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llr. 500 viertes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberheffen)Samstag, 2^. Dezember 1^21
Der Kaiser landet in Tanger.
Die erste Marokkokrifis.
Die QBarottotrife, der die Bände 23 und 21 der jetzt erscheinenden neuen Ab le Lung der Drohen 2LItenpublu'at.on des Auswärtig n *2L n* teä’J gewidmet sind, zeig! mit greller Deutlich- ke t. wie sich die Konstellation Der europäischen Mächte seit dem Anfänge des Jahrhunderts gej ändert hotte. Heben Ruftland stand jetzt auch England völlig auf fe.ten Frankreichs, und Italien konnte kaum verdecken, daft es in dieser F oge feinem Dreibundgenossen nichi die Treu- I hielt Den Auftakt der Äi.fe bdö.te d e Landung Wilhelms II. in Tanger, woselbst er in einer Ansprache die 3ntegr tat und Umbbä g gteit . des von Frankreich beanspruchten Landes ausdrücklich hrrvorhob. Vielfach wurde diese F hrt cis der eigenen Initiative des Kaiser- entsprungen b ze.chnrt; cu3 den deutschen Akten läht sich zwar nicht erkennen, von Vern die Idee der dortigen Landung stammt, eS geht aber mit voller Deutlich!et aus ihnen hervor, dah sie völlig in den Rahmen der deutschen Politik paßte, und dah es gerade der Reichskanzler Graf von Dülow wir. der die bei d m Kaiser und seiner Umgebung sich regenden D denken Immer w e>er verscheuch e und mit äußerster Energie auf die Ausführung der Landung drang. Das geht aus den Im folgenden abgedruckten Depeschen hervor:
Der Gesandte in Lissabon Graf v.Tattenbach an bat Auswärtige Amt Telegramm. Entzifferung.
Ar 36 Lissabon, den 29. März 1905.
Deheim
(Seine Majestät hat mich zur Reise noch Tanger befohlen.
In der Umgebung Deiner Majestät ist eine starke Strömung Dagegen, dah Seine Majestät in Tanger an Land gehe. Meines Erachtens find die von dieser Seite auSg sproche- nen Erwägungen und D fürchtungen nicht zu- cressend. Der kurze Dcfuch w.rd sehr gut verlausen und wird die von Euerer Erzellenz in dem telegraph schen D.r cht an Seine Majestät vorausg f.gten guten politischen Wirkungen sicher nicht veil Hirn. Unter allen Umständen dort meines Eracht.ns der beabsichtigte T> such jetzt, nachdem so viel darüber g spiochen and geschr eben worden ist, nicht auf gegeben werden. Diese meine Ansicht wird auch mit Entschiedenheit von dem Grafen zu Eulenburg vertreten. Tattenbach.
D-er Reichskanzler Graf von Dülow an den Gesandten in Lissabon Grafen v. Tittenbach
Telegramm. Eigenhändiges Konzept
Rr. 38 Berlin, den 29. März 1905.
Selbst entziffern.
Ihr Telegramm Rr. 36 entspricht den Erwartungen. die sich für mich an Ihre Mitwirkung knüpften. Ich sehe, dah wir eines Sinnes sind and rechne auch ferner auf Ihre Unterstützung. Daß Gras Eulenburg wie immer die Ansicht vertritt, welche der Würde Seiner Majestät und Dem Interesse des Landes entspricht, ist mir eine weitere Beruhigung. Rur nicht zurück- weichen. Bülow.
Der Rat tm Kaiserlichen Gefolge Gesandter von Schoen, zur Zeit in Gibraltar, an das Auswärtige Amt.
Telegramm. Konzept.
Ar. 21. Gibraltar, den 31. März 1905.
Ganz geheim.
Für Reichskanzler persönlich.
Seine Majestät vor Tanger bis zum letzten Augenblick schwankend und geneigt. Besuch unter Dorwand der Landungsschwierigkeit zu öern eihe n. Mit Hilfe meines Freundes
.Die Große Politik der Europä schen Ka- 6'mcLc 1871 — 1914.“ Sammlung der D plomati- schen Akten deS Auswärtigen Amtes. Im Auftrage des Auswärt gen Amtes h.rausgegeben i von Johannes Lepsius. Albrecht M.ndelssohn Bartholdy, Friedrich Thimme. 4. Reih. : „Die Isolierung der Mittelmächte.“ Erste Abteilung: ' Band 19 bis 21. Im Berlage der Deutschen Berlagsgesellschafl für Politik und Geschichte in Berlin W 8.
Scholl, der an Land geschickt war und ganz ermutigende Rachrichten brachte, gelang es. das Zögern plötzlich zu überwinden und Ausführung der historischen Tat auSzulösen, die mit Bravour durchgeführt wurde.
Bieberaus belastet bitte meine Kürze zu entschuldigen. Schoen.
Was veranlaßte die deutschen Staatsmänner, die Person deS Kaisers für die deutschen Marokko» interessen einzusehen? Rachdem Frankreich sich mit England durch das Abkommen vom 8. April 1904 und mit Spanien über Marokko geeinigt hatte, glaubte es Dortfelbst ein Protektorat ausüben zu können. Diese Uebergebung der deutschen Interessen emviand die deutsche Regierung einerseits als einen Schlag, durch den der deutschfeindliche französische Minister des Acußern D e l c a s s ö die SJebcrlcgeT-beit Frankreichs über das Deut che Reich dokumentieren wollte, andererseits als einen Versuch. Deutschlands weltpolitischen Unternehmungen überhaupt Steine in den Weg zu legen. Die Motive, die sie die Marokkoaktion mit aller Energie durchzuführen veranlaßten, und ihre Absichten bei dieser Unternehmung werden durch Die beiden hier folgenden Stücke verdeutlicht.
Der Reichskanzler Graf von Bülow an den Gesandten in Lissabon Grasen von Tattenbach.
Telegramm in Ziffern.
Rr. 34. Berlin, den 29. März 1905
Der nach FeS gesandte französische Unterhändler hatte dort erklärt, die französische Regierung verhandele „als Mandatar Europas“. Seit d e Unwahrheit dieser Behauptung ausgedeckt ist, wehren sich der Sultan und die von ihm berufenen Rotabeln gegen die französischen Forderungen. Die scherisi che Regierung scheint begriffen zu haben, daß Frankreich ttoh seiner Drohungen schwerlich eine große Armee in Afrika wird festlegen wollen, solange man nicht weih, welche Haltung in Dem Falle Deutschland einnehmen würde. Diese Verlegenheit möchten D-c zahlreichen F inde von Delcassö ausnutzen, um diesen zu stürzen. In nicht wenigen französ schen Preharlikeln wird da.auf hingcwesen, daß Delcassö durch seine rücksichtslose Behandlung des mächtigen Deutsch n Reiches die gegenwärtige schwierige Lage verschuldet habe. Am deutlichsten drückt sich der frühere Marineminister de Cane f f a n im „Siöcle" aus, indem er sagt: .^Deutschland verteidigt seine Interessen in Marokko. Das ist das Recht Deutschlands."^ Oa- nessan empfiehlt dann dringend, die französische Regierung möge sehr nachdrücklich die bereits abg gebenen Erklärungen toi der'ölen, dah Frankreich entschlossen sei, die Unabhängigkeit Marokkos und die Freiheit des ausländischen Handels im marokkanischen Gebiete vollauf zu respektieren.
Diese und viele andere ähnliche Aeuherungen nicht offiziöser Prehorgane lassen erkennen, daß, wenn Der Sultan fest bleibt, die französischen Forderungen in der Hauptsache ab lehnt und Frankreich sich also vor Die Alternative einer Diplomat schen Rieder läge oder eines maiokkani- schen Krieges gestellt sieht, das diplomatische Prestige des Herrn Delcasss von seinen eigenen Landsleuten arg zerpflückt werden wird.
Es wäre daher kein Wunder, wenn der Minister und sein Anhang jetzt bemüht wären, durch Cinschüchterungsversuche einen Besuch Seiner Majestät in Tanger zu hintertreiben.
Dülow.
Der Reichskanzler Graf von Dülow an den Dotschafter in London Grafen von Metternich.
Telegramm. Konzept.
Rr. 70. Berlin, den 11. April 1905.
Obwohl ich auS Ew. Berichterstattung entnehme. daß Die öffentliche Meinung in EnglanD einer sachlichen Würdigung marokkanischer Angelegenheiten und insbesondere unserer Marokkopol tit wenig zugänglich ist, möchte ich Doch nicht unterlassen, Sie über die Hauptgesichtspunkte dieser letzteren zu orientieren.
In Dem englisch-französischen Abkommen ist die Erhaltung des Status quo aus-
Die rote Kaschgar.
Roman von Fedor von Zvbeltitz.
23. Fortsetzung (Rachdruck verboten.)
„UeberS Jahr", flüsterte Theda, und ihre Augen winkten Gert zu sich. „Wirst du mich auch nicht vergessen. ®ert?“ fragte sie. Er beugte sich £ über sie. und da sagte sie ganz leise: „Küß' mich ( noch einmal — aber küh' mich auf den Mund.“
Er spürte das Erschauern ihres Kinderkör- ! pers, als seine Lippen ihren Mund berührten. < Lind er dachte dabei: Ihr Mund ist hübsch, und sie versteht zu küssen. 11 nD abermals hatte er das Empfinden, als suche ihn der Blick Alexes. Da dachte er weiter: Als ßefe so alt war wie 4 Theda. verstand sie das Küssen noch besser.
2llexe hatte sich an das Bett gesetzt.
„Theda, jetzt sind wir noch näher verwandt", sagte sie. „Run besuch' ich dich häufiger. Und wenn es dir besser geht, besuchst du mich auch auf der Wesenburg.“
„Ach ja — ich wollte, es wäre erst so weit! Ich glaube, ich bin auch vor Langewelle krank, t Jetzt soll ich erst in ein Sanatorium und dann ; nach Groh-Ponar. Das ist nicht weit von deiner I Ttiftshülle. Da können wir viel zusammen sein, i urD dann reiten wir auch öfters mitfammen aus — ad) ©ott. wenn du nur ahntest, was ich für eine Sehnsucht nach Wald roch Heide habe, ich eingesperrtes armes Dögelchenl"
Die Pflegerin tomlte wieder mit Blicken and Handbewegung. Die Kranke mußte ihre Ruhe haben. Aber sie rief noch einmal Gert an ihr Bett.
„Du bleibst doch noch hier?" fragte sie.
„3a, natürlich, Thedachen. Wir bleiben alle noch hier. Jetzt kommt erst das Hochzeitsmahl."
„Wenn ich doch dabei sein könnte!"
„Wir holen das alles nach."
„Ja — übers Jahr . . Ihr Blick flog nach Dem Fensterbogen, m dem Hellmut mit
dem Geistlichen und Den beiden Vätern in leisem Gespräch stand . . . „Du. Gert," fuhr sie fort, „der hübsche Mensch da Drüben, das ist Alexes Bruder, nicht wahr?"
„Jawohl, Hellmut Mehding. Hast du ihn nicht früher schon gesehen?"
„Als Kind vielleicht. Was ist er?"
„Er verwaltet Groß-Ponar."
„Er hat kein Wort mit mir gesprochen."
„Gott — weiht du, er ist wohl ein bissel
schüchtern."
„Das muß er sich abgetoöhnen. Er hätte mir doch wenigstens gratulieren können."
„Soll er nachholen . . .“ Gert erhob sich lachend und trat an Die Gruppe am Fenster. Sofort löste sich Hellmut von Den übrigen und näherte sich Theda.
„Tarf ich mir noch nachträglich erlauben. Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch auszusprechen. gnädigste Gräfin", sagte er und ver
neigte sich.
„Besten Dank — aber warum so feiernd)? erwiderte Theda. „Warum gnädigste Gräfin und Sie? Mit Alexe duze ich mich. Wir sind Vetter und Kusine — weilläufig meinetwegen, doch da die Zwischenglieder nicht mehr am Leben, lind wir naturgemäß näher zueinander genickt. Wir sind ganz nahe Verwandte geworden."
Eine leichte Röte spielte über das Gesicht Hellmuts. Wieder verbeugte er sich.
Eine besondere Ehre", antwortete er.
Gert lachte. „Hellmut ist immer ein Mann Der Formen“, sagte er. „Er hätte zu Hose gemußt. In Groh-Ponar werdet ihr euch ja täglich sehen. Vielleicht verliert sich dann feine ©ran- ^3eht schritt Die große Pflegerin llüsternd von einem zum andern. Theda hatte fiebrige Wannen. Man mußte sie allein lassen. Und man ging auch. Es war eine letzte Deflliercour, an ihrem Q5ett vorüber — mit Kußhänden, Zuwinken, Kopfnicken und freundlichen Augen.
drücklich vorgesehen. W r waren daher berechtgt. anzunchmen. daß. fall- im Laufe Der Zeit 'Neuerungen eingeführt werDen sollten, welche geeignet wären. Die Interessen Der Fremden zu berühren. Deutschland zu Denjenigen Staaten gehören würDe, mit Wachen man deswegen in Verhandlung treten werde. Hiervon au-gehend. traten wir au- Der Beobachterrolle nicht heraus bis zu dem Augenblick, wo Die marokkanische Regierung unfern Vertreter in Tanger fragen lieft, ob wirklich Der französische Gesandte, wie er das vor Dem Machscn erklärt habe. Mandatar her europäischen Mächte sei. Ungefähr gleichzellig damit erfuhren wir, daft das von Dem Gesandten zur Annahme vorgelegte Programm Forderungen enthalte, welche mit Dem Status quo unvereinbar find, ilm jeDen Zweifel an den Endabsichten Frankreichs zu beseitigen, machten einige inspirierte Organe Der groben Pariser Presse Stimmung für den Gedanken. daß Marokko zu Frankreich in das gleiche Verhältnis wie Tunis zu bringen fei.
Wir stehen auf dem Standpunkte, daß diesem französischen Vorhaben Die völkerrechtliche Grundlage fehlt, und Daft dadurch Die Intereisen aller Derjenigen Staaten beeinträchtigt werden, welche bei Den früheren marokkanischen Konferenzen mit berat en haben unh jetzt nicht von Fiankr< ich gefragt worden s nd Der Einwand pffviofer französischer Blätter, daß es sich bei den früheren Konferenzen nicht um eine politische Aendcrung, sondern lediglich um Die Regelung privatrechtlicher Interessenfragen gehandelt habe, ist rabullstisch und nicht stichhaltig. Denn eine Aenderung wie Die TUnifikation von M< r kko. to.ldje Darauf hinausläuft, das richtfranzösische Element nach dem Vorgänge von Tunis gänzlich aus Dem marokkanischen Gesch-ästsfeben zu verdrängen, berührt selbstverständlich die fremden Privatinteressen in ihrer Gesamtheit. Eine Befragung Der Verlragsstaaten ist daher nicht zu öcrmcihcn, sofern Frankreich nicht den Rechts- boden verlassen und led.glich die Machtfrage stellen Witt.
Was England und auch Spanien angebt, so bestreiten wir keiner der beiden Regierungen das Recht, über die Marokkointeressen ihrer Untertanen für Gegenwart unh Zukunft nach Gutdünken zu verfügen. Wir glauben aber nicht, daß eine Der beiden den Anspruch erhebt, gleichzeitig über Die Interessen Der Angehörigen der übrigen Vertragsstaaten, z. D. über hie deutschen, zu disponieren. Diese unsere Annahme wird gestützt durch den Artikel des englisch-französischen Vertrags, wo die Erhaltung des Status quo ausdrücklich vorgesehen ist. Wenn Frankreich Dementgegen jetzt eine politische Richtung einschlägt. welche auf Den Umsturz Des bestehenden Zustandes hinausläuft, fo tut Frankreich das auf seine eigene Gefahr, unh England ist Dafür nicht verantwortlich.
Cs werden jetzt in Der englischen Presse große Anstrengungen gemacht, um. wie das übrigens schon feit Jahren g bräuchlich ist, her deutschen Marokkopolitik allerlei düstere Pläne unterjjufdjicben. Aus unsere Lage paht her Spruch: „Cet animal est tres mdchant, quand on Pattaque il se defend.“ Wir treten für unsere Interessen ein, über welche anschein end ohne untere vertragsmäßige Zustimmung verfügt werden sott. Die Bedeutung der Interessen ist dabei Rebensache. Derjenige, welchem Geld auS Der Tasche genommen werden soll, wird sich immer nach Möglichkeit wehren, gleichviel, ob es sich um 5 Mark oder um 5000 Mark handelt. Daft wir wirtschaftliche Interessen in Marokko haben, bedarf keines Beweises. Wenn wir dieselben stillschweigend preiSgeben. so ermuntern toi damit Die zuschauende Wri" *u c h ilidjen Rücksichtslosigkeiten g gen uns bei anderen, vielleicht gröfteren 5t den. Ew. werden also da, wo Sie eine Besprechung der Marokkopolitik für angezeigt halten, sagen können, haft Deutschland in Marokko für die Interessen seiner Reichsangehörigen eintritt, welche dort, abgesehen von Frankreich, identisch sind rnll Den Interessen aller übrigen Dertrags- ftaaten unh mit her Erhaltung her offene n 2 ü r; ferner, haft Deutschland nicht die Absicht bat. bei diesem Anlaft durch SonderverHandlungen tich Sonhervorteile. welcher Art es auch fei, in Marokko oder anderswo zu verschaffen.
Wir Haben Anlaft anzunehmen, haft wir mit unserer Beurteilung marokkanischer Dinge nicht allein stehen. Bülow.
Aus Bayerns schwersten Tagen.
Don Staatsminister a.D. Dc. Ernst Müller- Meiningen.
Unter diesem Titel ist im Verlag Walter hc Gruyter & Co., "Berlin W 10 ein ebenso hochinteressantes wie hisw- rifch wertvolles Dokument über Die Revolution in Bayern erschienen, Erinnerungen unh "Betrachtungen auS Der Revolutionszeit. Dr Ernst Muller-Wei- ningen, Der hie bcDcutenhflcn Phasen ter Revolution als Iustizminister hex Rach-Räte-Zeit miterlebt hat, hat seiner Darstellung Der Revolution Den Charakter einer starken Lebendigkeit und Unmittelbarkeit und hem ganzen Duch eine hramatische Spannung verliehen. Der solgende Abschnitt auS hem Duche schildert Eisners Ermorhunt unh das Attentat auf Den Landtag.
AIS wir kurz vor 10 Uhr den Sitzungssaal betraten, erhob sich daS Gerücht, Eisner sei das Opfer eines Attentats geworden. Eine ungeheure Erregung bemächtigte sich her Versammlung, vor allem her überfüllten Tribünen. Jeder hatte das Gefühl, haft jetzt ungewöhnliche, in der Geschichte des Parlaments nie dagewesene Dinge sich ereignen würden. Zechen- bad). Der Adjutant Eisners, Drängte sich, mit Dem Hut auf Dem Kopf, bleich Durch Die Menge Der Regierungskommissare, rief Auer, her aus hem zweiten Ministersessel auf Der linken Seite Des Hauses saft, etwas zu. Ich horte vom Minister von Frauendorfer Den halblauten Ausruf: .. Frecher Bursche", — ich stanD unmittelbar vor her Ministertribüne an meinem Platze in her ersten Sitzreihe. Anscheinenh hatte Fechenbach einen ober hie Minister mit hem Attentat in Verbin- hung gebracht. Die Aufregung wuchs von Minute zu Minute, fo haft sich das Haus auf eine halbe Stunde Dertagix., um genauere Rachrichten über das Attentat abzuwarten. Wir zogen unS in untere Fraktionszimmer zurück. Es wurde mitgeteilt haft hie Abgeordneten nunmehr auf Waffen durchsucht würden. Die revolutionären Arbeiterräte wie hie Soldaten — unlerc Schützer I) — rasten förmlich durch das ganze Gebäude mll Ausrufen, hie nichts Gutes verraten ließen, „Von den Hunden kommt feiner mehr aus dem Haufe heraus!" „Rache für Eisner!" ufto. waren die lauten Parolen. Ilm 11 Uhr begaben wir uns von neuem, auf alles gefaßt, durch das fieberhaft erregte Haus in den Sitzungssaal. Auf der Tribüne wie im Hause lauter Lärm. Endlich trat Ruhe ein. Minister Auer sprach in würdigen, ernsten Worten, die vom Mitgefühl bebten, das
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„Das ist mein Hochzeitstag, Schwester Anna", sagte sie und seufzte garu leise. Unh auf einmal rannen helle Tropfen über ihre Wangen.
Liebreich fuhr die Schwester mit einem kühlen Leinentuch über daS kleine Gesicht un£> trocknete die Tränen. „Richt verzagen, Frau Gräfin", erwiderte sie. „Erst wieder gesund werden. Dann wird alles nachgeholt, sagte Der Herr Graf. So ist es . . .“ Sie begann Theda zu entkleiden, sie löste die Myrten aus ihrem Haar und den Schleier und hakte vorsichtig Die Taille auf. Theda entschlummerte rasch unter ihren Händen.
Der alte Geisbach wäre seine Gäste am liebsten gleich wieder losgeworden. Aber das ging natürlich nicht. An einem Hochzeitstage darf der übliche Hochzeitsschmaus nicht fehlen. Da halle Geisbach sich denn Die Sache bequem gemacht und das ganze Diner in "Bausch und Dogen bei Dorchardt in "Berlin bestellt. Der lieferte alles, sogar die Bedienung. Es war ein Mahl für Fein- tchmecker. nur fehlte die belebende Atmosphäre, die Feuchtigkeit Der Stimmung. Es tourDe im sogenannten Großen Saal gegessen. Der seit Dem Tode Der Baronin keine Gäste mehr gesehen halle, denn aus Rücksicht auf Thrixi vermied Geisbach jede Geselligkeit in feinem Hause, und wenn er einmal Geschäftsfreunde, irgendeinen AussichtS- rat, bestimmte Persönlichkellen aus Den Behörden pflichtgemäß zu laden hatte, so machte er das In Hotels in Berlin. Braunschweig oder Hannover.
Die kalte Pracht des ©rohen Saals hatte wenigstens Der Gärtner zu mildern verstanden, ileberall in den freien Ecken standen Gruppen von Palmen. Arazeen. Liliengewächsen, metallblau schimmernden Selaginellen und großblättrigen Famen, und auch die Tafel prangte in reichem Dlütenfchmuck. Aber es war ein Hochzeitsmahl, bei dem Die junge Frau fehlte. HrtD Alexe war Die einzige Dame. Sie saß Gert gegen« üben, zwischen Den beiden alten Herren, war von herkömmlicher Liebenswürhigkell, doch sichllich zerfahren. Zerstreutheit lag auf Den meisten Ge
sichtern Dieser Tafelrunde, wechselnder Ausdruck flog über Die Mienen. Auch der Pastor schien ein wenig in Verlegenheit. Er mußte die Rede halten, und das war nicht leicht in diesem Falle. Mll Musischem kam man hier nicht auS. und Die biblischen Wendungen ließen kühl. Ganz zufrieden sah eigentlich nur her Standesbeamte mit Dem vergnügten Gesicht aus. Er Iran? wie auf einem Kommers, während der bissige Iustizrat sich mehr an das Essen hielt. Er sprach gar nicht und war finster und verkniffen wie immer, aber nie hatte man einen geborenen Menschenfeind so gewaltig essen sehen.
Gert leerte feine Gläser mechanisch. GS war ein gedankenloses, hastiges Trinken. Es war wie eine Art Betäubung, die er im übrigen gar nicht wollte. Unh dabei stieg eine eigentümliche Gereiztheit in ihm auf. Er ärgerte sich über seinen Vater. Der Alerc von feinem philosophischen Kochbuch erzählte, in Dem zum ersten Male Theorie unD Praxis mit dem überlegenen Geiste eines wahrhaften LebenskünstlerS verbunden fein sollte, ilnb Dann ärgerte er sich wieder über Hellrnut. her mit Geisbach darüber stritt, ob es nötig sei. bad beste Rübenland von Groß-Ponar her Kaliindustrie zu opfern. „Wir verlieren Tausende Dabei", rief Hellmut. „Dafür verdienen wir Millionen", sagte Deisbach.
Plötzlich überkam Gert eine tolle Lust, auf» zustehen unh der Gesellschaft zu erklären, er habe sich die Sache anders überlegt und wolle seine Heirat rückgängig machen. Und wieder Pröbelte her Gedanke in ihm auf. haft es doch eigentlich eine Eselei von ihm gewesen war, die Versetzung nach China anzunehmen, statt die Entwicklung her Dinge ruhig unD gleichgültig in Der Heimat abzuwarten.
Beim Kaffee im Rebenzimmer setzte sich Geisbach allein mit ihm an ein Tischchen. Man lieft sie auch allein -- sicher hatten hie beiden noch eine Aussprache miteinander.
(Fortsetzung folgt)


