Oer Alte aus Topper.
Roman txm Hanns Don Zvbeltih.
35. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Diel sollte, schien es, heute freilich nicht da- yaus werden. Bald trieb die Sorge die junge Frau die Treppe hinunter, nach dem Christian und nach dem Datcr au sehen. Sie durften nicht zu kurz kommen über der Ruth. ä.lnd das währte seine Zeit. Der Gestrenge hielt es schwer aus im Bette: er fluchte und wetterte über die Leich- Holzer, war kaum zu kalmieren. Der Schwager aber sprach mit sv großer Liebe von seiner Braut, wie schön sie ausgesehen und wie herzensgut sie wär'. Das war noch viel ärger, und man könnt' doch nur ,3a — 3a' dazu sagen.
Wie sie wieder Heraufkain in ihr Zimmer, tn schwerem Sinnen noch, sah sie's: die Kleine hatte die Arme auf das Tischchen gelegt und den Kopf darauf. Der Faulpelz! Aber als die Ruth min erschreckt auffuhr, da sah sie das andere: das Kind hatte geweint. Heihrot waren die Däc^ chen, und in den langen Wimpern hingen noch die dicken Tränen.
Zuerst dachte sie nur: Kinder weinen so leicht einmal. Mal um dies und mal um das und manchmal um gar nichts. Lachen und Weinen steckt da in einem Sack. Man muh kein Wesens davon machen. Setzte sich also Ruth gegenüber und nahm die Hölzer, und das Kind auch. Aber es ging aar nicht von der Hand. Sogar Beate prudelte Vmner wieder. Denn wenn sie aufschaute, sah sie, wie immer noch die Tranen über die heißen Wangen liefen, eine nach der andern, älnd sah
Nr.f83 Zweites Blatt Gtetzener Anzeiger (General-Anzeiger für Tderheffen)
Mittwoch, b. August 1924
,alten. Eine ungeheuerliche, eine un- e Zumutung. Man will die militärische
Vie Bersügu yurückzueryal
Bajonetts. Schücking kommt hierauf auf die P olitik Her riot s zu sprechen. Er sagt hierzu a.: Derselbe Herriot. der die bisherigen Dewaltmethoden der französischen Politik zur Lösung des Reparationsproblems für die Zukunft feierlich verworfen hat, soll jetzt die Militärische Räumung der Ruhr, die doch auch nach ver These Frankreichs nur besetzt worden ist, um tuns zum Zahlen zu zwingen, als Kompen- sativnSvbjekt benutzen wollen, um besondere Vorteile für seinen Staat herauszuschlagen. Wir Deutsche sollen abermals die Leidtragenden sein, die auch bei vollständiger Annahme und Aus- .sührung des Dawesgutachtens noch grobe Wirtschaftliche Opfer bringen sollen, um ng über das neubesetzte Staatsgebiet
Schücking über die Politik Herriots.
Wit der Frage der militärischen Räumung des Ruhrgebiets besaht sich der als PotzMst bekannte demokratische Reich stagsab- Mordnete Walter Schücking. der Mit- E. des Ständigen SchiedShofs im Haag
Ausgehend von der Brutalität des Berfailler rages, der Millionen von Gutgesinnten in allen Ländern beider Kriegs Parteien unsagbare Enttäuschung gebracht habe, behandelt er vom Gesichtspunkt des Völkerrechts und der bischerigen politischen Methoden in der europäischen Politik den Einbruch an der Ruhr. Er sollte an- gebltzh eine Art Selbst Pfändung eines säumigen EchuDners fein. Ob ba6 im Völkerrecht früher eine erlaubte Methode der Selbsthilfe war, sagt Schücking, war bestritten. Nachdem man sich aber tm Völterbunde zu einer Organisation mit besonderen Instanzen für alle Staatskonflikte zu- »ammengefundei, und nachdem man auch Deutsch- Tand genötigt hatte, die Völkerbundsakte als Bestandteile des Versailler Vertrages zu unterschreiben, war diese Anwendung von Gewalt ein Verbrechen, das sich nicht nur gegen den Vergewaltigten, sondern gegen die ganze Zivilisation richtete. Obwohl der Weltge- richtshvs im Haag bestand, der durchaus berufen War, derartige Konflikte zu behandeln, verharrten ^Frankreich und Belgien bei der Anwendung des
Räumung womöglich abhängig machen von dem Anhalt eines deutsch-französischen Handelsvertrages. der Frankreich Vorzugszölle gewährt, man erstrebt die Zusicherung der bevorzugten Einfuhr gewisser Kontingente von Waren rrus Elsah-Lothringen, man verlangt besondere Abmachungen mit den deutschen Industriellen über eine Interessenverteilung, um sich eine lästige Kvn- rurvenz vom Halse zu schaffen. Schücking erblickt tn den französischen Zielen, die sie mit der Ruhr- ibesetzung jetzt verfolgen, ein zweites Versailles. Aber ein Versailles, das uns nicht Männer wie Clemenceau und der Knvck-out-P)- Rtiter Lhoyd George bereitet, s Indern Herriot, der Führer der französischen Demokratie, und Macdonald, der Führer der englischen Arbeiterpartei. Schücking fragt: sWenn so die Führer von Demokratie und Pazifismus den Rechtsgedanken erschlagen, was soll äus diesem Gedanken werden? Mir grauts, wenn itzch meine Knaben ansebe, vor dem, was diese Generation rroch erleben könnte! Denn wie eine der- trrtige Politik sp^iell in Deutschland wirken würde, was braucht es Darüber noch vieler Worte. Entweder würde darüber die äußerliche ^Verständigung )tn London scheitern, oder diese Verständigung käme zustande, aber diese Regierung wäre bei uns in -Kürze erledigt. Das aber wäre der Dolchstoß für die Demokratie und die Republik Deutschland, her Dolchstoß ins Herz. Wollen Frankreich und England das verantworten, wlll Amerika dazu seine Hilfe leihen, nun gut. Aber ich fürchte, die Zeiten könnten sich dann wiederholen, wo sich die Leichen tn Europa häufen zu Türmen.
So sieht es noch heute an der Ruhr aus.
Wie der Deutsche Rheinbund in der Presse mitteilt, erschien in seinem Bureau der Zivil- tngcmieur N. aus Essen, der folgendes zu Protokoll gab: Dor etwa dreiviertel Jahr hat er einem ihm bekannten deutschen Schupo-Offizier für eine Nacht, Aufnahme in seinem Hause gewährt. Erst nachträglich, nachdem der Offizier bereits ins unbesetzte Gebiet geflohen war, hat er erfahren, daß dieser wegen Vergehens gegen die französische Regierung verfolgt werde. Tatsächlich ist der Offizier später zum Tode „verurteilt" tvvrden. Vor etwa 14 Tagen wurde Herr N. von unbekannter Seite telephonisch angerufen und dringend auf- gefordert, sofort zu fliehen.
Er ist noch am gleichen Tage ins unbesetzte Gebiet abgereist. Arn nächsten Tage ist durch die ranzösische Kriminalpolizei Haussuchung bei ihm >orgenommen tporbcn. Das ganze Haus ist durch- ucht und seine Frau anderthalb Tage in Halt genommen worden, da sie nicht sofort ein Bild von ihm finbcn konnte. Er selbst sollte verhaftet werden. An demselben Tage ging ihm auch ein Schreiben der Micum zu, das uns im Original vorlag. Darin wird Herrn N. mitgeteilt, man habe die durch ihn eingesandten Aufträge einiger ihm befreundeten Firmen erhalten, ebenso die erforderlichen Anzahlungen in Höhe von 20 000 Mark. Da er sich aber eines schweren Vergehens gegen die französische Regierung schuldia gemacht habe, werde die Lieferung abgelehnt und die eingezahlten Beträge sowie seine sonstigen Guthaben würden beschlagnahmt. Durch Aufnahme des angeklagten Offiziers und Mithilfe zu dessen Flucht habe sich Herr A. eines mit Zuchthaus zu betrafen den Verbrechens gegen die französische Regierung schuldig gemacht. Herr N., dem von dem gegen den Offizier schwebenden Verfahren nichts i>ctannt war, und der aus reiner Menschenliebe diesem Obdach gewährte, ist durch das rigorose Vorgehen der Desatzungsbehörde brot- und hei- matws geworden und sitzt mittellos auf der Straße.
Dieser empörende Vorfall liegt nicht etwa Monate zurück, bat sich vielmehr erst vor 14 Tagen abgespielt, ein deutlicher Beweis, wie die Franzosen die angepriesene Amnestie handhaben. Der Fall verdient, der breiten Oeffentlichkeit bekannt- gegeben zu werden. Bezeichnend ist, daß die französischen Beamten in der Wohnung des N. alle vorgefundenen Grammophonplatten durchgespielt und die militärischen oder patriotischen Inhalts zerbrochen haben.
Drohende Hungersnot an der Wolga.
Die drohende Hungersnot infolge der Mißernte im Wolgagebiet wirft schon jetzt ihre Schatten voraus. In der deutschen Tageszeitung des Wolgaaebiets, den Prokowsker „Nachrichten , veröffentlicht das Präsidium des Zentralvollzugskomitees und das Gebietskomitee der ruhländftchen kommunistischen Partei einen Aufruf mit einer Mahnung zur Ruhe. Die Mißernte wird in diesem Aufruf zugegeben lind es wird mitgeteilt, daß die Bauern bereits einzeln und in Gruppen begännen, ihr Vieh und ihr Inventar zu verkaufen und abzuwandem oder sich rechtzeitig Vorräte von Lebensrnitteln zu erwerben. Infolgedessen fielen die Preise für Vieh und Inventar tagtäglich, die Spekulation aber steige. Und doch sei lein Grund za Farcht und Bestürzung vorhanden. Die Ernte und der allgemeine Zi- stand in den übrigen Staaten des Bundes der Republiken sei d irchaas nicht so hoffnungslos, die allgemeinen Gmleaussichten im gesamten R lßland seien „nicht unter mittelmäßig“, and dabei sei die Saatfläche dieses Jahres doch um einige Millionen Deßjatinen größer als die des vorigen Jahres, gar nicht zu reden von dem Unglücksjahr 1921, das allen Bauern noch so schreckhaft in K$r= inncrung stehe. Im Kabangebiet, Sibirien, der Ukraine und anderen Gegenden gebe es keine Befürchtungen. Das sehe die Zentralregierang instand, der Wolgadeutschen Dank zur Beschaffung von Fattermitteln und Befriedigung der anderen Nöte schon jetzt größere Kredite zu geben. Es werden dann in dem Aufruf eine große Anzahl von Maßnahmen aufgezählt, die das Unglück verhindern sollen, die aber nur bei völliger Rahe der Bevöllerung gelingen könnten. In den Briefen nach Amerika an Verwandte solle man nur am Hilfe durch den offiziellen Vertreter der Wolgadeutschen Dank dort den Genossen Schneider, bitten, um „frühere Fehler and Mißerfolge der Auslandshilfe" za vermeiden. Schließlich bittet der Aufruf um Vertrauen für die Sowjetmacht, Er zeigt aber deutlich, daß die Panikstimmung schon weit um sich gegriffen hat.
Kunst und Wissenschaft.
Dücherberkaufen als Hvchschulfach.
Das Verkaufen von Düchern, das gewiß nicht leicht ist, wenn es gut betrieben wird, und viel Wissen, Geschmack und Takt erfordert, wird jetzt auf den amerikanischen Hochschulen gelehrt. Wie in einem Dericht des „Dörsenblattes für den deutschen Buchhandel" über die Jahresversammlung der amerikanischen Buchhändler mitgeteilt wird, ist im vergangenen Jahr von dem College.....
der Stadt Neuyork ein Kursus für den Detail- Dücherverkauf eingerichtet worden, an dem nicht weniger als 112 Studenten teilnahmen. Seitdem ist dieser Lehrgegenstand auch an verschiedenen anderen Hochschulen des Landes eingeführt: worden und erfreut sich regen Besuches.
Heimatfchulwoche in Lauterbach.
Lauterbach, 4. Aagast.
Unter schönes Städtchen hatte m diesen Tagen zahlreichen Besuch aus dem Hessenlande und >em gesamten Reiche. Heimatfreunde, ziineist Mehrer aller Schulgattungen, hatten sich vom Z0. Juli bis 3. August zur dritten Tagung deS Reichsbundes „Heimatschile'' >ier xusammengefunden. um zu raten und f[are Wege zu suchen, die die Heimatschulbewegung gehen muß.
Die 'Tagung wurde am Mittwich in der Spieß-Turnhalle von dem Vorsitzenden des Reichsbundes Ra t the y - Berlin eröffnet. Nach kurzen Begrüßungen (Direktor H a s s i n g e r - Darmstadt für das Landesamt für das Vildungs- wcsen und die von ihm geleitete Zentralstelle ür Volksbildung, Kreisschulrat Lorentz für >as Kreisschulamt Lauterbach, Beigeordneter Möller für die Stadt Lauterbach) ging cs ofvrt an Die Arbeit. Felix Herder (Würzburg) stellte die Teilnehmer mit fernen grundlegenden Ausführungen über „Heimat, H e i - matfchule, Reichsbund Helmatsch ile" gleich hinein in die Fülle der Probleme, an Kien Lösung zum Besten unseres Volles die Heimatschulleute unentwegt arbeiten wollen. Die Ausführungen gaben zu einer sehr regen Aussprache Anlaß. — Am Nachmittag berichtete L<hier Ratthey (Berlin) über „H eimat- mufejm und He i rn a l s ch u l s a m m l ung". Er gab wertvolle Winke für deren Einrichtung und Ausgestaltung. Lehrer Ku b e (Berlin) zeigte in anschaulicher Darstellung, wie sich das Meßtischblatt im Heimatschulunteimcht auswerten läßt. In der Aussprache wurde allgemein die Forderung erhoben, daß jedes Kind der oberen Schulklassen im Besitze des heimatlrchcn Meßtischblattes sein müsse. Derrncssungsrat Treu sch (Darmstadt) konnte im Anschluß daran von der Tätigkeit des hessischen Landesvermessungsamtes belichten. Das von Darmstadt ausgestellte Kaitcnmaterial zeigte, wie sehr man ui Hessen bemüht ist, die amtlichen Karten methodisch so auszustellen, daß sie vorzügliche Lehrmittel im heimatkundlichen Unterricht werden können.
Der zweite Tag brachte zunächst einen Licht- bildervortrag von Dr. Kiekebusch, Drrektor der vorgeschichtlichen Abteilung des märkischen Museums in Berlin, über „Die Kultur der nordischen Steinzeit". Hierbei wurden auch di: mannigfachen Probleme des Devölke- rungswechsels im Hess cnlande behandelt und die Chatten frage in ihrer vollen Bedeut rng gewürdigt. Die Funde des Hessenlandes, namentlich auch die Riesensterngräber von Müschen heim und Züschen wurden heran- gezogen, und mit besonderem Nachdruck wies der Dor-tragende noch auf die reichen Schätze den hessischen Museen hin, hie eine ganz hervorragende Grundlage der Heimatschule und des heimatlichen UnterrrchtS darstellen. — Uebe.- „Die Heimat tn ihrer Bedeut ung für die Bolksbilbu ngsarbei f sprach Direkter Hassinger (Darmstadt) in längeren Ausführungen. Redner wies auf die engen Beziehungen zwischen Heimatpflege und Volksbildung hin und gab einen ausführlichen Ueberblrck über die in Hessen in dieser Richtung geschehene Arbeit und über die tn Zukunft von der Zaitral- ftelle für Volksbildung zu lösenden Ausgaben. — Archivdirekter Dr. Dietrich (Darmstadt) schilderte dann tn einem Vortrage „Wege unöj Ziele der O r ts g e schi chte". Pflege der Ortsgeschichte ist gleichbedeutend nut Förderung und Stärkung der Heimatliebe. Das hessische Staatsarchiv unterstützt die ortsgeschichtliche Forschung in weitgehendstem Maße. Der sehr anregende Vortrag veranlaßte eine rege Aussprache, die eine Fülle praktischer Winke darbot, wie die Ortsgeschichte sich unterrichllich eingliedern und auswerten laßt. — Der folgende Vortrag hatte zum Thema „DaS deutsche Dorf, worüber Lehrer Ratthey an Hand von Lichtbildern sprach. — Inzwischen war vom LandeSamt für das Dildungswesen Ministerialdirektor Dr. Ur* stadt eingetroffen. Gr übermittelte in längeren Ausführungen, in denen er sich voll und ganz zu den Zielen der Heimatschulbewegung bekannte, die Grüße des hessischen Ministeriums. — Ein wohlgelungener öffentlicher Heimatabend den Schulrat Lorentz mustergültig vorbereitet ' hatte, beschloß den zweiten Tag der Heimatschulwoche. Die große Spieß-Turnhalle war bis zum letzten Platz gefüllt. Die reichhaltige Vortragsfolge gliederte sich nach folgenden Ge- fichtspunkten: Die Heimat in Dichtung und Lted. DoNSlied und Volkstum. Was geboten wurde, darf als vorbildlich für einen Volksunterhalt ungs- abend bezeichndt werden. Besonderen Anklang fanden eine Schlitzerländer Spinnstube und dann
die Wetterauer Gedichte des oberhessischen Her- matdickters H. Heß (Leihgestern), die dies« mit seiner Tochter vortrug.
Der dritte BerhandlungStag wurde eingcleitct mit einem Vortrag von Rektor Lindhorst (D<ilin-Wittenau) über „H e i ma t u n t e r r r cht in der wenigklassigen Schul e". Die sehr anregenden Abführungen des Redners gaben Anlaß zu lebhafter Aussprache. In den Dienst der Heimaterforschung der engeren Heimat stellte sich bann der Vortrag von Pros. Dr. H a r - raff o toi h (Gießen) über „Das geolo- g if che Bild von Lauterbach alSTypus deutscher Gebirgsbildung". Aeußerst anschaulich behandelte der Redner an der Hand von Karten und Modellen das schwierige Problem der Entstehung deS Lauterbacher Grabens, ein Gebiet, das von jeher die Geologen besonders gern zu Studien anzog. Nachmittags erfolgte unter Leitung von Prof. Harraffowitz eine Führung in daS ©ixibengebiet über Angersbach nach Salzschlirf wobei ein vollständiges Profil du ich den Lauterbacher- Graben gegeben wurde Der Ausflug fand großen Anklang. Da cs dem Führer gelang, die interesiante Entstehungs- gefchichte der engeren Heimat zum klaren B?r- ständnis zu bringen. Ein Teil der Teilnehmer unternahm am Nachmittag Ausflüge nach Alsfeld und Schlitz. Mit Begeisterung lehrten sie von dort zurück, nicht genug nulten sie zu erzählen von den herrlichen Schmuckkästlein mittelalterlicher Baulunst. die „abseits der großen Heerstrafte" liegend, von dem großen Strome der Reisenden nur wenig berührt werden.
Am Samstag sprach Lehrer- Crv n e (Doerde) über „Derus undHeimat“. Gr- gab in seinen fesselnden Ausführungen wertvolle Winke und Anr:gungen „aus der Praxis für die Praxis". - Den Schlußvortrag hielt dann Lehrer H. Eidman n (Darmstadt), der mit seiner Schrift „Hei matmuscum. Schule und Volksbildung" schon vor vielen Jahren bahnbrechend im Sinne der Tagung gewirkt und auch auf dem Gebiete der Heimat- pflege in Hessen bereits vorbildliches geleistet bat.
Gegen Würzburg (1921) und Gieften (1922) bedeutet die Lauterbacher Tagung des Reichsbundes Heimatschule einen Fortschritt. Manche 1kgriffe wurden in anregenden Aussprachen geklärt manche Ergebnisse für die praktische Schularbeit sind gereift. So konnte der Vorsitzende, Ratthey- Berlin, die Tagung mit Worten des Dankes an die hessischen Behörden und die Dür- gerichast Lauterbichs (die den 22 4 Teilnehmern aus Hessen und dem Reiche gastliche Ausnahme gewährte) und mit der Hoffnung schließen, daß die in Lauterbach gestreute Saat aufkeimen mögx zu reicher Ernte, zum Segen unseres Dolles und Vaterlandes.
Mit der Tagung war eine Ausstellung des hessischen H e i m a t s ch i i f t t u m s verbunden um deren Zusammenstellung sich Lehrer O ß w a l d (Bad-Nauheim) besonders verdient gemacht hat.
Gin Heimatfest am Sonntag bei dem Pr-of. Keller- Friedberg die tiefempfundene ! Festrede hielt, kann alS vorbildlich für ein echtes Volksfest gelten. Die Darbietungen gliederten sich unter die Dreiteilung: Deutscher Glaube, deutsche Liebe, deutsche Hoffnung.
Dom Fliegerlager auf der Wasierkuppe.
Unter diesem Titel werden totr eine Reihe von Stimmungsbildern unseres Spezialberichterstat- ters von dem diesjährigen Rhön- S e g e l f l u g-W ettbewerb bringen. Als Mitarbeiter bei dem Meßtrupp hat er die beste Gelegenheit, sich üher alle sportlichen Ereignisse zu unterrichten. Die Schriftleitung.
Wasser kuppe, 4. Aug
Heute, am 4. August 1924, soll der Meßtrupp zusammen treten, der bestimmt ist, die Flüge nach ihrer Dauer usw. genau messend, zu verfolgen. Entfernungsmesser und Stovpuhr sind dabei vor allem erforderlich. Ungefähr ein Dutzend hosi- nunasvoller junger Leute, davon je einer aus Königsberg, Danzig usw. sollen den Meßtrupp bilden. Vorläufig bin ich aber noch allein, allein in unseren luxuriösen Räumen. Ein Wohn- und ein Schlafraum tn der „Weltenselger"baracke sieben uns zur Verfügung. In dem letzteren stehen vierzehn Bettstellen aus ehemaligen Heeres beständen. Dazwischen kleine Tischchen, wie man sie in den Lazaretten hatte.
Nachdem man sich bei der Lagerpolizei gemeldet und seinen Ausiveis erhalten hat, holt man seine Eßmarken bei der Verwaltung und empfängt Strohsack, Decken usw. Dazwischen wird zu Mittag gegeben. Anscheinend sind eS Kriegs-
auch: das Kind kämpfte mit sich. Die junge Brust hob sich hastend, und dann und wann schütterten die Schultern. Sie wollte streng sein und verständig, fragte herbe: „Was heulst denn, Ruth? Das geht doch nicht an. Nimm dich zusammen!"
Darauf antwortete Ruth nicht. Beate sah's: sie preßte die Lippen fest aufeinander, wollte sich zwingen. Doch die Tränen rannen weiter, schwer und langsam, eine nach der anderen, und fielen auf die zitternden Hände und auf die Arbeit. Fast als ob's etwas Ansteckendes wäre, sv war's. Auch die tapfere Frau packte die Melancholie. Aber ihr tat sie eigentlich nicht Weh, war mehr linde süße Wehmut. Unb leises Mitleid mit dem jungen Ding drüben schlich ihr ins Herz.
Wie sie die Ruth so, aufmerksamer noch denn vorher, betrachtete, fiel's ihr auf: bei aller holdseligen KinAichkeit hatte das Mädchen etwas Gereistes, Über seine Jahre hinaus. Ehedem, ehe der Kaspar ins Feldlager zog, hatte Frau Beate wohl gelächelt, wenn Der Herr Vater ihr von der Meinen Liebelei zwischen dem Junker und dem flinken Rotkopf aus der Pfarrei sprach: das waren ja Kinder und Kindereien. Jetzt fühlte sie's unsicher: sv ganz Kind war Ruth nicht mehr. Hat sich wohl grab in bet letzten Zeit auch ver- änbert. Trug ben Scheitel glatt, aus bem sich sonst hundert rote widerspenstige Härchen gestohlen: hatte ein sauberes, seines Kräglein um den Hals, daraus wuchs der Kopf, merkwürdig fein und schmal, wie eine Blume fast, empor. Alles das machte es doch nicht: der Ausdruck war's, der auf' dem Gesicht lag. Der war sv seltsam schwer und schmerzlich. Nicht wie bei einem Kinde, das eine Unart begangen oder ein schlechtes Ge
wissen hat oder gestraft worden ist: nein, wie bei einem Menschen, der Schmerz trägt
„Leg' nur die Arbeit hin," sagte sie fünfter als vorher. „Heut glückt's doch nicht."
Hnb bann, nach einer kleinen Weile: „Komm einmal herum zu mir, Ruth, bring’ dein Stühlchen mit. So — setz' dich zu mir."
Als die Ruth nun neben ihr sah, ganz dicht, wie sie's ihr gewiesen, daß Schulter fast art Schulter lag, nahm sie ihre beiden Hände, hielt sie mütterlich, sanft und fest, und fragte: „Lieb Kind, was weinst du sv?"
, Da sank das Köpfchen ganz tief auf die Brust, die sich hob und dehnte unter dem groben Kleid. Hnb aus dem Weinen wurde ein wehes Schluchzen.
„So sag's, Ruth Denk' einmal, ich sei dir Schwester oder Mutter. Sag's nur. Das tut gut und macht das Herz leichter. Ist's denn f v arg Schlimmes T
Sie schüttelt den KvPf, öffnet die Lippen, als wollte sie sprechen: bringt aber keinen anderen Ton heraus, als das verhaltene schmerzensreiche Schluchzen.
„Sprich doch! Hab' Vertrauen zu mir. Ich mein” es gut. Komm — sag's mir ganz leise ins Ohr —" Und sie läßt die Hand frei, legt die ihre um den heiß roten Kopf, zieht ihn dicht zu sich heran, küßt die Stirn, wartet geduldig. Dis es leise tote ein Hauch zu ihr kommt: „Solche Sehnsucht hab' ich —"
Dtelleteht — ja, vielleicht — hott' Frau Beate zu anderer Stunde scharf auf begehrt. Aber das eigene Herz war so voll, ft> voll. Es tovhnten auch die Sehnsüchten darin, die schmerzensreichen, tn denen jedem Leid doch ein seltsamer Balsam
gemischt schien: die Sehnsucht mich dem Sohn, mit Der fernen Hoffnung, baß er sich Gh-re und Ansehen erwerbe und daß sie ihn heil wieder tn die Arme schließen würde, und die Sehnsucht nach bem Brosamen Liebe des siechen Nlannes dort unten mit der Zuversicht, bah sie bem viel, unendlich viel sein uno geben könnte, mehr als jegliche Leidenschaft. Also daß ihre Stunde kommen mühte . . .
Das machte sie sv weich. Sie konnte nicht über die Stunde hinaussinnen, hatte nur das heiße Herzensbedürfnis, recht, recht gut zu fein, hatte das köstliche Empfinden: ,Der liebe Gott hat dir ein Töchterchen versagt. Nun schenkt er dir eins Nimm's an deine Brust, heg' es und pfleg' es, bah es gÄ>eihrt. Das übrige laß bei des Herrn Rat. Er wird's Wohl machen.'
„Du Liebes!" sagte sie. „Du armes Liebes! Ja ... die Sehnsucht. Sv sieh mich doch an . .
Hat die Ruth die tränenschweren Augen aus- geschlagen. Unt> mit einem Male ist heiß, über alle Scheu hinweg, das glückselige Vertrauen über sie gekommen. Wußte selbst nimmer, wie es geschah: küßte der Frau die Hände, wieder und wieder, mit brennenden Lippen, und dann, plötzlich, umschlang sie Beate, als wollte, könnte sie nimmer lvSlassen. — ilnb die Frau lächelte und sprach leise: „Ja. die Sehnsucht. Sehnsucht und Hoffnung und Geduld, das sind gute Brüder. Schreib's in dein Herze ein: Hoffnung ist ein fester Stab, und Geduld ein Reisekleid da man mit durch Welt und Grab, wandert tn die Ewigkeit . .
(Fortsetzung folgt.!


