Freitag, 14. Marz 1924
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Erstes Blatt m. Fayrgang
SietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Der Hitlerprozeh.
München. 13. März. (WTB.) 3n der Dor- mittagssitzung wird in der Vernehmung Kahrs fortgefahren. Rechtsanwalt Gade- mann richtet wieder eine lange Reihe von Fragen an den Zeugen, die Kahr im Sinne seiner« früher gemachten Aussagen beantwortet. Für ihn habe es sich bei der Sitzung am 6. Rovember um nichts anderes gehandelt, als eben gegen die gerüchtweise bekannt gewordenen Dläne eines Vorstoßes einzelner nationaler Verbände gegen Thüringen und Sachsen Stellung zu nehmen und den Anwesenden anzudeuten, dah im übrigen die nationale Sache im Gange sei. Er halte es für ausgeschlossen, das) General v. Lossow von einem Mar-sch nach Berlin gesprochen habe. Zeuge habe lediglich erklärt, daß er als Inhaber der vollziehenden Gewalt den Befehl gebe, ob Mitglieder der vaterländischen Verbände dazu bestimmt tver- den, bei der Verwendung der Reichswehr in Thüringen und Sachsen eine gewisse Verstärkung zu bilden. Auf die Frage des Angeklagten K r i e b e l, ob Zeuge von dem Plane Ehrhardts über einen 27larsch nach Berlin Kenntnis hatte, er- widerteKahr, er ^ibe von derartigen Vorbereitungen Ehrhardts gewußt. Das fei dann aber abge- schnitten worden. Don Vorbereitunge i des Buntes „Bayern und Reich" sei ihm nichts bekannt. Weiter betonte der Zeuge, daß er immer dagegen Stellung g'Mommen habe, wenn von einem Marsch nach Berlin gesprochen worden sei. Zur Frage des Direktoriums bekundet der Zeuge, daß dieses nur eine vorübergehende Erscheinung sein sollte. — Hitler hält dem Zeugen entgegen. warum er am 6. Rovember nicht aufs Schärfste sich gegen diesen Marsch gewandt habe. — von Kahr:
Ich lehne eS auf das entschiedenste ab, daß, wir einen Staatsstreich in dem hier ausneführ- ten Sinne machen konnten und wollten.
Der Vorsitzende erklärt wiederholt, daß dieser Fragekomplex vollkommen geklärt sei und dah er keine Frage nach dieser Richtung mehr zulasse.
Als aus eine Anfrage des Rechtsanwalts Kohl von Kahr bemerkt, dah er darauf schon dutzende Male geantwortet hab? und eine neuerliche Beantwortung ablehne, erklärt R.-A Kohl, er lasse sich eine solche Art der Zeugenaussage nicht gefallen. — Der Vorsitzende bittet, bestimmte Fragen zu Hellen. — Als Kohl weitere Fragen an von Kahr richtet, die auf die Bildung des Direktoriums Bezug nehmen, schneidet der Vorsitzende die weitem Fragestellung in dieser Richtung ab, da hierüber schon Aussagen gemacht worden seien.
Justizrat Dauer fragt v. Kahr, ob er sich an den Vorfall in der Rach,t auf den 9. Rovember erinnern könne, wonach Kahr einem Konsularvertreter eines außer-deutschen Staates den Rat gegeben habe, von einer bayerischen Station aus seiner Regierung von der Ausrufung der nationalen Diktatur Mitteilung zu geben. Kahr will sich an diesen Vorfall nicht mehr erinnern können. Von einer Beglückwünschung zu der neuen Regierung in jener Rächt wisse er nichts. Wenn der italienische Vertreter irgendeine solche Bemerkung an ihn gerichtet habe, so habe er ihr keine Bedeutung bcigeinessen. Auf die Frage, wer das Wort „Komödie" gesprochen habe, erwidert Kahr, seines Wissens fei es Lossow gewesen
Zur Handedruckszene
bemerkte Kahr, er habe seine Hand auf die von Hitler -gelegt. Hitler behauptet das Gegenteil mit dem Bemerken: Bin ich jetzt ein Lügner oder keiner? Worauf Kahr erwiderte, er könne sich absolut nicht erinnern. Die Herren Kahr, Lossow und Seiher seien sich alle klar darüber gewesen, dah man sie nur hereingenommen habe, weil man ihreRamen brauchte. Asi Befragen Hitlers, ob er dem Zeugen jemals ein Ehrenwort gegeben habe, erklärt Kahr, ihm persönlich nicht, aber den Herren Lossow und Seiher habe Hitler erklärt, die Reutralität zu wahren. Hitler stellt erregt fest, er habe Seiher gegenüber am 1. Rovember erklärt: Wenn Sie aus Berlin zurückkchren und mir nicht endgültig Mitteilungen machen, was geschieht, dann fühle ich mich aller Terpslichtungen und Loyalitätskand- gebungen ledig. Hitler stellt fest, dah vom Ehrenwort im kleinen Saal keine Silbe gefallen sei. Rechtsanwalt Holl stellt die Frage, ob der Zeuge auch dann noch Hitler den Vorwurf eines Ehrenwortbruchs machen würde, wenn Dr. Weber .aufstehen und auf sein Ehrenwort erklären würde, dah die damaligen Worte Hitlers zu Seißc^ damals anders gelautet haben. Kahr: Ich habe hier keine Ehrenerklärungen abzugeben, sondern Aussagen über Tatsachen als Zeuge zu machen. Rechtsanwalt Roder wirft weiter die Frage auf, ob dem Zeugen bekannt sei, dah der' Staatsgerichtshof in Leipzig am 15. März v. I. bereits die Rattonalsozialistische Arbeiterpartei verboten habe, .und dah auch die anderen Bundesstaaten diese Partei verboten haben. Es sei von großer Bedeutung, ob Kahr solch/: Organisationen, die sich auf eine Verfassungsänderung eingestellt hätten, geduldet habe oder nicht. Kahr erklärt, wenn andere Bundesstaaten ein solches Verbot erlassen hätten, so habe das mit seinem Auftrag als Genevalstaatskom» Missar nichts zu tun gehabt.
Der Parchimer Mordyrozetz.
Leipzig, 13. März. (Wolff.) Am zweiten Lage des Parchimer Mordprozesses wird in die Zeugenvernehmung eingetroten. DcrZeuge Kaufmann M a s o l l e wurde anschließend an die Versammlung von Graefes Mitglied der Deutsch- Völkischen Freiheitsparter; der Arbeitsgemein-
Die Auflösung des Reichstags.
Die letzte Reichstagssitzung. — Eine Kanzlerrede. — Der Erlaß des Reichspräsidenten.
Berlin, 13. März. (Priv.-Tel.) Auf der Tagesordnung steht die zweite und dritte Beratung der Vorlage über die Golddiskontbank.
Abg. H e l f f e r i ch (Dntl.) beantragt, die in dem Gesetz der Bank gegebene Befugnis zur Ausgabe von Roten zu streichen und die Satzungen der Bank von der Genehmigung des Reichstages abhängig zu machen. Der Redner ersucht um Aufklärung, ob tatsächlich die kleine Golddiskont- bank die Einleitung sei zu der großen internationalen Goldnotenbank, die Deutschland unter internationale Vorherrschaft bringen würde.
Abg. Schlack (Zentr.): Die Ausführungen des Abg. Dr. Helfferich sind vom Ausschuß gewogen und für zu leicht befunden worden. Die deutsche Diskontbank bringt Deutschland ausländischen Kredit, der auf andere Weise kaum zu erlangen wäre.
Hieraus werden die Anträge Helfserick^ gegen die Deutschnationalen abgelehnt und die Vorlage gegen die Stimmen der Deutschnationalen und Kommunisten endgültig angenommen, ebenso der dazu gehörige Abänderungsantrag des Bankgesehes.
Das Reichspostfinanzgesetz und der R o t e t a t werden ebenfalls angenommen.
Der Antrag der Sozialdemokraten, des Zentrums, der Demokraten, der Deutschen und der Bayrischen Volkspartei zur Ergänzung des Gesetzes über die Entschädigung der Reichstagsmitglieder, wonach die Abgeordneten bis zur Reuwahl die Freifahrtkarten behalten, der Präsident und sein Stellvertreter, die Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses und des Tleberwachungsausschusses die Diäten weiter beziehen, wird gegen die Deutschnationalen angenommen.
Abg. Merk (Bahr. Dolksp.) begründet hierauf einen Antrag, die Reuwahlen auf Sonnabend, den 12. April zu verlegen, diesen Tag zum öffentlichen Feiertag zu erklären und die Arbeitgeber zur Fortzahlung des Lohnes an diesem Tage zu verpflichleir.
Reichswehrmrnister Dr. Gehler und Innen- mimster Dr. Jarres wenden sich gegen den Antrag. Er würde der Wirtschaft 40 bis 50 Goldmillronen für den Lohnersah entziehen und auch wegen der Verhältnisse tm besetzten Gebiete nicht zweckmäßig sein. Der Antrag wird hierauf abgelehnt. Der Antrag der bürgerlichen Parteien auf Einschränkung der Wahlversammln ng en während der Osterzeit wird gegen die Sozialdemokraten und Kommunisten angenommen. Ein Antrag der Deutschnationalen, bei der Festsetzung des Wahltages auch aus die christlichen Festtage gebührend Rücksicht zu nehmen, wird einstimmig angenommen.
Als der Präsident nunmehr die Beratung der zu den Regierungsverordnungen gestellten Anträge aufruft, nimmt
Reichskanzler Dr. Marx
das Wort: In meiner Rede vom 26. Februar habe ich über die Absichten und.. Ziele der Regierung; durchaus klare Angaben gemacht. Ich habe darauf hingewiesen, daß es sich bei der ungemein schwierigen Lage in Staat und Wirtschaft für die Regierung und die Volksvertretung zur Zeit nur ■ darum handttn könne, das Leben der Ration zu retten. Dvu ist uns das Ermächtigungsgesetz gegeben worden, und im Dienste dieses hohen Zieles hat die Reichsregierung die ihr erteilten Vollmachten ausgeübt. Sie ist nach wie vor der ttleberzeugung, daß die auf Grund des Ermächtiguigsgesetzes erlassenen Derordnun- geir ein einheitliches Ganze darstellen, aus dem ohne Gefährdung des bei der Erteilung der Ermächtigung gesetzten dreifachen Zieles, der Erhaltung der Währung durch Vermeidung einer neuen Inflation, der Ingangsetzung der Wirtschaft und der Ausgleichung des Rttchshaushaltes, kein wichtiger Teil herqusgebrochen werden kann. Bei den Wochentangen Erörterungen in diesem Hause wurde im einzelnen dargelegt, dah eine ganze Reihe dieser Verordnungen, besonders die Arbeitszeitverordnung, nur- in der gcgenwärttgen besoirderen Lage begründet erscheint und nur eine Rotgesetzgebung darstellt, die unbedingt einer anderen, ordentlichen Gesetzgebung Platz machen muh. Das soll auch geschehen, sobald sich die finanzielle und wirtschaftliche Lage Deutschlands gefestigt hat. Bis dahin darf aber das Werk der Gesundung nicht gefährdet werden. Dessen ungeachtet sind seitens verschiedener Parteien zahlreiche Anträge auf Aufhebung oder Abänderung von Verordnungen gestellt worden. Das erachtet die Reichsregierung zur
Zeit als unerträglich und geeignet, die mühselig zustandegekommenL Festigung unserer inneren Verhältnisse erneut zu erschüttern.
Der ungehinderte und rechtzeitige Erngang der Steuern ist nicht gewährlttftet, wenn eine Abänderung der Steuerverordnungen, auf denen die Kraft des Staates gerade jetzt beruht, auch nur in den Bereich der, Möglichkeit gezogen wird. Die Regierung muß 'deshalb verlangen, dah jcöe Einzelberatung über die Anträge im Plenum unbedingt vermieden wird. Die Parteien der Opposition verlangen aber ausdrückliche, alle von ihnen gestellten Anträge sofort zur Entscheidung zu bringen.
Angesichts dieser Sachlage kann die Regierung eine weitere Verhandlung der nach ihrer Auffassung für das Volk lebenswichtigen Fragen hier nicht mehr zulassen. Sie hält sich hrer nur für verpflichtet, die Entscheidung des Volkes selbst anzurufen. Das deutsche Volk muß sich jetzt entschließen, ob es den Weg ernster Pflichterfüllung weiter gehen will zu dem Ziele, unsere bedrückten Brüder an Rhein, Ruhr undSaav mit uns zu vereinigen und Deutschland wieder frei zu machen, oder ob es sich an haltlosen Versprechungen und billigen Schlagworten berauschen und sich a n Zwietracht zerreiben und in Haß verzehren will. Damit in dieser Lage Has Volk entscheiden kann, hat die Reichsregierung beim Herrn Reichspräsidenten den Antrag auf Auflösung gestellt. Diesem Antrag hat der Herr Reichspräsident durchs folgende Verordnung entsprochen, die ich die Ehre habe, dem hohen Hause zu verlesen:
„Nachdem die Reichsregierung festgesteilt hat, daß ihr Verlangen, die auf Grrmd der Ermächtigungsgesetze vom 13. Oktober und 8. September 1923 (Reichsgesetzblatt I, Seite 943 und 1179) ergangenen und von ihr als lebenswichtig bezeichneten Verordnungen zur Zeit unverändert fortbestehen zu lassen, nicht die Zustimmung der Mehrheit des Reichstages findet, löse ich auf Grund des Paragraphen 25 der ReichSverfassung den Reichstag auf."
Berlin, den 13. März 1924.
(gez.) Ebert, Reichspräsident, (gez.) Dr. Marx, Reichskanzler.
Die kurze Rede des Reichskanzlers wurde wiederholt von den Kommunisten und von dem Abgeordneten Oedebour mit lauten Zurufen unterbrochen, ?. D: „Das will ein parlamentarischer Kanzstw sein" oder: „Das ist eine Anmaßung". Di: Vorlesung der Auflösungsverordnung wurde von der Rechten mit Beifall ausgenommen, von den Kommunisten wird gerufen: „Ihr Frrtze von Gottes Gnaden!"
Prästdcnt Loebe: Rach dieser Mitteilung rst unsere Aufgabe abgeschlossen.
Abg. Fehrenbach würdigt hierauf in Worten der Anerkennung,. der Verehrung und des Dankrs die objektive Amtsführung des Präsidenten. Dieser Dank wird auf allen Seiten des Hauses mit lebhastem Beifall ausgenommen. — Präsident Loebe dehnt in feiner Antwort seinen Dank aus die Mitglieder des Präsid.ums aus und und auf die Beamten des Reichstages. Er wirst noch einen kurzen Rückblick auf die Arbeiten des Reichstags und spricht d.n Wunsch aus, daß das d'utsche Volk bei Sen Wahlen ungehindert durch äußere oder innere Gewalt frei seinenWün- schen Ausdruck geben könne. Mit einem Hoch auf das deutsche Volk und die deutsche Re- pub.il, in das vom Hause und den Tribünen ein- gestimmt wurde, schloß der Präsident die Sitzung um 3Vi Ähr.
Die Gründe zur Auslösung
Berlin, 13. März. (WTB.) Rach Beendigung der letzten Reichstagssitzung äußerte sich der Reichskanzler vor den deutschen und ausländischen Journalisten ausführlich über die Gründe der Reichsregierung zur Auflösung des Reichstages. Die Regierung könne es nicht ertragen, daß das mühsam zustandegekommene Werk der Gesundung, das durch.die Rotverordnungen dargestellt werde, gefährdet und erschüttert werde. Das deutsche Volk werde jetzt entscheiden, ob es die Politik der Regierung billige oder nicht. Der Entschluß sei der Regierung schwer geworden. Sie sei sich vollkommen klar darüber, daß in pen kommenden Wochen und Monaten gerade im Hi.nblickauf dieauswärtigePoli- l i k ein arbeitsfähiger Reichstag
sehr nötig sein werde. Gr denke dabei in erster Linie an das Gutachten des Sachverständigenausschusses, mit bessern De- - kanntwerden in nächster Zeit zu rechnen sei. Es wäre töricht, zu leugnen, daß sich bei manchen deutschen Sachkennern die Hoffnungen der ersten Zeit allmählich in Befürchtungen zu verwandeln drohten.
Er wolle hoffen, daß das mühevolle Werk der WLhrungsfestigung und Wirtschaftsordnung, das das deutsche Volk mit so großen Opfern in den letzten Monaten vollbracht habe, nicht dahin mißverstanden werde, den kaum auf- gerichteten Körper mit untragbaren Lasten aufs Reue niederbrechen zu lassen.
Die Auflösung des Reichstages sei bei der all- gemcin vorherrschenden Einsicht in die ölnmöglich k c i t weiterer Zusammenarbeit auch ohne den im Parlament sonst fast sprichwörtlich gewordenen Konflikt vor sich gegangen. Habe der Reichstag doch schon selbst vor Monaten, als nach langwierigen und wschselreichen Ver- handlungen endlich oas jetzige Kabinett zustande- g.kommen sei, durch die Erteilung des Ermächtigungsgesetzes zum Ausdruck gebracht, dah er in seiner jetzig.n Zusammensetzung zu schwierigen gesetzgeberischen Arbeiten nicht m e h r i m st a n d e fei. In häufigen Despvechun- gen mit den Parteien habe die Regierung versucht, ihren Standpunkt zur Geltung zu bringen, ohne indessen bei Den Oppositionsparteien Entgegenkommen zu finden. Sie habe alle vorgebrachten Wünsche und Forderungen nach jeder Richtung hin erwogen und, soweit es tragbar und möglich sei, Verbesserungen der Verordnungen in Aussicht gestellt, sobald die wirtschaflliche Lage gesicherter sei. Die Regierung habe niemals daran gezweifelt, daß die Beratung der zahlreichen, h-ute zusammen auf die Tagesordnung gebrachten Anträge unmöglich durchgeführt werden konnte, werm anders nicht außerordentlich gefährliche Erschütterungen der deutschen Finanzen eintreten sollten.
Schon von einer solchen Aussprache im Plenum des Reichstages, die naturgemäß auf eine abschließende Abstimmung und Beschluß- fasfung im Reichstage hinzwinge, habe die Reichsregierung eine Gefährdung des zum Glück bisher seit Mitte Rovember festgehal- tenen ruhigen Standes der deutschen Währung befürchtet.
Trotz aller Warnungen hätten dir Parteien sich nicht dazu verstanden, auf eilte Besprechung und Durchberatung ihrer Anträge zur Zeit zu verzichten. Daß die auf äußerste Sparsamkeit bedachte, auf die Vermeidung einer neuen Inflation gerichtete Politik der Reichsregierung richtig gewesen sei, daß die den weitesten Bevölkerungsschichten auferlegten Opfer nicht vergebens gewesen seien, zeigten die allenthalben unverkennbar zutage tretenden starken An- sätze zu einer Gesun düng der deutsch e rr Wirtschaft. Selbst auf den noch vor toemgen Monaten noch erstorbenen Wirtschafts- gebieten rege sich neues Leben, das zeige namentlich der Rückgang derArbeitslofigkeit. Bei den Beratungen im Reichstag, namentlich auch am letzten Tage, fei wiederholt das Wort „Diktatur" gefallen und von Diktaturgelüsten des Kabinetts gesprochen worden. Richts liege ihm und feinen Kabinettskollegen ferner, als sich mit souveräner Geste Über irgendwelche Volks- rechte hinwegzusehen.
Ein Abweichen von der demokratischen Verfassung liege in der Auflösung nicht.
Wer alle geschäftsordnungsmäßigen Rechte des Parlaments in Zeiten besonderer Rot bis zur Erschöpfung gebrauchen wolle, handele nicht demokratisch, sondern Hetze den Gedanken der Demokratie zu Tode. Gelinge das dem Kabinett nicht, die Ordnung zu erhalten und zu festigen, so sei es ganz sicher, daß dann anberg Männer von weit weniger staatsbürgerlicher Denkungsart, aber mit weit robusteren Metho - d e n an die Reihe kämen, die denselben Versuch wie die jetzige Regierung machen müßten. Das müßte das deutsche Volk bedenken, wenn es sich Männer auswähle, denen es die künftige Führung der Reichsgeschäfte anvertrauen will. Dor Reichskanzler schloß mit einem Appell an die Presse, die jetzt die ganz besonders schwierige und wichtige Aufgabe dem deutschen Voll gegenüber zu erfüllen habe, ganz gleiche, welcher Partei- i-ichtung sie angehöre, dafür zu sorgen, daß bei Wahlkampf von allen Seiten so gefühn
schäft Roßbach gehörte er nicht an. Am 31. Mai kam Kadvw zu ihm und wollte 30 000 Mark haben, da er zum Sabotage-Kommando nach dem Ruhrgebiet kommandiert sei. Bormann machte ihm vorher von der älnterschlagung Ka- dvws Mitteilung und sagte, daß Kadvw das Geld abarbeiten müßte. Der Zeuge fuhr deshalb mit dem Rade nach Herzberg, wo Bormann sagte, die Kameraden wollten mit Kadvw nicht mehr zusammenaibeiten; eigentlich müßte Kadvw ja eine Tracht Prügel für feine Gemeinheit haben. Masolle sagte weiter, am Tage darauf sei Iurisch zu ihm gekommen und hatte zugegeben, daß Kadvw verhauen wurde, wobei er ein kleines Loch in den Kopf erhielt. Der Sachverständige Obermedizinalrat Dr. Wil
helm i - Schwerin bejaht an Hand des Seklions- bestmdes mit absoluter Sicherheit,
baß Kabow noch gelebt Hat, als er den HalSsHnltt erhielt,
da eine außerordentlich starke Blut tng eingetreten ist. Hierauf wird In die Beweiserhebung über Iurisch eingetreten. Es wird ein Brief seiner Mutter verlesen, in dem ihm zum Selbstmord geraten wird. Iurisch und Z e n s wurden nach der Tat durch Fricke und Thomson in Kirchdorfs aus der Insel Poli untergebracht. Hier wurde er nach feinen Angaben bei einer Kneiperei der Roßbachkameraden überfallen, wobei er Messerstiche in die Schläfe erhielt und ins Wasser geworfen wurde. Zeuge Kri- minalassistent Vahldieck wohnte der Llnterre-
Ibung Iurischs mit dem Redakteur Schiff vom Vorwärts bei. Iurisch teilte mit, daß in Parchim ein Feme-Mord begangen worden fei, und daß die gerne aus Rvßbachanhängern bestehe, die alle Verräter beseitige. Er selbst fürchte ebenfalls seine Verfolgung und wollte sich durch die Enthüllungen dagegen sichern. Iurisch habe den Eindruck eines zu Tode gehetzten Tieres gemacht. Er habe einen etwas griffig gestorben Eindruck gemacht. Der Sachverständige Medizrnalrat Dr. Schütz gibt fein Gutachten dahin ab, daß Iurisch voll zurechnungsfähig fei, wenn er auch nach feinen psychopathischen Anlagen vermin'ce 1 zu echnungs- sähig im Sinne des künftigen Strafgesetzes fei


