Ausgabe 
18.7.1924
 
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aing wegen einer umfangreichen un» vestitionsanleihe verhandeln. Cs soll sich um die Errichtung eines großen Hochofens bei Kraljevo und um den Bau der Delgra - der Adriabahn handeln.

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Ein Beamtengesetz-Entwurf.

Don der demokratischen Reichstags­fraktion ist im Reichstag ein Entwurf eines deutschen Deamtengesehes vorgelegt worden, das die Rechtsverhältnisse der Reichs­beamtenschaft regelt und die Grundsätze für das Rechtsverhältnis der Beamten der Länder auf­stellen soll. Aus den allgemeinen Bestimmungen ist besonders zu erwähnen: Die Zulassung za dem Deamtenverhältnis, das ein Hoheits- und Schutz- Verhältnis ist, das nicht abhängig ist von Abstam­mung, Glaube und Bekenntnis, politischer Gesin­nung, Zugehörigkeit zu einer Partei, za poli­tischen oder beruflichen Vereinigungen. Zu den Dien st rech tsansprüchen gehören Ruhestands, iistvm- men, Reise- und Umzugskosten, Einächt .in die Personalakten, Sterbe-, Witwen- und Waisen­geld usw. Das Diensteinkommen ist vierteljährlich im voraus zu zahlen.

Die Revolution in Brasilien.

London, 17. Juli. (WB) Wie Reuter mel­det, gaben aus Brasilien in Montevideo eingetrof- fene Passagiere eines italienischen Schiffes an, die Lage in Sao Paolo sei ernst. Man er­klärte, die Rebellen gingen nicht nur nicht zurück, sondern rückten täglich vor. Ihre Stärke werde auf 20*000 Mann beziffert. Hierbei seien jedoch die zivilen Hilfstruppen nicht eingerechnet. Die Rebellen seien völlig Herr von Sao Paolo, wo sieeineRegierung in FormeinesTrr- u m v i r a t s errichtet hätten. Santos würden sie jederzeit nehmen können, da es schlecht vertei­digt und voller Parteigänger der Aufständi­schen sei.

Ein Dementi der brasilianischen Gesandtschaft.

Berlin, 17. Juli. (WB.) Rach Mitteilung der hiesigen Gesandtschaft der Vereinigten Staa­ten von Brasilien ist sie in der Lage, katego­risch alle tendenziösen Informationen, die in letzter Zeit über den Militäraufstand in Eao Paolo verbreitet werden, zu dementieren. Bei der Bewegung in S<ro Paolo handelt es sich um eine Meuterei der Militärpolizei dieses Staates, der sich einige Truppenteile jener Gegend angeschlossen haben. Die Bewegung ist auf die Haupt st a d t des Staates Sao Paolo beschränkt geblieben. Im gesamten Innern des Staates und im übrigen Brasilien herrscht vollkommene Ordnung. Die Regie­rungstruppen, die gegen die Aufständischen Vvrgingen, gewinnen jeden Tag mehr an Terrain und verstärken nur deshalb ihr Vorgehen nicht, um die Hauptstadt soviel als möglich zu schonen. Kammer und Senat in Rio de Janeiro haben dec Regierung wiederholt ihre Unterstützung zuze- sagt. Die Unterwerfung der Aufständischen wlld binnen kurzem erwartet.

Kleine politische Nachrichten.

Eine neue völkische Gruppe.

München, 17. Juli. Der völkische Abge­ordnete Streicher hat nach einer Nürnberger Meldung derAllgemeinen Zeitung" eine neue völkische Gruppe unter dem NamenReichs­adler" gegründet.

Harakiri in Polen.

Bei der Tagung des Invalidenkongresses für Polen in Lemberg trat unter den Rednern, die die polnische Regierung wegen der schlechten Bezahlung der Invaliden angriffen, ein junger Wann auf, der nach kurzer, leidenschaftlicher Rede pDhlich einen Revolver zog und sich vor der entsetzten Zuhörermenge eine Kugel in den Kopf jagte. Er brach sofort tödlich zusammen.

China das Dandenparadies.

Rach eurer Havasmeldung aus Peking zäh­len die Banden, die unter dem RamenT u- f e i entlassene Soldaten und ver­wahrloste Z i v i l i st en sammeln, in der Pro­vinz Anhui jetzt 45000 Mann. Die Regierung hat Truppenverstärkangen an Ort und Stelle geschickt. Die Tufei haben m e h r e r e a u s- ländischeMis sio na re gefangen genom­men. Die chinesische Dank tft geplün­dert worden.

Aegypten in Berlin.

Im Zusammenhang mit dem Attentat auf Zaglul Pascha wird aus Berlin gemeldet, daß der ägyptische Konsul in Berlin in die Wohnung eines ägyptischen Studenten eingedrungen ist, dec

beschuldigt wird, mit dem Attentäter in 'Beziehung zu stehen. Gegen die Wiederholung dieses zwei­fellos unkorrekten Vorgehens des Konsuls sollen Maßnahmen getroffen werden. Die Polizei nahm unterdessen bei zwei anderen ägyptischen Stu­denten, die unter dem gleichen Verdacht stehen, Haussuchungen vor. Ein gewisser Dr. Mansur Rifat, ebenfalls Aegypter, protestierte in einem Briefe an die Reichsregierung gegen die beiden CRorgänge.

Hessischer Landtag.

Darmstadt, 17. Juli.

Präsident Adelung eröffnet die Sitzung um 9V2 Uhr. Am Regierungstisch: Staatspräsi­dent Ulrich.

Vor Eintritt in die Tagesordnung gibt Mim- sterialvat Spanier eine Erklärung zu einer Kritik des Abg. Schaub (Soz.) an der Amts­führung des Kreisarztes in Friedberg ab. Es wurde diesem vorgeworfen, er habe dem Jahresbericht nicht rechtzeitig fertiggestellt und dazu eine taktlose Bemerkung gemacht. In der Erklärung des Ministerialrates Spamer wird festgestellt, daß der Kreisarzt den Bericht nicht fertigstellen konnte, weil die Schulärzte ihm nicht rechtzeitig die -Unterlagen zugestellt hatten. Die angebliche taktlose Bemerkung sei von allen An­wesenden als eine humoristische Wendung aus-- gesaßt worden. Es stehe fest, daß der Kreis­arzt seine große Arbeit zur vollsten Zufrieden- heit erledigt.

Abg. Schaub widerspricht der Darstellung des Ministerialrates.

Hierauf wird in die Taaesordnung eingetre­ten, die zunächst ein: Reihe kleine ec Vv lag in e t hält, die ohne erhebliche Dedat.e gemäß den Be­schlüssen der zuständigen Ausschüsse erledigt wer- i>en.

Abg. Schott (D. Vp.) erstattet mündlich Be­richt über mehrere Anträge, die sich mit der Rück­kehr der Ausgewiesenen beschäftigen. Abg. Schott verlangt besondere Wohnungsfücsorge für die Rückkehrenden, namentlich müsse für die freien Berufe gesorgt werden, deren Lage viel schlimmer wäre als die der Beamten. Aehnliche Ausführungen macht auch der Abg. S o h e r r (Zentr.).

Staatspräsident Ulrich sagt die Hilfe der Staatsregierung zu, er werde in dieser Richtung auch in Berlin vorstellig werden.

Abg. Dr. Osann (D. Vp.) erkennt die Für­sorge für die Ausgewiesenen an; das Justizministe­rium sei aber nicht in allen Fällen entsprechend verfahren.

Staatspräsident Ulrich erklärt im Verlaufe der Debatte, daß die Regierung den Standpunkt vertrete, mit der Rückkehr der Ausgewiesenen sei auch die Wiederaufnahme ihrer Amtstätigkeit ein­begriffen.

Minister v. Brentano erklärt, ex sei all­zeit für die Ausgewiesenen eingetreten.

Rach weiterer Debatte werden alle Anträge zugunsten der Ausgewiesenen einstimmig ange­nommen.

Unter den Anträgen, die Beraten werden, ist auch einer der Abgg. Rechthien, Kaul and Gen. zum Gemeindeumlagengeseh. Es werden verschiedene Abänderungsvorschläge ge­macht, darunter der folgende:Die Steuersätze kön­nen nach den verschiedenen Vermögensarten und nach der Gröhe der Steuerwerte verschieden hoch bemessen werden." Der Antrag wird in nament­licher Abstimmung mit 27 gegen 23 Stimmen ab­gelehnt.

Rach einer Pause wird der Regierungsent­wurf zur Ausführung des Reichs- gesehes für Iugendwohlfahrt und in Verbindung damit ein Antrag der QQtgg. D. Dr. Diehl, Lenhart und Dr. Osann, sowie noch mehrere andere Anträge zu verschiedenen Artikeln Beraten. Der Antrag D. Dr. Diehl, Lenhart und Dr. Osann handelt von der Zu­ziehung und dem Stimmrecht der Geistlichen in der Jugendpflege. Eine Min­derheit des Gesetzgebungsausschusses ist gegen diesen Antrag. Abg. Ruß (Ztr.) erklärt, die Zen­trumsfraktion werde das ganze Gesetz ablehnen, wenn der Geistlichkeit kein Stimmrecht gegeben werde.

Es werden nun mehrere Abstimmungen vor- genvmmen. Der Antrag D. Dr. Diehl usw. wird mit 29 gegen 28 Stimmen angenommen. Das Gesetz wird hierauf in beiden Lesungen gegen die Stimmen der Kommunisten angenommen.

Bei den Anträgen Hofmann - Seligenstadt, Birnbaum und I o st. die Bereitstellung von Mitteln zur Unterstützung von Privat­schulen und privaten Volksschulen wünschen, bezwei)elt Abg. Kaul (Soz.) die Beschlußfähig- feit des Hauses, nachdem di> Sozialdemo­kraten geschlossen den Saal verlassen hat­ten. Die Beschluhunfähigkeit wird festgestellt, die

Ricarda Huch.

Zu ihrem 60. Geburtstag, 18. Juli. Don Dr. Paul Landau.

Hallen wir Umschau unter den Dichtern un­serer Zeit, so gibt es keinen, weder Mann noch Frau, der mit Ricarda Huch zu vergleichen wäre. Sie ist eine Ratur und eine Welt für sich. Kaum je vorher war in einer Künstlernatur Männliches und "Weibliches so innig verschmolzen, stand die rückhaltlose Hingabe schwärmender Phantasie so nahe neben dec Haren Gegenständlichkeit etnes schauenden, forschenden Verstandes. Im letzten Jahrzehnt ihres Schaffens ist das rein Dichterische gegenüber dem beseelenden Racherleben der Ge­schichte, der philosophischen Durchdringung der großen Menschhntsfragen mehr zurückgetreten. Aber desto gewaltiger, allumfassender rundete sich das Dild dieser ihr Geschlecht, ihre Zeit, selbst ihre Kunst überragenden Persönlichkeit.

Sie hat viel kämpfen und überwinden müssen, bevor sie eine solche Höhe erreichte. Die Braun­schweiger Patriziertochtec konnte erst in ihrem dreiundzwanzigsten Jahre zum Studium nach Zü­rich ziehen, erlöst aus der vornehmen Enge einer bürgerlichen Kultursphäre, wie Michael Unger, der Held ihres viel Autobiographisches enthalten­den RomansVita somnium breve". Von ent­scheidender Wirkung ist dieser mehrjährige Schwei­zer Aufenthalt auf ihre Entwicklung gewesen. Hier hat sie in tüchtiger historischer Gelehrten­arbeit den Grund für ihr gewaltiges geschicht­liches Wissen gelegt, hier hat sie die Kunst der großen Schweizer Poeten tief durchlebt, an die sie zunächst in ihrem eignen Dichten anknüpfte. Ihre dramatischen Erstlinge, ihr erster Gedicht- Band (1891), dem viel später in denReuen Ge­sichten" die reife Frucht ihrer leidenschaftlichen Frauenlyrik folgte, sie stehen deutlich in ihrem

stilisierenden Pathos, in ihrer gedämpften For­menfülle unter dem Stern Conrad Ferdi­nand M e y e r s; ihr frühester RomanErinne­rungen von Ludolf Ursleu, dem Jüngeren" aber, durch den sie berühmt wurde, zeigt in der edlen Rhythmik der Prosa, in dem Bunten Bilderreich­tum wie in manchen spielenden AraBesken das DorBild Gottfried Kellers. Wie ein Er­holen und Versuchen muten die Rovellen-Vände an, die folgten. Mit übermütiger Lust und genia­ler Ungebundenheit tummelt sie sich in den reichen Irrgärten der Reu-Romantik, während sie gleich­zeitig in ernstester Forschung ein meisterhaft ob­jektives Dild der alten Romantik erstehen lieft. Mit ihren beiden BändenBlütezeit" undAus­breitung undVerfall derRomantik" (1899,1902) hat Ricarda Huch ein literargeschichtliches Standard­werk geschaffen, das der Wissenschaft neue Wege wies in der Erschließung eines vorher kaum ge­ahnten romantischen Weltbildes.

Ihr nächster großer Roman, der 1901 erschien, sind dieLebensskizzen"Aus der Triumphgässe". Gewaltiger noch als inUrsleu" bricht hier das Empfinden der Dichterin hervor, und durch diese persönliche Glut wird die lange Reihe der Fi­guren und Episoden zu einem unvergeßlichen Bilde menschlichen Jammers und Elends zusammenge- schweiht, über dem sich in leuchtender Schöne der Triumphbogen der Phantasie wölbt. Rie ist die enge Dumpfheit der armen Leute, dec Verkomme­nen und Ausgestoßenen, verklärter dargestellt wor­den, als in diesem Ausschnitt aus dem Armen­viertel von Triest. Alles wird in Glanz und Größe, in Feuer und Sonne getaucht, und der Menschheit ganzer Jammer in Herrlichkeit ge­läutert.

Im historischen Roman, dem sie sich seit 1905 zuwandte, fand sie dann die Vollendung chrer Kunstform. Die überall in ihren Werken hervor­tretende Begeisterung für Italien tneB sie zum

Dryung oaraufyrn aufgehoben und eine neue Sitzung für 10 Minuten vor 2 Uhr anberaumt.

In der neuen Sitzung werden zunächst einige kleinere Vorlagen erledigt. Als dann wieder die Anträge zur Unterstützung der Privat- schulen aufgerufen werden, verlassen die Sozialdemokraten abermals den Saal. Wegen dec Deschlußunfähigkeit des Hau­ses werden die Verhandlungen um 2 ilftr abge­brochen.

Der Präsident teilt mit, daß die Aus­schüsse Mitte September zusammentreten, der Landtag werde Mitte Oktober wieder ein­berufen, und die Wahlen würden imNovem - Ber stattfinden.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 18. Juli 1924.

Sollen unsere Kinder barfuß gehen?

Meine Richte lebt in glücklichen Verhältnissen und bildet sich, wie viele, die Zufall und eigenes Verdienst miteinander verwechseln, nicht wenig darauf ein. In diesem Sinne erzieht sie ihre drei Kinder, in denen sie bereits Mustermenschen erblickt, obgleich der Knabe und die zwei Mädels echte, rechte Kinder sind und nur in Gegenwart der gestrengen Mama eine furchtbar gesittete Miene aufstecken.

Vor kurzem war meine Richte bei mir, um mich um Rat zu fragen.

Denke dir," sagte sie,unsere Kinder mochten so gern barfuß gehen. Sie sagen, die meisten Mitschüler und Mitschülerinnen kämen ohne Schuhe und Strümpfe zur Schule, und der Lehrer sähe das sehr gern, sage, das sei gesund und auch vom nationalökonomischen Standpunkt nur an- zuvaten; die Kleinen natürlich Brennen darauf, den anderen die Neuheit nachzuahmen, ohne an unsere gesellschaftliche Stellung zu denken, Und bedenke, der Egon, der so zart ist barfuß! Unb wie sieht es aus, wenn Mädchen wie Ilse und Ruth, die doch in jeder Beziehung wohlerzogen sind, so Herumlaufen! Was sagst du dazu?"

Ich unterdrückte ein Helles Auflachen bei ihrem Eifer.Daß Barfuftgehen gesund ist, liebe Richte, das ist doch längst erwiesen. Es härtet ab, es Bringt den Fuß, der durch das Schuhwerk nur zu leicht verkrüppelt, in seine natürliche Form. Der Luftzutritt fördert eine gesunde Aus­dünstung, kurz, jeder Arzt wird dir wohl den Ruhen des Darfuhgehens für den Körper be­stätigen."

Aber ich Bitte dich," fiel meine Richte eifrig ein,wie leicht sich da ein Kind erkältet! Und die meinen haben sofort Husten und Schnupfen, wenn sie einmal nasse Füße bekommen!"

Siehst du, das ist schon eine Folge deiner allzu großen Aengstlichkeit, und wird sich bald geben, wenn du die Kleinen abzuhärten suchst. Natürlich fängt man an warmen Tagen an, läßt auch nicht gar zu lange den Kinderfühchen ihre Freiheit. Wenn du die Kinder auf einen Spiel- plan schickst oder du läßt sie an den Iugend- spielen der Schulen teilnehmen, so magst du es immerhin erlauben, daß sie barfuß gehen. Sie werden sich da sicher nicht erkälten, denn Beim Spielen werden nie warm genug. Ratürlich brauchst du ja diese Nacktkultur nicht zu über­treiben. Bei Spaziergängen in der Stadt oder Bei größeren Wanderungen wird man vernünftiger­weise den Fuß nicht unbekleidet lassen. Aber Beim Spielen auf freier Wiese oder auf sand- Beftreutem Gartenplan ist es gut, wenn die Kinderfühchen sich leicht mitBewegen, frei atmen können; denn auch die Haut des Menschen atmet, und zwar durch die zahllosen Poren, ahnet die verbrauchten Stoffe aus, saugt frische Nahrung ein; und je leichter dies geschehen kann, desto gesünder wird der Körper."

Das ist ja ganz gut und schön," entgegnete meine Richte kleinlaut;aBer Bann giBt es ja keinen Unterschied mehr zwischen reich und arm, zwischen vornehm und gering?

Wie töricht!" entfuhr es mir in ehrlicher Entrüstung.Brauchen wir denn überhaupt äußerliche Unterschiede? Lind erkennst du so wenig den Zug unserer Zeit? Unterschiede! Als ob wir Menschen nicht alle einander gleich wären! Traurig genug, daß viele ihre Mitmenschen noch nach äußerlicher Aufmachung schätzen! Durch Vor­züge des Gemüts, des Geistes sollen wir ein» ender vorzukommen trachten und nicht nach Kleid nd Schuhwerk! Dies aber Kindern anzugewöh­nen, heißt, sie zur Ueberhebung erziehen! ilnb dabei geht ihnen soviel Schönes verloren. Sie schauen, wenn sie gut geartet sind, nur zu oft mit Reid auf diejenigen, die frei und ungebunden springen und spielen dürfen, die auf ein ele­gantes Kleid, auf teures Schuhwerk nicht Rück­sicht zu nehmen bvauchen. Du weißt, auch wir, ich und meine Geschwister, wurden in strenger Form erzogen. Wir mußten angepuht, mit Sonnen-

Studium der Schicksale des jungen Königreichs, in dem sie eine Zeitlang lebte. Sv stieß sie in der Geschichte der Befreiung auf die faszinierende Gestalt Garibaldis und machte ihn zum Helden eines zweibändigen Prvsagedichtes, dessen erster Teil besonders von leuchtender Poesie ducchströmt ist. Wie die Iünglingsgestalten eines antiken Frieses ziehen die edlen Verteidiger Roms und ihre Todeskämpfe für die Freiheit an uns vor­über. Im Vollbesitz ihrer künstlerischen Kräfte glückte ihr dann in dem dreibändigen W?rkDer große Krieg in Deutschland", die geschichtliche Dichtung höchsten Stils, um die sie solange ge­rungen. Rurdargestellt" hat sie, wie der Titel mit stolzer Schlichtheit sagt, aber zugleich damit eine ganz neue Form gegeben, eine erstaunliche Beseelung der Vergangenheit, eine wahre ge­schichtliche Geisterbeschwörung. Hier fügen sich die Einzelszenen restlos zur Einheit zusammen; hier haben die grandiosen Episoden ihre rechte Stelle, ihre tiefe Bedeutung.

Rach diesem Werk, dessen düstre Gröhe gleich­sam ein Präludium des bald nach seinem Er­scheinen hereinbrechenden neuengroßen Krieges" war, hat die Dichterin nur einen eigenartigem KriminalromanDer Fall Deruga" geschaffen, freilich ein Buch, dessen tiefe Psychologie und innerliches Ethos mit der gewöhnlichen Sorte solcher Romane nichts zu tun hat. Vor allem aber offenbarte sie den ganzen Reichtum und Tiefsinn ihres Denkens in einigen philosophischen und reli­giösen Schriften. Die Bibel und Luther sind die Gegenstände zweier Schriften, in beneiii die Offen­barung des religiösen Geistes und des religiösen Menschen mit der ganzen Inbrunst einer großen Seele und der ganzen Feinheit einer Geheimsten, ergründenden Seherin dargestellt ist. Roch direk­ter an die Gegenwart aber wendet sich ihre Bußpredigt"Entpersönlichung", in der sie, die Grundgedanken ihrer Wellanschauung zusammcn-

fcyirm und Hanvscyuyen, beim Spaziergang vor den Eltern herstolzieren; aber wir neideten an* deren Kindern ihre fröhliche Jugend, Und barfuß gehen war unsere stille Sehnsucht. Run wohn­ten wir einstmals zur Soinmerfrische in einer idyllischen Mühle im Grund, der damals noch nicht soviel begangen war als jetzt. Wir malten es uns als höchste Wonne aus, einmal, wenn der Bach recht viel Wasser führte, barfuß über seine Kiesel hinweg das ganze Bachbett hin­unter zu laufen. Lange wagten wir es nicht. Aber die Sehnsucht war stärker als unsere Angst, und eines Vormittags führten wir es aus, auf die Gefahr hin, totkrank wieder heimzukommen. Außer Sehweite wurden Schuh und Strümpf­chen abgestreift, und nun ging es los! O, wie rauschte das Wasser angenehm kühl um die sechs nackten Beinchen! Und wie schön war es, durch die vielen Brücken zu kriechen, die kleinen Wasserfälle hinabzuklettern I Wie Heldsn kamen wir uns vor. Run, und es hat uns auch nichts geschadet. Aber ist es nicht viel besser, wenn Eltern solche unschuldige Wünsche erfüllen? Wozu das Kind erst an Heimlichkeiten gewöhnen?

Meine Richte lächelte.

Das hätte ich wirklich sehen mögen! Aber du hast recht, auch ich habe ähnlich gedacht. Run gut, mögen sie also ihren Willen haben, es ist vielleicht her natürliche Instinkt be!8" Kindes. Egon, Ruth, Ilse ihr dürst also von morgen an barfuß gehen! R. D.

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** Die hessischen Landtags- wählen werden, nach einer Mitteilung des Landtagspräsidenten in der gestrigen Sitzung des Parlaments, im November stattfinden.

L.U. Universitäts-Gottesdienst. Am nächsten Sonntag, vormittags ll1/* Ahr, findet in der Neuen Aula ein Universitäts- Gottesdienst statt, zu dem in erster Linie die Angehörigen der Universität eingeladen sind. Selbstverständlich hat aber auch jeder andere Zutritt. Die Predigt hält Professor Dr. Karl Ludwig Schmidt.

** Gnadenbezüge. Die,Hinterblie­benen von hessischen Staatsbeamten, die vor der Inflation Gnadengebuhrnisse bezogen, diese aber seit der Markentwertung nicht mehr erhoben haben, können ab 1. April 1924 wie­der in den Genuß dieser Bezüge eintreten, sofern begründeter Antrag beim Ministerium der Finanzen gestellt wird.

* Wichtig für vertriebene Ost­deutsche. Däe geschädigten Ausgewiesenen und Flüchtlinge aus dem an Polen abgetretenen deut­schen Gebiet, die seit dem 1. Iull 1923 ihre Entschädigungen in Papllrmartbeträgen and K.° Schatzanweisungen K. 1923 erhallen haben, er­halten eine Beihilfe und den Umtausch der Schah­anweisungen 1923 in Mark-Gold-Schahanweisun­gen E. 1924. Aähere Aufschlüsse sind vom Deut­schen Ostbund, Ortsgruppe Darmstadt, unentgelt­lich zu erfahren.

** Zugverstärkung auf der Strecke Gießen Büdingen am näch sten Sonntag. Zur Bewältigung des Eisenbahn- Verkehrs anläßlich des Gesangwettstreites in Büdingen am nächsten Sonntag werden die Per­sonenzüge zwischen Gelnhausen unb Gießen ver­stärkt. Außerdem werden die Züge 504 (Gießen ab 6.32 vorm., Büdingen an 8.29) und 513 (Bü­dingen ab 9.20 abends, Gießen an 11.07), die Sonntags nicht verkehren, an diesem Tage zwi­schen Gießen und Büdingen gefahren.

Wettervoraussage

für Samstag:

Roch wolkig und unbeständig, wieder wärmer, einzelne Rieder schlüge.

rvornotizen.

Tageskalender für Freitag. Abonnementsllmzect der Reichswehckapelle, 8 Uhr: Lieli^höhe. Schncider-Zwangsinnung, 8y2 Uhr Besprechung im Gewecbehaus. Rundfunkhaus, Löberstraße, 8l/2 Uhr Operettenabcnb. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Das Glück am Rhein".

Das Theater Millowitsch aus Köln wird von morgen, Samstag, bis einschl. Montag abend im Kath. Vereinshaus gastieren. Es beabsichtigt, die Schwankopere^tteFamilie Raffke" aufzuführen. (Siehe Anzeige.)

Eine Vorführung von Polizei- unb Schuhhunben des alten Polizei- imb I Schuhhunbevereins von 1914 findet, wie aus der heutigen Anzeige ersichtlich, am 27. Juli auf dem Trieb statt. Es kommen Hunde jeder Dressur­stufe zur Vorführung. Der Verein hat sehr wert­volle Preise ausgesetzt, die in den Schaufenstern der Dlumensicma Dietz im Seltersweg zur Aus­

fassend, das der Persönlichkeit und der Religion beraubte, mechanisierte unb gottlose Chaos unserer Zivilisation anffagt und die einzige Rettung sieht in der Rückkehr zur persönlichen Entwicklung, zum lebendigen Glauben, zur Wandlung unb Reu­werbung, zum Opfer unb zur Tat!

*

Ricarda Huch Ehrenbürger der AniversitÄ München.

Ricarda Huch ist aus Anlaft ihres 60. Ge­burtstages zum Ehrenbürger der Univer­sität ernannt worden.

Deutsche Zeitworts.

Wir alle gleich? Bvie versteh ich das recht? Alle Herren oder alle Knecht'?

*

Versprecht nur den Himmel

Als Köbergericht: Papier ist geduldig, Der Mensch aber nicht!

*

Dient die Gesinnung

Zur Geldgewinnung,

Dann schändet sie die ganze Innung.

Wie kommt doch dreiste Dummheit so teuer! Ach, das erleben wir täglich heuen Dec Kluge durchschaut im voraus den Krempel, Der Dumme braucht immer erst das Cpempel.

Rechter Hand und linker Hand, Beiderseits viel Unverstand, Wahrheit nur beim Vaterland!

Amal von Etta,