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Blatt

V4- Jahrgang

Donnerstag, fl. Dezember 1924

General-Anzeiger für Oberhessen

t)m(f tmb Derlag: VrilhNsche Univerfttätr-vuch- und Steinöruderei R. £nnie in Gießen. Zchriftieitung und Geschastrftelle: S^iiTHra^e 7.

Uooadwe von für die lagetnummtt bis zum Nachmittag vorher ohne jedeDerblndlichstett.

Pre»» für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Dreile örtlichS, auswärts 10 Goldpfennig; für Ne- Klome-Anzeigen oJOiiim Dreile 35 Goldpfennig. Playoorschrift 20' .Aus- schlag - verantwortlich für Politik u. Feuilleton: l)r Friede Wilh Lange; für den übrigen Teil: Ernst Dlumschein, für den Anze>genle»I: Han» Deck.

sämtlich in Gießen.

Die deutschen Mahlen und das Ausland.

In einer Lebe, die er während der -nun glücklich hinter unS liegenben Wahlkampagne in Berlin gehalten hat, behauptete der Abgeordnete von Aardorff, eS gäbe in der Politik keine anständigen und keine unanständigen, sondern nur richtige oder falsche Ansichten. Wir schätzen Herrn von Kardorfs als einen wahrhaft vornehm denkenden Mann, aber hier hat er aus lauter Vornehmheit übersehen, daß sich in des Politik, vor allem bi der Wahlpolitik, nicht bloß die vornehme, sondern leider auch die u n vor­ne h m e oder, sagen wir geradezu die schäbige Gesinnung betätigt, dah sie sich diesmal in einem AuSmaß betätigte, wie man es früher nie­mals für möglich gehalten hat. Herr von Kar- borff hat in jener Rede den Verdacht geäußert, dah die Drohungen, mit denen und die P r e s s c deS feindlichen Auslandes bedacht hat für den Fall, dah wir eS wagen fotlten, rechts zu wählen, .Made in Germany" seien, und dieser Verdacht war vollaus begründet. Wenn, um nur ein Beispiel herauszugreisen, das Lon­doner So-ialistenblatt .Daily H e r a l d" einige Tage vor der Wahl berichtete, der englische Auhenminisler Chamberlain und der fran­zösische Ministerpräsident H e r r i o t feien bei ihrer Pariser Besprechung für den Fall erheb­licher Wahlerfolge der deutschen Rechten dahin übereingekommen, die Besetzung der Köl­ner Z o n c bi« auf weiteres fortbauern und die englifchen Defatzungstruppen durch fran- zösische ablöfen zu lassen, so kann es gar keinem Hw eitel unterliegen, dah diese Stinkbombe den englischen Sozialdemokraten von ihren deutschen Genossen geliefert worden ist.

Wie verhält sich denn nun in Wahrheit das Ausland zu den deutschen Wahlen'< Run, es stellt sich heraus, dah der böse Mumm-Mumm, mit dem man die politischen Kinder in Deutsch­land schrecken zu können vermeinte, nicht halb so gesährlich ist, wie er von der Linken abkonter- seit wurde. Im allgemeinen ist die englische und französische Presse, soweit sie nicht absolut deutsch- fresserisch eingestellt Ist und eS mit dem Grundsatz hält: ..Tut nichts, der Deutsche wird verbrannt" mit dem Wahlergebnis durchaus zufrieden. Sie verzeichnet mit Genugtuung die schweren Ver­luste der radikalen Fiügelparckeien und führt sie wie z. D. daS LondonerDaily Chronicle", das Blatt Lloyd Georges darauf zurück, dah man sich in England und ist Frankreich entschlossen hat. Deutschland anständig zu be­handeln, statt es nach dem Rezept PoincarSs zu demütigen und zu brutalisieren. Aehnliche Gedanken äußert die liberaleWestminster Ga­zette". sie schreibt, es fei schon lange deutlich gewesen, dah die Politik der Bedrückung und der Geringschätzung gegenüber Deutschland gegen die­jenigen zurückwirken werde, die sie anwandten. Poincarä habe auf dieser Politik bestanden bis die französ scheu Wähler erkannt hatten, dah sie ebenso nachteilig für Fran kreich wie ruinös für Deutschland sei, und seitdem die politische Atmosphäre besser geworden fei, hätten sich auch die Verhältnisse in Deutschland gebessert, wie durch den Aus- sall der Reichstagswahlen bewiesen werde.

Run, was unS anbetrifft, so haben wir von einer Besserung der politischen Atmosphäre noch wenig bemerkt und von einem Bruch mit der Politik der Drangsalierung und der Demütigung Deutschlands gar nichts. GS steht fest, dah Eng­land und Frankreich übereingelommen sind, die Kölner Zone zum vertraglich festgesetzten Termin des 10. Januar nicht zu räumen, und das bedeutet einen Sch ag ins deutsche Antlltz. wie ihn bruta'er und schmählicher auch Poincars uns nicht versetzt hat.

Auch die konservativen Zeitungen in England und die deutschfresserischen vom Schlage der .Daily Mail" und derQKoming Post" sind mit der Zurückdrängung der nationa­listischen und kommunistischen Radikalinskis höch­lichst zufrieden, ebenso wie die chauvinistischen Pariser Blätter. Ader klarer, als ihre liberalen Kollegen haben sie doch die Tatsache erkannt, dah die Dezember-Wahlen nichts an­bered sind, als eine Bestätigung de r Ma t- wählen in dem Sinne, dah das deutsch? Volk von dem für England und Frankreich so überaus bequemen Internationalismus nichts wissen will und dah es sich je länger desto mehr auf fern deutsches Volkstum und seine deutsche Würde besinnt. Dieses Pentagramm macht ihnen Pein. .Daily Telegraph" findet, dah der Stoß gegen die Feinde der Republik nicht so stark gewesen sei, wie man erwartet habe, und man müsse sich mit dem Ausdruck der Teilnahme für eine Ration be­gnügen. die unfähig fei. gesunden Verstand und gute Ordnung in ihr politisches Wesen zu bringen. Aehnlich klingts aus den Spalten der .Times", und die .Morning Post" zetert über den .an­maßenden Geist", der auS den Wahlreden sprach, erinnert an den .verwegenen Versuch" des Kanz­lers, die deutsche Kriegsschuld zu bestreiten.

Mer daS alles Ist nur jene berüchtigte Heuchelei, die man in England .Cant nennt. Dickens hat sie uns in der Person des greulichen Tlriah Heep in dem Roman .David Copperfield" lebendig vor Augen gestellt und in England, dem Lande des Cant, gibt es viele solche Uriah Heeps Geben die Engländer bei den Wahlen ihr Votum gegen die sozialistischen Weltver­besserer von der Art Macdonalds ab. so sind sie a very good People, tun wir dasselbe, so sind wir ein Volk, dem man feine Teilnahme trtbmcn muh. well es nicht versteht, Ordnung K feine Verhältnisse zu bringen. Vravo Uricch

Rücktritt der Reichsregierung.

Gröhe Koalition oder Rechtskoalit on.

Berlin. 10. Dez. (WTD.) Amtlich. DaS RelchSkabioett beriet heute nachmittag über die durch die Wahlen geschaffene politische Lage. Dach eingehender Aussprache entschied sich das Kabinett dahin, dah es alsbald zurück­treten werde. Der Reichskanzler wird sich mit dem Reichspräsidenten wegen deS Zeitpunktes deS Rücktritts inS Benehmen fetzen.

Heber den Verlauf der gestrigen KabinetiS- fihung verlautet folgendes: Der Kanzler be­richtete eingehend über den Ausgang der Wahlen und die durch diesen geschaffene Ver­schiebung der P a r t c i ft ä r l c n. In der anschließenden Aussprache lieh der Reichsaußen- Minister Dr. Etresemann deutlich zum Aus­druck kommen, dah die Deutsche Volks- Partei nur für einen Rechtsblock zu haben sein werde. Die Sitzung dauerte von 5 Ufjr nachmittags bis gegen 9 Uhr abends. Einem Mitarbeiter der ,.D. 21. Z." gege ü?cr li h Vizekanzler Dr. Jarres keinen Zweifel dar­über, dah er keinem neuen Kabinett b e i t r e t e n werde. Ob Minister Hamm einem neuen Kabinett bei etwaiger Beteiligung der Demokraten oder als Fachminister sich zur Ver­fügung stellen wird, steht noch dah n. EZ ist un­gewöhnlich. dah der Termin des Rücktritts erst durch eine Konferenz zwischen dem Reichs­präsidenten und dem Kanzler festgesetzt werden soll. In diesem Falle bedeutet der Rücktritts- beschluh eine Klärung der politischen Lage. Es wäre zu hoffen, dah die Bildung einer großen staatsbürgerlichen Regierung der Dolksparteien nunmehr möglichst rei­bungslos vonstatten geht.

Soweit bisher bekannt geworden ist, hat Reichskanzler Marx gestern abend nach dem Rück- trittsbeschluh des Kabinetts noch nicht ein­gehend mit dem Reichspräsidenten Fühlung ge­nommen, so dah erst im Laufe des morgigen Tages bekannt wird, welche Entscheidung der Reichspräsident auf Grund des Vortrags deS Reichskanzlers treffen wird. Don dieser Ent­scheidung wird im wesentlichen der weitere Fort­gang der gestern eingeleiteten Kabinettskrise ab- hängen. Wie auch schon in der Presse angedeutet wurde, bestehen theoretisch mehrere Möglichkeiten der neuen Kabinettsbildung, praktisch kommen dafür aber fast ausschließlich eine große Koalition von der Volkspartei bis zu den Sozialdemokraten oder eine Rechts- Koalition der Deutschnationalen, der Deutschen Volkspartei, des Zentrums und einiger kleinerer Parteien mit oder ohne Demokraten in Frage.

Bisher ist in Berlin nur der Parteivorstand der Deutschen Volkspartei zu entscheidenden Be­ratungen zusammengetreten. Die DeutschnaLio- nalcn werden am Freitag eine Sitzung abbaflen. Viel wird von dem ebenfalls noch ausstehenden Beschluß der Demokraten abhängen, welche Stel­lung der bisherige Reichswehrminister

Heep! Im übrigen halten wir es mit Goethes Wort:

"Mag auch der Spitz in Rachbars Stall

Mit Bellen uns begleiten

Seines Bellens lauter Schall

Beweist uns. daß wir reiten!

Unb wir reiten weiter auf dem Wege zur nationalen Sammlung und - zum nationalen Selbstbewusstsein. Täten wir es nicht, liehen wir uns die Bahnen unseres nationalen Lebens von den in Deutschland lebenden Internationa­listen und vom Auslande vorzeichnen, so würde uns daS Ausland verloren gehen, wie wir unS selbst verloren gehen mühten.

Gegen das Arbeitszeit- abhommen.

Beschlüsse des Deutsche» Jndustrie- mtb Haudclstastes.

Berlin. 11. Dez. (TU.) Unter dem Dor- sitz seines Präsidenten Franz v Mendels­sohn beschäftigte sich gestern der Hauptaus- fchuh des Deutschen Industrie- und Hanoels- tages mit dem Washingtoner Arbeitszcitabkom- men. Geh. Kommerzienrat Dr. Konrad v. B o r » sig, Vizepräsident der Industrie- und Hanoels- fanuncr zu Berlin, stellte fest, dah die Ver­einigten Staaten die Ratifizierung endgültig abgelehnt haben, und dah England die Bestimmungen des Abkommens nur in beschränktem Umfange bei sich durchführen will. Auf Grund seiner sehr ein­gehenden Ausführungen nahm der Hauptaus- schuh eine Erklärung einstimmig an, in der eS xl a. heißt:

Der Deutsche Industrie- und Handelstag lehnt eine Ra i i icrung des Wcsh ngto -Arbcits- ze labkommens ab, weil sie dem deutschen Wirt­schaftsleben keinerlei Vorteile, sondern nur schwere Schädigungen und Ge­fahren bringen kann. Das deutsche Doll muh sich die freie Verfügung über die G e° Haltung der Arbeit erhalten, damll es -ederzeit feine Existenz sicher stellen und dm exn- aeqongenen Verpflichtungen gerecht werden kann. Solange dem deutschen Dolle die Lasten des Krieges ganz allein aufgebürdet sind, fron es sich hinsichtlich der Arbeitszeitdauer nicht der

Gehler einem ReichSkabinett gegenüber ein­nehmen wird. Rimmt Reichspräsident Ebert die Demission des Kabinetts ohne wei­teres an. so wird als erste Frage die nach einem neuen Kanzlerkandidaten auftreten. Mut­maßungen. dah ein Sozialdemokrat diese Ausgabe übernehmen würde, liegen kaum vor. Aus der anderen Seite scheinen auch Parteien, die an sich eine Rechtskoalition begrüßen wär- den, die Aufstellung eines deutschnatio­nalen Kanzlerlandidaten nicht für be­sonders opportun zu halten und so bleibt es das Wahrscheinlichste, daß der Reichspräsident nach Anhörung der Parteiführer zuerst den bisherigen Kanzler Marr oder den bisherigen Außen- Minister Stresemann fragen wird, ob fic bereit sind, ein nach rechts erweitertes, dem jetzigen ähnliches Kabinett oder ein ausgesproche­nes Rechtskabinett zu bilden. Doch muh man mit einer mehrtägigen Wartezeit bis zur 6nU scheidung dieser ersten grundlegenden Frage rechnen.

Die Volkspartei für den Burgerblock

Berlin. 11. Dez. (Lok.-Anz) Gestern vor- mittag um 11 Uhr ist der P irteivorstand der Deutschen Dolkspart?i in B t zu e ner Be­ratung zusammrngetretm, in der es sich in erst er Linie um die Reubildung der Retchs- regierung handelt. DasD T" m ldet, daß sich die Sitzung bis in die Abend,tund.n hin- zog. Wie schon nicht mehr zwnfelhast war,gch:n die Absichten des Parte Vorstandes einmütig dahin, die kamn^nd.m A g erungsv.n h ndiungen nur auf der Basis des Bürgerblocks zu führen. An der Sitzung nahm auch Dr. Stresemann teil, der dafür e ntrat, auf der Grundlage der früheren Beschlüsse zu verharren und sich an der Kabinettsbildung im Reich und in Preuhen zu beteiligen.

Zentrum und Rechtskoaiition.

Berlin, 11. Dez. (Priv.-Tel.) Die .Ger­mania "schreibt zur Kanzlersrage: Es ist nicht gut möglich, dah ein Kabinett mit deutschnafonal- vill Sparteiwicher Mehrheit unter Zentrums- fübrung stehen kann. Glaubt Herr <5tref e» mann, mit einem Rechtsblock die von ihm bisher betriebene Politik weiter verfolgen zu können, so wäre es das Beste, er übernehme f e l b st die Füh­rung dieser Regierung, lieber die Haltung des Zentrums zur Regierung überhaupt sagt das Blatt, das Verhalten des Zentrums zu jeder Re­gierung fei und bleibe dadurch bestimmt, ob sich die lünftige Politik auf der alten Linie be­wegen werde. Auch andere Dlätteräußerungen lassen den Schluß zu, dah gegenwärtig die Dürgerblockregierung mit Einschluß der Deutschnationalen größere Aussichten auf Verwirklichung habe, als die große Koalition. Als Kanzler her qcrblodregieiung wird von meh­reren Blättern Dr. Stresemann genannt.

Kontrolle feiner Kon kurrenzstaaten ausliesern, sondern muh mit allen Mitteln auf die Steigerung feiner Gütererzeugung bedacht fein.

In einer zweiten Entschließung heißt es u. a.: Das jetzt nur als Rotbehelf eingeführte Vor- auszahlungssystem für Einkommen- und Körperschaft« st euer ist seiner großen Mängel wegen schleunigst aufzuheben. Der Deutsche Industrie» und Hand'lstag fordert unverzügliche Vorlegung eines Gesetzentwurfes zur Aenderung des Einkommen- und Körper- schaftssteuergesehes. schnellste Vornahme der en d- gültigen Veranlag ung zur Einkommen- und Körperfchastssteuer 1924 sowie Anrechnung bzw. Rückzahlung etwaiger gezahlter Dovaus- zahlungen.

Die Pariser Wirtschafts- Konferenz.

Paris, 11. Drz. (Sil.) .L'Avenir". das Blatt Millcrands. brfchä tigt sich an leckender St ile mit den d utsch-franz s schon Wittschafts- verhandlungen. Die auf gestern angesetzt: Voll­sitzung mußte auf Montag vertagt wer­den. DaS lasse, fo schreibt ,2'Avenir". nicht auf einen raschen Fottg.?nz der Besprechung n schl e- ßen. Tatsächlich bestünden zw scher b.'iden $ar« te en weitgehende Weinungsversch e den heil en. die sich durch das b sher ange­wandte Verfahren n.cht leicht aus dem Wcge räumen lasten werden. Die Sachverständigen stell­ten fragen, über die eine Verständigung nicht erzielt werden konnte, einfach zurück und nahmen, ohne zu dem gcr ngften Ergebnis gelingt zu fein, andere darauf olgende Verhandlungsgegra- stände in Angrift, so daß ein tatsächlicher Fort­schritt überhaupt nicht zustande kommen tonn. Man bat sestgestclft, führt das Mitt to -iter aus, daß der W verstand d r deutschen Uckerhändler fett den Wahlen, die den Rechten e ne.i E.folg bechert haben, sich verstärkt hat. Zu welchem Ergebnis werden die De prechungen ühren? Mit Bestimmtheit lasse sich n chts voraussag n. doch liegen hier wen g'tens Anzeichen vor. die er­kennen lassen, daß die Pol.tck Herrwts Frank­reich nur neue Enttäuschung br ng n werde. Der Schluß des Art.kels ergeht sich in scharfen Angriffen auf bie Regierung, d e durch vorschnelle Räumung des Ruhrg.b e.es d e gegenwärtige Lage verursacht habe.

Englands Außenpolitik Chamberlain über die Tloroffofraqt und die Bcsalnrnasverlängerttug für

Köln.

Rom. 11. Dez. (TU.) Chamberlain cr- klärte bei einem Prefseempsang in der englischen Botschaft auf eine 21 tfrage italienischer Journa­listen. es sei in Unterredungen sowohl mit Herriot wie auch mit Mussolini über Marokko ge­sprochen worden, aber nur im allgcmci non. Die Politik der neuen englischen Regierung ziele daraus, eine ilebereinftimmung aller Ratio nen herbeizusübren. die ein Interesse an dieser Frage hätten. Dazu brauche man aber Zeit. In einer Unterredung von wenigen Stunden hätte kein greifbares Ergebnis erzielt werden können. Demgegenüber hält der englische Berichterstatter desReuyork-Herald" daran fest, daß Chamber Iain mit Frankreich und Italien ein Geheim abfommen in der Marokkofrage ge­troffen habe Der Wortlaut deS Abkommens werde vorausfichllich erst veröffentlicht werden, sobald der Minister es feiner Regierung unter­breitet habe

Auf eine weitere Frage, ob die englische Regierung das Abkommen mit Frank - reich von 1904 als noch in Kraft stehend betrachte, antwortete Chamberlain auswei­chend. lieber das Genfer Protokoll be­fragt. gab Chamberlckin der Meinung Ausdruck, der neuen englischen Regierung müffe 3c i t gelassen werden, diese ^rago gründlich zu studieren. Das fei der einzige GkHind für den englischen Antrag.

Die französischen Pressevertreter in Rom be­richten ferner über aufsehenerregende Äuße­rungen Chamberlains über

die Räumung der Kölner gone.

Rach dem Bericht desPetit Parisien" er­klärte Chamberlain, daß Großbritannien laut seinen mit Herriot am letzten Sonnabend gc troff enen Verabredungen die Besetzung Kölns vorläufig t>erlä»ngern de, bi- der Völkerbund in der Lage sei. die AuS' Übung b er AbrüstungSko nt rolle im unbesetzten Deutfchland wie auch in der entmilitarisierten Zone zu übernehmen. Auch nach der Räumung Köln- werde Groß- britannnien weiter am Rhein blei­ben und die Frage der Räumung werde restlos erst in einer erneuten Unterredung mit Herriot geklärt, die Chamberlain auf seiner Rückreise nach London in Paris mit dem französischen Ministerpräsidenten haben werde. Der Korre­spondent des »Petit Journal" berichtet, daß B r i a n d den Völkerbund dazu bewogen habe die Modalitäten der Abrüstungskontrolle für die Kölner Zone zur Sprache zu bringen. In den maßgebenden Kreisen ist man übereinstimmend der Auffassung, daß diese Frage jetzt nicht be­handelt. sondern erst in der Juni-Sitzung des Rates erledigt werde. Die Besetzung der Kölner Zone werde also bis zu diesem Zeit­punkt verlängert werden.

Chamberlain beim Papst.

Rom, 10. Dez. (Wolff.) Der Papst empfing heute vormittag in privater Sonder­audienz den englischen Staatssekretär des Aeu- fjern Chamberlain und den Generalsekretär des Völkerbundes Sir Eric Drummond mit ihrer Familien, sowie den spanischen Botschafter in Paris Quinones de Leon. Die Audienz mit Chamberlain, die in dem Dibl othekssaal stattsand, dauerte etwa 20 Minuten. Die Unterredung be­schäftigte sich mit den gegentoär igen Verhältnissen in Palästina unter dem englischen Mandat. Chamberlain besuchte dann den KardinalstaatS- sekretär Gaspari. Am Freitag wird er R o m verlassen und ohne Aufenthalt in Paris nach London reifen um am Montag an den parla­mentarischen Verhandlungen teilnehmen zu können. Die Tagung des Dölkerbundsrats wird voraus­sichtlich am Samstag beendet fein.

Abönderunysanträge zur englischen Thronrede. London, 10. Dez. ($U.) Die Arbeiter­partei hat den Defchluh gefaßt, zwei Ab- änberungäanträge zu stellen, in dener fie ihr Bedauern über die englische Regre- rungspolitik g aenüber Aegypten und Ruß­land ausdruckt. Auch die liberale Partei wird einen Abänderungsantrag einbringen. Die Arbeiterpartei hat ferner einen Antrag gestellt, in dem das Haushaltsprogramm der | Regierung sehr scharf kritisiert wird. Eine erste Abstimmung im Unterhaus hat 277 gegen 81 Stimmen für die Regierung er­geben. Kraft dieser Abstimmung werden bis Weihnachten die von der Regierung bevorzugten Fragen Gegenstand der Aussprache bilden.

Das bayerische Konkordat.

Vor einer parlamentarischen Krisis

München, 11. Dez. (Wolff, Funkspruch.) Auf Fce t-gnachmittag ist das P.enum des bay­rischen Landtages zu einer Vollsitzung einberufen worden, auf deren Tagesordnung das Äon- kordatmitdemHeiligenStuhlunddie beben Verträge mit den Evang. Landes­kirchen sich n. Die sozialdemokr. Frak­tion des bayrischen ßanbtageet hat einen Antrag gestellt, der die Einholung eines R e ch t s g u t - achtens der juristischen Fakultäten be-ZLanbesuniverfitäten verlangt, ob d<eBestim-