Ht. 188 Zwettes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberheffen)
Dienstag, 12. August (92$
denn«
Die Bagdadbahn: ein gengnis für Deutschlands wirtschaftliche Tüchtigkeit und Friedensliebe.
Don Professor G. Rvloff.
Wahrheit wird sich doch ihren Weg bahnen. 3p Williams Town in Amerika halt zur Zeit der bekannte europäische Geschichtsforscher Prrf. Sidney Dradshaw Fay vom Smith öoüeg in Dort Hamp ton eine Reihe von Dorlesungen über europäische Politik. Auch er hat sich mit der Lüge von Versailles besaht und ist, wie jetzt aus Deuyork gemeldet wird, hierbei zu dein Ergebnis gekommen, daß die „Annahme, ein deutsches Komplott sei die Ursache des We l t k rieges , cine Mh t he sei." Der Gelehrte stützt seine Ansicht auf eine Reihe von Einzelheiten und wirft hierbei dem eliemaligen amerikanischen Botschafter in der Türkei, Henry Mvigenthan, vor, er habe wahrheitswidrig die Behauptung von einem Kriegs- rat unter dem Dorsitz des Kaisers in Potsdam am 5. Juli 1914 aufgestellt. Die Dokumente, die in Berlin unt) Wien seit Kriegsende veröffentlicht wurden, machten eine Revision der Behauptung von Deutschlands alleiniger Kriegsschuld nötig.
Man kann sich über derartige Zeugnisse aus deni Lager unserer ehemaligen Feinde nur freuen. Wenn man sich von bcr Objektivität der einzelnen Personen, die rückhaltlos gegen die falsche Behauptung von Deutschlands Schuld am Weltkriege auftreten, auch keine allzu starke Einwirkung auf die Einstellung der durch die jahrelange mit allen Mitteln betriebene französisä-e Lügenpropaganda infizierten öffentlichen Meinung der West versprechen darf, so haben wir Deutsch? doch allen Anlaß. jede Auslassung aus berufenem Munde, namentlich des Auslandes, zu begrüben. Jede einzelne derartige Aeuherung ist ein Steinchen zum Bau der Wahrheit, der dem Lügengebäude von Dersailles entgegengesetzt werden muh
Wir gehen durch den schweigenden Hof zum Hohlweg hinaus, der hinter dem Dorfe ms Feld ^^Die Hände auf dem Rücken, schlendern wir bald in Sonne, bald in Schatten.
Auch der gute Dater nickt im Schreiten wie Mütterlem daheim über ihrem Buche.
Mir scheint, er schläft im Gehen. Oder er ist innerlich so versonnen und gesammelt, daß er den Eindruck eines Traumwandlers erweckt.
Hoch und'still schreitet der alte, immer noch aufrechte Dlann, der mein Dater ift-, vor mir her auf einem Wege, den er seit fünfzig Jahren und länger jeden Soimtagnachmittag wandelt.
Diesen Weg könnte er als Blinder gehen.
Den Weg durch's Korn . . .
Ein halbes Jahrtausend und länger geht immer ein Dater meines Geschlechtes mit einem Sohne diesen Weg durch's Korn am Sommersonntagnachmittag. „
Ich fühle es wohl: die Dater, Dorvater, Urväter schreiten schemenhaft vor uns her auf dem Weg durchs Korn. Es ist ein heiliger Weg.
Die Alfer der Ewigkeit grüßen und glanzen an den schmalen Rainen, die unser Fuß betritt.
Und die Aehren neigen sich in Andacht vor dem stillen Zug der Lebendigen und Toten, die aus demselben Fleck Erde Brot genommen, Kraft gesogen von Geschlecht zu Geschlecht.
Wie in einer Heerschau über die Muhen des Werktags, die sich in goldene Früchte wandeln, gehen wir den Weg durchs Korn, kopfhoch über» schwankt von den grüßenden, singenden Sommerähren.
Am Wegesende nimmt der alte Dater den Strohhut vom Haupte. Und seine Lippen bewegen sich leise wie in Andacht.
In den Lüften ist ein Klirren und Sirren, als käme Antwort von oben, nur dem Herzen hörbar: die Väter, Vorväter, Urväter grüßen und winken aus ewigen Weltenräumen.
Am Wege durchs Korn vereinigen sich die Gewesenen, die Heutigen, die Kommenden.
Ein Söhnlein blüht mir in der Wiege.
Sobald es laufen kann, gehe ich mit ihm den Weg durchs Korn, führe ich es der sommerstillen Feldbreite zu, die einem Geschlechte Brot und Kraft gespendet seit einem halben Jahrtausend.
Segnend hebe ist die Hand über das Aehren- gewoge im Sonnengold.
Und aus dem Halmenheere flüstert es leise: „Selig sind, die ..." w
Die Entdeckung mongolischer Kaisergräber.
Der berühmte russische Forschungsreisende General Koslow, mit dem Sven Hedin 1923 vor dem Ausbruch Koslows zu seiner neuen Expedition in Urga zusammentraf, hat jetzt russischen Blättern einen Bericht über seine neuesten Entdeckungen gegeben. Im März 1924 stieß die Expedition in der Dähe von Doin-Ula im Kontai- Dezirk auf drei Gruppen von alten Grabhügeln, die die Ueberreste chinesischer Kaiser oder jedenfalls chinesischer Fürsten enthielten. Die Grabstätten befanden sich auf einem Fleck „von außerordentlicher Schönheit", der umgeben war von dicht mit Wäldern bestandenen Bergen und von
Grober Unfug.
Wir lesen in der Deutsch-Evangelischen Kvrov- spcmdenz: „
Reklame muh sein. Sie ist sogar eme Kunst. Manchmal aber ist sie widerlich. Besonders dann, wenn sie die reine Welt der Religion für die schmutzige des Geldbeutels auszuschlachten ver» sucht. Einem besonders häßlichen Exemplar der letzteren Gattung öffnet das Zentrumsblati „Märkische Volkszeitung" Dr. 18 die Spalten in Gestatt eines Artikels, den nicht einmal die „Saure Gurkenzeit" entschuldigen kann: „Das Leuchtkreuz für Kirche und Hau s". „Das Kreuz ist das äußere Zeichen des Christentums. Eine ganz besondere Art des Kreuzes, als Dersinn- bildlichung seines religiösen Inhalts, ist das leuchtende Kreuz, weil hierbei der tiefe Grundgedanke, daß Christus der Menschheit das Licht der Wahrheit und göttlichen Gnade gebracht hat, zum Aus» druck gelangt ist. Das leuchtende Kreuz kannte man bisher eigentlich nur in der christlichen Legende. Man denke z. B. an die heilige Huber> tuslegende. Erst die fortgeschrittene Lichttechnik unserer Zeit vermochte ein leuchtendes Kreuz als Gemeingut der ganzen Christenheit zu schaffen. Wer zum Kreuze, und zwar zum Kreuze in ferner lichtvollsten Schönheit betet, der vermag dies heutzutage auch in seinem stillen Kämmerlein. Das ermöglicht einem jeden das neue Osram-Leucht- kreuz. Mit diesem ist in der Tat zugleich ein religiöses und ein technisches Problem auf taktvolle und glückliche Weise gelöst worden. Das technisch Reue des Osram-Leuchtkreuzes besteht kurz gesagt darin, daß im Innern einer Glasglocke eine kreuzförmige Elektrode, die sie umgebende Deon- atmosphäre zum Leuchten bringt, so daß ein Kreuz als selbstleuchtender Körper erscheint. Don wundervoller Wirkung ist dabei die milde orange- rote Lichtfarbe des weithin leuchtenden Kreuzes, das selbst bei Tageslicht seine Leuchtkraft entfaltet. Auch das Problem des „ewigen Lichtes" ist in dem Osram-Leuchtkreuz ökonomisch gelöst durch einen beispiellos geringen Stromverbrauch. Die Stromkosten eines Osram-Leuchtkreuzes bei ununterbrochener Brenndauer betragen etwa 1 Pfennig pro Tag. Für den praktischen Gebrauch ist ferner von Wichtigkeit, daß das Osram-Leuchtkreuz eine erstaunlich lange Lebensdauer (im Mittel 3000 Brennstunden besitzt. Was aber das Osram-Leuchtkreuz noch ganz besonders zur Geltung bringt, als Gegenstand der Andacht, tote als christ lich-künst lerischer Schmuck von Kirche und Haus, das sind die stilechten Lichtttäger in altchristlicher Formschönheit, welche den feierlichen Eindruck des Ganzen stimmungsvoll erhöhen. DaS Leuchtkreuz in seinen verschiedenen Arten wie z. B. als Tischleuchter, Wandkonsole, Kerzenleuchter, Weihwasserbecken, Wandlampe, „ewiges Licht" und als fünfflammige Altarleuchte „Juri" (JARI??) ist in der Buchhandlung der „Germania", Berlin, Stralauer Str. 25 ausgestellt.
In der Tat: eine ärgere Geschmacklosigkeit, die fast einer Derhöhnung gleichkommt, läßt sich kaum vorstellen. __
Zu den interessantesten Problemen der internattonalen Politik gehörte fett dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ohne Zweifel das Dag- vadbahnprojekt. Die Dagdadbahn bettaf nicht nur iahen Orient, wie sich, tote bekannt, die Wünsche Ansprüche sämtlicher europäischer Groß
schaft bei Herrn v. Marschall um eine Fusion deutschen irret) französischen Kapitals, da doch bei irgendwelchen internationalen Zwischenfällen zwei Großmächte das Werk besser schützen könnten als eine. Es kennzeichnet die deutsche Politik, daß sie ungeachtet des Dvrangegangenen die französische Mitarbeit zum Ruhen der Sache und im Interesse der allgemeinen friedlichen Entwicklung willkommen fjiefj. Es sei vorteilhafter, sagte Bülow, wenn Deutschland und Frankreich im Orient gemeinsame wirtschaftliche Ziele verfolgten als miteinander rivalisierend sich bekämpfen. In der Tat kam schnell eine I^einigung zwischen den deutschen und französischen Finanzgruppen zustande (Mai 1899), doch so, daß die Deutschen mit 60, die 'Franzosen mit 40 Prozent beteiligt waren. So ermöglichte die deutsche Objektivität den Franzosen nach Marschalls Worte „nach der verlorenen Schlacht von Haidar Pascha einen ehrenvollen Frieden", und sie waren froh, „durch die Dereinbarung mit uns eine Schuhwehr geschaffen zu haben, hinter der sie ihre wirtschaftlichen Interessen vor der Rücksichtslosigkeit des russischen Bundesgenossen gesichert glaubten". Freiheit und Gerechtigkeit in der deutschen Pvlttik, brutaler Egoismus in der russischen, demütige Abhängigkeit Frankreichs von Rußland: das war die Signatur der Lage.
Im Dezember 1899 folgte dann ein vorläufiges und wenig später ein endgültiges Abkommen über den Wetterbau der Dahn durch Kleinasien nach Mesopotamien, wodurch dem europäischen Kapital und der europäischen Intelligenz unter deutscher Führung ein gewaltiges Feld eröffnet werden sollte, lieber die weiteren Geschicke des Werkes, dessen internationale Bedeu- tung mit jedem Schritt vorwärts wuchs, werden uns die folgenden Serien unterrichten.
Die Wahrheit aus dem Marsch.
„Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Der- luste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Der- bündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben."
Sv lautet der berüchtigte Paragraph 231 des famosen Dersailler Friedensinstrumentes. Die Anerkennung der Alleinschuld Deutschlands am Kriege, die man mit niedrigere Gewaltandrohungen der deutschen Friedens delega- tion in Versailles abgepreht hat, ist die Grundlage des ganzen Versailler Friedensdiktates, ist die Grundlage für alle Vergewaltigungen, die man dem deutschen Volks seit 1918 zugefügt hat. Clemenceau und P o i n c a v e haben es verstanden, dieses mit List und Gewalt von Deutschland erzwungene Geständnis der Schuld am Kriege zu immer neuen Forderungen der „Wiedergutmachung" auszunühen.
Deutschland hat seit langem seine Dorkrtegs- archive geöffnet und damit den besten Beweis dafür erbracht, daß es in der Frage der Kriegsschuld nichts zu verheimlichen und zu beschönigen hat. Ranchafte Vertreter des Auslandes, insbesondere auch aus den Ländern, die mit uns im Kriege gelegen haben gleichfalls zu wiederholten Malen die Luge von der Alleinschuld Deutschlands am Wellkriege auf ihren wahren Wert zurückgeführt. Es sei nur erinnert an eine Reihe von Auslassungen Lloyd Georges und Rittis, die beide ja in hervorragendem Maße an dem ' Zustandekommen des Versailler „Vertrages" beteiligt waren und folglich in dieser Frage als durchaus unparteiisch anzusprechen sind. Weiter hat die Veröffentlichung einer Reihe von Briefen, die vor 1924 zwischen Paris and Petersburg gewechselt wurden, sowie die Deröf^ntlichung einiger diplomatischer Aktenstücke der Vertreter Frankreichs und Rußlands die Intrigen bloßgelegt, die man in Paris und Petersburg von langer Hand her gesponnen. Die Schuld der Sassanvw. Iswolski, Pvincare und Millerared an dem Ausbruch des Weltkrieges ist durch diese Veröffentlichungen so klar erwiesen worden, daß kein ernsthafter Geschichtsforscher mehr an diesen Dokumenten vorübergehen kann.
Trotz allem ist man, wie auch die bisherigen Verhandlungen in London erneut bestätigen, auf feiten unserer ehemaligen Feinde nicht gewillt, die Konsequenzen aus der Lüge von Versailles zu ziehen, weil mit der Anerkennung der Lüge von der Alleinschuld Deutschlands am Kriege das ganze ohnehin schon reichlich brüchige Gebäude des Versailler Friedensbaues restlos zusammenstürzen müßte.
Und doch, wie sehr man sich auch auf der Seite unserer Gegner der täglich wachsenden Erkenntnis der Lüge von Versailles zu verschließen sucht, die
tiefen Schluchten durchquert, durch die reihende Gebirgsbäche strömten. Die einzelnen Hügelgrup- pen lagen rechteckig zueinander und waren von hohen Erdwällen umgeben. Viele der Hügel hatten eine beträchtliche Ausdehnung: in den kleinen waren augenscheinlich Kinder und gewöhnliche Sterbliche begraben. Die Gräber fanden sich etwa 40 Fuß in der Erde unter den Hügeln: sie bestehen aus starken Holzbauten mit doppelten oder sogar dreifachen Holzdecken. In der Mitte jeder Anlage liegt hie Grabttimmer, die den Sarkophag enthält, der von Rorden nach Süden aufgestellt ist. Unterirdische Wege zweigen von den Haupt- grabkammern ab. Die Wänd> sind mit kunstvollen Stickereien geschmückt, die menschliche Figuren. Vögel und Pferde enthalten, ilifter den bedeutsamen Schätzen, die in diesen Gräbern gefunden wurden, befinden sich herrliche alte Teppichs, die über den Sarkophagen lagen. Die Teppiche .zeigen ganze Gemälde oder große Figuren von QKammutere, Hirschen und mythologischen Tieren. Außerdem heftenden die Funde in kostbaren Stickereien, Dronzefiguren von Menschen und Türm, langen Flechten von schwarzem Haar, die in mir Talismanen bestickten Seiden hüllen lagen, Roßhaar- nehen, die Koslow für den Kopf'chmuck schamani- scher Priester erklärt, Ueberresten von Sätteln mit Halbedelsteinen verziert, holzgrschnihte Figuren, verschiedenartigen Schmuckstücken und dem großer. Holzbildnis eines Hirsche mit metallenem Geweih. Alle Seidenstoffe sind mit alten chinesischen Buchstaben bestickt, von denen einige entziffert werden konnten, während der größte Teil nicht lesbar ist.
Frankreich die deutschen Pläne gefördert. Und Deutschland wies es wett ab, die englische Regierung irgendwie zu verletzen. Em Projekt, eine ScAffahrtslinie auf dem unteren Euphrat und Tigris zu begründen, lehnte die Eisenbahngesell- chaft in Uebereinsttmnrung mit dem Auswärtigen Amt ab weil bereits ein derartiges englisches Unternehmen bestand, und ebenso widerstand Deutschland der Versuchung. Mesopotamien zur ausschließlich deutschen Interessensphäre zu erklären bekannte sich vielmehr ausdrücklich zum Grundsatz der „Offenen Tür". Wie in Öftesten vertraten wir auch hier im Gegensatz zu Frankreich und vollends zu Rußland die freie Richtung der Wirtschaftspolitik.
Andere Schwierigkeiten kamen von der türkischen Regierung. Es ist allerdings fern Zweifel, daß Abdul Hamid die Wichttgteit des Dahn- baues erkannte und — so wenig er sonst Reuerungen geneigt war — sich mit großer Warme dafür einsehte. Sollte es doch die Hauptstadt des Reichs in enge Verbindung mit den türkischen Kernprovinzen bringen, und war es doch künftig möglich, die ewig ungehorsamen Kurden und Araber in besserer Ordnung zu hallen. Auch daß die Dahn mit deutschem Gelds und von deutschen Werkleuten gebaut werde, war ihm willkommen, denn, konnte schon 1891 der Botschafter Radowih nach einem vertraulichen Gespräche mit dem Großwesir berichten, der Sultan hat „allein zu uns das Vertrauen, daß wir eine solide Arbeit liefern und übernommene Derpfttch- tLingen anständig durchführen würden und be- fürchtet nicht eine polittsche Ausbeutung der Sache, wenn sie sich in deutschen Händen beftndet". Der Sultan hatte auch ein Gefühl dafür, daß die deutschen Unternehmungen, wie Marschall hervorhob nicht nach dem Muster der Projette der Ottomanischen Dank den Charakter von Börsenspekulationen trügen, sondern nur durch rationelle Entwicklung des Landes ihren Gewinn zu ftnden hofften. Aber Abdul Hamid war kein Maren schnellen Entschlusses, und kein Mann durchgreifender Willensttaft. Seine Minister waren im allgemeinen nicht seine Vertrauensleute, er besprach vielmehr wichtige Angelegenheiten gewöhnlich mit unverantwortlichen Persönlichkeiten, z. D. nnt Gliedern der hohen Geistlichkett. bald verhandelte er auch hinter dem Rücken seiner Minister mit dem Botschafter und brachte diesen der türttschen Regierung gegenüber in eine peinliche Lage, bald suchte er jede Verantwortung abzulehnen und seine Minister durch allerlei Künste zu besttnr- men. ihm einen erwünschten Minrsterialbeschluß voiz'ulegen. dem er dann nach einer scheinbaren Opposition — der hohe Herr spielt gern den advocatus diaboli, schreibt der Botschafter einmal launig — zustimmen wollte. Man versteht, daß unter diesen Umständen an Geduld und Takt des Botschafters hohe Anforderungen gestellt wurden und daß diese Zustände allerlei Jntriguen Tor und Tür öffneten. '
Eine weniger gewissenhafte Regierung als die deutsche hätte vielleicht die türkischen Schwierigkeiten schneller aus dem Wege räumen können. Die Pforte hätte die amttiche Beteiligung Deutschlands an dem Dahnbau gern gesehen, es wurde daher erwogen, ob die Preußische Seehandlung die Emission der Aktien und Obligationen der künftigen 'Dahn mit übernehmen solle, aber die preußische Finanzverwaltung lehnte den Gedanken unter Zustimmung des Auswärtigen Amtes ab, da die Seehandlung nach ihrer Traditton sich nur bei,Unternehmungen von absoluter Sicherheit beteiligen konnte: eine Beteiligung an diesem immerhin von dielen Zufälligkeiten abhängigere und m ferner Rentabilität noch nicht zu übersehenden Werke konnte das Publikum in falsche Sicherheit wiegen und zu einer ungesunden Hausse der Eisenbahnpapiere Anlaß geben. Etwaige Rückschläge und Verluste wären dann der Seehandlung schuldgegeben und hätten ihrem Rufe geschadet.
. In schnelleren Fluß kam die Angelegenheit nach der Orientreife des Kaisers im Jahre 1898. Der Sultan übertrug jetzt der Eisenbahngesell- schift den Bau eines großen Handelshafens mit Docks und Stepelplähen in Haidar Pascha, womit der Sieg über alle konkurrierenden Projekte entschieden war (März 1899). Vergeblich hatte Frankreich in mehreren heftigen Roten offiziell Einspruch erhoben, weil die Konzession angeblich in die Rechte einer französischen Quaigesellschaft eingreife aber die Pforte erllärte den Protest für grundlos und frivol, weil die französische Botschaft nicht befugt fei, im Namen dieser Gesellschaft, die sich offiziell ottomamsch nannte, das Wort zu fuhren, und weil Überdies ihre Rechte sich auf die europäische Seite des Bosporus beschränkten. Don jetzt ab war kein Zweifel, daß auch die Fortführung der Dahn der deutschen Gesellschaft zufallen werde. Es ist ergötzlich zu sehen wie nun sofort die Franzosen einlenkten und -Beteiligung an dem Geschäft suchten, das sie nicht hatten hindern können. Der französische Dot- schafter Constant selbst bemühte sich unter völliger Verleugnung der bisher beschützten Quaigesell
Der Weg durchs Korn.
Von F. Schrönghamer -Heimdal.
Sommersonntagnachmittag.
Das Dorf liegt in Stille und Sonne.
Rur das Rollen der Kugel auf der wildwein- Umsponnenen Kegelbahn rumort im Geräurne wie Rachhall vertobender Wetter.
Und in der urväterlichen Waldbauernstube tidt und tackt die Wanduhr so eintönig, daß die gute Mutter über dem heiligen Buche einnickt, bas sie vor sich auf dem alten Ahorntische aufgeschlagen hat. Die Brillengläser geistern vor den schlafmüden Augen über den verschwimmenden Buchstaben, die eigentlich Frohbotschaften, Hohe Psalme und fromme Legenden sind.
Aber Mutter weiß sie schon auswendig.
Wenn man fünfzig Sommer lang allsonntäglich über dem nämlichen Buche sitzt, bis die Buchstaben sich wirren im nahenden Schlaf des Müde- seins . . .
Und Mutter betet in Träumen mit Erzengeln, vsalmodiert schlafnickend mit König David, erbaut sich an gewaltigem Prophetenwort und öffnet ihr Herz den Heilandslehren von der Bergpredigt: „Selig sind, die . . .
Dis ihr in währendem Ricken die Drille von bet Rase gleitet und der Schlaf für ein Weilchen verfliegt.
Dann lieft sie drei, vier Sekunden offenen Auges und nickt wieder ein.
Da nimmt Dater den sommerlichen Strohhut ivMt Herdgestänge,
alten Rationen. c
Dei erste Anfang geht noch auf die Zett Bismarcks zurück. Im Ott ober 1888 gewährte der Sultan einer deutschen, von der Deutschen Bank geführten, Finanzgruppe die Konzession zum Dau einer- Eisenbahn von Jsmid <etwa 100 Kilometer östlich Konstantinopel) über Eski Schehir nach Angora: weniger als zwei Jahre später war der erste Teil davon fertig »Juni 1890), und so befriedigt war die türkische ^Regierung von den deutschen Arbeiten, die nach dem Wort des Dotschafters „allerdings in so guter Ausführung in der Türkei noch nicht geliefert worden" wären, daß der Bautenminister den Unternehmern fofert anbot, die Bahn weiter bis Bagdad und Basra zu fuhren. Aber bis dahin waren unendliche Hindernisse zu überwinden — von türkischer und nichttürttscher Seite. Es ist unmöglich, das „ganze Rest von Jntriguen", wie der deutsche Botschafter einmal schilt, hier erschöpfend zu schildern, nur einzelne charakteristische Züge der deutschen und fremden Politik sollen hier stizziert werden.
Unter den Gegnern der Bagdadbahn stand Rußland in vorderster Reihe. Obgleich es bet seiner Geldknappheit und seiner tm östlichen und mittleren Asien begonnenen Expansion nicht imstande war, wirtschaftliche Unternehmungen in Kleinasien zu begründen, suchte es aus politt- schen Gründen den deutschen Plänen Steine in Len Weg zu werfen. Rußland, führt der Freiherr o Marschall (erst Staatssekoetär des Auswärtigen. später Botschafter in Konstantinopel) ein- mat aus. verkündet zum Schein die Polittk des Status quo im Orient, im geheimen trifft es aber alle Vorbereitungen, um ihn eines Tages mit möglichster Leichttgkett umzustoßen. Deshalb arbeitete es allen Projetten, die das türkische Reich wirtschaftlich und militärisch stärken sollten, entgegen; sowohl der Befestigung des Bosporus tote der Verstärkung der Streitmittel und der Sanierung der Finanzen. So mußte sich Rußland auch diesem Dahnprojett, das einen so gewaltigen Teil cyrs osmanischen Reiches wirtschaftlich zu eittwickeln besttmmt war, widersetzen, aber fein Widerstano war nicht unüberwindlich, da ihm feinerlei Recht zugrunde lag. Rußland könne doch unmöglich das ganze türkische Reich als seine aus seht test! iche Domäne betrachten, sagte der Staatssekretär Graf Bülow dem russischen Dot- schafter. und wenn Deutschland auch Hern die be- fondere'n Interessen Rußlands in Konstantinopel anerkennen wolle, so könne es sich doch seine wirt- fchaftlichen Beziehungen in Kletnaflen nicht ver- tümmci-n lassen, zumal es dort mit russischen wirtschaftlichen Unternehmungen gar nicht zu- fainmenstoßen könne. Der russischen Opposition schloß sich Frankreich an. teils als gehorsamer Bundesgenosse, teils als Konkurrent Deutschlands, da französische Kapitalisten ebenfalls Konzessionen in Kleinasien zu erwerben trachteten. Beide suchten den Sultan mit der Gefahr einer „Germanisier ung" seines Landes zu schrecken: mit den Ziffern der Bevölkerungszunahme in Deutschland suchten sie die Absicht der deutschen Regierung, Kleinasien zu kolonisieren, zu erweisen. Weit weniger Gegnerschaft bewies England. Es hat sogar zuerst aus Abneigung gegen Rußland und
amb Ansprüche sämtlicher europäischer Großmächte kreuzten, sie stand auch mtt den indischen und ostasiatischen Fragen in unmittelbarem und .mittelbarem Zusammenhang, da ein Schienenweg .durch Mesopotamien die Sicherheit Indiens und 'damit die Machtstellung Englands und den englisch-russischen Gegensatz in Asien berührte. Jede Wendung der internationalen Politik muhte somit Mal den Bahn bau hemmend oder fördernd ein- teilten. Es ist daher verständlich, daß die neue Serie der Alten des Auswärtigen Amts (Die yrvße Pvlttik der europäischen Kabinette 1871 bis 1914 Bid. 13 bis 18) dieser Angelegenheit ein besonderes Kapitel widmet, in dem wir über die Anfänge des Dahnbaues bis 1900 aufgeklärt weiden. Der friedliche Charakter der allgemeinen deutschen Politik kommt gerade hier zum deutlichsten Ausdruck: Obgleich die Dagdadbahn besttmmt war. der deutschen Wirtschaft ein neues Arbeitsfeld zu gewinnen so wurde doch peinlich vermieden, in fremde Interessensphären einzu- ateifen oder die neu zu erschließenden Länder für Deutschland mtt Beschlag zu belegen: im Gegenteil das Ziel war friedliche Zusammenarbeit mit


