Die rote Kaschgar.
Roman von Fedvr von Zvbeltih.
ö Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
„Sei doch ehrlich," sagte sie, und ihre Augen wurden dunkler, „du suchst nach einem Grunde, mit mir zu brechen I"
„Ich suche nicht, ich habe mich der Notwendigkeit zu fügen. Lu darfst mich nicht absicht- lich mißverstehen. Natürlich werden wir uns auch in Peking sehen, das ergibt sich von selbst. Lu spielst im Hause Kodama ja kerne untergeordnete Rolle, man hat dich gesellschaftlich hecangezogen. und das wird auch drüben so bleiben. Wir werden uns vermutlich noch häufig begegnen, in den Salons, auf dem Tennisplatz, überall wo was los ist. 3d) meine nur — ich meine nur ... der Gvundton unsres Verkehrs muh ein anderer werden. Soll ich noch deutlicher sein?"
„Rein," antwortete sie und erhob sich, ihre geschmeidige Figur langsam straffend, gewisser- mahen anatomisch, Glied für Glied. 3m St.ecken der Hüften, in der runder sich wölbenden Brust, im Hebeit des Kopfes lag Verteidigungswille. „Lu möchtest die Kainszeichen der Erinnerung verwischen. Mir bleiben sie."
Cs zuckte über sein Glicht, es sprang etwas um seine Lippen wie verhaltene 3ronie. Er hob den linken Arm, die Finger spielten durch die ßuft, als wollten sie eine Gleichgültigkeit kennzeichnen. Gr hatte das Gefühl: jetzt durfte er nicht nachgeben, er muhte fest bleiben.
„Dir bleiben sie," sagte er. „Hnb Kainszeichen. Eine hübsche Wendung, sie trifft bloß nicht. Machen wir uns doch gegenseitig nichts vor, C lernen ce. Wir fanden uns und haben uns ein Jahr lang ganz gut amüsiert. Ohne ZukunstS-- pläne, ohne an morgen zu denken, uns genügte die sühe Sünde der Stunde. Es war eine ungeschriebene Vereinbarung, immerhin auf Grund uralter Gesetze. Kann enter dem andern Vorwürfe machen? Gewih nicht. Seien wir vernünftig. 3ch will fernen Bruch, ich will eine Lösung. Aus Zweckmäßigkeit meinethalben. Die llmstände erfordern es. Wir wollen nicht pathetisch werden — um Himmelswillen I Wann reist 3hr? Lu wirst noch Geld brauchen, Llemence."
Ote war stehen gedtuDen. ooitre,' entgegnete sie, „ich brauche nichts, 2eb’ wohl, Gerhart."
Sie bot ihm die Hand. Er nahm sie mcht. „Sei nicht albern," gab er zurück. „Natürlich, Eure Ülebersiedlung geschieht auf Regimentskosten. Trotzdem — du wirst dich noch ein wenig aus- ftotten wollen. Es ist hier billiger als drüben. Liebes Kittd, ich gebe dir doch von Herzen gern . .
Er zog sein kleines Schlüsselbund aus der Tasche und rih die Schubfächer des Schreibtisches auf. Er suchte nach seinem Scheckbuch. Er wat- ungeduldig und warf alles durcheinander. Dabei fiel aus dem Gefach rechter Hand ein dünnes, schmales Bändchen in schwarzem Pavpeinband, fiel auf den Boden. Clemence hob es auf.
Gerhart füllte einen Scheck aus. „3ch danke dir," 'sagte er dabei. „Keine Wichtigkeit. Höchstens eine Rarität. Ein alter Code."
Ein Blitzlicht schoß durch ihre Augen. Aber wie gedankenlos blätterte sie in dem Duchelchen.
„Eine Geheimschrift," bemerkte sie. Es sollte eine ganz beiläufige Bemerkung fein. Nur klang die Stimme heiser, wie aus verhülltem Temperament.
Gerhart setzte feine Unterschrift auf den Scheck. „3a," erwiderte er, „eine Geheimschrift — der Chiffrecode unfres Amts für Telegramme. Aber er hat keine Gültigkeit mehr, er ist überholt. Man ist da auf 3ndiskretionen gestoßen, auf irgendeinen Vertrauensbruch und tjat ihn durch eine jyue Geheimschrift ersetzt. Hier, Kindchen, nimm!" ... Er reichte ihr den Scheck . . . „Herrgott, wie bläh bist du!" rief er. „Geht dir denn der Abschied so nahe? Aber, Liebling, wir sehen uns ja doch toieöcrl"
Sie legte den unbrauchbar gewordenen Code auf den Schreibtisch und nahm die Geldanweisung. Starr gewordener Blick flog über das Papier. Eine große Summe — der Ersah für eine verlorene Mühe! Die Quittung eines Gutmütigen über eine ungeahnte Schlechtigkeit.
Es stellte ein großer Widerstand in ihr sich auf. Aus Dunkelheiten der Seele sickerte ein erbarmungsloses Reuegefühl. Ein letztes Gutes gewann Oberhand — einen Augenblick nur. 3n
nächster ütttnDe schon konnte die etmtnamg verflogen fein. Doch der Augenblick fieg-e.
Sie zerriß den Scheck in zwei Teile und ließ sie in den Papierkorb fallen.
„Hab' Dank, Gert," sagte sie mit einem schwächen, rätselhaften Lächeln, „du bist hochherzig. 3ch vergesse dir das nicht. Aber ich bedarf des Geldes wirklich nicht." .
„Torheit," entg.-gnete er. „Doch wie du willst. Du weißt, daß du immer auf mich rechnen kamrst, wenn du einmal Hilfe brauchst. Willst du schon ge!hen?"
„3a. Dring' mich hinunter. Wtr brauchen Friedrich nicht erst zu wecken."
„Gott bewahre" ... Er nahm die Schlüssel. Er war Innerlich sehr vergnügt, daß der Trennungsstrich ohne erheblichen Aufwand. an Gefühlen gezogen werden formte. Aber eine zarte kleine Rührung, eiivr empsindsame Gegenwirkung floh in das Fröhlichfein.
„Noch einen Küß," sagte er. „Es soll der letzte nicht sein."
„Doch —es ist der letzte, du toiHft es ja so.
„Hast recht. Also den letzten."
An der Haustür reichten sie sich noch eyrmal die Hand. Mit schleppenden Schritten und geneigten Kopf schritt Clemence die Soahe hinab. Der sieg'hafte Augenblick von vorhin war vorüber, älnzufriedenheit händelte mit ihrem besseren Selbst.
Gerhart nahm die Treppe zu seiner Wohnung in wenigen Sätzen. Ein herzliebes Dingelchen, summten seine Gedanken, und ein anständiges Kerlchen. Aber seien wir froh, daß alles vorüber ist. . . Er war zufrieden.
' 3.
Tie Wesenburg hatte in der Glanzwirkung des Frühherbsttages noch etwas von dem malerisch Aufgemauerten eines mittelalterlichen Feudal- schloftes. Bei dem jah. hundertlangen Fürsten streit in diesem Lande hatte sie auch in der Tat bald diesem, bald jenem der gekrönten Herren als festes Kastell gedient. Aber unter den Eisen-» kugeln der schweren Geschütze hatten schließlich die dicken Mauern nicht standhaften können, und was das Eisen nicht tat, vollendete die Zeit. Rur die riesigen Fundamente hatten der Zeit wie den Menschen getrotzt, und auf diesen unzerstörbaren Grundmauern war im siebzehnten 3ahr-
rjanöert cm grasiger voeatou in ote Lüfte M. fliegen, war im großen Kriege abermals einerl teilweisen Vernichtung crheinigefallen, dann fon* derlingshaft zufammengeflickt und zurechtg.stückelb worden und stand nun da als llafsifches Bemes-' stück einer zerfahrenen Epoche, vollendet, sttllos und doch entzückend für ein Künstlevauge, weil Raum und -Umgebung, Luftreiz und Gegenstand sich zu einem <mmut gen Ganzen einten.
Das Schloß lag auf der Höhe, auf einer umfangreichen Dergplatte, von dem alten _3ingti waren noch verwitterte Reste vorhanden, gle chwie in den Kellereien sich noch die Deckenbvgen spannten, die kein Geschoß aus Haubitzen und Mörsern hatte durchschlagen können. Unterhalb des park- artig umgewandelten Bergwalds leh.ite das Städtchen sich an, abermals cin lebendig gebliebenes Stückchen Mittelalter, bis auf einen nagelneuen Kirchturm, dessen dräuende Spitze schon von weitem in Sicht trat, obwohl es tein Wertpunkt war. Natürlich hatte das hübsche Nest ehemals zum Besitz der Wesenburger''Herren gehört, aber das war lange her. 3mmerhin er- streckte auch die heutige Herrschaft sich beträchtlich weit in das Land, im Osten bis an die Grenze von Groß-Ponar, im Südwesten bis zu der Ge- martung der Herrnhuterkolonie Kappietsch, noch^ weiter südlich bis zu dem Tannenhag der Harzberge. Der letzte We'enburg hatte der Auflösung des Fideikommisses durch eine Stiftung vorge- beugt, die den unverheiratet bleibenden Damen zweier verwandter Geschlechter, der Hora und bey Mehding, ein Anrecht an den Besitz zu gleichen Tellen sicherte. So housten denn nun oben im alten Schlosse statt gewappneten 2Na. nsvolks und holder Burgfrauen acht alte Stiftsdamen unter der umsichtigen Regierung eines noch jungen Fräuleins, das aber auf Grund des Stiftskodex den Titel „Frau" führen durfte. Es war die neu erwählte Domina Alexe von DNeyding. —
Ein offenes Wägelchen, ein sogenannter Sandschneider, fuhr über den Feldweg zwi chen Ackerland. in dem die Herbstbestellung längst eingesetzt hatte. Ein dickwanstiger Brauner war in die Schere gespannt und gab sich feine Mühe, den verdouungbefördernden, behaglichen Trab, den er liebte, gelegentlich zu lebhafterem Tempo zu steigern. (Fortsetzung folgt.)
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