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Blatt

V4- Jahrgang

Dienstag, 2. September 1924

GiehenerAmeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Dmrf und Verlag: vrühl'sche Univerfitäts-Buch- und Zteindruckerek B. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftraße 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jedeDerbindlichKeit. Preis für f mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich8, ausroärti 10 Goldpfennig; für Re­klame-Anzeigen d 70mm Breite 35 Goldpfennig, Platzvorschrift 20° Auf­schlag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: Dr. Friede. Wilh. Lange- für den übrigen Teil. Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

Sicherheitspakt oder Abrüstung?

Die Eröffnung der 5. Dölkerbundsversammlung. Fortsetzung der Londoner Konferenz in Genf.

den seit Jahren vertrauten Erscheinungen fehlen diesmal. Sv vor allem Lord Robert Cecil. Da­gegen lenkten der markante Charakterkopf Nan­sens, des Führers der norwegischen Delegation, ferner Graf A p p o n y mit seinem weihen Bart,

Wenn diese Zeilen in Druck gehen, werden .Macdonald, Herriot und T h e u n i s zur 5. großen Dölkerbundsversammlung in Genf ein- >getroffen sein. Die engere Entente ist also wieder in ihren führenden Häuptern versammelt. (Mus - folini fehlt, läht sich aber vertreten), und man kann nun wohl fragen: Wird hier in Genf die Probe auf das Exempel der Londoner Konferenz gemacht? Der Dölkerdundsrat, der schon am 29. August a nsammengetreten ist, wird neben der großen Versammlung den gcRrzen September hindurch tagen. Ebenso wird die fogen. Stän­dige Kommission weiterarbeiten. 3n diesen Zirkeln werden die Rollen geschrieben, die die Hauptakteure nachher vor der Oeffentlichkeit zu spielen haken.

Wie erinnerlich, wurde der Völkerbunds rat In seiner diesjährigen Iuiritagung mit dem An­trag der englischen Regierung beschäftigt, die­jenigen Bestimmungen des Vertrages von St. Germain, Trianon und Reuilly zu untersu­chen, die von der militärischen Kon­trolle über Oesterreich, Ungarn und Bulgarien handeln. Auch dem Uneingeweihten dürf e dalei sofort klar geworden sein, daß. mit dieser Unter­suchung das Problem der Uebernahme der militärischen KvntrvlleüberDeutsch- land durch den Völkerbund vorbereitet werden sollte. In der Debatte hat dies der französische Vertreter de Ivuvenel aui> ganz offen ausgesprochen. 3n seiner Verlegend it cab der Rat die Sache <rn die Ständige Kommission weiter. Diese solle die Methoden der militärischen Kontrolle durch den Völkerbund untersuchen. Das Problem wurde zum ersten Male im Jahre 1920 von Bourgeois angeschnitten, und zwar im Zusammenhang mit der Siche r he its frage, die seit dem Vorschlag Wilsons, Lloyd Georges und Clemenceaus vom 6. Mai 1919 über einen ,S i che r hei tsvertrag für Frankreich nach vielem Hin- und Herschwanken zu dem Plan eines Garantiepakts geführt hat. W'.e man sich ferner erinnern wird, haben England, die Vereinigten Staaten und eine Reihe ariderer Re­gierungen mit Einschluß Deutschlands das Ga- rantiepattprojekt abgelehnt. Man ging schließ­lich aus die Wurzel der ganzen En'wjck'ung zurück, und die Wurzel heißt: Abrüstung, Entwaffnung.

Damit ist ein Puntt erreicht, in dem die deutsche Diplomatie einsetzen könnte. Es kommt nur darauf an. daß die Abrüstung als Punkt chcr Tagesordnung bei der jetzigen Völkerbund­versammlung ehrlich aufrechterhalten wird. Der Versailler 'Vertrag erklärt die Entwaffnung Deiitschlarchs ausdrücklich als den Beginn der Ab­rüstung auch bei den Sieger st aaten. Wie bis vor kurzem gegen diesen Gedanken gesündigt wurde, das hat die Polittk Frankreichs unten Poincar4 ihr Einfluß auf die Rüstungen der Kleinen Entente und dx.s bisherige Scheitern aller Reparationslonferenzen gezeigt. Sobald irgendwo und irgendwann die Abrüstungsfrage auch nur angedcutet wurde, warf Frankreich die Trumpf­karte des Garantiepakts auf den Tisch, eines Pattes, der die Rüstungen nicht beschräntt, fondern sie durch militärische Bünd­nisse fördert und der Hegemonie, die Frank­reich seit dem Friedensrertrag in Europa aufge- i-ichtet hat eine von fast allen Militärstaalen des Erdballs verstärtte Kraft verleiht. Frankreich verlangte jene unerreichbare Sicherheit, die keine Ration für sich allein besitzt, eine Sicherhelt, die auf einseitigen militärischen Bündnissen be­ruht und niemals zur internationalen Ab° rüstung führen kann.

Dann kam der Unrschwung in den franzö­sischen Wahlen. Es kam Herr io 1 und Die Londoner Konferenz. Herriot legte in seiner ersten Regierungserklärung dar, Deutsch­lands Eintritt in den Völkerbund müsse davon abhängig gemacht werden, daß die Reparations­und die Sicherungsfrage gelöst sei. Die Repa- rattonsfrage ist in London ihrer Lösung ein gut Teil näher gebracht. Daß er die Sicherungsfrage für noch ungelöst hält, bekundete Herriot in London durch sein starres 'Festhalten an der R u h r b e s e h u n g noch für ein Jahr. Hier brach die Auseinandersetzung über die Sicher hei t s frage in London ab. Sie soll in Genf fortgesetzt werden. Es wird wieder ein ganz persönliches Ringen zwischen Macdonald und Herriot werden. Deutsch- land ist an dieser Fortsetzung des Londoner Strei­tet zunächst gar nicht beteiligt. Sein Fehlen im Völkerbund wird sich für die Entente aber bald sehr empfindlich bemerkbar machen. Um so gün­stiger sind die diplomatischen Aussichten: Volle Gleichberechtigung, ständiger Sih, Wider­ruf der Kriegsschuld, Rückgabe der K o l o - n ie n und des beschlagnahmten Eigentums, alle diese Forderungen wird die deutsche Regierung erheben können, und niemand wird in Genf wieder verächtlich lächeln oder die Achseln zucken. Denn die Zeit ist eine andere geworden.

Die Eröffnungssitzung.

Genf, 1. Sept. (Wolff.) Die Eröffnung der Dölkerbundslonferenz hatte in diesem Zähre einen unvergleichlich feierlicheren Eindruck und Charakter als in den Vorjahren. Sie umfaßt vorläufig fast nur 44 Abordnungen von 54 Mitgliedsstaaten, unter diesen jedoch zahlreiche frühere alte Staats­männer und nicht weniger als 16 amtsführende Ministerpräsidenten und Außenminrster. viele v»n

der silberweiße Kopf von Lord P a r m o o r, die drei Mttglieder der littauischen Delegatton, der ehemalige italienische Ministerpräsident Salan- d r a und die ehemaligen Außenminister S c i a - lojt und Schan zer die Aufmerksamkeit der Tribünenbesucher auf sich. Das Hauptinteresse wendefs^h allerdings der französischen De­legation zu, auf deren Bank neben dem greifen Leon Bourgeois der frühere Ministerpräsi­dent Aristide B r i a n d, der frühere Minister L o u ch e u r und der Delegierte PaulB o n c o u r t sahen. Die Außenminister der Kleinen Entente, darunter D e n e s ch, waren ebenfalls vollzählig erschienen. Auch das pitoressfe Moment ist in die­sem Jahre wieder vertreten durch die in bi- feben Delegierten und die abessinische Ab­ordnung. Auf den Tribünen bemerkte man be­kannte Journalisten und Schriftsteller aus allen ßänbern, u. a. den englischen Schriftsteller Wels und den französischen Romain Rolland.

Der Präsident des Dölkerbundsrats, der bel­gische Außenminister Hymans, eröffnete die Döl- ksrbunbsversammlung

mit einer Ansprache, in der er u. a. folgendes ausführte:Die h.utige VölkerbundSversammlung vertritt 54 Staaten; sie wird unter glücklichen Auspizien eröffnet. Dor zwei Tagen wurde in London in voller Freiheit Abkommen unterzeichnet, die das schwere und beängstigende Reparationsprvblem lösen sollen, das zwei Jahre lang auf der Versammlung lastete, ein Hinder­nis zur friedlichen 'Beruhigung der Geister zu sein schien und den Weg zur Wiederherstellung der politischen und wirtschaftlichen Harmonie ver­sperrte. Die Abkommen sind das Ergebnis langer und schwieriger Verhandlungen, die der aufrich­tige Wille beherrschte, zu praktischen und ge­rechten Lösungen zu kommen Ich spreche den Wunsch aus, daß die Abkommen sich in Tat­sachen umsehen und der Welt die Erleich­terung geben, die sie verlangt. Wir sehen in ihnen den Beginn einer neuen Epoche, die das eiserne Zeitalter, das grausame Z ei'alter der Plünderungen, Opfer und Leiden ablösen soll. Wir sehen in ihnen die Hoffnung einer Entspannung, die Morgenröte des Frie.es, den alle Völker ersehnen zur Tefriedigung ihrer mate­riellen Interessen und für die Ruhe ihrer Seele und für den Fortschritt der Kultur."

Anläßlich der Frage der A b r ü st u n g und des Garantiepaktes kam Hymans dann auf

die Sicherheitsfrage

zu sprechen. Er erinnerte an die grundsätzliche Einigung, die vor zwei Zähren zwischen de 3oa- venel und Lord Curzon in der Earanttepakts- frage erfolgt sei, wobei beide auf das Elend in den verwüsteten Gebieten und auf die Rotwendigkent gerechter Reparationen hinwiesen und dargelegt hätten, daß die materielle Abrüstung die mora­lische Abrüstung erfordere und diese nur in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens möglich sei.

Sie Konferenz von London, so fuhr Hymans wörtlich fort, hat die Repaartionsfrage gelöst, aber ein anderes Problem besteht weiter und quält die Staaten, die am meisten unter dem Kriege litten, und die sich am meisten im Falle eines künftigen Krieges bedroht fühlen. Das ist das Sicherheitsproblem. Europa will nicht mehr in Ungewißheit leben und man muh dem Frieden eine feste juristische und po­litische Struktur geben. Man muß ein ftä ndiges Reg i me der Sicher heil und des Friedens schaffen. Von allen Seiten richtet man daher heute die Blicke auf den Völ­kerbund und von ihm erwartet man eine Lösung."

3m übrigen Verlauf seiner Rede bezeichnete Hymans als die bedeutendste Schöpfung des Völ­kerbundes den ständigen internationalen Schiedsgerichtshof, ging auf die künftige Lösung verschiedener politischer Fragen wie die Iaworischina- und die Memel frage den wirtschaftlichen Wiederaufbau Oesterreichs und Ungarns ein, sowie auf die erfolgreiche Wncksam- feit der unter der Völkerbundsägide arbeitenden Kommissionen und Konferenzen, an denen auch Richtmitglieder des Völkerbundes, wie Deutsch­land, Amerika, Rußland und die Türkei teil- genommen haben, so daß der Aktionsradius des Völkerbundes sich immer weiter aus dehnte und der Geist der Solidarität sich immer stärker be­kundet habe.

Rachdem sich der außerordentlich starke Bei­fall, mit dem die Rede Hymans aufgenommen wurde, gelegt hatte, ging die Versammlung auf Vorschlag des sinnländischen Delegierten zur Wahl der Kommission zur Prüfung der Voll­machten über.

Am Rachmittag wählte die Völkerbundsver­sammlung nach der Entgegennahme des Berichtes der Mandatsprüfungskommission den Führer der schweizerischen Delegation,

Bundesrat Motta, zum Präsidenten der Dölker­bundsversammlung

mit 45 von 47 abgegebenen Stimmen. Während des Wahlattes hatten als Beisitzer die früheren Versaminlunasvräsidenten Torriente - Cuba

und Karnebeck -Holland auf dem Podium des Präsidenten Platz genommen. Motta sprach im Ramen der ganzen Schweiz seinen Dank für die Ehre aus, die dem Lande d"xch feine Wahl zuteil geworden fei.

Die Kommentare in den Kreisen der Dölker­bundsversammlung zu den Vorgängen am heuti­gen Eröffnungstag verweisen im besonderen auf die Stelle in der Rede Hymans, die der

der Sicherheit

gilt und den Völkerbund deutlich als das für die Lösung zuständige Organ bezeichnet. Man will der Tatsache eine bestimmte Bedeutung beimessen, daß der Präsident des Rates und der belgische Mini­ster des Aeuhern gleich bei Beginn der Versamm­lung die Frage in das vollste Licht rückten, die allgemein mit dem Eintreffen Herriots undMacdonaldsin Zusammenhang gebracht .wurde, und die wahrscheinlich die gesamten Debat­ten über den Garantiepütt beherrschen wild. Richt unbemerkt blieb es andererseits, daß der Schweizer Duichesrat M v 11 a in seiner Präsiden tena usprache das Problem der Abrüstung, von dem auch Hymans ausging, sogleich eng mit dem Problem des Schiedsverfahrens verknüpfte, indem er erklärte, daß von dem Grundsätze des obliga­torischen Schiedsverfahrens, das in London einen neuen Aufschwung erfahren habe, auch auf das engste die Frage der militärischen Abrüstung und das Schicksal eines Rechtsftiedcns abhänge.

Besonderes Interesse schentt man in den ver­schiedenen Kreisen auch dem von der in Gens wei­lenden amerikanischen Gruppe (General B l i ft, General Harbord, dem früheren Unter­staatssekretär im Kriegsmini stenum Keppel, Shotwell usw.) vor einigen Monaten dem Völker­bund überreichten Projekt eines Vertrages über die Abrüstung und Sicherheit, das dem Schieds­spruch des Internationalen ständigen Gerichtshofes entscheidende Defugniffe, so vor allem bei der Feststellung des angreifen ben Staa- t e s, dir in Garanttepaktprojett des Völkerbundes, der von den meisten Staaten abgelehnt wird, dem Völkerbundsrat überlassen wird. Rach einer Meldung derTribüne de Geneve" soll der ame­rikanische Plan sogar Gegenstand von Unterhand­lungen sein. die gegenwärtig Shotwell in Lyon mit dem französischen Ministerpräsidenten Her­riot auf Grund vorheriger telephonischer Füh­lungnahme führt und das Blatt will gleichzeitig wissen, dah auch Macdonald vor seiner An­kunft in Genf in Lyon mit Herri ot Zusam­mentreffen wird. In den Kreisen des Dölker- bundsekretariats ist jedoch von derartigen Plänen nichts bekannt.

In Kreisen, die über die Stellungnahme der französischen Delegation unterrichtet sind, wird erklärt, daß Herriot bei der Abrüstung und Eicherheitsfrage von den Grundlagen des Völlerbundsprv^ekts über den Garcmtiepakt trotz der Einwendungen zahlreicher Staates nicht abweichen wird. Frankreich wolle zwar gewissen Einwendungen durch Abäi d:run;en in den Einzelheiten Rechnung tragen, die schon in der französischen Antwort auf das Garantie­paktprojekt angegeben waren, wird aber unbedingt an dem Grundgedanken, der ten ganzen Pakt erfüllt und seine unerschütterliche Basis bildet, sich halten müssen, nämlich dem Grundsatz, daß der Abrüstung die Sicherheit, das heißt reale Garantien vvrauszu- gehen haben.

Da ergab sich naturgemäß, daß die Pläne über die Einberufung einer Abrüstungstonserenz auf geringe Sympathien stoßen, andererseits aber rechnet man gerade in diesen Kreisen damit, daß Macdonald, nachdem er das Garantie- Projekt, an dem Sir Robert Cecil so hervor­ragenden Anteil gehabt hat, abgeleh nt hat, jetzt in Genf eigene neue Vorschläge machen müsse. Man nimmt an. daß schon die ersten Reden der beiden Ministerpräsidenten, auch wenn sie sich in allgemeinen Formen halten sollten, in dieser Frage Klärung bringen dürsten. H e r- riot trifft, tote jetzt feststeht, Dienstag, 6x/2 Uhr abends im Automobil von Lyon kommend in Genf ein. Macdonald voraussichtlich am Mitt­woch früh. Beide Ministerpräsidenten werden aber am Mittwoch noch Nicht in die Debatte eingreifen, sondern erst in der Donnerstagssitzung die mit großer Spannung erwarteten politischen Reden halten.

Deutschland

und der Garantiepakt.

Mögliches Eingreifen der Reichsregierung in die Genfer Verhandlungen.

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 2. Sept. (Drahlmeldung.) Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, nimmt die Reichsregierung an den Verhandlungen des Vöckerk-rndes über die Sicherungsfrage und die <5 jage von Garantieverträgen ein lebhaftes Inter­esse. Man beabsichtigt, evtl, aus der bisher geübten Rese rve herauszutreten und eigene Vorschläge zu machen. Besonderes Interesse wird nach der Ansicht der Regierungs- kreise der Vorschlag Macdonalds in dieser Frage txrbienen, den er in Genf unterbreiten wird, von dem aber nähere Einzelheiten bisher nef/1 bekannt geworden sind. Aach Informationell

von unterrichteter Seite hat die englische Regie rung in ihren Plänen di e Absicht einet Internationalisierung deS Rhein- landes nunmehr völlig fallen ge­lassen und wird sich nut Verträgen allgemei­nerer Art und einer zeitweisen Kontrolle der deutschen Abrüstung durch den Völkerbund begnügen. Die Reichsregierung wird voraussichtlich, falls in dieser Frage, wie zu erwarten steht, an sie herangetreten wird, auf die Vorschläge zurückgreifen, die bereits der Reichskanzler Cuno seinerzeit der französischen Regierung gemacht hat. Ein enges Zusam­mengehen Englands und Deutsch­lands in dieser Frage wird für wahrscheinlich gehalten.

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Die Vertagung der innen politischenVerhandlungen

Baldige Einberufung des Reichstags wahr­scheinlich.

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 2. Sept. (Drahtmeldung.) Die Ver­handlungen zwischen den Parteien und der Reichs­regierung über die Beteiligung der Deutschnatio- nalen an der Regierung sind vorläufig bis zum Wiederzufammentritt des Reichstags vertagt wor­den. Der Reichstag wird infolge der sozial­demokratischen Obstruktion wahrschein­lich schon in der letzten September­woche zusammenberufen werden. Die Mittelparteien werden ihre Stellung zur Bürger­blockbildung wahrscheinlich davon abhängig machen, wie sich die Sozialdemokratie im weite­ren Verlaufe der Verhandlungen zur Z o l l v o r - läge stellen wird. Bei einem großen Teil der Demokraten besteht die Reigung, gegen die Zollvorlage ebenfalls mit allen Mitteln vorzu­gehen. Die Parteileitung äußert jedoch Bedenken dagegen, weil sie sich sagt, daß auf diesem Wege das Zentrum und die Deutsche Volks- Parteizu einem umso engeren Anschluß an die Deutschnationalen bewogen wer­den. Jedenfalls ist damtt zu rechnen, daß bei har­ten Kämpfen um die Zollvorlage Me Mittelpar­teien schließlich auf die deutschnationale Unterstüt­zung zurückgreifen und alsdann auch einer enge­ren Zusammenarbeit geneigt sein werden.

Die erste Feststellung der Reparationskonrmisfion.

Paris, 1. Sept. (WTB.) DerRepko" ist heute offiziell mttgeteilt worden, daß die für die Durchführung notwendigen Gesetze durch bei Reichstag angenommen und durch Me Reichs­regierung promulgiert worden sind. Die Kom­mission tritt deshalb zusammen, um von dieser Mitteilung Kenntnis zu nehmen und die erst. Feststellung zu machen wie sie im Art. 5 des Anhangs 3 der Schlußpvotokvlle der Lon­doner Konferenz vorgesehen ist dah die ersten Bedingungen des Dawesplans erfüllt sind. Dom 1. 9. an, dem Tage dieser Feststellung, laufen dann die nacheinander im Anhang 3 fest­gesetzten Fristen für die Wiederherstellung der wirtschaftlichen und fiskalischen Einheit des Ruhr­und Rheingebiets. General S eg du tt e trifft indessen, den erhaltenen Befehlen entsprechend, die Maßnahmen, für die militärische Räumung der in Frage kommenden Gebiete, die spätestens am 7. Dezember durch die Uebergabe der fran­zösisch-belgischen Regie an die neue Deutsche Eisenbahngesellschaft beendet sein wird.

Die deutsche Anleihe.

London, 1. Sept. (WTB.) Die Zeitungen veröffentlichen eine Mitteilung, wonach die deut­sche Anleihe gleichzeitig in Aeuhork, Lon­don und auf dem F e st l a n d e mit Einschluß Deutschlands am 15. Oktober zur Zeichnung auf­gelegt werden soll. Die Anleihe würde mit^ etwa 8 Prozent verzinst. Amerika werde die Hälfte der Gesamtsumme ausbringen, England -/6, und das Festland 710. Es herrscht kein Zweifel über den Erfolg dieser Anleihe, die in London von der Dank von England aufgelegt wird.

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Die Arbeilszeitsrage.

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 2. Sept. (Drahtmeldung.) Der Reichsarbeitsnttnister Dr. Brauns wird sich zu einer Konferenz Über die Arbeitszeitfrage nach Genf begeben und dort mit den Arbeits­ministern der anderen Länder zusammentteffen. Vorher finden noch Besprechungen mit den Ver­tretern der Epitzengewerkschaften statt, worin der Arbeitsminister Erklärung abgeben wird über die Haltung, Me er in dieser Frage einzunehmen gebenft. Wie aus unterrichteten Kreisen ver­lautet, steht das Reichsarbeitsministerium einer internationalen Vereinbarung über Me Arbeitszeitfrage nicht unbedingt ab­lehnend gegenüber, wenn es sich auch durchaus vorbehält, einer solchen Vereinbarung nur barm beizutreten, wenn die Souveränität Deutschlands dadurch in keiner Weise beein­trächtigt wird.

Der Kamps gegen das Deutschtum im Mcmelland.

Vor etwa einem Monat hatten deutsche protestantische Geistliche in Memel von der Zentralregierung einen Ausweisungs­befehl erhalten, demzufolge sie bis zum Oktober Memel verlassen und ihren Sprengel liquidiert haben mußten. Rach scharfer deutscher Kritik ist