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Samstag, 21. Juni 1924
U4- Jahrgang
Erstes Blatt
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jedeDerbindlichlreit.
Preis für I mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite cr"ich8, auswärts 10 Goldpfennig; für Reklame-Anzeigen t).70nim Breite 35 Goldpfennig, Platzoorfchrift 20°/n Aufschlag. - Verantworilici für Politik u. Feuilleton Dr. Friedr. Wilh Lange für den übrigen Teil. Ernst Blumfchein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.
ür.M
Erscheint täglich, außer Bonn? und Feiertags, mit d. Samstagsbeilag«: DießenerFamilienb lütter Monats-Vrzngrprcis:
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Herriots Besuch in England.
DerKampfumdenFrieden I
Es ist eines der schwärzesten Kapitel im Lebensbuche der Menschheit und der Kulturgeschichte Europas, das die trostlose Tatsache verzeichnet, daß Anno 1924, 51/2 Jahre nach der Beendigung des Ringens der Großmächte, die Welt im ganzen und die Völker Europas im einzelnen noch immer um Frieden und Wiederherstellung normaler, „auf Gerechtigkeit und Ehre beruhender Beziehungen" — wie es so schön in der Einleitung des Versailler Diktats hecht — kämpfen müssen. Lind es ist für uns Deutsche die wir bisher allein das Opfer dieses barbarischsten und widernatürlichsten aller Verträge waren, nur ein schwacher Trost, dah seinen Urhebern, unseren Besiegern", der Leidensweg nicht erspart bleibt, den sie aus Furcht. Rachgier und Kurzsichtigkeit uns einzuschlagen gezwungen haben.
Denn dieses ist gewih, dah weder Frankreich, noch Italien, um die im Brennpunkt des zeitigen Geschehens stehenden Länder herauszugreifen, allein durch eine mehr oder weniger energische Kursänderung ihrer Politik die Kräfte am Boden halten können, deren terroristische Methoden und deren imperialistische Ziele die Beruhigung und Befriedung Europas bisher verhindert haben. — Grundsätzliches zu der Veränderung der Methoden der hohen Politik in Frankreich haben wir in den beiden letzten Ausgaben unserer Zeitung bereits gesagt; darüber hinaus darf eines nicht unbeachtet bleiben, die ungeklärte Stellung und Haltung jener unter Poincarö allmächtigen militärischen Kreise, deren Tätigkeit im besetzten Deutschland und in den zur Riederhaltung Deutschlands bestimmten Staaten nicht nur die Ausführung des Willens des Rationalen Blocks war, sondern deren Wünsche vielmehr Ursache und treibende Kraft der Gewaltmahnahmen der Pariser Regierungsmänner darstellten." Es wird sich bald erweisen, ob die Macht des Ministerpräsidenten Herriot und die Anpassungsfähigkeit des Kriegsministers Rollet groh genug sind, auch Herrn De° g 0 u t t e und seine Unterführer ebenso im Schach zu halten und zur Vernunft zu bringen, wie es Herriot mit dem Dloc national im Parlament versucht. Bisher ist von einem Einlenken der französischen Generäle und Versuchen, den deutschen Belangen und der deutschen Ehre Rechnung zu tragen, nichts zu bemerken — und der auf der zweiten Seite abgedruckte Brief der Stadt Düsseldorf, der dem General Dvuchh die ungeheuerlichen wirtschaftlichen, kulturellen und finanziellen Schädigungen durch die Besetzung darstellte, beweist uns und der Welt, mit welcher sinn- und beispiellosen Willkür selbst in widerrechtlich besetzten deutschen Städten das französische Militär seine Machtstellung ausbeutet. Sie in die gebührenden Schranken zurückzuweisen, wird eine der vornehmsten, aber auch schwersten Aufgaben des Herriotkabinetts sein. Mihlingt sie, so ist der Kampf um den Frieden, den der neue Herr in Frankreich au führen behauptet, zu seinen und unseren und Europas Ungunften entschieden I Denn diese französischen Militärs haben besondere politische Ambitionen. Sie sind die Träger jener vielhundertjährigen Wünsche auf Ausdehnung der französischen Machtsphäre an den Rhein, und wie sie im letzten Herbst sich nicht scheuten, dem separatistischen Gesindel alle nur denkbare Förderung seiner „Arbeit" im Dienste der Grande Nation zu leisten, schrecken sie heute, da der Wind aus einer anderen Ecke weht, nicht davor zurück, sich „pazifistisch" einzustellen und den ehrenwerten Separatistenhäuptling Matthes in seinen Bestrebungen zu unterstützen. Matthes propagiert auf ihren Befehl und unter freundlicher Assistenz der nach Wiesbaden geflüchteten pazifistischen Zeitschrift „Die Menschheit" die Reutralisierung der Rheinlande unter Aufsicht des Völkerbundes und unter dem Schuhe einer französischen Gendarmerie! Man kann es also uns Deutschen und besonders den Bewohnern des besetzten Gebietes nicht verargen, wenn wir mit ihnen den Herriotschen Kampf um den Frieden solange als problematisches Unterneh- lnen betrachten, solange er nicht die Herrschaft dieser politischen Generäle gebrochen und die militärische Macht auf deutschem Gebiete auf die vertragsmäßig festgelegte Stärke zurück- geführt hat.
Auch Mussolini, der ungekrönte König von Italien, ist gezwungen, einen ähnlichen Kampf um den Frieden gegen ähnliche Kräfte und Mächte zu führen. Die grauenhafte Ermordung des sozialistischen Abgeordneten M a t t eo t t i durch faschistische Elemente hat nicht nur alle Gegner der Schwarzhemden zu einem täglich erbittert werdenden Kampfe gegen die Uebergc-iffe der unlauteren Elemente im Faschismus auf den Plan gerufen, sondern die Regierung und Mussolini selbst in eine äußerst kritische Lage gebracht. Der Kreis der mit dem Word in Verbindung g> brachten Persönlichkeiten, die zum Teil der nächsten Umgebung Mussolinis angehören, vergröbert sich täglich. „Die vier eigentlichen Mordgesellen sind hinter Schloß und Riegel, aber das Aufregende sind die weiteren Enthüllungen über die Quellen und Hintergründe des Mordattentats", heißt es in einem uns zugehenden Bericht aus Rom, der ferner besagt:
„Die Polizei hat jetzt einen Ausländer verhaftet, der von Du min i, dem Hauptanstifter, gedungen worden sein soll, um Matteotti aus Schritt und Tritt zu verfolgen, bis sich eine Gelegenheit zum — Verprügeln fände. Da aber für das „Verprügeln" eine Belohrung von 80 000 Lire ausgesetzt war, weiß natürlich jeder, was die Glocke geschlagen hat. Jedenfalls fand man in Duminis Koffer Stücke blutigen Stoffes, und einen blutigen Dolch, ferner einen Revolver und Visitenkarten, die auf Dumini als Angehörigen hes Pressebureaus im Ministerium des Innern
lauten. Das führte auf die höhere Spur. Es erging Haftbefehl gegen den Pressechef Rossi, der flüchtig wurde und sich jetzt in Mai- land versteckt aufhalten soll. Rossi und Dumini waren Freunde und schon einmal verwickelt in einen Mordanschlag, der auf dem Bahnhof von Mailand gegen oen Kapitän Fern», den Führer der ehemaligen Faszisten verübt wurde und beinahe tödlich verlies. Roch höher hinauf: Staatssekretär Finzi! Er wurde aus der Führung des Ministeriums entlassen und an seiner Stelle Federzvni eingesetzt, der wie ein Löwe für Mussolini kämpft. Cs wird ihm schwer fallen, oie Gerüchte niederzuschlagen, die den Skandal im Ministerium des Innern zu der Ermordung Mattevttis in Beziehung setzten. Finzi wollte die Spielhöllen konzesitonieren, er erwartete dabei einen persönlichen Vorteil von mehreren Milli)- neu. Eine amerikanische Gesellschaft toinhe mit Schmiergeldern fürPetr l Uinkanze^ionen. Außerdem Bankschiebungen. Alles das wollte Malie- vtti aufdecken. Matteotti mußte fallen, Unlaute e Geschäflspolitik höchster Behörden und offiziöse Mvrdverschwörung, das sind die beiden Verbrechen, die man dem Regime Mussolinis an d.e Rockschöhe hängen will.'
Lind Mussolini selbst? Er führt einen energischen Kampf gegen diese Feinde im eigenen Lager, die im nationalistischen Siegerwahn nicht nur das Deutschtum in Südtirol mit brutalsten Mitteln zu verwelschen versuchten, sondern die auch durch Willkürakte aller Art die eigene Regierung um Ansehen und Autorität bringen, so daß der Kampf gegen die Ueberheblichkett und die Auswüchse des Faschismus ein Kamps um den Frie- -den schlechthin geworden ist.
Er ist nicht auf Frankreich und Italien beschränkt. Die Drachensaat des Versailler Diktats geht überall in Europa auf. In Jugoslawien und Rumänien in Griechenland und in Polen. Alm so mehr sollten wir Deutschen endlich eine Politik des gesunden Menschenverstandes zu betreiben beginnen. Im zielbewußten Erstreben des Möglichen,'im einigen Wollen und in der rücksichtslosen Bekämpfung aller unehrlichen, unlauteren und unfähigen Clemente liegt das Geheimnis der moralischen Kräfte eines Volkes, Und sie allein werden letzten Endes den Kampf um den Frieden siegreich beenden!
Friedenswünsche aus Paris.
Daris, 21. Juni. (WTB.) Der Präsident der Republik hat gestern nachmittag das diplomatische Korps empfangen. In dessen Ramen der apostolische Runtius Feretti eine Ansprache hielt. Es heißt darin: 1
Mit der Uebernahme der Präsidentschaft der Republik fällt Ihnen eine schöne Aufgabe zu. Möge unter dieser Ihrer Präsidentschaft die ganze Welt endlich zum Genüsse jenes Friedens kommen, den alle Volker so heiß ersehnen, und der Ihrem edlen und hochherzigen ßanbe eine lange, sichere und blühende Zukunft gewährleistet. Diese Sehnsucht, die das Ziel unserer ganzen Zivilisation in sich schließt, steht allzusehr im Einklang mit den Wünschen der Regierungen, die das diplomatische Korps hier vertritt, als dah sie nicht in unseren Herzen einen starken Widerhall finden sollten.
Die Erwiderung des Präsidenten Dou- mergue hat folgenden Wortlaut:
Ich bin äußerst gerührt von den Glückwünschen, die Ew. Eminenz im Ramen des diplomatischen Korps zum Ausdruck gebracht haben. Wenn ich Ew. Eminenz für diese Worte meinen Dank ausspreche, so schließe ich mich dabei besonders den Wünschen an, die Ew. Eminenz «ausgesprochen haben. Jenen vollen Frieden, den, um Ihre schöne Wendung zu wiederholen, alle Völker so heiß ersehnen, wünscht keine Ra - tion so sehr wie Frankreich endlich verwirklicht zu sehen. Ein Ideal, das so sehr dem Geist seiner internen Institutionen entspricht und das so sehr dazu angetan ist, den fruchtbarsten Wetteifer zwischen den Völkern zu wecken, wird stets die volle Zustimmung der Regierung der französischen Republik finden. Die Wünsche, die Ew. Eminenz im Ramen des in Paris akkreditierten diplomatischen Korps soeben ausgesprochen haben, nehme ich daher mit lebhafter Genugtuung auf. Ich möchte in der kostbaren Unterstützung, die Ew. Eminenz in Ihrem Ramen und im Ramen Ihrer Kollegen mir zugesichert haben, ein Zeugnis für jenen Geist des Zusammenwirkens und des Einvernehmens erblicken, der allein den Anspruch jener Aera des Wohlstandes auf dem Boden des Rechtes Und des Friedens beschleunigen Earnr, den die Menschheit so sehnlich erwartet.
Die Bombe
im Bankettsaal.
Hongkong, 20. Juni. (WTB.) Während eines Banketts, das die französische Kolonie von Kanton zu Ehren des hier zu Besuch weilenden französischen Generalgouverneurs von Indochina, Merlin, veranstaltete, warf ein unbekannter Chinese eineBornbeindenBankettsaal. Merlin blieb unverletzt, dagegen wurden der Direktor des Reuyorker Seidenimporthauses De- marah und feine Gattin sowie ein Beamter der Indochinesischen Bank getötet. Zwei weitere Teilnehmer wurden tödlich verwundet und fünf schwer verletzt. Dem Täter gelang es, zu entfliehen.
Hongkong, 20. Juni. (WTB.) Bei dem Attentat auf den Generalgouverneur von Indochina, Merlin, wurde, wie weiter gemeldet, auch der interimistische fran» zösischeKonsulinKantonverletzt. der einen Arm verlor.
Herriot begibt sich heute nach England, um mit seinen britischen Kollegen M a c d 0 n a l d die politischen Probleme zu besprechen und um, wie er in einer Botschaft an die Engländer erklärt hat — die „Entente cordiale", das gute Einvernehmen zwischen Frankreich und England zu stärken. Das deutsche Volk hat allen Grund, diese Reise und ihr eventuelles Ergebnis mit größter Aufmerksamkeit zu beobachten, denn die Besprechungen inCheguers, dem.Sonntagsaufenthaltsort des englischen Ministerpräsidenten, können von weittragender Bedeutung für die Entwicklung der nächsten Zukunft sein.
Sie werden es im g ü n st i g e n Sinne sein, wenn der sichtbar vorhandene Wille zur Beseitigung der vorhandenen Gegensätze und zur Besserung der unhaltbaren weltpolitischen Lage sich nicht in einer Ueberspannung der Tendenzen äußert, die dem Völkerbund zum ausschlaggebenden Faktor bezüglich der Rhein- und Ruhrfrage zu machen versuchen. Deutschland hat in O bersch l e s i e n und im Saargebiet so üble Erfahrungen auf diesem Gebiete gemacht, und die Geschäftigkeit, mit der gewiße militaristtsch-impe- rialistische Kreise in Frankreich ihre völkerbund- freundliche und pazifistische Gesinnung der Welt im Verein mit von ihnen subventionierten separa t i s ch e n Kreisen in Rheinland darstellen, ist so auffallend, daß wir den Versuchen einer Ver- völkerbundlichung der Rheinlande mit größtem Mißtrauen und zur energischeren Abwehr bereit gegenüberstehen müssen.
Die nächsten Tage werden zeigen, ob und wieweit diese in der ßuft liegenden Befürchtungen berechtigt und begründet sind.
Der Charakter der Besprechungen.
Paris, 21. Juni. (WB.) Ministerpräsident Herriot hat gestern nachmittag den englischen und amerikanischen Pressevertretern in Paris gegenüber den vertraulichen und persönlichen Charakter der bevorstehenden Besprechung im Chequers hervrrgehoben. Was davon veröffentlicht werden solle, darüber werde Mac- d v n a l d zu entscheiden haben. Er überlasse ihm auch die Wahl der Fragen, auf die die Unter- redung beschränkt werden solle. Was die R u h r- frage anlange, so verweise er die Journalisten auf die am Dienstaa verlesene ministerielle Erklärung hin.
Nuhrbesetzung und SicherheLtsproblem.
Paris, 21. Juni. (WTB.) Der „Petit Parisien" spricht sich über die Fragen aus, die im Chequers zwischen Herriot und Macdonald behandelt werden könnten. Sie seien von zweierlei Art; die eine beträfe di e Aus führung des Sachverständigenberichts und die andere das Sicherheitsproblem, dessen Bedeutung die Alliierten einmütig anerkannt hätten. Was die Ausführung des Dawesplanes anbetrifft, habe die französische Regierung ihre Absicht kundgegeben, die wirtschaftliche Einheitdes DeutschenReicheswieder herzu stellen »sobald Deutschland das durch den Sachverständigenausschuß aufgegebene Programm durchgeführt habe. Der Punkt, über den man sich einigen müsse, sei die militärische Besetzung. Die französische Regierung habe erklärt, dah nach dem Sachverstündigen-Gut- achten die Wiederherstellung der wirtschaftlichen Einheit Deutschlands keineswegs einen Verzicht auf die militärische Bes etzung in sich schließe. Macdonald habe, obgleich er die Besetzung des Ruhrgebietes niemals anerkannt habe, den belgischen Ministern erklärt, er wolle nicht auf die Vergangenheit zurück- kommen. Man könne daraus schließen, daß eine Verständigung auf der Grundlage einer auf das Minimum herabgesetzten Besetzung, die unsichtbar sei, möglich sei. Diese Besetzung hätte progressiv nach Maßgabe der Erfüllung der Verpflichtungen Deutschlands zu Ende zu gehen. Was noch gestern gewesen sei, könne auch heute noch möglich sein. Herriot habe nicht die Absicht, einen Tag länger im Ruhrgebiet zu verbleiben, als es notwendig sei. Was die Garantiefrage anlangt, habeMac- donald den belgischen Ministern erklärt, wenn Deutschland seine Verpflichtungen nicht erfüllen werde, werde es England, Frankreich und Belgien unerbittlich und einig finden. Er habe jedoch keine Aufklärung gegeben über die Sicherheiten und Garantien, die in diesem Falle nach einem gemeinsamen Einverständnis ergriffen werden sollen. Ebensowenig sei ein Einverständnis über die Regie der rheinischen Eisenbahn erzielt worden, um die Sicherheit der Besatzungs truppen zu gewährleisten. Schließlich sei bad S i che r u n g s p r v b l e m zu behandeln. Diese Frage sei niemals zwischen der Regierung Macdonalds und der französischen Regierung diskutiert worden. Herriot habe v)n Sicherheitspakien oder einer Kontrolle des Bö lkerbundes gesprochen. Können wir hierdurch Befriedung erlangen? Die Verhandlungen, die heute im Chequers beginnen, werden vielleicht einige Anden langen über diese Frage bringen. Das Blatt bezweifelt aber, daß die I kurze Zeit, die zur Verfügung stehe, es gestatten werde, in eine Verhandlung von mehr als ziem- 1 lick» allgemeinem Charakter einzutreten.
Deutschland und das Völkerbundproblem.
Eine Acnfternng der „Times".
London, 20. Juni. (WTB.) Die „Times" schreibt in einem Leitartikel, in dem Rachdruck, den Herriot auf den Völkerbund als einen möglichen Faktor bei der Regelung der größeren europäischen Probleme lege, werde er sich zweifellos in enger Sympathie mit Macdonald befinden. Es könne zugleich für sicher hingenommen werden, daß beide Premierminister die Schwierigkeiten einer praktischen Regelung in dieser Richtung voll erkennen. Die Verweisung der M i l i t ä r k 0 n t r 0 l l e in Deutschland und die Durchführung der Maßnahmen, die die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland gegen Angriffe auf beiden Seiten sichern würden, an den Völkerbund, würde dieser sich langsam entwickelnden Einrichtung eine sehr ernste Probe auferlegen. Wenn die Probe unternommen werden solle, unter welchen Bedingungen solle dann Deutschland »um Völkerbund zugelassen werden? Es sei klar, dah alle derartigen Pläne ohne die tätige Mitwirkung Deutschlands niederbrechen müßten.
Herriot habe endgültig die neue Tendenz seiner Politik bestätigt, indem er für die große Mehrheit der Deutschen, die wegen ihrer Loyalität zur Politik des passiven Widerstandes aus dem Rheinland ausgewiesen wurden, die Freiheit versprochen habe. Je früher diese Politik durchgeführt werde, um so besser sei es. Richts würde besser dazu angetan fein, die Stärke bed deutschen nationalistischen Opposition gegen eine vernünftige Regelung des Re- parationsproblems zu vermindern, als d i e sofortige Rückkehr dieser unglücklichen Opfer eines akuten inter-nationalen Konflittes nach ihren Heimstätten und ihrer gewohnten Arbeit. Die gesündeste Politik gegenüber Deutschland im gegenwärtigen Zeitpunkt sei die vernünftigen Elemente zu stärken die in der Regierung des Reichskanzlers Marx und des Außenminister-s S t r e s e m a n r gu* vertreten seien und jede weitere Her« ausforderung der extremsten nationalistischen Gruppen zu vermeiden, der Leute, die aggressive Traditionen des Dvr- kriegsdeutschlands geltend machen.
Lloyd George über den Dowesberichl.
London, 20. Juni. (Wolff.) Lloyd ©e» vrge erklärte in der gestrigen Unterhaussitzung, nach seiner Ansicht seien die Aussichten für eine europäische Regelung gut. Der Dawes bericht sei ein wirklicher Segen und es seien Tatsachen vorhanden, die darauf h n- deuten, dah der Bericht angenommen werde Frankreich habe das Ruhrexperiment versucht.
Es sei aber gescheitert.
Ein anderer riesiger Vorteil sei, dah die Vereinigten Staaten an der Regelung teilnehmen würden. Die gegenwärtige amerifa- nische Regierung sei mehr ober weniger an dem Erfolg des Dawesplanes interessiert. Cs könne jedoch nicht angenommen werden, dah mit der Regelung der Reparationsfrage das Ende der für den Handel bestehenden Schwierigkeiten gekommen sei. Die Regierung dürfe nicht erwarten, dah die Dawesregelung eine endgültige sein werde. Sie werde die Wirkung haben, eine Atmosphäre hervorzurufen, die dem europäischen* Handel nützen werde. Aber die unmittelbare Wirkung .auf den britischen Handel werde nicht gut sein. Gegenwärtig habe England etwa 74'/» Prozent feiner Vorkriegsausfuhr wieder erreicht. Deutschland sei der mächtigste Rivale Englands vor dem Kriege gewesen. Soviel er wisse, sei im letzten Jahre die deutsche Ausfuhr nicht über 20 bis 25 Prozent des Dorkriegsumfanges hinausgegangen. In dem Augenblick, da man den deutschen Kredit wieder herstelle, würden diese Hemmungen verschwinden.
Soviel er wisse, sei die Summe, die Deutsche land vorgestreckt werden solle, 40 Millionen
Pfund in Gold.
Dieses Geld werde nicht gezahlt an Frankreich Großbritannien, Belgien oder Italien, sondern an die deutschen Kohlendes itzet und Stahlfirmen und an Leute, die Waren an die B e s a tz u n g s t r u p p en lieferten. Dies sei der Beginn der Wiederherstellung des deutschen Kredits. Eine Reihe von Krediten wurde vereinbart, wobei die Eisenbahnen und andere Einrichtungen als Sicherheit gegeben werden sollen. Die Gesamtsumme werde den fabelhaften - Betrag von etwa 130 Millionen Pfund erreichen.
Während der Zeit, in der die Deutschen nicht in der Lage waren, mit dem übrigen Teil der Welt Handel zu treiben, setzten sie ihre ganze Energie in die Wiederausstattung ihres Landes. Frankreich Italien und Belgien und in sehr großem Umfange auch die Vereinigten Staaten hätten dies getan. England dagegen habe weniger als jedes andere Land in der Welt in dieser Hinsicht getan. Die d e u t - sche Schuld, die rund 10 Milliarden Pfund betrug, sei vollkommen ausgetilgt, ebenso die Munizipalschulden und die industriellen Obligationen. England öagegen habe jetzt eine Schutt von über 7 Milliarden Pfund und dabei die Schulden der Obligationen wie vor dem Kriege. Zweifellos sei der deutsche Kredit geschädigt woi>


