Ar. 95 Drittes Blatt
Jerusalems Ofterstätten.
Moltke Hal einmal gesagt, daß das einzige 6tü<f Wirtlichkeit. das von der Geschichte übrigbleibt, der Ort ist, auf dem sich die Dinge einfti abspielten. Dieses Gefühl, datz die heiligen und flroten Menschen vergangene- Zeiten denselben Boden betraten, auf dem wir beute noch schreiten, hat von jeher Jerusalem eine besondere Weihe verliehen: die Sehnsucht na<f)i diesen ehrwürdigen Stätten erfüllte Unzählige, und fromme Pilger haben sich früher durchs die größten Gefahren und Hindernisse von der Reise ins heilige Land nicht abhalten lassen. Besonders zur Osterzeit richten sich Augen und Herzen nach der Stadt, in der sich das Schicksal des Herrn erfüllte. F ei- lich ist es nicht leicht, sich aus dem Gewirr des heutigen Jerusalem den Hintergrund für das Leben und Leiden Jesu aufzudauei: doch haben die neuen Ausgrabungen, die grade jetzt wieder so eifrig betrieben werden, manches geklärt, und die eingehende Beschreibung der Stadt von Jose- phus hilft dazu, die Stätten der Passion anschaulich zu machen. Am stärksten wird in dem Besucher des heutigen Jerusale n das Bewußtsein, auf dem durch Christus geweihten Boden zu stehen, wenn er den O e l b e r g betritt, der ostwärts der Stadl gegenüberliegt und durch die tiefe Schlucht Kedron von ihr getrennt ist. Die Aussicht von hier verseht uns lebhaft in die Zeit 3efu: von hier wird der Heiland im Ädendglanz nach der vieltürmigen Stadt hinübergeblickt haben, deren Silhouette sich scharf abhebt von dem glühenden Rot des Sonnenuntergangs. Don dem Rand- gcbtrge des Ostjordanlandes wuchsen die Schatten immer höher und wuchtiger: fern dehnt sich die Wüste, ein graues Meer, und das geisterhafte Antlitz der Felsenstadt enthüllt ihre rätselhaften Züge, die Jesus in seiner ergreifenden Prophezeiung über Jerusalems Schicksal gedeutet. Der feierliche Einzug des Herrn ging durch die Dörfer Dethphage und Bethanien über den Oelberg. Im Tempel, der damals dec Mittelpunkt Jerusalems war, hat er gelehrt, und von dem von weiten Hallen eingefaßten Vorplatz, der der
Ostern und deutsche Volksgemeinschaft.
Bon Pfarrer Wilhelm Kornmann, Ulrichstein (Oberhessen).
Meder einmal ist die Passtonszeit verstrichen, — wieder sind viele, viele dem Leiden und Sterben Jesu mit tiefer innerer Anteilnahme gefolgt, und nun rüsten wir uns, den Klang der Osterglocken in uns aufzunehmen. Rach langem, fchneereichem Winter bricht die Sonne mit elementarer Kraft sich Bahn. — auf das schwere Gethsemane, da« düstere Golgatha folgt das sonnige Ostern.
Was Wunder, wenn man immer wieder zu Dergleichen kommt. — von dem Leiden und Auf- erstcchen Jesu — zum Leidensgang und neuer Erhebung unseres Dolles? Man macht es so gerne mit, weil es so tröstlich stimmt, — vielleicht aber doch nur deshalb, weil es uns so leicht dünkt: über den Leidensweg sieht man hinweg, — gerade btefe lange. duiÄe Marterstraße will man übersäen, well uns das quält und zu schaffen macht, — und man fteht eigentlich nur das verlockende Ztel: neueSWerden. Wieviel Jahre aber werden bis dahin vergehen? Und wo ist heute im öffentlichen Leben oder In privater Unterhaltung der. der sagte: „'Batet, ist's nicht möglich, daß dieser Kelch vvrüdergehe, so geschehe Dein Wille!"?
Ann, laßt uns Höften, daß ihrer immer mehr werden, bk die schwere Last der Gegenwartsnot unseres Dolles bewußt auf sich nehmen, und deren Kräfte durchs Tragen wachsen und gesteigert werden. Wir alle aber sollten helfen, die Vorbedingungen zu schaffen für einen neuen Frühling, für ein rechtes Ostern unseres Dolles. Und das dadurch, daß wir am Kommen einer deutschen Dolksgemeins cha f t Mitarbeiten. zielbewußt, statt daß wir die Hände in den Schoß legen und überall zusehen, oder gar irgendwie zerreißend und zerstörend uns betätigen. Eine wirlliche Gemeinschaft unseres Volles tut uns bitter Rot, soll nicht statt einer neuen Blüte eine völlige Katastrophe kommen. Wir wollen den heutigen Verhältnissen und Anschauungen ruhig in's Gesicht sehen, uns nicht irgendwie beirren lasten, sondern nur nach unbedingter Wahrhaftigkeit streben.
Da steht vor meinem geisttgen Auge der Beamte, von dem so mancher Richt-Beamte so gerne sagt, daß er wenig oder gar nichts zu •tun habe, daß er „ein schlaues Lehen" führe, daß er sein Geld sozusagen geschenkt bekomme, und dazu noch recht viel, usw. Daß ein Beamter auch verantwortungsvolle Arbeit zu leisten hat. daß er, wenn er Familie hat. ein nicht gerade üppiges Leben geführt hat und führt, daß er vielleicht gar vom Abbau bedroht oder beireffen ist, davon ist keine Rede. Man sieht, oberflächlich betrachtend, nur gewisse sogenannte „Lichtseiten", und darauf gründet man ein Urteil, oa« recht fadenscheinig, aber leider weit verbreitet ist.
Da steht weiter der Bauer. Zugegeben, daß ec tm vorigen Jahre zu gut weggekommen ist, als eS an's Steuerzahlen ging! Wer festbesoldet ist oder regelmäßigen Lohn bezieht, wurde weit schärfer angefaßt. Heute aber trifft es nicht mehr $n, daß der Bauer „im Geld schwimmt" «nd daß er „seine Steuern bezahlen kann, wenn tt ein paar Eier verkauft"! Man unter- scheide auch fiat zwischen Bauer und Bauer: der eine hat Land in der Wetterau, —ausgezeichneten Boden, lange Degetationszeit, — der andere aber ringt im hohen Vogelsberg dem kärglichen oder guten Boden in viel kürzerer Degetations- tzell ab, was er zum Leben nötig hat: von MUte Rovember bis zu diesen Tagen lag Schnee. — bas kostete allerhand Hühnerfutter, — und die Schafe konnten auch nicht hinaus auf die Winterweide. Ob da die Wolle wirtlich billiger wird, als wenn man sie im Laden kauft? — Jeder Bauer muß, wie jeder Beamte, erwarten, daß man seine Lage gerecht beurteilt und dafür wirtlich Verständnis hat.
Und der Arbeiter? Auch da sei man nicht einseitig und nicht oberflächlich: zu verbreitet ist das Gerede, daß ein Arbeiter ja im Grunde genommen nichts tue, sondern durchweg ein Faulenzer sei und zuviel verdiene. Man bedenke doch, daß eS nicht nur in der Arbei erschaft etwa, sondern überall schlechte E.e.nente gibt, «nd daß man nicht alles miteinander in einen
Mhener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)
Somstag, (9. Iprfl (924
Topf werfen soll. Der Arbeiter, der Familie hat, verdient heute nicht zuviel, und hat oft recht mühevoll zu arbeiten. Fabrikarbeit ist keine Spie- lerci: geh' nur einmal in ein Bergwert und steh Dir dieses Ringen an, — wird da leicht Geld verdient? Schwebst Du in solchen Gefahren, wie sie da drohen?
Run. damit fei es genug. Beamte. Bauern, Arbeiter sind große, tragende Schichten unseres Volkes. — neben anderen natürlich Schichten unseres Volkes aber dürfen sich nicht gehässig bekämpfen oder gar (aus Reid oder irgendeinem anderen vor Hellem Licht zurückscherienden Beweggrund) sich zerfleischen. Das gebietet heilige Verpflichtung der Zukunft unseres Volkes gegenüber.
Man sieht an anderen Berufen gar so leicht das in die Augen fallende, manches Aeußerliche, manches Helle. — die Sch a ttenseiten aber und der Ernst anderer Berufe entgehen uns leicht. Unser Blick muß tiefer dringen! Streben wir nach Gerechtigkeit! Lassen wir uns nicht m i t t r c i b e n im Strom der Oberflächlichkeit unserer Tage!
Ein Volt, das sich innerlich befehdet, — ein Doll, das kostbare Kraft im Druderkampf oer- geubet, — ein Doll, das sich im Innern selbst zerfleischt, kann nimmer aussteigen. Haben wir darum Derständnis für einander! Erkennen wir uns gegenseitig an! Arbeiten wir wirklich Hand in Hand! Dann folgt vielleicht auf ein deutsches Golgatha tatsächlich ein neues deutsches Ostern.
Rehmen wir unseren Weg ja nicht zu reicht! Arbeiten wir an uns, und helfen wir anderen, wo immer es möglich ist! Laßt uns nicht müde werden!
Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben, an Deines Dolles Aufersteh n I Laß diesen Glauben Dir nicht rauben, trotz allem, allem, was gescheh'n!
Und handeln soll st Du so.als hinge von Dir und Deinem Tun allein dasSchtcksal ab derdeutschenDinge. und die Verantwortung wär' Dein!
Ihr und die Volksschule?
Don Wirkt. Geh. Oberregierungsrat
Paul K a e st n e r, Miniftertaldirettor un preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung.
Wie steht ihr, wie stehst du zu unserer Dolls- fchille? Du dachtest bisher niemals über diese deiner Meinung nach wohl zum Schreiben- i nd Rechnenlernen unvermeidbare Einrichtung nach? Du mußt darüber nachdenken. Du mutzt in der Zeit bitterster deutscher Rot, wenn du Herz und Verstand öffnest, einsehen, baß. man nur von unten aus aufbauen kann, vorn Elternhaus und von der Schule aus. Was das Elternhaus leisten kann, soll die Schule nicht übernehmen. Eltern- Wort geht über Lehrerwort. Aber das Elternhaus muß heute ja so vielfach ohne seine Schuld arrs den vielen hier nicht zu erörternden Gründen gerade in den weiten < Kreisen versagen, die an dem Anzeigenteil großstädtischer Zeitungen mit der Ueberschrift „Wo lasse ich mein Kind erziehen?" Immer unbeteiligt waren. Für Millionen unferer Kinder führt nur durch unsere Volksschule der Weg zum neuen Deutschland. Rur wenn aus ihr selbständige und selbstlose, gerade und wahre, arteitstüchsige und arbeitsfrohe Menschenkinder festen Willens und wachen Gewissens auf die hinter ihrem Ausgangstor sich verzweigenden Lebenswoge hinausströmen, kann Deutschland gesunden. Frankreich toeiß> warum es an Ruhr und Rhein die Schulhäuser beschlagnahmt.
Sprechen wir einmal nur in wenigen, aber runden und anschaulichen Zähen: In Preußen werden in 38 000 Volksschulen 6 Millionen Kinder 8 Jahre lang im eindrucks- und aufnah.ne- fähigsten Alter von 6—14 Jahren von 120 000 Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet. Für die ersten vier Schuljahre besuchen nach dem Reichsgrundschulgesetz alle Kinder die Dolksschule. Weiterhin besuchen von je 100 Kindern 94 keine über die Volksschule hinausführende Bildungsanstalt. Diese 94 stehrn mit 14 Jahren dem Leben gegenüber. Die Fortbildungsschulen oder Dolksbil- dungseinrichtungen erfassen heute immer nod) leider nur ihren kleineren Teil in irgend wirksamer Weise. Aeberlege einmal d'.ese Zahlen. Eigentlich solltest du dann schon wissen nicht nur, daß du
„äußere Vorhof" genannt wurde, hat er die Geldwechsler und Viehhändler in heiligem Zorn vertrieben. Innerhalb dieeZ großen Tempel- Platzes, des heutigen Haram, lag ein abgeschlossener Tempelbezirt, der innere Vorhof, der durch eine Mauer in einen östlichen Vorhof für die Frauen und einen westlicher für die Männer geteilt war. Im Vorhof ber Frauen hat Christus das Gleichnis vom Schürft sin der Witwe erzählt, denn dort waren die Opferständer für die Gabe ausgestellt. Daß Jesus das von Herodes neu- geschmückte Tempelhaus selbst betreten hat, ist nirgends angebcutet. Rach der Gefangennahme des Herrn wird im Marcus-Evangelium, dem wir die genauesten Angaben über die Oertlich- feiten der Passionsgeschichte verdanken, der P a» laß des Hohenpriesters erwähnt; er befand sich wahrscheinlich an der unteren Terras e des SüdwestHügels in der Rähe des Hasmonäer- Palastes. Hier hat wohl wegen der Dringlichkeit der Sache die erste Sitzung deZ Hohen Rates um Mitternacht stattgcfunden, während die zweite Sitzung dann vorschriftsmäßig bei Sonnenaufgang im Sitzungszimmer des T.mp ls abgeha ten wurde. Als Jesus vor Pilatus geführt wurde, brachte man ihn nach dem Praetorium, der Residenz des römischen Statthalters. Das römische Regierungsgebäude befand srch damals in der gewaltigen Herodesburg. Dort fand das Verhör auf einer Stätte statt, die hebräisch G a b d a t h a heißt, wobei es sich nur um eine Rampe handeln kann, die an dem Palastgebäude vorsprang, so daß der Prokurator nur aus dem Gebäude hwauszutreten brauchte, um der auf dem Platz versammelten Volksmenge sichtbar zu werden. Die Geißelung und Verspottung durch die Soldaten vollzog sich, im Palast. Rach dem Lucas-Evangelium schickte bann Pilatus den Angeklagten, der Galiläer war, zu dem gerade in Jerusalem weilenden Detrar- chen von Galiläa Herodes Antipas, nach, dem Palast ber Hasmonäer, bet ganz unten am Südwesthügel, hart an der Rordmauer lag. Hier spielte sich Verhör und Verurteilung Jesu ab. Die vir lumstrittenen Stätten ber Kreuzigung und Grablegung sind ja neueebingä in ihrem
über die Volksschule Nachdenken, nein, baß du ihr helfen und diese Grundlage unseres Dolls- turns zu verstärken suchen mußt, wo und wie es dir möglich sein sollte.
Acht Jahre Schule vergißt fein Mensch. Da» Schulkapitel in den Levenscrirmerungeii vergangener Jahrzehnte ist oft bemerkenswert traurig. Acht Jahre freudiger Jugend in ber Schule vergißt der Mensch ganz gewiß nicht. Sie leuchten durchs Leben, dem eine frohe Jugend nicht zu beugende Kraft gibt. 3n frohen Jugendjahren wird seelisches Grundwasser gesammelt, das den Levensbaum später niemals ganz verdorren läßt. Helft, weil ihr unsere Kinder liebt, daß viele Freude in die Schule h.neinkommt. Es kann gar- nicht genug Freude in ber Schule sein, Freude und Freude am Freudemachen. Ihr könnt alle dazu helfen, wenn ihr mit euren Kindern in ber Schule nicht mehr den Jammertasten und die Anstalt zum Dangemachen seht, sondern die fröhliche, von dem unter anständigen Menschen selbstverständlichen Vertrauen getragene Gemeinschaft arbeitslustiger Jugend und guter Kameradschaft. Das ist auch heute zum Glück schon so manche Schule, und das werden immer mehr Schulen, je mehr die Eltern die alle, auch von den auf nichts als auf Erlernen nützlicher Kenntnisse bedachten Schulen verschuldete Gegnerschaft in eine tätige Freundschaft mit der Schule verwandeln. So viele Lehrer dienen heute von ganzem Herzen und mit all ihrer Kraft dieser Schule der freudigen Erziehung zur selbständigen Arbeit. So viele Eltern wollen das immer noch nicht sehen und sind in Schulmeisterabneigungen befangen. Ihr könnt auch dadurch dazu helfen, daß ihr den ernsten Kampf der Männer und Frauen, denen eure Kinder acht Jahre lang an vertraut sind, um bessere Lehrerbildung unterftüßt. Er wird geführt für eure Kinder, für die auf ihnen ruhende Zukunft unseres Dolles.
Heber die Qualitätsarbeit, die in Deutschland geleistet werden muß, wird viel geschrieben and nachgedacht. Qualitätsarbeit leisten aber nur Qualitätsmenschen, und die Qualitätsarbeit im Menschenbilden muß der im Warenschasfen voran« gehen. Menschen zu bilden sei unser erstes Gesetz, unsere ernsteste Sorge. Richt gespart werden darf an ber Qualitätsbildung ber Masse. Sie obliegt der Dolksschule unb Berufsschule. Für die Volksschule den letzten Pfennig. Wer ihn nicht gibt, sägt den Ast ab, auf dem er heute noch sitzt.
Die Volksschule soll das Geschlecht bilden, das Deutschland auch wirtschaftlich wieder auf die Füße stellt. Menschen, die immer erst und bann noch einmal an sich selbst denken und bann erst an die Gemeinschaft, werden diese Riesenarbeit niemals leisten. Die jungen Menschen, die aus der Volksschule kommen, müssen so gebildet sein — „gebildet" im wörtlicheir Sinn des Geformt- seins, nicht in dem üblichen dem Wort anhaftenden Sinn — daß. ihnen die Form der Gemeinschaft über alles geht. Rur die Volksschule kann diese Bildung sicher gründen, diese Ehrfurcht vor dem uns allen gemeinsamen Boden, auf dem dann viele verschiedene Wohnungen stehen können. Daß nur auf dieser Dildungsgrundlage auch an den höchstens 6 Prozent auf weiterführenden Schulen mit Segen fortgearbeitet werden kann, ist selbstverständlich.
Aus solchen und noch vielen anderen Gründen für die Volksschule zu werben, fei, so meint ihr, im besten Falle recht wohlmeinend und Anliegen eines ^twas toeltfremben Idealisten. Dazu in einer Zeit, die am Reichsschulgesetz totrft und die Volksschule nach Bekenntnisschulen. Simultanschulen, weltlichen Schulen und vielleicht noch einigen anderen Schularten trennen will. Mit dem Einwand des Idealismus wird heute so gern gläubiges Dvrwärtsar bellen lächelnd beiseite geschoben zugunsten dessen, was immer so war. Es ist vielmehr ernsteste Pflicht gerade dieser Zeit, die oft den Wald vor Bäumen der Parteien und der Theorie und vor anderen Bäumen nicht mehr sieht unb einfachstes Menschliches nicht mehr kennt, das uns alle Einende zu zeigen. Was haben wir noch Wertvolleres als unsere Kinder? Worauf hoffen wir, wenn nicht auf sie? Für sie wollen wir durchstrahlt sein von Hellem Idealismus und von unübertvinblichem Optimismus. Mag lächeln wer will. Elternwvrt geht, es sei noch einmal gesagt, über Lehrerwort, und unverletzlich müssen die verfassungsmäßig gewährleisteten Schulgrundformen ber verschiedenen Weltanschauungen sein. Aber Gemeinschaft bildend, Freude weckend und zum Arbeiten und
Zusammenhang mit der Grabeskirche ebenfalls genauer bestimmt worden.
Vom Osterhasen und seinen Gesellen.
Der Osterhase ist einer der wunderlichen Eindringlinge, die wir in den vielverschtungenen Wegen deutschen Dollsbrauchs kennen. Der possierliche Geselle ist heute sin Osterbrauch so völlig eingebürgert, daß wir uns ohne ihn ein Osterfest garnicht mehr denken können. Aber woher er gekommen, wie er sich die geheimnisvolle Fähigkeit des Eierlegens aneignete, das ist ein Rätsel, über das sich die Folkloristen vergebens den Kopf zerbrechen. So uralt das Osterei als Fruchtbarkeitssymbol ist, so jung scheint der Osterhase zu sein. Auffällig ist schon, baß er nur in Teutschlanb vorkommt, unb erst durch, bie Einbürgerung bei uns auch in anberen Ländern beliebt geworden ist, so daß man jetzt die Osterhasen ebenso auf den Pariser Boulevards wie in ber Londoner City unb auf dem Reuyorter Droabway finbet. Auf dem Lande wird er noch heute vielfach mit Mißtrauen betrachtet, und alte Leute erzählen, daß ben Osterhasen „erst die Städter gemacht haben". Ter Osterhase tritt in ber volkskundlichen Literatur bis um die Mrtte des 19. Jahrhunderts überhaupt sehr spärlich auf, und in alleren Schilderungen des Osterfestes, wie z. D. in der bekannten Erzählung „Die Ostereier" von Christoph v. Schmid, findet er sich noch mit keinem Wort erwähnt. Immerhin hat man in früheren abergläubischen Jahrhunderten tatsächlich an Haseneier geglaubt. So wird z B. in einer Ansbacher ilrfunbe von 1758 dem Osterhasen die Fähigkeit des Eierlegens von amtswegen bestätigt. Rach diesem Dokument erklärte ber Förster Fuhrmann zu Solenhofen, er habe einen Hasen aufgezogen, ber Eier lege, unb biefe Eier, im ganzen fünf Stück, würben beim Jagbsekretariat zu Sulz tatsächlich niedergelegt und an verschiedene hohe Herren als Raritäten gegeben, die sie in ihren „Kunstkammern" zur Schari stellten. Wir werden heute gegen die Echthell dieser Haseneier begründete Zweifel hegen, aber tatsächlich ist ber Hase an bie Stelle anderer Eier
Freubemachen erziehend, tonn und muß jede dieser Schulfvrmen wirten. Alle diese Kräfte bringt uns das Kind, so wie es un8 geschenkt wird, mit. Wir brauchen sie in der Schule nur vertrauensvoll zu entwickeln, statt sie mißtrauend zu unterdrücken. Daraus Gmnt ihr rach selbst in Deutschland alle einigen. Unb dann heißt es insoweit wenigstens nicht mehr fragend: Ihr und die Volksschule?, sondern betennenb: Die Dotts- schule unb wir! Und bann geht cs vorwärts mit Schule und Volk.
Warum muh die Wohnungs- zwanyswirtschast verschwinden?
Der Vorsitzende des Gießener Haus- besihervereins. Rtolermeister H. Laans° p a ch. bittet uns um den AIK>ruck der nachstehenden Ausführungen. D. Red
Die Wirtschaft kennt eherne Gesetze, deren Uebcrtrctung nicht ohne Schädigung der Allgemeinheit möglich ist. Eines dieser ehernen Gesetze ist die Regelung des Preises einer Ware oder einer Rutzung durch AngebotundRach- frage. Wer in die freie Bildung von Angebot und Rachfrage eingreift, stört die Wirtschaft und beschwört alle daraus sich ergebenden schädlichen Folgen herauf.
Vor dem Kriege kannten wir solche Eingriffe nur in bescheidenem Umfange, auf dem Gröiete der Schutzzölle, der Einfuhrverbote unb ber Sozialpolitik. Während des Krieges waren wir jedoch gezwangen, um mit den bescheidenen Dor^ täten aus zu kommen, eine scharse Rationierung unb Zwangswirtschaft cinjufüteen. Zeiten ber Rot unb eines Krieges rechtfertigen solche Maßnahmen, sie müssen aber verschwinden in dem Augenblicke, in dem ihre Ursachen beselligt sind.
3m Kriege fernen wir auch zur Zwangswirtschaft auf dem Gebiete des Wohnungswesens. Leider ist der schwere Fehler begangen worden, diese Zwangswirtschaft btt. heute noch beizubehalten. Je länger diese Zwangs wirtschaft bauerte, desto schwieriger wurde der spätere Abbau, da die sofortige Herbeiführung des Rormalzustandes für den Einzelnen eine zu große Belastung seines Haushaltes bedeutete.
Diese Zwangstvirtschasi ist ungerecht, weil sie eine Kategorie des Besitzes weit über das allgemeine Maß hinaus besteuert. Es besteht kein Grund, die Hausbesitzer weniger Steuern zahlen zu lassen, als alle anderen Besitzenden, es ist aber auch ungerecht, Öen Hausbesitz nur deshalb höher als alle anderen Besitzarten zu belasten, weil fein Desitzobjekt leichter zu erfassen ist und sich schwerer ber Besteuerung entziehen läßt, als andere Objekte. Diese Zwangswirtschaft ist aber auch wirtschaftlich falsch: sie muß auf die Dauer zu schweren Schädigungen der Allgc^ meinteit führen. Weirn der Einzelne infolge ber Zwangwsirtschaft nicht die Miete zahlen muß, die sich auf Grund des ehernen Gesetzes von Angebot und Rachfrage ergibt, sondern nur einen Bruchteil dieser Miete, so ergibt sich in ber ganzen Wirtschaft ein falsches Bild Die Löhne und Gehälter werden niedriger gehalten, bie Endprodukte gehen zu einem niedrigeren Preise ins Ausland unb das Volksvernrögen, insbesondere jedoch der Grundbesitz, wird zugunsten einer vorübergehenden Selbsttäuschung in seiner Substanz allmählich vernichtet. Es ergeben sich aber noch weitere unangenehme Folgen daraus. Der Krieg hat uns alle arm gemacht unb uns zu einer erheblichen Einschränkung unserer Lebens Haltung gezwungen. Wir Ed nuten jedoch beobachten, daß weite Schichten ber Bevölkerung oft mit einer Viertel-Arbeitsstunde ihre Monatsmiete bezahlen konnten unb keinen Anlaß sahen, sich einzuschränken. Das Heer der Schlafgänger in den Großstädten ist verschieden, weil dfese sich früh- zeittg infolge der geringen Mieten eigene Wohnungen verschaffen konnten und weil kein Arbeiter es mehr nötig hatte, bei den billigen, Wohnungspreisen Schlafgänger zu nehmen. Tausende von jugendlichen männlichen und weiblichen Angestellten, die früher bei ihren Eltern ober Angehörigen wohnten, haben jetzt eigene Wohnungen, weil diese ja fast nichts mehr kosten. Den Arbeitern sind würdige Wohnungsverhäll- nisse von Herzen zu gönnen, und die Schaffung guter Wohnungen muß ein Ziel jeder vernünftigen Sozialpolitik fein. Es war aber falsch, zu glauben, daß wir in dem Augenblicke eines ver- lorenen Krieges uns den Luxus größerer Woh- nungSansprüche leisten konnten. Erst müssen wir
legender Tiere getreten, die im Oflerglauben von altersher eine Rolle spielen. Da steht natürlich die Henne voran, die ja sozusagen bie Eierlegerin an sich ist: sie leiten zu dem Hahn hm, der als das Tier des Gottes Thor, als Verkünder des Sonnenaufgangs, ein uraltes Lrcht- shmbvl darstellt unb bei dem altgermamschen Frühlingsfest zu Ehren des Gottes geopfert wurde. Im Slawischen ist es die Gans, die die Ostereier legt, unb man hat bas Erscheinen bes Hasen aus dec schlechten Aussprache des Wortes „GauS" erklären wollen, bas zu „HooS" ober «HaS" würbe. Anbere Ostervögel, deren Gier zu Ostern eine betontere Bedeutung hatten, sind die Frühlingsboten Storch und Kuckuck. Der Storch hat sich nur noch im Ostergebäck erhalten, das Im Elsaß die Gestalt eines Storches erhält, unb in ber Schweiz gibt es ein beliebtes Ostergebäck, das „Gnggusbrot" in ber Gestalt eines Kuckucks. Doch gibt es auch noch mancherorts bie alte Sitte, nach der derjenige, der zu Ostern ben ersten Kuckucksruf hört, ein besonderes Osterei, das „Kvckucksei", zum Geschenk erhält. So wäre also der Osterhase nur ein Mißverständnis? Das läßt sich aber mit dem tieferen Sinn aller Dolks- bräuche nicht vereinigen. Die ähnliche Rolle, die Hahn und Hase in der altgermanischen Mythologie spielen, führt uns auf die richtige Spur. Wie bei Hahn ist auch der Hase ein uralte# Fmchtbartellsshmbol. Als ein elfisches Wesen erschien ber langohrige, pfeilgeschwinde Meister Lampe den allen Germanen. Er schien ihneni verwandt mit ben Wurzelmännchen, den Kobolden unb Zwergen, die sich im Märchen nicht selten in ein Häschen verwandeln: er war das Tier ber Walb- unb Frühlingsgöttin Holda, der nach einer niedersächsischen Sage zwei Hasen die Schleppe tragen und zwei andere mit Lichtern voraneilen. Wegen seiner reichen Rachkommenschaft war er früher so berühmt wie heute das Kaninchen, und so ist ber Hase ein uraltes Öfter- unb Frühlingstier, bas ber schalkhafte DolkS- humor mit bem Ostersymbol des Eis verknüpfte und ohne Rücksicht auf alle Zoologie zum ©erlegen verurteilte.


