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nr. 58 Drittes Blatt

Samstag, 8. Dlörj 1924

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderyesfen)

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des von uns ver-

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tourf derVerleumdung" zu machen. Wenige Seit darauf belohnt er das mit dec Ernennung des ihm genehmen deutschen Botschafters erttnefenen Entgegenkommen mit dec Rücksendung einer ihm übergebenen rein sachlichen Rote.

Kürzlich haben die Pressevertreter von mehr als 20 fremden Ländern sich zu einer Kundgebung in Berlin vereinigt, die sich zu einem mächtigen Einspruch gegen das Versailler Diktat gestaltete. Dabei fand die Bemerkung gerade des britischen Vertreters brausenden Beifall, daß iv i r es in dem Widerstand gegen die uns auferlegte Skla­verei an der erforderlichen Initiative fehlen liehen. Diesen Vorwurf Höven wir nicht Aum erstenmal von unseren ausländischen Freunden. Die unermüdliche Berufung an die öffentliche Meinung und an das Gewissen der Welt ist heute, da wir waffenlos einem bis in die Zähne ge­rüsteten Gegner überantwortet sind, das wich­tigste Mittel unserer Gegenwehr.

Vorfahren der Briefmarken.

Jeder kundige Briefmarkensammler weih, daß das Geburtsjahr des von ihm so heiß begehrten Sammelgegenstandes 1840 war, da der englische Postmeister Rowland Hill die ersten Marken ausgab. Aber auch diese Erfindung hat ihre Vor­fahren gehabt, die freilich heute von allergrößter Seltenheit sind. 3m Hahre 1653 verlieh König Ludwig XIV. dem Staatsrat Delayer das Pri­vileg, in den einzelnen Stadtvierteln von Paris Briefkästen anbringen und die für die Einwohner der Stadt bestimmten Briefe durch Boten gegen eine Gebühr von einem Sou verteilen zu lassen. Wer Briefe aufgeben wollte, mußte kleine Blätter kaufen, die an den Briefen befestigt wurden und den Aufdruck enthielten:Port pahä, le . . . jour du rnois de . . . l'an le . . Erfunden soll diese Reuerung von einer Hofdame sein, Frau von Longueville, aber trotz der Unterstützung des Hofes hatte das Unternehmen kein langes 2e6en, und seitdem hörte man lange nichts mehr von dem Versuch, die Gebühr für die Rachcichten- Beförderung auf eine briefmarkenähnliche Weise einzuziehen. Erst im Jahre 1819 trat im König­reich Sardinien eine neue Art von Freimarken ans Licht. Diese Vorläufer der Briefmarke hatten den Wert von 15, 25 und 50 Centimes, bestanden aus weißen Blättern Stempelpapier und dienten gleichzeittg als Briefumschläge: diese Marken wurden 1836 in England eingeführt, dann aber 4 Jahre später durch die Briefmarken ersetzt.

Eaim nicht ohne Auswirkung auf die übrigen Teile bleiben. Die sich daran anknüpfenden Aas- aleichsvorgänge brauchen Zeit: damit sehen wir die Möglichkeit gegeben, eine Makroproynose ab­zageben, die nicht mehr das Wetter eines ein­zelnen Tages, sondern den Witerangscharakter eines längeren Zeitvaames umfassen wird. Diese Weltorganisation der Wettervoraussage ist aber eine gewaltige Aufgabe. Es wäre ein W e 11 - amt für die nördliche Halbkugel denkbar, das den allgemeinen Zustand der Atmosphäre zu über­wachen hat. Daneben müßten Reichsämter in den einzelnen Ländern stehen, denen wieder Landeswetterwarten und Wetterdienststellen un­tergeordnet sind. Auf diese Weise wäre ein inter­nationales Zusammenarbeiten möglich, das eine Vorhersage auf längere Zeit gestatten würde. Daß die Wettervorhersage einmal so ausgebildet werden kann, daß sie völlig sicher arbeitet, wird aber kaum möglich sein. Wenn man von dem Grunk^ah ausgeht:Gleichen Witterungssaktoren folgt auch gleiches Wetter", so läßt sich bei Tages- Prognosen doch nur zu einer Treffsicherheit von 8090 o/o kommen, und dieser Höchstsatz scheint auf so kurze Fristen vom Wetterdienst bereits erreicht zu sein. Rotwendig ist die größere Verbrei­tung des wetteickundlichen Llnterrichtes, der erst das richtige Verständnis für die Bedeutung der Vorhersagen bringen kann.

samten Kulturwelt, daß die öffentliche Meinung gezwungen wird, sich damit in einem Maße zu beschäftigen, dem auch Frankreich sich nicht wird entziehen können. Hetzt wird sich für uns eine neue Gelegenheit bieten, die Ruhrfrage z> Sprache zu bringen, wenn die beiden fremdi Ausschüsse das Ergebnis ihrer Beratungen vor- legcn werden. Wir sollten nicht ermüden, die Behandlung, die wir an Ruhr und Rhein zu ertragen haben, dem Auslande in immer er­neuten Roten zu unterbreiten. Tritt uns dann in irgend einer Form der Vorwurf entgegen, daß

diese Behandlung eine Folge des von uns schuldeten Krieges sei, so haben wir damit wünschten Anlaß, die Schuldfrage immer von neuem anzuschneiden und den heute von allen unbefangenen Forschern festgestellten Rachweis zu erbringen, daß die Anklage der deutschen Allein­schuld gänzlich unhaltbar ist. Hier tritt der Zu­sammenhang zwischen unseren Röten und der Schuldfrage, der unsere Regierung so gerne aus- weichen, scharf in die Erscheinung. Glauben wir doch nicht, daß wir einem Poincare gegenüber mit versöhnlichen Versicherungen, wie sie von leitender Stelle im Reichstag dieser Tage geäußert worden, eine Wirkung erzielen. 3n seiner letzten Rote bestreitet dieser unerreichte Meister der Lüge jeden Zusammenhang mit den Hochverrätern der Pfalz, und er ging so weit, uns den in ein am diplomatischen Aktenstück bisher unerhörten Dor-

AU MM v?s Mmn SAlMAs: HieIeMeMrMeunMWiMWle

Von Aniversitätsprofeffor

Dr. Wilhelm Horn in Gießen.

Die folgenden Ausführungen des Vertrauensmanns der Landesuniversität in der Frage der Schulreform waren be­reits zu Papier gebracht, bevor die Auf­sätze über die deutsche Oberschule im G. A. zum Abdruck gekommen waren. Wir glauben nunmehr unserer Leserschaft ein abgerundetes Bild über die Schulreform­bestrebungen gegeben zu haben. D. Red.

Von den Reformplänen auf dem Gebiet des hessischen höheren Schulwesens ist in der Öffent­lichkeit wiederholt die Rede gewesen. Einen an­schaulichen Aeberblick über die Gesamtheit der Reformpläne bietet ein längerer Aufsatz von Oberstudiendirektor Dr. Pitz. Es handelt sich teils um Umbildungen der vorhandenen Schul- gattungen, teils um Schaffung neuer Schulgat­tungen. Von den letzteren soll hier die Rede sein. Die neuen Schulgattungen sind die Deut­sche Oberschule und die A u f b a u s ch u 1 e.

I. Die Deutsche Oberschule will die deutsche Kultur in den Mittelpunkt des Unter­richts stellen. Diese neue Schulformumfaßt wie eine Denkschrift des Preußischen Unterrichts- miniftcriumS sagt (Zentralbl. für die Unterrichts- Verwaltung in Preußen, 1922, Beilage zum Heft 6) unter Deutsch eine zur Einheit za- fammcnzuschließende Gruppe von Fächern: Re­ligion, Deutsch, Philosophie, Geschichte, Erdkunde, Kunstunterricht". Daß die deutsche Kultur in der Schule besonders gepflegt werde, ist eine berechtigte Forderung. Sie wird namentlich von derGesellschaft für deutsche Bildung" (Germa­nistenbund) vertreten. Bei dieser Forderung dar freilich nicht vergeffen werden, daß schon seither die höhere Schule dem Deutschen einen viel grö­ßeren Raum gewährt hat, als es nach der Zahl der dem Deutschen zugestandenen Stunden scheinen könnte. Dem Deutschen dienen ja vor allem auch die fremdsprachlichen Fächer, besonders wenn der Unterricht nach Erarbeitung der sprachlichen (Grundlagen die fremde Kultur in den Mittel­punkt stellt und mit der deutschen vergleicht, wie das immer mehr gefordert und geübt wird.

Die stacke Betonung des Deutschen in der neuen Schule führt leicht zu einer übermäßig star­ken Zurückdrängung des frerndsprach- lichenUnterrichts. Während der preußische Entwurf einer Stundentafel der Deutschen Ober­

schule zwei Fremdsprachen vorsieht, hat der l-essische Plan nur eine Fremdsprache als Pflicht- ach aufgenommen: eine zweite Fremdsprache kann als Wahlfach gelernt werden. Diese Vernach­lässigung der Fremdsprachen muß Bedenken er­regen in einer Zeit, in der die deutschen Uni­versitäten die Bedeutung eines vertieften und erweiterten Aicslandsstudiums" betonen, in einer Zeit, in der man in anderen Ländern (Frank­reich, England) den fremdsprachlichen Schulunter­richt verstärkt. Die Zurückdrängung der fremden Sprachen liegt überdies nicht in dem Gedanken der Deutschen Oberschule selbst. Die deutsche Kul­tur ist so stark von fremden Kulturen, alten und neuen, beeinflußt, daß sie ohne die Bekannt- chaft mit fremden Kulturen nicht erfaßt werden farm. Das Wesen der deutschen Kultur kann man nicht verstehen, wenn man sie nicht mit fremden Kulturen vergleichen kann. Dazu reicht die durch nur eine fremde Sprache er­schloßene Kultur nicht aus. Mindestens zwei remdc Kulturen sind dazu nötig: eine alte und eine neue. Es kann keinem Zweisel unterliegen, daß besser als der weitausgedehnte naturwissenschaftliche Unterricht, ter für die oberen Klassen vorgesehen ist, in den Plan der Deutschen Oberschule fremdsprachlicher Unterricht paßt, zu­mal wenn er zum Kulturunterricht sich gestaltet. Die Universitäten bemühen sich immer mehr, die Grundlagen zu einer solchen Ausge­staltung zu bieten.

Die Deutsche Oberschule tyill natürlich wie die anderen höheren Schulen ihren Abiturienten das Reifezeugnis für das Hochschulstudium geben. Aber darüber sind sich die Hochschulen, die sonst schwer unter einen Hut zu bringen sind, einig: mit der Kenntnis nur einer Fremdsprache kann man nicht studie­ren. Das sagen nicht nur die Vertreter der Geisteswissenschaften, sondern ebenso nachdrücklich die Vertreter der naturwissenschaftlichen und tech­nische Fächer. Don sämtlichen Hoch­schulen des Reichs wird das Erlernen min­destens zweier Fremdsprachen auf der Schule mit Rachdruck gefordert. ' Die Llniversität Gießen hat schon vor Jahren, als der Gedanke an eindeutsches Gymnasium" austauchte, darauf hingewiesen, daß eine höhere Schule mit nur einer Fremdsprache eine ungenügende Vorberei­tung zum Studium biete. Und neuerdings hat die Universität den folgenden Leitsatz ausgestellt:

Eine höhere Schule mit nur einer Fremd­sprache bietet schon für praktische Berufe eine mangelhafte Vorbildung und kann als Vorbe­reitungsanstalt für Hochschulstudien gar nicht in Frage kommen, weil bei der internatio­nalen Geltung von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft der durch eine einzige Fremdsprache eröffnete Gesichtskreis viel zu eng ift

Preußen hat für die Deutsche Oberschule zwei Fremdsprachen als Pflichtfächer vorgesehen, ebenso die meisten anderen größeren Länder des Reiches. Es ist nicht zu erwarten, daß die großen Länder den kleinen nachgeben werden: Preußen hat jedenfalls dazu nicht die geringste Reigung. DaS Reifezeugnis einer Schule mit nur einer Fremd­sprache würde in Preußen und anderen Ländern nicht anerkannt werden. Daß ein solcher Zustand nicht herbeigeführt werden darf, bedarf keiner weiteren Ausführung.

Man konnte mir einwenden, eS solle ja eine Atoette Fremdsprache als Wahlfach geleßrt wer­den, und jeder, der studieren wolle, lerne eben die zweite Fremdsprache. Auf der Oberrealschule wird heute wahlfreier Lateinunterricht gegeben, trotzdem kommen viele Oberrealschulabitarienten auf die Univerfität, um Fächer zu studieren, za deren Studium wie ihnen früßjettig mitgeteilt worden ist Kenntnis des Lateinischen die Vor­aussetzung ist. Sie besuchen in großer Anzahl die Lateinkurse der Llniversität. Diese Sprach­kurse der ilniberfität sind, mögen sie noch so gut geleitet werden, ein Rotbehelf. Ich kenne diese Kurse seit langem und auch die Rote der Studie» reichen, die sie besuchen müssen. Die Abiturienten, die dem schulmäßigen Lernen glücklich entwachsen zu sein glauben, müssen gleich ihre ersten Semester wieder mit solchem Gemen zubringen. Die Stu­denten, die in ihrer freien Entfaltung durch diese notwendigen Sprachkurse unsagbar gehemmt wer­den, tun mir in der Seele leid. Das Schlimmste aber ist, daß die Kurse viel weniger fruchtbar sind als der Schulunterricht: die spät und schnell erworbenen Kenntnisse wollen nicht haften und find doch für die Fachstudien so nötig. Rur zu oft wird die Studienzeit durch dieses Rachlernen in die Länge gezogen, und das müßte doch in den jetzigen Rotzeiten verhindert werden. Die für das Studium notwendigen Dorkenntnisse wer­den auf der Schule leichter, besser und billiger erworben als auf der -Univerfität.

Für das Studium vieler Fächer, darunter gerade derjenigen, die auf der Deutschen Ober­schule im Vordergrund stehen, wie Deutsch und Geschichte, reicht die Kenntnis zweier Fremd­sprachen nicht einmal aus. Wer von der Deut­schen Oberschule mit nur einer Fremdsprache diese Fächer studieren will, müßte mindestens zwei

Die Wissenschaft

der Wettervorhersage.

Der Mensch ist so sehr vom Wetter abhängig, daß er zu allen Zeiten versucht hat, Anhalts­punkte dafür zu finden, um das Wetter vorher­zusagen. Aber diese wichtige Frage ist lange den Laien überlassen gewesen, und erst in neuester Zeit bat die Wissenschaft sich eingehender mit den Sragen dec Wettervorhersage beschäftigt. Die primitiven Volker, die im Weiter den Einfluß des Waltens mächtiger Gottheiten sehen, haben natürlich zu einer richtigen Erklärung des Wet­ters nicht durchdringen können: ebensowenrg die Astrologen, die aber zum erstenmal versuchten, in dem scheinbar willkürlichen Wandel der Witte­rung Gesetzmäßigkeiten und kosmische Zusammen­hänge zu erkennen. Die Menschheit war früher auf sehr zufällige Erfahrungen angewiesen: aber es zeigte sich, daß gewisse Wesen für Wetter­veränderungen besonders empfindlich sind. So hat man wertvolles Material über das Ver­halten der Tiere beim Witterungswechsel ge­sammelt und in ihnen Götterpropheten erkennen wollen. Auch besonders nervöse Menschen, die für das Wetter sehr empfindlich sind, können wichtige Angaben machen, und außerdem ver­wertete man allerlei Wahrnehmungen, wie Ge­rüche, Laute, z. B. das Summen der Telegraphen­drähte, Wetterbrunnen usw. und natürlich vor allem das Aussehen des Himmels. Dem Wetter»

Das französische Militär­lager in der Pfalz.

Die Eroberung des linken Rheinufers war von jeher das unausgesprochene Ziel der französischen Politik. Dieses Ziel kann man durch alle Jahrhunderte verfolgen, eS ist gleichmäßig beobachtet worden, ob Frankreich nun ein Königreich, eine Republik oder ein Kaiserreich war. In den französischen An­nexionsplänen hat nun die Pfalz stets eine besondere Rolle gespielt. Die Pfalz war den französischen Politikern und Generälen stets der Angelpunkt für ihre gesamten AnnexionS- pläne. Bon hier aus ließ sich der Einfall in das rechtsrheinische Gebiet über Mainz und Frankfurt a. M. hinaus am leichtesten be­werkstelligen. Das hat sich im siebzehnten Jahrhundert zur Zeit Ludwigs XIV., das hat sich weiter in den französischen Revolutions­kriegen gezeigt und zeigt sich auch jetzt wieder. Die Pfalz ist den Franzosen nicht nur poli­tisch, sondern auch st r a t e g i s ch wertvoll, sie ist mit einem Wort für die französischen Ge­neräle das Einfallstor nach Deutsch­land. Deshalb haben sie die Pfalz zu einem französischen Heerlager gemacht und das Land nach allen Regeln der Kunst mili­tarisiert. Von diesem militärischen Gesichts­punkt aus gesehen hat die Rheinpfalz eine doppelte Bedeutung und Aufgabe für den französischen Militarismus. Sie stellt sicheln­mal als Aufmarschgebiet für einen zu-

inftintt der Menschen, die in engem Zusammen­hang mit der Ratuc leben und sich auf lange Erfahrungen sowie üleberlieferungcn stützen, der Hirten, Landleute, Jäger, Seeleute usw. muß volle Anerkennung zuteil werden. Aber wissen­schaftlich befriedigend ist diese Art der Wetter­vorhersage natürlich nicht. Dec jahrhundertelange Glaube an den Einfluß des Mondes ist von der modernen Forschung nicht bestätigt worden, denn man kann keinen Zusammenhang der Mondstel­lungen mit den Witterungsvorgängen finden. Wertlos ist derHundertjährige Kalender". Die Dauern- und Volcswetterregeln dagegen ent­halten viele wertvolle Beobachtungen, bringen aber nur Richtiges, wenn sie aus kurze Fristen Voraussagen, während die Prognosen für das Wetter der verschiedenen Jahreszeiten dem Ge­biet des Aberglaubens angehören.

Solchen praktischen und mehr zufälligen Mit­teln der Wettetprophezciung tritt nun als wissen­schaftliche Organisation der amtliche Wetterdienst gegenüber, der in den verschiedensten Ländern mit Glück gehandhabt wird, besten größter Mangel bisher aber noch darin besteht, daß eine einheit­liche Beobachtung in allen Teilen der Welt fehlt. Es wird immer klarer, daß wir, wenn wir das Wetter wirklich erfaßen wollen, uns nicht auf die Beobachtung unserer europäischen Wetter­warten beschränken dürfen, sondern Mcckrometeo- rologie treiben müssen. Die Atmosphäre ist ein Organismus: eine Störung an irgend einer Stelle

Fremdsprachen nüchternen. Und es wäre doch zu wünschen, daß gerade die Kernfächer der Deutschen Oberschule dem Schüler so lieb werden, daß er sie huf der Univerfität als Studienfächer wählt.

11. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Aufbauschule. Man hat in Hessen schon be­gonnen, Lehrer- und Lehrerinneuseminare (in Bensheim, Alzey, Friedberg. Darmstadt) in Auf- baufchulen umzuwandeln. Die Aufbauschule baut auf die Volksschule auf: sie nimmt Schüler der Volksschule nach dem Z. ober 8. Schuljahr an. In 6 Jahren will sie sie so weit fördern, daß sie einen Bilbungsstanb erreichen, der dem der Abiturienten der anderen höheren Schulen gleich­wertig ist. Wenn diese Aufgabe geleistet werden soll, muß die Aufbauschule sehr streng in der Auslese sein. Diese neue Schulgattung cst ihrer hohen sozialen Bedeutung wegen sehr zu be­grüßen. Sie macht es möglich, noch nach dem Durchlaufen der Volksschule den Anschluß an eine höhere Schule zu gewinnen. Viele Eltern, die auf dem Lande fern von einer höheren Schule wohnen, werben für diese neue Schule dankbar sein. Ihren Wert werden auch alle diejenigen ermessen können, die in ihrer fügend unter großen Schwierigkeiten vom Lande aus den Anschluß an eine höhere Schule haben suchen müssen.

Die Ausbauschule kann sich an den Lehrplan des Gymnasiums, des Realgymnasiums, der Ober» realschule ober der Deutschen Oberschule anlehnen. In Hessen will man bie Aufbauschule nur nach dem Typus der Deutschen Oberschule einrichten,

Gegen die Aufbauschule nach dem Typus der deutschen Oberschule ist natürlich dasselbe Bedenken geltend zu machen wie gegen die Deutsche Oberschule. Die Eltern, die ihre Kinder in eine Schule mit nur einer Fremdsprache schicken, müssen sich vor Augen halten, daß ihre Kinder später bei der Wahl des Studiums und im Studium selbstGcaf Schritt und Tritt gehemmt find. Die schon ein­gerichteten hessischen Aufbauschulen lehren eine zweite Fremdsprache als Wahlfach, und sie geben kluger und vorsichtiger Weise allen denen, die irgendwie an späteres Studium denken, den Rat, die zweite Fremdsprache zu lernen. Die Bedenken gegen die Aufbauschule schwinden, wenn die zweite Fremdsprache in ausreichendem Maße als Pflicht­fach gelehrt wird. Daß das möglich ist, zeigen bie Stundentafeln der preußischen Denkschrift. Gerade bie begabten Kinder vom Land, die für die Aufbauschule in erster Linie in Betracht kommen, lieben eine kräftige geistige Kost: es will mir scheinen, baß gerade solchen Kindern, die bis zum 13. oder 14. Jahr keine fremde Sprache gelernt haben, bie Bewältigung fremder Sprachen besonders erwünscht sein müßte.

Ich fasse zusammen: Die Aufbauschule ist eine wertvolle Schöpfung. Es wäre außerordent­lich zu bedauern, wenn eine an sich so begrüßens­werte Schule von vornherein dadurch geschädigt würde, baß. sie keine ausreichenbe Grundlage zum Hochschulstudium böte. Weil ich diese Schule für wichtig halte, kommt es mir darauf an, weitere Kreise mit der Eigenart dieser Schule bekannt zu machen und zugleich auf die Gefahr hinzuweyen die ihr nach meiner Lieberzeugung droht, wenn sie auf zu schmaler Grundlage aufgebaut wird

DieRevision" des Versailler Friedensvertrags

,Bon L. R a s ch b a u, ® efanbter z. D.

3n Hefen Tagen hat die Wahlrede eines Mitgliedes des englischen Ministeriums allge­meines Aussehen erregt. Dieser Eindruck hat auch bann noch sortgewirkt, als der Leiter der Regie­rung im Parlament die rednerische Leistung seines Mitarbeiters als eine Privatauffassung bezeich­nete mit der bas Kabinett keinen Anlaß hatte sich zu beschäftigen. Er lehnte die Verantwortung dafür ab. Henberson, Staatssekretär in dem wich- ligen Amt des Innern, hatte bekanntlich die Revision des Versailler Friedensvertrages als zu erstrebendes Ziel gefordert.

Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß die Auffassung Hendersons der Politik entspricht, die seine Partei, als sie noch nicht in der Macht war, vertreten hat. Auch Macbonald selbst hat sich z. B. m der bekannten ZeitschriftForeign Asfairs" in einem Sinne geäußert bet auf eine ähnliche Grundanschauung schließen ließ. Er hat es auch >m Parlament auf bie ersten Anfragen der Gegen-, Partei vermieden, her von Henderson vertretenen Meinung direkt au widersprechen. Erst nachdem er erkannt, daß der Sturz des Kabinetts drohe, hat er schärfer Stellung genommen und bas Auf­treten seines Kollegen preisgegeben, so baß sogar jein Gegner Dalbwin einlenkte unb sich mit bett Aufklärung jufrieben gab.

Aus diesen Vorgängen ergibt sich bas Eine, baß Macbonald die Zeit nicht für gekommen hält, die Politik, bie er früher als Parteiführer mit Henberson bekannt, amtlich ohne Einschränkung ju vertreten. Gr hat ähnlich in einer wichtigen inneren Frage gehandelt, indem er bie Forderung feiner Partei wegen stärkerer Heranziehung des Friebensvermogens jetzt als Minister in ben Hintergrund schob. Er hat damit in der eigenen Partei scharfen Widerspruch erweckt, und zwar, wie es scheint, nicht bloß bei ben schottischen Radikalen. Er wußte, baß er mit der Einbringung eines solchen Gesetzentwurfes sofort die beiden Gegenparteien zusammengeführt hätte, unb er mußte ähnliches im Fall Henderson befürchten. Die Politik Macdonalds geht aber dahin, bie amtliche Lebensfähigkeit seiner Partei bei diesem ersten Versuche nachzuweisen, unb er opfert diesem Be­mühen vorerst einen Teil der Bestrebungen, bis er als freier Mann bekannt hat. Die Frage für ans Deutsche ist, ob der englische Staatsmann damit eine wirkliche Schwenkung in seiner bisheri­gen grundsätzlichen Auffassung vornimmt ober ob er nur, was sehr wohl denkbar ist, in ihrer praktischen Durchführung hinhält, unb bessere Ge­legenheiten abwartet.

Damit» ist man sich Wohl allgemein klar, baß England zur Zeit nicht in der Lage ist, eine Politik der gewaltsamen Mittel anzuwenben, unb ganz gewiß ist bie heute herrschenbe Partei allen dahin gehenden Maßnahmen abgeneigt. Gegen­über dem militärisch so sehr überlegenen gallischen Rachbar wird bas heutige England zu dem letzten Mittel im Volkerzwist nicht greifen, we­nigstens solange nicht, als es über hilfsbereite Verbündete nicht verfügt Unter diesen Erwä­gungen handelt Macdonald vom englischen Stand­punkt aus logisch, wenn er vor einem Unter* nehmen, wie es Henberson in einer Revision des Versailler Diktats vorschlägt, zurückweicht. Er glaubt auch im Interesse seiner eigenen Partei zu handeln, wenn er in seiner schwachen Stellung zwischen den beiden Gegenparteien durch Zurück­haltung sich zunächst eine längere amtliche Lebens­dauer zu sichern sucht, bie ber Partei für bie Zu­kunft weitere Möglichkeiten eröffnet.

Das braucht uns Deutsche aber nicht zu ver­anlassen, auf diese Taktik Rücksicht zu nehmen, weil wir die Reigung zur britischen Fügsamkeit damit nur fördern, in dem Widerstande gegen die französischen Bestrebungen aber die englischen Parteien einander sichtlich nähern. Wir haben viel­mehr allen An', die Welt mit unseren Protesten gegen die Fvrcdauer des heutigen Zustandes in Mitteleuropa fortgesetzt zu erfüllen. Dabei brauchen wir gar nicht mal den Hendersonschen Gedanken einer planmäßigen Revision bes Ver­sailler Friedens als Ausgangspunkt zu nehmen, denn er würde aus die allergrößten formalen unb sachlichen Schwierigkeiten stoßen, unb seine - Vorbereitungen unendliche Zeit beanspruchen, Uns ist schon mit der Abhilfe in einigem der wich­tigsten Belange zunächst gebient. In dieser Be­ziehung sollten wir unentwegt öie Befreiung oes Ruhrgebiets an die Spitze stellen. Alle unsere Hoffnungen auf eine Besserung unserer wirtschaftlichen Zustände sind ja vergebens, so­lange jenes Gebiet unter dem gegenwärtigen Druck steht. Die Ren.'enmark, die Stabilisierung der Währung, ber Haushalt vom Reich und Staat sind und bleiben schwer bebroht, wenn wir dort nicht unsere vollen Hoheitsrechte bald wieder erlangen. Auch unsere Regierung ist von dieser Rotwendigkeit durchdrungen, aber sie bringt sie nicht mit solchem Rachdruck zur Kenntnis der ge-