Die Banttger.
Roman vo» Hermann Stegemann.
80 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
.Wenn f i e will, ich hab' nicht- zu wagen, ich Weib, baß sie die Tochter deS Daumeislers Dantiger ist. Ich danke Ihnen für das große Vertrauen, und ich wäre so gern ein klein wenig auch Ihr Sohn, Herr Baumeister."
Da legte Dantlger ihm nach alter Gepflogenheit die Hand auf die Schulter und erwiderte:
.Ich hätte dir den Wen nicht freigegeben, wenn ich das nicht wüßte. Ich habe heute keinen Sohn mehr. Du aber lehr fie lachen, die Ens, und in einem Jahr magst du sie heimführen, wenn - sie will."
Seine Stimme zitterte, alS er behauptete, er hätte keinen Sohn mehr, und er dachte an den, von dem noch kein Lebenszeichen gekommen war.
(3r ließ Giovanni warten und ging zu seiner Tochter.
GnS war in das Stübchen gegangen, wo sie am liebsten zu sitzen pflegte.
Der Vater fand sie mit geschlossenen Augen im Sessel sitzend. Grst alS er dicht vor ihr stand, schlug sie die Augen aus.
„Ich hab' ihm einmal gesagt, daß er dich fragen dürfe, ob du seine Frau werden willst. Gs ist viel geschehen seither, aber er hat sich brav gehalten, und waS geschah, ist fein Hemmnis für seine Frage. Willst du hinübergehen oder —"
Gr vollendete den Satz nicht. AgncS (am ihm zuvor, stano aus und erwiderte:
Ich gehe."
Gr griff nach ihrer Hand.
„Langsam, GnSI"
Aber sie schüttelte den Stopf und lüste die Hand.
„Es ist alles bedacht, Vater."
Da ließ er sie gehen, obwohl er nicht wußte, waS daraus entstand, ilnd sie ging ruhigen Herzens, aber mH müden Deinen und gepreßten Lippen zu Giovanni Pometta.
Doch alS sie ihm gegcnübettrat und er ihr scheu und keck wie ein Jüngling ohne Flaum ent- gegentam, schwand p^tzllch ihre Ruhe. Ihre Lippen lösten sich zu einem Lächeln, tfn Herz begann heftig zu schlagen, und die Worte, die sie sich zurechtgclegt hatte, um ihn um eine Vertagung zu bitten, verloren Sinn und Farbe.
Sie ließ ihm die Hand, die et ergriffen hatte, und fragte, von feinem zärtlichen Di ick verwirrt, ungeschickt, beinahe spöttisch:
„Muß es fein, Giovanni?"
Da fiel alle Scheu von ihm, und ehe sie sich's versah, umfaßte er fie und antwortete auf die törichte Frage:
„Es muß sein, EnS. Ich fühle, daß es sein muß. Verlangen Sie keine andere Erklärung von mir."
Er wollte sie küssen, wagte aber nicht den Mund auf die Lippen zu drücken, die sich in diesem Augenblick schmerzlich verzogen.
Als sie dies erriet, hob sie die Atme, umfaßte feinen Kops wie damals auf der Egger ©trabe und küßte ihn kurz und heftig, löste sich dann rasch aus seiner Umarmung und wich hinter den Tilch
Pometta wollte sprechen, fand aber keine Worte.
Ens schob die Briefschaften hin und her und schwieg.
Da entschloß et sich den Baumeister aufou- suchen.
„Wohin gehen Sie — gehst du?"
Er war schon an der Tür und hielt zögernd inne. In ihrer Stimme war Angst gewesen. Trotz, Widerstand — er zögerte.
AlS et unschlüssig stand und sie fragend, mit einet unsicheren Bitte in den Augen, anschaute, ging ein welche-, ein wenig listiges Lächeln über Ipt Gesicht. „Du hast recht — du mußt zu ihm • geßcn. Ich will hier auf euch warten," sagte sie
Da stürmte er hinaus.
EnS sank in den Schrelbsefsel und legte den - Kopf auf die gefalteten Arme. Do faß sie noch, als der Vater mit Giovanni zurucklehrte. Sie rührte Jld> nicht.
Der Baumeister trat auf sie zu und hob ihren Kopf.
„©le weint," sprach er und blickte Giovanni drohend an. „Das ist wider die Abrede, mein Junge. Aber wer weiß, vielleicht lernt sie erst dann lachen."
Als die Tochter BantigerS an diesem Abend schlafen ging, wurde ihr zum ersten Mal in tiefster Seele klar, daß ihr etwas fehlte, und als fie sich unruhig in den Kiffen warf und an Giovanni, an Lenz, an den Vater, an sich und den Vater dachte, und gespannt an der Pforte h rchte, hinter der ein neues Leben auf sie wartete, schlug es ihr auf einmal wie ein Blitz In- Bewußtsein, daß sie keine Mutter hatte. Aur den Vater! ilnö so sehr sie sich Mühe gab, das Bild der Mutter zu beschwören — nichts entstand vor dem Spiegel ihres Innern alS verwischte Episoden der Kindheit, die mit ihr selbst und dem Wesen einer
Mutter, wie sie sich dteleS träumte, nur Detony lose Züge gemein hatten.
Die Gestatt deS Vaters verdrängte den Schv» men der Mutter.
In dieser Dacht tauchte jener Austritt vor dem Kamin wieder in ihr auf, der mit dem Wurf der Kohlenzange geendet hatte. Und dann war's ihr, als wäre der Vater ihr erst jetzt, feit dem Tode des Bruders, der ihn von seinem früheren Leben losgerissen hatte, ganz zu eigen gegeben. Vicht weil Len; gestorben war, sondern weil der Vater einen harten Strich gezogen hatte und daS Haus auf dem Unters berg so gut wie verbrannt war.
Aber zuletzt, ganz zuletzt, als der Schlaf sie in die Arme nahm, schwand auch die Gestalt des Vaters und in das von ihrem Blut gespeiste Hirn zog das Bild des Marnies ein, den fte heute zum zweiten Mal geküßt hatte.
Am anderen Morgen fuhren Dantiger und Giovanni nach Egg, und der Daumeiller ging zu Fuß durch den ausgemauerten Lunn l, betrat Den Stollen, überschritt die Stelle, wo lein Sahn gefallen war und harrte gelassen aus. bis die letzte Schicht brach und der Wvlfenb<rg durchstoßen war.
Als er zwei Tage später hnmkehrte, erwarteten ihn neue Sorgen. Seine Mittel gingen zu Ende. Die Danken begannen sich ihm zu Der;a en, weil der Tunnel mch^ verschlung n hatte, als er vorausgesehen und wett die A t etung der CRunfct Fabriken seinen Kredit gemindert hatten.
Er weigerte sich, dem Anfinnen der Länderbank zu folgen und Agnes um die Mithaftung anzugehen.
(Fortsetzung folgt.)' --
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Gießen, den 16. Juni 1924.
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