fir. 2bz äwettes glatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 6. November {92$
Die sittliche Krise unserer Jugend.
Ton Pfarrer Dr. Luther- Charlottenbarg.
In eine Welt der Ehrfurchtslosigkeit und der plattesten Genußsucht ist untere Jugend hinein- ^stellt — ist es ein Wunder, wenn viele dem Seist der Zeit erliegen, wenn viele im Taumel dieser wirren Tage in ihr persönliches Leben nicht Halt unb Kraft zu bringen vermögen, wenn gerade die Jugendlichen ein stark« Kontingent stellen für D.slerungsanstalten und Zuchthäuser? In der breiten Oesfentlichleit weih man davon wenig, die breite Öffentlichkeit wünscht im Tc- Vaflcn nicht gestört zu werden, aber um so ernster ist unsere Pflicht auf die ungeheuren Gefahren hmzuweisen, die der Iugend un'ereS Dolles in der ganzen 2ltmosphäre drohen, in der sie auf- tvüchst. Das grohe Mhbehagen. das der gegenwärtig« Staat vielen Ernstgesinnten berei:et. hat nicht zum letzten seinen Grnnd in der Unfähigkeit der staatlichen Organe. Energie in die sittliche Erziehung der Iugend zu bringen.
Die Iugend selbst hat sich zu wehren und zu helfen gewuht. Schon die Wandervogelbewegung war ja int Grunde die Reaktion gegen die Albernheiten und tiefen Schatten der modernen Zivilisation. Aus dem Grohstadtstaub strebte die Iugend hinaus zur Rcttur, zur Stille, zur Schlichtheit. Mag babei hin und her manche Tleberttiebenheit Kopfschütteln erregt und Kritik heraus gefordert haben — alles in allem sollten wir urrs noch heute freuen, dah gesunde Iugend wieder den Weg zurückgefunoen hat zu sich selbst und zur natürlichen Leb ilsausfassung. Was der Wandervogel b-gönnen hat. w rd heute in vielen anderen Kreisen der Jugendbewegung mit Eifer fortgesetzt: Iugend will alles abschütteln, was «in reines, starks, quellfrisches Leben hindert. Iugend will nach eigener Destimmung und unter eigener Verantwortung ihr Leben gestalten. Iugend, deren ernste, fuche.tde Teile immer im Gegensatz zur jeweiligen Gegenwart stehen, will heute wieder heim zum rechten Lebensquell, zu Gott. Romant?, Mystik und Idealismus haben seit Iahren wieder in der Iugend Einzug gehalten, haben hier u.rd da alleS Werwuchert und wunderliche Einseitigkeiten wachgerufe.t — aber Wis ende stellen mit Freude fest, wie von Tag zu Tag m:hr in der Iugend $inc aus der Tiefe erneute Frömmig'etl Platz gre.ft, die in Gesinnung und Tat ein gott- durchglühtes Leben offenbaren will.
Es scheint mir eine reizvolle Aufgabe und eine hohe Pflicht zu sein, dieser Sehnsucht ter Iugend nach Verinnerlichung und Derernheit- lichung ihres ganzen Seins verständnisvoll die Wege zu ebnen. Doch ist ja begreiflicherweise daS ChaoS der Stimmungen und Meinungen grotk Die einen sind zu wettablehnendem Mystizismus geneigt, der aus dem berechtigten Gegensatz gegen die Erbärmlichkeiten der Modernen, gegen all das Wüste und W-lde des gegenwärtigen Lebens, zu schroffer Ablehnung jeglicher Teilnahme an kultureller Arbeit gelangt, die anderen wollen auS hohen Ideen chiliastischer Stimmung heraus unter absolutem Bruch mit der Gegenwart unb ber Gesellschaft bas neue Reich der Gerechtigkeit auf Erden zaubern, manche der letzteren sind zu fanatischer Propaganda der Tat übnrgegangen. In allem ist ein stark östlicher Einschlag spürbar; hat auf der einen Seite ber angloamerikanische Freiheitsbeqriff, bei dem Freiheit schrankenloser Individualisnus ist, die Iugend abgeftoffrm, so hat auf ber anderen Seite orientalische Mystik, zumal wo sie mit dem Glauben an die Gemeinschaft unb bern Leben für sie verquickt ist, junge Seelen auster- ordentlich stark gefangen genommen, manche dabei freilich in Lager geführt, wo sie zu nichts anteivm als zur Durchsetzung ganz brutalen Materialismus mistbraucht wurden. Für uns erwächst daraus die hohe Pflicht, unterer Iugend zu starker, sturmfester, einheitlicher LebenS- anschauung zu verhelfen.
Der erste Ge)anke, der unserer erzieherischen Arbeit den starken unb reinen Impuls geben must, ist unb bleibt ber vaterländische. Wir wollen junge De utfche erziehen. Wir arbeiten mch» für den europäischen Menschen imb die Menschheit, sondern wir wollen Iuge.ad um uns sehen, die all ihre Kraft aus dem Boden des Vaterlandes nimmt. Schars und klar geisteln wir das, was uns bedroht: westliche Zivilisation, getaucht in den lodernden Glanz des pazifistischen Internationalismus. Wir wollen
Selbstdarstellungsn der
Volkswirtschaftler.
Don Dr. Bruno Krafft.
In dem imposanten Unternehmen des Verlages Felix Meiner in Leipzig« das sich .Die Wissenschaft ber Gegenwart in Le.bstdarstel- lungcn“ nennt, ist eine neue Reihe begonnen worden Eie eröffnet den lebende r Rationalökononen das Feld, ihr Geben und Wirken darzustellen. Soeben ist der erste Band ber .V olkswirt- schaftSlehreberGegenwartinSelbst- d a r st e l l u n g e n' ersch enen. von Dr öc. publ. Felix Heiner selbst diesmal eingeleitet und herausgegben. Heber das Prinzip bi see Eelbst- dar-stellungen ist oft genug gesprochen worden; die führenden Köpfe sol.en von s ch und ihrem Werk, jenseits aller ©itelfcit und Selbstbr'piegelung, aber nicht ohne Selbstbewusttsein berichten, sollen keine Autobiographien, sondern 2lutvergograpbien — Werkdarstellungen, geben, in denen bas Biographische nur soweit von Belang fern soll, als es -um Verständnis des Wcries notwendig ist.
War dieses Autobiographllche schon bei den Juristen von Bedeutung, so h e bei denRational- Aonomen noch weit mehr, da ja jedes volkswirtschaftliche System politisch gebunden ist und bie Beziehungen seines Schöpfers zu der Entwicklung des Staats- und Gcs lll'chafts'eb ns für dies System ausschlaggebend sind. So sind b:nn auch die sieben Selbstdarstellungen dises ersten Bandes nach b Jer Seite hin start ausgebaut. Bis auf Karl Dich:. der sich mit einem sehr gelingen Raum na einer beinahe nüchternen Sach-
Jugend und Hochschule.
keine Allerweltsmenschen, di«, intellektuell und technisch aufs höchste gebildet, allüberall zu Hause find, einer immer wieder die Dublette des andern, gleichförmige Gesellschaftsmenschen, die im kleinen Glück des Tages ihr Behagen finden, voll steter heimlicher Furcht vor Straffheit und Zucht, wie vor hartem, lastendem Schicksal, das ja freilich nur Männer und nicht Schwächlinge überwinden.
Wie der Deutsche in der Vergangenheit so fiern mit Auslandspuppen gespielt hat. wie er elbst nach dem furchtbaren Weh des Dreihig- jähngen Krieges ein gelehriger Schü'e: des Franzmanns war, so hat er auch jetzt stille ober taute Bewunderung alles Fremden, so läßt er auch jetzt gleichgültig und achtlos Geister ber Fremde um einer Iugend Seelen werben. Mag es für die empfindlichen Ohren des gebildeten MitteleurvpäerS, der sich als deutscher Landsmann gern mit dem Plunder der Fremde behängt, als Rückständigkeit gelten, ich wage es doch zu sagen' weder Zola noch Maeterlinck, weder Mau- passant noch Tolstoi noch Dostojewski noch Tagore sind Erzieher zum Deutschtum, das als Eigengut deutsche Iugend der Zukunft schafft Keiner von ihnen hat ja das. was letztlich das Deutsche ist: heldenhafte Lebensauffassung, die an sich die höchsten Ansprüche stellt, die, statt auf dem Lotterbett bequem zu ruhen und sich in die Differenziertheiten der eigenen Seele zu versenken, kämpf froh das Leben packt, um es zu meistem nach hohen unb lichten Gedanken.
Vie wirtschaftlichen Grundlagen des Hochschulstudiums.
Don Hans L. Menzel, Geschäftsführer des Wirtschaflsamtes der Technischen Hochschule Charlottenburg.
Die Frage der wirtschaftlichen Grundlagen des Studiums interessiert außerordentlich weite Kreise unseres Volkes. Der vor die Berufswahl gestellte junge Mensch und der für fein Fort- fommen Dcianttoortl ch - Vater über egt m lich viel mehr das „W i e" des Studiums als das „W a s". Der von der Schule kommende junge Mensch weist meistens, was er- werden will, und auch schlechte Aussichten der akademischen Berufe werden ihn nur selten von dem Beschreiten eines längst festgelegten Werdeganges ab» halten. Für die Eltern wird die Frage in den meisten Fällen fein: Können wir unserem Sohn über die kommenden verdienstlosen Jahre hinweghelfen und dazu die austerordentlich hohen Studienkosten tragen? Aber unser Thema interessiert auch den bereits Studierenden, ber vielleicht se nEtubium unter anderen wirtschaftlichen DorauSfehungen, als wie sie heute fje rfdje.i, begonnen hat. Richt zuletzt jedoch hoffe ich zu denen zu sprechen, die an leitender Stelle im Staatswesen für die Heranbildung eines gesunden akademischen Rachwuchses verantwortlich sind. Die wirtschaftlichen Kämpfe der Rachkriegsstudenten haben ja glücklicherweise nicht nur bei Regierung und Volksvertretung Verständnis gefunden, sondern auch die führenden Wirtschaftskreise haben immer wieder tatkräftige Hilfe geleistet, ohne die es vielen kaum möglich gewesen wäre, ihr Studium zu beenden. Aber weiter noch besteht eine studentische Wirtschasts- frage, und so mögen sie auch aus meinen Wor en wieder den Rotschrei der heutigen stubentischen Generation herausfühlen.
Das Wort .Freie Dahn dem Tüchtigen" und das Schlagwort vom W e r f« studententum haben bei der Berufswahl vieler den Ausschlag für das akademische Studium gegeben. Unb doch muh es einmal wieder ausgesprochen werden, dast ohne materiellen Rückhalt heute die Durchführung eines 4—5jährigen Studiums unmöglich ist. Don besonderem Interesse wird es fein, wie hoch dieser materielle Rückhalt sein must, mit anderen Worten: Was kostet heute ein Studium?
Folgende statistischen E Hebungen über daS W.-S. 1923 24 an ber Dresdener T. H. mögen bie tatsächliche Lage illustrieren. Danach sind 16,8 Proz. aller Stu bietenben dort voll erwerbstätig unb betreiben das Studium nur im Rebenberuf. Da diese Leute natürlich nicht als Studenten im eigentlichen Sinne anzusprechen sind, formen sie bei Berechnung ber durchschnitt- lichen Lebensverhältnisse nicht einbezogen werden. Don den übrigen haben 93 Proz. einen monatlichen Derbrauch von höchstens 50 Mk.. die restlichen 7 Proz. monatlich etwa 80 Mk. Die er-
lichkeit abfindet, schöpfen diese Selbstbarsteller sämtlich aus dem strömenden F.u'se des nationalen Lebens. Es ist dabei ein glückhafter Zufall, bah in diesem ersten Bande die extremsten Elemente vereinigt sind. Reben b:m schor gemimten Karl Diehl mit seiner sozialrSchtl chen iln er- bauung ber Dollswirtschaftslehrr steht der Katholik Heinrich Pesch S. I., der die katholische Soziallehre und alle ihre Folgerungen würdig repräsentiert. Zu den beiden, einst theoretisch grimmig verfeindeten, heute wi-dee ziemlich versöhnten Marxisten Eduard Bernstein mit fernem Revisionismus unb Karl Kautsky mit seinem, wie er selbst sagt, unverbesserlichen Marrismus kommt ber schärfste Gegner des Sozialismus jeder Gattung, der Demokrat Julius Wolf, und mit dem Sozialliberalen aber den Sozialismus gleichfalls scharf ablchmden Demokraten Heinrich H e r k n e r konfrontiert sich der geniale Robert 21 e f m a n n. der einsam unb b sher kaum verstanden ben Kampf um bie Sub- jekiivierung der Wirtschaftslehre, ein System vom wirtschaftenden Menschen aus, fährt.
2Lber so versch eden biere Köpfe laufen, eines verbindet sie: bie Sehnsucht nach ber Theorie, ber Ruf nach einem neuen, ben heutigen Erkenntnissen aagepahten ökonomischen System, das die veralteten Systeme ber klastischen Ratioralökonomie ersetzen kann und den Historismus ebenso wie bie systemlose deskriptive Einzelbehandlung der Wirtschakrsvrobleme überwindet. Hier sind es Julius Wolf unb Robert Li es - mann. die die schärfste Kritik üben, Wolf vor allem auch an dem heutigen nationalökonomifchen Hochschulbetrieb, den er eine „traurige Farce" nennt. ''xfmann an der gesamten objektiven Ein-
heblichen Kosten für Kolleggelder. 120 bis 170 Mk., bei Medizinern und Raturwissenschaft- lern sogar 180—250 Mk., sind natürlich in obigen Summen nicht einbegriffen, ebenso wenig die Kosten für Kleidung und Lehrmittel- beschaffung. Für Berlin dürften die Der- hältnisfe ähnlich liegen. Hier find die Lebenshaltungskosten bei Inanspruchnahme der ft üben- tifchcn Wohlfahrtseinrichtungen auf etwa 30—60 Mark zu beziffern, wobei zu bedenken ist. bah davon allein 20—25 Mk. auf Miete für das ungeheizte Zimmer entfallen
Unter diesen Umständen frage kich jeder junge Student immer wieder, ob er tatsächlich sich zum Studium berufen fühlt, und ob das später lhm Gebotene wirklich ein Aequivalent für feine ungeheure Mühe darstellt. Wer aber den inneren Drang zum Studium bat. lasse sich nicht abschrecken. U eher all bat die Studentenschaft Wirtschaftseinrichtungen geschaffen, um den allgemeinen L:benshaltungsindex der Studenten niedrig zu halten, wie Speisungen, Studentenheime, Derkaufsstellen usw. Bei besonderer Rot greifen die Fürforgeämter der Hochschulen ein. in Krankheitsfällen kann sogar Erholungsaufenthalt gewährt werden. Die einlaufenden Gesuche werden sorgfältig geprüft, nicht nur auf Bedürftigkeit, sondern auch die wissenschaftliche Würdigkeit des Antragstellers. Sei all dem muh aber betont werden, dah ein gewisser Mindestwechsel für jeden Studierenden vorhanden fein muh.
Einen verheerenden Einfluh auf die Möglichkeit des Studiums hat die Erhöhung ber Gebühren gehabt. Rach den bisherigen Ermittlungen ist die Delegerzahl der Hochschulen um 18,9 Proz. im letzten Semester zurückgegangen, während die Zahl ber 'Beurlaubten um 82,8 Proz. gestiegen ist. Die starke Inanspruchnahme der studentischen Darlehnskassen ist der deutlichste Beweis für die ülnmöglichkeit der Gebührenpolitik des preuhischen Ministeriums. Allen Darstellungen der Studentenschaft gegenüber ist das Ministerium bisher unerweich- lich. Die Studentenschaft sammelt weiteres Material und ist evtl, zu einer energischen Selbsthilfe- organisation entschlossen.
Was die oft genannte ileberfüllung der Hochschulen betrifft, so besteht eine solche in Wirklichkeit nicht. Ein deutliches Rach- lassen der Hörerzahlen in allen Fakultäten ist schon in den letzten Iahren zu bemerken. Dazu kommt, dah nach oberflächlicher Schätzung mindestens lOPcoz. alter 3mmatriu[ieiten sogenann e „Listen- unb Abendstudenten" sind, die teils die wirtschaftlichen Annehmlichkeiten, welche die Studenten genieben, mitnehmen, teils gelegentlich noch einen akademischen Grad erringen wollen. — Wer also nicht den wirklichen inneren Drang zum Studium verspürt, wähle sich einen anderen Beruf. Wer aber studieren will, verlasse sich nicht auf Rebenerwerb und Wirt- sch.ifiShilfe. Wenn er indes während seines Studiums unverschuldet in Rot gerät, so sind helfende Hände bereit, ihn zu schützen. Die Hilfsmittel find gegeben, um Deutschland einen körperlich und geistig gesunden akademischen Aach- wuchs zu sichern.
Der Derlretertag des Deutschen Hochschulringes.
Die diesjährige Dertretertagung des Deutschen Hochschulringes wurde eingelcüet durch eine Tagung sämtlicher Verbände, die sich über ihre Stellung zum Deutschen Hochschulring schlüssig werden wollten. Im vergangenen Jahr waren insbesondere von katholischen Verbänden Beschlüsse gefaßt worden, die man in einem für bie Hochschulringbewegung ungünstigen Sinne auszulegen sich bemühte. Dah dies nicht der Fall ist, beweist das Ergebnis der Derbandstagung, welche in einer Resolution einstimmig dem Deutschen Hochschulring ihre weitere Unterstützung versicherte. Als besonderer Wunsch der Verbände kam noch in der Resolution zum Ausdruck, dah der Deutsche Hochschulring vor allem die nationale Erziehungsarbeit, in den Vordergrund stellen möchte. Auch mit den konfessionellen Streitigkeiten und Gegensätzen beschäftigte sich die Derbändetagung, die wieder einstimmig die erhobenen Vorwürfe gegen konfessionelle Verbände zurückwies. Der Vorsitzende des Deutschen Hochschulringes, cand. 3ng. Müller gab einen eingehenden Bericht über die im vergangenen Jahre geleistete Arbeit und verteidigte die vom Deutschen Hochschulring eingeschlagene po- litische Linie und wies die älngerechtsertigkeit der
stettung ber heutigen Volkswirtschaft. Der Band umschlicht natürlich nicht alle heutigen (Strömungen, aber es scheint, bah bie energischsten Köpfe unb bie — Außenseiter, zu denen auch bie Aka- bemifet Wolf unb Liefmann zu rechnen finb, hier versammelt finb.
Nationalökonomie erscheint bem Laien meist als etwas Langweiliges unb selten Derstänbliches. So soll er zu biefen Selbstbarstellungen greifen. Die beiden, zum Teil stark auf politische Erinnerungen gestellten Essays ber beiden Marxisten sind schlechthin bie beste Einführung in die Entwicklung des Marxismus seit dem Tobe Marx' unb Engels. Die schöne Abgeklärtheit des Jesuiten Pesch wirb jeben Leser fesseln, auch wenn er kein Verhältnis zum Katholizismus hat: verstehen lernen ist auch hier notwenbig. Diehls Sachlichkeit wirb leicht zugänglich: seine Formulierungen sind einfach unb klar, unb ge» w:h läht sich ber unb jener anregen, sich über bie Untetfd);ebe von Sozialismus. Kommunismus und Anarchismus Gebanken zu machen. Herk- n e r bezeichnet seine Selbstbarstellung selbst als einen Versuch, das Derstänbnis für bie jetzt zur Reige gehenbe .,ka t h eb e r s o z ia 1 i st i f ch e" Penobe zu erleichtern. Auch hier gibt es also ein Stück Entwicklungsgeschichte, bie in eine sorgfältige Balancierung sozialer unb individualer Haltung ausgeht. Wolfs Essai ist ein hoher Genuh. Ein prachtvoller Mann, mit dem Mut zur Tragik, einer, der kein Sowohl-als-auch kennt, ber sich ein Lebensalter lang gegen bie gan^e Zeit stellt unb alle sozialistischen Strömungen gegenüber seinem ethischen Individualismus and antik-heidnische Weltanschauung behauptet. Unb endlich Richert Liefmann! Ein schwieriger Lese
erhobenen Vorwürfe nach. Danach kamen die einzelnen AmtSlciter zum Wort. Als daS Ziel deS Amtes für Leibesübungen wurde hin^cstellt, die bestehenden Sportverbände aus ihrem politischen Jndisserentismus herauszurcihen und den gesamten Sport in ben Dienst bei Wehr- haftmachung und Ertüchtigung deS deutschen Volkes zu stellen. Besondere Anerkennung sand der Leit«c de Eren landa m te<, Wagner, der sehr große Erfolge in seiner Tätigkeit im Interesse des Auslandsdeutschtums zu verzeichnen hat An die Referate schloß sich eine sehr lebhafte Diskussion an. Dabei beherrschte eine ErtenntniS alle Teilnehmer: „Wenn der Deutsche Hochfchulring noch nicht bestände, so müßte er heute geschaffen werden." Denn zu bewußtem, nationalen Denken, nicht nur Fühlen, müssen die jungen Akademiker geschult werden. Diese Schulung kann nicht allein von den Verbänden und Korporationen geleistet werden./Deren Aufgabe besteht vielmehr darin, durch Erziehung ihrer Mitglieder zu gefestigten Charakteren die Grundlagen für das Wirken des Hoch- fchulringes zu schaden. So ergibt es sich von selbst, daß engstes Zusammenarbeiten von Verbanden und Hochschulrina Vorbedingung jeden Erfolges ist, ja, daß der Hochschulring sich aus den Verbänden ausbauen muh. Ebenso notwendig ist es aber, den Zusammenhang mit der Altakademikerschaft zu wahren. Der Hochschulringgedanke muß in die deutsche Akademikerbewegung hineinwachsen. Tagespolitik ist nicht Sache des Hochschulrings, ebenso wie er jede parteipolitische Bindung ablehnt. Dagegen wird er sich nach wie vor für die Pflege des Zusammenhalts mit Grenz- und Auslands deutsch! um. für die Verbreitung des großdeutschen Gedankens, für bie Wehrhaft- madjung der Jugend und den Kampf gegen dis Lüge von Versailles einsehen. In der Deutschen Studentenschaft wird der Hochfchulring für der Gedanken der Hochschulreform wirken.
Zu Vorsitzern für dqs kommende Amts jahr wurden gewählt: Kolbe-Wien, Gerlach-Dan- zig, Wagner-Berlin.
Tagung der akademischen Assistenten.
Mitte Oktober fand in Berlin ber Hauptvertretertag des Deutschen Akademischen Assistenten- verbandes statt. Die Tagung war von zahlreichen Vertretern aus allen Teilen des Reichest besucht. Im Mittelpunkt der Beratungen standen die Zulassungsfrage zur Kasfenpraxis unb bie Lage ber süddeutschen Assisten - t € n. In ben füb- und sübwestdeutschen Staaten sind zwar Verbesserungen in gehaltlicher Beziehung zu verzeichnen, es fehlt vor allem aber die einheitliche formelle Festlegung durch Gesetz, die nach Art. 129 ber Reichs Verfassung schon längst durchgeführt sein müßte. Außerdem besteht bei den süddeutschen Regierungen bie Reiqung, Stellen zu streichen, baburefc würden die früheren Zugeständnisse illusorisch gemacht. Der Dertreter- tag beschloß stärkste Unterstützung der süddeutschen Landesverbände. In der Kassenc>rztfru.ge wurde in gemeinschaftlicher Sitzung mit dem Bund, Deutscher Aisistenzärzte eine Entschließung gefaßt, die die Beseitigung der Rot Verordnungen und des Rumerus clausus fordert.
Hauptversammlung des Verbandes der Chemikerschaften
Der Verband ber Chemikerschaften an den deutschen Hochschulen, die chemische Fachgruppe der Deutschen Studentenschaft, hielt in D e r l i n ihre ordentliche Hauptversammlung ab. Der Vorsitzende der Fa-chgruppe, cand. chem. St obwasser (Berlin), belichtete über die Aufgaben der Fachgruppen unb ihre Arbeit im Rahmen ber Deutschen Studentenschaft. Einen breiten Raum nahmen die Verhandlungsn über die Doktorfrage der ChenMer ein. 2In einzelnen Universitäten wirb von den Chemikern eine Pflichtprüfung in Philosophie verlangt, die aber durchaus nicht ben Zweck einer Vertiefung des Studiums erreicht, sondern nur als lästig empfunden wird. Da nun schon vielfach dieses Pflichtfach fortgefallen ist, rechtfertigt sich der Titel Dr. phil. nui)t mehr Aus bield.n Grunde wünschen bie Chemiker für sich den D r. rer. nat„ der aber dadurch eine Begründung erfahren soll, daß die Zahl der naturwissenschaftlichen Rebenfächer erhöht wirb.
ft off für den Laien gewiß! Aber welch Lebenskampf! Welch schmerzhafte Bitterkeit und doch auch wieder welch ein Glaube an die erkannte Wahrheit, an bas neue System, bie neue Theorie der Wirtschaft vom wirtschaftenden Menschen, statt von den Gütern aus' Unb bei allen das Leid des Lebens, das diese Männer über das nur wissenschaftliche Interesse hinaushebt — Enttäuschungen, unnütze Cner„ieverschwen- düng bis zu dem menschenmöglichsten Leib: Herkner. ber im Kriege den einzigen Sohn verliert, den alle mathematischen Kapazitäten für ein säkulares Genie in der Mathematik bezeichneten — Liefmann, ber nebenbei Sportsfachmann war und im Lenkballon große Fahrten machte unb nun, im Alter benkerischer Reife, gelähmt an das Krankenzimmer unb zur Arbeitslosigkeit verdammt ist
Man soll diese Dinge betonen, da uns not tut, baß unsre Wissenschaftler auch als Menschen erlebt werden, damit sie lebendig wirken. Die Lebendigkeit ist, neben dem eminenten Klärungswert dieser Selbstdarstettungen. ber sich rasch auswirken wird, das Schönste an diesem Buche. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man annimmt, bah einmal dieser Band (und die folgenden) als eine Cäsur in der Entwicklungsgeschichte ber modernen Volkswirtschaftslehre angesehen werden können. Diele Ströme fliehen in dieses vom Verleger geschaffene Decken, ber Vergleich der einzelnen Selbstdarstel- tungen muh methodisch fruchtbar werden — und so wird hier gewih geholfen, den Grundstein zu einer neuen einheitlicheren unb systematischeren Volkswirtschaftslehre zu legen, als wir lie in den letzten Jahrzehnten batten.


