Oer Ms auf Topper.
Stoinan von Hanns t>on Zvbeltitz.
57. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Ru!h! Ruth!"
Leise flößt cr's heraus, leise und zärtlich, mit heißem Eltern. Ist schon neben ihr, faßt ihren Arm.
»Ruth, liebe Ruth — bist mir doch nicht mehr böse?"
Einen kleinen spöttischen Knicks macht fie: »Was wünschen der Herr Junker? Ich hab' Gil', will nur noch schnell Wasser holen. Soll ich etwas besorgen für d n Herrn Junker?" Er ßört’8, er siehi's, wie sie knickst. Dazu reicht das Acht. Doch den schmerzlichen Zug um den lieben Mund, den kann er nicht sehen.
,Mußt nicht mehr bös sein. Hab's nicht so int. War ganz dumm von mir. ilrtb war Wahrheit: groß bist du geworden . und
hübsch . . . liebe, liebe Ruth!"
Sie macht' an ihm vorbei, zur Treppe. „Hab' Eile, Herr Junker."
Aber er hält sie fest. „Was redest du, Ruth! Herr Junkerl Herr Junker! Das tut mir weh. Früher bin ich dein Kaspar gewesen. Da, schau' nur . . . hier am Daumen . . . das sind deine -Zähnchen. Weißt noch, im Pfarrgarten, und dir gelben und roten Blätter rieselten über uns. Da - . hab's nimmer vergessen, du Süße . . .
Süße ... sei gut zu mir, hab' mich ein bißchen heb . . . wie damals . . . Ruth . . .“
Sie steht und zittert und hat ganz große Augen. Sagt leise, leise: „Das ist lange her . . . und aus dem Kaspar wurde Seiner Majestät Leibpage . .
„'Was tut'S? Ich bleN, der ich war."
Sie schüttelt den Kopf. Sieht zu Boden, sieht wieder auf. „Ich bitt' ... ich muh . . .“
„Lieb haben mußt michl Lieb haben!"
Hat sie plötzlich umschlungen, fest, fest, biegt ihr das Köpfchen zurück, macht ihre Lippen stumm mit rasenden Küssen. And fühlt, fühlt, wie sie erschauert in seinem Arm, fühlt, fük^t, wie sie wiederküßt, heiß und durstig.
... ist doch nur ein Augenblick, sind bloß ein paar Herzschläge. Gleich w^hrt sie stch, wehrt ihn ab. schiebt den irdenen Krug wie eine Schuhwehr vor, macht sich frei. Atmet hoch und schwer.
„Ruth! Süße — süße Ruth!"
Da gleitet sie mit der Linken über die Stirn, als gab’ es viel zu glätten. Schüttelt den Kopf, sagt mit trauriger Stimme: „Das hält' nicht sein sollen." Sagt's wie für sich. And ist mit einem Male an ihm vorüber und die Treppe herunter.
Auf seinen Lippen brannten noch ihre Küsse und brannten, während er in sein Kämmerchen ging. War wirklich wieder ganz der Kaspar von ehedem, hat seine Auch so lieb, so lieb, dachte nur an sie, hält' sich bloß gewünscht, daß er noch viel mehr Küsse von ihr gekriegt, daß sie ihm noch einmal mit den blanken Beißerchen in den anderen Daumen gebissen. Lacht, indessen er sich auskleidet, vor sich hin: was das Mädel küssen kann! Das Mädel — und wie schlau, daß sie den Krug nicht fallen ließ. And wie sie heiß imb kalt wurde, alles in einem! Liebt mich, liebt mich bei Gott! Heut wie ernst! Du Süße — du Süße — und morgen zum Abschied . . .
Hört, wie sie die Treppe heranfkommen, die Frau Mutter und Ruth, und hat mit Herzklopsen den Jungensgedanken: ob sie wohl gepetzt hat? Huscht ins Bett, zieht die Decke bis ans Kinn.
Nein, sie hat nichts verraten. Ober doch nur: der Herr Junker sind eben in feine Kammer, da haben wir noch ein paar Worte geredet miteinander. Die Frau Mutter lächelt, als sie eintritt. Putzt erst das Licht, legt die Kleider, die er auf den Boden geschlossen, geduldig auf dem Stuhl zurecht, sieht nach dem Fenster, ob es auch gut geschlossen, setzt sich dann auf den Bettrand.
Richt daß sie viel zu sprechen hätten miteinander, die beiden, Mutter und Sohn. Ein paar Worte immer nur, dann und wann, eine Frage von ihr, eine Antwort von ihm. Richt über große Dinge, recht über Kleines, woran nur ein Mutterherz denken kann. Ob er auch auf seine Gesundheit acht habe? Ob der König ihm Don- ceur gebe und wie er haushalte? Wie es mit seiner Wäsche stünde? Ob der Marzanke gut täte? Auch noch einmal nach dem Pirch fragte sie und dann nach dem Cajetan. „Den Herrn Regimentsprediger, den halt dir warm. Gibt mir immer Ruh ins Herz, so du von ihm schreibst." And dazwischen hat die Frau Mutter bald ihm über die Wangen gestreichelt: „Ohm Christel hat recht. Dir wächst der Bart." Bald hat sie die Kissen glatt gestrichen. „Liegst du auch gut, mein Junge?"
Darauf hat sie wohl gemerkt, daß der Sand- Minn nahe. Hat also mit ihm gebetet, wie einstens, _<Us er ein kleiner Bub war. Dann ihn mit Lächeln fest eingemummelt in die Bettdecke, den ganzen großen Kerl bis zu den Fußspitzen. Hat ihm noch einen Küß gegeben und nur gesagt: „Schad', schad', daß du morgen schon wieder retten mußt.“ And noch einen Kuß und dazu eiüen kleinen zärtlichen Klaps. Das Licht gelöscht. „Run schlaf sanft, mein Kind, im Vaterhaus und träume etwas Gutes. Schönes!" hat sie in der Dunkelheit gesagt und ist leise hinausgegangen.
Grad' daß es beim Kaspar noch zu zweierlei langte: zu einem, .die gute Mutter!' und zum andern: ,da, jenseits der Wand schläft der Rotkopf!' Dann war er schon weg und hat geschlafen, bis die Frühsonne sich durch die Fensterdecke stahl- Da war auch schon der Marzanke, stand breitbeinig neben dem Bette und schüttelte den dicken Schädel. So ordentlich hatte der 3unfer die Montierung nimmer noch über den Stuhl gebreitet. Der aber rekelte sich, stellte sich schlafend, blinzelte den langen Laban, dessen Kopf beinahe an die Decke fließ, nur so unter den Augenlidern an und dachte darüber nach, was er denn eigentlich geträumt hatte. Hat’s aber nicht zusammengebracht, wußte nur noch, rom Rottopf war vielerlei dabei, doch dazu anderes, das gar nicht zur Ruth gehörte. Darüber lachte er plötzlich laut auf, sprang mit beiden Beinen zugleich aus den Federn: „Rlarzanke, sagt's an, um Glpcker zehne wird geritten."
Da wurde nun freilich nach aller Freude des Wiedersehens ein schmerzlicher Abschied. Dreimal, erst im Stübchen der Frau Mutter, sodann an der Kossätenscheune in Großvaters Zimmer, endlich vor dem Tore, und jedesmal mit Arnarmen und Wiederumarmen und Dielen Küssen. Rur als draußen auch die Ruth stand, traute er sich nicht. Sie hatte die Lippen gar., zu wui^erlich scharf aufeinander gepreßt, gar nicht wie ein Mädel, das wartet. Gaben sich also nur die Hände. Da sagte sie aber doch: „Glück auf den Weg, lieber Kaspar!" Lieber Kaspar also, und er dachte: auf das nächste Mal, liebe Ruth! Drückte noch einmal die kleine hartgearbeitete Patschhand, und da sah sie ihn groß an, und es rann ihr langsam eine Träne über die Wange. Ja . . . ja . . . du Süße . . .
(Fortsetzung folgt)
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