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Retcysvercehrckninisterium uno treu --uemerern vsr Eifenbahnarbeiter nunmehr auch über die Drtszuschläge eine Verständigung erzielt wor­ben. Dadurch ist die Lohnftage befriedigend geregelt.

Dienstdauer und Unsallchronik. , 'Berlin, 19. 3uni. Eine Berliner Lokal­korrespondenz verbreitet eine Notiz. daß die zahl­reichen Eisenbahnunfälle der letzten Zeit in den Stenden Stellen des deutschen Verkehrswesens zur Erörterung der Frage geführt hätten, ob die sich letzt hausenden Eisenbahnunfälle in ursächlichem Zusammenhang mit der verlängerten Dienstdauer für die Beamten und Arbeiter zu bringen sind. Hierzu ist folgendes zu sagen:

Selbstverständlich widmet das Reichsverkehrs- Ministerium diesen Fragen die größte Aufmerksam- reit. Wie aber die langjährige Statistik lehrt, be­steht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Eisenbahnunfällen und längerer Dienstdauer nicht. Die große Mehrzahl der Unfälle liegt im Be­ginn von Dienstschichten, und zwar nach aus­reichenden Pausen, und nicht am Ende von Dienst­schichten. Auch der Unfall vor dem Potsdamer Bahnhof am 14. 6. bat mit der Länge der Dienst­dauer nicht das geringste zu tun.

Der verantwortliche Fahrdienstleiter hatte stets nur einen achtstündigen Dienst. Der Unfall -ereignete sich bereits in der zweiten Stunde nach dem Dienstantritt. Die Dienstdauervorschriften wurden so festgesetzt, daß die Leistungen ohne Gefährdung der Betriebssicherheit und ohne Uebevanstrengung des Personals möglich sind. Eine Zunahme der Unfälle im Reichsbahnbereich ist überhaupt nicht eingetreten. Die Zahlen so­wohl der Zus<mnnenst5ße und Unfälle durch Ueberfahren_ von Fuhrwerken wie aller sonstigen ^Betriebsunfälle sind gesunken. Die zum kommen­den Samstag festgesetzte Besprechung des Reichs­verkehrsministers mit den Eisenbahngewerkschasten hat mit der Frage der Eisenbahnunfälle nichts zu tun. Es handelt sich lediglich um eine Erörterung der Dienst dauervorschriften in Verfolg der am 14. Juni unter dem Vorsitz des Reichskanzlers mit den Spitzenorganisationen stattgehabten Bespre­chung über die Lohn- und Arbeitszeitfrage des Eisenbahnpers onals.

Die Verlängerung der Micum-Verträge.

Düsseldorf, 18. Juni. (WTB.) Sn den Verhandlungen zwischen der Micum und den Vertretern der rheinisch-westfälischen Metall - i n d u st r i e kher die Erneuerung der am 15. 3uni ablaufenden Verträge ist die unveränderte Ver­längerung der in Frage kommenden Abmachungen bis zum 15. Juli beschlossen worden.

Kommunistisches.

Leipzig. 18. 3uni. (WBD) Der Staats- oerichtshof zum Schutze der Republik verurteilte iheute den Kartellsekvetär Alfred Oelsner aus Breslau wegen Vorbereitung zum Hochverrat gemäß § 85 und 86 des Straf­gesetzbuches in Tateinheit mit Vergehen gegen § 7 Ziffer 4 und 5 des Gesetzes zum Shutze Der ^Republik zu 3 Jahren Gefängnis und 1000 Mk. Geldstrafe und den Parteisekretär Hans P ü h aus Buer zu 9 Monaten Gefängnis und 30) Mk. Geldstrafe. Di» Verhandlung ha »rg bei. daß die Rngettagten im Herbst 1923 die Ziele -der 3. Internationale unmittelbar in die Tat um- fetzen wollten. Ihre Bestrebungen waren darauf gerichtet, die Herrschaft des Proletariats mit Ge­walt aufzurichten.

Einer Korresponöenzmeldung zufolge wurden in der Ortsgruppe Essen des Deutschen Me­tallarbeiterverbandes schwere Ver­se h ( u n g e n zweier Kassierer, die der Kommunistischen Partei angehören, auf­deckt. Die Revision ergab, daß die beiden Kassierer nicht nur für sich selbst erhebliche Summen ver­braucht, sondern auch ihren politischen Freunden namhafte Summen zugewendet haben. Diese Gelder sollen zur Propaganda für den G eneral streik in den westdeutschen Indust rie- pezirken verwendet werden. Die beiden Kassierer werden sich wegen ihrer Handlungsweise vor Ge­richt zu verantworten haben.

Die Wahlen in Südafrika.

London. 18. Juni. (Reuter.) Bei den allgemeinen Wahlen in Südafrika sind bisher gewählt worden 37 Mitglieder der Südafri- kanerpartei, 18 von der Arbeiterpartei und 27 Rationalisten. Der Minister für Bergwerke, Melan, wurde geschlagen, ebenso General S m u t S.

' Die Erarsdevarre

im Hessischen Landtag.

Darmstadt, 18. (Zant.

Präsident Adelung eröffnet die Sitzung um 9V, Ufjir. i

Am Mmistertisch: Staatspräsident Ulrich sowie die Mmister von Brentano, Hen- r i ch und Raab.

Zur Beratung steht wieder der

Staatsvoranschlag für 1924.

Abg. Brauer (Bauernbund) schildert die schwierige Lage der Landwirtschaft. Die Milch- Preise in der Stadt wären weit höher als die der Stallpreise: es wäre gut, wenn die Regierung dieser Angelegenheit einmal nachginge. Dre Land­wirte hätten es gerade jetzt außerordenlich schwer, die vielen Steuern aufzubringen. Rach der ver­zweifelten Gage der Landwirtschaft könne man nicht auf die vorgesehenen ©teuerbetrüge in Hes­sen rechnen. Wie die Landwirtschaft, leide auch Industrie und Handwerk außerordentlich unter den wirtschaftlichen Röten der Zeit; die Steuer­einkünfte, die man von diesen Erwerbszweig m erwarte, würden in der vorgesehenem Höhe nicht hereinkommen. Es sei äußerste Sparsamkeit not­wendig. Er verweist auf verschiedene Remter, die aufgehoben ober bei denen gespart werden könnte. Die ganze Besoldungsvorlage sei unsozial; nicht allein die unteren, auch die mittleren Beamten seien nicht genügend berücksichtigt. Im Anschluß hieran teilt der Redner die Steueranträge seiner Partei mit die früher schon bekanntgegeben und veröffentlicht worden sind.

Abg. Reiber (Dem.) bemerkt, Steuernach­lässe allein könnten uns von der Wirtschafts not nicht befreien, sondern in erster Linie auslän­dische Kredite. Es werde kein Jahr vergehen, so werde man den Deamtenabbau bereuen. Die An­träge auf Aufhebung des Arbeitsministeriums und des Landesbildungsamtes feien abzulehnen. Die Besoldungsordnung tauge nichts; was solle aber Hessen tun? Werde die Vorlage abgelehnt, so wür­den die alte Bezüge weiter bezahlt. Eine reine Ablehnung liege nicht im Interesse der Beamten­schaft, darum sei die Annahme das kleinere Uebef.

2Ibg. Dr. ©reiner (Komm.) wendet sich be­sonders scharf gegen die Sozialdemokratie und die Rede des Abg. Kaul; er vermisse bei diesem jedes klare Ziel. Die kommunistische Partei werde das Sachverständigengutckchlen ablehnen; es gehe nicht ohne Grund von Amerika aus und diene nur dem Kapital. Dem internationalen Kongreß des Pro­letariats in Moskau und den hessischen Kommu­nisten entbiete er seinen Gruß. Zum Schluß feiner Ausführung bringt der Redner ein Hoch auf die Weltrevolution aus.

Abg. Kindt (Deutschn.) erklärt, hier ständen jetzt nationale urrd internationale Wit Anschauung gegenüber. Der Rationalstaat sei keine willkür­liche Festsetzung, fonbern ein Naturgesetz. Die Weltanschauungen klärten sich, das zeig.' das An­wachsen der kommunistischen und Ser d utschnatto- nalen Partei. Daß die Gewerbesteuer, wie der Finanzminister erklärt, herabgesetzt werde, sei er- treulich der Minister habe aber nicht von einer gleichen Hilfe für die Landwirtschaft gesprochen. Der Kernpunkt der Steusrfrage sei die Erfassung des mobilen Kapitals, mir dadurch werde die drohende Katastrophe vermieden. Die hessisch» Regierung müsse heim Reich vorstellig werden wegen ber Kreditpolitik der Danken, und die Vereinigung der Bankiers müsse gegen Schädlinge in ihren Reihen vorgehen. (Zustimmung.) Die bisherigen Redner hätten nicht nachdrücklich genug auf die Folgen der Annahme des Sachverstän­digengutachtens h-ingewiesen. Die Eisenbahnar­beiter würden dem amerikanischen Kapital aus- geliefert. Unfere Industrie werde nur Kredite bekommen, wie und wann es den Amerikanern beliebt. Es sei einfach unverständlich, die An­nahme des Gutachtens zu empfehlen. Die Ehren­punkte müßten vor allem erfüllt werden. Zu dem Etat bemertt der Redner, der Antrag der Deut­schen Volkspartei auf Abschaffung beS Ministe­riums für Arbeit und Wirtschaft sei aufs ernsteste zu prüfen. Das ßanbungäamt für Bildung?we en treibe in mancher Beziehung Gesinnungsr.echerei. Der soz. Abg. Kaul habe sich gegen den Be­amtenabbau gewandt, er habe aber imOffen­bacher Abendblatt", das er redigiere, selbst er­klärt, der Beamtenabbau müsse kommen. Dem Abbau habe auch die demokratische Partei tn Berlin zugestimmt; hier in Hessen tue sie so, als wäre sie immer dagegm geti>ven. Den abgebauten Beamten solle man Gelegenheit geben, sich anzu­siedeln. Der Redner be^ichnet die Besoldungs- vrdnung als das unsozialste Gesetz und verweist auf detr Antrag seiner Partei hierzu. Er fordert, daß dieHerren an der Spitze der Regierung" auf einen Teil ihres Gehaltes verzrch en. Unter allen Umständen müsse versucht werden, daß die Ausgewiesenen toieber zurückkehren. Rach weite­ren Ausführungen des Redners schließt der Prä­sident gegen 3 Uhr die Schung.

Nächste Sitzung Montag. Fortsetzung der Etatsberatungen.

AUS Viaot uno rrano.

Gießen, den 19. Juni 1924.

Boni Volksbad.

Das Schwimmbad, das wegen der Vornahme von Erneuerungsarbeiten eine Reihe von Monaten geschloffen war, ist gestern dem Verkehr wieder übergeben worden. Die Halle hat sich sehr zu ihrem Vorteil verändert und macht jetzt einen ausge­zeichneten Eindruck. Der neuen Decke hat man ein lichtes, freundliches Farbenkleid gegeben, und zugleich damit ist auch den Kabinen ein ge­fälliger Neuanstrich mit teilweiser Ergänzung bzw. Erneuerung der Inneneinrichtung zuteil geworden. Die abendliche Beleuchtung der Halle geschieht fortan durch eine starke elek­trische Oberlichtanlage, der Vorsicht halber hat man aber auch über den Kabinenreihen noch verschiedene Glühkörper angebracht. In den Abteilungen fürWannen-undBrause- 6ab er ist gleichfalls die bessernde Hand tüch­tig angelegt worden, so daß auch hier vermehr­tes Wohlbehagen künftig herrschen wird; als besonders lobenswert möchten wir namentlich die Wannenbäder-Einrichtung 3. Klasse her­vorheben. Alles in allem ist bei den lange wäh­renden Umbauarbeiten ein Ergebnis erzielt worden, mit dem die Kundschaft des Dolks- bades zufrieden sein kann. Rach einer Richtung hin besteht aber doch auch heute noch ein Man­gel: man vermißt nämlich eine Dampfbad­anlage, für die u. E. noch genügend Raum vorhanden wäre. Ueber den Wert einer sol­chen Anlage für die Volksgesundheit noch Ausführungen zu machen, halten wir für über­flüssig. Wir sind überzeugt, daß die zustän­digen Stellen die hohe Bedeutung eines Dampfbades in Verbindung mit unserer Volksbad-Anstalt erkennen, und möchten nur wünschen, daß es ihnen gelingen möge, jetzt, nach der Wiederkehr stabiler Geldverhäftnisse, die Mittel zusammenzubringen, die zur Schaf­fung einer solchen Anlage notwendig sind. Ze früher sich dieses Ziel erreichen läßt, um! so besser ist es für unsere ganze Bürgerschaft.

Gietzener Wochenmarktpreise

am 19. Juni. (Händlerpreise.)

Es kosteten bas Pfunb: Butter 140, Matte 30, Käse 60, Wirsing 60, gelbe Rüben 25, Spinat 40. Römifchkohl 20, Spargel 120, Erbsen 60, Misch­gemüse 25, Tomaten 100, Zwiebeln 20, Rhabarber 25, Kartoffeln, neue 25, Kirschen 50, Stachel­beeren 40, Erdbeeren 120, Honig 30; das Stück: Eier 12, Blumenkohl 150, Salat 10, Salatgurken 100 bis 120, Ober-Kohlrabi 30, Rettich 20 Pf.

** Die Teuerungszahlen (ohne Bekleidung) in den zehn größten hessischen Ge­meinden stellten sich nach der Zusammenstel­lung durch die Zentralstelle für Landesstatistik am 14. Juni wie folgt: Darmstadt 102,65, Offenbach 104,56, Viernheim 99,89, Erbach 99,77, Gießen 106,30, Friedberg 104,21,Als­feld 96,90, Mainz 105,93, WormS 98,86, Din­gen 107,90. Durchschnitt der fünf größten Städte: 103,66, Durchschnitt der 10 größten Ge­meinden 102,51.

** Eine Störung in der Elektrizi­tätsversorgung, die gestern abend zwischen 10 und 11 Uhr eintrat, braute die öffentlichen Ein­richtungen, Kliniken, Bahnhof usw., dre Gaststät­ten und zahlreiche Familien in arge Verlegenheit. InWiefeckz.B., wo der Gemeinderat tagte, sah man ' ich gezwungen, im Sitzungssaale bei den Beratun­gen mittels Kerzenlicht sozusagenitalienische Rächt" zu machen. Mit dem gleichen Behelf mußte man auch in hiesigen Lokalen über die Schwie­rigkeit hinwegkvmmen. Wie wir von unterrichte­ter Seite Horen, ist die Störung auf eine Unter­brechung des Strvmfernbezugs zurückzuführen, die dem Machtbereich des hiesigen Werkes natürlich entzogen war. Das Vorkommnis zeigt aber auch, daß schließlich nur die Eigenerzeugung des gan­zen Strombedarfs unserer Stadt vor srllchen Nach­teilen, die leider nicht zu den Seltenheiten ge­hören, schützen kann.

** Bahnsteigkarten für Hunde. Es dürfte manchen Hundebesitzern nicht bekannt sein, daß für jeden Hund der auf den Bahnsteig mit­genommen werden soll, eine Bahnsteigkarte gelöst werden muß. Wenn also Frauchen jetzt ins Bad. oder Herrchen in die Berge fahren will und

Mops oder Molly soll den letzten Abschied am Zuge voll und ganz mitmachen, so muß ein Zeh» ner extra für das liebe Hündchen berappt lverden; und diese Rotwenbigkeit tritt wieder ein, ivrnn bei der Rückkehr das Vierfüßlerkind der Familre zum feierlichen Empfang auf dem Bachisteig xtpedS Verschönerung" des allgemeinen FreudmiabelS mit hinzugezogen wird.

** Schachveranstaltung R6ti. DaS Simultanspiel des Schachmeisters R e t i, das am* Montag abend im Saale des Hotel Schütz statt­fand, nahm, wie man uns schreibt, einen schönes und anregenden Verlauf. Die Erwartung, daß ber Rame Rett zahlreiche Schachfreunde zum Besuch der Veranstaltung reizen werde, erwies sich als? richtig; es hatten sich außer den Mitgliedern des Schachklubs, der das Spiel veranstaltet hatte, noch etwa 50 Damen und Herren eingefunden. Rach einer Begrüßung des Meisters durch den Dor» sitzenden des Vereins, Prof. Weißgerber, bt» gann das Spiel mit 21 Brettern; auch einige dec Gäste konnten sich beteiligen. Meister R6 t r spielt« im Gegensatz zu anderen Meistern, die wir hiev schon sahen, außerordentlich rasch; er brauchte «a! seinen Zügen nur ab und zu eine längere Dederw- ?eit. und so waren die sämtlichen Bretter, an1 denen immerhin auch einige stärkere Gegner sa-! ßen, in 21/2 Stunden erledigt. Das Ergebnis war, wie nicht anders zu erwarten, für den Meister! glänzend: er gewann 18 Partien, verlor 1 (Real- lehrer Klippel) infolge UebersehenS eine» Matts und machte zwei unentschieden? (Prof. Weißgerber und Lehramts referenbac Schweißgut h). Diese beiden Partien hätten aber, wie die Analyse ergab au einen».Siege ber beiden Genannten führen muffen, wenn sie fort­gesetzt worden wären.

** Die Wasserwärme der Laho betrug heute vormittag 17 Grad Meaumur.

Bornotizen.

TageskalenderfürDonnerStaL Arüllerieverein: 8V2 Uhr auherordentl. Monats- Versammlung. Zentralverband deutscherKriegs- beschädigten und -Hinterbliebenen: 8i/2 Uhr im Postkeller Mitgliederversammlung. Rundfunk­haus Löberstrahe: 8V2 Uhr reservierter Abend.

Das II. Abvnnementskvnzertder Reichswehrkapelle muß, wie man unS schreibt, Umstände halber in dieser Woche auf Freitag abend verlegt werden Obermusikmeister Löber hat für dieses Konzert wieder ein den Wünschen des kunstliebenden Publikums entspre-. chendes Programm aufgestellt, so daß ein guter Besuch zu empfehlen ift

Wettervoraussage

Vorwiegend heiter und ttocken, warnt, Ge­witterneigung.

Landkreis Gießen.

£ Wieseck, 19. Juni. In ber gestrigen G e* meinderatssitz ung stand ber Punkt Fest- setzung ber Gewerbesteuer zum 4. Mals zur Verhandlung. Der Grundsatz:Beharrlichkeit führt zum Ziele" bewahrheitete sich auch hier, denn diesmal beschloß ber Gemein derat, die Gewerbe­betriebe zur Steuer hrranzuz'iehen. Die Sätze fbt& dieselben wie beim Staat, 80 Pfg. pro 100 Mk. Roheinnahmen. Um die kleinen Betriebe nicht bis zum Ruin zu besteuern, tritt diese Besteuerung erst von einer vierteljährlichen Roheinnahme von 4000 Golbmark ab in Kraft. Sin Gesuch um Er­mäßigung der Gewerbesteuer für 1923 wirb dahin geregelt, daß ein Betrag der noch zahlenden Schuld er taffen wird, da das Finanz­amt Gießen festgestellt hat, daß fraglicher Betrieb zu hoch ein geschäht ist und für die staatliche Ge­werbesteuer ein Rachlah bereits ftattgefunben hat, Die Stadt Gießen fordert (gemäß einer Verfügung des Landesamts für bas Bildungs- Wesen) als Beitrag zu den Kosten der Kaufmännischen Schule, der Fvrtbil- dungs- und Gewerbeschule von ber Ge­meinde pro Schüler und Jahr 18 Mk. Zur Zeit besuchen 70 Schüler die Gießener Fortbildungs­schulen, was für die Gemeinde einen jährlichen Be­trag von 1260 Golbmark ausmachen würde, ber für die Gemeinde nicht tragbar ift Betont wird, bah die Allgemeinheit, also der Staat, jedes ein­zelne Gewerbe und schließlich die Eltern, an einem tüchtigen gewerblichen Rachwuchs interessiert seien und es deshalb nicht verstanden wird, die Ge­meinden derart zu belasten. Es wird beschlossen: die Gemeinde legt die angeforberten Beträge vor und zieht das volle Schulgeld in voller Höhe von den Eltern ein. Einem Gesuch des Steno­graphenvereins Gabelsberger um Ueberlassung von Schulsälen wird seitens beS Ge­rn einderats stattgegeben, und die Gesuchsteller an den Schulvorstand verwiesen, ber in dieser Frag* ebenfalls zuständig ist. Unkosten aus ber Be­nutzung von Schulsälen dürfen für die Gemeinde nicht entstehen. Bezüglich eines Stückes strit­tigen Baugeländes wird unter gewissen Voraussetzungen dem Bürgermeister die gewünschte Handlungsfreiheit gegeben. Für Erbbe­gräbnisse soll in Zukunft eine besondere Gebühr von 200 Mark erhoben werden.

Die Bantiger.

Roman von Hermann Stegemann.

31 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

"> war Euch gut genug, solange ich Euch zu verdienen gab, und erwarte, daß Ihr nun Helft, bis ich 'm Wolfenziel ernte", schrieb er dem Präsidenten seines Bankkonzerns in einem CBrtcf, den niemand zu sehen bekam. Die Schrift­zuge zitterten, er hätte wieder viel leich en Schw'.ndelanfällen zu kämpfen, aber die Unter­schrift war noch wie mit dem Meißel in Stein gegraben, so klobig und fest.

Gottfried Bantiger hatte die Last, die der Bau der Bahn und des Tunnels ihm zu seinem alten Unternehmungen aufgriabm hatte, so fiter getragen, als wäre ihm jede Schwäche fremd. Und als das Unglück hereinbrach und er den Sohn verlor und mit ihm zwei Arbeiter begrub La warf ihn wohl das innere Erlebnis nieder, aber die Tränen, die er damals vergossen hatte, schwemmten jede Stockung hinweg. Das Hirn gehorchte ihm wie zuvor.

Gr hielt sich ht Zucht, schlief zuweilen im Stuhl em, wenn die Last des Tages zu groß gewesen war, muhte sich Zeit taffen, sich auf das ober jenes zu besinnen, aber er setzte seinen Stolz darein, dem Schicksal die Sttrn zu bieten und lieh sich nicht schrecken. Er lebte in feinen Wer­ken, umgab sich mit der Sorge seiner Tochter und zog sich auf sich selbst zurück

Nun kann mir nichts mehr geschehen," sagte er, als Ens ihn nach der RücKehr vom Durch- Zchtag deS Tunnels empfing.Roch ein halbes

Jahr und die Dahn lauft. Dann zahl' ich meine Obligationen zurück und fetz' den Namen aus allen Schulden."

Und dann," schloß er mit einem Versuch zu scherzen, «kannst du heiraten."

Wäre er der Alte gewesen, der Mann, der seinen Sohn noch um sich gehabt hätte, so hätte er sich durch ein Lachen von Gift und Galle befreit, so aber blieb es ein schwerfälliger, plum­per Scherz.

Ens lieh ihn gelten, ohne sich daran zu stoßen. Sie hörte die Sorge und den Kampf heraus, die den Vater Umtrieben. Ihre Empfind amteit hatte sich abgeschwächt, seit sie nicht mehr zu teilen brauchte und ein anderes, stärkeres Gefühl sie selbst mit Teilung bedrohte.

Dagegen wehrte sie sich. Zuerst kam ber Vater, und als sie durch eine Indiskretton der Dank erfuhr, daß der Doden unter feinen Fühen schwanke, bedachte sie sich keinen Augenblick, ging hin und bot ihm ihr Erbgut als Pfand an.

Wer ist der schlechte Hund, der dir das zu­getragen hat," zürnte ber Baumeister,ich brauch' dich nicht, ich nehm' nicht zurück, was ich gegeben hab und hab' es nicht gegeben, um dich zu sal­dieren. Ich hab' bei Lebzeiten nichts mehr zu vergeben, drum behalt, was dein ift Der Po- metta ist wohl bestellt von Haus aus und verdient sein Brot bis er einmal hmter mir ins Geschirr tritt Laß mich allein durch den Dreck, ich bin noch immer aufs Trockene gekommen. Sie sollen nicht sagen, daß ich auf Krücken gehe."

Da schwieg die Ens.

Ens sah Giovanni selten und wehrte sich gegen Hingebung und Zärtlichkeiten, als fürchtete

sie für ihre Unabhängigkeit Sie liebte ihn auf eine seltsame Weise. Er war ihr ergeben, ihr Eigen, sie legte die Hände gern um seinen Kopf und küßte ihn, um sich nicht von ihm küssen zu lassen und hinnehmen zu müssen, was sie aus freien Stücken spendete. Er versuchte wohl Rechte in Anspruch zu nehmen, aber jeder Versuch endete mit einer Unterwerfung, denn er fürchtete sie zu verletzen und zu verlieren.

Nie schloß Ens sich enger an den Vater, als nach einem Besuche Pomettas, und je stiller der Vater wurde, der jetzt unter der Klausur litt, zu der ihn ein spät eirtfaHenber, mit unge­heuren Schneemengen aufrückender Winter zwang, desto heftiger begehrte er seine Tochter, um sie um sich zu haben, um mit ihr zu sprechen und seine Geschäfte, seine Pläne und den untilgbaren Ueberschuh seines Temperaments in ihr Ohr zu leeren.

Der Krieg, der den Dallan erschütterte und drohende Vorzeichen an den europäischen Himmel malte, kümmerte ihn nicht. Er ging in seinen Geschäften auf, die ihm fein geringerer Kampf waren als das Ringen der Balkan Völker.

Er hatte begonnen, Besucher abzuwellen oder Ens zu ihnen geschickt und sah auch nicht mehr unter seinen Angestellten im Kontor. Sie waren ausquartiert worden. Aber feine Hand hielt die Zügel straff, und er wirkte aus der Tiefe seines Arbeitszimmers stärker, als wenn er unter seine Leute trat, die den alten, donnernden und lachen­den Bantiger gefarmt hatten und vor dem Mann mit dem Härtgeschloffenen, in Falten versteinerten Gesicht und den über sie wegblickenden, Heller ge­

wordenen, von feinen roten Aederchen durchzoge­nen Augen scheu zurückwichen.

Ganz Runs blickte mit Scheu auf den Bau­meister, wenn er sein Haus verlieh, schwerfällig in den Wagen stieg er glaubte eine Schwäche in den Knien zu spüren und verbarg sie auf diese Weise vor allen und mit kettenumwickelten Rädern durch den staubenden Schnee tn dis- Fabriken oder ins Unterland fuhr. Er hatte sich so viel auf den Racken geladen, daß er zu erliegen drohte, aber Runs lebte von ihm und gedieh um so rascher, je stärker die Last drückte. Er wußte es, und ein menschenfeindliches Zucken ver­zog feinen Mund, wenn sie den 'Bantiger grüßten und ihm Ehren über Ehren erwiesen.

Früher hatte er dazu gelacht.

Er wußte auch, daß er sie nicht in Ungelegen­beiten bringen durfte. Solange er den Racken steif hielt, war er ihr Abgott, wenn er zusammen- brach ehe die Bahn vollendet und die Schulden abgebürdet waren, und tausend Existenzen, die durch ihn zu Licht und Luft gelangt waren, nach­stürzten, dann traf ihn ihr Fluch Aber das durfte, das konnte nicht geschehÄi. Gr fühlte, dah das Schlimmste überwunden war. Die Last nahm ab, der Frühling rückte, und mit dem Frühling kam die neue Zeit.

Als der Schnee schmolz und der März mit Föhnstürmen und heißer Sonne gezogen kam, als die Wasser von Runs in .siebensachm Strähnen donnernd von den Felsen stürzten und das Schlaf- gemach des Baumeisters jene Ciseskühle aus­strömte. die er so sehr liebte, toarf er feine Sorgen hinter sich

(Fortsetzung folgt:)