„ Frankfurter Zeitung", das am 15. V. 24 nach dem Parteitag der S. P. D. schrieb: »Der Marxismus hat praktisch Fiasko gemacht, was mehr bedeutet als alles, was jemals gegen ihn gesagt und geschrieben wurde."
Der Geist von Weimar, der Geist des Weltbürgers Goethe, sollte Pate bei der Weimarer Verfassung stehen. Dis heute hat dieser Wunsch nicht vermocht, auch nur die Deutschen unter ihren Fittichs zu einer gleichgestimmten Gemeinschaft zu vereinigen. Das sollte Lehre und Ansporn zugleich sein. Mit Feiern allein ist das Ziel nicht zu erreichen. Lebendiger Wille zur Volksgemeinschaft, Verständnis für die Wünsche der andern und Aufgabe des Parteidogmas sind notwenbig. Der Geist, nicht das Aeuheve, tuts. Wie lauteten doch die letzten Verse Goethes?
„Gin jeder kehre vor seiner Tür, und rein ist jedes Stadtquartier.' Ein jeder übe seine Lektion, so wird es gut im Rate stöhn."
Volkspartei
und Derfassungsfeier.
äteber die Stellung der Deutschen Dolkspartei zur Derfassungsfeier schreibt die „Zeit", das; die Deutsche Volkspartei die Weimarer Verfassung als rechtmäßig zustcmdegekom- men und als gesetzliche Grundlage unseres politischen Lebens betrachtet, deren Aenderung nur aus dem von der Verfassung selbst vorgeschriebenen Wege möglich sei. Als staatsbe- jahende Partei beteiligte sich die Deutsche Dollspartei auf diesem Dvden am politischen Leben, auch durch ©tntritt in die Regierung. Das alles ändere jedoch nichts daran, dach die Deutsche Volkspartei wesentlichen Teilen der Weimarer Verfassung ablehnend gegenüber steht und daß sie den Dag, an welchem die Verfassung in Kraft trat, nicht als einen besonderen Tag des Heils zu betrachten vermag. Aus diesem Grunde liege für ihre Mitglieder auch keine Veranlassung vor, sich an der großen Feier am Verfassungs- tage zu beteiligen.
Verbote in Thüringen.
Einem Drahtbericht aus Weimar zufolge hat die thüringische Regierung den für Smnstag als Vorfeier für die Verfassungsfeier geplanten Fackelzug des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gvld und das für Sonntag früh vorgesehene Wecken mit der Degründung verboten, dah dieser Teil des Progrannns der Verfassungsfeier über den Rahmen dessen hinaus- gtnge, was von Anfang an geplant und zugesagt worden sei. An die Beamten der Landespolizei wurde ein Erlast gerichtet, in dem ihnen die Teilnahme an der Derfassungsfeier des Reichsbanners in Uniform verboten wird, ^gründet wird dieses Verbot damit, dah das Reichsbanner eine einseitige politische Organisation sei.
Gegenkundgebungen in Stettin.
Zn Stettin veranstaltet am Sonntag das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold eine Derfassungsfeier, bei der einige Abgeordnete sprechen werden. Als Gegenveranstaltung haben der Rationalverband deutscher Offiziere, der Stahlhelm, der Zvngdeutsche Orden und andere Organisationen einen öffentlichen Auszug auf dem Königsplah geplant. Dlättermeldungen zufolge ist der Aufruf zu dieser Veranstaltung vom Regierungspräsidenten verboten toor&cn.
Gegenwehr in Hessen.
Die „Hessische Wehrgenveinschaft" lehnt nach einer uns zugegangenen Mitteilung eine Betei- ligchig an den Feiern der Derfafsu-ng ab und fordert ihre Mitglieder auf, das Beflaggen der Häuser zu unterlassen.
Bayern verbietet die schwarz-rot-goldene Kokarde.
Einer Drahtmeldung aus München zufolge wurde auf Grund des Schweherschen Kokardenerlasses vom 11. Mai das Tragen der vom Reichsbanner „Schwarz-Rot-Gold" geführten Kokarde von der Münchener Polizeidirektion verboten. Dr. Jarres geht nicht ins Ruhrgebiet.
(Eigener Informationsdienst.)
Berlin, 9. Aug. Wie wir hören, beabsich- ttgt Reichsminister des Innern Dr. Jarres nicht, in nächster Zeit ins Ruhrgebiet zurückzukehren, da er voraussichtlich sein Amt als Reichsminister beibehalten wird. Er wird im übrigen nicht eher Gelegenheit nehmen, ins besetzte Gebiet einzureisen, als bis ihm in seiner Eigenschaft als Reichsminister die Einreiseerlaubnis gegeben wird. Im übrigen dringt man deutscherseits darauf, dah das während des Ruhrkampfes erlassene Einreiseverbot für die Mitglie-
Vom Alpenglühn.
Wenn der Deutsche nach der Schweiz reist und sich den weißelten Grenzpfählen nähert, so sucht er mit begierigem Blick nach den „Gletschern", und diese wiederum erscheinen ihm am schönsten im Alpenglühn. Da must denn von vornherein einer Verwechslung vorgebeugt werden: ein Schneeberg ist kein Gletscher und ein Sonnenunieigang kein Alpenglühn. Schneeberge sind solche Höhen, die über der Schneegrenze von 2700 Meter liegend auch im 3-ili drn Schnee nicht verlieren, aber keine Eisfelder haben und sich im allgemeinen jahrern, jahraus gleich bleiben. Gletscher sind Schneeberge, in steter Veränderung begriffen, mit sich verschiebenden, fast arisnahinslos zaiückgehenden Eisfeldern. Das ziemlich alltägliche Schauspiel ein schöner Sonnenuntergang, ist kein Alpenglühn. Tas eigentliche Alpenglühn ist vielmehr eine seltene Erscheinung, die sich oft während mehrerer Jahre nicht er» eignet. Um es vom Sonnenuntergang za unterscheiden, gibt es ein einfaches Mittel: es tritt erst nach dem Sonnenuntergang ein. Der Abend- Himmel pflegt sich an solchen Tagen ziemlich indifferent zu vergalten. Kein dunkler Sonnen- ball, keine Rvsenwölkchen, kein plötzlicher, aus der Dämmerung brechender Strahl: all^8 scheint schon vorüber: da, in jähem Leuchten rötet sich die weihe Dergspihe, und selbst der nackte, schnee- lose Grat ragt in Glut getaucht gen Himmel. Dann versinkt alles in Rächt. Wie können wir nun diese Erscheinung erklären? Aiffallen must, dast sie sich zu jeder Jahreszeit ereignen kann: Kälte und Hitze kommen also nicht in Betracht. Man hat ferner das Alpenglühn bei wvlttgem
Der Der RelchSregierung sofort rückgängig gemacht wird. Die Mitglieder des Reichskabinetts werden fich un ter keinen Llmständen nach Abschluß eines Abkomniens über das Sachverständigen-Gutacht en an dieses Verbot halten. Auch Dr. Jarres wird, wie wir hören, sich an keinerlei Einreisebestimmungen halten, wenn er in seiner dienstlichen Eigenschaft sich nach dem besetzten Gebiet begeben wird.
Abbau bei der Regie?
Erne Meldung aus Essen besagt, dah auf einer Reihe von Bahnhöfen im Ruhrb^irk, so auf den Stationen Hattingen, Werden, Mühlheim usw., die französischen Eisenbahner, die dort zusammen mit deutschem Personal den Dienst versahen, zurückgezogen worden seien.
Neichswehrsoldaten vor dem Staatsgerichtshof.
Leipzig, 8. Aug. (Wolff.) Im Prozeß Fiedler und Genossen vor dem Staatsgerichtshof ist als Verteidiger von Amtswegen Rechts.rnwalt Goldstein bestellt worden. Vor Beginn der heutigen Verhandlungen teilte Rechtsanwalt Döring mit, dah den Rechtsanwälten Dr. Herzfeld und Samter der Eintritt in den Zuhörerraum von den überwachenden Polizeiboa inten verboten wurde, trotzdem sie im Besitze von rechtsmähigen Ausweiskarten seien. Der Dvv- sitzende Riedner erklärte, seine Verordnungen seien offenbar mihverstanden toorben. Sobald sich die Anwälte wie jeder andere Zuhörer ausgewiesen hätten, würden sie ohne weiteres zugelassen werden. Rechtsanwalt Döring bittet um eine Pause von zehn Minuten. Rach dieser Pause erklärte er: 3m Interesse der Verhandlungen sowie der Angeklagten, deren Schicksal ihm anvertraut sei, halte er es für notwendig, sein Mandat niederzulegen. Auf Antrag des Reichsanwalts Reumann wird die Verhandlung bis nachmittags 3 plhr vertagt.
In der Rachmittagsverhandlung ist die Verteidigerbank wieder beseht. Ein Antrag des neuen Verteidigers O b u ch - Berlin auf Ablehnung des Vo^itzenden wegen Befangenheit wird vom Gericht in diesem Stadium der Verhandlung für unzulässig erklärt, da die Verhandlung nur unterbrochen, nicht vertagt worden sei. Auch ein Antrag des Verteidigers, die Verhandlung überhaupt auf einen späteren Termin zu verlegen, wird vom Gericht abgelehnt, da die angeführten Gründe nicht gerechtfertigt wären. Verteidiger Obuch erklärt darauf, dah er keine Möglichkeit mehr sehe, diesem Gerichtshof gegenüber die letzten Argumente, die der Verteidigung zur Verfügung stehen, geltend zu machen. Er sehe sich daher gezwungen, die Verteidigung nlÄierzulegen. Hierauf wird festgestellt, dah die Angeklagten Fiedler, Schah, Brüder und Frackmann durch Rechtsanwalt Dr. Goldstein, der Angeklagte Großmann durchRechts- antoalt Dr. Säubert und die angeklagten Reichswehrsoldaten durch Rechtsanwalt Teichert vertreten werden. Rechtsanwalt Säubert bittet für heute um Vertagung, da er sich auf die Verteidigung in der kurzen Zeit nicht pflichtgemäß vorbereiten konnte. Das Gericht entspricht diesem Anttag.
Verurteilter Landesverräter.
Schneidemühl, 8. Aug. (Wolff.) Wegen Spionage zugunsten Polens wurde der Gärtner Martin Genet aus Birnbaum vom Mese- rt&er Gericht zu fünf Jahren Zucht Haus verurteilt. Außerdem erkannte das Gericht auf 10 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht. Ianak hatte den polnischen Behörden in der Zeit, als das Gerücht einer polnischen Besetzung der deutschen Grenzkreise Meserih, Schwerin a. d. Warthe und Dornst verbreitet war, Rachrichten gegen Entgelt zukommen lassen und dadurch eine Gefährdung der Sicherheit des Deutschen Reiches herbeigeführt.
Unterzeichnung des englisch- russischen Abkommens.
London, 8. Aug. Rach einer Reuter- meldung ist das englisch-russische Abkommen heute abend von Macdonald und Pon- sonby als englischen Vertretern und von Rakowsky, Joffe, Scheinmann, Rad- s ch e n k o und T o m s k i als russischen Vertretern unterzeichnet worden.
Weitere Ausführungen im Deiblatt,
Die Krise des spanischen Direktoriums.
Paris, 8. August. Der Zivilgvuver- neur von Sarago ssa hat in einer iln.er» redung mit der „Gazette de Diarrih" Einspruch gegen die Rachricht von dem unmittelbar
und wolkenlosem Himmel beobachtet. Alle eine Höhe von 3000 Meter erreichenden Derggipfel können vom Alpenglühn erleuchtet werden. Mit der angegebenen Höhe ist freilich schon gesagt, dah nicht bewaldete oder grasbewachsene Höhen, sondern nur Schnee- oder Eisfelder and nackte Steinmassen in Betracht kommen. Das führt uns auf beit Gedanken, dah es sich am eine Lichtbrechung handeln maß. Eine Lichtbrechrng muß insofern vorhanden sein, als das Licht der untergegangenen Sonne dem Berggipfel nicht anmittelbar zukommen kann. Denn wenn vorher gesagt wurde, das Phänomen finde nur nach Sonnenuntergang statt, so meinten wir damit, dah die Sonne nicht nur für den aas einer Höhe von 500 ober 1500 Metern befindlichen Beschauer, sondern auch für den Berg selbst unter» gegangen sein muh. Da aber das Alpenglühn doch nur etwa eine Viertelstunde nach Sonnenuntergang, nicht später, möglich ist, so schließen wir daraus, daß die Sonne ihre Strahlen noch in höheren Atmosphären unserer Halbkugel z i senden vermag, daß also Berge von fünftausend und mehr Meter Höhe diese ©trabten noch unmittelbar erhielten. Siefe Strahlen der für die sämtlichen Bewohner unserer Halbkugel untergegangencn Sonne brechen sich in ihrer Atmosphäre, die vielleicht nicht für uns, wohl aber für den Dre- chungspankt in jenem Augenblick außerordentlich dunstig und dicht sein muh. Von dem undurch- sichtigen Drechungspantt verteilen sich die Strahlen aufs neue und treffen die weißen oder hellbraunen Schnee» und Gesteinsmassen. So dicht und schwer darchdringlich die Luft amDrechungs- punkh so dünn und durchsichtig sind die Schnee- unb Eismassen. Hier werden die sekundären Stroh»
bevvrsteyenven Sturz des Direktv- riums erhoben. Das Direktorium habe noch immer Die ungeheure Mehrheit des spanischen Volkes hinter sich. Srotz der tendenziösen Rachrichten, die verbreitet würden, werde die Regierung die Macht erst an neue Männer abgeben, wenn sie ihre Aufgabe abgeschloffen habe. Die neue Regierung werde von der neuen Partei, der politischen Unten, gebildet werden müssen und die Armee werbe niemals gestatten, dah die alten Politiker wieder ans Ruder gelangen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 9. Aug. 1924.
Der Knopf.
Man erlebt heutzutage doch noch allerlei äteberraschungen. Dis vor wenigen Sagen hätte ich es z. B. nicht für möglich gehalten, dah sich drei ganz fremde Männer auf einmal sehr lebhaft für einen Knopf interessierten, der eigen- mächttg seinen ordnungsgemäßen Platz in meiner Ausrüstung verlassen hatte. Wohlgemerkt, ich bin nicht Soldat, bei dem ja erst der Herr Unteroffizier, bann der Herr Feldwebel, hierauf der Herr Leutnant und schließlich auch noch der Herr Hauptmann täglich kontrollieren, ob an dem wackeren Manne auch alles in Ordnung ist. Ich bin ein ganz gewöhnlicher und dick verheirateter Zivilist, der nur von seiner Frau kontrolliert wird — leider nicht nur nach Knöpfen, sondern auch noch in manchen anderen Sachen —, und dennoch haben sich die obenerwähnten drei wildfremden Männer gar sehr um meinen eigensinnigen Knopf ins Zeug gelegt. Ich hatte ihn nicht etwa verloren, ober gar, wie es ja auch schon bei manchen Menschen vvrgekommen sein soll, den Klingelbeutel bewußt mit feinem Gewicht beschwert, nein ich hatte ihn, allerbings zerbrochen, auf der Hand, zeigte ihn vor — und ttohdem ein „Zirkus", weil der liebe Knopf eben nicht da war, wo er fein fotlte, und obwohl die Verwaisung seines Platzes das öffentliche und nichtöffentliche Schamgefühl gar nicht verletzen konnte. Es war allerdings auch kein gewöhnlicher Knopf, wie man ihn in jedem xbeliebigen Laden für einen ober zwei Kupfer- pfennige erstehen kann, sondern ein ganz „neu» modscher", den nicht jeder Zeitgenoffe sein eigen nennen kann: es war nämlich der Knopf von meiner Eisenbahn-Monatskarte. Und nun, lieber Zeitgenosse, höre meine Knopfgeschichte.
Bekanntlich hat die Eisenbahn die Reuerung eingeführt, daß die Monatskarte gemeinsam mit einem Lichtbild des Inhabers in einen Metallrahmen eingespannt werden muß, in dem Karte und Bild durch den bewußten Knopf so zu befestigen sind, daß eines mit dem andern aufs engste verlnmden ist. Als ich nun meine neue Monatskarte in ihr Gefängnis hineinpraktizieren wollte, hatte der Gefängnistürschließer, der besagte Knopf, seine Mucken, er roollte nicht, und als ich nun mit dem Taschenmesser etwas nachhalf, coobei dieses übrigens abbrach, da sträubte er sich noch mehr, bis es mir schließlich vor Wut fiedendheiß hochstieg und ich mit der Schere ihm kräfttg eins draufgab. Das nahm er nun ganz und gar krumm und aus Verdruß über meine Gewalttat verzichtete er auf seine gußeiserne Erdgebundenhett und zerplatzte. Da hatte ich denn die Bescherung. Mtt dem knopflosen Rahmengefängnis samt Bild und Monatskarte in der einen und den lieber» reflen meines Knopfes in der anderen Hand wollte ich am anderen Morgen durch die Gießener Sperre wandern. Ich war seelenvergnügt, denn ich hatte ja meinen Knopf. Der Bahnsteig- Zerberus war aber anderer Meinung. Erst besah er sich kritisch die Zweiteilung in meinen Händen, dann noch kritischer mich, um schließlich die sehr arg zugespitzte Frage an mich zu richten: „Sie haben ja keinen Knopf?" Beinahe hätte ich ihm meinen Rock und die Weste hingehalten, denn da sind die Knöpfe bis jetzt noch an ihrem Platz aber im letzten Augenblick hielt ich es doch für besser „bei der Sache" z i bleiben, und so zeigte ich ihm den geborstenen Rest einstiger Knopsschönheit in der Hoffnung, er werde die Legitimität anerkennen. Darin hatte ich mich aber getäuscht, denn kurz und bündig erklärte mir der Mann: „Sie müssen sich einen neuen Knopf kaufen, dort drüben am Schalter stehen noch mehr, die kaufen sich auch welche." Mein Protest half gar nichts, und so stellte ich mich denn in der Polonaise vor dem „Knopfladen", nein Eisenbahnschalter an. Im Kriege haben wir ja einige Ausdauer im Anstehen gelernt, aber die Ausdauer, die hier erforderlich gewesen wäre, um wieder einen richtigen, vollgültigen Knopf zu bekommen, hatte ich doch nicht, obwohl ich ein ziemlicher Geduldsmensch bin. Ich zog also ab. Gespannt wie ein neuer Regenschirm erschien ich nackmittags wieder an der Sperre, um heimzufahren. Mein „ Freund" vom Morgen erwischte mich und eröffnete mir sofort in ultimativer Form: „Sie haben ja noch fernen richtigen Knopf! Wenn Sie morgen früh keinen neuen Ve
len aufgesaugt, und es entsteht ein roter Glühkörper, den man annähernd mit Glühlampen und Glühstrümpfen vergleichen könnte, und den wir als Alpenglühn bewundern. Das Glühen der Felsmassen ist bei gleicher Höhe naturgemäß weniger intensiv, weil sie die Strahlen schlechter auffaugen als Schnee und Eis. Die Menge der Fremden und Einheimischen hat in der Regel für das Alpenglühn eine stürmische, in Interjektionen, Superlativen oder ergriffenem Schweigen sich kundgebende Bewunderung. Man glaube darum noch nicht, daß es eine in seiner überwältigenden Schönheit' unbestrittene Raturerscheinung sei. Es gibt viele feinempftndende und künstlerisch angelegte Menschen, die ihr um der Intensität und des scharfen Kontrastes mit der Umgebung willen recht gleichgültig gegenüberstehen und z. B. das falsche Alpenglühn mit seinem blasseren Rot oder den violetten Lichteffekt vor Anbruch der Rächt in seinen müden, sttlleren Farben bei weitem vorziehen. Die Alpenmaler haben sich natürlich ein so farbenprächtiges Moment im Leben der Dergwelt nicht entgehen lassen und das Alpenglühn des ersten Sonnenstrahls auf der Gletscher- Höhe so oft festgehalten wie den Sonnenuntergang und das „richtige Alpenglühn. Wie das Alpenglühn ein letzter Gruß des Lichtes vor der Rächt und die Konzentration einer gewaltigen Lichtmenge im Augenblick ihres Verschwindens ist, so möchte auch der Mensch sein ganzes Lebe.is- tagewerk in einer letzten schönen und großen Sat zusammenfassen, die sein Wollen und Fühlen für alle spiegelt, die ihn liebten und sein Scheiden betoetnen.
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hälter mit richtigem Knopf haben, ntuö 68 Sie an halte n." Die Feststellung im ersten Sah war mir schon bekannt, und die Ankündigung im zweiten Satz war mir verheißungsvoll, demtz sie eröffnete mir die Aussicht auf einige Erlebnisse, für die ich meist dankbar bin. Im Zuge fiel ich Knopfloser, denn als solcher mußte ich mich nach der bahnamtlichen Feststellung doch sehen, einem Kontrolleur in die Hände, der mich gütig und ernst mahnend auf den schrecklich»* Mangel aufmerksam machte was ja eigentlich nicht mehr nötig gewesen wäre. Am Ziele meiner Fahrt angelangt, stellte mich der dortige Bahnsteig- Hüter ebenfalls sofort wieder mit der ganzen Energie seiner Amtsgewalt. Er war in Wort und. Son seinem Gießener Kollegen s o ähnlich, daß in mir der Verdacht auf stieg, die beiden hätten sich während Weiner Fahrzeit telephonisch über mich ausgesprochen. Hier hatte ich nun etwas mehr Zeit als in Gießen, und ich versuchte, auf dem Wege einer Aussprache meiner gesprungenen Knopfherrlichkeit wieder zur Vollgültigfett zu verhelfen. Da kam ich aber schön an. Hei, wie wurden mir da die Leviten gelesen über die unbeugsame Knopfordnung, und zum Schluß kam die katego- r-ische Ankündigung: „Wenn Sie morgen früh keinen Knopf haben, kommen Sie auf keinen Fall durch." Wenn ich eS darauff hätte an- kommen lassen, würde mein Gießener ^Freund" mich nicht wiedergesehen haben. Den Schmerz wollte ich ihm aber nicht bereiten, und so zog ich hin, kaufte mir einen vollständig neuen Rahmen mit richtigem Knopf und konnte am andern Morgen heiter und guter Dinge wieder durch beide Sperren an den beiden Ordnungshütern vorbeiziehen. Die besahen erst mich und dann den Knopf sehr genau und in dem stolzen Gefühl, wieder mal die Ordnung und damit die Zukunft der Eisenbahn gerettet zu haben.
Ich neide den beiden guten Männern ihren Triumph nicht. Sie haben mir den Respekt vor Kleinigkeiten, in denen man bekannte lich immer groß fein muß, mit Entschiedenheit beigebracht. Mögen sie mit ihrem Diensteifer, der sich in hingehendster Weise sogar bis auf den Knopf erstreckt, unserer Eisenbahn noch lange erhalten bleiben. Teddy.
Gießener Wochenmarktpreise
am 9. August (Händlerpreise).
Es kosteten: Butter Pfd. 2 Mk., Matte Pfd. 35 Pf., Käse Stück 4—6 Pf., Eier Stück 13—14 Pf., Wirsing Pfd. 20 Pf., Weißkraut Pfd. 20 Pf., Rotkraut Pfd. 30 Pf., gelbe Rüben Pfd. 15 Pf., rote Rüben Pfd. 20 Pf., Bohnen Pfd. 20 Pf., Blumenkohl Stück 30—150 Pf., Salat Stück 10 Pf., Salatgurken Stück 30—70 Pf., Einmachgurken Stück 4—5 Pf., Ober-Kohlrabi Stück 10 Pf., Tomaten Pfd. 40 Pf., Zwiebeln Pfd. 12—15 Pf.. Rettich 10-15 Pf., Pilze Pfd. 15 Pf., Kartoffeln Pfd. 6 Pf., Fallapfel Pfd. 10 Pf., Aepfel Pfd. 30—40 Pf., Birnen Pfd. 25—30 Pf., Traubest Pfd. 60—70 Pf., Heidelbeeren Pfd. 28—30 Pf., Himbeeren Pfd. 50 Pf., Johannisbeeren Pfd. 40 Pst, Brombeeren Pfd. 50 Pf., Pflaumen Pfd. 30 bis 35 Pf., Mirabellen Pfd. 50—60 Pf., Honig Pfd. 30 Pf., junge Hahnen 80—100 Pf.
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Bornotizen«
— Tageskalender für Samstag. Radfahrerverein Fortuna: Monatsversammlung 8V2 Uhr im Postkeller. — Angler-Sportverein: Monatsversammlung 8 Uhr Restaurant Senkler. — Ruderklub Hassia: Mitgliederversammlung 81/2 Uhr im Bootshaus. — Rundfunkhaus Löber- straße: 81/2 Uhr: Offenbach-Abend. — Lichtspielhaus, Bahnhofstr.: „Blut und Sand". — Astor la- Lichtfpiele, Seltersweg: „Kapitän Kidd".
— Tageskalender für Sonntag. Verfassungsfeier des Reichsbanners Schwarz-Rot- Gold: Akademische Feier IOV2 Uhr vormittags im Stadttheater, nachmittags Festzug, anschließend auf der Liebigs höhe Volksfest. — Dienenzüchter- vereiii Gießen und Umgegend: Versammlung 3 Ähr bei Kraft. — Rundfunkhaus, Löberslratze, 8V2 Uhr: Literarischer Abend. — Lichtspielhäuser: wie am Samstag.
Wettervoraussage
Zunächst wolkig bis heiter und trocfen, später wieder zunehmende Trübung und Regengefahr, langsamer Temperatuvanstteg.
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** Pilzvergiftungen sind in der letzten Zeit wieder aus verschiedenen Orten gemeldet worden. Es muß immer wieder aufs eindringlichste gewarnt werden vor dem Einsammeln und dem Genuß von Pilzen, die dem Sammler nicht ganz sicher als unschädlich bekannt sind. Durchaus irrig ist die leider noch immer weit verbreitete Anschauung, daß es allgemein gültige Erkennungszeichen für eßbare ober giftige Pilze gäbe, wie Milchfaft, klebrige Beschaffenheit des Hutes, Braunfärbung eines in das Pilzgericht eingetauchten silbernen LöfielS, Verfärbung einer mit» gekochten Zwiebel. Ganz allein die genaue Kennt»
Zwei eigenartige Nadeln.
Als der alte Kaiser Wilhelm noch Prinz von Preußen war, besuchte er eines Tages eine große Radelfabrik. Er fprach seine Verwunderung darüber aus, daß es möglich sei, mit Hilfe eines Maschine unter Leitung einer geübten Menschenhand die winzigen, fast haardünnen Stahlnäh- nadeln mit einem exakten Oehr zu versehen. Der Locher, dem die Oehrung der feinen Radeln oblag, sah den Prinzen einen Augenblick fragend an und bat dann kurzentschlossen um ein Haar vorn Kopse des zukünftigen Königs von Preußen. Erheitert über den Einfall zupfte sich der Prinz ein Haar aus und reichte es dem Oehrer. Dieser legte es unter die Lochspindel, öhrte es im Handumdrehen, zog einen Faden hindurch und übergab das seltsame Gebilde dem staunenden Gast.
Eine andere eigenartige Radel befindet sich im englischen Kronschah. Sie gehörte einst der Königin Vittoria und wurde in der damals weit berühmten Radelfabrik von Redditch in England hergestellt. Sie stellt eine llliputanische Trajans- säute dar. Während die aus weißem Marmor gebaute Trajanssäule übenmbüber mit Reliefs geschmückt ist, welche die Taten Trajans ver- heräichen, ist die Radel der Königin von England ganz und gar mit zwerghaften getriebenen Bildern bedeckt, die Szenen aus dem Leben ihrer Besitzerin darstellen. Die Plastiken sind so fein, daß man sie mit einer Lupe betrachten muß, um ihre Schönheiten voll zu erkennen und zu genießen. Außerdem kann dieses Wundergebilde noch auseinandergenommen werden. In ihrem Innern sind noch eine Anzahl viel kleinerer Radeln verborgen, die ebenfalls mit kaum sichtbaren Reliefs geschmückt sind.


