Ausgabe 
9.8.1924
 
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Frankfurter Zeitung", das am 15. V. 24 nach dem Parteitag der S. P. D. schrieb: »Der Marxismus hat praktisch Fiasko gemacht, was mehr be­deutet als alles, was jemals gegen ihn gesagt und geschrieben wurde."

Der Geist von Weimar, der Geist des Weltbürgers Goethe, sollte Pate bei der Wei­marer Verfassung stehen. Dis heute hat dieser Wunsch nicht vermocht, auch nur die Deutschen unter ihren Fittichs zu einer gleichgestimmten Gemeinschaft zu vereinigen. Das sollte Lehre und Ansporn zugleich sein. Mit Feiern allein ist das Ziel nicht zu erreichen. Lebendiger Wille zur Volksgemeinschaft, Verständnis für die Wünsche der andern und Aufgabe des Parteidogmas sind notwenbig. Der Geist, nicht das Aeuheve, tuts. Wie lauteten doch die letzten Verse Goethes?

Gin jeder kehre vor seiner Tür, und rein ist jedes Stadtquartier.' Ein jeder übe seine Lektion, so wird es gut im Rate stöhn."

Volkspartei

und Derfassungsfeier.

äteber die Stellung der Deutschen Dolkspartei zur Derfassungsfeier schreibt die Zeit", das; die Deutsche Volkspartei die Weima­rer Verfassung als rechtmäßig zustcmdegekom- men und als gesetzliche Grundlage unseres politischen Lebens betrachtet, deren Aenderung nur aus dem von der Verfassung selbst vorge­schriebenen Wege möglich sei. Als staatsbe- jahende Partei beteiligte sich die Deutsche Dollspartei auf diesem Dvden am politischen Le­ben, auch durch ©tntritt in die Regierung. Das alles ändere jedoch nichts daran, dach die Deutsche Volkspartei wesentlichen Teilen der Wei­marer Verfassung ablehnend gegenüber steht und daß sie den Dag, an welchem die Verfassung in Kraft trat, nicht als einen besonderen Tag des Heils zu betrachten vermag. Aus diesem Grunde liege für ihre Mitglieder auch keine Veranlassung vor, sich an der großen Feier am Verfassungs- tage zu beteiligen.

Verbote in Thüringen.

Einem Drahtbericht aus Weimar zufolge hat die thüringische Regierung den für Smnstag als Vorfeier für die Verfassungsfeier geplanten Fackelzug des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gvld und das für Sonntag früh vorgesehene Wecken mit der Degründung verboten, dah dieser Teil des Progrannns der Verfassungsfeier über den Rahmen dessen hinaus- gtnge, was von Anfang an geplant und zugesagt worden sei. An die Beamten der Landespolizei wurde ein Erlast gerichtet, in dem ihnen die Teil­nahme an der Derfassungsfeier des Reichs­banners in Uniform verboten wird, ^gründet wird dieses Verbot damit, dah das Reichsbanner eine einseitige politische Organisation sei.

Gegenkundgebungen in Stettin.

Zn Stettin veranstaltet am Sonntag das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold eine Derfas­sungsfeier, bei der einige Abgeordnete sprechen werden. Als Gegenveranstaltung haben der Rationalverband deutscher Offiziere, der Stahl­helm, der Zvngdeutsche Orden und andere Organi­sationen einen öffentlichen Auszug auf dem Königsplah geplant. Dlättermeldungen zu­folge ist der Aufruf zu dieser Veranstaltung vom Regierungspräsidenten verboten toor&cn.

Gegenwehr in Hessen.

DieHessische Wehrgenveinschaft" lehnt nach einer uns zugegangenen Mitteilung eine Betei- ligchig an den Feiern der Derfafsu-ng ab und fordert ihre Mitglieder auf, das Beflaggen der Häuser zu unterlassen.

Bayern verbietet die schwarz-rot-goldene Kokarde.

Einer Drahtmeldung aus München zufolge wurde auf Grund des Schweherschen Kokarden­erlasses vom 11. Mai das Tragen der vom Reichs­bannerSchwarz-Rot-Gold" geführten Kokarde von der Münchener Polizeidirektion verboten. Dr. Jarres geht nicht ins Ruhr­gebiet.

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 9. Aug. Wie wir hören, beabsich- ttgt Reichsminister des Innern Dr. Jarres nicht, in nächster Zeit ins Ruhrgebiet zurückzu­kehren, da er voraussichtlich sein Amt als Reichs­minister beibehalten wird. Er wird im übri­gen nicht eher Gelegenheit nehmen, ins besetzte Gebiet einzureisen, als bis ihm in seiner Eigen­schaft als Reichsminister die Einreiseerlaub­nis gegeben wird. Im übrigen dringt man deutscherseits darauf, dah das während des Ruhr­kampfes erlassene Einreiseverbot für die Mitglie-

Vom Alpenglühn.

Wenn der Deutsche nach der Schweiz reist und sich den weißelten Grenzpfählen nähert, so sucht er mit begierigem Blick nach den Gletschern", und diese wiederum erscheinen ihm am schönsten im Alpenglühn. Da must denn von vornherein einer Verwechslung vorgebeugt werden: ein Schneeberg ist kein Gletscher und ein Sonnenunieigang kein Alpenglühn. Schnee­berge sind solche Höhen, die über der Schnee­grenze von 2700 Meter liegend auch im 3-ili drn Schnee nicht verlieren, aber keine Eisfelder haben und sich im allgemeinen jahrern, jahraus gleich bleiben. Gletscher sind Schneeberge, in steter Veränderung begriffen, mit sich verschiebenden, fast arisnahinslos zaiückgehenden Eisfeldern. Das ziemlich alltägliche Schauspiel ein schöner Sonnen­untergang, ist kein Alpenglühn. Tas eigentliche Alpenglühn ist vielmehr eine seltene Erscheinung, die sich oft während mehrerer Jahre nicht er» eignet. Um es vom Sonnenuntergang za unter­scheiden, gibt es ein einfaches Mittel: es tritt erst nach dem Sonnenuntergang ein. Der Abend- Himmel pflegt sich an solchen Tagen ziemlich indifferent zu vergalten. Kein dunkler Sonnen- ball, keine Rvsenwölkchen, kein plötzlicher, aus der Dämmerung brechender Strahl: all^8 scheint schon vorüber: da, in jähem Leuchten rötet sich die weihe Dergspihe, und selbst der nackte, schnee- lose Grat ragt in Glut getaucht gen Himmel. Dann versinkt alles in Rächt. Wie können wir nun diese Erscheinung erklären? Aiffallen must, dast sie sich zu jeder Jahreszeit ereignen kann: Kälte und Hitze kommen also nicht in Betracht. Man hat ferner das Alpenglühn bei wvlttgem

Der Der RelchSregierung sofort rückgängig gemacht wird. Die Mitglieder des Reichskabinetts werden fich un ter keinen Llmständen nach Abschluß eines Abkomniens über das Sachverstän­digen-Gutacht en an dieses Verbot halten. Auch Dr. Jarres wird, wie wir hören, sich an keinerlei Einreisebestimmungen halten, wenn er in seiner dienstlichen Eigenschaft sich nach dem besetzten Ge­biet begeben wird.

Abbau bei der Regie?

Erne Meldung aus Essen besagt, dah auf einer Reihe von Bahnhöfen im Ruhrb^irk, so auf den Stationen Hattingen, Werden, Mühlheim usw., die französischen Eisenbahner, die dort zusammen mit deutschem Personal den Dienst ver­sahen, zurückgezogen worden seien.

Neichswehrsoldaten vor dem Staatsgerichtshof.

Leipzig, 8. Aug. (Wolff.) Im Prozeß Fiedler und Genossen vor dem Staatsgerichts­hof ist als Verteidiger von Amtswegen Rechts.rnwalt Goldstein bestellt worden. Vor Beginn der heutigen Verhandlungen teilte Rechts­anwalt Döring mit, dah den Rechtsanwälten Dr. Herzfeld und Samter der Eintritt in den Zu­hörerraum von den überwachenden Polizeiboa inten verboten wurde, trotzdem sie im Besitze von rechtsmähigen Ausweiskarten seien. Der Dvv- sitzende Riedner erklärte, seine Verordnungen seien offenbar mihverstanden toorben. Sobald sich die Anwälte wie jeder andere Zuhörer ausge­wiesen hätten, würden sie ohne weiteres zuge­lassen werden. Rechtsanwalt Döring bittet um eine Pause von zehn Minuten. Rach dieser Pause erklärte er: 3m Interesse der Verhandlungen so­wie der Angeklagten, deren Schicksal ihm anver­traut sei, halte er es für notwendig, sein Man­dat niederzulegen. Auf Antrag des Reichs­anwalts Reumann wird die Verhandlung bis nachmittags 3 plhr vertagt.

In der Rachmittagsverhandlung ist die Ver­teidigerbank wieder beseht. Ein Antrag des neuen Verteidigers O b u ch - Berlin auf Ablehnung des Vo^itzenden wegen Befangenheit wird vom Gericht in diesem Stadium der Verhandlung für unzulässig erklärt, da die Verhandlung nur unterbrochen, nicht vertagt worden sei. Auch ein Antrag des Verteidigers, die Verhandlung über­haupt auf einen späteren Termin zu verlegen, wird vom Gericht abgelehnt, da die angeführten Gründe nicht gerechtfertigt wären. Verteidiger Obuch er­klärt darauf, dah er keine Möglichkeit mehr sehe, diesem Gerichtshof gegenüber die letzten Argu­mente, die der Verteidigung zur Verfügung stehen, geltend zu machen. Er sehe sich daher gezwungen, die Verteidigung nlÄierzulegen. Hierauf wird festgestellt, dah die Angeklagten Fiedler, Schah, Brüder und Frackmann durch Rechtsanwalt Dr. Goldstein, der Angeklagte Großmann durchRechts- antoalt Dr. Säubert und die angeklagten Reichs­wehrsoldaten durch Rechtsanwalt Teichert ver­treten werden. Rechtsanwalt Säubert bittet für heute um Vertagung, da er sich auf die Ver­teidigung in der kurzen Zeit nicht pflichtgemäß vorbereiten konnte. Das Gericht entspricht die­sem Anttag.

Verurteilter Landesverräter.

Schneidemühl, 8. Aug. (Wolff.) Wegen Spionage zugunsten Polens wurde der Gärt­ner Martin Genet aus Birnbaum vom Mese- rt&er Gericht zu fünf Jahren Zucht Haus verurteilt. Außerdem erkannte das Gericht auf 10 Jahre Ehrverlust und Stellung unter Polizei­aufsicht. Ianak hatte den polnischen Behör­den in der Zeit, als das Gerücht einer polnischen Besetzung der deutschen Grenzkreise Meserih, Schwerin a. d. Warthe und Dornst verbreitet war, Rachrichten gegen Entgelt zukommen lassen und dadurch eine Gefährdung der Sicherheit des Deut­schen Reiches herbeigeführt.

Unterzeichnung des englisch- russischen Abkommens.

London, 8. Aug. Rach einer Reuter- meldung ist das englisch-russische Abkommen heute abend von Macdonald und Pon- sonby als englischen Vertretern und von Ra­kowsky, Joffe, Scheinmann, Rad- s ch e n k o und T o m s k i als russischen Vertretern unterzeichnet worden.

Weitere Ausführungen im Deiblatt,

Die Krise des spanischen Direktoriums.

Paris, 8. August. Der Zivilgvuver- neur von Sarago ssa hat in einer iln.er» redung mit derGazette de Diarrih" Einspruch gegen die Rachricht von dem unmittelbar

und wolkenlosem Himmel beobachtet. Alle eine Höhe von 3000 Meter erreichenden Derggipfel können vom Alpenglühn erleuchtet werden. Mit der angegebenen Höhe ist freilich schon gesagt, dah nicht bewaldete oder grasbewachsene Höhen, sondern nur Schnee- oder Eisfelder and nackte Steinmassen in Betracht kommen. Das führt uns auf beit Gedanken, dah es sich am eine Licht­brechung handeln maß. Eine Lichtbrechrng muß insofern vorhanden sein, als das Licht der untergegangenen Sonne dem Berggipfel nicht an­mittelbar zukommen kann. Denn wenn vorher gesagt wurde, das Phänomen finde nur nach Sonnenuntergang statt, so meinten wir damit, dah die Sonne nicht nur für den aas einer Höhe von 500 ober 1500 Metern befindlichen Be­schauer, sondern auch für den Berg selbst unter» gegangen sein muh. Da aber das Alpenglühn doch nur etwa eine Viertelstunde nach Sonnenunter­gang, nicht später, möglich ist, so schließen wir daraus, daß die Sonne ihre Strahlen noch in höheren Atmosphären unserer Halbkugel z i senden vermag, daß also Berge von fünftausend und mehr Meter Höhe diese ©trabten noch unmittelbar erhielten. Siefe Strahlen der für die sämtlichen Bewohner unserer Halbkugel untergegangencn Sonne brechen sich in ihrer Atmosphäre, die vielleicht nicht für uns, wohl aber für den Dre- chungspankt in jenem Augenblick außerordentlich dunstig und dicht sein muh. Von dem undurch- sichtigen Drechungspantt verteilen sich die Strah­len aufs neue und treffen die weißen oder hell­braunen Schnee» und Gesteinsmassen. So dicht und schwer darchdringlich die Luft amDrechungs- punkh so dünn und durchsichtig sind die Schnee- unb Eismassen. Hier werden die sekundären Stroh»

bevvrsteyenven Sturz des Direktv- riums erhoben. Das Direktorium habe noch immer Die ungeheure Mehrheit des spanischen Volkes hinter sich. Srotz der tendenziösen Rach­richten, die verbreitet würden, werde die Regie­rung die Macht erst an neue Männer abgeben, wenn sie ihre Aufgabe abgeschloffen habe. Die neue Regierung werde von der neuen Partei, der politischen Unten, gebildet werden müssen und die Armee werbe niemals gestat­ten, dah die alten Politiker wieder ans Ruder gelangen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 9. Aug. 1924.

Der Knopf.

Man erlebt heutzutage doch noch allerlei äteberraschungen. Dis vor wenigen Sagen hätte ich es z. B. nicht für möglich gehalten, dah sich drei ganz fremde Männer auf einmal sehr leb­haft für einen Knopf interessierten, der eigen- mächttg seinen ordnungsgemäßen Platz in mei­ner Ausrüstung verlassen hatte. Wohlgemerkt, ich bin nicht Soldat, bei dem ja erst der Herr Unteroffizier, bann der Herr Feldwebel, hierauf der Herr Leutnant und schließlich auch noch der Herr Hauptmann täglich kontrollieren, ob an dem wackeren Manne auch alles in Ordnung ist. Ich bin ein ganz gewöhnlicher und dick verheirateter Zivilist, der nur von seiner Frau kontrolliert wird leider nicht nur nach Knöpfen, sondern auch noch in manchen anderen Sachen, und dennoch haben sich die obenerwähnten drei wildfremden Männer gar sehr um meinen eigensinnigen Knopf ins Zeug gelegt. Ich hatte ihn nicht etwa verloren, ober gar, wie es ja auch schon bei manchen Men­schen vvrgekommen sein soll, den Klingelbeutel be­wußt mit feinem Gewicht beschwert, nein ich hatte ihn, allerbings zerbrochen, auf der Hand, zeigte ihn vor und ttohdem einZirkus", weil der liebe Knopf eben nicht da war, wo er fein fotlte, und obwohl die Verwaisung seines Platzes das öffentliche und nichtöffentliche Schamgefühl gar nicht verletzen konnte. Es war allerdings auch kein gewöhnlicher Knopf, wie man ihn in jedem xbeliebigen Laden für einen ober zwei Kupfer- pfennige erstehen kann, sondern ein ganzneu» modscher", den nicht jeder Zeitgenoffe sein eigen nennen kann: es war nämlich der Knopf von mei­ner Eisenbahn-Monatskarte. Und nun, lieber Zeitgenosse, höre meine Knopfgeschichte.

Bekanntlich hat die Eisenbahn die Reuerung eingeführt, daß die Monatskarte gemeinsam mit einem Lichtbild des Inhabers in einen Metall­rahmen eingespannt werden muß, in dem Karte und Bild durch den bewußten Knopf so zu be­festigen sind, daß eines mit dem andern aufs engste verlnmden ist. Als ich nun meine neue Monats­karte in ihr Gefängnis hineinpraktizieren wollte, hatte der Gefängnistürschließer, der besagte Knopf, seine Mucken, er roollte nicht, und als ich nun mit dem Taschenmesser etwas nachhalf, coobei dieses übrigens abbrach, da sträubte er sich noch mehr, bis es mir schließlich vor Wut fiedendheiß hoch­stieg und ich mit der Schere ihm kräfttg eins draufgab. Das nahm er nun ganz und gar krumm und aus Verdruß über meine Gewalttat ver­zichtete er auf seine gußeiserne Erdgebundenhett und zerplatzte. Da hatte ich denn die Bescherung. Mtt dem knopflosen Rahmengefängnis samt Bild und Monatskarte in der einen und den lieber» reflen meines Knopfes in der anderen Hand wollte ich am anderen Morgen durch die Gießener Sperre wandern. Ich war seelenvergnügt, denn ich hatte ja meinen Knopf. Der Bahnsteig- Zerberus war aber anderer Meinung. Erst besah er sich kritisch die Zweiteilung in meinen Händen, dann noch kritischer mich, um schließlich die sehr arg zugespitzte Frage an mich zu richten:Sie haben ja keinen Knopf?" Beinahe hätte ich ihm meinen Rock und die Weste hingehalten, denn da sind die Knöpfe bis jetzt noch an ihrem Platz aber im letzten Augenblick hielt ich es doch für besserbei der Sache" z i bleiben, und so zeigte ich ihm den geborstenen Rest einstiger Knopsschönheit in der Hoffnung, er werde die Legitimität anerkennen. Darin hatte ich mich aber getäuscht, denn kurz und bündig erklärte mir der Mann:Sie müssen sich einen neuen Knopf kaufen, dort drüben am Schalter stehen noch mehr, die kaufen sich auch welche." Mein Protest half gar nichts, und so stellte ich mich denn in der Polonaise vor demKnopfladen", nein Eisen­bahnschalter an. Im Kriege haben wir ja einige Ausdauer im Anstehen gelernt, aber die Aus­dauer, die hier erforderlich gewesen wäre, um wieder einen richtigen, vollgültigen Knopf zu be­kommen, hatte ich doch nicht, obwohl ich ein ziemlicher Geduldsmensch bin. Ich zog also ab. Gespannt wie ein neuer Regenschirm erschien ich nackmittags wieder an der Sperre, um heimzu­fahren. Mein Freund" vom Morgen erwischte mich und eröffnete mir sofort in ultimativer Form:Sie haben ja noch fernen richtigen Knopf! Wenn Sie morgen früh keinen neuen Ve­

len aufgesaugt, und es entsteht ein roter Glüh­körper, den man annähernd mit Glühlampen und Glühstrümpfen vergleichen könnte, und den wir als Alpenglühn bewundern. Das Glühen der Felsmassen ist bei gleicher Höhe naturgemäß weniger intensiv, weil sie die Strahlen schlechter auffaugen als Schnee und Eis. Die Menge der Fremden und Einheimischen hat in der Regel für das Alpenglühn eine stürmische, in Interjektionen, Superlativen oder ergriffenem Schweigen sich kundgebende Bewunderung. Man glaube darum noch nicht, daß es eine in seiner überwältigenden Schönheit' unbestrittene Raturerscheinung sei. Es gibt viele feinempftndende und künstlerisch an­gelegte Menschen, die ihr um der Intensität und des scharfen Kontrastes mit der Umgebung willen recht gleichgültig gegenüberstehen und z. B. das falsche Alpenglühn mit seinem blasseren Rot oder den violetten Lichteffekt vor Anbruch der Rächt in seinen müden, sttlleren Farben bei weitem vorziehen. Die Alpenmaler haben sich natürlich ein so farbenprächtiges Moment im Leben der Dergwelt nicht entgehen lassen und das Alpen­glühn des ersten Sonnenstrahls auf der Gletscher- Höhe so oft festgehalten wie den Sonnenunter­gang und dasrichtige Alpenglühn. Wie das Alpenglühn ein letzter Gruß des Lichtes vor der Rächt und die Konzentration einer gewaltigen Lichtmenge im Augenblick ihres Verschwindens ist, so möchte auch der Mensch sein ganzes Lebe.is- tagewerk in einer letzten schönen und großen Sat zusammenfassen, die sein Wollen und Fühlen für alle spiegelt, die ihn liebten und sein Scheiden betoetnen.

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hälter mit richtigem Knopf haben, ntuö 68 Sie an halte n." Die Feststellung im ersten Sah war mir schon bekannt, und die Ankündigung im zweiten Satz war mir verheißungsvoll, demtz sie eröffnete mir die Aussicht auf einige Erleb­nisse, für die ich meist dankbar bin. Im Zuge fiel ich Knopfloser, denn als solcher mußte ich mich nach der bahnamtlichen Feststellung doch sehen, einem Kontrolleur in die Hände, der mich gütig und ernst mahnend auf den schrecklich»* Mangel aufmerksam machte was ja eigentlich nicht mehr nötig gewesen wäre. Am Ziele meiner Fahrt angelangt, stellte mich der dortige Bahnsteig- Hüter ebenfalls sofort wieder mit der ganzen Energie seiner Amtsgewalt. Er war in Wort und. Son seinem Gießener Kollegen s o ähnlich, daß in mir der Verdacht auf stieg, die beiden hätten sich während Weiner Fahrzeit telephonisch über mich ausgesprochen. Hier hatte ich nun etwas mehr Zeit als in Gießen, und ich versuchte, auf dem Wege einer Aussprache meiner gesprungenen Knopfherrlichkeit wieder zur Vollgültigfett zu ver­helfen. Da kam ich aber schön an. Hei, wie wurden mir da die Leviten gelesen über die unbeugsame Knopfordnung, und zum Schluß kam die katego- r-ische Ankündigung:Wenn Sie morgen früh keinen Knopf haben, kommen Sie auf keinen Fall durch." Wenn ich eS darauff hätte an- kommen lassen, würde mein Gießener ^Freund" mich nicht wiedergesehen haben. Den Schmerz wollte ich ihm aber nicht bereiten, und so zog ich hin, kaufte mir einen vollständig neuen Rahmen mit richtigem Knopf und konnte am andern Morgen heiter und guter Dinge wieder durch beide Sperren an den beiden Ordnungshütern vorbeiziehen. Die besahen erst mich und dann den Knopf sehr genau und in dem stolzen Ge­fühl, wieder mal die Ordnung und damit die Zukunft der Eisenbahn gerettet zu haben.

Ich neide den beiden guten Männern ihren Triumph nicht. Sie haben mir den Respekt vor Kleinigkeiten, in denen man bekannte lich immer groß fein muß, mit Entschiedenheit beigebracht. Mögen sie mit ihrem Dienst­eifer, der sich in hingehendster Weise sogar bis auf den Knopf erstreckt, unserer Eisenbahn noch lange erhalten bleiben. Teddy.

Gießener Wochenmarktpreise

am 9. August (Händlerpreise).

Es kosteten: Butter Pfd. 2 Mk., Matte Pfd. 35 Pf., Käse Stück 46 Pf., Eier Stück 1314 Pf., Wirsing Pfd. 20 Pf., Weißkraut Pfd. 20 Pf., Rotkraut Pfd. 30 Pf., gelbe Rüben Pfd. 15 Pf., rote Rüben Pfd. 20 Pf., Bohnen Pfd. 20 Pf., Blumenkohl Stück 30150 Pf., Salat Stück 10 Pf., Salatgurken Stück 3070 Pf., Einmachgurken Stück 45 Pf., Ober-Kohlrabi Stück 10 Pf., To­maten Pfd. 40 Pf., Zwiebeln Pfd. 1215 Pf.. Rettich 10-15 Pf., Pilze Pfd. 15 Pf., Kartoffeln Pfd. 6 Pf., Fallapfel Pfd. 10 Pf., Aepfel Pfd. 3040 Pf., Birnen Pfd. 2530 Pf., Traubest Pfd. 6070 Pf., Heidelbeeren Pfd. 2830 Pf., Himbeeren Pfd. 50 Pf., Johannisbeeren Pfd. 40 Pst, Brombeeren Pfd. 50 Pf., Pflaumen Pfd. 30 bis 35 Pf., Mirabellen Pfd. 5060 Pf., Honig Pfd. 30 Pf., junge Hahnen 80100 Pf.

Bornotizen«

Tageskalender für Samstag. Radfahrerverein Fortuna: Monatsversammlung 8V2 Uhr im Postkeller. Angler-Sportverein: Monatsversammlung 8 Uhr Restaurant Senkler. Ruderklub Hassia: Mitgliederversammlung 81/2 Uhr im Bootshaus. Rundfunkhaus Löber- straße: 81/2 Uhr: Offenbach-Abend. Lichtspiel­haus, Bahnhofstr.:Blut und Sand". Astor la- Lichtfpiele, Seltersweg:Kapitän Kidd".

Tageskalender für Sonntag. Verfassungsfeier des Reichsbanners Schwarz-Rot- Gold: Akademische Feier IOV2 Uhr vormittags im Stadttheater, nachmittags Festzug, anschließend auf der Liebigs höhe Volksfest. Dienenzüchter- vereiii Gießen und Umgegend: Versammlung 3 Ähr bei Kraft. Rundfunkhaus, Löberslratze, 8V2 Uhr: Literarischer Abend. Lichtspielhäuser: wie am Samstag.

Wettervoraussage

Zunächst wolkig bis heiter und trocfen, später wieder zunehmende Trübung und Regengefahr, langsamer Temperatuvanstteg.

** Pilzvergiftungen sind in der letzten Zeit wieder aus verschiedenen Orten gemeldet worden. Es muß immer wieder aufs eindringlichste gewarnt werden vor dem Einsammeln und dem Genuß von Pilzen, die dem Sammler nicht ganz sicher als unschädlich bekannt sind. Durchaus irrig ist die leider noch immer weit verbreitete An­schauung, daß es allgemein gültige Erkennungs­zeichen für eßbare ober giftige Pilze gäbe, wie Milchfaft, klebrige Beschaffenheit des Hutes, Braunfärbung eines in das Pilzgericht einge­tauchten silbernen LöfielS, Verfärbung einer mit» gekochten Zwiebel. Ganz allein die genaue Kennt»

Zwei eigenartige Nadeln.

Als der alte Kaiser Wilhelm noch Prinz von Preußen war, besuchte er eines Tages eine große Radelfabrik. Er fprach seine Verwunderung dar­über aus, daß es möglich sei, mit Hilfe eines Maschine unter Leitung einer geübten Menschen­hand die winzigen, fast haardünnen Stahlnäh- nadeln mit einem exakten Oehr zu versehen. Der Locher, dem die Oehrung der feinen Radeln ob­lag, sah den Prinzen einen Augenblick fragend an und bat dann kurzentschlossen um ein Haar vorn Kopse des zukünftigen Königs von Preußen. Erheitert über den Einfall zupfte sich der Prinz ein Haar aus und reichte es dem Oehrer. Dieser legte es unter die Lochspindel, öhrte es im Hand­umdrehen, zog einen Faden hindurch und über­gab das seltsame Gebilde dem staunenden Gast.

Eine andere eigenartige Radel befindet sich im englischen Kronschah. Sie gehörte einst der Königin Vittoria und wurde in der damals weit berühmten Radelfabrik von Redditch in England hergestellt. Sie stellt eine llliputanische Trajans- säute dar. Während die aus weißem Marmor gebaute Trajanssäule übenmbüber mit Reliefs geschmückt ist, welche die Taten Trajans ver- heräichen, ist die Radel der Königin von England ganz und gar mit zwerghaften getriebenen Bil­dern bedeckt, die Szenen aus dem Leben ihrer Besitzerin darstellen. Die Plastiken sind so fein, daß man sie mit einer Lupe betrachten muß, um ihre Schönheiten voll zu erkennen und zu ge­nießen. Außerdem kann dieses Wundergebilde noch auseinandergenommen werden. In ihrem Innern sind noch eine Anzahl viel kleinerer Ra­deln verborgen, die ebenfalls mit kaum sicht­baren Reliefs geschmückt sind.