klei­nen Existenzen werden wirtschaftlich und militä­risch von England kontrolliert, sind also nur Be­standteile des englischen Kolonialreiches.

Der Völkerbund wird sich nun binnen kurzem mit der Mossul-Frage zu beschäftigen haben und entscheiden, ob das Mossul-Gebiet entweder den Engländer oder den Türken zuzusprechen ist oder vb der kurz vor dem Scheitern der Konferenz von türkischer Seite gestellte Antrag auf Volksabstim­mung im Mossul-Gebiet zu berücksichtigen ist. Eine Volksabstimmung im Mossul-Gebiet ist aber von den Engländern verworfen worden, da sie lLhr wohl wissen, daß die Bevölkerung des um­strittenen Territoriums nationaltürkisch stimmen wird. England glaubt nur dann die reichen Pe- tvoleumschähe ungestört ausbeuten zu können, wenn es politisch und militärisch die Macht in der Mossul-Provinz besitzt. Die Türkei befindet sich aber nun dem Völkerbund gegenüber in einer sehr ungünstigen Lage. Sie hat nicht nur die Eng­länder gegen sich, auch die Franzosen und viele andere Mitglieder des Bundes werden gegen die Türkei stimmen, da sie einmal mit der Angora- Regierung nicht auf dem besten Fuße leben, zum anderen aber innerhalb des Völkerbundes das Verhalten der Türken gegenüber den christlichen Armeniern immer noch unvergessen ist. Man darf Wohl damit rechnen, daß der Völkerbund sich für den englischen Standpunkt aussprechen wird.

Ob aber damit die Mossul-Frage ihre Er­ledigung gefunden haben wird, muh stark ange­zweifelt werden. In Kleinasien, also in jenen Gebieten, die heute unter französischer oder eng­lischer Oberherrschaft stehen oder ein sogenanntes souveränes" Dasein unter englischer Oberhoheit führen, macht sich seit langem eine allarabische und national türkische Bewegung geltend, deren erstes Ziel die Vertreibung der Fremden ist. Wir haben soeben erst den Aufstand in Syrien gehabt, der den Franzosen ganz empfindliche Verluste brachte. Jetzt hat in Bagdad eine Versammlung mesopotamischer Rotabeln stattgefunden, die den Bündnisvertrag mit England, der Großbritannien die Überwachung der Finanzen und äußeren Politik sowie die Aufrechterhaltung einer eng- llschen Garnison zugesteht, verwarfen. Gleichzeitig

hat es auch blutige Zusammenstöße mit der eng­lischen Besatzung gegeben. Die allarabische Be­wegung, die sich üver die ganze arabische Halb­insel und Kleinasien hinzieht und auch bei den ägyptischen Rationalisten eine starke Stütze findet, wird den Engländern noch eine harte Ruß zu knacken geben und vor allem die Beziehungen zwi­schen Angora und London immer schwieriger ge­stalten. Die Mossul-Frage wird in die zweite Phase eintreten, wenn der Völkerbund seine Ent­scheidung gefällt hoben wird. Fällt diese Ent­scheidung zu ungunsten der Türkei aus, da.-n wird sie nicht allein in Mossul, sondern auch in der Türkei und den arabischen kleinen Staaten to'e eine Bombe einschlagen. England wird, trenn es sich den Durchgang von Indien nach Aeghp en offen halten will, noch manchen Kampf mit d n türkischen und arabischen Stämmen ausfechten müs­sen. Einen Rückzug wird es aber auch vor der Angora-Regierung nicht antreten, selbst to n i diese unter dem Druck der nationalistischen Elemente dem Konflikt mit militärischen Mitteln eine an. ere Wendung zu geben versuchen sollten, was aber unwahrscheinlich ist.

Charaktererziehung.

Von Margarete Hobt.

Hat ein Volk einen.Krieg verloren und ist arm geworden an materiellen Gütern so lehrt die Geschichte immer wieder, dann rafft es sich zusammen, um auf geistigem Ge­biete das Höchste zu leisten, das im Bereich der Möglichkeit liegt. Auch wir Deutschen wissen bereits, daß das Einzige, das wir aus dem verlorenen Krieg gerettet haben, unsere inneren Werte sind.

Allen, die pädagogischen Fragen nicht kalt und teilnahmlos gegenüber stehen, wird aus­gefallen sein, daß sich in den letzten Jähren im Unterricht unendlich viele Neuerungen Dahn brachen. Die Umwandlung vieler Schu­len war nicht nur eine äußere, auch im In­nern wurde manche Reform mehr oder we­niger zum Segen der Jugend durchgeführt. Heute spielen bei der Erziehung so viele neue Methoden und neue Ziele, die gewonnen wer­den sollen, eine Rolle, daß unsere Eltern und Großeltern gewiß staunend die Köpfe schütteln würden, wenn sie in einen modernen Schul- bettieb hineinblicken könnten. In diesen Neue­rungen Prägt sich, obgleich manches als bloße Spielerei, als unnützes Experimentieren und als hohles Ergebnis der Sensattonslust stre­berischer Pädagogen zu verurteilen ist, ein starkes Wollen aus, die inneren Werte, die in unserem Volke ruhen, voll und frei zu erfassen.

Vor hundert Jahren, als Deutschland sich nach der schweren napoleonischen Zeit langsam erholte, regierte der Geist von Fichte (Reden an die deutsche Nation") und Stein, und kein Geringerer als P e st a-> ,lozzi war es, der im Sinne dieser Männer wirkte. Vielleicht war die hervorragendste Persönlichkeit dieser Zeit der Freiherr vom Stein, der, nachdem im 19. Jahrhundert das feudalistische Staatsprinzip, das Gebunden­sein auf allen Gebieten, die Tradition ge­herrscht hatte, einen Individualstaat forderte. Im Jahre 1806 richtete er einen Brief an den König, in dem es heißt:Bleiben wir in dem alten Geleise, so laufen wir Gefahr, zugrunde zu gehen/' Mit scharfem Blick erkannte Stein neben dem Segen, den der Individualstaat bringen würde, auch die Gefahr, die sich im Egoismus offenbart, der in solchem Staat na­turgemäß einen breiten Raum einnimmt. Ge­sunder Egoismus ist durchaus berechtigt, ist wohltuend wie das Salz im Organismus, aber wie das Salz im Uebermaße die Zersetzung der Gewebe herbeiführt, so bringt der unsitt­liche Egoismus, der sich in kalter Habgier äußert, der gleichsam über Leichen schreitet, dem Staate Verderben. Am diesen Egoismus zu verhindern, forderte Stein in seinem Testa­ment eine neue Erziehung, die dem Volke die wahre Würde geben sollte, und deren Grundpfeiler Treue, Liebe und Glau­ben sind.

Im 19. Jahrhundert gelangte der Wille des Freiherrn vom Stein nicht zur Ausfüh­rung, obgleich seine Anregungen im Anfang mit Begeisterung hingenommen wurden. Die Zeit war nicht reif. Er wurde nicht verstan­den. Man trat sein Werk mit Füßen, als 1821 die Regierung befahl:Die Schulbildung soll in gewissen Grenzen gehalten werden." Heute gibt es Zungen genug, die im Gegensatz zu die­ser Behauptung mit Aeberzeugung verkünden, daß gerade im 19. Jahrhundert die deutschen Schulen Bedeutendes geleistet haben. Im ge­wissen Sinne haben sie auch tatsächlich viel ge­geben: Sie förderten den Intellekt in einer Weise, wie es sonst nie geschehen war, und waren daher vorbildlich in vielen Ländern der Erde. Aber das war es nicht, was Stein wollte, darin gerade sah er die Gefahr des übermäch­tig werdenden Egoismus. Sein Bildungsideal war ethische Kultur, Charakterbil­dung, die Pflege des germanischen Geistes, dieErziehung zurPersön- l i ch k e i t.

Die bloße Förderung des Intellekts macht seelisch arm. Versuchen wir heute in der Seele unseres Volkes zu lesen, so wenden wir uns mit tiefem Bedauern, oft mit Entsetzen ab. Wir finden, daß die große Masse ttotz reicher Kenntnisse vielfach halbe Bildung besitzt, halt­los ist wie ein schwankendes Rohr, und wir vermissen fast überall bei vielen guten Eigen­schaften, die nicht zu verkennen sind, den festen Charakter. Treue, Liebe und Glauben wer­den oft verlacht, und die ganze Sehnsucht der breiten Masse ist darauf gerichtet, möglichst viel zu erjagen an materiellen Gütern und oft äußerst fragwürdigen und uneölen Genüssen.

In der Schule herrscht auch heute manche Annatur. Der Unterricht krantt am didaktischen Materialismus. Trotz der angesttebten Refor­men sind Wortwissen, Mode, sklavisches Fest­halten an Pensum und Dogma nicht verbannt. Doch das Erkennen der Fehler ist bekanntlich ein Schritt zur Besserung. Vielleicht sind wir der Zeit nicht mehr allzufern, da man anfängt, das Bildungsideal des weisen alten Stein zu verwirklichen. ES gipfelt darin, daß die Kinder zu charakterfesten Persönlichkeiten erzogen werden sollen. Sie sollen Men­schen werden im wahren Sinne des Wortes, Menschen, die das Glück nicht in den äußeren Dingen sehen, sondern die es in sich tragen, die eS finden im reinen Stteben nach Wahrheit, im Wachsen ihres Selbst, im edlen Genießen des Schönen, in der Furcht­losigkeit, in der Freude am Kampf, im siegrei­chen Aeberwinden von Schwierigkeiten, in der freien, gläubigen Hingabe an die Gottheit und in der Liebe zum Nächsten, im Stteben nach Harmonie und Vollkommenheit. Die körperlich und geistig tüchtig gewordenen Menschen sol­len fest im praktischen Leben stehen und mit sicherem Blick erkennen, wo ihnen und der Ge­samtheit Vorteil erwächst, wo es Wege zum VvrwärtSkommen gibt. Nicht armes, totes Wortwissen soll sie führen, sondern selbstschöp­ferisch sollen sie im köstlichen Idealismus neuen Zielen zustteben. Solche Menschen wer­den tief die Schmach empfinden, die über un­ser Vaterland hereingebrochen ist, werden nicht ruhen, bis die echte nationale Ehre wieder her- gestellt ist und die Völker der Erde wieder mit Achtung auf Deutschland sehen. Sie werden den schönen nationalen Stolz besitzen und ver­breiten und stets des Wortes von Fichte ein­gedenk sein:

Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben. An deines Volkes Auferstehen.

Laß diesen Glauben nicht dir rauben Trotz allem, allem, was geschehnk And handeln sollst du so, als hinge Von dir und deinem Tun allein Das Schicksal ab der deutschen Dinge, And die Verantwortung sei dein.

Der Sommerbesuch der Landes-Universität.

Die Landes-Universität Gießen übermittelt uns eineUebersicht der Studierenden Im Sommer-Semester 192 4.

Aus der Gesamtübersicht ergibt sich folgendes Bild: 3m vorigen Semester tonten 866 Hessen. 917 NichtHessen, insgesamt 1783 Studierende aufgeführt. Hiervon gin­gen 231 bzw. 283 ab so daß noch 1269 verblieben. 3m gegenwärtigen Semester sind 164 Hessen, 190 Richthessen, insgesamt 354 Studierende hrnzuge- lommen. Hiernach stellt sich die Zahl der imma­trikulierten Studierenden für das Sommer­semester tote folgt: 7 9 9 Hessen, 824 Richt» Hessen, insgesamt also 1 623, hierunter 105 Studentinnen. Die Zahl der ordentlichen Hörer beziffert sich auf 10, die der Hospitantinnen auf i8, die der Gasthörer auf 67, der Gasthörerinnen auf 64. Die Gesamtzahl aller Studierenden stellt sich hiernach auf 1772.

Die Aedersicht nach Staaten und Fakultäten im Sommer-Semester gibt fol­genden Aufschluß:

Theologie: 21 Hessen, 15 Preußen, 1 Ba­denser, 1 Thüringer, insgesamt 38.

Jura: 233 Hessen, 83 Preußen, 3 Bayern, 2 Sachsen, 1 Württemberger, 2 Badenser, 2 Thü­ringer, 1 Anhalter, 1 Lette, 1 Holländer, ins­gesamt 329; hiervon sind 3 Studentinnen.

Medizin: 64 Hessen, 76 Preußen,

3 Bayern. J Sachse, 1 Württemberger, 1 Ba­denser, 3 Oldenburger, 1 Bremer, 2 Aeghpter. 3 Bulgaren, 1 Chinese, 1 Grieche, 12 Letten, 3 Litauer, 1 Oesterreicher, 6 Rumänen, 4 Türken, 6 Ungarn, insgesamt 189; hiervon sind 9 Stu­dentinnen.

Veterinärmedizin: 6 Hessen, 35 Preu­ßen, 3 Bayern, 1 Sachse, 3 Badenser, 2 Thü­ringer, 3 Braunschweiger, 2 Anhalter, 1 Ham­burger-, 1 Belgier, 16 Bulgaren, 6 Finnen, 10 Rumänen, 1 Ungar, insgesamt 90.

Philosophie: 475 Hessen, 370 Preußen, 15 Bayern, 9 Sachsen, 6 Württemberger, 23 Dg- denser, 2 Thüringer, 1 Oldenburger, 5 Braun­schweiger, 4 Hamburger, 4 Bremer, 1 Lübecker, 2 Amerikaner, 4 Bulgaren, 2 Danziger, 1 Elsah^ Lothringer, 1 Engländer, 1 Finne, 1 Inder. 1 Italiener, 1 Japaner, 2 Jugoslawen, 9 Let­ten, 7 Litauer, 1 Luxemburger, 1 Holländer, 1 Riederländis ch-Inder, 2 Oesterreicher, 6 Polen, 3 Rumänen, 1 Schwede, 3 Schweizer, 5 Tschecho­slowaken, 5 Türken, 2 Ungarn, insgesamt 977; hiervon 93 Studentinnen.

Die Ratio nalitätenziffern im ganzen sind folgende: 799 Hessen (72 Studen­tinnen). 579 Preußen (18 Studenti.men), 24 Bayern, 13 Sachsen, 8 Württemberger (1 Stu­dentin), 30 Badenser (1 Studentin), 7 Thüringer, 4 Üldenburger (1 Studentin), 8 Braunschweiger, 3 Anhalter, 5 Hamburger (1 Studentin), 5 Bre­mer (2 Studentinnen), 1 Lübecker, 2 Aegypter, 2 Amerikaner, 1 Belgier, 23 Bulgaren, 1 Chi­nese, 2 Danziger, 1 Elsaß-Lothringer, 1 Eng­länder, 7 Finnen, 1 Grieche, 1 Inder. 1 'Ita­liener. I Japaner, 2 Jugoslawen, 22 Letten, 10 Litauer (6 Studentinnen), 1 Luxemburger. 2 Holländer. 1 Riederländisch-Inder, 3 Oester- reicher. 6 Polen (2 Studentinnen), 19 Rumänen, 1 Schwedin 3 Schweizer, 5 Tschechoslowaken. 9 Türken, 9 Ungarn.

Wirtschaft.

Vom Getreidemarkt.

Die Entwicklung des Getreidemarktes in bet abgelaufenen Berichtswoche war von außerordent­lichem Interesse. Die Freigabe der Ausfuhr führte zu Beginn der Woche zu einem recht rapiden Steigen der Preise. Weizen, der in der abge­laufenen Berichtstooche um ca. 40 Mk. pro Tonne stieg, erreichte an einem der Wochentage eine Preissteigerung um 20 Mk. pro Tonne. Auch Roggen entwickelte sich weiter nach oben und wies insgesamt eine Preissteigerung von ca. 12 Mk. auf. .Gerste und Hafer konnten mit einem Ge­winn von 20 bzw. 12 Mk. pro Tonne ebenfalls in großem Umfange abgeseht werden. Anregend auf die Tendenz wirkte neben der erwähnten Aus­fuhrfreiheit auch die Debatte über die Zoll- schuhfoage. '

Gleichzeitig mit der Preissteigerung an den heimischen Produktenmärkten war auch eine neue Hausse-Bewegung in den überseeischen Landern, namentlich in den Vereinigten Staaten von Rord- amerika, zu bemerken. Diese Hausse-Bewegung fand j^>och in Deutschland keinen weiteren An­klang. Einesteils mißtraute man der durch die Spekulation hervvrgerusenen amerikanischen Hausse-Bewegung. Zwar muß man es als fest- stehende Tatsache ansehen, daß die Ernteaus-- sichten in Amerika sich dem Vorjahre gegenüber

Kuno Fischer.

3 am 10 0. Geburtstag des großen Philosophen am 23. Juli.

Es war im Juli des Jahres 1853, Kuno Fischer hatte gerade seinen 29. Geburtstag in vertrautem Kreise festlich begangen, als ihm em amtliches mit ministeriellen Dienst siegeln ver­schlossenes Schreiben zugestellt wurde. Da er seit drei Jahren an der Universität in Heidelberg seine Vorlesungen über Philosophie ausgenom­men hatte, die alsbald ungewöhnlichen Beifall fanden und eine ständig wachsende Zuhörerschar um ihn versammelten, vermutete er irgendeine Anerkennung oder Auszeichnung; wer aber be­schreibt sein Erstaunen, als er las, daß ihm 'das badische Unterrichtsministerium in dürren Worten ohne Angabe irgendwelcher Gründe die weitere Ausübung seiner Lehrtätigkeit versagte. Man be­fand sich anscheinend noch unter dem Banne der Ereignisse des badischen Ausstandes, der erst Dor vier Iahven, 1849, durch die Einnahme der Festung Rastatt mit Unterstützung preußischer Truppen niedergeschlagen war, and befürchtete, der Einfluß des jungen Gelehrten auf feinen, stetig wachsenden Zuhörerkreis könnte za ähnlichen, der Regierung natürlich unangenehmen Erschei­nungen führen, zumal man damals die Philo­sophie noch als eine Art verderblicher Frei- geisterei ansah.

Kuno Fischer war am 23. Juli 1824 zu sSande- walde in Schlesien geboren; er studierte zuerst in Leipzig Philologie, dann in Halle Theologie

und Philosophie. Rachdem er von 18481850 in Pforzheim als Hauslehrer tätig gewesen war, habilitierte er sich noch im gleichen Jahre, wie bereits oben erwähnt, an der Heidelberger Uni­versität als Privatdozent für Philosophie. Hier sah er sich nun plötzlich kaltgestellt, and da alle seine Bemühungen um die Zurücknahme des Ver­botes ergebnislos verliefen, widmete er sich vor­läufig in Gemeinschaft mit Gervinus und Strauß seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Im Herbst 1855 wandte er sich nach Berlin, um an der dortigen Universität seinen Wirkungskreis aafzunehmen, aber die badische Regierung war ihm bereits zuvor gekommen, und das Ministerium Raumer, verweigerte ihm die Erlaubnis zur Abhaltung von Vorträgen. Da griff die Fakultät ein, und auf ihre Verwend mg wurde ihm durch eine Ka­binettsorder König Friedrich Wilhelms IV. im September- 1856 die Ausübung der Lehrtätig­keit gestattet. Aber Fischer, des Wartens müde, war einige Monate vorher einem Ruse als Pro­fessor nach Jena gefolgt und begann dort feine Vorlesungen vor einem Zuhörerkreis, wie er sich an dieser Universität an Zahl und Begeisterung seit den Zeiten Schillers, Fichtes und Schellings nicht wieder zusammengefanden hatte. Im Jahre 1872 wurde er an die Universität Heidelberg be­rufen, wo er 19 Jahre nach seiner Kaltstel­lung eine glänzende Lehrtätigkeit entwickelte. Hier starb er auch am 5. Jali 1907.

Kuna Fischer gehörte der Hegelschen Rich­tung an. Außer seinem in hervorragender Dar­stellung geschriebenen HauptwerkSie Geschichte der neuen Philosophie", dessen 8 Bände immer wieder in neuer Auflage erschienen, hat er :me

große Zahl kleinerer und umfangreicherer Schrif­ten auf dem Gebiete seiner Wissenschaft hrnter- laffen. \

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Kuno Fischer hat stets mitten im Geisteskampf des 19. Iahrh. gestanden, und eine eingehende Schilderung seines Lebens und Wirkens, die wir noch nicht besitzen, wird einmal einen wichtigen Beitrag zur Gelehrtengeschichte seiner Epoche Sil­ben. Aber er war mehr als Gelehrter, er war eine Dollnatur, bei der neben den bedeutenden auch die allzu menschlichen Züge nicht fehlten, und so ist er beim zum Helden zahlloser Anekdoten geworden, die, wenn auch nicht immer wahr, so doch stetsgut erfunden" waren. Der berechtigte Stolz auf seine Leistung und seine Erfolge nahm bei dem Philosophen gar häufig Formen an, die man bei einem gewöhnlichen Sterblichen als Eitel­keit bezeichnen würde. So war er von dem ihm verliehenen TitelExzellenz" sehr entzückt; man erzählte sich, er habe einem Studenten, der in dem Bemühen, ihm zu gefallen, diese Titulatur be­ständig wiederholte, schließlich begütigend zuge- rusen:Richt immerfort Exzellenz nur so hin und wieder!" Wenn man ihm aber diesen Titel nicht gab, so konnte er ungemütlich werden. Ein Besucher, der im Flur fragte, ob Dr. Kuno Fischer zuhause sei, erhielt von der Exzellenz, die im Rebenzimmer die Frage hörte, die ärgerliche Ant­wort:Sie wollen wohl zum Arzt! Dr. Fischer wohnt gegenüber. Seine Sprechstunde ist von 23." Der berühmte Mairn zeigte in seinem Auf­treten vom Scheitel bis zur Sohle, wer er war. Auch im Anzug," heißt es in einem kurz nach seinem Tode erschienenen ErimierungSartikel,war

er der unbesinnliche und deshalb nicht in Frage zu stellende elegante Mann von Welt, der noch oas zu tragen versteht, was ihm nicht steht. Allen­falls der leichte weiche Hut wahrte eine persönliche Rote, eine leise Deutung ins Geistige. Lud er den besuchenden Studenten aus dem Wohlwollen oder der Form eines besonderen Anlasses xum nächsten Sonntag ein, so entschied er mildernd:Kommen Sie im Bratenrock!" Wer ihm den Rang als der Berühmtheit Heidelbergs streitig machen wollte, oder sich nicht vor seiner Autorität beugte, der wurde mit erfrischender Grobheit bedacht oder mit Verachtung bestraft. So war einmal ein neuer Professor nach Heidelberg berufen worden, der auch durch sich selbst etwas gelten wollte und ein­mal bei einer studentischen Kneipe die Bedeutung Kuno Fischers ein wenig in Zweifel zog. Seitdem existierte er für Fischer nicht mehr. Aber in der kleinen Universität können sie sich nicht ganz aus dem Wege gehen und werden zusammen einge­laden. Kuno beachtet den anderen nicht, er sieht ihn nicht, er hört ihn nicht. Aber bei Tisch wendet er sich zu seiner Nachbarin und fragt, mit dem! Kopf nach dem anderen hinweisend, laut und vernehmlich:Wer ist der Gymnasiast?" Fischer war der geborene Festredner, und bei der 500jäh- rigen Jubelfeier der Heidelberger Universität hielt er natürlich auch die große Ansprache in der Stadtkirche. Er sprach volle drei Stunden. Das war manchem unbehaglich, und so erweckte schließ­lich ein Bruder Studio den im holden Schlaf be­fangenen Küster und bat ihn, ihn herauszulassen. Der aber sah nach der Uhr und meinte entschieden: Ree, das geht nicht. Wenn ich erst einen raus- lasse, dann wollen sie alle raus!"