Der Alte auf Topper.
Rvman von HannS t>on Zobelti h.
31. Fortsetzung. (Nachdruck betboten.)
Am Abend ist bei der Prinzessin Qlmolia Pharobank gewesen. Da hat sie sich norgenommen: verlierst du. so reisest du nicht. Denn Llnglück im Spiel heißt Glück in der Liebe, ist dann also nicht nötig. Gewinnst du aber, so muh es fein, ünb sie gewann ein ganzes Häufel blanker Frie- drichsdors.
Dann war es schnell geschehen. Urlaub von Ihrer Majestät genommen mit tränenfeuchten Augen: mein Verlobter ist schwer blessiert, ich muh nach ihm schauen. Abschied von Anatole... ach nein, der lieh es sich nicht abringen, muht' ßolottc wenigstens die erste Tagesreise bis Burg begleiten, dah er sie zu allerletzt recht zärtlich in die Pelze Wickeln und ihr noch inS rosige Ohr flüstern konnte:
„Peut-on etre auptes du rosier Sans en pouvoir cueillir la rose?“
So ist sie eines Mittags im Schneegestöber in Leichholz vorgefahren und hat den Alten nicht wenig aufgeschreckt. Immer sah eS ein weniges wüst um ihn her auS, seit die Frau Mutter selig nicht mehr sorgte, aber heut kam es dem verwöhnten Lottchen doch zu arg vor. Im groben Saale sah er mit seinen Kumpanen, dem Nieder- wiher und dem dicken, dicken Landrat von Boden. Sie hatten den Tisch dicht an einen der zwei glüherchen Kachelöfen gerückt: Ehgeschirr stand auf der groben Platte, ohne Tuch, und Flaschen und Gläser dazwischen: die Köter lagen unter den Stühlen unb nagten an den Knochen. Ach
du mein Himmel: die blaue Damasttapete in geben, der Deckenstuck schwarz vom Tabakrauch, Spinnweben überall, die Dielen Wohl seit Wochen nicht aufgefegt. War schon zum Grausen. Dazu die roten Gesichter und die johlenden Stimmen, die bis auf den Flur drangen.
Ein etwas schämte sich der Alte, als die De- moiselle in der Tür stand mit groben Augen. Aber dann fuhr er hoch, auf sie zu, schmatzte sie ab, rechts und links: „©orteten! Lotteken! Wahr und wahrhafttg! Ist mal 'ne Ueberraschungl Nur hereiit, Vir beihen nicht. DaS Mensch, die Mamsell, hat ein paar Hühner abgewürgt, wird für dich auch noch ein Happen da sein. Und ein Glas Tokaier ... bei dem Wetter. . . mein ßotte= ken . . . ja solch armer vieux gar<?vn . . . 's ist eben, wie eS ist! Ader willkommen tim Vaterhause!"
Nun war ihm die Freude doch auf dem Sertoetterten Gesichte geschrieben zwischen den Verlegenheitsfalten, und die beiden Kumpane, schicn's, freuten sich auch, taten sich ein wenig Zwang an, fußten chevaleresk die Hand, als ob sie's nicht anders gewöhnt, scheuchten die Köter fort, rückten einen Stuhl heran, halfen den Pelz ablegen und machten verliebte Augen dazu. Bald lachte das Lottchen, dachte: mit den Wölfen muht du heulen. Und dachte auch: die ungeleckten Bären. Mvn Dieu, so sind sie w)hl alle, und mit solchen leben müssen I Und dachte an ihren graziösen Anatole.
Recht wohl aber fühlte sich weder der lange Niederwitzer, noch der dicke Boden, der allmäch- tige Landrat. Währte nicht lange, so bestellten sie ihre Schlitten, hatten dringendst zu Hause zu tun, hatten nur eben im Dorüberfahren mit dem Bruderherz ein wenig Eon Oerfieren wollen, und
da hat der gute Lasvw sie festgehalten. War la immer so allein, der Herr Vater. DiS nun, wo das liebe schöne Töchterchen ihm ins Haus geflogen. „Hoffe d)ch, Lotteken, du kommst mal herüber nach Niederwitz," sagt der eine. „Vergib nicht, daß du mein Paterckind bist!" sagt der andere und „mit Permission" und schmatzt einen dicken Kuh mit seinem Stachelbart.
Nun sind sie fort
Der Alte hat sich die Pfeife bringen lassen, schmaucht mächtig: promeniert im Saal auf und ah, ist mit 'nem Male ganz nüchtern.
Das Lottchen hockt am Ofen, hat die Fübe gegen die Kacheln gestemmt, ist wie benommen im Kopfe.
„Sv hast doch Räson angenommen, kleine Kröt'? Hat lang genug gedauert."
„Wie stehts drüben ... in Topper?"
„Je nun! Was weih ich? Muht selber za- sehen."
„Din deshalb gekommen, Dater. Nämlich, Beate hat mir geschrieben."
„Selber, der Tugendbold? Schau za! Ist ja kurios. Was denn?“
Sie hat den Brief herausgenestelt. Er nimmt ihn, liest ihn, ein-, zweimal. Hat sein listiges Gesicht, spitz und scharf, wirbelt den weihen Bart. Schmaucht wieder mächtig.
„Je nun, das sieht ein Blinder, das wühl' ich auch ohn' die Epistel — bei der Witib rebelliert daS Blut. Das Ehbett stund lang genug leer.“
„Danach frag' ich nicht. Der Christel?"
Er sieht an ihr vorbei, stöht mit dem Fuß nach dem Hund, schmaucht eine dicke Wolke. Sagt endlich: „He nun . . . das kommt auf dich an.“
„Ich versteh' nicht, Herr Vater."
imn . . . da mußt du selber Kusehn.“
Jetzt ist es eine Weile still zwischen ihnen. Der Alte promeniert auf und ab. Das Lottchen sinnt und fröstelt dazu und gähnt. Dann sagt er: „Ist übrigens ein braver Mensch, die Beate. Ehrlich. Klug ist sie auch in ihrer Art. Meint wohl! mag die Lotte Lasvw kommen, und er mag wählen Sie ober ich Ich hab' meine Rechte auf ihn, hab^ ihn betreut unb gepflegt. Die Lotte aber hat sich fern amüsiert. So ist es.“
„Vater!“
„Je nun ... iß doch nicht anders."
„Er liebt mich, er hat Sehnsucht. Sie schreibt es ja."
„Unb du?"
Da ist das Lottchen stille.
Er wandert wieder. Schwer hallen sein« Schritte im großen Saal. Dann und wann brummelt er. Dis er wieder stehen bleibt. „Mach' dir ja keine Reprochen. Frommen zu nichts. Ich kenn' dich doch. Gönn' dir auch deine Ieunesse. Doch . . . wenn du gescheit bist unb hast nichts anderes in pettv, so lieh' ich mir den Christel nimmer entgehen. Wenn er auch ein Krüppel ist.'
„Ein Krüppel? VaterI"
„Ja nun . . . Invalid. Alles farm der Schä> fer nicht gut machen." - ,
Sie hat die Augen geschlossen. Horcht,'wie der Dater schweigend auf- und abschreitet, unb jeder Schritt tut ihr weh. Bei jedem Schritt klingt's: ein Krüppel ... ein Krüppel. Hat soviel, soviel Krüppel gesehen in den Kriegsjahren, hat Mit so vielen Mitleid gehabt. Ja, mit dem Christel gewiß zu allermeist. And doch ist bas etwas ganz anderes. Du mein Gott . . .
(Fortsetzung folgt.)
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