Ur. m
Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags, mit d. Samstagsbcilage: GießenerFamilier.dläller monats--üc3ur$vreis:
2®olbir.arh u. 20 Goldpfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Fernspr cch--2lnschlnsse: für die Schriftleitung 112; für Verlag und
Geschäftsstelle 51.
Anschrift für Drahtnachrichten: AnieigerSietzen.
Postscheckkonto:
Frankfurt a. !R. 11686.
Erster Blatt
Druck und Verlag: »rühl'sche Univerktäls-Luch- und Lteindruckerei it. gange in Siehrn. Schristleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jedeVerbindlichKeit. Preis für -mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich8, auswärts 10 Goldpfennig; für Ne- Klame-Anzeigen D.70mm Breite 35 Goldpfennig, Platzvorschrift 20°/, Aufschlag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: vr.Friedr.Wilh. Lange; für den übrigen Teil: Ernst Vlumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.
^4. Jahrgang Momag, \2. Mai (924
iehenekAn;eiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Die Eröffnung der ersten Kölner Messe.
Des Reichspräsidenten Besuch im besetzten Gebiet. — Eine Rede Eberts. — Minister Severing gegen eine Zerschlagung Preutzens. — Der Reichskanzler über die Sachverständigengutachten.
Köln, 11. Mai. (Wolff.) Der Reichs-. Präsident traf heute vormittag 9^', LIhr, begleitet vom Minister des Aeußsrn Dr. Strafe- mann, Reichswirtschaftsminister Hamm und Staatssekretär Meißner, hier ein. Er wurde auf dem Bahnhof vom Oberbürgermeister, dem Regierungspräsidenten sowie dem bereits gestern emgetroffenen Reichskanzler und dem preu- hischcn Minister Severing begrüßt Heute vormittag fand im großen Saal des Gürzenich die feierliche Erösinung der ersten Kölner Messe in Gegenwart des Reichspräsident en statt. Don der Reichsregierung waren außer dem Reichskanzler unb Außenminister die Minister Höf le und Hamm, von der preußi- flhen Regierung die Minister Severing. Sie- ring und Hirtsief er anwesend. Unter den Gästen bemerkte man auch den Erzbischof von Köln Kardinal Dr. Schulte, den Oberpräsidenten von Westfalen, Granowski und den Regierungspräsidenten von Köln, Adelman, sowie eine größere Anzahl höherer Beamten der Reichs- und Staatsbehörden. Der große Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Rach einem Orgelvortrag und dem Stroußschen „Festlichen Präludium" ergriff Oberbürgermeister Dr. Adenauer, der Vorsitzende des Aufsichtsrots der Kölner Messe, das Wort zu einer Begrüßungsansprache und bat den Reichspräsidenten, die erste Kölner Messe zu eröffnen. Bon allgemeinem Beifall begrüßt, ergriff darauf
Reichspräsident Ebert
das Wort. Er erwiderte auf die Ansprache des Oberbürgermeisters.zunächst mit Worten des Dankes für die freundliche Begrüßung und fuhr dann fort:
„Wir sind Ihrer Einladung, mit Ihnen zusammen die erste Kölner Messe zu eröffnen, gerne und mit besonderer Befriedigung gefolgt.
. Unsere Anwesenheit in der Hauptstadt des Rh.in- landes am heutigen Lage soll Ihnen, soll der Stadt Köln und dem besetzten Gebiet erneut bekunden, daß wir mit warmem Herzen und brüderlichem Gefühl die Leiden und Röte unserer Volksgenossen im besetzten Gebiet teilen. (Bravo.) Mit gleich herzlichem Empfinden freuen wir uns des tatkräftigen Strebens. das die Lande an Rhein und Ruhr trotzdem
* seiger.. Wir freuen uns dieser unerschütterlichen Schaffenskraft, die in der Kölner Messe, dieser Schau deutscher Arbeit und deutschen ülnterneh- mingsgeistes, ihren Ausdruck ftndet. Sie haben, Herr Oberbürgermeister, der Kölner Messe die Aufgabe zugewiesen, Zentralmarkt des deutschen Wirtschaftslebens zu sein und die wirtschaftliche Bande zu knüpfen zwischen 'Deutschland und den westeuropäischen Ländern. Wir von der Reichsleitung begrüßen lebhaft dieses Streben. Fällt es doch in den Kreis unserer großen Grundaufgaben, die deutsche Wirtschaft neu zu beleben, sie $u kräftigen und ihr nach den Zerstörungen des Krieges und den Hemmungen der Rachkriegszeit
neue Entfaltungsmöglichkeiten lu schaffen. Schroff hat der Krieg unsere Handelsbeziehungen abgebrochen. In grausamer Weise Haben die Bedingungen des Friedensdft- tates den deutschen Hairdel und die deutsche Wirtschaft in drückende Fesseln geschlagen.
Besonders schwer leiden die durch, den Frie- densvertrag der fremden Okkupation verfallenen und über diesen Vertrag hinaus besetzten Länder an Rhein und Ruhr. Gebieüe, die Herz und Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens unserer Ration find. Das wirtschaftliche und soziale Leben dieser- Gebiete ist fortgesetzt starken Erschütterungen ausgesetzt, die zu einer schweren und dauernden Schädigung der gesamten deutschen Wirtschaft führen müssen. So sind uns bisher un- Zer Wille zum Wiederaufbau des durch Krieg uüd Friedensschluß Zerstörten, unsere unausgesetzten Anstrengungen, durch friedliche Arbeit wieder die Grundlagen der Lebensmöglichkeit für unser Volk zu erreichen, immer wieder durchäußere Wirtungen zunichte gemacht worden. Gleichwohl dürfen wir in diesen Bemühungen nicht erlahmen, denn nu r au f dar Grundlage der eigenen gesicherten Existenz mag diese auch hart fein an Arbeit unb Entbehrung, kann die Lösung der Frage der Reparationen durchgeführt werden. (Sehr richtig!) Wir hoffen, daß endlich Einsicht und Der- inmft in den Völkern der Welt obsiegen, daß die Zukunft unser Volk, besonders aber unsere Brüder und Schwestern im Westen, von De- brückungen verschone, deren unglücklicher Schauplatz die Lande am Rhein und an der Aiihr während des letzten Jahres gewesen sind, zum Änheil Deutschlands, aber auch
zum Schaden Europas
lind als Gift im eigenen Doltskörper. (Lebhaftes Bravo.) In schmerzvollen Oaljien, die hinter uns liegen, waren unsere Herzen und Ge- tarken stets bei ihnen am Rhein, denn hier, am ftljein, wo jeder Stein von Jahrhunderte alter keutscher Geschichte spricht schlägt das Herz Deutschlands. (Sehr richtig!) Der Rhein ist hr deutsche Schicksalsstrom und das Kinn bild deutschen Volkstums, teuer und heilig jedem Herzen, das sich zugehörig fühlt
zur Gemeinschaft des deutschen Volkes! (Bravo!) Eng und unlösbar sind die Bande, die dieses >Land und seine Dewoh.'.er mit dem gesamten Vaterland verbinden,' gemeinsames Anglück ^hat sie noch härter geschmiedet und im Feuer hundertfacher Drangsal haben sie sich vor aller Welt als stärker bewährt als fremde Waffen. Dies Land und dies Volt sind deutsch und werden deutsch bleiben. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Tausendjäh.rge Bande gemeinsamer Kultur und gemeinsamer Geschi chte trotzen allen Gegensätzen ve3 Tages und asten Wirren der Zric!
In diesem Gcfü.le unserer Gemeinschaft ist es mir eine 'hohe F eude, Ihnem meine Da neu uno Herren.und in Ihnen alle unseren Brüdern und Schwestern im Rheinland und in Westfalen an dieser historischen Stätte den Gruß der deutschen Republik überbringen und hier den
Dank des gesamten deutschen Volkes für ihr treues Ausharren
sowie die Versicherung unserer Treue zu Ihnen Ausdruck zu geben. (Beifall.) Beweg en Herzens gedenken wir heute auch der vielen un e- ter Volksgenossen, die immer noch, jedem menschlichen, Gefühle zuwider, gefangen oder aus Hof und Haus vertrieben sind. Ihnen die Freiheit und Heimat wiederzugeben, wird fte s un'cr h ißes Bemühen sein. (ZuKimmung.) Ader unser Z<el muß ein noch höheres sein, nämlich das, ihnen allen, dem ganzen Lande hier eingesichertes Dasein und die freie Entfaltung ihrer Kräfte wiederzugebeii. (Beifall.) Seien Sie überzeugt, daß es nicht leere Worte einer festlichen Stimmung sind, die wir zu Ihnen sprechen und die schnell verhallen. Kcin Opfer, das in unserer Kraft l cgl, wird uns zu schwer sein, um Ihnen, unseren Brüdern *m Westen, die Freiheit zu erkaufen. (Stürmische Zustimmung und Händeklatschen.) Schwere Lasten, die sozial und gerecht verteilt fein müssen, werden wir alle tragen müssen, um wieder mit Ihnen in freier Gemeinschaft zu- sammenKuleben, mit Ihnen als freies Volk auf freiem Grund zu stehen! (Beifall.) Uns allen, unserem ganzen so schwergeprüften Volle wollen wir wünschen, daß der Geist, den wir hier, am Rhein, fühlen, dieser Geist der Zusammengehörigkeit. derve ran twvrtungsbe- wußten Arbeit für die großen Ziele der Ration, der Opferbereitschaft für das deutsche Vaterland und seine Zukunft mehr als bisher uns beseelen und einen möge! (Zustimmung.) Auf diese Zukunft vertrauen wir trotz allem: ihr gehört unsere Arbeit, für sie tragen wir die Last der Gegenwart. In diesem festen Vertrauen grüßen wir, grüßt das ganz^ deutsche Doll heute den deutschen Rhein und das alte, schöne Köln!" (Allgemeiner stürmischer, sich Imme1' wiederholender Beifall und Händeklatschen.-
Im Ramen der preußischen Staatsregierung ergriff nach dem Reichspräsidenten
Staatsminiftcr Severing
das Wort zu einer Begrüßungsansprache, in der er ausführte: Im Ramen der preußischen Staatsregierung kann ich nur die Dankesworte wiederholen, die der Herr Reichspräsident soeben dem Oberbürgermeister für die freundliche Einladung abgestattet hat. Die preußische Staatsregierang hat Vertreter entsandt, um zu bekunden, daß sie gesonnen ist, durch eine starke Verbindung zum Ausdruck zu bringen, daß Köln, das Rheinland und Preußen zusammengehören. (Bravo.) Als Sie, Herr Oberbürgermeister, vor etwa 2 Jahren den Vertretern der Staatsregierung ihre kühnen Pläne entwickelten über die Anlage des Grünringes und die Errichtung einer Messe in Köln, da haben wir gefunden, daß nicht nur Essen, -dxnäburg und Düsseldorf, sondern auch Köln gleicherweise von einem Optimismus getragen wird, der in den Zeiten wirtschaftlichen R.ederbruchs notwendig ist, um wieder vorwärts zu kommen. Wir sind niedergebrochen, wir haben aber auch wieder aufgebaut. ES ist nicht immer so gewesen, daß wir mit Mut und Tatkraft daran gingen, wieder aufzubauen. Es hat einst ein Volk an den Wasseiu Babylons geweint, aber der Rhein ist nicht das Wasser Babylons. Wir wollen nicht weinen, sondern schaffen.
Die preußische Staatsvegierrmg begrüßt eine Stadt, die sich als nicht vollendet betrachtet, eine Stadt, die sich fertig dünkt, wird niemals zum Wiederaufbau Preußens und Deutschlands beitragen.
Darum freuen wir uns auch, wenn der kühne und optimistische Geist auch in anderen Lagern Preußens und Deutschlands vorhanden ist, denn dann werden wir von dem Wiederaufbau nicht mehr weit entfernt sein Ich glaube wie Sie an den Wagemut des deutschen Kaufmannes, an die Intelligenz des deutschen Technikers, an die, Leistungsfähigkeit des deutschen Arbeiters. Wenn auch die Lebensbedingungen des deutschen Arbeiters schwierig sind durch den zu harten Friedensvertrag, und wenn auch die Anternehmun- gen unter der harten Kriegsnot gelitten haben, so werden wir trotz alledem eine bessere Zukunft erleben. Die Messe hat auch eine große nationale Bedeutung, sie ist das Symbol des deutschen Wirtschaftslebens und ein Symbol dafür, daß das Rheinland zu Preußen und zu Deutschland gehört und daß alle Bestrebungen scheitern werden, die
darauf gerichtet sind, die Rheinlande von Preußen und Deutschland zu trennen. Sie haben in den letzten Tagen zum Ausdruck gebracht, daß Sie in einem freien und starken Preußen die beste Gewähr für ein einiges Deutschland erblicken. .
Sie haben in erfreulicher Weise den Dolks- genvfsen in Hannover ein Beispiel gegeben, daß in den Zeiten des Unglücks kein Dolksteil das Recht hat, die Kräfte zu zersplittern, sondern daß alle die Pflicht haben, die Kräfte ZusammenzuhLlten.
Mit dem dritten Alle aus den „Meistersingern", ter unter Leitung des Generalmusiüd irektors Prof. Abendroth meisterhaft zum Vortrag gelangte, schloß die Feier, woraustsich der Reichspräsident und die übrigen Gäste auf den Rundgang durch die Messe begaben. Dor dem Gürzenich und in den anliegenden Straßen hatten sich inzwischen Tausende angesammelt, die den Reichspräsidenten auf der Fahrt zum Messegelände mit stürmischen Hochrufen begrüßten. Der Reichspräsident begab sich dann zum Rathaus, von der Menschenmenge, welche die Straßen füllte, mit llebhaftem Beifall begrüßt. Im Rathaus wurde der Reichspräsident von dem Oberbürgermeister Adenauer im Ramen der Stadt feierlich st willkommen geheißen. Rach dem Empfang ließ sich der Erzbischof Kardinal Schulte dem Reichspräsidenten vorstellen. Später stattete der englische Kreis- bclcgierte in Köln. Pigott, dem Reichspräsidenten einen Besuch ab.
Der Besuch der Messe war bereits am ersten Tage außerordentlich stark.
Seit dem frühen Morgen wälzte sich ein ununterbrochener Strom von Besuchern nach dem Messe- gelände, der sich bei dem nach der offiziellen Er öffnungsfeier statt find en den Rundgang desReichs- präfidenten durch die Messe bis zu einer fast beängstigenden Fülle steigerte. Dis heute sind allein 83 030 Ei ckrcktskarten ausgegeben worden. Bemerkenswert ist, baß auch an dem ersten Tage das Geschäftliche in bedeutendem Umfang zu seinem Recht kam. Deßinrnte Rückschlüsse auf die geschäftlichen Erfolge läßt der Eröffnungstag naturgemäß nicht zu. Rege Kauflust besteht besonders in der Textilbranche. Auch Solinger Stahlwaren und der Ledermarkt haben bereits gute Abschlüsse zu verzeichnen. wobei bei diesen die Bevorzugung von Luxusartikeln zu bemerken war. Zurückhaltend blieb man naturgemäß ii der technischen -Halle, wo erst eine vergleichende Prüfung, die an rußigen Tagen möglich sein wird, zu größeren Abschlüssen führen wird. Das Wichtigste aber ist, daß der Eröffnungstag die Grundlage zu einem gifunben Op.imismus gelegt hat, der bei den Ausstellern und Besuchern deutlich hervortritt.
Bei dem am Abend in Gürzenich veranstalteten Festmahl danke der
Reichskanzler Dr. Marx
im Ramen des Reichspräsidenten und der übrigen Ehrengäste für die herzliche Aufnahme. Er ging dann gaf den Kampf gegen die Inflation, die durchgefuhrte Stabilisierung der Währung und die Sachverständigengutachten des näheren ein und fährt fort: Leiche ist uns in Berlin der Entschluß, die Vorschläge der Sachrerftänbigen als Grundlage einer wenigstens vorläufigen Regelung des Reparationsproblems anzusehen, wahrhaftig nicht geworden. Wären uns andere Möglichkeiten offen geblieben, hätten wir auch nur die leiseste Hoffnung gehabt, auf anderem Wege zum .Ziel der Befreiung des Ruhrgebiets und der BZceiur.g Deu'schlands zu gelangen, n emanb von uns hätte auch nur einen Augenblick gezögert, diesen Weg zu gehen. Aber die deutsche Äußetipolitik 'vollzieht sich in der Lage, in brr wir uns nun mal befinden, z w am g s l ä u f i g. Wer zur Rettung doktrinärer Ideen ein Dolt zu Tode Heyen will, mag das mit seinem Gewissen ausmachen. Für uns galt es. iinAah men des. Erreichbaren das Destmöglichste aus einer gegebenen Situation hr rauszuholen. Wer uns das zum Dorwurf macht, muß den Beweis liefern, daß er es besser versteht. Wir sind keineswegs gegenüber den negativen Sei en des Gutachtens blind: aber um zu dem zu kommen, was uns meines Erachtens am a.llrnötigsten tut, zu einer Atem- und Erholungspause, mußten wir das Gutachten am»ehmen. ftlm dem Sachverständigenbericht naüzukommen, muß jedoch die f skalische und wirischaflliche S o u- beränl iät Deutschlands in den besitz len G - bieten wieder hrrgestellt werden, hinter dieser Voraussetzung haben wir grundsätzlich den Doi- schlägen zugestimmt Wie auch immer Parlament und Regierung zusammengesetzt sein mögen, in
) dieser Frage müssen sie sich klar und unzweideutig entscheiden, und ich g'aube. d'ese Entscheldung kann nur In einer Richtung erfolgen.
*
Reichspräsident Ebert empfing nachmittags S t u d e n t e n a 5 d r b n u n g e a der Kölner, Bonner und Aachener Hochschulen Am späten Rachmittag stattete der Reichspräsident dem Kölner Stadion einen Besuch ab, wo er von einer nach Tausenden zählenden Menschenmenge, die bei herrlichem Weber den sportlichen Veranstaltungen beiwohnte, b.grüßt wurde
Der Ruhrkampf.
lieber dem Ruhrgebiet lastet außer dem Druck der Besetzung nun auch die schwarze Wolke des Streiks. Mehr als eine halbe Million Bergleute, mindestens 90 vom Hundert der Belegschaften fahren nicht in die Gruben. Sie streiken, weil sie die verlängerte Arbeitszeit nicht mehr einhalten wollen, oder sie sind ausgesperrt, weil sie nur 6—7 Stunden arbeiten wollen. Es ist ganz dasselbe. Das Ah? kommen mit den Bergherren, das eine 8—Zuständige Schicht unter Tage vorschrieb, ist am 1. Mai abgelaufen. Die Erneuerung des Abkommens verzögerte sich. Die Arbeiter stellten höhere Lohnforderungen, denen die Zechenverwaltungen trotz ihrer Sorgen und trotz der erschwerenden Micumverträge insofern nachkamen, als sie sich bereit erklärten, in allen Revieren höhere Löhne als in der Vorkriegszeit zu zahlen, im Ruhrrevier 15 Prozent mehr. And dies, obwohl heute in vielen Revieren die Leistung pro Mann und Schicht nur 70 Prozent der Borkriegsleistung beträgt! Die Arbeitgeber wiesen nach, daß die Lohnerhöhung für sie ein Opfer von 8V2 Millionen Goldmark monatlich bedeutet. Die Gewerkschaften weigerten sich, den neuen Vor- schlägen zuzustimmen. Darauf sprach der Reichsarbeitsminister Brauns durch verbindlich erklärte Schiedssprüche die Verpflichtung zur Fortsetzung der Mehrarbeit aus. Die Folge waren Sabo- tierung der Schiedssprüche, Arbeitsverweigerung, Streik und Aussperrung.
Dies der Gang der Dinge bis zum „Kriegsausbruch". Der Kampf, der jetzt tobt, geht rein wirtschaftlich betrachtet, um eine Arbeitszeit, die der Kohlenindustrie und damit zusammenhängend natürlich auch der Metallindustrie die Fortsetzung ihrer Erzeugung ermöglicht. Der Konflikt bringt dem Bergbau auf jeden Fall große Schäden. Denn die Industrie steht unter der Last der ReParationS-l Verpflichtungen, die um so schwerer drückt, ate das Liefersoll trotz der Verminderung oder des gänzlichen Ausfalls der Förderung unverändert bleibt, zumal an die Stelle der prozentualen Anteile in der Förderung, neuerdings wieder die feststehenden Ziffern von Spa getreten sind. Die Micum kennt feine Gnade. Sie besteht auf prompter Weiterlieferung, droht, gegebenenfalls Beschl a g- n ah men vorzunehmen und weitere Zechen der Regie einzuverleiben. Ein Glück, daß die Kohlenvorräte im Augenblick sehr groß sind. Das Liefersoll an die Franzosen und Belgier ist für die nächste Zeit gedeckt. Auch die Eisenbahnen verfugen im Augenblick über reichliche Vorräte, die dem Friedensstand wieder einigermaßen gleichkvmmen. Die Kokereien und die allgemeinen Notstandsarbeiten können durch das Beamtenpersonal einigermaßen aufrechterhalten werden. Wenn aber der Streik länger dauert als die Vorräte reichen, was dann? Die Arbeiterschaft ist zur Zeit finanziell sehr schwach. Kassen, die den Streik bezahlen könnten, sind nicht vorhanden. Nach dem neuen, von den Arbeitern durchgesetzten Lohn- shstem sind nur ganz kleine Lohnbeträge rückständig. Sie werden bei der Auszahlung infolge der willkürlich verminderten Arbeitszeit auch noch gekürzt werden. Wenn nun der letzte Pfennig verbraucht ist und immer noch Arbeitskrieg herrscht? Die warme Mittagssuppe, die in den Städten des Ruhrgebiets auf Gemeindekosten verabreicht wird, tut es nicht. Verbitterung, Aufruhr, .Plünderung werden die Folge sein. Darauf warten nur die Kommunisten. Es besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen diesem angeblich reift wirtschaftlichen Kampf und den letzten Zurüstungen der linksradikalen Politiker. Schon die Machtprobe, die am 1. Mai einsetzte, war durch eine wüste Hetze vorbereitet. Ein Sabotageakt folgte dem andern. Dann kam der kommunistische Erfolg bei den Reichstagswahlen des 4. Mai. Die Antersuchung in der Angelegenheit der russischen Handelsver- tretung in Berlin, die zu dem diplomatischen Konflikt mit Moskau führte, gewährt voraussichtlich einen aufklärenden Blick in den politischen Hintergrund des neuen Ruhrstreiks. Der Plan der Kommunisten ging offenbar dahin, die durch ihre Wahlerfolge aufgeputschten Anhänger zuerst im Ruhrgebiet, dann im ganzen Reiche in eine politischeMassen- bewegung hineinzutreiben. Die Regierung, die sich gewiß alle Mühe gibt, in den Streit


