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Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)

Mittwoch, 5. November (92-

Nr. 2b( Zweites Blatt

West-östliches aus Frankreichs Außenpolitik

Don unserem XX-Korrespvndent«i (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Paris, den 1. November.

3n Nambouillet vxrr republikanische Hosjagd, zu der Frankreichs Präsident Dou- mergue das Kabinett und das Pariser diplo­matische Korps eingeladen hatte. Der Minister- präfident Herriot zeichnete sich dadurch aus das) er anstatt mit einem Schießgewehr der Sonn- tagsjägerpslicht zu genügen, nur mit einem fried­lichen Spazlerstock betvaffnet dem Sportvergnügcn der anderen hohen Herren zuschaute. Ein paar mehr oder minder witzige Bemerkungen über Herrwts grundsätzlich friedliche Gesinnung über Abrüstung und Genfer Protokoll tonnten nicht auSblerben. 2tber es sieht nicht danach aus, als ob bei den bevorstehenden politischen Kämpfen, die mit dem Wiederbeginn der parlamentarischen Debatten anheben tverden, der französische Mi- nrsterpräsldent ein ebenso friedliches Aeußeres zur Schau tragen dürfte wie bet der Jagd in Rambouillet: ferne Gegnerschaft wird ihm ver­mutlich so zusetzen, dah er mit schärferen Waffen l*4> -ur Wehr wrrd sehen müssen, wenn ihm die Wahrung seiner politischen Autorität am Her- -en lregt.

Zunächst steht programmgemäß die Finanz­politik des Kabinetts zur Debatte: ein Ka­pitel, das bei der vorgefundenen und inzwischen kaum verbesserten Lage des staatlichen Geldbeutels, allein schon ausverchen würde, um dem Kabinett gehörig emzuheizen. Aber dazu kommen jetzt Fragen der Außenpolitik, die gerade in­folge der jüngsten Entwicklung für die von Herriot eingeschlagene Linie kritischer aussehen als noch vor kurzem. Es handelt sich um das Verhältnis -u England nach den Wahlen und um die Anerkennung de r bolschewistischen Negierung. Der Ausgang der Wahlen in England übt auf beide Angelegenheiten einen bedeutsamen Einfluß aas.

Die Beziehungen zu England: Es war ein von Herriot und der Kammermehrheit vertre­tener Glaubenssatz gewesen, daß nur eine der innerpolitischen Struttur des englischen Kabinetts entsprechende französische ^Regierung in der Lage sei. den zwischen England und Frankreich klaffen­den Gegensatz auszugleichen, d. h. das immer mehr drohende Gespenst der diplomatischen Isolierung zu beschwören. Herriot wiederholte immer wieder das Schlagwort von derständigen ver­trauensvollen Zusammenarbeit", die ihm sein Freund Macdonald zugesagt habe. Der Wert dieser englischen Zusicherung war schon von jeher einer sehr abfälligen Beurteilung durch die französische Opposition auSgeseht gewesen: die Erledigung der Macdonaldschen Aera in Eng­land macht in den Augen der französischen Rechts­parteien und hauptsächlich zugunsten ihrer inner- politischen Propaganda die außenpolitische Eig­nung des jetzigen Kabinetts vollends fraglich. Der Sieg der Konservativen in England ist ein schwerer Prestigeverlust für Herriot und seine politischen Freunde, ob er nun sein Ministerdasein mehr auf die eigene, die bürgerliche sog. radikalsozialistische Partei oder auf die Sozi>alisten unter der Führung von Leon Blum und Pierre R e n a u d e l grün­den will. In überschwänglichen Worten hitte die jetzige Kammermehrheit das Genfer Schiedsge­richts- und Sicherh itsprotokoll als die Mag Charta des neuea Europas gepriesen. De be­kannte Widerwill? ter englische.! Konservativen gegen di?ses Protokoll droh: durch die englische Richlralisizierung dem Werk ter französischen Linken auch den bloßen Schn.r einer Großtat zu nehmen. Rian vermutet, daß die neue Richtung in England, anders als die Reg eruig Macdr- nald, keinerlei Neigung verpüren wird, i.i brenz­lichen Fragen, bei denen sich englisch? und fran­zösische Interessen zu kreuzen drohen, irgendwelche veroindliche Gesten zu machen, nur um ein r links­gerichteten Regierung in Frankreich Ansehen und Dasein zu rehen. Es ist sogar anzunehcnen, daß

Gberhessischer Nunstoerein.

Cdfar Achenbach-Runkel Roland Anheiftcr-Jugenheim.

Der naive Betrachter, der an die Kunst herangcht, wird und kann sie allein subjeklio, vom Gesichtspunkt des persönlichen Gefallens aus werten. Diese subjektive Wer.ung aber wider- spricht dem Wesen der Kritik. Denn die Kritik muß immer versuchen, ein möglichst allgemein­gültiges (soweit das überhaupt möglich ift) Urteil zu geben, sie muß über die Sphäre des Persön­lichen. Subjektiven hinaus in die des Objettiven, Allgemeinen zu kommen suchen. Aufgabe der Ärvtif also ist es. die zu lritisierenden Gegen­stände mit einem bestimmten Maßstab zu messen, der möglichste Allgemeingültigkeit hat. und andererseits ihnen angemessen ist. d. h. mit dem sie meßbar sind. Uns scheint d.eer Maßstab (wie wir schon früher ausgesührt haben) für das Ge­biet derBildenden Kunst", wo es sich im wesent­lichen um Produktion, d. h. um unmittelbare Umsetzung e n s Gedanklichen ins Gegenständlich- Konkrete, handelt, in der Stärke der Abstraktion, der persönlichen Gestaltungskraft des Künstlers, gegeben zu fe n. Bei der reproduz'e.enden Kunst, wie bei der Musik oder dem Theater, muß dieser Maßstab natürlich entsprechend verändert werden, weil hier ja das Medium des darstellenden: Künstleis dazwischentritt.

Beide Maler, die augenblicklich im Kanst- Dcrein ausstellen, sind ©fleftifer, bei denen sich in den verschiedenen Werken verschiedene Stil­elemente finden. Die vollendete Synthese eines persönlichen Stiles fehlt aber vollkommen. An­sätze dazu sind zwar da, aber bis zur Ge­schlossenheit gelangen sie nich'.. Zur Moderne, in gutem oder schiech em Sinne, kann man beke nicht rechnen. In ihrem Eklektizismus repräsentieren sie ungefähr den Stand der vor der Jahrhundert­wende führenden deutschen Malerei.

Oskar Achenbach gelingen am meisten die Motive, die ihm erlauben, seine aguarellistische Manier ins Oelbild zu übersetzen. Diese Bilder gestatten auch am ehesten einen Eütblick in seine Ärnstlerisch: Persönlichkeit. Das beste von den Werken, die Achenbach ausgestellt hat, ist sein Herbst an der Lahn", bei dem gut der Lichtreiz der Spiegelung der Felsen und des bunten Laubes

her englischen Absicht, Frankreichs Politik zu ifo­lteren, ein Auftreten, wie es der säbel raffeln de P o i n a r 4 . iLs eine Politik, die mit der Maske angeblich pazifistischer Parteigrundsäye sich ihre absolute Friedfertigkeit vor der Welt icfticrcn läßt.

Gleichzeitig leiten die Ergebnisse der englischen Wahlen hinüber zu einer besonderen D.urteilung der neuen, den Bolschewisten gcg-r.über ein- geschlagenen Politik Frankreichs. Dem varläu'.g nichts weniger als durch revolutionäre Ideen be­wegten Bürgertum Frankreich- ist an sich schon das bolschewistische System g r ü n d l i ch z u- wider. Der Hinweis auf das Bei halten des hoch kapitalistischen England gegenüber dem Rußland von heute koimte jedoch den besorgten Gemütern der französischen Dourgeoiiie als D?- ruh gungSmitlel verabreicht werden. Der Kamps gegen Macdonalds Politik war nun in E igland mit der h.ftigsten Krit l an den russisch englisch m Verhandlungen erfolgreich geführt worden. Mit dem besänftigenden Hinweis auf England ist es also auch in dieser Frage einstweilen aus!

Die Art, wie von der französische i Regierung die neue Rußland-Politik gleich nach ter Aner­kennung der Sowjet-Regierung bengalüd) illu­miniert worden war, fließt an sich schon die schwersten Gefahren in sich: die Gefah en, die aus der Eröffnung himmelhoher, beinahe chon begra­bener, aber jetzt wieder herv.ngeholter, und da­rum nichtsdestoweniger unerfüllbarer Hof nungea erwachsen. Dabei tut es nichts zur Sache, ob man in den französischen Reg eruagstte.fea st-lbst ehrlich an die Erfüllung dieser Erwartungen glaubt oder nicht. Die Opposition wird nich.s in Vergessenheit geraten lassen, und die Reg.c- rung hier ebenso wie in den Finanzfragen beim Worte zu nehmen versuchen.

Was aber hat die französische Regierung nicht nur in den Kommentaren, sondern sogar in dem Text der Anerkennungsnote selbst alles inAus - sicht gestellt? Nichts weniger als eine zum mindesten teilweise Bezahlung der französischen Vorkriegsguthaben durch Rußland. Ts chitsche - rin ist mit berechtigter Absicht sogar bis zu einem gewissen Grade auf dieses Spiel einge­gangen: er hat in ganz unverbi.tdlichw Form mit der Möglichkeit gesp.elt, als ob die kleinen Leute in Frankreich, die vor dem Kriege ihre Ersparnisse in russischen Papiers a gelegt hat­ten, doch noch schließlich darauf rechtten könn en, etwas von ihrem Gelve wiederzu eßen. Es ble.bt die Frage, wieweit in dieser Hinsicht einmal de ehrliche Absicht und zum anderen, das t a t- sächliche Vermögen der Mo. kaue" Reg e- rung reicht. Cs gibt wohl auch unter den Poli­tikern der französischen Linken genügend <51ep- tiker, die an beidem zweifeln. De Russen toi,kn ganz genau, daß, wenn sie beriu.ßett srllten, die Franzosen zu bezahlen, alle übrigen Mächte, die private oder staatliche Q3orfrieg5- gutßaben in Rußland zu verteidigen haben, die vorläufig preisgegebenen Ansprüche sofort wie­der anmelden wurden. Sogar im Vertrag, den Ruf land mit Deutschland in Ravallo ge­schlossen hat, stehl eine ausdrückliche Bestimmung, die für einen solchen Fall Deutschland die gleiche Behandlung zusichert. In Ruß- land selbst könnte unter ilmftänöen eine Be­wegung, allem Terror zum Trotz, entstehen, die für die russischen Inhaber russischer Staats­papiere ein entsprechendes Rech', beanspruchte. Don französischer Seite wurde nun in Erwägung gezogen, daß durch die Grträgni se französischer Konzessionen in Rußland die französischen I - Haber schadlos gehalten werden könnten. Dazu müßte jedoch erst französisches. Geld, und zwar in beträchtlicher Menge, in die e noch z em = lich nebelhaften Konzefioner gefielt loevden! Die Stimmung dafür ist in Frankreich bei den kchi- talfiäftigen Kreisen, die ur'em zum gr ßci Teil für die gesamte Herriotsche Polit.k herzlich wenig übrig haben, kaum begeistert, höchstens zu Zwecken der Kapitalflucht!

Das russische Feuer in Frankreich droht b.ld auf die Asche herabzubrennen, um so rascher und bedenklicher, je höher es zuerst angefacht wor­den war.

int Wasser herauskommt. Gut gesehen ist auch sein Zw schen Runkel und Villmar". D:ide Dilber ze gen Anklänge an Eugen Bracht. Die Runkel- Bilder Achenbachs sind teilt» ^ie boehlehaf: ge­sehen und gegeben. Den Stimmungsch , ratter geben gut die verschiedenen Frühlingsbtlter von Runkel wieder Zu begrüßen wäre es, wenn die Perspettive manchmal weniger korrekt wäre, de Bilder hätten dadurch an Lebendigkeit gewonnen. Einen guten Landschaftsausschnitt gib;Runkel und Schadeck im Vorfrühling". Farbig reizvoll ist das BildAltes Rathausportal zu Rothen­burg". DasTaubertal" zeigt Schönlcber-An­klänge. Das Porträt liegt Achenbach weniger. Ganz gut kommt das Genremäß ge in den ver­schiedenen Bildern alter Dauerssrauen heraus. Die Damenbildnis e sind meist manieriert. Lebend g ist dasKnabenbildnis in Qardichaft".

Die Oelbilder, die Roland Anh.ißer aus­stellt, sind fein Zeugnis starker Selbstkritik. Er hat sich dasMatterhorn" zum Motiv gewählt, wie viele vor ihm und neben ihm. Es ist nicht schwer, aus Nanuk einen Amerikaner zu machen, wenn man ihn entsprechend anzieht, es fragt sich nur, ob ihm die Pumphosen stehen ober, um mich weniger bildlich auszudrück.n, nach dem Matterhorn in einer Manier ein Oelbild zu machen. Ein solcher Berg wirkt an und für sich schon allein durch seinen llmriß und den Nimbus, der ihn umgibt. BeimAbend in den Dolomiten" sind sowohl der Abend wie auch die Dolomiten sehr trocken gegeben. Wenn sie wirklich so wenig reizvoll wären, wäre cs mehr als euphemistisch, von der Schönheit des deutschen Südtirols zu sprechen. Nicht besonders stark ist auch derLang­kofel in Südtirol". Es fehlt diesen Bildern (mit Ausnahme des Matterhorns, wo die Wahl schon a priori gegeben ist) die Wahl des richtigen Ausschnittes, es fehtt die Farbigkeit, es fehlt d e Plaftizttät, kurz die Vollendung der Komposition. Am wengsten ausftellungsfähig ist die Brügger Larrdschaft.

Besser als diese nicht sehr erfreuliche-» Oel- bilder sind die Graphcken Anheißers. Neben der skizzenhaften F Verzeichnung, wie sie z. D. auf dem BlatteSt. Marco in Venedig" erscheint, liegt ihm am meisten die Kohlezeichnung. Hier scheint seine Stärke zu liegen. So wirkt derAbend in Brügge" von all seinen ausgestellten Sachen am künstterischsten. Leider wird bei vielen seiner

Das englische Wahlergebnis.

Don unserem v. Kr.-Korrespondenten. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

London, 30. Oft 1924.

Da wegen eines Sturmes die Flug­verbindung zwischen London und Amster­dam zeitweilig unterbrochen axir. kommen wir erst heute in den Besitz dieses schon am 30. Oktober geschri-benen Londoner Briefes. Wir glaubn. ihn trotzdem noch veröffentlichen zu müssen, weil er unter dem frischen Eindruck des Wahlergeb­nisses geschrieben worden ist. D. Red.

Die Konservativen triumphieren, die Libe­ralen sind betäubt, die Arbeiter verblüfft. Das hat niemand erwartet, eine geschlossene konser­vative Front von rund vierhundert Abgeordneten, das Unterhaus zählt 615 S tze, also eine Zwei­drittelmehrheit. Die kühnsten Voraussagen sind weit übertroffen worden.

Zunächst einiget Tatsächlich:: Allenthalben sind die konservativen Stimmen, auch in den Arbeitervierteln, stark gewach en. Die Zu­nahme beziffert sich vielfach nicht nach Tausenden, sondern Zehntausenden. Die Wahlbeteili­gung war sehr stark. Die kommunistisch? Sensation Hal die groß: Partei der Nicht- wählcr aus ißiern Schlaf? aufgerüttelt, eine vor­bildliche Propagandaarbeit in Presse und im einzeln n von Mund zu Mund tat ein übriges. Es ist alles nach Wunsch verlaus.n Nur bedauert man die Vernichtung des Liberalis­mus. Man hätte eine noch stärkere Beeinträch­tigung der Sozialisten sehr viel lieber gesehen.

England ist wieder ionservaliv geworden. Es hat die sozialisttsche Erkrankung in knapp 9 Monaten überwunden. Fünf Jahre einheitlicher stetiger Fahrung politischer Ruhe liegen vor der Bevölkerung, und es ist leine älebertreibung, wenn man sagt, England atmet auf, nun hat man endlich klare Verhältnisse und eine starke Regierung, man kann wieder Politik treiben. Man weiß, woran man ist. Der Sozia- ttstenspuk »st vorüber.

Wie des gekommen ist? Wir haben stets vor einer äleberschahung der F ihrerqualitäten Mac­donalds gewarnt. Er hat sich und seiner Regie­rung eigenhändig das Grab gegraben. Sei.re Wahlreden haben den letzten Rest seines Prestiges zerstört. Der Engländer ist national und nicht international, das Hemd ist ihm, näher als der Rock.

Der Wahlkampf ist ohne Zwischenfälle oer- laufcn. Nirgendwo ist es. wie ängstlich: Gemüter fürchteten, zu Zwischenfällen g. kommen. Trotz strö­menden Rügens standen unzähl ge Neugie ige auf den ößenllchen Plätzen und ioarteten geduldig auf die zunächst nur spärlich eintrefse »den ersten Er­gebnisse. Heute herrschte Hochkonjunktur im Zei- turgsgewerbe. Wahre Berge von Zeitungen find verkauft worden. Es gab nur ein Gesprächsthema.

Dies Wahlergebnis ist ein B.lenntnis Eng­lands zum nationalen Gedanken, eine Ablehnung des Jntemationalismils. Das eigentümliche eng­lische Wahlverfahren hat es mit sich gebracht, daß dieserStimmungswech el auf einen pari am :ntarisch tragfäh gen Ausdruck gebracht worden ist. Di? Zweidrittelmehrheit der Konservativen ist mit 6 334 795 Stimmen gegen 2,466 Millionen libe­raler, 4 659 248 sozialistischer Stimmen gewonnen worden. Freunde des Proportionalsystems werden daraus folgern, daß das Wahlverfahren in Eng­land ungerecht wäre. Das kann aber nur de Oberflächlichkeit behaupten. In dem Wahlergebnis liegt eine Verurteilung des Dreipar­teienparlaments. England ist in seiner pol tischen Einrichtungen aus zwei und nicht drei Parteien eingerichtet So ist denn die liberale Ni<Herlage nur als ^lebergangserfcheinung zu einem neuen Zweipa rteien-Parla­ment zu betrachten. Das gegenwärtige Mißver­hältnis wird sich früher oder später wieder aus- gleichen.

Aber es ist nicht die wahltechnische Betrach­tungsweile, welche uns zu positiven Ergebnissen. führt. Politisch gesehen, ist sestzustellen, daß der Sozialismus und nicht der Liberalismus entscheidend geschlagen worden ist. Die liberalen

Blätter die Einheitlichkeit des Ausdrucks durch die oft überreich zur Belebung verwandte F gu- renftoffage abgeschwächt H. O. D.

Gießener Konzertverein.

Maria Pos-Carloforti: Liederabend-

Wenn Ludwig Wüllner oder Julia Culp oder sonst ein anderer Meister einen Liederabend veranstalten, so ist damit schon die Gewähr ge­geben, daß die Persönlichkeit des A>/»führenden ganz im Liede aufgeht. Die Persönlichkeit wird zum Ausdrucksmittel und Ausdruckswillen des Liedes, dessen Wiedergabe der Endzweck, äleber- toiegt beim Konzertgeber aber der Virtuose, so hat der Musiker meist das Nachsehen, das Lied wird nur Mittel zum Zweck. (Ein Vorwurf, der meist den italienischen Sängern gemacht wird, leider mit älnrecht: denn bei ihm ist die Stimme tief im Zwerchfell verankert: jeder psychische Affekt wird durch das Zwerchfell stimmlich: Arußerung und so ist der primäre (man möchte fast sagen instinktmäßige) Kontakt zwischen Stimme und ge­lungener Musik gegeben das Lied, die Arie wird zur psychischen Aeußeruna.) Eine andere Gruppe von Sängern möchte wohl dem Lied: ge­recht werden, aber das eigenwillige, oft durch­gehende Temperament ist zu stark di: Stimmung des Liedes wird durchbrochen. Frau Maria Pos-Carlofvrti besitzt für die umfassende Ausgabe, Me fie sich mit ihrem Programm stellte (Belcanto, Brahms, slawische Weisen) ausreichende stimm­liche Mittel, wenn sie sie richtig auszunühen ver­stände. Die Belcanto-Arien, solange es sich um italienischen bzw. lateinischen Text handelte, ge­langen ihr wohl am besten, wenngleich damit nicht getagt ist, daß sie den traditionellen italie­nischen Stimmklang erreichte, den man auch wie­der gelegentlich der italienischen Opemstagione in Berlin bewundern formte. Es fehlte ihm das glockenartig Schwingende. Die Höhe war oft kehlig. Mit Trillern und lang gehaltenen hohen Tönen ist es nicht getan. Solange der Zuhörer nicht das Gefühl der unbedingten Tonfverhert dabei hat, haben diese Töne etwas Beängstigendes für ihn, statt befreiend und erhebend zu wirken. Ohne das Senza di ognt muscoli ist eben ein wirklicher Belcanto schlechthin unmöglich selbst wenn man auch die Befähigung zur Koloratur besitzt wie I

Verluste erscheinen als Gewinne auf der konserva­tiven Habenseite Da aber beide Parteien mit der Front gegen den Sozialismus gefochten haben, ist das politische Gefamtergebnis richtig. Die antiloziclistischen Stimmen verhalten sich zu den sozialistischen fast wie zw.i zu eiiS Wenn habet die Konservative Partei dietes Mal einen unver­dienten G.winn ein geheimst bat, so spiegelt das gegenwärtige Kraft.vcihältniS der Part.ieli die wir-kliche politifche Meinung les Landes durchaus zutreffend w.dcr Darauf aber kommt es an. Die von der Konservativen Partei zu verwaltende 5t on- tursmasfe Macdonalds ist, wie auch Macdonald fchon bemerkt bat, kein beneidenswertes Erbteil. Arbeitslosigkeit und H a n - delSdepreflion find de, politischen D:» Handlung nicht ohne writeieS zugä.iglich. Die Wiederaufrichtung des englischen An eh. in der Welt, die Auseinandeisetzung mit den destruk­tiven Kräften innerhalb des Weltreiches wird Jahre, wenn nicht viele Jahre erfordern. Der K o m m u n i s m u s ist nur im Wahll unpse. er ist noch nicht tatfächlth überwunden, nicht innerlich besiegt. Das europäische Problem, das sriedlose Eurvpa, wird gleichsalls ohne englische Mitwir­kung nicht wieder zum Wohlstand, zur Beruhi­gung, zum toirfließen Frieden gelangen. Die neue Regierung wird nicht wissen, wo sie zuerst Hand anlegcn soll. Indessen steht zu hofien, daß mit der Sicherung einer ausreichenden parlamentarischen Basis der gesunde Menschenverstand und nicht der politische Idealismus der künftigen englischen Pottttl Richtung und Ziel geben wird. Das i*bcr wäre vom deutschen Stundpuiikis aus ein Gewinn, sofern wir unsererfeits eine wirklich tragfähige Regierung schaf­fen könnten, eine Regierung der natio­nalen Selbstbesinnung. wiS cS die neue englische Regierung ist. Nur gleichwertige Gegner können zu einer dauerhaften Verständi­gung gelangen.

Ausbau der Höheren Mädchenschule in Gießen.

Eine sehr gut besuchte, auf Anregung auS Eltern kreisen einfcerufcne Versammlung von Eltern der Schülerinnen der Höheren Mädchen­schule beschäftigte sich am Montagabend mit bet Frage des Ausbaues dieser Schule durch die Errichtung einer Studienanstalt. Diese Angelegenheit hat bereits seit langen Jahren die Beteiligten beschöf igt und ist zulehi im vor,gen Jahre Gegcnstand der Beratungen geinefeu Man war sich vollkommen einig in der Ansicht, daß die Schaffung einer solchen Anstalt eine unbedingt« Notwendigkeit sei. Den Bemühungen zur Verwirf» lichung des Planes blieb bisher aber der Erfolg versagt, denn die Inflation und die dadurch her­vorgerufene Schwierigkeit und älnüberfichtlichteit aller De> hältnisse standen als unüberwindliche Hindernisse im Wege. Die gebesserte Wirtschafts­lage einerseits, die auch die Stadt und den Staat triebet kräftiger gemacht hat, und die zwingende Notwendigkeit einer gedeihlichen Lösung dieser Frage arrderfeits geben Veranlassung, jeßt erneut an diese Aufgabe heranzutreten.

Nachdem Landgerichtsrat Trümpert ein­leitend diesen Gedankengang zum Ausdruck ge­bracht hatte, sprach sich Oberstudiendivettor Dr. Kalbfleisch über den gegenwärtigen Stand der Angelegenheit und ihre Derwirllichungsmög» lichkeit aus. Daran schloy sich eine längere Aus­sprache, an der sich zahlreiche Eltern beteiligten. Zusammenfassend ist daraus folgendes zu berich­ten. Es wird allgemein anerkannt, daß eine inner« Berechtigung vorliegt, diese Frage jeh: wieder an­zuschneiden. Die Errichtung der Studienanstalt ist eine Notwendigkeit. Die übergroße Mehrzahl aller Mädchen muß sich heute auf einen Beruf vor­bereiten, diese Berufe verlangen aber eine ab­geschlossene Schulbildung, ja sie sehen diese vor­aus. Bisher traf das nur auf die Mädchen zu, die studieren wollten, jetzt hat sich die Lag« aber geändert und wird sich noch mehr än­dern, denn eine ganze Reihe von Berufen erfordert das Zeugnis der Reise, das aber nur an einer Vollanstalt erworben werden kann. Während die Höhere Mädchenschule bisher eine

Frau Pos-Carlofvrti. Die oft gezerrt schief« Mundstellung der Konzertgeberin bestätigte nur, daß der Ton den höchsten Grad an Freiheit noch nicht erreicht hatte. Eine Mezzavoce fehlte ihl vollkommen und brachte sie um manche intime Wirkung. Ein ungewöhnlich starkes Temperament ließ sie oft über den gegebenen musikalischen Rahmen hinausgehen. Brahms stellt in seinen Liedern h:he Anforderungen in bezug auf Aus­schöpfung und Ausgestaltung der Stimmung: z. D. dürfte die Stelleüber m?in Bett erhebt sich . .** (Der Tod, das ist die kühl: Nacht) nicht gar so real gefaßt werden, daS Visionäre ging verloren: oder oas Intime am Schluß des S ä ,dchens? ilnb nun gar das zarte Volkslied, da fehlte das liebe­volle Eingehen und Sichversenken: das durch­gehende flotte Tempo inMein Mädel hat einen Rosenmund" bedeutete doch nicht etwa Innig­keit. Die slawischm Wachen von Sr:tfchaninow (Dor mir die Steppe") und Dvorak (Zigeuner- melodien") wirkten schon durch sich: etwas weniger Temperament und etwas mehr Versunkenheit hätte die Wirkung erheblich gesteigert.

Am Flügel brachte Herr Dr. Engländer vom Dresdener Landestheater die Arienbeglei­tungen recht stilvoll. Dagegen gelang ihm we­niger die schwierige Aufgabe, durch Ausschöpfen der Stimmung der Vor-, Zwischen- und Nachspiele den Liedern den Rahmen zu geben und in der Begleitung, wenn es nötig war. Eigenes zu sagen. Gibt es denn gar keine Tempoänderung? Die Be­gleitung zuSoll der Mond nicht Heller scheinen" war das Monotonste, was ich je im Konzertsaal gehört habe: von der wenig charatteristischen Be­gleitung zumStändchen" zu schweigen, ebenso von dem Wechselspiel zwischen Begleitung und Singstimme inDer Tod. das ist die kühle Nacht." Das Publikum erlangte zum Schluß die Üblichen Zugaben: Hugo Wolfs:Er ist's". War es nun, weil es eine Zugabe war. daß Frau Pos-Carloforti die Arveggien bei .. Frühling, ja du bist 's" nicht plastisch fang? War es durch­gegangenes Temperamrnt? Der Jubel im Kla­vierpart am Schluß ist nicht bloße technische Passage, sondern Ausdrucksmufik und will auch sd gewertet werden. Die zweite Zugabe (Hugo Wolf:Ich hab in Penna einen Liebsten woh­nen"» schien der Sängerin am meisten zu liegen.

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