Einzelbild herunterladen

Nr. 213 Erstes Blatt

U4- Jahrgang

Mittwoch, 10. September 192$

Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags, mit d. Samstagsbeilage: ® iehenerFamilienb lütter Monatsvezvgrpreis:

2 Goldmark u. 20 Gold» pfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Fernsprech-Anschlüsse: für die Schriftleitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51.

Anschrift für Drahtnach­richten: AnzeigerSietzen.

Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 11686.

GietzennAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Dmd mid Verlag: vrühl'sche Univerfitalr-Vuch- und Steinöruderei R. Lauge iu Sietzen. Zchriftlettung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jedeDerbindlichkeit. Preis für \ mm höhe für Anzeigen von 27 mir Breite örtlich8, auswärt, 10 Goldpfennig; für Rb Klame-Anzeigen v.70chm Breite 35 Goldpfennig, Platzvorschrifl 20'/, Auf­schlag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: Dr. Friedr. Wilh. Lange: für den übrigen Teil. Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil: H ans Beck, sämtlich in Gießen.

Der Bürgerkrieg in China.

Der Kampf vor Shanghai. Die Großmächte. Die Rolle Deutschlands.

Schanghai, 9.Sept. Zehn Kilometer von ber Stadt scheint eine Schlacht im Gange zu sein. Der Militärgouverneur von Tscheliang soll mit einer zweiten Armee von 20 000 Mann von Lschang King, zehn Meilen südöstlich von Tai Hurko, in der Richtung Ehing vorgerückt sein. Der Fall Shings wird erwartet. Als Hauptziel die­ser Armee gilt Tschangtschou, das Hauptquartier Ktangsus.

Infolge der gefährlichen Lage in den Herb* bezirken von Schanghai sind 1200 britische, ame­rikanische, japanische und italienische Marine- soldaten gelandet worden. Außerdem sind in Schanghai Freiwillige mobilisiert worden. T s ch a n q t s o l i n hat die Konsuln der fremden Mächte in Mulden amtlich davon in Kenntnis ge­fetzt, daß er Lujunghfiang, den Verteidiger Schanghais, unterstützen wolle. In der Stadt und der Provinz Rauling ist das Kriegsrecht proklamiert worden. Die Versicherungsgesell­schaften verlangen von den Mitgliedern der Frem- denlolonie eine monatliche Versicherungsprämie von 2 Prozent für Kriegsschäden und haben dabei große Abschlüsse erzielt. Die Truppen von Tfchiangtsu können auch weiterhin wenig Terrain gewinnen, da die Truppen von Tscheliang ihre Stellungen fest in Händen halten.

Die Kabel und Funksender verbreiten täglich aufregendere Meldungen über den chinesischen Bürgerkrieg" um Schanghai. Aber zwischen den Zeilen der Telegramme liest man deutlich, daß sich im fernen Osten ein gewaltiges Rin­gen der Großmächte abspielt. Amerika, England und Japan sind die Verfechter des Gedankens, China zu zerschlagen. Rur ein uneiniges Reich der Mitte dient ihren Ab­sichten. Ihr Werkzeug ist der Verteidiger Schanghais, der Rebellengeneral Lu-Vungh- Sian g, der zusammen mit dem Mrlitärgouver- ncnr von Tscheliang durch die Pekinger Regie­rung abgescht worden ist. Der Widersacher Lu-Vungh-Smngs, der Militärgouvernear von Kiangsu ist beauftragt, eine scharfe Straf- expedition gegen die Rebellen zu unter­nehmen. Er kämpft für die Einheit Chi­nas. Hinter ihm stehen Frankreich und Rußland. Seine Armee versmgt denn auch über französische Waffen und russische Offiziere und Flugzeuge. Frankreich befürchtet ein zu starkes Anwachsen des angelsächsischen Einflusses in Oft- asien. während Rußlands letztes Ziel die Ver­treibung der Großmächte aus dem fernen Osten ist.

Die Großmächte, die hinter den chinesrschen Rebellen" stehen, betreiben wie gesagt die A u f - teilung Chinas in Einfluhgebiete. England sucht dabei seine Veute im Süden, Japan die sei- nige in der Mandschurei, insbesondere in der ost- chinesischen Eisenbahn. Der bekannte Sunjat- s e n. Präsident von S'tdchina, hat ein Manifest erlassen, das sich aufs schärfste gegen deneng­lischen Imperialismus" ausspricht. An Mac- d o n a l d richtete er einen Protest gegen die Ab­sicht der Mächte, ihre Flottenkräfte in das Kampf­gebiet zu schicken. Tatsächlich hat die englische, japanische und amerikanische Regierung den chi­nesischen Außenminister Dr. Wellington Koo benachrichtigt, sie würden nicht dulden, daß eine Seeschlacht int Hafen von Schanghai stattsinde. Die Seeschiffe der Mächte find bereit, sofort anzugrei­fen, toemi die Chinesen trotzdem versuchen sollten, zur See zu kämpfen, wobei nicht übersehen werden darf, daß die chinesische Kriegsflotte nicht vielmehr rechnet als die von Marokko oder Montenegro, bah aber Schanghai riesige Docks und Marine­werkstätten sowie das größte Kriegsarsenal Chinas, das Kianguan-Arsenal be'itzt. Während sich also die chinesischen Zwergfische streiten, rücken die Schwäre heran, um die größten Brocken weg­zuschnappen.

Dies die militärisch-politisch; Lage, Unb nun beachte nyin folgendes: Ein China-Engländer, der Times-Korrespondent in Hongkong, teilt der euro­päischen Öffentlichkeit mit, daß Sunjatsen, der seine Truppen nordwärts zur älnterstüyung der Tschekiang-Regicrung enttandtc,deutsche und russische Ratgeber habe. Die vor einiger Zeit abgehaltene Transportarbeiterkonferenz in Kan­ton sei von einem Deutschen organisiert wor­den ... So wird also versucht, das unglückliche Deutschland in die chinesischen Wirren hineinzu- ziehen. Gegenüber diesem Manöver ist festzu­stellen: Deutschland hat, allerdings genau wie Rußland, seinen Frieden und seinen Vertrag mit China gemacht. Sich politisch zu einer der Mächteparteien im fernen Osten schlagen zu lassen, besteht auf deutscher Seite sicherlich nicht die mindeste Reigung. Der deutsche Chinahandel ist wieder erfreulich im Aufblühen begriffen Im bedrohten Shanghai befinden sich 1500 deutsche Lanosleute. Wer schützt sie? Im großen Vangtse-Decken sind in den letzten zwei Jahren häufig die bedeiEichsten Angriffe auf Fremde verübt worden. Engländer wurden im Bangtse- tale vor kurzem erschlagen. Amerikanische Schiffe werdep alle paar Jahre beschossen. Japanische Schiffsoffiziere sitzen seit dreiviertel Jahren in Haft gegen Lösegeld. Als Ergebnis des Welt­krieges und der ebenso unvernünftigen wie un­begreiflichen Herabsetzung der Deutschen in China durch alle Ententeangehörigen ist das Ansehen der Weihen gesunken. Bei dem Kampf um Shanghai kann es zu Zwischenfällen kommen, bei denen auch die Deutschen leidend bctei- zigt iinü.

Den Ausbruch des Bürgerkrieges in China und seine Motive beleuchtet blitzartig ein Inter­view, das unlängst

der ehemalige Ministerpräsident der

Republik China Ttzng Shav 9)i einem Vertreter der amerikanischen Presse ge­währte.Cs ist glatter Ürtfinn, zu behaupten," so begann der ehemalige Ministerpräsident,daß die Chinesen nicht in der Lage seien, sich selbst zu regieren. Wir waren dazu fähig, als die euro­päischen Rationen noch barbarische Provinzen Roms waren. Wir haben uns," so fuhr er fort, nach der Revolution zu sehr beeilt. Wir haben die Tradition unseres Landes außer Acht gelassen wib uns nicht genügend um die Sitten und Gebräuche unseres Volkes gekümmert. Wenn wir so fortfahren, wie wir es je^t tun, so fort­wursteln, hier und da flicken, Bürgerkriege füh­ren, Präsidenten und Militärgvuverneure ernen­nen und absetzen, werden wir niemals weit kommen. Dann wird der Ausländer nach China hereinkommen, und China wird niemals Ge­legenheit bekommen, sich selbst wiederherzustellen. Wenn man im Westen von einer Regierung spricht, so denkt man zunächst am die Ration, an die Hauptstadt, wie Washington, London, Paris, Ber­lin. Man denkt an einen König, an einen Kaiser, einen Präsidenten, an große Armeen und viel Gerede im Parlament und Senat. Wenn wir im Osten von der Regierung sprechen, so denken wir zunächst an die Familien, an den Bezirk, an das Land, an die klein st e Einheit, in der alle Bürger sich gut kennen und wahrscheinlich mit­einander verwandt sind, wo kein Mensch etwas Schlechtes tun kann, so lange er dort lebt, weil er infolge unseres herrschenden Familiensystems sich sonst unmöglich machen würde. Als wir die Re­publik gründeten, kannten wir diese Prinzipien sehr wohl, aber haben sie in unserer ersten Aufregung vergessen.

In bet ersten Begeisterung toanbten wir uns an ben Westen unb borgten alles, was ber Westen zu geben in ber Lage war:

Einen Präsidenten, em Parlament, eine stark zentralisierte Regierung, eine Verfassung, viel Gerede und eine schlechte Verwaltung. Ich sage absichtlich, wir borgten uns alles das, aber das chinesische Volk ignorierte uns und das, was wir uns borgten. Das Volk küm­merte sich wenig um uns, bearbeitete weiter seine Felder und kümmerte sich s e l b st um die Ange­legenheiten seiner einzelnen Bezirke und Pro­vinzen. Richts wird in China von Erfolg begleitet sein, das sich nicht in lokalerHinsicht durch­zusehen vermag. Die Pekinger Regierung hat niemals Einfluß gehabt auf die kleinsten Pro­vinzen und Dörfer, und die von der Regierung entsandten Sendboten mußten sich immer vor lokalen Gebräuchen und dem lokalen Willen beu­gen. Der Expremier sprach sich dann gegen die Rachahmungen und Atrappen des Westens aus und trat nachdrücklichst für die Einführung rein chinesischer Methoden ein. Es sei zunächst notwendig, daß das chinesische Volk den Präsidenten, das Parlament, die Verfassung und andere Fehler der Republik vergißt und einen R a t i o n a l r a t bildet, der aus 22 Vertretern besteht. Jeder dieser 22 Vertreter soll von der Provinzversammlung derjenigen Provinz, in der er geboren ist, ernannt werden. In China re­gieren die Dörfer und nicht die Hauptstadt.

Die Lage in Shanghai.

Die St^dt vor einer Hungersnot. Tschangtsolin im Anmarsch.

Reuhork, 9. Sept. (Eig. Meldung.) Aas den neuesten Meldungen aus Schanghai geht her­vor, daß die Lage der Stadt in höchstem Maße kritisch ist. Fleisch ist nur noch für zwei Tage vorrätig, auch die übrigen Lebens­mittel sind knapp. Infolge des andauernden Zu­stroms von Flüchtlingen aus der Kriegs­zone sind die Krankenhäuser mit Verwundeten überfüllt. Rachdem die Pekinger Regierung sich osten auf die Seite von Kiangsus Streitkräften gestellt hat, die den Angriff auf Schanghai unter­nommen haben, stehen sich nun die beiden großen Parteien T s ch i l i und A n f u in offener Feind­schaft gegenüber. Der gegencvärtige Präsident Chi­nas. T s a o k u n, besten Macht aber n u r n o m i - n e l l ist, da er ganz von dem mllitärischen Be­fehlshaber Wupeifu abhängt, ist Exponent der Tschili, denen von der Anfu-Partei und ihrem Führer Tschangtsolin der Verrat am chine­sischen Volke durch Günstlingswirtschaft und Un­terwürfigkeit gegenüber den ausländischen Regie­rungen zum Vorwurf gemacht wird. In der Kampfansage Tschangtsolins an Peking, die durch ein aus Viukden verbreitetes Zirkulartelegramm bekanntgegeben wurde, wird der Regierung unter anderem auch vorgeworfen, daß sie Deutsch­land in dem kürzlich abgeschlossenen Vertrage zu groheZugeständnisse gemacht habe. Sun- j a t s e n, der an der Spitze der südlichen China­provinzen mit dem Sitz in Kanton steht, unter­stützt Tschangtsolin und hat den Befehl gegeben, daß seine Truppen alsbald den Verteidigern Schanghais zu Hilfe eilen sollen.

Die Hoffnungen, ben Kampf um Schanghai lo­kalisieren zu können, haben sich also als trüge­risch erwiesen; nachbem Tschangtsolln biegroße Maner" im Äorben mit feinen Truppen über­

schritten hat, wirb säst ganz China in ben Bürger­krieg verwickelt sein.

Die Streitmacht Tschangtsolins wird nach den hier eintreffenden Telegrammen als sehr ansehn­lich und gut ausgerüstet geschildert. Schanghai, das nach der Rieüerlage der Anfu-Partei das letzte Wider st andszentrum der An- fus gegen die siegreichen Tschilis gewesen ist, wird so zum Mittelpuntt der entscheidenden Kämpfe, die leicht zu einem völligen System- wechsel in Peking und zur Vertreibung der Tschilis führen können. Schanghai kann, den letzten Meldungen zufolge, in wenigen Stun­den in den Kriegsschauplatz mit einbezogen fein. Die Kämpfenden sind bereits in die nächste Rähe der Stadt gedrängt worden. Die wei­tere Entwicklung hängt nun ganz von der Rasch­heit des Vorgehens Tschangtsolins ab, dessen Vor­marsch in her Mandschurei gegen Peking bereits im Gange sein dürfte.Reuyork American" glaubt annehmen zu können, daß hinter Tschangtsolin Japan st^hr. Cs sei bekannt, daß eine beträcht­liche Zahl japanischer Offiziere und Soldaten in seine Truppen eingereiht sei, und auch die Finanzierung seines Vorstoßes, sduvch den die Stellung der Großmächte in Chino ernstlich bedroht würde, gehe von Tokio aus.

Die Notifizierung der Kriegsschuldnote.

Ein Schritt der Deutschnatioualen bei der Reichsregierung.

Derlen, 9. September. (WB.) Die Deutsch- nationale Dolkspartei veröffentlicht folgende Er­klärung: Die Reichsvegieurng erklärte in einer Kundgebung vom 29. August, durch die sie das erzwungeneKriegsschuldbekenntniS widerrief, dcch diese zur Kenntnis aus­wärtiger Mächte gebracht werden soll. Die Rotifizierung dieser Erklärung ist bis­her unterblieben. Die Deutschnationale Volkspartei hat bisher der Erwägung Rechnung getragen, daß aus technischen und diplomatischen Gründen die sofortige Rotifizierung vielleicht nicht möglich erscheine und daß politische Erwägungen es angezeigt erscheinen lasten könnten, mit der Rotifizierung zu warten, bis die Haupffihungen der Genfer Dölkerbundstagungen vorüber wären. Rachdem diese beiden Gründe fortgefallen waren und die Rotifizierung noch nicht erfolgte, ist die Parteileitung bei den zuständigen leiten­den Stellen der Reichsvegierung vorstellig ge­worden, und hat um Aufklärung ersucht, weshalb die Rotifizierung bisher nicht erfolgt sei und wann eine solche erwartet werden könnte.

Seitens der Reichsregierung wurde daraufhin er­klärt, daß sie ihre Derpflichtung, die Rotifizierung vorzunehmen, anerkenne und entschlossen sei, ihr zu entsprechen.

Angesichts gewister zwischenzeitlicher Vorfälle habe man sich aber entschlossen, zunächst die für Ende dieser Woche zu erwartende Rückkehr derleit enden MitgliederdesReichs- k a b i n e 11 s abzuwarten und alsdann in einer sofort einzuberufenden Kabinettssitzung über den Termin der Rotifizierung endgültig Beschluß zu fassen. Seitens der Deutschnationalen Volls- partei wurde mit großem Ernste darauf hinge­wiesen, Latz bei den Mitteilungen der Reichs re- gierung vor Bekanntgabe der Erklärung nie ein Zweifel darüber gelaßen wurde daß die Be­kanntgabe an die auswärtigen Mächte alsbald nach Veröffentlichung der Rote erfol­gen werde. Die Aufgabe dieses Standpunktes der Reichsregierung würde nach äleberzeugung der Deutschnationalen Dollspartei im In- und Auslands als ein unverständliches Zei­chen der Schwäche gedeutet werden und die mit der Erklärung verbundene Absicht in ihr Gegenteil verkehren. Die Deutschnationale Volts- Partei erwartet demnach, daß der bevorstehende Kabinettsbeschluh auf alsbald ig e Avt i f i- zierung lauten werde.

Früherer Zusammentritt des Reichstages?

Die Haltung der Parteien.

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 10. Sept. (Drah Meldung) Zwi­schen den Führern der Deutschnationalen Vvlkspartei und der Rationalsozia li­st ischen Freche itspartei haben in den letzten Tagen Besprechungen stattgefunden, um gegebenenfalls sofort nach dem entscheidenden Ka­binettsrat den Zusammentritt des Reichstages zu verlangen, der dann zu der ergangenen Entschei­dung Stellung zu nehmen habe. Da aber im Aeltestenausschuß des Reichstages eine Mehrheit vorhanden sein mühte, um den Zusammentritt des Reichstages zu erzwangen, würde es von der Haltung der übrigen Parteien aühängsn, ab einem solchen Verlangen flattgegeben würde. Vor­läufig besteht in den Kreisen des Zentrums und der demokratischen Partei die Ansicht, daß eine verfrühte Einberufung des Reichstages die polttische Lage nur verschlechtern und verwirren könnte. Die sozialdemokra­tische Partei ist sich zur Zeit noch nicht schlüs­sig geworden, ob sie einem derartigen Antrag zustimmen würde. Rach der Ansicht der sozial­demokratischen Führer wäre die Zustimmung da­

von abhängig zu machen, nach welcher Richtung hin die Entscheidung bed Kabinetts fällt Bekanntlich wirb in sozialbemokratischen Kreisen mit allen Mitteln bie Auflösung bes Reichstage« erstrebt, unb man hätte barnit zu rechnen, baß bie Sozialbernokratte ber Einberufung bes Reichs­tages zustimmen würbe, nur zu bem Zwecke, um bei einer etwaigen Abstimmung über bie außen­politischen Entscheibungen unb ein babei einzu- bringenbes Vertrauensvotum bie Auflösung zu erzwingen.

Der taktische Ausschuß der sozialdemokvattschen Reichstagsfraktion wird in den nächsten Tagen fortgesetzt Beratungen abhatten, um gegebenen­falls sofort die Parole ausgeben zu können wie sich die Reichstagsfraktton zu verhalten hätte. Zentrum und Demokraten werden möglicherweise den Vorschlag machen, statt dessen den Aus­wärtigen Ausschuß des Reichstages ernza- berufen. Aber alles in allem genommen, besteht doch die größte Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Rechtsparteien, denen sich voraussichtlich auch die Deutsche Volkspartei anschließen wird, eine frühere Einberufung des Reichstages er­zwingen und daß dann im Plenum in aller Oeffentlichkeit die Entscheidung über die inner- und außenpolitischen Fragen fällt Ob die So­zialdemokratie dann mit ihrer Forderung nach Auflösung des Reichstages Erfolg haben wird, wird in den Kreisen der Mittelparteien für sehr zweifelhaft gehalten weil man sich hier, auch mit Einschluß der Demokraten, von einer Auflösung des Reichstages bet dieser Ge­legenheit keine grundlegende Besse­rung der Lage mehr verspricht

Der entscheidende Kabinettsrat.

Kriegsschuldnote Völkerbund Bürgerblock.

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 10. Sept. (Drahtmeldung.) Dir schwerwiegende Bedeutung des Kabinettrats, der Anfang nächster Woche in Berlin stattfindet, wird von den führenden Stellen aller Parteien erkannt, und es wird nicht an Bemühungen fehlen, auf die einzelnen Kabinettsmitglieder den stärksten Einfluß nach der einen oder der anderen Richtung auszuüben Vorläufig bestehen noch gewisse Ver­schiedenheiten in der Auffassung zwischen dem Reichskanzler Dr. Marx und dem Reichsauhew- minrftur Dr. Stresemann. Wahrend Dr. Marx der Ansicht ist, daß er sich in der Frage der Ab­sendung der Kriegsschuldnote ebenso wie in der Frage des Völkerbundes und der Bürgerblockbildung nach allen Seiten hin frei fühlt, steht Dr. Stresemann auf dem Stand­punkt, daß

bie Zusagen, bie man vor ben Abstimmungen über bie Gesetze zur Durchführung bes Sachverstän- bigengutachtens ben Deutschnationalen gegeben hat, unbebingt einlösen

müsse. Mit dieser Auffassung befindet sich Dr. Stresemann durchaus im Einklang mit feiner Fraktion, und es spricht alles dafür, daß auch die übrigen Kabinettsmitglieder, die der Deutschen Volkspartei nahestehen, diesen Stand­punkt vertreten werden. Die demokrati­schen Kabinettsmitglieder dürften sich dagegen für eine Hinterlassung oder zum mindesten eine langfristige Hinausschiebung der lieber- miltlung der Rote aussprechen. Rach welcher Seite hin Dr. Marx und die Zentrumsminister ihre Entscheidung fällen werden, dürfte von einer letzten Besprechung abhängen, die in führenden Zentrums kreisen unmittelbar vor der Kabinetts­sitzung abgchalten werden wird. Aber eben des­halb, weil die UnftimmigEeiten in diesen Fragen innerhalb des Kabinetts noch sehr tiefgehend sind und eine Einigung nur schwer za. erzielen fein wird, wäre jede Voraussage ver­früht. Jedenfalls ist für die nächste Zett em lebhafter Meinungsaustausch in der Führerschaft der verschiedenen Parteien zu erwarten. Man spricht auch bereits davon, daß die Botschaf­ter aus London und Paris nach Berlin berufen werden sollen, um über die Stimmung in den englischen und französischen Regierungs- kreisen Bericht zu erstatten.

Frankreichs ^Beteiligung an der Reparationsanleihe.

Paris, 10. Sept. (WTB.) Wie der QEatin zu wissen glaubt, wird auf ameri­kanisches Eingreifen hin Frankreich grundsätz­lich durch Vermittlung seiner Bankiers an der Zeichnung der 800 Millionen Anleche teil- nehmen, und zwar wird Frankreich 5 Proz., also 40 Millionen Goldma rk, über­nehmen. Es steht noch nicht fest, ob es sich um eine reine Bankaktton handelt, oder ob auch die Anleihe dem Publikum ange­boten werden soll. Die Beschlüsse des Mi­nisterpräsidenten und des Finanzministers in dieser Beziehung stehen noch bevor.

Die Auslieferung der Erzberger­mörder.

Wie die »Voss. Ztg." aus Budapest be- ttchiet, hat die ungarische Regierung sich nunmehr auf den Standpunkt gestellt, daß der verhaftete Deutsche tatsächlich der Erz­bergermörder Heinrich Schulz ist. Man er­wartet, daß das Auslieferungsverfahren vor Ablauf der vorgeschriebenen sechs Wochen er­ledigt sein wird.