Ausgabe 
3.10.1924
 
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«r. 215 dwenes glatt Gtetzener Anzeiger (Heneral-Anzetger für V-erheffen)Zreltag, 3. Oktober 1924

einem 'Präventivkrieg

Deutschen

Turnen, Sport und Spiel.

Der Turnbetrieb im Winter.

Die Lage werden kürzer und kürzer, und mit dem frühen Sonnenuntergang schwindet auch die Möglichkeit, den Körper im Freien zu tummeln, immer mehr. Die Anforderungen des Berufes zwingen die Mehrzahl der Angehörigen aller Stände, tagsüber in staubiger und verbrauchter BurMulluft, oder in mit Dunst and Qualm er­füllten Maschinen-, Fabrik- und sonstigen Ar- breitsräumen den Tag zu verbringen, ohne baß Turnen, Spiel und Sport nach Feierabend ihnen einen Ausgleich bieten.

Da wird dann der Zug zu den Turnhallen wieder stärker. Sie sind die Hebungsstätten, in denen dem erschlafften Körper nach des Tages Last und Mich auch in der kälten Jahreszeit Kraft und Gewandtheit, Rervenfrifche und Spannkraft vermittelt werden kann.

Die deutschen Turnvereine treiben schon seit langem als Grundlage ihres Vereinsbetriebes das Hallent um en, dessen Vielseitigkeit und systema­tischer Aufbau jedem etwas zu bieten vermag, ohne baß er befürchten muh, dah er infolge man­gelnden Könnens oder mangelnder körperlicher Veranlagung allzusehr im Rückstände bleibt. Denn Turnen ist nicht Gipfeltrunen, sondern ein Dolks- erziehungsmittel, das für jeden zwcck-

Brief abzugeben und Jedem gegenüber, wer immer es auch fei, unverbrüchliches Stillschweigen zu beobachten. Solches geschah. Philipp konnte den Mund halten. Als er nach drei Stunden, sehnlichst erwartet, zurücKehrte, fragte ihn sein Herr, was der Herr Pfarrer gesagt habe. Philipp berichtete, jener habe den Brief erbrochen, ge­lesen, habe gelacht und ihm einen preuhischen

mäßige und seiner LeistungSf ähigkeit angepahte HebungSformen umfaßt, die ferner Bergung und feiner Veranlagung entsprechen. 'Der in einen Verein der Deutschen Tumerschaft eintritt, die mit fast l3/4 Millionen Mitgliedern der größte und gleichzeitig der älteste und vielseitigste deutsche Verbind für Leibesübungen ist, wird überall gute Aufnahme finden.

Welche Hebungen werden im Turnbetrieb eines deutschen Turnvereins vornehmlich gepflegt? Ein Turnabend wickelt sich etwa folgendermaßen ab. Zunächst ein Kürturnen, bei dem sich jeder nach Belieben tummeln kann und bei dem er versucht, Lücken in seinem Können auszufüllen, und neues hinzuzulernen. Dann folgt Gesang eines Tumerliedes, allgemeine, der Kräftigung des Körpers dienende Frei-, Hantel- oder Stab­üburgen, sodann ein geregelte Riegen turnen unter Leitung von Vorturnern an den Haupt­geräten des deutschen Turnens, Reck, Barren, Pferd, Schaukelringen, Dock und an Sprang- geraten. Bei diesem Riegenturnen wird dem Können des einzelnen im weitesten Maße Rech­nung getragen und planmäßig durch Hebergang von leichteren zu schweren Hebungen arch der Hr.geschickteste allmählich geschickt und stark ge­macht.

Damit ist der Aufgabenkreis eines Tum- betriebs aber noch nicht umriffen. Edle Gesellig­keit, Wanderungen an den Sonntagen, Pflege des Turnspieles und Sportspiels, Waldlä ife werden den Winter hindurch nicht unterlassen Auch der Wettkämpfer und der, der es werden will, hat im Winter im reichlichen Maße Ge­legenheit, fein Können zu vervollkommnen durch systematische Ausbildung seines Körpers und durch Pflege von vorbereitenden und ergänzende,n Hebungen, die ihm eine Grundlage zur Verbesse­rung in der nächsten Sommerwettkampfzeit geben. Größere Vereine pflegen .auch das Fechten, Schwimmen und Ringen.

So bietet das Turnen in seinen vielseitigen Formen jedem die Möglichkeit, sich körperlich zu ertüchtigen und frisch zu erhalten. Möchten recht viele von den Segnungen eines neuzeitlichen ge­ordneten Turnens Gebrauch machen! Die sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen liegen klar zutage.

Und das gilt nicht nur von der Betätigung des Mannes, sondern auch von der des weiblichen Geschlechts, an das heutzutage hohe berufliche Anforderungen tm Kampf um das Dasein ge­stellt werden. Auch die Frau muß, Leibesübungen treiben, heute mehr denn je, will sie nicht all­zusehr hinter den Leistungen des Mannes zurück- stehen. Selbstverständlich sind die Hebungen der Frauen in den Turnvereinen auf neuzeitlicher Grundlage aufgebaut. Sie nehmen Rücksicht auf die besonderen körperlichen und seelischen Eigen­heiten des weiblichen Geschlechts. Endlich sei auch, nicht außer acht gelassen, baß ebenso wie der Mann in der Vollkraft seiner Jahre auch der ältere Herr seiner Körperverfassung entsprechend in besonderen Abteilungen oder Riegen sich be­tätigen Barni. Für die schulentlassene Jugend, die heute mehr denn je den Einflüssen der Straße entzogen werden muß, die Schüler und Schüle­rinnen, stehen ebenfalls in allen größeren Ver­einen besondere Abteilungen zur Verfügung, so daß man mit Recht behaupten kann, daß jeder Angehörige beider Geschlechter in allen Alters­stufen im reichsten Maße Gelegenheit findet, sich cruch m der Winterszeit in den Turnvereinen zu betätigen und sich Lebenswerte zu gewinnen. Mögen die Turnvereine, die fernab von jeder politischen Parteizugchörigkett Nur dem Volks­tänzen bienen wollen, von allen Seiten Zustrom erhalten, damit die hohen volkserzieherischen Werte, die sie vermitteln, Allgemeingut des deut­schen Volles werdens

* Darmstadt, 2. Oft. Ein Schreib­gehilfe aus Ridda, der ohne Beamten ei gen- schäft auf einer Bürgermeisterei im Odenwald be­schäftigt war, hatte Erwerbslvsengelder unterschlagen und Hrkunbenfälschun« gen begangen. Er stammt aus achtbarer Familie und war nicht in Rot. Das Gericht sah sein Ge­ständnis als mildernden llmstand an und verur­teilte ihn zu drei Monaten Gefängnis, abzüglich zwei Monate der Hntersuchu ngshast.

Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Pre­digt. Endlich ertönte dasAmen" wie ein Paukenschlag in der hohen Kirchen halle. Da warf unserKirchenrätche" feinen Mantel ab, hotte rasch das Barett aus der Tasche, sprang hurtig zum Attar hin und hielt, anscheinend zur größten Hebervaschung des Pfarrers und gewiß zu der aller anderen Gläubigen, eine Schluß­ansprache, in der er die treffliche Predigt seines Amtsbruders über alle Maßen lobte und der Gemeinde zu solch' wackeren Pfarrherrn gratu­lierte. Den Segen spendete der Herr Kttchenrat selbst. Hiernach trat er zum Kirchenvorstande hin, riet ihm, das zu Herzen zu nehmen, was der Herr Pfarrer gesagt habe und fand aus guten Gründen nirgends eine Widerrede. Tief bewegt danfte ihm der Herr Pfarrer.

Es war am folgenden Tage gegen sechs Hhr abends. Justus Müller erwartete am Fenster den Freund, der sich bald darauf auch einstellte.

Ro wie war's, Kirchenrat," fragte Justus. Justus," erwiderte dieser,solch' eine Predigt wie in T. hab' ich all' mein Lebtag noch nicht gehört Besser wie der kann's keiner Wenn die Bauern ja geschrieben hätten, ihr Pfarrer tränt' zu viel über den Durst, ja, dann wär's eine andere Sach' wo sie aber nach oben geschrieben haben, cr fei ein schle er Prediger, da haben die Kerle gelogen wie noch nie. Also blieb der Pfarrer nach desKirchenrätches" höchst lebendem Be­richt auf seiner Stelle bis an rein seliges Ende. Durch Gottes und Justus Müllers Hilf.-.

Gerichtssaal.

* Limburg, 30. Sept. Der unglückliche Schuß, durch welchen tm Januar b. Js. ein jun­ger Mensch namens Valentin aus Glei­berg um das Leben gekommen ist, fand vor dem biefigen Schwurgericht heute seine Ab- urteHung. (DerGießener Anzeiger" hat sei­nerzeit m mehreren MitteÄurngen über das Er­

Die Anslsrabung der großen Maya-Stadt.

Die gewaltige Stad* der alten Maya, die der englische Forschungsreisende Mitchell Hed­ges vor kurzem im Hrwald von Britisch- Honduras entdeckte, soll jetzt auf einer neuen Expedition, die der Reifende mit feinen beiden bisherigen Begleitern, Lady Richmond Brown und dem Archäologen Dr ®ann unternimmt, ausgegraben werden. Die Reisenden verlassen England im Oktober und unternehmen damit die flebente Forschungsreise nach Britisch-Honduras. Von der letzten Reise haben sie die größte ethnologische Sammlung mitgebracht, die jemals dem Britischen Museum geschenkt wurde. Die Gefahren, die die kühnen Ausgräber im Hrwald erwarten, sind außerordentlich groß; sie werden von ihrem Ausgangspuntt gegen 200 Kilometer südlich zurüchulegen haben, von denen gegen 80 Kilometer durch den dichtesten Hrwald führen. Die Hitze ist so unerttäglich, daß Europäer es höchstens sieben Tage an der Stätte der Aus­grabungen aashalten, sie weiden daher häufig nach der Küste zurücklehren müssen. Aeußerst gefährlich find auch die vielen Infekten, deren giftige Stiche das Leben bedrohen. Trotzdem werden die Forschungsreisenden die Ausgrabung der gewaltigen Ruinen unternehmen, die jetzt Lubaantum, b. h. Ort der fallender Steine ge­nannt werden. Man holft. auf dies- Weise nicht nur die früheste Geschichte Südamerikas aufzu­klären, sondern neues Licht über d e ganze Ent­wicklung der Weltkulturen zu verbreiten.

eignis berichtet.) Der Jagdausieher Aieber- gall von Gleiberg hatte beobachtet, baß drei junge Leute in dem ihm ändert rauten Jagd­revier auf Hasen wilderten, wenigstens hatte cr Grund anzunehmen, daß dies geschehe, zumal da­mals bei bcrti hohen Schnee außerordentlich stark gewildert wurde Als er sich auf die jungen Leute zu bewegte, kam er zu Fall, stolperte noch einige Schritte vorwärts, und hierbei soll nach feiner Angabe der Kugellauf seiner Düchsflintt zum Abschuß gekommen fein. In einer Entfer­nung von etwa 250 Meter traf die Kugel den jungen Valentin von Gleiberg, so zwar, daß cr schwel' verletzt noch nach Hause gebracht wer­den konnte, dort aber alsbald verstarb. Die Be­gleiter bes Getöteten, Valentin und Hof­mann, als Zeugen vernommen, behaupteten, baß Riebergall nicht im Fallen, sondern, wie sie deutlich gesehen hätten, erst später hinter einem Baurn stehend, den Schuß abgegeben habe. In der Verhandlung vor bem Schwurgericht fand eine umfangreiche BeweisauMahme, nament­lich auch in her Richtung statt, baß die Wilderet in jener Gegend gefährliche Formen angenommen hatte, ferner, baß Riebergall von allen Setten als ein ruhiger, besonnener unb gewissenhafter Mann geschildert wurde unb endlich über die Frage, ob er mit Rücksicht auf die große Ent­fernung, den hohen Schnee unb bas zum Teil mit Bäumen unb Gesträuch ben ichscne Gelände imstande gewesen wäre, einen sicheren, gezielten Schuß abäugeben. Heber diese Frage wurde auch ein sachverständiges Gutachten erhoben. Die von Justizrat Di Grünewald aus Gießen ge­führte Verteidigung machte gegenüber einer ab­sichtlichen Handlungsweise des Angcllagten gel­tend, daß cm beabsichtigter Treffer mit Rück­sicht auf die Art des Gewehres und die große Entfernung nicht möglich gewesen unb baß auch ein vorsätzliches Handeln dem Angcllagten nicht zuzutrauen sei. Die Staatsanwaltschaft beantragte wegen fahrlässiger Tötung eine er­hebliche Freiheitsstrafe, wogegen die Vertei­digung einwandte, baß die Frage, ob der An­geklagte im Fallen ober hinter dem Daum Baum stehend geschossen habe, durch bas Zeug­nis der beiden Begleiter des Getöteten nicht ge­nügend geklärt werden könne, namentlich oes- halb, weil die beiden, im Laufen befindlich, also mit bem Rücken gegen den Standort des Täters gewesen seien unb auch durch etwaiges Hmbrehen des Kopfes unmöglich mit Sicherheit hätten beobachten können, wie derselbe sich an seinem Standort verhalten und bewegt habe. Das Gericht sprach nach sehr langer Be­ratung den Angeklagten kostenlos frei und ftihrte au£, baß ein absichtliches Tun nicht in Frage komme unb daß auch der Hmftanb, baß Riebergall sein Gewehr gespannt getragen habe, ihm nicht zur Last falle, well der Jagd» schuhbeamte in einem von Wilderern bedrohten Revier immer schußfertig sein müsse. Die Frage, von wo aus der Schuß gefallen fei, könne durch das Zeugnis der beiden jungen Leute nicht auß> geklärt werben, bie Behauptung des Angeklagten, baß fein Gewehr durch Zufall, als er in bem hohen Schnee hinftel, sich entloben habe, er­scheine nicht widerlegt. Dem Angeklagten werde zudem von allen Seiten das beste Zeugnis aus­gestellt.

Der Verhandlung wohnte eine große An­zahl von Personen aus hiesiger, wie auch aus der Limburger Gegend bei.

schrieb:Es ist sehr schwer, sich des Wun- iches nach einem zweiten deutsch- französischen Krieg zu enthalten, da­mit dieier unaufhörlichen Plage ein Ende gemacht wirb." Es ift wahr, hier steht nichts von dem schieren könne. 2Ib?r hier Ist der 'Wunsch nach Gedanken, baß Deusichlanb durch Belgien mar-

Wirtschaft.

Konkurse in den ersten neu n Mo« naten 192 4. Rachdern die Ziffer der Kon- fluröeroffnungen nach dem Rückgang im Vormo­nat im September wieder etwas angestiegen Ist (von 792 auf 809), stellt sich nunmehr die Go- samtzisfer der neu eröffneten Konkurse in den ersten neun Monaten ds Js. auf nicht weniger als 3952 (gegen 212 i. V.).

Die Verzinsung der Roggenren» tenbriefe. Utt die am 1. Oktober fälligen halbjährlichen Zinsen der Roggenrentenbriefe der Rüggenrentenbank 21 -G., 12. und 13. Reihe, ist der Mittelpreis des Roggens in Deriln am 30. September 1924 maßgeblich, trenn, der sonst sat­zungsmäßig geltende Durchschnittspreis für mär*

AmsterdamDtederländisch-Indien im Flugzeug.

Amsterdam, 1. Oft. (WTB.) Heule früh startete der holländische Flieger van derHoop auf einem Foller-Eindecker mit zwei Beglei­tern zum Fttrge nach Batavia. Die Reise­route geht von Amsterdam nach Prag, Bel­grad, Konstantinopel, Angora, Aleppo, 'Bagdad, Kalkutta, Bangkok und Batavia. Die Strecke be­trägt über 15 000 Kilometer. Zahlreiche Ver­treter der Ministerien und anderer Behörden wohnten dem gut verlaufenen Start bet

Taler gegeben.

Das Glöcklein zu T. lautete am anderen Morgen, wie es den Kirchengängern bäuchte, lauter und freudiger als sonst in die Lande. Der Kttchenvorsland, der mit einem Heberfall ihres Pfarrers schon feit mehreren Sonntagen rechnete, faß vollzählig in seinen Kirchenstühlen unb der Herr Pfarrer betrat vor bem letzten Läuten bie Sakristei. Da kam unserKirchenrätche" am Orts­eingang angefahren. Heber dem Chorrock trug er einen langen (Mantel, seinen Zylinberhut hielt er in ber £anb unb gelangte so unerkannt in die Kirche, in ber er auf der letzten leeren Dank mfah iui^m. Die Gemeinde fang das Eingangs­lied, kräftig sang er mit Mit mächtigen Worten verlas der Pfarrer den Svnntagstext. um bald darauf eine Predigt daranzu knüpf en, bie ihres­gleichen suchte. Denn er war ein kluger Mann und was er sagte, hatte Hände unb Füße. Dei- naße hätte basKirchenrätche" in ber letzten Dank Mund unb Rase aufgesperrt Der Kirchen- vorsland sah sich verlegen an. unb es war feiner unter ihnen, der nicht geschickt in den Text ein- geflochten, seinenDappen" abbekam Das Kirchenrätche" erkannte bie versteckten Anspielun­gen bie ber Pastor loci so trefflich imt Gottes

Die Kirchenvifitation.

Kttchenrat Engel, ein Liebling Alt-Gießens allgemein bas Kirchenrätche genannt, Pflegte täglich fein Schöppchen Wein bei fernem alten Sreunbc Justus Müller im Einhorn zu sich zu nehmen, einstmals Gießens bestem Gasthaus an Kirchen- und Lindcnplah gelegen, samstags je­doch, nach den Anstrengungen die die Anfertigung ber Sonntagsprebigt verursachte, trank der Herr Kirchenrat stets von 6-8 Hhr be6 zwei Gläschen Run geschah es emrs solchen Samstags abends, baß ber Herr Kirchenrat be­reits um sieben Hhr den Heimweg antrat und auch nur ein Glas Wem getrunken hatte. So fragte ihn denn Freund Justus was denn er kannte die Regelmäßigkeit des Lebenswwibels seines Freundes. DasKttchenratcye 8U nächst ber Frage aus: Justus ließ feboch locker und schließlich Dcrtvaute ihm dann jener alö tiefstes Geheimnis an, baß er bes andern ^ag^ auf Anordnung des hohen Oberfonfiftormmg nach T. fahren müsse, um den dvrtigen Pfarrer m seiner Predigt abzuhören, denn beffen ^uct" hätten sich über bie schlechten Sonntagspredigten ihres Gemeinbehirten beschwert Run toar die er ein sehr .trinkbarer Herr", ebenfalls em tfrcunb imfercä Justus Müller, bei bem er 'ttts einkehrte sooft er nach Gießen kam. Dem durfte nichts toiberfabren! Kaum hatte unserEngelchen die Pforten des Einhorns verlassen. vergaß Justus Müller alle seine soeben bem geistlichen Freunde gegebenen Versprechungen unb befaßt dem alten getreuen Einhormkutscher PH llttp, unvel^uglich und so rasch als möglich nach X. zu fahren,

Die Belgische Aage und da; deutsche Schuldbekenntnis.

Don Dr. Karl Mehrmann, Koblenz.

Wenn die Deutschlanbunfteunblichgrsinnrcn Auslandposititer unb Historiker die Kriegsschuld frage behandeln, glauben sie stets die beste Be- ftätigung dec Schuld Deutschlands in der Ver­letzung ber belgischen Rcuttalität and dem Aus­spruch Dethmanns von demFetzen Papier" zu finden.

Es lohnt sich daher, beide Behauptungen eingehend richtigzustellen. Daß die deutschen Armeen in Belgien eingerückt sind und der deutsche Reichskanzler den belgischen Reutralitätsvertrag einenFetzen Papier" genannt hat, ist Tatsache 2Tbcr wie bei allen Tatsachen, kommt es für die ^Beurteilung auf bie näheren Hmstänbe an.

Dieser AusdruckFetzen Papier", mit bem die Ententepropaganba jahrelang hausieren ging, wurde in einem Augenblick höchster seelischer Zerrissenheit, als ferne Politik der Freund­schaft mit England unter ber britischen Kriegserklärung zusammen brach gebraucht,

©crabe ihm, bemphilosophilchm Kanzler", dessen ganzes Wesen Gewissenhaftigkeit wai, dessen Politik in allen Zeiten seiner Regierung von einem Ethos getragen war, bas manchem bis zu an staatsmännischer Pebanterie zu gehen schien, gerade ihm lag jeglicher Zynismus fern. Am selben 4. August, an dem ihm der belgische Reutralitätsvertrag als ein Fetzen Papier" er­schienen fein soll, hatte er aus tiefster Gewissens­not heraus den Belgiern bie Versicherung ge­geben. baß Deutschland zu jedem Schadenersatz bereit sei. Es ist bezeichnend, baß demjenigen, ber den belgischen Reutralitätsvertrag zerrissen« haben soll, gerade aus ber ©eg en feite ein unverdächtiger Zeuge erstanden ist. InLa ©uerre be 1914" von G. Dernarti al (Paris 1924) ist auf Seite 40 zu lesen:Riemand wußte beffer als bie deutsche Regierung, baß, wenn England an dem Krieg gegen Deutschland Anteil nahm, dies aus Erwägungen geschah, die mit dem "ISertrag von 1839 (dem Vertrag zum Schutze ber belgischen Reuttalität) nichts z u tun hatten. Den besten Beweis dafür hatte sie soeben erhalten. Deutschland hatte am 1. August gugefagl, die belgische Reutvalität zu achten, Wenn England dagegen die sein ige verspräche (Livre dipl. anglais Ao. 123). In seiner Rede am 3. Anglist hatte Sir Edward Grey vor dem Unterbaute die englisch-französische Militärsom- ventivn bekanntgegeben unb war zu dem Schluß gekommen, baß England als kriegführende Macht ftnrm mehr durch Krieg zu leiden haben würde, denn als neutrale. Deshalb rief der deutsche Kanzler bem englischen Botschafter, als diesen ihm am folgenden Tage bie Mitteilung machte, England sähe sich zu seinem großen Bedauern auf Grund des Vertrages von 1839 zur Teilnahme am Kriege gezwungen, entrüstet zu:Was? Sie wollen uns emreben, biefer Papierfehen sei bet Grund, um beffenttoilfen Hie uns dem Krieg erklären!" Gr gab damit nicht seiner Ver­achtung gegen den Vertrag von 1839, sondern) gegen den Detr u g Ausdruck, den bie eng­lisch: Regierung verübte, wenn sie mit diesem Vertrag ihren Eintritt in den Krieg begründete."

Braucht eS noch mehr Worte, um Bethmann- Hollweg von der Beschuldigung ber zynischen Vertragsverletzung zu entlasten? Aber derselbe Verteidiger deS Kanzlers fährt fort:In seinen Erinnerungen (Diaries) sagt ber frühere Diplomat Sir Stäben Blunt, ber während seines Lebens in Verbindung mit den höchsten Persönlichkeiten! Englands gestanden hat. über den Vertrag zum Schuh ber belgischen Reutvalität, seine Gebrech- lichte'it habe schon 1870 in den Ministerien (Eu­ropas) zu Scherzen Anlaß gegeben. Bernhard Shaw nennt tn feiner BroschürePeace 'Confe­rence Hints" bie Behauptung der englischen Re­gierung, sie sei zur Verteidigung dieses Vertrages in den Krieg getreten, ein Ammenmärchen. Er lagt, bie belgische Reütralität konnte nicht verletzt werden, weil man nur das verletzten kann, was es wirklich gibt."

Hnb in der Tat: In der englischen Phan­tasie, in ber bes Staatsmannes wie bes Publl- zisten, bestand die belgische Reuttalität s eit Jahren schon nicht mehr. Wer Genaueres dar­über erfahren will, leseBismarcks auswärtige Polttik nach ber Reichsgründung" von Hans Plehn, ber lange genug in London gelebt hat, um bie britische Seele genau zu kennen. Plehn schreibt in seinem Buche auf Seite 270 >a. ff.: Das Verhältnis zwischen England unb Frankreich hatte sich durch endlose Konflikte auf allen Kolonial- gebieten unb besonders Aegyptens wegen so ver­schlechtert, baß Lorb Salisbury, ber eng­lische Außenminister, in einem Brief an ben eng­lischen Botschafter in Pans vom 5. Februar 188c

dem dortigen Pfarrer einen wohlversiegelten Wort zu verknüpfen wußte, und voller Hngeduld * * " r: erwartete er das Ende dieser treff ließen, von

Reiches gegen Frankreich ber Vater des Ge° dariknö an das deutsche Recht zu einem Durch- uch durch Belgien, eines Gedankens, 'den dann die Salisbury nahestehende Presse sich nicht scheute, geradezu auÄzusprechen. Am 4. F.bruar nämlich also einen Tag vor fenem Briefe Sails- öuichs, hatte in dessen "Organ, dem "Standard, Dlplomattcus" (Stt Staff ort Rorlhcote) aus- gesührt,baß, so sehr England einen Einfall in Belgien beklagen müßte, es sich in diesem Fall doch nicht auf die Seite Frankreichs gegen Deutschland stellen könnte, ohne das Hauptziel feiner Politik in der ganzen Welt zu unter­graben. Außerdem sei es ein Hntcrschieb, ob es sich um eine rechtswidrige Besitzergreifung von Qanbgebiet handle ober um ein vorüber­gehendes D u rchz ugsr echt; England würbe sicher von Bismarck eine vollständig ausreichende Garantie erhallen, baß am Ende des Krieges das Gebiet von Belgien ebenso unverletzt sein würbe wie vorher." (Auch Dethmann-Holl- weg hatte am 4. August 1914 biefe Versicherung gegeben.) Am selben 4. Februar 1887 schrieb -^all Mall Gazette", das führende Organ ber liberalen Opposition, daß es eine englische Garantie für die belgische Reuttalität überhaupt nicht gebe, sondern nur eine ©efam'tgaran tie Englands, Oesterreichs, Frankreichs, RuUands, Deutschlands: auch sei sie nicht Belgien, sondern Holla nd gegenüber ausgesprochen worden. Am 5., aiTo am Sage darauf, schrieb dann derSpec- trttor": Wahrscheinlich werden wir daraus be­stehen, daß Belgien nicht ber Kriegsschauplatz wird, aber ben Durch marsch durch sein Gebiet werden und können wir nicht verhin­dern." Auch dieRattonal Review" schloß sich dieser Auffassung an, md Sir Charles Dilke zog aus dieser Presseerörterung ben Schluß, baß England bie Deutschen bei einem Durchmarsch durch Belgien gewähren lassen würde. Plehn dürfte nicht im Hnrecht fein, wenn er aus dieser Aussprache folgert, daß Lord Salisbury eine all­gemeine Anweisung (an bie Presse und) an biß englische Diplomatie habe ergehen lassen.

Das war Englands Standpunkt 1887. Wenn 27 Jahre später Sir Edward Grey den deut­schen Durchmarsch durch Belgien zum Anlaß ber britischen Kriegserklärung nahm, so hat sicherlich ber französische Beurteiler des deutschen Kanzlers recht, daß die englische Auf­fassung ber belgischen Reuttalität im Grunde 1914 noch dieselbe wie 1887 war, daß aber ber deutsche Einfall in Belgien ben bequemen Vorwand für einen Krieg bot, ber inzwischen tn Großbritannien nicht mehr wie $u Salisburys Zeit gegen Frankreich, sondern jetzt gegen Deutschland beliebt war. Hält man diese Auffassung fest, so ist der Schritt nicht weit zu bet Ansicht, bie Georg Branbes dieser Tage in Politiken" vertreten hat, baß bre englische Po­litik intt der belgischen Reuttalität eine FaNs gestellt Hat, in bie bie deutsche Regierung hineingegangen ift