gen tut ote Landwirtschaft in ’tfrage kommen, um zu verhindern, daß die Verkäufe aus der neuen Ernte hinausgezogen werden. Ferner soll aus eine Minderung der ungebührlichhohen Spannen zwischen den Erzeuger- und den Kleinhandelspreisen hingewirkt werden, und zwar durch entsprechende Einwirkungen auf die Müllereiverbände, Viehhandelsverbände und Fleischerinnungen. Was den V ie hg r o h h an d e l anlangt, so will man durch Milderung oder Beseitigung der Handelsbeschränkungen in diesem Gewerbe den Hebel der Konkurrenz stärker als bisher einschalten. Auch auf dem Gebiete der Kartellpolitik dürfte schärfer als bisher durchgegriffen werden; es werde damit zu rechnen sein, daß die zuständigen Stellen in Zukunft namentlich von § 4 Abs. 2 des Kartellgesehes, der ein Kündigungsrecht vorsieht, Gebrauch machen werden. Auf dem Gebiete der Verkehrswirtschaft dürften ermäßigte Tarife für lange Entfernungen eingeführt werden, um einen Preisausgleich zwischen den verschiedenen Gebieten des Reiches zu ermöglichen. Auch aus dem Gebiet der Einfuhrpolitik dürsten Maßnahmen ergriffen werden, die preisdrückend wirken; es dürfte mit einer Lockerung und teilweiser Beseitigung der noch bestehenden Einfuhrverbote noch vor dem 10. Januar 1925 zu rechnen sein.
Die britische Antwort auf das Völkerbundsmemorandum.
Gegen deutsche Vorbehalte.
Berlin, 11.Oft. (Tel.-Un.) Wie be- reits gemeldet, ist die Antwort der englischen Regierung auf das Memorandum der ReichS- regierung vom 29. September über den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund gestern abend hier eingegangen. Don amtlicher Seite wird dazu mitgeteilt: Die Antwort besagt im wesentlichen, daß die englische Regierung keinen Widerspruch gegen einen ständigen Ratssitz für Deutschland erheben werde. Es wird jedoch darauf hingewiesen, daß der Zulassungsantrag nur dann Aussicht auf Annahme habe, wenn er ohne Bedingungen und Vorbehalte gestellt werde. Deshalb könne die englische Regierung hinsichtlich der übrigen deutscherseits aufgeworfenen Fragen auch keine Zusicherungen geben.
Die MiMärkontrolle.
Berlin, 10. Oft. (WTD.) Die Interalliierte Militärkontrvllkommission lieh in den letzten Tagen sogenannte Aeberraschungs- untersuchungen vornehmen, u. a. im Fort Haneberg bei Spandau und auf dem Truppenübungsplatz in Königsbrück bei Dresden. Im Fort Haneberg wurde nichts gesunden, auf Königsbrück scheinen einige Geschützrohre ohne Verschlüsse, die seit vielen Iahren zur Zieldarstellung benutzt wurden, den Grund des Besuchs abgegeben zu haben. Die Vertreter der Kommission haben sich davon überzeugt, daß diese Rohre nicht als Waffen angespro- chen werden können.
Die Uebergabe der Regiebahn in Dortmund.
Dortmund, 11. Okt. (TU.) Die Uebergabe der Regieeisenbahn erfolgt in Dortmund bestimmt in der Rächt vom 18. zum 19. Oktober. Die Truppen sollen kurz darauf, voraussichtlich am 20. d. Mts., zurückgezogen werden. Eine osftzielle Mitteilung über den Zeitpunkt der Räumung liegt zur Zeit noch nicht vor. Kündigung des Arbeitszeitabkommens
im Ruhrgebiet.
Essen, 10. Oft. (WTB.) Der Christliche, der Deutsche und der Hirsch- Dunckersche Metallarbeiter-Verband haben das Arbeitszeitabkommen vom 13. Dezember 1923 gekündigt und fordern die Wiedereinführung der achtstündigen A r b e it s z e i t. Die Verhandlungen darüber finden in Dortmund statt. Das alte Arbeitszeitabkommen läuft bis zum 31. Oktober und hatte eine zwölfstündige Schichtzeit für Feuerarbeiter und eine zehnstündige Arbeitszeit in weiteren Verarbeitungsbetrieben zur Grundlage.
Die Kulturtagnng der deutschen Bolkspartei.
Berlin, 10.Oft. (WTD.) Im großen yestsaale des preußischen Abgeordnetenhauses nahm heute die Kulturtagung der Deutschen DolkSpartei ihren Anfang. Zur Verhandlung stand das Thema: „Deutsche Kulturnot und Kulturarbeit". Der Andrang zu der Tagung war außerordentlich starf. Vom preußischen Staatsministerium war Kultusminister Dr. Doelitz erschienen. Der sächsische Vvlksbil- dungsminister Dr. Kaiser, Dresden, der thüringische Ministerpräsident Leutheußer, Weimar, u. a. hatten Referate übernommen.
Kahrs und Knillings künftige Verwendung.
München, 11. Okt. (TU.) Die in der letzten Zeit immer wieder erörterte Frage der künftigen dienstlichen Verwendung des früheren General- flaatskommissars und Regierungspräsidenten Dr. v. Kahr hat jetzt ihre Erledigung gefunden. Gestern abend ist amtlich bekannt geworden, daß durch Kabinettsbeschluh der Präsident des Verwaltungsgerichtshofs, Staatsrat Ludwig von Knözinger, die Stelle des Präsidenten der Regierung von Oberbayern einnimmt, während der bisherige Regierungspräsident v. Kahr aus die Stelle des Präsidenten des bayerischen Verwaltungsgerichtshofes berufen worden ist.
Der frühere bayerische Ministerpräsident Dr. V. Knilling wurde gleichzeitig zum Präsidenten der Staatsschuldenverwal, tunfl ernannt.
England im Wahlkampf. Der Vorsprung der Arbeiterpartei. — Beginn der Wahlreisen.— Die Frauen im Wahlkamps.
Der frühe Termin der englischen Reuwahlen hat im Lager der Konservativen und Liberalen einige Deslürzung hervorgerufen, da die zur Der- ügung stehenden drei Wochen nicht im enterntesten genügen, die englischen Wählerrnassen eingehend zu bearbeiten und den Vorsprung, den die Arbeiterpartei gewonnen hat, aufzuholen. Mit einigem Unbehagen müssen die liberalen und konservativen Blätter jetzt feststellen, daß die Arbeiterpartei sich schon seit langen Wochen auf den Wahlkampf vor - ) ereil et, ihn überhaupt zu einem guten Teil bereits .durchgeführt hat. Es läßt sich natürlich jetzt noch gar nichts über die Aussichten der einzelnen Parteien sagen, wollen aber die bürgerlichen Parteien ihre Kräfte nicht zer- plittern, so werden sie sich wohl oder ü el darüber einig werden müssen, in den siebzig Wahlfreien, in denen Arb iter, ar.e le.' bei Drei- eckswahlen als Mi. d^rhritskandioaien gewählt wurden, einen BürgcrJj;eu Kandi aten jttrüd = zuziehen, damit diese Wahlkreise für die eine oder andere bürgerliche Partei zurück.e- wonnen werden können. Bei den Konservativen hat aber dieser Plan keinen Anklang gefunden. Die Arbeiterpartei hat ihr Wchl- Manifest schon fertiggestellt und wird m.t vierhundert Kandidaten in den Wahlkampf eintreten. Die Konservativen wollen fünfhundert und die Liberalen zweihundert Kandidaten aufstellen. Die Arbeiterpartei ist sehr zuversichtlich ge- timmt, sie glaubt etwa einhundert Sitze zu gewinnen. Diese Erwartungen scheinen aber doch etwas zu optimistisch zu sein. Im oll- gcmeinen glaubt man ab.r jetzt schon, daß auch der Ausgang dieser Wahlen eine regierung sfähige Mehrheit nicht bringen wird.
Die erste« Vorbereitungen zum Wahlkampf
haben bereits begonnen, ein Zeichen dafür, dah er mit äußerster Heftigkeit von allen Seiten geführt werden wird. Die meisten Parlamentsmitglieder hmben sich bereits in chre Wahlkreise begeben, um die Fühlung mit der Bevölkerung aufzunehmen. Gegenwärtig halten sich nur noch d i e Parteiführer in London auf, um hier die Wahlvorbereitungen zu treffen. Die Wahlaufrufe der Konservativen, der Liberalen und der Arbeiterpartei werden voraussichtlich heute veröffentlicht werden. Macdonald, Lloyd George und Asquith werden schon in den nächsten Tagen große Wahlreifen durch das Land unternehmen.
Der Premierminister wird heute nach Glasgow und von dort zunächst nach den Industriezentren Süd- und Mittelenglands reisen. In allen größeren Orten wird er Ansprachen an die Arbeiterbevölkerung halten. Er wird seine Reise durch das Land im Kraftwagen zurücklegen. Am nächsten Freitag wird er in seinem eigenen Wahlkreis Aberaven in Südwales sprechen.
Auch von Lloyd George erwartet man, dah er sich mit seiner ganzen Kraft in den Wahlkampf stürzt. Auch er hat schon in den verschiedensten Orten Wahlreden angekündigt. Asquith wird sich zunächst nach Schottland begeben.
Die Arbeiterpartei ist sehr optimisttsch gestimmt und stellt eine große Anzahl von Kandidaten. auf. Viel Interesse erregen die von den einzelnen Parteien ausgestellten weiblichen Kandidaten. Die Arbeiterpartei steltt allein zwölf Frauen als Kandidaten auf, darunter drei, die schon dem bisherigen Parlament angehörten. Die Konservativen werden sieben weibliche Kandidaten aufstellen, darunter Lady Astor und die Herzogin von Atholl, b:e auch dein bisherigen Parlament angchörten. Die Liberalen stellen vier Frauen als Kandidaten auf. Zwei von ihnen haben bereits dem letzten Parlament angehört. Viel Interesse wird auch der Tochter des Premierministers, Miß Isabell Mac - ponald, entgegengebracht, die während der Amtszeit ihres Vaters dem Haushalt vorgestanden hat. Sie wird für ihren Bruder Malcolm Macdonaild, der als Kandidat der Arbeiterpartei in Rottinghamshire aufgestellt ist, im Wahlkampf sprechen, da dieser sich gegenwärtig im Ausland aufhält und nicht zu den Wahlen nach England zurückkehren faim.
Die Mächte un d Marokko.
Eine Erklärung des spanischen Direktoriurns.
London, 11. Oft. (TA. ) Wie „Daily Telegraph' meldet, dementiert das militärische Direktorium in einer Erklärung das Gerücht, daß ein britisches Finanzkonsortium sich in Marokko einmischen wolle, um die E i n st e l - tun g der Feindseligkeiten zwich?i Abdel Krim und Spanien zu erreichen Friedens- Verhandlungen könnten erst dann in Erwä ug gesogen werden, wenn der Aufstand unter- d r ü ck t und die Rebel len streng bestraft worden wären. Die Erfahrung habe die Wert- Wsigkeit aller Verhr ndlurgen ei geben, zu de en sich die Aifhäuptlinge b reit crllätten. Die Kapitalien, mit denen Abd el Krim sein Heer auZ- rüflete und die ihm die Fortsetzung des Kampfes ermöglichen, rührten ausschließlich von dem großen Vermögen her, das fein Vater wäh end 'es Krieges an sich gebracht halt, indem er deutsche Unterseeboote im Mittelmeer mit Brennmaterial versorgte.
Der Berichterstatter des „Daily Telegraph' schreibt ferner aus Tanger, daß dort steigende Besorgnis über die Gefahr einer möglichen Grenzüberschreitung durch Spanier oder Rifleute herrsche. Es würde schwierig sein, die Reutralit ät der Tangerzone zu wahren, falls die spanische Regierung für ihre Truppen das Durchmar schacht f rdern sollte. taS ihr durch die Tanger-Konvention eingeräumt wurde.
Trauerkundgebung für Sübtirol
Innsbruck, 10. Oft. (WTB.) Als Trauerfun dgebung anläßlich des 4. Jahrestages des Verlustes von Südtirol fand gestern abend ein großer Umzug statt. Auf dem Bozener Platz hielt der Landtagsabgeordnete Pembauer eine Ansprache an die Menge. Heute vormittag wur-
oen im ganzen Lande ^.rauergottes- d i e n st e für die im Weltfrieg Gefallenen abgehalten. In der Kirche in Innsbruck wohnten die Mitglieder der Landesregierung und Vertreter der Behörden der Feier bei. In den Schulen, in denen der Unterricht ausfiel, wurde den Schülern die Bedeutung des Tages erklärt. Am Abend findet als Gedächtnisvorstellung eine Aufführung von Wilhelm Teil statt.
Der Auslieferung gsslreit mit Ungarn.
(Eigener Informationsdienst.)
Berlin, 11. Oft. (Dvahtmeldung.) Am Samstag trifft der deutsche Gesandte in Budapest in Berlin ein, um der Reichsregierung Bericht zu erstatten über den ganzen Fragenkomplex in der Angelegenheitd er b er - den Erzbergermöxder. Die Rerchsregre- rung wird, nachdem sie tion dem Bericht Kenntnis genommen hat, sich noch einmal mit der ungarischen Regierung in Verbindung setzen, um zunächst auf gütlichem Wege zu einer Einigung in dieser Frage zu gelangen. Sollten diese Verhandlungen jedoch zu keinem Resultat fuhren, v würde die Reichsregierung gegen die Richtauslieferung des Mörders Schulz offiziell den chärfsten Protest einlegen und im An- chluh daran alle weiteren Beziehungen und Verhandlungen über die Regelung der Aaslrefe- rungsfrage mit Ungarn abbrechen.
Rach einer Budapester Meldung der Telegraphenunion ist der Erzbergerrnörder Schulz in :>ie Villa des Abgeordneten Gömbös zurück- gekehrt. Die Akten über seine Auslieferung find noch immer nicht geschlossen. Es verlautet, daß inzwischen die Regierung den Bescherd über die Verweigerung der Auslieferung in einer neuen Rote erteilen wird, von deren Inhalt das weitere Verfahren abhängt.
Aus aller Welt.
Verschiebung der Amerikafahrt des g. R. III.
Friedrichshafen, 11. Okt. (WTD.Funk- spruch.) Wie die Luftschiffwerft miteilt, wird Z.R. Ill seine Fahrt heute nicht antreten, weil die Temperatur derart gestiegen war, daß die Tragfähigkeit des Luftschiffes sich stark vermindert hatte. Daher ist beabsichtigt, morgenzueinerwesentlichfrühere n S t u n d e abzusahren. Die Entscheidung wird heute abend 6 Ahr nach Prüfung der Wetterlage getroffen werden.
Ein neues englisches Riesenflugzeug.
London, 10. Oft. (WTD.) Die Blätter melden, daß Pläne für ein neues Ganzmetall - Exprehs lugzeug fertig gestellt wurden und daß in Kürze mit dem Dau begonnen werden wird. Das Flugzeug wird getrieben von 3 1000-?8.-Rapier°Motoren und ist in der Lage, 2000 Meilen ohne Zwischenlandung zu fliegen. Der neue Riese wird für die Reichs - Iuf tlinie gebaut. Ein Flughafen ist bereits in Malta vorbereitet. Als derzeitige Flugdauer für den Dienst zwischen London und Kairo sind 31 Stunden bei nur einer Zwischenlandung in Malta vorgesehen. Man berechnet, dah eine Flotte von 8 dieser Ganz-Metall-Flugzeugen in der Lage ist, einen täglichen Verkehr in jeder Richtung zwischen London und Kairo aufrechtzuerhalten.
Ein amerikanisches Militärlustschisf verunglückt.
Berlin, 11. Okt. (Lokalanz.) Der „Lok^ Anz." meldet aus Reuyork: Aus Reupvrt- news (Virginia) wird berichtet, daß das Mlli- tärlenkluftschiff Poll, das gestern aus Aberdeen (Maryland) hier angekommen war, verunglückt ist. Als es sich in einer Höhe von 150 Fuß über Langleyfield befand, explodierte eine mitgefuhrte Bombe und brachte die Gasfüllung zur Entzündung. Das Luftschiff stürzte zu Boden. Die Mannschaft hatte keine Zeit mehr, die Fallschirme zu benutzen. Zwei Offiziere sind ernst, drei Unteroffiziere leicht verletzt.
Amerikanische Lynchjustiz.
Chicago, 10. Oft. (Wolff.) Ein junger Reger der eines Vergehens gegen ein weißes Mädchen beschuldigt war, wurde gestern abend in den Straßen von einer Gruppe von Mämiern und Knaben durch Stöße und Schläge getötet. Hiernach wurden die Zweifel laut, ob der Getötete auch der richttge Mann gewesen ist.
Ein russischer Personenzug in Flammen.
Warschau, 10. Oft. (WTD.) Die Warschauer Dlätter berichten, daß vorgestern auf der Strecke Moskau—Iwanow ein Personenzug in Brand geraten ist, wobei 200 Personen umgekommen sein sollen, darunter 80 Kinder. Der Brand sei in dem mitgeführten Petroleum-Tankwagen ausgebrochen. Aas Moskau liegt keine Bestätigung dieser Meldung vor.
Wettervoraussage.
Rachts kühl, Morgennebrl. tagsüber aaifla» reni> und milder, später Bewölkung und Temperaturzunahme und Reigung zu leichten Regenfällen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 11. Oft. 1924.
Ein großes Bauprojekt in der oberen Bahnhofstraße.
Man teilt uns mit: Mit dem Bau der schon seit längerer Zeit projektierten Verkaufsläden an der Ecke Bahnhofsplatz 'und Bahnhofstraße wurde dieser Tage begonnen. Schon v)r 2 Iahren glaubte man, das'Projekt zur Ausführung bringen zu können, was aber durch die Inflationszeit zur Unmöglichkeit wurde. Die Projektierung dieses Baues, der isch von der Ecke Dahnhofsplah bis an die Einfahrt zum Eilgüterschuppen erstreckt, ist nach den Richtlinien des Betriebsamtes I Gießen sowie der E. D. D. Frankfurt a. M. und im Einvernehmen mit der Stadt Gießen geschehen und wird im besonderen den Wünschen der Stadt Gießen insofern gerecht, als mii der Errichtung des Reubaues auch gleichzeitig, unter Berücksichtigung des sehr starken Personenverkehrs, der Bürgersteig vor den Verkaufsladen um ca. 3,50 Meter verbreitert
wird, so daß hier der Bürgersteig eine Gesamt- breite von ca. 6,50 Meter erhalten wird. Diese Verbreiterung ist für den Verkehr in der Dahnhof- traßn von wesentlichem Vorteil; es ist nur bedauerlich, dah dieser neue breite Bürgersteig nicht bis zur Liebigstrahe (wegen der Anatomie) durchgeführt werden farm. Zunächst des Bahnhofes
oll in dem Gebäude ein modernes Caf6 mit Km- Jbtorei betrieben werden. Dieser Teil erhält zur lärferen architektonischen Betonung einen runden Ausbau, welcher für das Safe als Estrade gedacht ist. Anschließend an die Konditorei reihen sich eine Anzahl einstöckiger Derkaufsläden und Aus- tellungsräume an. Den Abschluß der Bauanlage nach der Stadt bildet ein in Tiefe und Höhe reichlich bemessener zweistöckiger Dau, in besten Erdgeschoß wiederum große Verkaufs- und Ausstellungsräume und in dessen Obergeschoß Geschäftsräume zur viesteitigen Dertoenbung, z. D. für Rechtsanwälte, Aerzte, Agenturen, kaufmännische Dureaus usw. untergebracht sind. Der ilebergang zur Anatomie vermittelst dieses zweistöckigen Dau- teiles wird sicherlich gefällig wirken, überhaupt wird die geplante Bauanlage in architektonischer Hinsicht der Dahnhofstraße und dem Dahnhofs- plah den fehlenden Abschluß geben und die sicherlich nicht schön auffallenden Postbaracken und Güterschuppen angenehm verdecken. Somit ist der Uebergang vom Dahnhof zur Stadt in glücklicher Weise gelöst und wird daS Straßenbild am Eingang unserer Stadt ein gefälliges und auch ge- chäftliches Aussehen erhalten. Dieser Umstand cheint auch von feiten der Geschäftsleute richtig erfaßt zu fein, denn soweit uns bekannt, soll das Interesse an den Läden, welche selbstverständlich zur Vermietung stehen, ein sehr starkes sein. Die Bauleitung liegt in den Händen des Architekten Schuhmacher, während die Dauarbeiten von der Gesellschaft für Beton- und Eisen bet onbau m. b. H., Gießen schlüsselfertig ausgeführt werden. Man rechnet damit, das Cafs noch zu Weihnachten in Betrieb nehmen zu können.
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Von den Radlern und von andern lieben Menschen»
In der Zeitung ereifert sich der eine Einsender über die rücksichtslosen Radler der andere redet sanft und milde den mehr ober weniger dösigen Fußgängern zu. Recht haben beide. Es wird viel zu viel geradelt auf Straßen und in Zeiten, wo es störend ist; am schlimmsten ist es auf dem Seltersweg zur Bummelstundel Seit uralten Zetten ist diese „Gießener Zett" der Mittelpunkt des Verkehrs am Spätnachmittage; und für junge Leute insbesondere ist der Selterswegbummel so nett! Da trifft man all die lieben Gießener Mädelchen, die Martha, die Lilli, di» Emmi, die Etta, die Besorgungen heucheln, Stu- beirten, die am Kolleg Vorbeigehen, junge Angestellte, bid nach Dureauschlllh mit einer Zigarette auf dem Bummel den freien Mann zeigen wollen, aber auch eilende Hausfrauen, die wirklich nicht langer als zu 4—5 Schwätzchen an verschiedenen Stellen Zeit haben! So war es immer, und das machte den Sellcrsweg so nett, auch als er vor langen Iahren ein Steinbruch mit Spülwasser und Küchenabfällen war. Aber heute ist es ganz anders! Das Pflaster ist dort viel zu eben; das lockt die Radler unb die Radlerinnen! Sie sind eine Stadt plage, eine Straßenplage geworden! Am schlimmsten sind die jungen Mädchen sv von 13—14 Iahren; beim
Fast alle jungen Mädelchen, die haben heut ihr Rädelchen! Sie gehn nicht mehr spazieren, sie radeln zum Poussieren! Sie schaun nicht auf ihr Wegelchen, sie schaun nur nach den Flegelchen, die mit den bunten Mützen sv stolz zu Rade sitzen!
Und gibt es ein Mädelchen, das richtig fahren kann, ein Mädelchen, das wirklich weih daß man rechts ausweicht und links überholt? Ich glaube es nicht! Glaube es auch nicht von den 20jährigen! Auch die jungen Burschen wissen nicht, bab man die rechte Straßenseite einhalten soll; und es belehrt sie eigentlich niemand! Früher hatte man seine Radfahrerkarte, da stand es für 5 Mark drin; seit sie nicht mehr notig ist, wird viel freiheitlicher gefahren! Ich habe zwar neulich — aber eine Schwalbe macht keinen Sommer — einen schönen blauen Schutzmann mit schönem schwarzen Schnurrbart gesehen, der auf dem Seltersweg einem jungen Dachs zurief: „Rechts fahren!" Und der junge Dachs, ein Primaner, maulte, fuhr- aber rechts! Er fuhr wahrhaftig rechts! Da habe ich mich als freier Bürger eines freien Staates ganz verfassungsmäßig gefreut Wie gerne würde ich mich öfter sv verfassungsmäßig freuen! Man sah wirklich, daß die blauen Wachtmeister zur Ueberwachung des Straßenverkehrs da sind und nicht wie in Buxtehude den Befehl haben, sich bei Zeiten zurückzuziehen, um die harmlose Bevölkerung nicht zu reizen (sv etwa, wie ich mir die geplante „unsichtbare französische Ruhrbesehung" vorstelle); sie sorgen für die Aufrechterhaltung der Straßenzucht, nicht nur nachts, wenn ein Studiker alkoholisch jauchzt. Andere Menschen tun so etwas ja nicht, nur Studiker!!
Konnte man nicht die Mäusburg für Radfahrer ganz sperren? Reulich zählte ich am Spätnachmittage auf einem Gange durch die Mäusburg vom Kreuzplah bis zum Marktplatz neben 18 Kinderwagen 37 Radfahrer; etwa 7 tarnen wohl von der Arbeit, die anderen 30? 3a, ja i>ie Mädelchen und was dazu zu gehören scheintk
Tie Emmi mit dem Hänschen, die Lillr mit dem Fränzchen! Ich säh' sie gerne heiter wär' nur die Mäusburg breiter!
Eine weitere Errungenschaft der neuesten Zeit sind die Motorräder, die ich kürzlich treffenb Stinkräder nennen hörte. Don diesen Fahrerq weiß mindestens jeder fünfte, daß man beim ©in* biegen in die Straße nach links einen weiten, nad) rechts einen kurzen Bogen macht; die andern brauchen es nicht zu wissen und brauchen auch nicht belehrt zu werden. Ich wenigstens habe letzteres nqh nicht beobachtet! Man stelle sich einmal eine Viertelstunde vor Hektlers Kaffee und beobachte Radfahrer, Stinkradfahrer und Tüt- Tüt-Wagenfahrer! Wie freiheitlich unb disziplinlos wird da gefahren! Man wundert sich, daß sv wenig Unheil vorkommt. Wenn ich einmal dort beobachten sollte, daß ein Denzinfahrer zu. recht gewiesen wird, dann wollte ich mich freuen wie eine radikale gedruckte Giftschla rge sich freu^. wenn sie einen anders denkenden Beamten wittert, ihn begeifern und verschlingen kann! Ich grübe Hofknung?vvll den neuen Pol.zeig'waltigen Möge er £> m Seltersweg wieder seinen idyllischen Charakter schaffen, daß sich nicht nur Hausfrcmer


