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Nr. 205 Swettes Blatt Sletzener Anzeiger (Senerai-Anzelger für Gberheflen)

Wirtschaft.

Die wirtschaftliche Lage Russlands.

Jeder Kenner des ehemaligen Rußlands und der heutigen Sowjet-älnion hat von jeher be­tont, bah es dem Lande nur dann möglich sein wird, sich von den schweren Folgen des Welk- und Bürgerkrieges zu erholen, wenn es die Land­wirtschaft auf seinen Vorkriegsstand bringt und die Industrie neu belebt, wodurch sich eine feste, zuverlässige Wahrung schassen läßt und das Der- trauen des Auslandes wiedergewonnen würde, das sich nur dann zur Stellung der notwendigen, langfristigen Kredite hergeben würde.

Die LInbedingthett dieser Forderungen ist von der Sowjetregierung auch stets offen zugege­ben worden, doch nur auf dem Papier, wogegen tatsächlich die Stellungnahme der Sowjets dem vollkommenen Gegenteil entspricht.

Die erste Vorbedingung, die Einführung des längeren Arbeitstages, steht im Gegensatz zu der, wenn auch nur nominell be­stehenden Fürsorge der arbeitenden Klasse, und deshalb wird die 6bstundige Arbeitszeit bei­behalten, und auch diese wird nach Möglichkeit vermindert.

In diesem Jahre hat sich die Getreide­anbaufläche um 30 Prozent gegen das Vor­jahr verringert, so dah selbst bei einem günstigen Smtea uSsall immer noch ein bedeutender Fehl­betrag verbleiben würde, durch welchen die ge­rade noch aktive Handelsbilanz leicht ins Schwan- ten geraten würde. Vor allem übersteigt der Ge- kehungspreis des russischen Getreides schon lange Een Weltmarktpreis. Dem liegen die sich ständig erhöhenden Arbeitslöhne zugrunde, wodurch die Hasen» und Verladekosten, aber auch die Trans­portkosten derart verteuert werden, dah nicht nur das Getreide, sondern auch alle übrigen russischen »rtoaren nicht mehr konkurrenzfähig blei» nen. Die unausbleibliche Folge ist, dah sich Europa den w e st l i ch e n Märkten zuwendet, die dank ihrem Ueberschusse und den billigeren Frach­ten erheblich günstiger liefern. Durch die diesjäh­rigen Ernteergebnisse ist die Landwirtschaft in eine derartige Lage verseht, dah auch für das nächste Jahr mit einem noch schlechteren Ergeb­nis gerechnet werden muh, selbst wenn ein be­deutender Umschwung in der Wirtschaftspolitik eintreten sollte.

Auch die Lage der Industrie verschlim­mert sich beständig, wenn auch die Sowjets erneut das Bestreben des Zusammenarbeitens mit Pri- baten zeigen, weil ihnen sowohl die Fachkennt- rrtsse, als auch die Geldmittel zu intensiverer Ar° deit fehlen Dor allen Dingen ist die russische Industrie heute nicht mehr imstande, auch nur einen ganz geringen Bruchteil des Landes mit Indust rieerzeugnissen und Rohfabrikaten zu ver­sorgen, selbst wenn eine bedeutende Belebung der flbd> bestehenden Industrien erreicht werden sollte. Die älrsächen hierfür liegen an der geradezu an Irrsinn grenzenden Methode der Aufrechterhaltung ter zu Trusts vereinigten Betriebe.

Die Behauptung, dah die Vertrustung Der.Industrie für das heutige Rußland vielteicht eine sehr zweckmäßige Einrichtung fei. kann man Unter Wahrung gewisser Reserven schon gelten Hassen, doch ist die Art unb Weise der Ver- waltung keineswegs zu rechlfertigen.

Die Trusts sind sämtlich mit einem gewissen «teils sogar recht beträchtlichem Kapital gegründet worden, welches jedoch schon noch kurzer Arbeits­dauer von den durch die enormen hohen Pro­duktionskosten die vom 3- bis zum 15fachen der enormen Kosten betragen hervorgerufenen dau­ernden Verluste aufgefressen worden Die Tiusts hatten von vornherein nicht das genügende Geld, um auch mir den grössten Teil ihrer Betriebe ar­beiten zu lassen. Daher wurde nur ein kleiner Bruchteil der Betriebe in Gang erhalten und, "Da die Mittel selbst dazu nicht langten, um für diese Betriebe die seit vielen Jähren notwendigen Ersatzteile zu beschaffen, so wurden diese den ftilliegenden Betrieben entnommen, deren Maschi- schinen und Materialien dann alsAltmaterial" verschleudert wurden, 'vozu jedem Trustleiter ge- setzmäßia das vollste Recht zustand. Wenn man nun bedenkt, das) die Leitung zumeist in den Händen vonpolitisch zuverlässigen" Leuten liegt, die jedoch über feinerlei Fachteirntnisse verfügen, ßo kann man sich sehr wohl vor steilen, in welchem hoffnungslosen Zustande sich die heutige russische ^Industrie befinden muh. Man kann selbst auf Grund der amtlichen Daten feststellen, dah etwa -60 'Prozent der normalen russischen ilnternelj- men auf diese Weise vernichtet worden find, teils sogar für ewige Zeiten.

Eine weitere Ursache des wirtschaftlichen Zer­falls liegt im Handelsmvnop)!. Es ist zwar sehr verständlich und kann, unter Derücl- sichtigung der bestehenden Staatsform, auch nur ganz zweckmähig genannt werden, dah ein solches Monopol ein» und duvchgeführt würbe, doch mangelt es auch hier dem Staate sowohl an Mit­teln, als auch an Routine und Tätigkeit, um das Monopol unter den obwaltenden wirtschaftlichen Verhältnissen zu unterhalten.

Die staatlichen Organisationen können aus GeDmangel weder die Einfuhr noch die Ausfuhr h^en, und letzteres besonders, weil sie die Trans­portkosten, als) U>rc eigenen Schöpfungen, scheue-'. In der letzten Zeit sind alle Rachteile eines der­artigen Monopols besonders scharf zutage ge­treten. Die ausländischen Dampfer kommen mit wenig Ladung und gehen fast leer, denn die ein­zigen Ausfuhrpr^ukte sind Petroleum und Manganerz.

Die letzte Hoffnung der Handelsbehvrden, das ausländische Kapital durch Schaffung sogenannter gemischten" Gesellschaften zur Hergabe von Krediten zu bewegen, ist auch gescheitert, beim niemand will sich mehr dazu bergeben, einer vollkommen verfehlten Politik auf diese Weise Halt zu verleihen.

Die wirtschaftliche Lage hat sich im laufenden Jahre in Ruh land derart zugespitzt, dah aller­seits die iteberzeugung feststeht, dah sich die Staatswirtschaft vor unüberwindliche Hindernisse gestellt sehen wird und daher schon aus Selbster- Haltungstrieb von ihrem bisherigen Kurse ab- weichen muh, denn nur auf diese Weise Tann es gelingen, der eigenen äftrprvduktivität Herr zu werden und gröbere ausländische Kapitalinvestie­rungen herbeizuführen.

* Aaneri kanischer 500-Millionen- ^Kredit.Daily Exchange" meldet aus Amster­dam, dah dort am Mittwoch und Donnerstag ein ^Koedit-AKonrmrii .^.vischen anrerikainschen jDcurkers und beut|\.- industriellen abgeschlossen

worden sei. auf Grund dessen letztere 500 Mil- I lionen Goldmark Kredit erhalten, vorausgesetzt, dah der Reichstag den Dawes-Bericht annehme. Rachdem der Reichstag -ugestimmt hat, fei nun das Abkommen perfekt geworden.

e Bezugskredite des Kalishudi- late». In einem Rundschreiben teilt das Kali- shndikat seinen inländischen Abnehmern mit, dah für alle Aufträge, die vorn 1. Septembe- 1924 bis 15. Oktober 1924 zur prompten Lieferung eingehen, ein dreimonatigerWechselkre- d i t gewährt wird Als Ausstellungstag gilt der Verladetag. Bei fristgemäßer Zahiung wird fer­ner außer dem üblichen Kassakonto von 1'/ . Pro­zent eine Sondervergütung von 11 > Pro­zent je Monat auf txm Retto rech nungs bet rag l Warenpreis abzügl. I1/« Prozent Skonto) vom Fälligkeitstage an, jedoch nicht über drei Monate hinaus, gewährt. Die im Rundschreiben vorn 10. Juli ds. Is. erwähnte Risckopränrie von 1 Prozent, ferner die Rabatte und die Baisse- klausel bis 31. Dezember 1924 gelten auch für alle Bestellungen, die auf Grund der genormten Bedingungen abgegeben werden

* Eröffnung der Leipzige r Her bft - messe. Die Leipziger Herbstmesse ist am Sonn­tag in der üblichen Weise ohne besondere Feier­lichkeiten eröffnet worden. Infolge der Annahme der Gesetze zum Dawes-Gutachten durch den Reichstag sind noch in letzter Stunde zahlreiche telegraphische Anmeldungen von Mefsebesuchern eingelaufen, so dah doch mit einem guten Messe­geschäft gerechnet wird. Die sonst übergroße Zahl von sogenannten Sehleuten ist diesmal allerdings nicht zu verzeichnen. Die städtischen Gebäude pran­gen aus Anlaß der Messe erstmalig im Flaggen­schmuck. Besonders stark ist, wie auch bei den frühe­ren Messen, der Besuch aus Oesterreich, der Tschechoslowakei und Holland. Ebenso sind zahl­reiche Rumänen und Ungarn eingetroffen. Aus Polen hatten die Befucheranmeldungen am Sonn­tag mittag bereits die Besucherzahl 1000 über­schritten. Außergewöhnlich groß ist auch die Be­sucherzahl aus Spanien als Folge des am 1. August in Kraft getretenen deutsch-spanischen Abkommens. Belgier und Franzosen sind auf dieser Messe ebenfalls zum ersten Male wie­der in größerer Zahl anwesend. Auf der Messe wurde die Frage eines weiteren Preisab­baus lebhaft besprochen. Trotz der gegenwärtigen Spesen und der öteuerbelaftung erklärten sich zahl­reiche Fabrikanten bereits am ersten Tage zu einem erheblichen Entgegenkommen bereit. Bei­spielsweise betrug in Haus- und Küchen­geräten bei manchen Ausstellern der Preis­rückgang im Vergleich zur letzten Frühjahrsmesse 10 bis 15 Prozent. Im ganzen Bereich der all­gemeinen Mustermesse konnte man einen lebhaften Bedarf erkennen, der günstige Aussichten für das weitere Messegeschäft eröffnet, je mehr sich die Auswirkung der letzten Reichstagsbeschlüsse auf das Wirtschaftsleben durchsetzt. Besonders bele­bend wirkt die Tatsache, daß am 9. September die Zollgrenze zwischen dem besetzten und unbe­setzten Gebiet fortsällt. Für zahlreiche Branchen der F e r t i g w a r e n i n d u st r i e , die ihren Sitz im unbesetzten Deutschland, ihr Hauptabsatzgebiet aber im westlichen Industrierevier haben, bedeu­tet dies eine Aussicht auf einen kräftigen Erfolg nach langer Stagnation. Auf der Technischen Messe macht die Gesamtausstellung einen wir­kungsvollen Eindruck. Alle Industriezweige sind gut vertreten. Besondere Erwähnung verdienen das Haus der Elektrotechnik und die Ausstellung des Eisen- und Stahlwaren in duftriebundes El- berfeld.

Guter Abschlu ß der Essener Ta- bakmefse. Der Verlauf der Essener Tobak­messe war recht befriedigend, besonders wenn man die Ergebnisse der übrigen in letzter Zeit in der Rheinprovinz veranstalteten Messen so auch der Kölner Messe zum Vergleich stellt Im ganzen werden wohl 67000 Be ucher die Messe besucht haben, wovon der größte Teil aus ernst-- lichen Reflektanten und Käufern bestand. Die Waren waren gut, auch die Qualitäten in den mittleren und höheren Preislagen haben gut ab­geschlossen. Der Verlauf der Messe hat Aus­steller und Veranstalter befriedigt, so daß man beschlossen hat, 1925 zwei Messen zu veran­stalten, eine im Frühjahr und eine im Spätherbst.

Oden Wälder Hartsteinindustrie A. - G. in D a rm ftadt Die Generalversamm­lung genehmigte die Ausschüttung einer sofort zahlbaren Dividend« von 10 Billionen Pa­piermark je Aktie.

Turnen, Sport und Spiel. Aug. Deibel bom Gießener Radfahrer-Derein 1885 Sieger im Großen Straßenpreis von Kurhessen über 250 Kilometer.

Dom Gau Kassel des Landesverbandes Hessen im D.D. R. wurde gestern das schwierige Stra­ßenrennen durch die Berge Waldecks und Hessens zum Austrag gebracht. Zu dem Rennen waren viele der besten Fahrer am Start erschienen. Aug. Deibel hatte feinen Vorsprung bei der 1. Kontrolle in Kassel von 3 Minuten bereits auf 13 Minuten erhöht, als er sich durch die mangelhafte Stratzen- besetzung verfuhr. Rachdem er auf der richtigen Fahrstrecke mit dem hinter ihm liegenden DrrS- Dortmund wieder zusammengetroffen war, be­legte er im Endspurt vor diesem Fahrer den 1. Platz.

Ergebnis: 1. Aug. Deibel, Gießen. 2. Dirks, Dortmund. 3. Werner, Erfurt usw. (S. Anzeige.)

Strafkammer.

Gießen, 29. Aug.

Der Arbeiter Richard P. von Gießen war von dem hiesigen Amtsgericht wegen Sachbeschä­digung zu 50 Ml. Geldstrafe verurteilt worden. Er hatte als Arbeitsloser von der Stadt Arbeit in der städtischen Sarrdftrule an der Liebigs höhe bekommen und dort etwa Mitte Ianuar dieses Jahres die Stiele von 4 Pickeln zerbrochen. Seine Berufung hatte keinen Erfolg. Auch die Straf­kammer hielt auf Grund des Ergebnisses der Beweisaufnahme für ertöteten, dah er die Stiele vorsätzlich zerbrochen habe

Das Amtsgericht AltemsbaSt hatte den Händ­ler Friedrich Gustav D. von Langenbergheim zu 140 Ml. Geldstrafe wegen Hehlerei verurteilt. D. hatte im Winter 1923 24 des öfteren Holz, das sein Schwiegersohn im Wald gestohlen hatte, mit seinem Fuhttverk weggesahren, ohne daß fest- gestellt werden konnte, wohin das Hüz gekommen war. Die Strafkammer formte nicht fest stellen, dah B. dies seines eigenen Vorteils halber

getan hatte irrtb verwarf deshalb seine Berufung I mit der Maßgabe, dah die Bestrafung nicht wegen | Hehlerei, fonsern wegen Begünstigung erfolge

Buntes Allerlei.

Deutsch-amerikanischer Ducheraustausch.

Vor dem Kriege hat zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland ein lebhafter Austausch amtlicher und wissenschaftlicher Druckschriften be­standen. Dieser während des Krieges voll kommen unterbrochene Austausch ist jetzt wieder in ®ang gebracht, wie in den Mitteilungen der Gesellschaft deutscher Raturforscher und Amzte hervorgehoben wird. Im Jahre 1922 wurden bereits wieder Sen­dungen aus 700 Kisten, von denen jede durch­schnittlich zwei Zentner Gewicht hat, verteilt, und seitdem ist der Verkehr noch erheblich gestiegen. Diese amerikanischen Druckschriften werden durch das Amerika-Institut in Berlin an fast 35 000 Empfänger weitergegeben, unter denen sich staatliche und städttfche Aemter, ünioerftlätcn, wissenschaftliche Institute sowie einzelne Gelehrte befinden. Das Mnerika-Institut besorgt auch die Sendung deutscher Druckschriften nach Amerika, und zwar ist es bestrebt, jede nützliche Art von Wissen über Deutschland in Amerika zu ver- breiten und bei uns falsche 'Begriffe von amerika­nischen Verhältnissen und amerikanischer Wesens­art zu bekämpfen. Die Informationen, die von hier aus erteilt werden, erstrecken sich mit Aus­schließung rein wirtschaftlicher und politischer In­teressen auf ein außerordentlich weites Gebiet und haben in den letzten zwei Jahren bereits wieder viel Segen gestiftet. Für das Studium amerika­nischer Gegenstände besitzt das Institut eine Bi­bliothek von mehr als 15 000 Bänden, die in einem mit zahlreichen amerikanischen Zeitschriften aus- gestatteten Lesezimmer in der Berliner Staats­bibliothek zugänglich gemacht werden.

EineShakespeare-Folio" für 2375 Pfund.

Dieerste Folio", die Erstausgabe v>n Shake­speares Werken, eines der kostbarsten und gesuch­testen Werke des Büchermarktes, kam dieser Tage bei Svthbtzs in London zur Versteigerung. Das Werk stammte aus der Bibliothek eines Bücher- sammlers namens James Sothbh, der in den letzten Jahren des 17. und im Anfang des 18. Jahrhunderts eine kostbare Düchersammlung zu- sammenbnachte. Ein zeitgenössischer Rivale Raw- linson bat ihn als einenstets betrunkenen Dumm­kopf" bezeichnet, aber irichtsdestoweniger war er ein. hervorragender Kenner, der Werte geschaffen, die heute feinen Rachkommen viele Zehntausende von Pfund bringen. Die Shakespeare-Folio, die zur Versteigerung kam, war ein verschiedentlich beschädigtes Exemplar, brachte es aber doch auf die stattliche Summe von 2375 Pfund. Bei derselben Versteigerung wurde eine lateinische Pergament-Bibel mit schönen Miniaturen aus dem 14. Jahrhundert für 3300 Pfund verkauft. In den beiden ersten Tagen der Versteigerung wurden im ganzen mehr als 40000 Pfund erlöst.

Die Jngnisition dec Doktorandin.

Eine junge Dame, die an der Columbia- llniberfttät Psychologie studiert, will chre Doktovarbeit über die interessante Frage machen: Sind Frauen weniger wahrhaftig als Männe r. Ihn dieses schwierige Problem zu losen, ist sie mm auf den Einfall gekommen, an sämtliche Studentinnen und Studenten der älniversitSt eine Aste mit 111 Fragen zu schicken, aus deren Beantwortung sie wertvolle Schlüsse zu ziehen hofft. Die Fragen sind nämlich höchst indiskret und erfordern große Freimüttgteit tn der Beantwortung. Sie nimmt an, daß, je wahrer der Antwortende ist, er sich desto rückhaltloser äußern wird. Einige Proben dieser modernen Art der Inquisition, die von den Reuhorter Aättern ausführlich behandelt wird, seien hier mitgeteilt:Sind Sie schon einmal von Zuhause weggelaufen und über Rächt ausgeblieben? Fühlen Sie sich schuldig, wegen irgendeines in der Vergangenheit begangenen Verbrechens? aben ie schVVoHSn oft gestohlen? Vermeiden S>aben Sie schon oft gestohlen? Vermeiden Sie als Kind sehr ungezogen? Wird Ihre Sinnlichkeit durch die durchschnittlichen Operetten erregt? Können Sie noch erröten? Mogeln Sie manchmal beim Spiel? Lesen Sie gern unanständige Bücher? Haben Sie schon einmal gewünscht, nicht geboren zu sein? Würden Sie in einer fremben Stadt Dinge tun die Sie da, wo sie bekannt sind, nicht unternehmen? Lügen Sie, wenn Sie glauben, daß cs nicht herauskvmmt? Haben Sie Freude am Er­zählen fragwürdiger Geschichten? Halten Sie sich für erfahren im Flirten? Haben Sie außereheliche Beziehungen? ®ebraud)en Sie irgendwelche Anreizmittel? Haben Sie sich sch>n mal Ihrer Eltern geschämt? usw."

ehtt Seuchenftatistik für 1923.

Während bei allen anzeigepftichtigen Krank­heiten in der ersten Hälfte von 1923 ein starker Rückgang gegenüber dem ersten Halbjahr 1922 zu verzeichnen war, ist in der zweiten Hälfte des Iahres, tote tn derDeutschen Medizinischen Wochenschrift" nritgeteilt toird, beiThphus und Ruhr eine beträchtliche Zunahme zu verzeichnen getoesen. Die Zahl dieser Erkrankungen überstieg daher 1923 die entsprechende Zahl des Vorjahres. Diese Vermehrung der Seuchen ist auf ein An­wachsen der Erkrankungen in den Orten mit we­niger als 15 000 Einwlchner zurüchuführen, deren Mittellosigkeit die Bekämpfung der Seuchen er­schwerte. Die geringste Zahl von Typhus wurde aus SüddeutscUand gemeldet, während die größten Zahlen auf Rorddeutschland entfallen, und zwar hatte Mecklenburg-Schwerin 11,51 Typhusfälle auf 10 000 Einwohner, Lübeck 7,66. Die Verschieden­heiten beim Auftreten der Ruhr waren in den ein­zelnen Gegenden viel geringer. Ihr verstärktes Auftreten beschränkte sich auf Preußen mit 1,8 Fällen auf 10 000 Einwohner, auf Heften mit 1,4 und Sachen mit 1J2. Die andern Länder blieben unter dem Reichsdurchschnitt von 1,37. Außer Typhus und Ruhr haben mir die Erkrankungen an Toll wu t 1923 gegenüber dem Vorjahr zuge- nvmmen. Der Rückgang der Erkrankungen an Diphtherie und Scharlach, der in den letzten Iah- ren zu verzeichnen war, hat sich 1923 verlangsamt. Sehr bedeutend war die Abnahme der Erkran­kungen an Kindbettfieber, die durch den gleichen starken Geburtenrückgang hervorgerufen wurde.

Fünf Stunden am Seil überm Abgrund.

Drei italienische Bergsteiger muhten fünf Stunden lang an entern ©eil über einem 300 Fuß tiefen Abgrund hängen, bevor ihnen Hilfe ge­

Montag, i. septemver

bracht werden formte. Die Touristen, alle j. Turiner, waren ohne Führer auf den TI 000 Fuß hohen Aiguille de Gröpon hinaufgestiegen, einen der am schwierigsten zu ersteigenden Berge der Alpen. Beim Wstieg glitt einer aus und riß die andern, die an ihn ungeteilt waren, mit sich. Glücklicherweise blieb das Seil zwischen dem zwei­ten und dem dritten Mann an einem Felsen hängen, und die drei schwebten so an dem Seil über dem Abgrund Der Bergsteiger, der dem Felsen am nächsten hing, suchte vergebens, sich auf ihn heoaufzuschtoingen. Die Gefährten warn­ten ihn vor heftigen Bewegungen, weil sonst daS Seil von dem Felsen heruntergleiten könnte. So mußten sie in der furchtbaren Lage stillhallen. Der Vorfall war von unten beobadjtct, denn man hatte den Abstieg mit Ferngläsern verfolgt. Sofort- brach eine Retlungsgesellschaft von Füh­rern auf, die aber den Ort erst bei Rächt erreich­ten. Rur mit großer Mühe konnten sie die drei in Sicherheit bringen. Der Abstieg nach Chamvm gestaltete sich sehr schwierig, da der eine ein 'Bein gebrochen hatte und die anderen mit Ab­schürfungen, Schnitten und Beulen bedeckt waren.

Messer im Munde von Toten.

Bei der Ausgrabung des BurgwalleS zu Göda bei Bautzen in der Oberlausih ist man auf eine Gräberstätte mit 20 Skeletten gestoßen. Im Munde der Toten fand man nun in mehrere«! Fällen messerähnliche Eisenstücke. Diese Stücke lagen zu in Teil so, daß sie zwischen dem Eck- und ersten Mahlzahn des Oberkiefers förmlich ein- gezwängt waren und auf beiden Seiten hervvr- ragten, zum Teil waren sie von vom nach der Rachenhöhle zu in den Mund des Toten ein­gelegt Diese Art der Toteirbeigabe bietet der Forschung ein's'l dar, das bisher noch völlig ungcflärt ist. Die Skelette, die über spätslawi­schen Funden lagen, können nicht älter sein, als etwa 700 Iahre, sind -wahrscheinlich aber jünger. Man nimmt an, daß die Messer vielleicht mit dem Damphr-Glauben zusammen hängen, indem man dem Toten gegen diese älnholde eine Waffe in die Hand geben wollte: vielleicht stellen sie auch ein Dolksmittel dar, um weitere Pest- und Seuchengefahr zu verhindern. In derUmschau" bittet Dr. Frenzel, Bautzen, ihm alle Anhalts­punkte mitzuteilen, die fich vielleicht zur Erklämng dieses merkwürdigen Totenglaubens öarbieten könnten.

Das Handschuh-Kleid.

Die neuen Moden, die bei dem letzten Rennen von Auteuil gezeigt wurden, lassen erkennen, dah die Damenlleidei- immer enger und kürzer werden. Fast scheint es, als ob die sommerliche Stimmung aus der großen Toilette ein - Badekostüm machen möchte. Die Kleider reichen kaum noch über die Knie: ja manche hören sogar direkt am Knie auf. Sie leuchten in einer geradezu unwahr­scheinlichen Buntheit. So sah man z. D. eine Toilette, die auf eine gelbe Farbensymphonie gestimmt war, wobei die hellsten Töne rund um den Hals angebracht waren, dann immer dunkler wurden und fchlishlich in einem flamm enfarbigen Sasvnngelv um die Knie aus klang en. Aber wenn man glaubt, daß diese kurzen Kleider den Damen viel (pmgsireiheit gestatten, so irrt man sich gewaltig. Die Kleider sind so eng, daß sie tote ein Handschuh übergezogen werden müssen. Die Damen formen in bieten festanliegenden dünnen Futteralen nur ganz kleine Schritte machen, und es war ein tragikomischer Anblick, zu sehen, wie verschiedene der modern gekleideten Schönen sich vergebens bemühten, die Füße hoch genug zu heben, um In das Auto zu steigen, ohne dabei das enge feine Kleid zu zerreißen.

Aus dem Amtsverkttudtsittuasblatt.

Das neueste Amtsverkündigungsblatt vom 29. August enthält u. a.: 'Verordnungen über die Anzeigepflicht bei anfteden'oer Gehirn-Rücken- markentzündung der Pferde, über Erwerbs­losen fürsorge, über Herstellung, Aufbewahrung und Verwendung von Azetylen, über Dienst­pflichten der Feldschühen, über die Sondersteuer vom bebauten Grundbesitz und die Versicherungs­pflicht der Handarbeitslehrerinnen.

Spteiplan der frankfurter Theater.

Opernhaus. Dienstag, 2. Sept.: Mona Lisa. Mittwoch, 3 : Amelia oder Ein Masken­ball. Donnerstag, 4.: Fidelio. Freitag, 5.: Lohen- arm. Samstag. 6.: Rigvlettv. Sonntag, 7.: Tristan und IsoDe. Schauspielhaus Dienstag, 2. Sept.: Die rote Robe. Mittwoch, 3 Bummelstudenten. Donnerstag, 4.: Dame Kobold. Freitag, 5.: Bummelstudenten. Samstag, 6.. Die rote Robe. Sonntag, 7.: Dummelstudeirten.

Bücherlisch.

Der deutsche Einblatt-Hol-- schnitt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhun­derts erfährt in einem grof) angelegten Wappen- Werk des Münchener Verlages Hugo Schmidt eine überaus sorgfältige und eindrucksvolle Dar­stellung. Der Verlag strebt bei der Herausgabe mit Erfolg größte Vollständigkeit und technische Vollkommenheit der Reproduktion an, so daß baä Gesamtwert, von dem uns bisher ein Prospekt über die ersten 6 Mappen vorliegt, ein selten geschlossenes Bild einer der bedeutsamsten Kunst- zweige des ausgehenden Mittelallers zu geben verspricht.

Geschäftliches.

Die Reinigung von Oelf laschen ist das Schmerzenskind jeder Hausfrau. Hierfür eignet sich das bekannte Ata- Scheuerpalver ganz ausgezeichnet. Ein Teelöffel Ata und etwas warmes Wasser in der Flasche geschüttelt machen sie im Mrgenblick blank. Für alle- übrigen Scheuer- und Reinigungszwecke ist Ata die beste Hilfe der Hausfrau. Alle Gegenstände aus Glas, Porzellan, Marmor, Emaille, Holz und Stein werden im Ru sauber und wie neu. Ebenfalls für Bestecke habe ich Ata ganz vorzüglich ge­funden.

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