Aettag, 12. September (92$
Statt
V4- Jahrgang
Die Befreiung des Ruhrgebiets
Langsame Durch-
des Londoner Pakts
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Ärcife sein dürfte. Wenn Stresemann jm Reichs- Ausdruck gab. es sei wahr- letzte französische Svldal be= Abschluß eines Iah -
schon französischen 2lutzennnnister Dr. tage der Hoffnung scheinlich, daß der reits lange vor
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führung der Amnestie.
res das Ruhrgebiet verlassen habe, so lehrt uns der Vorgang, den wir jetzt im Ruhrgebiet beobachten müssen, daß diese Hoffnungen des Außenministers zu großen Optimismus ! esih n un> nur dan i iine Terechtigun i erhalten werd n wenn vielleicht nach geraumer <}eu ein lamter Druck von England aus oder von feiten der Geldgeber Frankreich veranlaßt, etwas schn.l- ler die kostspielige Restbesetzung zu beseitigen.
Einseitige Handhabung der Amnestie.
Der Begriff der „politischen (befangenen^ — Hungerstreik in den Pfälzer
Gefängnissen.
Zweibrücken, 1l. Eept. (WTB.) Zur Zeit befinden sich in pfälzischen Gefängnis- s e n noch 81 politische Gefangene, und zwar in Zweibrücken 58. in Germersheim 20, sowie je einer in Ludwigshafen, Frankenthal und R e u st a d t a. d. H. Hebet den Begriff „Politische Gefangene" bestehen zwischen den französischen DesatzungLbehörden und den einschlägigen deutschen Stellen große Meinungsverschiedenheiten. So werden von den 58 Zweibrücker Gefangenen nur 2 0 als politische Gefangene betrachtet und als solche zur Entlassung kommen. Begreiflicherweise hat sich der Gefangenen eine große Aufregung bemächtigt, so daß sie in Zweibrücken sogar in den Hungerstreik eingetreten waren, um eine für sie günstigere Entscheidung herbeizuführen. Rach einer Verfügung des kommandierenden Generals in Landau werden alle Gefangenen bis zu 3 Monaten Strafzeit sofort entlas- s e n. Dementsprechend erhielten am 10. September 6 Gefangene des Militärgefängnisseö Zweibrücken die Freiheit wieder. Heber die Entladung der mit mehr als 3 Monaten bestraften poli- tischen Gefangenen hat sich General D e g o u t t e die endgültige Entscheidung Vorbehalten. Es besteht die Befürchtung, daß sie als Kompensationsobjekt in der Separatisten- frage zurückbehalten werden. 3m Militärgefäng- nis Zweibrücken befinden sich auch noch 41 sogenannte Deportierte, d. h. die Rhein- und Ruhrgefangenen, die während des passiven Wider- standes nach französischen Strafkolonien verbracht worden waren und auf deutsche Dorstellungen wieder zurückgeführt wurden.
Rach einer Havasrneldung aus Dortmund sind bisher in Durchführung des Artikels 7 des Anhanges 3 des Londoner Protokolls 51 in französischen Gefängnissen im Ruhrgebiet festgehaltene Deutsche in Freiheit gesetzt worden, davon 36 Hntersuchungsgesangene und 15 Verurteilte Die Durchführung der Amnestiemaßnahme nehme ihren Fortgang. Eine weitere Meldung aus Dortmund berichtet von der Entlassung von 47 Dortmunder und 10 Essener politischen G^angenen.
weitere Räumungsdesehle.
Essen, 11. Sept. (WTB.) Gemäß dem Befehl des kommandierenden Generals des 32. Armeekorps soll die dritte französische Division, die den Dortmunder Bezirk belegt hat, aus der Besatzungszone heraus- gezogen werden. Das 24. Infanterieregiment in Recklinghausen soll bis zum 27. September abgezogen sein. Für diese Truppen kommen diejenigen Teile des 18. Dragonerregiments nach Recklinghausen, die zur Zeit in Dortmund liegen. Die Zivil- d ie n st st e l l e n, wie die Regiebahn usw., sollen im Recklinghausener Bezirk bis zum 20. Oktober vollständig abgebaut sein, während der Abbau der Zollverwaltungsstellen vom 15. September ab erfolgt. Der Stadtverwaltung von Oberhau- s e n wurde vom französischen Stadtkommandanten folgendes Schreiben übermittelt: „Das erste Bataillon vom 12. Pivnierregiment soll Oberhausen am 16. September verlassen und wird durch keine andere Truppe a b g e l ö st. An diesem Tage werden die Kasernen und Wohnungen der Stadt Oberhausen zur Verfügung gestellt. Die Schäden müssen festgestellt, die Zähler für Licht und Heizung abgelesen werden. Rach dem 17. September werden Reklamationen nicht mehr ent® gegengenvmmen. Ich möchte Sie deshalb bitten, von heute ab einen Delegierten der Stadt zu ernennen, der dauernd der Kommandantur zur Verfügung steht."
Wie uns aus H o e r d e mitgeteilt wird, werden die Zollbeamten des Zollamtes Hoerde spätestens atn nächsten Sonntag aus Hoerde zurückgezogen werden. Ein großer Teil der französischen Besatzungsttuppe ist schon vor längerer Zett abbefördert wor
den. Wann der Rest der Besatzungstruppen, der etwa noch 50 Mann beträgt, abgehen wird, ist noch nicht bekannt.
Verschleierung der französischen Ruhrbilanz Die geringen Cinnabmen im Ruhrgebiet.—Eine deutsche (Hegcnrechnung zur Verbuchung auf ReparatiouSkonto.
Berlin, 12-. Sept. (Drahtmeldung.) Die Aufstellung, die von der französischen Regierung über ihre Einnahmen im besetzten Gebiet veröftentlicht wurde, wird von deutscher Seite für lächerlichgeri ng gehalten. Selbst wenn man die Auffassung zugrunde legt, daß die veröffentlichten Zahlen nur die Reineinnahmen darstellten. Rach Abzug aller Derwal- tungs- und sonstigen Hnkosten müssen die gesamten Ziffern weit unter den tatsächlichen Einnahmen liegen. Insbesondere die 197 Mil-
Der Widerstand der französischen Lokalbehörden gegen die Durchführung Hinauszögern der Räumung. —
Die Sirenen von Genf.
Die deutschen Völkerbundsfreunde. — Der ungarische Zwischenfall. — Das wahre Gesicht des Völkerbundes.
Man sollte meinen, daß dieses satirische Zwischenspiel eigentlich auch bei uns den Leuten zu denken geben müßte, dir sich schon daran gewöhnt haben, grundsätzlich nur die schöne Larve, aber nicht das wahre ^Gesicht des Völker- burrdes zu sehen. Weiter kann man die Heuchelei doch eigentlich kaum treiben, als mit bicfem ungarische Beispiel. Aber wir Deutschen haben darüber hinaus doch auch noch eine ganze Reihe ganz besonderer Gründe auf Eis liegen, die für sich selbst sprechen. Da ist die heillose Mißwirtschaft, diediePvlenimOsten treiben, die unerhörte Art, wie sie mit Danzig umgehen, da ist die schrankenlose Willkürherrschaft der Franzosen im Saargebiet — und da ist noch so vieles andere. Soviel Punkte man aufstellt, soviel Hngerechtigkeiten sind es, die sich alle unter der völkerbundlichen Geste von Gerechtigkeit und Frieden abspielen. Die das nicht sehen können, sind einfach ein hoffnungsloser Fall. Trotzdem kann es nicht schaden, daß man das ungarische Zwischenspiel einmal in die rechte Beleuchtung rückt, damit die Reichsregierung sich klar darüber bleibt, was es mit den, ach! so verführerischen Sirenenklängen von Genf in Wirklichkeit auf sich hat.
Reparalions anleihe und Völkerbund.
Vermittlungsaktion der amerikanischen Bankiers in der Völkerbundsfrage (Eigener Informationsdienst.)
Berlin, 12. Sept. (Drahtmeldung.) In unterrichteten politischen Kreisen verdichten sich immer mehr die Gerüchte, wonach die amerikanische Dankwelt, die vor allem für die Aufbringung der deutschen Anleihe in Frage kommt, in den nächsten Tagen Beratungen abhalten wird, die der Ausarbeitung eines Ver- mitt'tungsplanes zwischen Deutschland und Frankreich in der Völkerbundsfrage dienen sollen. Rach zuverlässigen Mitteilungen aus Amerika betrachtet ein großer Teil der Bankiers den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund als die sicher st e Garantie dafür, daß die 2Iera des wirtschaftlichen Aufschwunges und der polttischen Verständigung von Dauer sein wird, und sucht deshalb diesen Eintritt nach Möglichkeit zu fördern. Die Aktion, die von den amerikanischen Finanzleuten geplant ist, hätte demnach nichts zu tun mit der Stellungnahme der herrschenden politischen Partei in Amerika zum Völkerbund und würde an derablehnendenHaltung Amerikas gegenüber dem Völkerbünde nichts ändern. Es würde sich lediglich darum handeln, den amerikanischen Finanz- einfluß in London und in erster Linie in Paris dahi ngeltend zu machen, daß die in Betracht kommenden französischen Regierungskreise Deutschland den Eintritt in den Völker-
Honen Franken, die als die Einnahme der R e • gieeisenbahn ausgenommen werben, können die tatsächlichen Einnahmeziffern bei weitem nicht erreichen. Die Reichsregierung ist nun zur Zeit noch nicht in der Lage, die Unterlagen die- ser Aufstellung im einzelnen zu kontrollieren, weil der Derwaltungsapparat im besetzten Gebiet in einem solchen Maße leistungsunfähig geworden ist, daß eine schnelle Kontrolle sich als unmöglich herausgestellt hat. Es sind jedoch sofort die notigen Anordnungen getroffen worden, um deutscherseits eine Gegenrechnung auszustellen, die im Verlaufe von einigen Wochen voraus- sichtlich beendet sein wird. Die Reichsregierung wird alsdann in einer der Kommissionen, die zur Zeit in Coblenz über die Abwicklung der fran- zosischen Detwaltung beraten, die Gegenrechnung überreichen und darauf bestehen, daß auch sran- zösischerseits eine genaueRachprüsung erfolgt und daß die tatsächlichen Einnahmeziffern der endgültigen Abrechnung und der Heber« Weisung auf R e p a r a t i o n s k o n t o zu» gründe gelegt werden.
Veränderungen in der französischen Diplomatie.
Paris, 12. Sept. (WTB.) Wie bet „Petit Parisien" mitteilt, hat der französische Botschafter in Rom Darre re dem Ministerpräsidenten um seine Entlassung gebeten. Der Rücktritt Barrere wird der Anlaß zu einer bedeutsamen Veränderung der Gesandtschaftsposten Frankreichs sein.
man von Frieden und Abrüstung spricht, während in der Praxis nur d i c De siegten ab r ü st en mußten, während ihre Rachbarn bis an dic Zähne bewaffnet blieben. Diese ehrliche Offenheit hat einen Skandal verursacht. Ter Belgier Hi; man s hat es sich unter dem Beifall des Völkerbundes verbeten, daß in Genf die Wahrheit gesagt wird, und auch die folger den Redner, vor allem der polnische 2Iuf);i minifter, ließen ihren Zorn in ebenso llein' sich en wie unehrlichen Sticheleien durchblicken. Und das Ergebnis? Der ungarische Minister» Präsident Graf Bethlen, der in Genf eingetroffen ist und die Führung der ungarischen Telegation übernommen hat, mußte in seiner ersten Rede quasi Abbitte leisten. Damit wird der Fall, wenn Ungarn Glück hat, erledigt sein. ... Und alles bleibt beim alten.
Solange der Völkerbund seine diesjährige Genfer Tagung abhält, sind in der Tat schon verschiedentlich Töne zu uns herübergeklungen, die keinen Zweifel darüber lasten, daß es wenigstens einem Teil des Bundes allmählich doch recht erwünscht erscheint, dieselben Deutschen wieder u n t e r s i ch zu sehen, die man doch erst vor fünf Jahren so behandelt hat, als ob sie nicht in die Gesellschaft anständiger und wohlerzogener Menschen hineinpaßten. Diesen Wandel der Anschauungen können wir begrüßen. Aber leider gibt es im Völkerbund auch jetzt noch Kreise, die unseren Beitritt zum mindesten in einer so einschränkenden Form gestaltet sehen wollen, daß es für einen so großen Staat wie Deutschland schließlich noch recht starke Bedenken gibt, sich die Sache genau zu überlegen. Herr Her- ri t> t hat ja auch deutlich genug durchblicken lassen, daß er keineswegs ein besonderes Entgegenkommen an Deutschland wünscht. Und neuerdings beeilte sich mich LvrdP a r m o o r, feine Hebe dahin richtigzustellen, daß von seiner angeblichen Einladung an Deutschlmid nichts mehr übrig blieb. Er brauchte sich bei dieser Korrektur gar nicht einmal zu genieren, denn es soll noch nicht so lange her sein, daß sein Herr und Meister im Kabinett gleich nach seiner großen Genfer Rede auch einige 'Berichtigungen anfcringen mußte.
Trotzdem gibt es in Deutschland Leute, die den zweifelhaften Sirenenklängen von Genf in einem stärkeren Maße erlegen sind, als es für unsere Interessen nützlich wäre. Daß die Kreise um den „Vorwärts" und die „Dossisch: Zeitung" sich geradezu nach dem Völkerbund drängeln, ist seit dem Bekanntwerden der eigenartigen Rolle von Dreitscheid, Hilf er - ding und Graf Keßler in Geist und durch die täglichen Artikel dieser Blätter so offenbar geworden, daß es Eulen nach Athen tragen hieße, wollte man darüber noch viele Worte verschwenden. Aber nun bat vor einigen Tagen doch ein so zurückhaltender und kluger Mann, wie der Abgeordnete L v e b c , einen offenen Brief an den Außenminister geschrieben, in dem er ihm ebenfalls den Rat gibt, doch ja nicht die günstige Stunde zu verpassen. Herr Loebe ist eine Figur, die sich in menschlicher und qualitativer Hinsicht von dem Durchschnitt der deutschen Tagespolitik sympathisch abbebt, und sein Dries hat daber immerhin Anspruch darauf, ernster genommen zu werden, ass das Geschrei der Leute, die gewerbsmäßig in politischen Geschäften zu reiei pflegen.
Herr Dr. Stresemann ist offenbar derselben Ansicht gewesen und hat ihm durch die ihm nahestehende „3eit" auch eine höfliche und ernste Antwort gegeben. Aber die Höflichkeit der Form hinderte natürlich nicht, daß diese Antwort in der Sache aus guten Gründen heraus ablehnend ausfiel. Herr Loebe aber läßt nicht locker. Am Donners'.agmorgen bereits antwortete er in der von ihm herausgegebenen Breslauer „Dvllswarte", in der er eigentlich im wesentlichen mir noch einmal dieselben Grundgedanken entwickelt, die sein erster Brief bereits enthielt. Ob wir in der Tat soviel Veranlassung haben, unfern Eintritt in den Völkerbund auf gut Glück zu beschleunigen, wie Herr Loebe es wünscht, das muh man aber doch gerade nach den Ereignissen der allerletzten Tage stark bezweifeln.
Der ungarische Vertreter Graf A p o n h i hat mit seiner Rede doch Erfahrungen gemacht, die nur Abschrecken können, weil sie den Völkerbund einmal in seiner ganzen Schönheit zeigen. Der greife ungarische Politiker hat den Mut gehabt, einmal zu sagen, daß Schwarz schwarz und Weiß weiß ist. Er hat offen ausgesprochen, daß das Vertrauen der Minderheiten zum Völkerbund nur recht mäßig ist. Er hat auch auf den Widerspruch hingewiesen, der darin besteht, daß
Matt wird anerkennen muffen, daß bisher für das besetzte Gebiet einige Erleichterungen geschaffen worden sind. Der Paßzwang ist auf- gehoben, die/Zollgrenze ist gefallen, das widerrechtlich besetzt gewesene Ruhrgebiet kann wieder zum Deutschen Reich gezählt werden, ist ohne Schwierigkeiten zu erreichen, die Verbindungen sind wieder normal, der Güterverkehr kommt wieder in allgewohnten Gang. DaS Leben im Ruhrgebiet beginnt aufs ne re zu pulsieren. Zahlreiche Betriebe, die sich bis aufs äußerste eingeschräntt hatten, beginnen wieder lebhaftere Produktion. Die überaus große Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet läßt immer mehr nach Es hat den Anschein, so wird von überall berichtet, als ob man befreiter atmet und Handel und Wandel, Arbeit und Leben wieder in- gehemmter geworden sind. Hnd doch ist n o ch nich t alles geschehen, um dem Ruhrgebiet die alte, m London vereinbarte Freiheit zu geben. Roch ist die französische Besetzung nicht in dem Maße abgebaut, daß sie unsichtbar geworden ist. Die französischen Soldaten sind genau wie früher in den Straßen zu sehen, noch immer müssen die Ruhrbcwohner dem allen Befehl folgen und vor französischen Offizieren den Hut ziehen, noch immer verlangt der französische Soldat Anerkennung seiner Oluiprität. Obwohl täglich Züge mit militärischem Material, Sonderzüae mit abgebauten Soldaten, mit den übrig werdenden Regieeisenbahnern, mit den angeworbenen französischen Aushilfsarbettern nach Frankreich abgehen, ist das Bild der Besetzung noch nicht wesentlich verändert Das kommt in der Hauptsache daher, weil die Besatzung sich zu sehr aif lange Frist eingerichtet hat und well sie so umfangreich gewißen ist, daß ein gründlicher Abbau vor- genonunen werden muß, eine langwierige Räumung zu erfolgen hat, ehe ma*i tatsächlich von einer Räumung des Rihrgebietes sprechen lärm.
Roch ist übrigens nicht einmal eine Haupt)- bcbingimg des Londoner Abkommens erfüllt. Wohl sind eine Anzahl von Haftentlassungen erfolgt, sind zahlreiche politische Gefangene wieder heimgekehrt, aber die Amnestie ist noch nicht in der Weise durchgeführt, wie es vorgesehen war. Sv ist es Aufgabe und Pflicht der deutschen Regierung gewesen, beim Quai d'Orsay zu protestieren gegen die Verzögerung der Amnestie. Richt mit einem Schlage, wie es zunächst von französischer Sette angekündigt wurde, wie man es auch in London vereinbart hatte, hat man die Gefangenen aus dem Kerker entlassen, sondern einzeln, gewissermaßen unter genauer Prüfung der einzelnen Persönlichkeit, werden die Gefangenen in die Freiheit gesetzt. Das muß selbstverständlich bei der Ruhrbevölferung große Empörung Hervorrufen und bei ihr den Anschein erwecken, ate ob die Franzosen nicht die Absicht hätten,, berettwilligst den Abmachungen von London zu entsprechen. Auch die Rückkehr der Ausgewiesenen wird von mancherlei Hemmungen begleitet. Wenn auch bereits gestattet ist, daß alle Ausgewiesenen zurückkehren dürfen bis auf einzelne, die besonders genannt worden sind, so überrascht es dennoch, daß immer neue Verfügungen entweder französischer Behörden oder der interalliierten Rheinlandtvmmissivn ergehen, die nur einer bestimmten Anzahl, zum Beispiel von Beamten, die Einreise gestattet.
So ist von den vielen Beamten, die die Re- giestcllen aufgeben mußten, die abgeschoben worden sind oder sich in Sicherheit brachten, um nicht verhaftet zu werden, nur einer Zahl von 500 bisher die Rückkehr erlaubt. Wenn französischerseits auch versichert wird, man müsse in dieser Angelegenheit langsam vorgehen, so widerspricht das doch nach unserem Empfinden den Londoner Vereinbarungen, die ganz anders lauten. In Berliner maßgebenden Kreisen hört man, die Absichten Herriv ts seien ehrlich gewesen, er sei aber machtlos gegen die Willkür der französischen amtlichen Stellen, die sich das Recht anmaßen. Befehle von Paris nach ihrem Willen auszulegen und bis zuletzt den Deutschen ihre Macht zu zeigen. Wie wir unterrichtet sind, bemüht sich die Berllner Regierung dauernd, mit sanftem Druck in Paris durch die Verhandlungen mit den in Frage kommenden Besatzungsbehörden die Londoner Vereinbarungen durchzuführen. Hnd es kann gesagt werden, daß sie auf keinen Widerstand stößt, freillch immer wieder hören muh, daß technischeGründe sie verpflichten, gründliche und überlegte Arbeit zu leisten.
Bis eine Räumung des Ruhrgebiets in dem erwünschten Maße erfolgt, wird tatsächlich eine lange Zeit vergehen. Dis die Aufhebung aller überflüssigen Bestimmungen zur Tatsache geworden ist, wird der Winter herankommen. Man muh jebenfaH3 aus den Erfahrungen, die diese Erscheinung bringt, den berechtigten Schluß ziehen, daß die letzte Räumung des Ruhrgebiets, das beißt, der Abzug aller Besatzungstruppen, nicht vor einem Jahre erfolgen wird und die v)n Herriot mit allen Mitteln verfochtene Jahresfrist einzubehalten das Bestreben der militäri-
GietzeimAMger
General-Anzeiger für Oberhesfen
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