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Nr. 12

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Montag, 26. März 1923

173. Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrvck ünö Verlag: vrühl'sche UniverfitSts-Vuch- und Zteindruckerei H. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchnlstraste 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Sreis für 1 mm höhe für nzeigen v. 27 mm Brette örtlich 80 Mk., auswärts 100MK.;fürRedlam«. Anzeigen von 70 mm Breite 400 MK.BeiPlatz- vorschrist 20°/. 21uf schlag Hauptschristletter: Üug, Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen

Der 75. Gedenktag in Schleswig-Holstein.

Kiel. 24. März. (WTB) Stadt und Land der Provinz Schleswig-Holstein begehen heute in würdigen Feiern den 75. Gedenktag der schleswig-holsteinischen Erhebung. Die Stadt Kiel trägt reichen Flaggenfchmuck, in dem die alten blau-weih-rvten Landesfahnen vorzugswei e vertreten sind. Schon morgens begann hier die Feier mit einer Kranzniederlegung von etwa 60 Vereinsabordnungen au den Gräbern der Ge­fallenen auf dem St. Jürgens-Friedhof. Darauf begaben sich die Vereine im geschlossenen Zuge nach der Rikolaikirche, wo ein Festgottesdienst istattfand. Der preußische Ministerpräsident Braun traf zur Teilnahme an der Gedenkfeier in der Aula der Universität ein, bei der Prof. Dr. Hartung den Festvortrag hielt. Aach Beendi­gung der Universitätsfeier fuhr der Minister­präsident zu dem Festakt im Kollegiensaal des Rathauses. Aachdem das niederländische Dank­gebet verklungen war, begrüßte der Kieler Ober­bürgermeister Dr. L u e k e n die zahlreich erschie­nenen Gäste und dankte insbesondere dem Mi­nisterpräsidenten Jür seine Teilnahme. Er führte sodann aus, daß die Klänge des soeben vernom­menen Liedes uns in dine Zeit und Atmosphäre hineinführten, die der jetzigen nicht unähnlich sei, in die Zeit der Riederländer, die im Kampf gegen die spanische Unterdrückung 80 Jahre lang gekämpft und gelitten hätten. In gleicher Rich­tung bewege .sich heute in Deutschland die Stim­mung der Volksseele: Herr mach' uns frei! Aus der gleichen Stimmung heraus erwuchs derKampf, dessen Erinnerung wir heute festlich begehen. Auch Schleswig-Holstein habe gelitten unter dem Druck und der Tyrannei, die die dänische Herrschaft ihm brachte, seitdem es sein Recht verlangte: das Recht der freien Verfassung, das Recht auf Einheit für Schleswig und Holstein und auf den Anschluß an das größere deutsche Vaterland. Der Redner ge­dachte sodann des Vorkämpfers der schleswig-hol- steinifchen Idee iltoe Jens Lornsens. dessen tragi­sches Geschick ihn unserer Provinz besonders nahe bringe, ferner gedachte er der übrigen hervor­ragenden Männer im Kampf um die Befreiung der Provinz und schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß am Ende der fetzigen Bewegung in Deutschland das Wort wahr werden möchte, das am Anfang der schleswig-holsteinischen Be­wegung stand:Alp ewig ungedeelt, das ganze deutsche Vaterland up ewig ungedeelt I"

Hierauf sprach Ministerpräsident Braun. Heute nachmittag findet eine Festvvrstellung im Staatstheater statt. Abends werden in allen größeren Lokalen Gedenkfeiern abgehalten.

Englische Verhandlungsvorschläge?

London, 24. März. (Wolff.) DerDaily Chronrcle" schreibt, die Aussichten auf den Beginn von Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland scheinen gut zu sein, und fragt, ob die britische Regierung irgendeinen Aufbauplan beifteuem könne. Das Lloyd Ge­orge nahestehende Blatt fährt fort, es erführe, daß Llody George in der nächsten Woche in der Unterhaus-Debatte einige derartige Vorschläge machen wolle. Der Plan müsse Frankreich sein Recht geben, ohne die moralischen und materiel­len Demütigungen, die Deutschland in­folge des Krieges auferlegt worden feien, zu ver­mehren. Es dürfe keinerleiDeräußerung deutschen Gebietes in irgendeiner Verhüllung stattfinden. Die alliierten Be- sehungstruppen müßten zurückgezogen wer­den und andere wirksamere Garantien dafür, daß Deutschland sein Wort halte, müßten an ihre Stelle treten. Der R e pa r a t i on s be t rag müsse sehrbeträchtlichvermindert werden. Es müßten Garantien gegen einen Verzug Deutsch­lands gegeben werden; als letztes Druckmittel könnte eine Verfallserklärung betreffs des Pfan­des vorgesehen werden. Diese bürfe jedoch nicht in der Gestalt eines von einer Macht zu begehen­den Gewaltaktes geschehen, sondern es müsse ein gesetzlicher Akt sein, durchgeführt auf Anordnung eines internationalen Gerichtshofes, unter angemessener Berücksichtigung aller Gläu­biger und nicht nur eines Gläubigers allein. Der Völkerbund fei der einzige internationale Gerichtshof, derüber einen Verdacht erhaben" sei, und "e r müsse zu dieser Autorttät gemacht werden.

Eine internationale Sozialisten- konserenz in Berlin.

Berlin, 24. März. (WED.) Die Bespre- chung zwischen Vertretern der Sozialdemo- tratischen Partei Deutschlands und der von der Pariser Sozialistenkonferenz der interalliierten Länder nach Berlin entsandten Abordnung hat im Reichstagsgebäude angefangen. Die Abordnung, bestehend aus den QIBgg. Tom Shaw-England, Vincent Aurivl und Grumbach-Frankreich, Huysmans-Delgien und Matteotti-Jtalien, berichtete über die Pariser Ve^handluirgen, während deutscherseits die An­schauungen der svzialdemokrattschen Partei dar- gelegt wurden. Aach dieser allgemeinen Aus­sprache trat man in die Spezialdebatte, beginnend mit dem Reparationsproblem, ein, die am Sonntag fortgesetzt werden wird.

London, 24. März. (Wolff.) DemDaily Hemld' zufolge werden die Arbeiterführer R a m= faß Macdonald, Henderson und Tho­mas am nächsten Donnerstag in Paris ihve

vertagte Ko^erenz mit den sozialistischen Führern und den sozialisttschen Parteien des Kontinents toiebet auf nehmen.

Eine Sozialistentagung in Frankfurt.

Frankfurt a. M., 24. März. Die Ver­einigte Sozialdemokratische Partei veranstaltete heute vormittag imPalmengarten eine von mehreren tausend Personen versuchte Kund­gebung, die durch die Teilnahme des Vorsitzen­den des französischen Me:allarbeiterverbandes, M e r r h e i m, ein internationales Gepräge er­hielt. In seiner Rede über das ThemaRuhr­kampf und Jnternatronale" sprach sich Merrhetm gegen jeden neuen Krieg aus und forderte die Re­vision des Versailler Vertrages. A b r a m (Inns­bruck) erklärte, die deutsch-österreichtschen Arbeiter seien für den Anschluß an Deutschlcurd, jedoch nur an ein demokratisches Deutschland, in dem die Masse der vereinigten Arbeiterklasse maßgebenden Einfluß beim Aufbau des Staates habe. Als dritter und letzter Redner sprach Reichstagsabge­ordneter D i ß m a n n. Er sagte, die Einheitsfront im Abwehrkamps an der Ruhr sei nur eine schein­bare. In Wirklichkeit müßten die Arbeiter in Ab­wehrstellung sein sowohl gegenüber dem französi­schen Imperialismus wie gegenüber nationalisti­schen Treibereien im eigenen Lande. Zum Schluß gab der>ner seinem Bedauern Ausdruck, daß die Arbeitervertreter Burton (England) und Grimm (Schweiz) in letzter Stunde verhindert worden seien, an der Veranstaltung teilzunehmen.

Gegen die französisch-belgische Eisenbahnregie.

Berlin, 24. März. (WTD.) Die Errich­tung der französisch-belgischen Eisen- bahnregie veranlaßte ben Reichsver­kehrsminister zu folgender Delanntmachung an das Ctsenbahnpersonal im besetzten und Ein­bruchsgebiet:

An alle Eisenbahnbeamten, Angestellten und Arbeiter dec deutschen Reichsbahn!

Die Franzosen und Belgier richteten eine Regie für das Eisenbahnwesen im besetzten Ge­biete ein, die an Stelle der deutschen Verwaltung treten soll. Diese Maßnahme ist völkerrechts­widrig und verletzt den Vertrag von Versailles. Alle Weisungen und Anordnungen der Regie sind ungültig. Das deutsche Reichsbahnpecsonal unter­steht nach wie vor allein der deutschen Regierung und der Reichsbahnverwaltung und hat nur den deutschen Anordnungen zu gehorchen. Die deutsche Regierurrg befiehlt daher allen Beamten, An­gestellten und Arbeitern der deutschen Reichsbahn:

1. keiner Weisung der RegieFolge zu leisten.

2. Jedes .Zusammenarbeiten mit der Regie wird untersagt.

3. Der Aufforderung der Regie, unver­züglich zu ihren früheren Posten zurück- ^ukehren und den Dienst wieder aufzunehmen, ist unter keinen Umständen und an keiner Stelle nachzurommen. Zu den von den Franzosen und Belgiern besetzten Stellen kehrt das deutsche Personal nur dann zurück, wenn die betreffende Dienststelle zuvor von dem fran­zösischen oder belgischen technischen Eisenbahn- personal geräumt ist. Auf den von den Fran­zosen und Belgiern nicht besetzten Stellen arbeitet oas deutsche Personal nach Weisung seiner deut­schen Vorgesetzten.

4. Verstöße gegen die bestehenden Weisungen ziehen schwerste Difziplinarbestraiung nach sich, insbesondere Dienstentlassung und strafrechtliche Verfolgung.

Die Anordnung der Regie zeigt, daß Frank­reich und Belgien ohne die beut]eßen Eisenbahner den Eisenbahnbetrieb nicht in Gang sehen können. Deshalb kommt alles darauf an, daß jeder auch den neuen Verlockungen gegenüber standhält. Für die Störung der deutschen Wirtschaft tragen aus­schließlich Frankreich und Belgien die Verant­wortung, nicht die deutschen Eisenbahner, die durch fremde Militärmacht von ihren Posten vertrieben wurden und niemals unter fremdem Kommando arbeiten werden. Voller Schadenersatz wird allen durch die Maßnahmen der Franzosen und Belgier betroffenen Eisenbahnern und ihren Familien zu- gesichert.

Haltet aus, fest wie immer!

Re chsrer'ehrsminister: Gröner.

Sämtliche Großorganisationen in Gemeinschaft mit den Personalvertretungen stellten sich vollinhaltlich hinter das Verbot des Reichsverkehrsmini st er s.

Weitere Zwangsmaßnahmen.

Worms, 25. März. 3n Auswirkung des Aufrufs der franzöfischrn Regie wurde hier bereits mit Zwangsmaßnahmen begonnen. Der Regie­rungsbaurat Jordan wurde, weil er fich weigerte, in Regiedienste zu treten, verhaftet. Seine Familie muß binnen vier Tagen das be­setzte Gebiet verlassen. Ferner erhielten Sams­tag vormittag hier 3 8 Eisenbahner, die sich gleichfalls dem Joch nicht beugen wollen, den Befehl, binnen 24 Stunden die Dienst­wohnungen zu räumen.

Trier, 25. März. In Kart Hs» s wiesen die Franzosen am Samstag 14 Eisenbahner mit sofortiger Wirkung aus, weil sie keine Regie­dienste leisten wollen.

Verhaftungen in Mainz.

Mainz, 24. März. (Wolff.) Hier wurden weiter verhaftet Handelskammershndikas Meeßmann und der Leiter des Westdeutschen Depeschendienstes Heinz

Ein neuer Mord.

Vorhalle, 25. März. Der 27 Jahre alte Karl Bracht wurde gestern an der Bahnstrecke zwischen Vorhalle und Vollmerstein von einer französischen Patrouille erschossen. Bracht befand sich auf der Reise von Hagen nach Bochum und mußte wegen der Zugunterbrechung in Vorhalle aussteigen. Er suchte mit zwei Mtt» reisenden seine Reise zu Fuß fortzusehen, geriet dann in die Aähe der mllitarisierten Bahnstrecke Vorhalle-Dollmerstein und suchte offenbar diese in Unkenntnis der erlassenen Bestimmungen za überschretten. Dabei wurde er von der französi­schen Bahnhvfswache erschossen. Die Zeugenver­nehmungen haben keinerlei Anhaltspunkte für die von fraiuöftfdjer Seite verbreitete Darstellung ergeben, Daß von deutscher Seite auf die fran­zösische Wache Schüsse abgegeben worden seien. Trotz wiederholter Bemühungen von deutscher Seite ist die Leiche bisher nicht freigegeben worden.

Eiue Beisetzung in Essen.

D v ch u m, 24. März. (DTV.) In Essen wurde heute nachmittag unter großer Beteili­gung der von den Franzosen in der Aacht zum Sonntag erschossene Buchdruckereibesitzer Kurt Schulte auf dem Ehrenfriedhof zur letzten Ruhe bestattet. Im Trauergefolge befanden sich mehrere noch übrig gebliebene Beigeordnete der Stadt Essen sowie Vertreter anderer Behörden. Die Beisetzungsfeier ver­lief schlicht und einfach.

Ein geheimnisvoller Transport.

Mainz, 25. März. Von glaubwürdigen Augenzeugen wird gemeldet: Am Montag mittag den 19. März, traf auf dem hiesigen Hauptbahn- 'Hof ein französischer Gilgüteczug ein, der zwei v°Zugwagen mit sich führte, dessen Feaster dicht verhängt waren. Kaum hielt der Zug, so wurde der Bahnhof auf das allerschärfste von der fran» französische Gendarmerie abgesperrt. Aus den O-Zugwagen wurden fobann zahlreiche französische Alpenjäger gebracht, von denen je zwei mit den Händen z u sam- mengefeffelt waren. Diese Militärgefangenen wurden in einen anderen Zug gebracht, der in der Richtung nach Worms (also dem Elsaß) weiterdampfte.

Ein neues Eisenbahnunglück.

P a r i s, 25. März. (WB.) Hadas meldet aus Düsseldorf, bei Gerolstein habe in der letzten Rächt ein Zusammenstoß zwischen einem aus Köln und einem aus Trier kommenden Zugstatt­gefunden. Sechs Eisenbahnange st eilte und drei Reisende seien verwundet wor­den. Der Betrieb werde im Laufe des heutigen Tages wiederhergestÄll werden.

Undentsche Firmen.

Berlin, 25. März. (Wolff.) Es sind Wetter die Ramen der folgenden Firmen mitzuteilen, welche trotz der deutschen Warnungen mit den in französischem Interesse arbeitenden Ein- und Aussuhrstellen Verbindung such­ten: Die westdeutsche Wasserbauge- s eil schäft in Duisburg; A. Held, Antiqui­täten, in Wiesbaden, Taunusstr. 29; Hart og u. Sohn In Emmerich: Dr. Arthur Diesel- d o r f f in Wiesbaden, Recostraße 38; Spiegel­glasfabrik Germania in Porz bei Ur» bach; die Lebsnsmittelgroßfirma Frohwern u. Rolden in Düsseldorf; Paul Weil u. Täsch» ner in Düren; Prickarts in Mainz; Deut- scheSolvaywerkein Rhe.nsöerg; Kohlen- fäuretoerfe in Hönningen.

Auf Antrag der Firma Kupfer- und Messingwerke G.-G. in Elberfeld erfolgte eine amtliche Untersuchung ihrer jüngst hier be­legten Aus, uhrangelegenheit. Die Untersuchung ergab, daß die Anprangerung der Firma zu u n ° recht erfolgte. Zwecks Erlangung von Anstel­lung stellten sich folgende Personen dem Ein» und Ausfuhramt in Ems zur Verfügung: Max Groh, Hoheneiche bei Saalfeld an der Saale, Emil Ludwig, Wiesbaden, Jägerstr. 9.

Polnische Ausschreitungen in Königshntte.

Königshütte, 26. März. (WTB.) Anläßlich der Feier der Festsetzung der polnischen Ost grenze kam es in Kö­nigshütte in Polnisch-Oberschlesien zu Ausschreitungen gegen die Deut­schen. Durch die Teilnehmer eines Fackelzu­ges wurde eine Versammlung, die sich mit rein kulturellen Aufgaben befaßte, gesprengt. In der Rächt zum Sonntag wurden fast sämtliche Straßen- und Firmenschilder mit Teer beschmiert. Das Verlagögebäude desOberschlesischen Kuriers" wurde sogar mit Steinen beworfen. Wie verlautete, beabsich- ttgt der Oberbürgermeister der Stadt, der dem Deutschen Volksbund angehört, zum Protest gegen diese Ausschreitungen der heutigen Feier fernzubleiben.

Eine interessante Begegnung in Mailand.

Paris, 26. März. (WTB.) Havas be­richtet aus Rom, Mussolini sei nach Mai­land abgereist. Zu gleicher Zett wird aus Brüssel berichtet, daß auch der belgische Außenminister Jasper heute abend nach Mailand abreifen wird. Jasper reist, wie der Petit Parisien" mitteilt, aus privaten Gründen nach Italien, aber er wird in Mailand eine Be­

sprechung nrit Mussolini haben. Auch der polnische Außenminister S k r z y n s k i werde in MaUand mtt Mussolini verhmrdeln.

Deutscher Reichstag.

327. Sitzung.

Berlin, 24. März 1923.

Am Regierungstisch Reichsschatzminister Dr. Albert und Reichsernährungsrninister Dr. Luther.

Präsident Löbe eröffnet die Sitzung um 9.20 Uhr vormittags.

Reichsschatzminister Dr. Albert bringt die vom Reichstag gewünschte Denkschrift über die Kosten derRheinlandbesehung ein und stellt darauf fest, daß die Desehungskosten bis Ende 1922 nmo 4,5 Milliaichen Gvldmark betragen haben (Hört, hört!), ohne die Kosten für die Be­setzung des ausgedehnten Sankttonsgebiets und für die alliierten Kontrollkommissionen. Der Mi­nister stellt fest, daß diese Summe viel produk­tiver zugunsten unserer Gläubiger und zum Wiederaufbau Rordfrankreichs hätte verwendet werden können. Zum Vergleich hebt der Minister hervor, daß in den letzten vier Jahren vor dem Kriege die Aufwendungen des Reichs für Heer und 'Flotte 3,75 Milliarden Mark betrugen. Diese Ausgaben würden also jetzt von den Be- fcchungskosten um 3/t Milliarden Gvldmark über­stiegen. Aach dem Friedrnsvertrag sollte die Be- sahungsarmee an Zahl die frühere deutsche Frie­densstärke in diesem Gebiet nicht überschreiten. An Stelle der ehemaligen deutschen Belegung mit 70 000 Köpfen in 28 Orten feien aber im Sep­tember 1922 in den Rheinlanden 220 Orte mit 145 000 Mann belegt worden (Lebhaftes Hört, Hört!), während offiziell die Stärke der französi­schen Brsatzungsarmee auf 90 000, der belgischen auf 10 000 Mann festgesetzt sei. Dieser starken Belegung entsprächen auch die naturalen Dienst­leistungen für die Besatzungsarmee. Der Minister erinnert an die landwirtschaftlichen Betriebe, Flug­plätze, Exerzierplätze und dergleichen. Außer den vorhandenen 32 deutschen Schießständen und Exer­zierplätzen seien 54 neue Anlagen dieser Art er­zwungen worden, außer den vorhandenen sieben Flugplätzen wettere 19. Bordelle seien. bis in die kleinsten Städtchen gelegt worden. In 60 Orten des altbefaßten Gebiets seien 250 Fabrik­anlagen aller Art beschlagnahmt worden. Der Minister schildert dann die großen volkswirt­schaftlichen Schädigungen, die infolge der Besetzung sich ergeben und bespricht weiter die Gincfuar- tierungslasten. Außer den Kasernen seien Ende 1922 15 000 Wohnungen mit 37 000 Zimmern, und außerdem noch weitere 10 000 Zimmer zur Unter­bringung von Offizieren und Mannschaften be­schlagnahmt worden. Das sei nicht zu verwun­dern, wenn man bedenke, daß auch die An­gehörigen der Truppen auf Kosten Deutschlands untergebracht werden. So habe in der belgi­schen Zone ein unverheirateter Osfi- zier für fich zur Verfügung fünf herr- schaftlicheZimmernebst Küchefürsich selbst, seine Großmutter, seine Mut­ter, 2unverheirateteSchwe st er n, eine verheiratete Schwester und 2 Kinder der verheirateten Schwester (Bewegung und Entrüstungsrufe). Der Minister verweist dann auf das Retz der französischen Beamten und De­legierten, mit denen das Rheinland systematisch überzogen würde. Dieses Gesamtpersonal habe be­reits im September 1920 1300 Köpfe betragen, für französische Abteilungen dieser Art seien be» retts im Jahre 1922 1,9 Milliarden bezahlt wor­den. Die Besetzung der Rheinlands sei eine ein­zige ununterbrochene Kette von Vertragsverletzun­gen. Ein ehemals blühendes Land sei zu einem Heerlager größten ©tiß gemacht worden. Dieser französische Militarismus werde durchgeführt auf Kosten einer anderen Ration, der man dadurch gleichzeitig die Mittel für finanzielle Leistungen nehme.

Präsident Lobe teilt im Anschluß daran mit, daß in der letzten Zeit beim Reichstag etne große Anzahl von Sympal hickandg: bangen zur Abwehr im Ruhrgebiet aus österreichischen und deutschen Städten eingegangen sind. (Beifall.)

Der Antrag der bürgerlichen Arbeitsgemein­schaft und der Sozialdemokraten, der den Finanz­minister ermächtigt, die Tabakzölle für die Zeit wirtschaftlicher Bedürfnisse herabzufehen, wird ge­gen die Kommunisten in dritter Lesung angenom­men.

Darauf wird die Ernährungs aus« spräche beim Haushalt des Reichs Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft fortgesetzt.

Abg. Do brich (D. Dpt.) bittet, die For­schungen der Wissenschaft möglichst bald in die Praxis überzuführen. Mtt der Beschaffung einer großen Getreidereserve und der Verbilligung des Brotes für die minderbemittelte Bevölkerung er­klärt sich der Redner einverstanden. Der Besitz sei überlastet und zeige nur eine Scheinblüte. Riemand wolle sich aber um eine weitere Be­lastung des Besitzes Herumdrücken zum Zwecke der Brotoerbilligung. Ae Landwirtschaft ziehe aus der jetzigen Lage keinen Gewinn. Leide schon der Großbetrieb unter der Kreditnvt, so wisse der kleinere und mittlere Betrieb erst recht nicht, wie er sich einrichten solle. Um die Produktion stei­gern zu können, müßten die Hemmnisse der freien Wirtschaft beseitigt werden. Das ganze Volk müsse produktive Arbeit leisten, auch das Parlament, wo viel zu viel geredet werde. (Beifall.)

Abg. Hermann (Dem) bekennt sich zu dem Grundsatz der freien Wirtschaft; nur da­durch könne die Erzeugung gesteigert werden. Die Beträge für die Umlage seien nur noch ein Trinkgeld. Der Rückgang de- landwirtschaftlichen Anbaufläche betrage fast das Dreifache des Rück-