Samstag, <6. August 192$
Erstes Blatt
17$. Jahrgang
Neue Einigungsversuche in London
Französische Zugeständnisse
der
fori ton zuverlässigen
Al
Beugung und damit eine neue Verhöhnung des immer noch allzu gutgläubigen deutschen Volkes, sondern eine Geste, die jeg'icher praktischen Bedeutung und jeden tatsächlichen Wertes entbehrt, wenn ihre Uebertragung in die Praxis nicht schriftlich ton den anderen Interessenten ttä Eachve rst änd genplanes gewährleistet wird.
Davon, daß es der deutschen Del gsativn, die den französischen Einseifungsmethoden der ersten Verhandlungstage vielleicht ebenso ehrlich und gutgläubig wie ein Teil der deutschen Presse gegenüberstand, gelingen wird, diese Garantien zu erhalten, wird der Ausgang der Londoner Konferenz abhängen. > -
leim rechten Damen nennen.
Wir haben auch in Deutschland volles Ver-- fändnis für die schwache Stellung Herriots im Htrudel des aufgepeitschten Meeres der Partei- hidenschaften des französischen Volkes. Wir glauben, daß Loucheur, der Vertreter der Interessen der französischen Schwerindustrie in Conlon einen gewaltigen Druck, der hinter ihm stehen- len mächtigen Klique ausgeübt hat. Wir kennen die Machtgier und Diedertracht der militärischen mb zivilen Gewalthaber im besetzten Gebiet, die ioeder ihre angenehmen Pöstchen aufgeben, noch ihren Herrschaftsbereich schmälern lassen wollen. Dir haben sogar Verständnis dafür, dah die Engländer und Amerikaner den Franzosen auf unsere Kosten Zugeständnisse machten, weil lie ihre Forderung auf Erlaß der Krie gs- Ichulden nicht erfüllen wollen. Das deutsche Doll hätte deshalb letzten Endes auch den durchaus nicht erfreulichen und an sich durch keinen Rechtstitel begründeten Abmachungen über die | Amnestierung der separatistischen Verbrecher, die Verlängerung der Sachlieferungen über 1930 und ähnliche Dinge schweren Herzens zugestimmt. Aber es dürfte keinen deutschen Volksvertreter, der im Desih seiner fünf Sinne ist und ein Mindestmaß Don Verantwortungsgefühl besitzt, geben, der einer herriotschen Geste und nichtssagenden Versprechungen französischer Würdenträger oder dem Macdonaldschen Ehrgeiz zuliebe einem neuen Ver- sklavungsdittat zustimmt. Wir Deutschen haben feinen Sinn für eine Staatskunst, die sich in Gesten erschöpft, und wer wie der Schreiber dieser Sätze Dom ersten Tage der Besetzung der Rheinlande an beobachten konnte, wie leicht und mit welcher täuschenden Selbstverständlichkeit maßgebende amtliche Franzosen mündliche Versprechungen machen und Behauptungen aufstellen, ohne je daran zu denken, sie einzulösen oder etwas anderes als das Gegenteil zu tun, wird die ernste Gage and das unzerstörbare Mißtrauen begreifen, das wir der Entwicklung der Lage tu London und den französischen Wechseln auf die Zukunft entgegen brachten und entgegen bringen. Senn diese französischen Versprechungen und »Wechsel auf die Zukunft sind nur schöne aber toertlvse Gesten, durch die uns Sand in die Augen gestreut und die Welt ohne Unkosten von dem guten Willen der Pariser überzeugt we den soll. Niemand unterschreibt so ungern einen klaren eindeutigen Vertrag wie der Franzose, kein Angehöriger einer anderen Ration versteht es so meisterhaft, mit ehrlichst klingenden Beteuerungen den
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Deutsche Gegenvorschläge und Forderungen und Versprechungen. — Neue Hoffnung auf Einigung
Condvn, 15. Aug. (WB.) lieber die Verhandlungen zwischen der deutschen und der französischen Delegation über die militärische Räumung der Ruhr, bjie heute abend wieder begonnen wurden, ist das folgende Eom- munique vereinbart worden:
Zwischen den Vertretern der deutschen und der französischen Regierung hat heute eine Unterredung stattgefunden, die ein p o sitibe s Ergebnis erwarten läßt. Die Fortsetzung
Verhandlungen erfolgt morgen vormittag.
war der Umstand, daß Deutschland nicht die Derantworrtung für ein Scheitern der Gon- doner Konferenz auf sich laden will.
Die Antwort auf die Rückfrage der deutschen Delegation ist am Freitag mittag auf telegraphischem Wege von Berlin abgegangen. Auf Grund dieser Antwort hat Reichskanzler Dr. Marx sofort die Verhandlungen mit den Londoner Konferenzmächten wieder ausgenommen. Ein endgültiger Abschluß ist bis zur Stunde noch nicht erzielt, aber man hat in Berlin den Eindruck, daß nunmehr die Gondoner Verhandlungen zu Ende geführt werden können.
Die angeblichen deutschen Vorbehalte.
Paris, 16. Aug. (WTB.) Aach dem Londoner Berichterstatter des „Petit Pari- sien" sollen die deutschen Delegierten gestern abend den französischen Räumungsplan mit folgenden Vorbehalten angenommen haben:
1. daß von der Rheinland-Kommission in Zukunft die ihr durch den Frie- densvertrag verliehenen .Vollmachten nicht ausgeübt werden,
2. daß die Häfen und Eisenbahnknotenpunkte boll Mannheim, Karlsruhe, 'Offenburg, Wesel und Emmerich sofort geräumt werden,
3. dah zwischen den beteiligten Regierungen ein Schriftwechsel statt find et, bei dem Frankreich und Belgien in einem besonderen Dokument ij)re Formel für die Räumung des Ruhrgebiets fixieren und dabei die Deutschen ihre Zustimmung geben. Doch soll diese Zustimmung keinerlei Zugeständnis hinsichtlich der Rechtmäßigkeit der Ruhrbesetzung von deutscher Seite einschließen.
Ein zuversichtlicher amtlicher Bericht.
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schriftlichen Abmachungen bestehen. Selbst bann sind ja heute, wo die Staatskunst eine mehr oder weniger heuchlerische schöne Geste ist, derartige Wechsel auf die Zukunft bei dem raschen Wandel der Gesinnungen und Regierungen und infolge des Tiefstandes der staatspolitischen Moral yochst problematische Werte. So ^h alle ehrlichen und vernünftigen Ceute in der Welt mit ugs Deutschen übereinstimmten, daß unsere Wünsche und Forderungen vergebliche Liebesmüh' und nutzlos vergeudete Zeit und Arbeitskraft darstellen, wenn ihre Erfüllung mcht in der Gegenwart erfolgt. Was uns die Frcm-
Schwierigkeiten glätten würde? Herrivt fei kurz und energisch gewesen: Es sei niemandes Sache, chm zum Edelmut zku raten, wenn er eine solche Geste zu machen habe, so werde er dies zu der ihm passenden Stunde tun, ohne daß ihn jemand dazu anzuregen brauche.
Sofortige Räumung von Dortmund und Ruhrort?
Paris, 16. Aug. Der Londoner Sonderberichterstatter des „Matin“ meldet, nach den letzten Rachrichten der vergangenen Dacht sei es sehr wahrscheinlich, das heute eine Verständigung erzielt werde, und zwar auf der Grundlage der sofortigen Räumung der Zone von Dortmund und von Konzessionen bezüglich der Räumung von Ruhrort. Wenn das Protokoll über die Räumung heute unterzeichnet werde, hätte die Konferenz nur noch wenige Fragen von untergeordneter Bedeutung, allerdings mit Ausnahme von zweien, zu erledigen, nämlich die Frage der Eachlieferun- g e n und die der deutschen Vorbehalte hinsichtlich der Abänderung des Anhangs 2, Abschnitt 8 des Friedens- Vertrages. Auf diese Weise konnten am Montag die Arbeiten abgeschlossen werden, vorausgesetzt, daß Macdonald bereit sei, auf seine für heute geplante Reise nach Schottland zu verzichten.
Dasselbe Blatt meldet, daß General Rollet gestern abend eine lange Unterredung mit dem Generalstabschef des Generals Degoutte hatte, in der die deutschen Forderungen geprüft worden seien. Möglicherweise würde nicht nur die Zone von Dortmund, sondern auch der Hasen von Ruhrort schon bei der Unterzeichnung deS Londoner Protokolls geräumt werden. Herriot habe dem Präsidenten Dou- m e r g u e einen langen Bericht gesandt, in dem er erkennen läßt, daß er nachwievorzuder- sichtlich sei. e
Auch nach dem 1 Londoner Sonderberichterstatter des „Qnottdien- soll die französische Regierung die Absicht haben, sobald Herriotbom Parlament ermächtigt sei, die Londoner Abmachungen insgesamt endgültig zu unterschreiben, die Räumung der Zone von Dortmund anzuordnen.
Besuche und Besprechungen.
London, 15. Aug. (WB.) Reichskanzler Marx und Dr. Stresemann haben heute mittag der italienischen Delegation einen Höflichkeitsbesuch abgestattet. Während des Rachmittags haben de Otefani und andere italienische Delegierte den Besuch erwidert.
London, 15. Aug. Der amtliche englische Funkdienst meldet, dah Reichskanzler Dr. Marx und Reichsminister Dr. Stresemann, als sie heute in der Downingstreet vorsprachen, dem britischen Premierminister ein Schriftstück mit der deutschen Antwort auf die französisch-belgischen Vorschläge hinsichtlich der Frage der Räumung des Rubr- gebiets übergeben haben, lieber den Inhalt des Schreibens ist nichts bekannt. verlautet, daß die Antwort von beträchtlicher Länge ist.
Wie Havas berichtet, hat der Unterredung der deutschen Minister mit Macdonald auch der amerikanische Botschafter Kellog beigewohnt. Einige Zeit später suchte der Reichskanzler den französischen Mtnisterprasi- deuten im Hydepark-Hotel auf.
Die „Geste" Herriots.
Paris, 15. Aug. Wie verschiedene Mvrqen- blätter melden, hat Herriot gestern abend persönlich vor französischen Pressevertretern erklärt, daß falls Deutschland durch vorbehaltlose Annahme des französischen RäumungsPlans einen Beweis seines guten Willens geben sollte, Frankreich nicht zögern werde, eine Geste zu machen, die dazu bestimmt sei, der deut-- scheu Regierung ihre Aufgaben zu erleichtern.
Eine Rede Eoolidge'.
Washington, 15. Aug. Funkspruch. 3n der Ansprache, in der Eoolidge die Domination zum Präsidentschaftskandidaten anuahm, erklärte er unter Hinweis auf die Teilnahme Kella g g s und Logans an der Londoner Konferenz, dah Amerika während des ganzen Ganges der Ereignisse überall helfend eingegriffen habe. Falls de europäischen Mächte den Dawesplan aunähmen, würden die amerikanischen Bürger dem deutschen Reiche eine Privatau- leihe gewähren. Die interessierten Regierungen sollten deshalb nicht zögern, für die Sicherung der Anleihe die nötigen Konzessionen zu machen, beim eine solche Maßnahme würde durch die Stabilisierung 6uyd° pas auch die Wirtschaftslage der Vereinigten Staaten bessern. Wenn der Repavativnsplan in Kraft gesetzt sei, so fei die Zeit gekommen, um den Großmächten eine neue Konferenz z« weitereuDeschränkungenderRuftu n* gen und zur Ausarbeitung von Plänen für biß I ^cLiftzieruug des Völkerrechts torzuschlagey. V
Ein Zwischenfall bei der Alliierten-Konferenz. ‘
Paris, 15. Aug. Wie der Sonderberichterstatter des „Temps" aus London meldet, sind die alliierten Minister heute vormittag um 10.30 Uhr zusammengekommen, ohne daß bisher eine Einigung erfolgt fei. Rnchdem der f ranzös ische Ministerpräsident die näheren Einzelheiten über hie beabsich igte Ruhrräumung auseinandergefetzt hatte, habe ein Mitglied des englischen Kabinetts Herriot eine Art Kompensation vorgeschlagen, wenn Frankreich einwillige, eine neue Herabsetzung der für das Ruhrgebiet voroe'ehenen Frist ins Auge zu fassen. Herriot habe entgegnet, er könne sch zu solchen Dingen nicht verstehen. „Ich sage nur ein Wort, hätte er erklärt, „ich habe meine Politik loyal auseinandergesetzt und kann mich auf fein Feilschen einlassen. Wenn Frankreich in der Folge eine Geste des Edelmu'tes machen will, so wird diese Geste von ihm allein ausgehen."
Dach der „Liberte" hat sich der Zwischenfall in der Weise abgespielt, daß Macdonald Herriot selber gefragt habe, ob er nicht feinen Entschluß wegen der einjährigen Räumungsfrist einer Abänderung unterziehen Ginnte. Er habe diese Ditte dadurch unterstützt, daß er darauf hingewiesen habe, daß die deutschen Delegierten durch, Verpflichtungen gegenüber der (Berliner Regierung gebunden seien und daß auf der andern Seite ein Abbruch der Konferenz für die ganze Welt unheilvolle Folgen haben werde. Da man sich über den Grundsatz der Räumung einig sei, warum sollte man nicht eine ebelmütige Geste machen, die alle
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Der Vizekanzler Dr. Jarres hat gestern nach langen Beratungen der in Berlin zurückgebliebenen Minister mit dem Reichspräsidenten die Parteiführer empfangen und sie über die Gage in London und die Stellungnahme des Kabinetts unterrichtet. Gleichzeitig wurden der deutschen Delegation neue Richtlinien übermittelt, über deren angeblichen Inhalt die unten» stehende Pariser Meldung unterrichtet. Sie ist im „Petit Parisien" enthalten und kann deshalb nur unter Vorbehalt weitergegeben werden. Wichtiger und zuverlässiger erscheint uns die Dachricht, die gleichzeitig vom „Mattn" und dem Herriot nahestehenden „Quotidien" gebracht wird und nach der Herriot versprochen haben soll, die nördliche Zone des Ruhrgebiets, den Bezirk Dortmund und das Sanktionsgebiet von Ruhrort sofort nach Annahme der einjährigen Gefamttäumungsfrist freigeben zu wollen. Dieses sichtbar unter englischem Druck erfolgte Zugeständnis bei gleichzeitiger deutscher Verwahrung gegen die Rechtmäßigkeit der Ruhrbesehung überhaupt, wäre immerhin in Verbindung mit den bisher erreichten Abmachungen und der von Macdonald vorgestern erneut abgegebenen Versicherung, dah England die Kölner Zone räumen wird, ein Ergebnis, das den heutigen entscheidenden Besprechungen mit der Hoffnung auf einen annehmbaren Ausgang entgegensetzen läßt. Dies muß bei allem Mißtrauen
in die Polittk des Gestenmachers Herriot und trotz der Größe des dem französischen „Prestige" von uns wieder zu bringenden Opfers in Anbetracht der auf dem Spiele stehenden deutschen Zukunft ton allen Besonnenen betont werden. Denn alle Unterstützung der französischen Forderungen durch die Engländer und Amerikaner, denen an einer Unterzeichnung des Londoner Protokolls mindestens ebensoviel wie uns und Frankreich gelegen ist, hat nicht verhindern können, daß der Sturm der Entrüstung über den Umfall der Alliierten und die Winkelzüge der Franzosen, der in Deutschland ausbrach, manche der Herriotschen Kartenhäuser umgeworfen hat. So daß heute zu hoffen ist, dah zwar auf denn Papier die einjährige Räumungsfrist bestehen bleibt, daß aber weitgehende Konzessionen an die deutschen Forderungen, die — wie wir im heutigen Leitartikel fordern — schriftlich fixiert und von den Alliierten garantiert sind, das Gesamtbild der Abmachungen doch zu unseren Gunsten verschieben. Jedenfalls gehört die von Frankreich angeftrebte Verquickung der Ru hrr äum u ngs frage mit Wirts cha ft lichen Zugeständnissen schon heute der Vergangenheit an. Ferner soll die Räumungsfrist nicht — wie vorgesehen — vom Oktober, sondern vom Tage der | Unterzeichnung des Londoner Protokolls an lau» I fen. Auch auf die Beibehaltung der 4000 Eisenbahner haben Frankreich und Belgien verzichten müssen. So daß nur zu wünschen ist, daß die neuen Richtlinien der deutschen Delegation die Möglichkeit geben, ihre wetteren berechtigten Forderungen energisch durchsetzen zu können. Heber ihre Art wird in London Stillschweigen beobachtet. Doch geben die letzten Meldungen über die neuen französischen Zugeständnisse in Verbindung mit der Dachricht über den gestrigen englisch-ftanzö- sischen Zwischenfall und den Auslassungen Londoner und Pariser Blätter die Gewihhett, daß wir nicht einer „edelmütigen Geste" Herriots, sondern konkreteren Abmachungen den Beginn der Freiheit des deutschen Westens verdanken werden.
(Ein deutscher Gegenvorschlag.
(EigeÄr Jnformatkonsdienst.)
Berlin, 16. Aug. Die entscheidenden Mr» nister- und Parteiführer-Besprechungen in Berlrn sind zu dem Ergebnis gelangt, dah ein Abbruch der Londoner Verhandlungen unter alten Umständen, vermieden werden soll. Die deutsche (Delegation ist durch den Ministerrat ermächtigt worden, einen Gegenv orscylag einzureichen, der die deutschen Mindestforderungen enthalt, un übrigen aber neue Verhandlungen auf der Basis des französischen Rau- mungsplanes zuläht. Durch diesen De- schluh ist die Londoner Konferenz vorläufig q e r e 11 e t. Bei der Besprechung mit den Parteiführern zeigte sich jedoch, dah die Auffassung nicht einheitlich ist und dah jetzt alles davon abhängt, ob die enttcheidenden Verhandlungen eine für Deutschland erträgliche Losung ergeben. Maßgebend für die entgegenkommenden Beschlüsse des Berliner Ministerrats
General-Anzeiger für Oberhessen
druck und Verlag: Vrühl'sche UniversiMr-Vuch- und Zleindruckerei R. Lange in Gießen. Zchristleitung und Geschäftsstelle: Zchukstratze 7.
vertrauensseligen Gegner einzuseifen und später bei der Erinnerung an mündliche Versprechungen zu sagen: „Ditte, wo habe ich das unterschrieben?"
Wir sollten nicht nur seit 1648 gegen die Gefahren französischer „Staatsverträge" alias französischer Täuschungsmanöver gewappnet sein, sondern wir sollten seit 1918 auch wissen, dah Fvanzösische Versicherungen, Versprechungen und ^Beteuerungen vollkommen wer tlos sind, denn sie nicht in klaren, eindeutigen und in Gegen-
Die Geste als Staatskunst |
• Wan mag die Ursachen und Gründe der ifoeibeutigen französischen „ Friedens"-Politik zegen Deutschland suchen und sehen, wo man will, eines dürfte gewih sein: dah eine blamablere | Bü>6ftellung ihrer eigenen Handlungen vor dem i Forum der Welt und eine sinnfälligere Demas» ! Ilerung ihrer bisher stets bestrittenen Absichten 1 den französischen Staatsmännern vor London noch nicht gelungen ist. Herrn Herriot, der den Shrgeiz hatte, als Apostel der Verständigung die .Aera des Gewaltpolitikers Poincare abzulösen, Hieb es Vorbehalten, die letzten Schleier von dem -Gilde hinwegzuziehen, das als „Apotheose des Friedens" der Welt geschildert wurde und das sch wieder als eine brutale Darstellung des «Wacht- und Siegerwahns entpuppte. Ein merftoür» llger Dolksführer ist dieser demokratische Dürger- meifter von Lyon. Die schöne Geste ersetzt ihm die Etaatskunst, die Phrase vom guten Willen die Lat, der Kuhhandel das Recht. Als er die Herrschaft der „neuen" Zeit antrat, eröffnete er sie tut der Geste der teilweisen Zurücknahme der Ausweisungsbefehle. Wie sehr diese bedingte Aufhebung einer unerhört barbarischen Maßnahme tatsächlich in der Praxis nur eine schöne Geste war iinö bis heute geblieben ist, geht u. a. aus dem an anderer Stelle unseres Blattes abgedruckten Aufsatz „Die Fremdherrschaft am Rhein" hervor, lind nun erschöpft sich die Staatskunst Herriots, der auf dem Wege von Ehequers über Brüssel und Paris nach London verschiedene Erfahrungen bezüglich der Behandlung von Staatsmännern gesammelt hat, wieder in einer Geste. Und der Sozialist Macdonald wie der Vertreter des demo- krattschen Amerika folgen dem Friedensboten im Hanzertank unb/erHären den ob dieser „ehrlichen Lind fairen“ Überrumpelung höchst erstaunten Joches, dah der Herriotsche Kriegsgesang „Und toillft du nicht mein Bruder fein, so schlag ich dir den Schädel ein“ beileibe kein Ultimatum, sondern das preisgekrönte Lied der modernen Ver- siändigungspoli tiker ist. „3n voller Freiheit“ soll der deutsche Michel seine Unterschrift unter den Lmdoner Friedensvertrag fetzen — aber die Biedermänner stehen dabei und raunen ihm ins Ohr .Unterschreib oder stirb I"
Diese Krittk mag scharf und grob genannt herben. Aber wenn dke Staatskunst nach feier» lichsten Reben und Versprechungen im entscheidenden Augenblick nur noch den Charakter einer Geste hat, mit der den auf dieEhr 1 ichkeitder anderen bauenden Deutschen zum xten Male bedeutet toirb, daß Recht und Gerechttgkeit, Frieden und Freiheit, Beteuerungen und Versicherungen bas Gegenteil ber Begriffe besagen, fobalb das Interesse der Alliierten es erfordert, müssen vir die Katze aus dem Sack lassen und das Kind


