Die Vantiger.
Roman von Hermann Stegemann.
21 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Sie standen am Kamin der Dorhalle.
Sie Schritte der letzten Gäste verhallten auf den Fliesen.
Nach einer Weile sagte der Baumeister mit gepreßter Stimme:
„Wissen Sie, dah meine Tochter stärker ist als Sie?"
Die seltsame Frage brachte den Freier um seine ganze Sicherheit.
„Wie meinen Sie daL?" stammelte er, und eine dunkle Röte stieg in sein schmerzlich gespanntes Gesicht.
Mer der Baumeister antlvvrtete nicht auf diese Fruge. Er stand und blickte wie geistesabwesend über Giovanni weg ins Leere. An den Schläfen traten die Zackenadern stärker hervor, und im Bart kantete sich das Kinn steiler und knochiger als sonst.
Da schlug eine neue Flamme in Pometta empor. Ein Rausch wor's, und ungestüm rief er, alle- andere vergessend, mit mühsam gedämpfter Stimme:
„Ich gehe zu ihr!"
Gottfried Dantiger fuhr auf. Seine Hand fiel schwer auf die Schulter des jungen Mannes, der schon im Schuh zur Treppe war.
„Wenn Nord und Süd sich im Stollen die Hände reichen, kannst du die Ens fragen, ob sie sich herschenken will. Vorher nicht!"
Darauf wandte sich der Baumeister und stieg schwerfällig die Treppe empor. Er hatte die
'.IDorte !v laut gesprochen, oay sie noch unter der Wölbung nachhallten, als Pometta die Gestalt des Baumeisters schon im Halbdunkel deS Stiegenhauses verschwinden sah.
Am anderen Morgen fuhr Gottfried Bamiger in 'Begleitung seines Sohnes, seiner Tochter und Bvonnens auf der neuen Strafte nach Wolfenziel, um die Arbeiten jm Noedstollen zu besichtigen.
Ser schwere Wagen erstieg den Wolfenberg ohne Mühe. Es war ein sonnenloser, wie mit Silber ausgefchlagener Herbsttag. Dieh zog über die kargen Weiden, urrd eine Herde Schafe, die auf dem Sattel nach Eibenmoos hinüberwechselte, stob vor dem Automobil in panischem Schrecken auseinander.
Agnes saft neben Lenz am Steuer. Sie wich dem Daker seit einigen Tagen aus und hatte ihn mit Bvonne einsteigen lassen, um sich dann rasch neben Lenz zu schwingen.
„Das ist das Gibenmoos, nun sind wir seiner Drohung entronnen, und Pometta rechnet darauf, schon morgen auf das harte Gestein zu stoßen, das sich bis Wolfenziel hinunterzieht. Dort arbeiten sie im roten Sandstein und brechen gleich die ganze lichte Weite aus," erklärt Lorenz voll Eifer, während der Wagen rüttelnd stand, bis die Schafe sich verlaufen hatten.
Ens blickte über das schweigende Moor, das schon bräunliche und violette Farben trug. An den Hängen und im Geröll blühte das Heidekraut, und über dem Eibenwald kreisten die Habichte.
Die Tochter des Baumeisters nahm das Landschaftsbild nicht in sich auf. Ihr Wesen war von einer heiften Unruhe erfüllt, die sie innerlich ganz beherrschte und sich nur mühsam verbergen lieft. Jedesmal, wenn Pomettas Name fiel — und
Qyr schien, als fiele er leben Augenblick — hob sich die Welle ihres Blutes und übergvft ihr Gesicht mit fliegender Röte. Sie länrpfte dagegen an, war zornig auf sich selbst, auf Lorenz, auf ihren Vater und auf den, dessen Name sie helft und unruhig machte, aber das Blut war stärker als der Wille und lieh sich nicht bannen.
Sie fuhren weiter.
3n rascher Fahrt nahm der Wagen die gro- heir Kehren, die nach Wolfenziel hinabführten. Die feinen Schneeberggipfel sanken unter den Horizont, die Porphyrlegel der Einzelberge, dre sich am Ende der weiträumigen Talsenke behauptet hatten, wuchsen beherrschend in die Höhe, und die Rauchfahnen junger Zndustrieorte hingen schwer in der unbewegten Luft. Als der Wagen in die letzte Kehre bog, tauchten Dächer und Türme Wolfenziels aus der Talscharte, über der die Hochfluh ihre steile Wand aufbaute.
„Halt an, Lenz!" rief Dantiger und beugte sich vor.
Lenz brachte den Wagen langsam zum Stehen.
Da erhob sich der 'Baumeister i. d deutete in die Tiefe.
„Schaut hin, dort wachsen unsere Kunststeinfabriken und die großen Keramikwerte aus dem Boden. Da drüben, jenseits der Schussach, die zwei Meter tief und vier Meter breit unter der Hochfluh hervorquillt, als brauchten die Flüsse keinen Quellauf mehr, hat Gebhard Roll alles aufgekauft, um die Neustadt aufzunehmen, und hier, dicht am Hang, ist der Bahnhof abgesteckt."
Er stand aufrecht, und sein Gesicht war bläh und gespannt vor Erregung.
„Lind was ist das dort?" fragte Vvonne und wies auf ein breites, blutrot glänzendes Mal,
das sich tief tn Die graugrüne, von dünNtzn Wall» streifen umgürtete Wand der Hochfluh gefressen hatte.
„Das — Dantiger lachte Triumph — „daS sind .die groben Porphhrbrüche. Hört ihr daS donnernde Geräusch, mit dem die Gesteins krümmer, die beim Sprengen dem Meihel verloren gehen, die Holzkänel hinabschieften? Seht ihr die großen Steinbrechmaschinen dort unten am Fluh? Eine Zementstaubwolke zieht über sie hin. Llnd dort hinten, wo der Wald niedergeschlagen ist, dort laufen die Schienen und die Seile der Drahtseilbahn, die die stolzen Dlöcke zu Tal fördert. Latzt mich nur den Tuirnel fertig bauen, und all das wird auf einen Schlag frei und groß und walzt sich lebendig weiter!"
Mit schwer arbeitender Drust stand er im Wagen zwischen Öen Seinen und weidete sich an seinem Werk.
„Es sieht aus, als blutete der Derg!"
Wie von einem großen Mitleid eingegeben, kamen die Worte über Ensens Lippen.
Gottfried Dantiger fuhr zusammen.
Dann lachte er wild auf.
„Latz den Derg! Er gibt her, was er Hal Qab den Jörg am Ragnefjord von solchen Dingen träumen! Wir sind von anderem Schlag. Der Derg dient mir. Mehr verlang ich nicht von ihm. Llnd nun fahr zu, Lenz! Sie warten auf mich!"
Der Baumeister sank schwer in die Kissen, und der Wagen stürmte die letzten Kehren hinunter nach Wvlfenziel.
(Fortsetzung folgt)-
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