Ausgabe 
16.12.1924
 
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nr. 276 Erstes

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UL Jahrgang

Dienstag, |6. Dezember 1924

General-Anzeiger für Gberhessen

Dmd und Verla-: vrLhl'sche Univerfitälr-Vuch- und 51elndruckerel R. Sanne in Giehen. Zchriftleitunz und Geschäftsstelle: StiultraM 7.

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Dr. Marx.

Reichlich ein Jahr ist Herr Dr. Marr Reichs­kanzler gewesen, ein Jahr der Reorgani­sation und deS inneren Wiederauf­bau S. 2n Revolutionszeiten lebt man rasch, aber selten wohl hat sich soviel, wie diesmal, an Er­eignissen in den Dang eine« Jahres hineinpressen lassen. Deine eigene Partei hat ihn deshalb den erfolgreich st en Kanzler genannt. Sicherlich nicht mit Unrecht, wenn man nur auf das Er­gebnis sieht. Sie hat aber hinzuzusetzen vergessen, hab er In erster Linie außerordentlich viel D i ü ck gehabt hat. Er hat die Blume gepflückt, die ein anderer pflanzte, er hat geerntet, waS Herr Dr. G t re ftmann gesät hat. Er selbst ist auch viel zu ehrlich, daS nicht einzusehen. Er kennt die Grenze seiner Begabung und hat sich deshalb lange gesträubt, bevor er das Amt annahm. Seine eigentliche Leidenschaft war von jeher die Schul­politik, wozu noch die Rechtsfrage kam, für die er sich als Richter besonders interessierte. Deshalb war eS schon eine Ueberraschung, daß er an die Spitze der Zentrumsfraktion berufen Wurde: eigentlich eine Derlegenheitswahl, die ihre 'achliche Begründung in seinen m e nsch l i ch wertvollen Eigenschaften fand. Sin gerader, ehrlicher, aufrechter und liebenswürdiger Charak­ter, eine waS heutzutage bei einem Politiker schon eine Seltenheit geworden ist zuver­lässige Ratur, ein Mensch, der vielleicht Geg­ner, aber keinen einzelnen Feind hat. Er war zu­dem wegen seiner Sachlichkeit und Objektivität bei allen Parteien beliebt und fand so auch nach der persönlichen Seite den Boden bei der Uebernahme des schweren Postens bereitet.

darüber aber ist sich wohl niemand im Zweifel gewesen, bah er kein Kanzler internatio­nalen Formats war, seine Stärke lag in der Kenntnis der parlamentarischen Lage und in dem persönlichen Der - trauen, das er genoß. So gelang es ihm denn auch, tym den Sozialdemokraten d c Zu- immung zu dem neuen Srmächt gungSg.setz zu rbalten, Die fie Herrn Dr. Stresemann abge­tönt hatten. 3m übrigen aber wurde er der Erbe dessen, WaS Dr. Stresemann begonnen hatte. Er fand die Stabilisierung der Mark jor, er fand den Beamtenabbau vor, er brauchte also nur weiter zu arbeiten oder vielmehr die Minister Weiterarbeiten zu lassen an dem Programm. daS Herr Dr. Stresemann ausgear­beitet hatte. DaS hat er auch zuerst getan; er wußte auch, daß seine Talente auf außenpoliti­schem Gebiet nicht lagen und hat beshalo ent­scheidenden Wert darauf gelegt, daß Dr. Ctrcfe- inann die auswärtige Polit k behielt, obwohl dieser damals sich lieber zurückgehalten hätte. Da zudem die Arbeitsgemeinschaft der bürgen- Lieben M.ttelparteien vor eine n 3abr noch starke innerliche Zusammenhänge hatte, stand er wirk­lich an der Spitze eines Blockes, der zwar an sich nut kaum ein Drittel des Reichstags um­faßte, aber doch wegen der Geschlossenheit seines Willens und wegen der Ziele, die er verfolgte, sich durchsetzen konnte. Dis in die Tage von London hinein. Da ist zum erstenmal Herrn Dr. Marx der Glaube beigebracht worden, daß er auch auf dem Gebiete der auswärtgm Politik Vorbeeren sammeln müßte. Er l. sich breitschla­gen dazu, der F ihrer d.'t Delegation zu werden, er ließ ftch auch breitschlrgen. Reden zu halten, .die inhaltlich von der Pol.tik abwichen, wie fte Dr. Stresemann einschlagen wollte.

Es konnte nicht ausbleiben, daß dadurch in = öle bürgerliche Arbeitsgemeinschaft ein Riß hin- eingetragen wurde, der solange unsichtbar blieb, als der Kampf um das Dawes-Gutachten zu Ende geführt wurde, in demselben Augenblick aber sich verbreitern mußte, wo dieser seinen vorläu­figen Abschluß erreichte. Hätte Herr Dr. Marx weniger stark nach links gedrückt, dann war das zu tragen, dann ergab sich aus der An­näherung der Deutschnationalen an die Mitte eine Verbreiterung der Regierungs­basis , auf der gradlinig die bisherige Politik in ihren Folgerungen durchgeführt werden konnte. Leider aber hat der Kanzler den Einflüsterungen von links her in London und nach London viel zu sehr sein Ohr geliehen; er glaubte offenbar wirklich daran, daß es ein nationales ilnglüd fein würde, trenn die Deutschnationalen sich an ' Öen Regierungsgeschäften mit beteiligten, weil er F ein neues Erstarken des Rationalismus auch in | Frankreich daraus befürchtete, anstatt sich zu Tagen, daß man drüben in erster Linie die w i r t- fchaf t lichen Kräfte einschähen würde, die hinter den Deutschnationalen stehen und aus der Durchführung des Gutachtens auch durch die Deutschnationalen eine Erweiterung und Verstärkung der deutschen Unter» schrift herauslesen muhte.

Wie der Kanzler sich die Durchführung sei­ner Politik mit den Sozialdemokraten ge­dacht hat, wie er die Reuordnung des Steuer­wesens zusammen mit den Sozialdemokraten machen wollte, darüber hat er sich öffentlich 'x nie ausgesprochen. Unb doch ist er zu klug, Ium nicht zu wissen, daß daran jedes Zusammen­gehen mit den Deutschnationalen unbedingt schei­tert. Gerade, wer also die auswärtige Po- l i t i k für richtig hält, die wir im vergangenen Jahr gemacht haben, gerade der wird auch dar­aus hinwirken müssen, daß jetzt nicht eine Rc° gierungskoalition nach oben kommt, die an der Lösung dieser Aufgabe scheitert, Und das wäre jede Kombination, in der die Sozialdemokraten eine führende Rolle spielten.

Rücktritt des Reichskabinetts.

Serifn, 15. Dez. (Sil.) Amtlich wird mit­geteilt: Der Reichskanzler Dr. Marx überreichte heute nachmittag 4.30 ilhr dem Reichspräsidenten die Rücktrittserklärung des ReichslabinettS. Der Reichspräsident nahm die Demission entgegen, be­auftragte aber gleichzeitig den Reichskanzler Dr. Marx und die b-sherigr Deichsregierung mit der einstweiligen Wetterführung der Geschäfte. Dem Besuch des Kaa-lers ging eine Kabinettssihung voraus, denen die von Berlin abwesenden Mi­nister Dr. Stresemann und Dr. Luther nicht beiwohnen konnten. ES kann mit einiger Si­cherheit angenommen werden, daß der Deichs- taz am Montag, dem 5. Januar, zusammen- treten wird.

Der Reichskanzler hat am Montag nach­mittag dem Reichspräsidenten offiziell das De­missionsgesuch des Kabinetts unterbreitet. Er war nach den Beschlüssen der vorigen Woche lediglich eine Formsache Immerhin berührt der Eifer, den der Reichskanzler beim Abschlüßen seines Demissionsgesuches bekundet, einigermaßen eigenartig. Er hat es so eilig ge­habt, daß er nicht einmal die Rückkehr der Minister Dr. Stresemann und Dr. Luther abwarten konnte. Und das. obwohl wir in der Vergangenheit mit den vorschnellen Demissionen der Ministerien keine guten Er­fahrungen gemacht haben. Damals war immer das erste, was bei einem Mißerfolg laut wurde, der Ruf nach dem Rücktritt des Kabi­netts. Und wenn das dann geschehen war. über­legte man, was weiter werden sollte, auf die Gefahr hin, daß die Krise wochenlang dauerte. Die vernünftigen Leute haben sich des­halb längst davon üb rzeugt. daß diese Methode falsch ist. daß vielmehr umgekehrt verfahren tD-'röen muh. indem das Kabinett zwar seinen Rücktritt in Aussicht nimmt, vielleicht auch einen letzten Termin dazu vorsieht, aber inzwischen Zeit für die Bildung einer neuen Re­gierung läßt.

Genau so Übrigens, wie das auch Poincars nach den frcnnösischen Maiwahlen getan hat. Es hätte dem Kabinett Marx gar nichts gescha­det, wenn es seine Lebensdauer selbst, entspre­chend einem Antrag deS Außenministers, auf den 2. Januar fixiert hätte. Dann waren die Fraktionen in Berlin gewesen, bann hätten Ver­handlungen hin und her ftattfmben könne, dann war wenigstens die allgemeine Lage einiger­maßen geklärt. Jetzt dagegen hängen alle Ent­scheidungen in der Luft. Keine einzige Fraktion ist in Berlin gewesen, der Reichs­präsident hat nicht die Möglichkeit gehabt, irgend jemanden zu fragen, durch das Verhalten des Reichskanzlers ist also die Krisis zum min­desten künstlich erzeugt worden. Wir glauben fast, daß er das getan hat, um die Schwierigkeiten einer Regierungsbildung nach rechts zu vermeh­ren. Er rechnet damit, daß der künftige Kanzler­kandidat. eben um die Krisis nicht zu verlängern, überstürzt an die Arbeit gehen muß und dadurch vielleicht Reibungen entstehen, die unter nor­maler politischer Temperatur sich hätten ver­meiden lassen.

Auch die gesamte Presse der Linken ist in die gleiche Richtung eingeschwenft. Sie entwickelt

einen geradezu verdächtigen Eifer in dem R u s nach dem Rechtsblock. Sicher nicht um der schönen Augen der Deutschnationalen willen, son­dern in der ganz bestimmten Erwartung, daß. je mehr von feiten der Opposition her der Rech ts - block verlangt wird, desto größer automatisch die Widerstände werden fönnen, die sich dagegen im Zentrum geltend machen. Und das ist offensichtlich der Zweck der Hebung: der Kampf um die Seele des Zen­trums. Dem Zentrum soll die Zusammenarbeit mit den Deutschnationalen tunlichst verekeft wer­den. Die Deutsche Dolkspartei soll sich bei den Versuchen zur Bildung eines Rcchts- blockeS tüchtig die Finger verbrennen, damit sie die Lust daran verliert, und dann schließlich die Sozialdemokraten gebeten werden, doch gütigst mit den übrigen Parteien wieder in die Regierung hineinzugehen, nur damit irgendwie die Krise beendet wird. Eine sehr schlaue Rech­nung, aber zu schlau, als daß sie bei vernünf­tiger Haltung der Parteien Aussicht auf Er­folg hätte.

Der Bayerische Bauernbund für eine Koalition der Mitte.

Berlin, 15. Dez. (TU.) Der Führer des Bayerischen Bauernbundes. Prof. Fehr, hat der Zentrurnssvaltion mitgcteilt, daß er eine Koalition der Milte unterstützen würde.

Berufsständige Vertetung im Richstag.

Auch im neuen Reichstag werden die nicht­sozialistischen Arbeitnehmer-Organisationen wie­der zahlreich vertreten fein, namentlich im Zen­trum und in der Deutschnationalen Dolkspartei. So entsendet der dem Deutschen Gewerkschafts- bunt) ^Vorsitzender A. Stegerwald) ange­hörende Deutschnationale Handlungsgehilfenver­band, Hamburg, allein vier Mitglieder seiner Derbandsleitung in den neuen Reichstag. Es sind dieses Otto Gerig (Zentrum). Walter Qam- bach (Deutschnatio:a e DollS artet), Otto Thiel (Deutsche Voltspartei) und Franz Stöhr (Ra­tionalsozialistische Freiheitsbewegung).

Dr. Jarres Kandidiert nicht für den Reichspräsidentenposten.

Karlsruhe, 15. Dez. (TU.) Dem Ver­treter der TU. erklärte Reichsminister Dr. Jarres über die von derGermania" gebrachte Mel­dung von seiner ang blich n Kand datur für d e Reichspräs dentenw hl. daß er schon mit Rück­sicht auf seine persönlichen und dienstlichen D.- zichungen zu dem Reichspräsidenten und dem Reichskanzler auf das peinlichste davon berührt sei, daß fein Raine mit dcrm Sommer 1925 ftatts nd ndenR ckchspräs d ntenwahl n Ver­bindung gebracht werde. Er brabftcht gc, sofort nach der B Ibunq des neuen Kabinetts aus der Politik auszuscheiden, um seine kommunale Tät glctt wicd r auf unehmen. die vor zwei Jahren durch seine Ausweisung unter­brochen wurde.

Ernste Lage in Marokko.

Der Rückzug der Spanier.

Paris. 16. Dez. (Priv.°Tel.) Die französisch? Presse stellt die Situation der Spanier in Ma­rokko als außerordentlich gefährlich dar. Der größte Teil der spanischen Zone sei heute von Abb-cl-Krimzurückerobert. Spanien habe im Verlauf wen ger Monate alle seine Positionen in einem Gebiet von über 220 Quadrat! lomcter verloren, zu de en Erobe­rung es n hezu sieben Jahre geb.aucht h be. Die spanische Armee in Stärke von 120 000 Mann ziehe sich in zwei Kolonnen, die ein; im Osten gegen Mell la, die andere im Westen gegen Tctuan zurück. Die Verbindungen zwischen beiden seien bereits von den Truppen Abd­el-Krims durchschnitten, die sich in den letzten Tagen in d:n D s h von Ehechaouen gefetzt hätten und von da aus berttts Tetuan be­drohten. I felge des Ab'all s zwe er Stämme, die bisher den Spaniern treu geblichen wavrn, sollen die spanischen Truppen dort in

eine völlig unhaltbare Lage gebracht worden fin. D r ..P r s cor" läßt sich darüber melden, daß in den Kämpfen der letzten Wochen die span sch:n Verluste sich auf 2?C00 Tote und 7202 Gefangene b,taufen hab n sollen.

Der Madrider Korrespondent desPetit Parifien" glaubt lagen zu können, daß der Rück­zug die Spanier teurer zu stehen komme als ein Vorrücken. Spanien unterhalte augenblick­lich im Riffgebiet eine Besatzung von mehr als 120000 Mann, die täglich 6 bis 7 Millionen Peseten Kosten verursach:. Rach Anficht des Korrespondenten könne die letzte Phase des Rückzuges die kritischste werden. Die Linie, auf die die Spanier sich zurückzuziehen beabsich­tigen fei die von Alcazarquivier über Larralch hinaus bis Arzila und die Höhen von Monkal und den Berg Gorgues. der als Schutzwall für die Tangerzone

biene nach Ceuta und Tetuan. 3m Gegensatz zu den Erklärungen Primo di Riveras sei dieser Rückzug keineswegs ein friedlicher Rückmarsch^

Die Haltung Frankreichs.

Die Meldungen über die Rückwärtsbewegung der spanischen Truppen werden von der Pariser Morgenpresse in großer Aufmachung wieder- gegeben. Die Möglichkeit einer I n t erven t i o n Frankreichs in Marokko ist vielfach Gegen­stand der Kommentare. DerMatin" betont, die Sicherheit Tangers ist durch die Ereig­nisse nicht bedroht. In diplomatischen Kreisen glaubt man. dgß der Vertrag vom Jahre 1912 den Franzosen das Recht gibt, nach ihren eigenen Interessen zu verfahren, wenn die spanische Regierung nicht mehr in der Lage fein sollte, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Havas bestätigt, daß seit einigen Tagen zwischen der spanischen Regierung und der französischen Botschaft in Madrid Besprechungen be-üg- lich der Räumung der spanischen Zone in Ma­rokko stattfinden. Es sei ganz natürlich, daß die beiden Länder miteinander Fühlung nähmen, um die gegenseitigen Absichten angesichts der neuen Lage sicherzustellen.

Die Nesormpläne Primo de Riveras.

Paris. 15. Dez. (TU.) Pariser Blätter veröffentlichen eine Unterredung Primo de Ri­veras mit einem Korrespondenten der ..United Preß". Der General sagte u. a.: Unser Rückzug in Marokko wird eine starke Rückwirkung haben. Die französische und die eng­lische Regierung befassen sich schon mit dem Problem. Das Direktorium hat sich einer neuen, internationalen Erörterung, d e eine Re­vision des nordafrikani'chen Heber- eintommenS rach fich ziehen würde, nicht widersetzt. Augenblickl'ch würde eine Sonder- aftion irgendeiner Mtcht eine Vertragsve lctzung bedeuten. Durch unseren Rückzug in Marokko verletzten wir in keiner Wecke das Algler- obfommen. Durch den Verzicht auf Tan­ger haben wir einen notwendigen Stütz­punkt verloren. Denn Tanger ist der Herd aller marolkanischen 3ntriauen. Wir werden die

Verwaltung in unserer 3onc auf einer gant neuen Basis organisieren. Di - Maure: sollen in Zukunft eine eigene Regierung haben und wir hoffen, niemals mehr eingreif er zu müssen.

Heber die politische Lage in Spa­nien erklärte Primo de Rivera, obwohl meh­rere Gesetze aufgefchoben worden sind, werd: die Verfassung restlos in Kraft treten und jeder solle bet den Wahlen seiner Meinung Ausdruck geben. Wir haben Reformen c nge ührt, trotzdem bleibt noch viel zu tun übrig. Wenn wir gee.gnctc Persönlichkeiten gefunden halben, werden wir den König bitten, ihnen die Leitung anzuvertrauen.

Das Tangerproblem.

London. 16. Dez. (WTBck Funkspruct, Rach einer TimeS-Meldung au5 Tanger herrscht in den dortigen Europäer- und Eingeborenen' kreisen die Ansicht, daß die Spanier den Aus­stand der AndjaraS ohne große Schwie­rigkeiten unterdrücken könnten. Auch ..Westminster-Gazette" läßt sich auS Tanger be­richten, daß der AndjaraS-Aufstand für Tan­ger keine ernste Gefahr bilde, eS fei dort alles ruhig. DerDaily Mail" zufolge sind die Amtlichen britischen Kreise durch die Meldungen über den Andjaras-Aufstand durchaus nicht be­unruhigt. Sollte der Aufruhr erfolgreich sein, so würde die britische Regierung mit den andern Unterzeichnern deS Algeciras-AbkommenS ge­zwungen sein, eine Aktion zu unternehmen. Der diplomatische Berichterstatter deSDaily Telegraph" schreibt, bei dem Interesse. daS Ita­lien und Großbritannien an der Auf­rechterhaltung dcr Ordnung an der Risküste haben, könne eine internationale Kon­ferenz der Unterzeichner deS QUcudra? 21i kommens, die diese Frage sowie die Tanger be­rührenden Probleme zu behandeln hätten schwer­lich lange verschoben werden. Der Berichterstatter erinnert im Zusammenhänge daran, daß Deutschland und Oesterreich-Ungarn in den FriedenSverirägen auf ihre Rechte in diesen Fragen verzichtet hätten.

Chamberlains Bericht.

Außenpolitische Debatte im englischen Unterhaus.

London, 16. Dez. (Priv.-Tel.) 3m Unter­haus sprach sich der Auhenm nifter Chamber­lain sehr befriedigt von seiner Rckse und der persönlichen Fihlugn h ne m t H.r io«, M .s o lini und anderen Staatsmännern aus. Er stillte fest, daß d e Aussprache w sentlich zur Herstel­lung g genf it g n Vertrauens be g tr gen habe; besonders nützlich hebe sich auch s ine Teil nah ne an der Sitzung des Dölkerbundsrats crto'e'en und ferne Vorstellung von dem W?rt des Du deS sei erheblich vergrößert worden, j doch h ibe er bcstät gt gefunden, daß der Völkerbund graduell entwickelt w iben körne, eb nso wie sich der bemolrat sch? Gedanke im inn r- pol t scheu Leben der Völker nur langsam ent­wickelt habe.

Macdonald wünschte zu wissen, welche Haltung die englische Regierung bezüglich des P r o t o k o l l s bei der Besprechung mit den D o - minions einzunehmen beabsicht ge. und bedau­ert lebhaft, daß Chamberlain kein Wort über die Fragen der Räumung der Kölner Zone und der i n t e r a l l i i e r t e n S ch u l d e n für nö­tig gefunden habe.

Das Hauptgewicht der Debatte lag überhaupt nicht bei den europäischen Fragen, sondern bei der Frage des Konfliktes mit Aegnpten und des Sinowjew-Drieses. was daher kommt, daß die Debatte durch ein Amendement der 2 a» bour-Partei zu der Thronrede eingeleitet wurde, welches die Politik der Regierung gegen­über Aegypten und Rußland friiiliert. indem es sich mit großer Schärfe gegen di e Verge­waltigung der ägyptischen Regie­rung durch das Ultimatum wandte und letzteres mit dem Ultimatum an Serbien verglich

Der Vorstoß hatte relativ geringe Wirkung Chamberlain berief sich auf Robert Cecil, der dem Völkerbund jegliche Kompetenz, einzugreifen, abspricht.

Bezüglich der Absperrung be 8 Ril- Wassers gab Chamberlain eine beruhigende Erklärung ab unb versprach bet ägyptischen Re­gierung, wenn sie ihre versöhnliche Haltung bei» behalte, bie Einsetzung einer unpar­teiischen Kommission unter neu­tralem Vorsitz zur Untersuchung der Wasser­frage. Macdonald. dem dies nicht genügt, ver­langt als Minimum, daß die englische Regierung, wenn schon sie die ganze ägyptische Frage dem Völkerbund nicht unterbreiten wolle, die später­hin notwendigen Verhandlungen mit Aegypten über bie schwebenden Streitfragen unter Zu­ziehung eines Vertreters des Völ­kerbundes führen sollte.

lieber den Sinowjew-Drief gehen immer noch die Meinungen auseinander. Wäh­rend Chamberlain mit größter Entschiedenheit erklärte, daß die Regierungskommission auf Grund ihrer Untersuchungen fest überzeugt sei, daß der Brief authentisch sei. brachte Macdonald er­neut schwere Deden ken vor und forderte eine parlamentarische Untersuchung. Chamberlain lehnte es jedoch kategorisch ab. sich weiterhin mit der Frage zu befassen und beant­wortete die dringend? Forderung der Labour- Partei nach Wiederaufnahme der Verhandlungen über den Handelsvertrag mit der Be­merkung. daß bie englische Regierung bie Zeit dafür als noch nicht gekommen sehe.