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toorben sind. Die britische Anregung bezwecke, lediglich darauf hlnzuweisen, dah der Dawes- bericht Regelungen vorsehe, für die die Repara- rionskommilsion nicht zuständig sei. Großbritan- Uten wolle keine überstürzte Entscheidung herbei­führen. Es gebe seinen eigenen Standpunkt be­kannt in Ausdrücken, die die in Chequers ge- bvauchten genau wiederholten, und die, was noch einmal ausdrücklich wiederholt werde, in keiner Weise darauf abzlelten, irgendeine oder zwei beteiligte Mächte ohne vorherige Besprechung mit den übrigen Alliierten zu biirden.

Die Lage im besetzten Gebiet.

Neue Kriegsgerichtsurteile.

Dortmund, 4. Juli. (Wolff,) DaS fran­zösische Kriegsgericht verurteilte sieb­zehn junge Deutsche, die beschuldigt wa­ren, der hiesigen OrganisationW i ck i n g - bund", der nach französischer Ansicht eine Reu­auflage der OrganisationKonsul" ist. angehört zu haben, zu Strafen von einem Monat b s zwei fahren Gefängnis und Geldstrafen von 5.0 bis 31000 Ml. Bier Angeklagte, denen Anwer- '1000 Mark. Bier Angeklagte, denen Anwer­bung für den Wickingbund vorgeworfen wurde, sind zu je lOIahr en Gefängnis und 50 OCO Mark Geldstrafe verurteilt worden.

Rach einer Meldung auS Mainz wurden drei Postbeamte wegen angeb.ichen Durch­schneidens der Telegraphenverbindu.'g Rheinlw.d- Berlin vom fvairzösischen Kriegsgericht zu Frei­heitsstrafen von einem Monat bis zu einem Jahre und zu Geldstrafen von 200 bis 1000 Goldmark verurteilt, obwohl die Angeklagten erklärten, d a tz sie mit dec Sache nichts zu tun gehabt hätten. Ein gleichfalls angellagter Postdiiwktor wurde freigesprochen.

Stillegung der Verwaltung in Düsseldorf.

Düsseldorf, 4. Juli. (Wolff.) Der Re­gierungspräsident teilt mit, daß infolge der Beschlagnahme eines groben Tei­les des Regierungsgebäudes durch dieDesatzungdieStillegunaderBer- waltungsgeschäfte vorüberg h nd unver­meidlich geworden ist. DaS Regierungsgebäude werde deshalb von Samstag den 5. Juli bis einschließlich Samstag, den 12. Juli, für das Publikum geschlossen.

Ex-Präsident" Matthes.

Düsseldorf, 4. Juli. (WB.) Der Grün° der und Leiter des sond^erbündlerischen Rhnnisch- (Westsälischen Doltsbundes, Matthes, wurde gestern in einer zahlreich besuchten Versammlung vom Fünfzehnerausschuß aus dem Bunde ausge­schlossen. Begründet wurde der Ausschlub des MattheS u. a. mit seinem selbstherrlichen Auf­treten.

Der Graff-Prozetz.

Stettin, 5. Juli. 3n der gestrigen Ver­handlung hielt der Verteidiger Meyer sein Plä­doyer. Er kam zu dem Schluh, daß Kaws und Engeler nicht des Mords, sondern nur des Todschlags schuldig sind, während S ch w i r r a t an der Tat unbeteiligt und deshalb frei- z u s p r e ch e n ist. Der Verteidiger richtete einen Appell an die Geschworenen, sich nicht von dem kühlen Standpunkt des Staatsmannes leiten zu lassen, .sondern daran zu denken, wie die Bel­gier in einem solchen Fall handeln würden. Das beweise zur Genüge, das Urteil gegen Schmitz, Pder wegen des Mordes an dem deutschen SchuUbbeamten Chmilewski vom belgischen Gericht zu einem halben Jahr Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt worden sei. Männer, die, wie die Angeklagten, aus R a - lionolbewuhtfein zu der Tat getrieben worden seien, dürfe man nicht in eine Reihe stellen mit Mördern.

Der General st aatsanwalt wider­spricht dem Verteidiger und ruft den Geschworenen zu:Wenn Sie dem Verlangen des Verteidigers nachkommen, haben Sie aufgehört, deutsche Rich­ter zu sein. Mögen die Belgier in ähnlichen Fällen hundertmal nicht richtig urteilen: Wir find deutsche Richter und haben als solche zu handeln." Auch der Oberstaatsanwalt sucht die Gründe des Verteidigers zu widerlegen unt> betont nochmals, dab es sich um gemein­schaftlich überlegten Mord handelt.

Da die Angeklagten offensichtlich Infolge der langen Dauer der Sitzung nicht mehr in der Gage sind, ihr Recht auf das Schluhwort wcchrzu- nehmen, wurde die Sitzung auf Montag vertagt.

Hessischer Landtag.

Präsident Adelung eröffnet die Sitzung tmt 91/4 Uhr. Am Regierungstisch: die Minister Henrich und Raab.

Abg. H 0 f m a n n * Darmstadt (Ztr.) Bittet in einer kleinen Anfrage um Auskunft, ob bald eine Vorlage über die Reorganisation dec Dau- Verwaltung und der Bauordnung dem Hause vvrgelegt werden könnte.

Ministerialrat Kratz erwidert, der Anwag des Landtags vom 12. Juni ds. Is. würde so abgeändert, daß er den dringendsten Bedürf­nissen genügt. In absehbarer Zelt sei es nicht 1 möglich, dem Hause eine Vorlage zugehen zu lassen.

Auf der Tagesordnung steht die

Besoldung der Staatsbeamten.

Abg. Reiber (Dem.) erstattet hi.rüber tBe» tfdjt. Er weist darauf hin. dah die Hess. Regie­rung die vom Reich vorg:schlaaenen neuen Sätze für die unteren Vesvldungsllaisen zur Annahme empfiehlt. Der Ausschuh schlägt die Zustimmung vor, und zwar einstimmig. Er ist zwar ber UeBer- zeugung, dah dio Sätze immer noch nicht sozial gerecht und zureichend sind. Der Finanzausschuß beantragt daher Zustimmung zu der Regier'urws- Vorlage, dah die Bezüge von 20 Proz auf 30 P'o^ent d's Ap ilg Halles erhöht werden Auch soll eine Entschließung angenommen werden, in der zum Ausdruck gebracht wird, dah das Sperr­gesetz aufgehoben wird, dah die Spannungen dec unteren und mittleren Besoldungsgruppen ver­ringert werden.

Abg. Dr. Osann (D. Bp.) weist auf die immer noch unzureichenden Sähe der Vorlage hin: Sachsen und Baden, sowie Hessen hätten sich den ursprünglichen Sätzen der Vorlage wldrr- setzte dies habe die Aendrrung herbeigeführt. aber immer noch unzureichende Erhöhungen gebrackst. Die Vorlage ak^ulehnen, sei etn Fehler, denn den Beamten müsse bald geholfen weroen.

Abg. Dr. Greiner (Komm.) fordert, baO alle Beamten gleiches Gehalt empfangen. Er stellt den Antrags die Besoldungsgruppen 1 bis 7 zu streichen und allen das Gehalt der Gruppe 8 zu geben.

Abg. Storck (Soz.) meint, die Vorlage sei eigentlich abzulebnen, nach Lage der Dache stimme aoer feine Partei der Regierungsvorlage zu.

Abg. Kindt (Dntl.) weist auf den Antrag seiner Partei zur Desoldungsvorlage hin und macht auf die großen Demokratien aufmerksam, die zeigten, wie man dtese Frage nicht behandeln solle. Jetzt verlange die Sozialdemokratie die Aus­hebung des Sperrgesetzes, das widerspreche ihren Forderungen nach Zentralisation.

Abg- Reiber (Dem.) erklärt im Ramen seiner Partei, dah sie der Vorlage zustimme.

Abg. Glaser (Dbd.) stellt fest, daß seine Fraktion sich Bet der Abstimmung Im Finanz­ausschuh der Stimme enthalten habe. Sie werde dies auch im Plenum tun. Andere Berufe hätten ebenso wie die Beamten, unter der Rot zu leiden.

Abg. Widmann (Soz.) bemerkt, daß die Kommunisten in Sowjetruhland gar nrcht daran dächten, die Forderungen des Abg. Dr. Greiner nach gleicher Entlohnung durchzuführen.

Abg. Herbert (3trJ wiederholt den bereits im Ausschuh behandelten Antrag, die Vorlage nur für ein Vierteljahr anzunehmen.

Abg. Kindt (D.-R.) erklärt die Zustim­mung feiner Partei zu der Vorlage. Dir De- soldungsvorlage wird in erster und zwei­ter Lesung gegen dis Stimmen des Bauern­bundes

angenommen.

Daraus folgt die Beratung des

Staatsvoranschlags für 1924

die Bei Kap. 53 (Landesamt für das Dlldungs- wesen) fortgesetzt wird.

Ministerialdirektor U r st a d t bespricht ver­schiedene Re,ormen im Schulwesen; das Landes- bildungsamt für das Dlldungswesen habe gar nicht die Pläne, die man ihm unterschiebe. DaS Gymnasium soll im wesentlichen in seiner Form erhalten bleiben, der altsprachliche Un­terricht solle nicht leiden. Der neue Schultypus soll teiner Gemeinde ausgezwungen werden. Es handle sich auch nur um vorläufige Entwürfe. Die Aufregung ist Wohl entstanden, weil auch das Refrimgymnasium unter den Entwürfen war, das bei Den Altsprachlern keine Gnade findet. An eine baldige Abschaffung sei aber nicht- za denken. Zu den Reformen gehöre verstärkter Un­terricht im Deutschen, Einführung des philo­sophischen Unterrichts, der Bürgerkunde und Verstärkung der leiblichen Hebungen. Richt die Schaffung des Schultypus, sondern die Aus­arbeitung der Lehrpläne sei die Hauptsache, Was man also draußen über die geplanten Reformen gesagt habe, sei zum größten Teil leeres Ge­rede und Lärmmacherei gewesen.

Bei den neuen Typen werde an dem ge­meinsamen Untei6au der Schulsysteme (mU Aus­nahme der Gymnasien) festgehalten. Hessen müsse selbständig in diesen Fragen vorgehen, denn es werde lange dauern, bis das Reich die Rege­lung der DesoldungsangelegeNhäten vornimmt.

Von den Abzg. Diehl-Hochweisel u. Gen. ist ein Antrag eingegangen, die Repcäsen- tativnsrechte für Schulen aufzuheben.

Abg. Dr. Werner (D.-R.) richtet an das Landesbildungsaint drei Fragen, und zwar war­um die kricasbeschädiglen Studienassessoren nicht in eine höhere Stu.e befördert würden, wie in Preußen; ferner warum ein Studiencat, dessen Fall die Gerichte beschäftigt habe, so mild be­handelt werde, und drittens, warum das Landes­bildungsamt am vierzigsten Kolonialtag nicht auf dessen Bedeutung habe Hinweisen lassen. Der Redner verlangt, dah neben dem altklassischen Ideal auch das altdeutsche Ideal Berücksichtigt wird. Die Zentrale für BolksBildung könne abge- Baut werden; sie sei politisch untauglichl. Die stantspolitisch n Kurse und Wilhelm Michel zeigten eine einseitige Linkseinstellung. Der Redner verlangt eine Verbesserung des Inhaltes der Lesebücher. DerSchulbote für Hessen" sei ein reines demokratisches Parteiblatt. Mit der großen Zahl von Rektoren m Giehen sei weder der Stadt noch dem Lande gedient.

Abg. Dingeldeh (D. Vp.) wendet sich gegen hie mechanische Gleichsetzung, die sich auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens gezeigt habe, sie sei besonders verhängnisvoll für das Schulwesen. Lebendige Kräfte würden dadu.ch vergewaltigt. Dom einheitlichen Unterbau der Schulen muffen wir ahEommen; wir seh n gerade in dem Bestehen der verschiedenen Schultypen ein Unterpfand für die Erhaltung der verschiede­nen Dildungsideale. Ob die Absicht, das huma­nistische Gymnasium zu beseitigen, nicht doch beim Dildungsamt bestanden hat? *>

Oberste Pflicht des Landesbildungsamtes wäre es, dah sofort ein Schulbuch entfernt wird, das von einer deutschen Kriegsschuld spricht. (Lebh. Beifall.) Das Verkleben der Fürstenbilder habe sicher nicht zur Verstärkung der Autorität der Republik beigetragen. Der Redner verlangt einen verstärkten Turnunterricht. Hauptamtlich müsse eine Persönlichkeit zur Ausbildung der Lehrer im Turnen angestellt werden. Abg. Kaul habe verlangt, dah mehr Republikaner zur Lei­tung der Schulen berufen werben. Seit etwa einem Jahre würden die Stellen nur nach poli­tischen Gesichtspunkten Besetzt. Auch beim Ab­bau sei so verfahren. Richt einmal der Schein sei gewählt worden. Der Abbau des Landes- bildungsam te8 wird sodann vom Redner als logischer Schluß verlangt. Verschwinden müsse auch die Zentrale für Volksbildung. Unter dem Beifall des Hanfes verlangt der Redner zum Schlüsse seiner Ausführungen, daß die Erziehung zur staatsbürgerlichen Gesinnung oberstes Prinzip der Schule sein müsse.

Hm 1 Uhr werden die Beratungen abgebrochen. Rächste Sitzung Dienstag 10 Hhr. Fortsetzung der Tagesordnung.

McttcrvorauSsage

für Sonntag.

Zunehmende Aufheiterung Winde all­mählich auf nördliche Richtung drehend, tagsüber warm, sonst kühl. Vereinzelte leichte Niederschläge.

Die Tiefdruckausläufer, die das veränder­liche Wetter der letzten Tage verursachten, ha­ben sich nördlich verlagert, so daß vorderhand aufheiterndes und größtenteils trockenes Wet­ter bevorsteht, doch melden sich Anzeichen für eine spätere Verschlechterung-

Provmzialdirektor Ludwig Matthias f.

Gestern abend ist der Provinz ialdiisktor her Provinz Oberhessen und Kreisol, ettor des Krei­ses Gießen Ludwig Matthias an einer Rlr- rencrlrontung, öle plötzlich akut wurde, nach kur­zem Krankenlager sanft entschlafen.

Das Ableben dieses Mannes bedeutet für unsere Provinz einen geradezu unersetzlichen Ver­lust. Die hohen Geistesgaben des Heimgegangenen, sein vornehmer Charäiter, fein allezeit liebens­würdiges, freundliches Wesen gegenüber jeder­mann und seine nie rastende Tatkraft bei der Ausübung der verschiedensten Aemter, öle er im Laufs seines Wirkens für den Staat be­kleidete, haben ihm in Öen weitesten Beoolke- rungSlrelfen große Sympathien und viele Freunde erworben. Mit aufrichtigem Schmerz wird man überall die Kunde von dem Ableben die es. aus­gezeichneten Beamten und trefflichen Menschen vernehmen. Hm die Provinz Oberhessen, deren Kind er war, hat sich Provinzialorreitor Mat­thias große Verdienste erworben. Seine stete Fürsorge galt allen Gebieten der Verwaltung, insbesondere aber dec Elelttizitätsversorgung der Provinz und dem Plane der Gemeinwirticha,t zur Bekämpfung der Tuberkulose und Rachi­tis. Die Elektrizitätsversorgung OberHesens hat unter seiner tat,rohen Fatz au ng dec Geschäfte große Fortschritte gemacht, unD wenn der Plan der Gemeinwirtschaft bis jetzt noch nicht die Ergebnisse zeitigte, die dem Verstorbenen als Zrel vorschwebten, so lag das nur an Öen Zeitver- hältniisen, die ja überall ihre hemmenden und vernichtenden Folgen zeitigten. Wohl niemand hat diese Rückwirkungen au, uie Lösung eines drän­genden sozialen Problems schmerzlicher empfun­den als der Verstorbene, der den vielen Schwer- leidenden mit dec Kra,t seiner Arbeit und der Kunst seiner seltenen Organisationsgabe gar zu gern geholsen Hütte. All seine warme Fürsorge für das Wohl der Provinz und seine hingebende Arbeit im Äcnste ganz He fens wird man dem Verewigten über das Grab hinaus danken. Sein Andenken wird in der Hexischen Geschichte an Ehrender Stelle für immer bestehen bleiben.

Die feierliche Einsegnung dec Lerche findet am Montag vormittags um 11 Hhr, auf dem Reuen Friedhof statt, die Einäscherung erfolgt am Dienstag In Friedberg. Den Zeitpunkt die­ser Feier werden wir am Montag noch mit» teilen.

Ludwig Matthias erblickte am 11. August 1872 in Echzell (Oberhessen) als Sohn eines ArzteS das Licht der Welt. Seine dienstliche Laufbahn, die ihm ein rasches und glänzendes Auf st eigen zu hohen Aenitern brachte, führte ihn durch verschiedene Kreisämter und das Mini­sterium, wo er u. a. Vortragender Rat war, im Kriege als 2. Dundesratsbevvllmächtigten Hessens nach Berlin, später war er Kommissar für die wirtschaftliche Demobilmachung in Hessen und zu­letzt hessisches Mitglied des Reichsrats, sowie stellv, hessischer Gesandter. Hierauf war er beim Ministerium des Innern in Darmstadt Mini­sterialrat und StaatSrat. Am 1. Februar 1922 wurde er an die Spitze der Provinz Oberhessen und des Kreises Gießen Berufen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 5. Juli 1924.

Als Zaungast beimSchoppe".

Er hat manche Gelegenheitsfreunde und viele standhafte Verehrer, derSchoppe". Junge Semester verschreiben sich ihm oft schon am Vor­mittag, mit Ausdauer aber auch am Abend. Richt selten verschreiben sie sich dabei auch dem Notizbuch des mehr oder minder vornehm be- sracktenOtto" oderKarl" oder wie dieser gute Mcnsch gerade 'heißen mag Dis bann die väter­liche Liebe denverschriebenen" Filius wieder löscht", bis zum nächstenmal. Der Mann des vcrgerückten Lebensalters huldigt dem Dämmer- schoppe, meist aber dem Schlummertrunk, wobei er nur ost so spät erst ans Schlummern denkt, daß darüber schon gar manches Rachtstündchen vergangen ist. Dem einen spült da der Schoppe die Widerwärtigkeiten des Alltags hinunter, dem andern läßt er icgendeine Freude des Tages noch einmal in goldiger Fülle erstehen.

Gar vielseitig sind die Studien, die man beim Schoppe machen kann. Am interessantesten ist es in den alten, behäbig-bürgerlichen Kneipen, wo das steife Zeremoniell nicht mit als unge­betener Gast am Tische sitzt. Hier wird jeder nach seiner Fassonselig", was ja auch oft beim Heimweg im Kurs des Wanöerecs zum Ais­druck kommen soll. Man sickht an diesen Tischen den gelehrten Herrn, den Mann des Kontors, den Diener des Rechts, den Schaffenden der Handarbeit usw. usw. brnt in der Reihe ganz zwanglos beieinander sitzen. Den ersten Schoppe trinken sie mit demguten Zug" des Durst» gefüöls, beim zweitenfängts an zu schmecken", manchem aber auch erst beim dritten oder Vierten, und dann ist der Schoppe nur noch, der mehr cder weniger häufige Ruhepunkt in dem lebhaften, mitunter reckt 'hitzigen Hinüber und Heiübrr. Natürlich geht's da meist zuerst über die schich­ten Zeiten im allgemeinen her, und dann kommt man ahne weiteres auf Öle hohe Politik. Wie viele Reichskanzler- und Außenminlster-Anwärlrr Tann man da entdecken! Leider sind es bis jetzt immer riechVeilchen, die im Verborgenen blühn". Wenn Herr Ebert auf der nächsten Mi» nistersuche mal so einen gemütlichen Dämmec- schvppe beimSchoppr-Schmidt besuchen wollte, dann könnte er wohl eine reich? Kollektion Don Rur-Eisolgs-Ministern im Handumdrehen zu­sammenbringen, und dann wären wir endlich über den Berg hinweg; denn dies: Politiker ganz allein wissen, wie die Kiste richtig geschmis­sen wird. Man beschäftigt sich dort aber auch mit Kleinerem. Da kriegen abwechselnd Hlrich und Brentano und Henrich und Kindt und Kaul und Dingeldey ihr Fett. Denen muß das rechte Ohr manchmal höllisch unangenehm Hingen, und sie mögen sich nur bemühen, es bis zur Land- tagswayl nun endlichrichtig" zu machen, sonst treten womöglich die Kämpen vom Schlummer­trunk ihc Erbe an. Schließliche geht den guten Leutchen aber doch derSeifensieder" auf, daß ihnen noch näher als Rock und Weste das Hemd auf dem Leibe ist, und in dieser GrkrnntnrS lenlen sich dann die kritischen Augen d;n Ge­schehnissen in der Stadt zu. Wer da nicht ganz taöenrein" ist, z. B so ein Stadtverordneter von der steuerbeschließenden Mehrheit der tut am besten, wenn er schleunigst feine Schoppen bezahlt und Reißaus nimmt. Verpaßt er den richtigen: Zeitpunkt, dann wird er unbarmherzig auf den

Teppich üeS Redc-Ringkampfs gelogen, und dann hat ec in der Regel nichts zu lachen. Dem ist diese Steuer zu hoch, dem jene; einem andern sind die meisten Steuern wieder zu niedrig, nuv diejenige nicht, die er selber befählen muß; der väfonniert kräftig über die hohe Hunde­steuer, jener meint, für diesenixnutzigen Sche­renschleifer" von Hunden müßte noch viel mehr berappt werden. Unb der Pechvogel von Stadt­vater muß nun wie auf heißen Kohlen dabei- sitzen und so viel besseres Wissen über sich ergehen lassen, daß er sich am Ende alÄ ein ganz Danebengeratener vorkommt, denn er ge­hört doch zuder Gesellschaft, die biefari Kram gemacht hat, ohne die Sachverständigen vorher zu fragen wobei so ein guter Kri­tikus gelegentlich auch mal selbstbewußt an feine Brust schlägt. Wenn aber gar zwei Stadtver­ordnete von ein und derselben Fraktion wegen ihrer entgegengesetzten Meinung über die Hunde­steuer aneinander geraten, dann na man schweigt da besser! Schade, daß das Stadtparla­ment nicht no<6i etliche Dutzend Sitze mehr hat, da könnten doch alle die Leute untergebcacht werden, die denen da obenden Star stechen würden! Zum Schluß des Abends wird bann noch dasHnpolitiiche" der Stadt unb Dec Welt durchgesehen, die erhitzten Gemüter, die manch­mal zu stimmlichen Explosionen geführt haben, daß man glauben könnte, ein Rechtsanwalt be­käme Arbeit zum Verdienen seines Schoppe» geldeS, während das ganze hahnebüchene Ge­schrei im Grunde gar nicht bös gemeint war. diese Gemüter geben in der Temperatur nach und allmählich läuft der überschäumende Fluß der Redrkourage in sein stilles, schmales AlltagS- bett zurück. Wenn dieser Moment einmtt, bann ist die anstehende Deratungs°Tagesord- nung erschöpft, das Schönste, daß man sich auch mal In aller Gemütlichkeit ordentlich auSkreischen kann, ist vorbei, nun wirds langweilig und man pendelt oder stolpert heimwärts mit dem bej manchem recht bangen, sjxinnungsvollen Gedanken, was nun wohl der Vorsitzende Minister da­heim, diebessere Hälft:", zu sagen haben wird. Doch deren Randbemerkungen erfolgen unter Ausschluß der Öffentlichkeit, und der Zaun­gast kann darüber von anderen nichts au8» plaudern. Aus persönlicher Erfahrung kann er nur verraten, daß er nach einem länglichen ge­mütlichen Schlummertrunk mit sttllem Zubettz- gehen am andern Morgen auf seinen frohge­muten Guten Morgen-Gruß von seiner Ehehälfte nur ein in kürzestem Sprechtempo gehaltenes Morchen" zu hören bekam und sonst keines Blickes gewürdigt wurde, oder daß es ihm nach einem gelegentlich auch mal etwas länglich aus­gefallenen Dämmerschoppen ebenso erging unb er sein mit eisigem Schwelgen hingestelltes Abenb- mähl ganz solo verzehren mußte. Hnheimliches Wetterleuchten, aber immer noch> bester als ein richtiggehendes Gardinenpredigt-Gewitter! Ob's wohl andern Schoppe-Gängem auch so ergeht?

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Die Reichswehr-Wollwoche in Gießen.

Am nächsten Montag wirb auch in unserer Stadt, wie schon an vielen anderen Plätzen deS Reiches, eine Reichswehr-Wvllwoche be­ginnen. Tas Ziel der Veranstaltung ist bekannt­lich, alte Kleidungsstücke, Schube, Wäsche, auch Kinder- und Säuglingswäsche, die für ihre Eigen­tümer nicht mehr verwendet werden, aus den Kisten und Kasten der Rumpelkammer h.n?auSsu- holen und sie auf dem Wege über daS städ­tische Wohlfahrtsamt zur Hllfeleistung für unsere hilfsbedürftigen Mitbürger im kom­menden Winter herzurichten. Fahrzeuge der Reichswehr, begleitet von freiwilligen Helfern, werden von Montag ab die Stadt durchfahren - und die Gaben an den Wohnungen entgegen­nehmen. Die Wagen der Reichswehr und die freiwilligen Helfer treflen sich an jedem Sammel­tag vormittags %9 Hhr auf dem LudwigSpkrtz und rücken von da unter Musikbegleitung ge­schlossen nach ihren Bezirken.

Wer abgelegte Kleidungsstücke nicht besitzt unb sich also auf diese Weise an dem HllfsweÄ nicht beteiligen kann, bem wird Gelegenheit ge­boten, am morgigen Sonntag Bei einem Blu­me n tag, den die hiesigen Frauen vereine zur Beschaffung von Säuglingswäsche veranstalten, seine Gabe zum allgemeinen Besten beizusteuern. Junge Mädchen werden alS BlumenverkäuserinW nen auf den Straßen tätig fein und auch in den Wohnungen vorjprechen, um dergestalt bad Sam­mele rgebniS möglichst umfangreich zu machen. Hoffentlich finben sie überall recht bereitwillige Käufer, die sich auch vor einem tiefen Griff in den Geldbeutel nicht scheuen.

AlS drittes Glied in der Kette dieser sozialen Veranstaltung wird unsere Reichswehrka­pelle auf den Plan treten. Sie wird am Mon­tag, Dienstag und Mittwoch, jedeSrnal um 6 Hhr nachmittags beginnend, Anlagenkonzerts geben, um auf diese Weise die Bürgerschaft an le Reichsmehc-Wollwoche zu erinnern. Dec Platz der Konzerte wird wechseln; am Montag wirb in der Südanlage, am Dienstag am Llebigdenk- mal und am Mittwoch in der Rvrdanlage gespielt. DaS Programm des Montags-KonzertS veröffent­lichen wir heute an anderer Stelle des DlatteS.

Es ist dankbar zu begrüßen, daß unsere Gar­nison und die Frauenvereine sich in den Dienst dieses Werkes der hilfsbereiten Rächstenliehr stellen. Hoffentlich wird ihnen allenthalben in der Bürgerschaft kräftige Förderung ihrer Tä­tigkeit in Gestalt von umfangrelchenSpen« den zuteil.

* t

Borrwttzen.

Tageskalender für SamStag. Elsaß-Lothringer: Hotel Köhler: MonatsversamM» hing. Artillerie-Verein: Monatsversammlung. Reichsbund der Zivildienstberechtigten: 8.30 Hhr, Stadt Lich: Monatsversammlung. Säch­sisch-Thüringische LandSmannschast, Pfälzer Hof: Monatsversammlung. Radklub Germania: Dau- Sommerfest. Rundfunkhaus, Löberstrahe, 8.30 Hhr: Kammermusik. Lichtspielhaus undAstorla» Lichtspiele:Der Rummelplatz des Leben". Palast-Achtspiele:Sonnabend Rächt".

Tageskalender für Sonntag. Gießener Frauenverein: Dlumentag zum Besten des Kleinklnder-Wäschedepots. Gemelndever» Versammlung der Lukasgomeinde: 4 Hhc Philo­sophenwald. Kunstwitsenschaftl. Institut: 111 Hhc Radierkunstausftellung. Radclub Germa­nia: Eornmerfest: IV2 älhr Festzug; 4 Hhr Kunst­fahren auf dem Festplatz. Liiytlpielhäuser: siehe Samstag. -

Im Kunstwisse nsch. 3nftttut bet Hni.versität, Dlsmarckstr. 22, wird am Sonn­tag von 11 bis 1 Hhr, am Dienstag und Freitäa von 5 bis 7 Hhr die AusstellungRadierkunst