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Sorge um das Stückchen Brot für morgen. Dein Q3rot muh ihm unter allen Umständen gesichert sein, sonst kann er beim besten Willen nicht kämpfen. Und ebenfo läht sich der moralische Widerstand der Massen im unbesetzten Gebiet nur aufrechterhalten, wenn hier für Arbeitsgelegen­heit und Lebensmöglichkeit gesorgt ist. Für das unbesetzte Gebiet Kohle, für das besetzte Gebiet Lebensmittel zu schaffen, die zur Verteilung ge-- strngen sei es für Arbeiter oder Richtarbeiter das ist das Problem, davon hängt alles ab.

Heber die Unverschämtheit des ver­übten FriedensbrucheZ herrscht überall dumpfe Wut. Das So^oarenspiel auf offener Straße weckt Erinnerungen an alte Zeiten, deren Wieder­kehr man nicht wünscht. Der Versuch, mit mili­tärischen Kommandotönen, aufgepflanzten Bajo­netten und spazieren gefahrenem Kriegsgerät den wundervoll komplizierten Wirt­schaftsorganismus des Ruhrrevieres zu meistem, toirö in allen seinen Stadien mit Ge­lächter verfolgt. 3n den Massen herrscht dieselbe prachtvolle Kampfstimmung wie etwa in der Der- liner Arbeiterschaft während des Kapp-Pu.sches, wenn man sich auch dessen bewußt ist, dah biefer Kampf schwerer ist und länger dauern wird.

Die Nationalspende.

Berlin, 25. Jan. (WTB.) Wie die Blätter mitteilen, wird sich die Zentralarbeits­gemeinschaft beute mit einem Aufruf an die Oeffentlichleit wenden, worin die Arbeiter aufgefordert werden, einen Stundenlvhn zur Linderung der Rot der Ruhrbevölkerung zu spen­den, während die Arbeitgeber das Vier­fache an Geld und Ratu allen abliefem sollen. Ein pa itätjsch zu ammengese,.tes Kuratorium wird über die Verwendung dieser Rationalspende ver­fügen. 3m zweiten Aufruf an die Wirt- schmstsverbände der Zentralarbeitsgemeinscha. wi.d gefordert werden, dah neue Verhandlungen über die Lohn- und Gehaltsbedingungen im Geiste der Verantwortung und des sozialen Friedens geführt werden sollen.

Ein Ausruf

der deutschen Regierungen.

3n einem Aufruf der deutschen Regie­rungen heiht es:

Der Staat wird helfen, wo er kann, aber vor der Staatshilfe muh eine andere Hilfe kommen, freier, beweglicher: die Hilfe des Volkes a m V o l k e! Schon haben sich Herzen und Hände aufgeschlossen, um das Leid und die Lasten zu lindern, den Widerstand für deutsches Recht zu stählen und der Welt die Kraft Deutschlands und sein Recht kundzutun.

Was Deutschland erneut auferlegt wird, ver­langt von uns grohe Opfer. Grohe wirt- schaftliche Verbände haben schon den Hilfsge- danken in ihren Kreisen zur Tat werden lassen. Riemand wird zurückstehen dürfen, kein Land, kein Alter, kein Stand, kein Geschlecht. Wir wenden uns darum an alle Volksgenossen mit dem Ruf: Empfindet die kommende Rot als gemeinsame deutsche Rot, wehrt sie ab. lindert sie, entsagt dem Luxus und der Heppigleit, um dem Rächst en zu helfen, gebt aus dem Heberfluh, wie aus bescheidenen Verhältnissen, was geleistet werden sann. Es geht um Deutschlands Dasein und Zukunst, um Recht und Freiheit des Volkes. Gebt deshalb zum deutschen Vollsopfer. Die aufgebrachten Mittel werden von einem Der- trauensausschuh verwaltet und verwendet, der unter dem Vorsitz des Reichskanzlers zusammen­tritt.

Berlin, den 24. Januar 1923.

Ebert, Reichspräsident. Für die Reichsregie­rung: Reichskanzler Dr. E u n o. Die Regierungen der deutschen Länder.

Ein Einspruch des Kardinal­erzbischofs Schulte beim Papst.

Köln, 25. Ian. (WTB.) Rach der .Köln. Volksztg." richtete Kardinalerzbischof Schulte an den Pap st einen Einspruch gegen di? brutalen G ewa ltakte Frankreichs, durch die nicht nur über pflichttreue Beamte, die sich weigerten, zum Landesverräter zu wer­den. grausame Strafen verhängt werden, sondern auch über die Frauen und Kinder dieser Beamten. Der Heftige Vater wurde gebeten, seinen Einfluh zur Abkürzung des frevelhaften, von Frankreich erneuerten Kriegszustandes einzusehen.

Münster, 25. Ian. (Wolff.) 3n Anwesen­heit von über 2 5 0 Geistlichen, unter Teil­nahme des Bischofs von Münster. Dr. Johannes Poggenburg, unter dem Vorsitz dos Dompropstes Hniv.-Prvf. Dr. Mausbach Wirde nach einem Re­ferate des Reichstagsabgeordneten Hniversjtäts- Professors Dr. Schreiber eine Entschließung ein­stimmig angenommen, in der es heiht: ..Die am 24. Januar in Münster versammelte Geistlichkeit des Bistums Münster erhebt scharfen Einspruch gegen die gewaltsame Besetzung des westfälischen und rheinischen Gebiets. Sie weih sich eins mit dem gesamten Deutschland in der Abwehr un° berechtigter Eingriffe. Sie sieht mit Sorge, dah die Besetzung eine ernste Schädigung des religiös­sittlichen Lebens und der kulturellen 3ntereffen herbeiführt."

Ein Antrag Frankreichs im Wiederherstellungsausschuh.

Paris, 26. Jan. (WTB.) Havas veröffent­licht folgende Mitteilung: Die französischen Dele­gierten bei der Reparationskommission übersandten gestern dieser einen Entwurf, den

sie als Antwort auf das von der deutschen Regierung am 14. Rovember 1922 gestellte Moratoriumsgesuch unterbreitet haben. Dartchou und Delacroix sind jedoch infolge des im­mer stärker sich auswirkenden Wide.standes Deutschlands gegenüber der ©anftionen der Al­liierten sich einig, daß seit dem 13. Januar, dem Tage, an dem die Reichs e sterung der Kommission die Einstellung der Sachlie e.ungen auf das Re- paiationskonto notifizierte, die deutsche Regie­rung ihr Moratoriumsgesuch mit der Tatsache solle hinfällig gemacht haben. Auf Grund des i;12, Anlage 2 Teil 8 bed Versailler Vertrages arerden die französischen und d'.e belgischen De­legierten die Rotifiz'erung der Verfehlung bean­tragen und einfach die Aufrechterhal­tung des Zahlungsplanes vom 5.Mai 1921 verlangen.

Allgemeiner Streik der Eisen­bahner.

Trier. 25. Ian. (WTB) Die Reichs­eise nbahndirektion telegraphierte an alle ih e Dienststellen:Ab heute, 25. Januar, mittags 2 Hbr, ruht aus Anlaß der Auswer­fung von, Beamten jegliche Arbeit und Dien st Verrichtung. Ende morgen, 26. Januar, nachm. 2 Uhr. Zeitdauer 24 Stunden. Unterzeichnet: Bezirks e.tung des Deutschen Eisen- bahnerverbandes. Destels ei'ung der höheren Be­amten. Gewerkschaft Deutscher Eisenbahner. All­gemeiner Eisenbah erverband."

Trier, 25. Ian. (WTB.) Infolge der Aus­weisung von zehn Beamten ist w'.e bereits ge­meldet heute nachmittag 2 Uhr em 24ftünbiger Proteststreik der gesamten Eisen­bahner schäft eingetrc'er. Ein Kurier ist mit den Forderungen der Gewerkschaften und Be­triebsräte, die auf Zurücknahme der Ausweisun­gen hinauslaufen, auf dem Weee nach Kob­lenz zur interalliierten Rheinlandkommission.

Zu den Ausweisungen selbst erfahren wir noch folgendes: Unter den ausgewiesenen Beam­ten befinden ftch sechs Rheinländer. Die Herren waren gestern nachmittag 5 Hhr zum De- zirksdelegierten der Rheinlandkommissivn geladen worden, wo ihnen in einer dreiviertelstündigen Desprec^ng der Ausweisungskesehl bekannt- gegeben wurde. Darauf wurden die Herren von französi schen Soldaten in ihre Woh­nung gebracht, wo sie sich mit dem Rvtwen- digstcn versehen konnten. Um 5,20 Uhr muhten sie in der Richtung Limburg weiterfah­ren. Der Bischoff Bvrnwasser von Trier stattete am heutigen Rachmittag den durch die Ausweisung betroffenen Fanrilien Besuche ab, wobei ihm von der Bevölkerung stürmi­sche Huldigungen dargebracht wurden. Um 5 Uhr traten die Stadtverordneter zu einer außer­ordentlichen Sitzung zusammen, in der der Magi­strat und das Stadtvero"dnet"nkolleaium seien die Ausweisung des Oberbürc e-meifterS von Rauckbausen protestierten und e klärten, dah Rauchpausen auf Lebenszeit Bürgermeister von Trier ser und bleibe.

Elberfeld, 25. Jan. (WB.) Der Bahnhof Dahlhausen an der Ruhr ist seit heute mittag von französischen Truppen beseht und dadurch gesperrt. Infolge der Sperrmna können feit heute mittag sämtliche zwischen Elbechlld und Essen über Hattingen verkehrenden Gilzüge nicht mehr fahren. Der Personenverkehr bis Hattrngen wird nach Möglichkeit aufrechterhalten.

Düsseldorf 25. Ian. (WB.) DerDüffeb Dörfer Bahnhof ist heute mittag neuerdings von französischen Truppen beseht wor­den: die Eisenbahner haben daraufhin die Arbeit niedergelegt, so daß der Bahnhof für den Verkehr geschlossen ist. Durch die Sper- jning der Bahnhöfe von Düsseldorf und Dahlhausen ist das bergische Land fast gänzlich vom Verkehr abgeschnitten.

Proteststreik in Trier.

Trier, 25. Ian. (WTB.) Sämtliche 21 r- beiter und Angestellte von Trier sind heute mittag 12 Uhr aus Anlaß der Auswei­sung von zehn höheren Beamten der verschiedensten Verwaltungen von Trier in einen geschlossenen Proteststreik getreten. Der Pro­teststreik rief geradezu erhebende.vaterländische Cßeranftaltungen hervor. Die studierende Jugend zog in geschlossenen Zügen, gefolgt von der ge­samten Devöllerung, unter Absingung vaterländi­scher Lieder durch die Straßen der Stadt. Mit Beginn der Dunkelheit re -schwand auch das elek­trische Licht und die Stadt hüllte sich in tiefe? Dunkel. Plötzlich erschienen französische Kavallerie­patrouillen, um die Demonstranten von der Straße zu vertreiben. Das ist ihren a^ec nicht gelungen. Die Dollsmenge cvich zwar der französisch-en Ka­vallerie aus, sammelte sich aber wieder an der nächsten Straßenecke und setzte die Demonstrativ'' rren fort. Infolgedessen haben die Franzosen über die Stadt Trier den Belagerungszustand verhängt. Von abends 9 Uhr bis morgens T Uhr darf keine Zivilperson die Straßen betreten. Die Verkehrsanstal len haben den Betrieb vollständig niebevaeregt. Die Stimmung der Devöllerung ist ausgezeichnet.

Ausweisungen und Verhaftungen.

Aachen, 26. Ian. (WTB) Dem hiesigen Re­gierungspräsidenten Dr. R o m b a ch und seinem ständigen Vertreter, Ober egierungsrat v. G o e r t- feben, wurde ihre Ausweisung mitgeteilt. Den beiden Beamten, geborenen Rheinländern, wur­den 24 Stunden Frist gelassen. Ihre Familien müssen nach 8 Tagen folgen.

Trier, 26. Ian. (WTB.) Landrat von Daun ist von der Desatzungsbehörde verhaf - t e t worden.

Der zweistündige Proteststreik in Düsseldorf.

Düsseldorf, 26. Ian. (WT2.) Anläßlich des zweistündigen Proteststreikes der Reichs-, Staats- und Kommunalbe­amten ruhte gestern zwischen 5 und I Uhr der gesamte örtliche und Fernsprechverkehr. In den sptcn Rachmittagässtunden kam es hier In den Hauptstraßen zu gewaltigen Ansammlungen. Heber die Kaiserallee bewegte sich ein unüber­sehbarer Zug unter dem Gesänge vaterländischer Lieder. Bor demDreitenbacher Hof" versuchte französische Infanterie und Kavallerie den Zug auseinanderzusprengen. Der Zug formierte sich abrr wieder von neuem. Es wurden französischer­seits mehrere blinde Schüsse abgegeben. Kavallerie ging mit blanker Waffe vor. Verletzungen sind aber bis jetzt noch nicht gemeldet.

Kundgebungen für die heim kehre», den Jnduftrieführer. Essen, 25. Ian. (WB) Die Heimkehr der vom französischen Kriegsgericht wideinechllich ver­urteilten Dergwerksdirektoren des Ruhrrevrers ge­staltete sich zu einer ergreifenden vater­ländischen Kundgebung des deut­schen Volkes für die Männer, die in Mainz tapfer und treu deutsches Recht und deutsche Würde vertraten. 2Iuf allen Bahnhöfen waren tausende von Menschen versammelt, die mit ju­belnden Zurufen die Industrieführer des Ruhr- reviers begrüßten. Der Empfang, den die Bevöl­kerung Essens ihren Mitbürgern bereitete, brldete den schönsten Abschluß der denkwürdigen Fahrt und hinterließ unvergleichliche Eindrücke. Die am Bahnhof harrende unabsehbare Menge zeigte eine mustergültige Haltung. Die französischen Po­st ierunaen waren zurückgezogen. 2lls der Düssel­dorfer O-Zug gegen 4i/2 Uhr in den EssenerHaupt- bahnhof einfuhr, brauste das Deutschland-Lied durch die Halle und über den Platz. Mit entblößten Häuptern begrüßte die Wenge die Bergwerks­direktoren. Stürmische Hochrufe auf die tapferen Männer und auf Deutschland folgten. Die auf dem Bahnsteig versammelten Anaehörigen der Heimkehrenden überreichten diesen f ischen Lorbeer und Blumen. Zu dem Empfang waren ferner Ver­treter der Reichs- und Staatsregierung, der Stadt Essen, des ganzen Ruhrbergbaus usw. erschienen. Rach den Empfangsfeierlichkeiten nahmen die Di­rektoren in einem Kraftwagen Platz, welcher sich nur mit größter Mühe durch die Menge einen Platz bahnen konnte. Immer wieder folgten er­neute Hochrufe.

Essen, 26. Jan. (WTB) Gelegentlich der gestrigen Demonstrationszüge verlang c vor dem Gebäude der Hauptpost ein f ra n z ö s i s che r O s - fizier die Verhaftung eines Deut­schen. Die Menge nahm daraufhin eine drohende Haltung gegen ihn ein. Der Offizier zog den Re­volver und machte sich schußbereit. Von Schupobeamten wurde er an dem Gebrauch der Waffe gehindert. Die Beamten zogen eine Kette zwischen ihm und der Menge, worauf er sich in das Postgebäude zurückziehen konnte.

Die Behandlung von GeheimratRaiffeifen uudDr.Schlutius Darmstadt, 25. Ian. (WTB) Geheimrat Raiffeisen und Dr. Schlutius s'md gestern abend hier in Darmstadt eingetroffen und er­zählten einem RedakteurHessischen Landes­zeitung - Täglicher Anzeiger" über ihre Erlebnisse folgendes: Mich der Verhandlung und nachdem ihm sein Rechtsanwalt mitgeteilt hafte. dah er zu einem Jahr Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt worden sei, wollte sich Dr. Schlutius mit Geheimrat Raiffeisen nach dem Zentralhotel begeben, wo die verurteilten Industriellen den Abend verbrachten. Beim Verlassen des Iustiz- gebäudes wurde Dr. Schlutius erneut von fünf französischen Soldaten mit Geheimrat Raiffeisen festgenommen und in ein Auw verbracht Sie passierten die Rheinbrücke und führen dann un­gefähr anderthalb Stunden durch die Rächt. A u f einer Chau ssee, an der sich ein fran­zösisches Wachthaus b e ja n d, wurden sie ausgesetzt und ihre Koffer hinter ihnen hergeworfen. Das Qluto fuhr dann zurück. Die Herren wußten nicht, wo sie sich be­fanden. Menschliche Wohnungen toaren nicht in der Rähe. Rach etwa halbstündigem Warten kam ein Auto auf der Straße an und der Inhaber, Herr Castel aus Mainz, brachte dann beide Herren, die zwischen Griesheim und Darmstadt ausgesetzt worden waren, nach Darmstadt, wo sie völlig mittellos eintrafen.

Die Lausanner Konferenz.

Lausanne, 25. Jan. (WTB.) Die gestrige Mitteilung über die baldige Heberreichung des Friedensvertragsentwurfs an die Türken und der Wunsch der alliierten Delega­tionen, zu einem schnellen Abschluß der Konferenz zu gelangen, bestätigt sich Die Alliierten haben beschlossen, die Arbeiten der Hauptausschüsse noch in diesen Tagen zu beenden. Morgen sollen der von Garoni geleitete Aus­schuß für das Fremdenstatut und die Frage der Kapitulationen und der von Dompard präsidierte Ausschuß für Wirtschafts- und Finanzfragen zu- fammentreten. Am 27. Januar werden die Alliier­ten bann die letzte Hand an den Friedensvertrags­entwurf legen, der am Sonntag, dem 28. Januar, in einer Konferenz der alliierten Delegalwns- führer endgültig diskutiert wird. Am Montag wird der Entwurf den anderen Mächten mit Aus­nahme der Tüten vorgelegt und am Mittwoch der

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175. Jahrgang

Freitag, 26. Januar 1923

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Drncf nnd Verlag: vrlihl'sche Univerfikätr-Vuch- und Stelndruckerei R. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulsttatze 7.

Annaqme von 2In$eigen für die lagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigeno 27 mm Breite örtlich 30 Md , auswärts 40 Mk.; für Reklame- Anzergen von 70 mm Breite 150 MK.Dei Platz» Vorschrift 20°/e Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumichein; für den Anzeigenteil: Hans Leck, sämtlich in Gießen.

Nr. 22

Erscheint täglich, außer Sonn» und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GießenerFamilienblötter Monatliche öezugspreis«: 760 Mark und 40 Mark T rägerlohn,durch diePost 800Mark,auch bei Nicht» erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gewalt. -Fern sprech. Anschlüsse: für bieSdjrift» leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger Stehen.

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Ein englischer Arbeiterführer int Ruhrgebiet.

Charles Roden Buxton, ein hervor­ragender Führer der englischen Arbeiterpartei, weilte, so schreibt derVorwärts", in den letzten Tagen als offizieller Abgesandter der Hnabhängigen Arbeiterpartei mitten unter unseren kämpfenden Kameraden, nahm an ihren Besprechungen mehrfach teil und Über­mittelte ihnen die Grüße der englischen Ar­beiterschaft. 2lus der Rückfahrt von Essen nach Berlin hatte ein sozialdemokratisches Partei­mitglied Gelegenheit, sich mit Cöujton aus­führlich über die Eindrücke, die er im Ruhr­revier ausgenommen hatte, zu unterhalten. Buxton äußerte sich folgendermaßen:

Ich habe die Störungen, die der Einmarsch der Franzosen im alltäglichen Geben der Arbeiter verursacht hat, an der Quelle studieren formen, denn ich habe bei einem Bergarbeiter gewohnt, mit dem mich vor zwei Jahren Otto Hue bekannt gemacht hatte, und habe mit vielen Arbeitern gesprochen. Der Einmarsch machte sich bei den Massen sofort durch ein Steigen der Lebens- mittelpreise ungefähr auf das Doppelte be­merkbar. Es entftanb eine allgemeine Beunruhi­gung. Riemand wußte, was am kommenden Mor­gen werden sollte. Besondere Empörung erregte es dann, als die Arbeiter ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken konnten, weil die Schulen von den fremden Garnisonen beschlag­nahmt worden waren. Das Verh alten der französischen Behörden gegenüber den Arbeitern kann ich nur als unverschämt be­zeichnen. Ich'habe noch nie etwas ähnliches ge­sehen. Die Arbeiter hassen die französischen Offi­ziere und die französischen Behörden. Aber sie empfinden gegenüber Frankreich und den franzö­sischen Soldaten keinen Haß. Sie haben für die einfachen Soldaten noch die Entschuldigung, dah sie doch selber unter dem Zwang der herrschenden Kaste ständen. Die Kruft der Arbeiterklasse beruht auf ihrer passiven Resistenz, mit der die feindllche Invasion nicht fertig werden toirb. Da­rin ist die ganze Arbeiterklasse einig, auch die Kommunisten wollen nicht unter den fremden Bajonetten arbeiten. Das Abkommen von Dort­mund über die Freigabe der militärisch besetzten Bahnstrecken war ein erster großer Erfolg.

Genosse Buxton kam bann auf die Hcrltu n g Eng lands zu dem Vorgehen der Franzosen zu sprechen und führte darüber aus: Die über­wiegende Mehrheit des englischen Volles sei ent­schieden gegen Frankreichs gegenwärtige Politik. 3n bürgerlichen Kreisen ist der Hmschwung erst in letzter Zeit zögernd und allmählich erfolgt. In den Arbeiter kreisen, die schon feit vier Jahren Stellung gegen den Frieden von Versailles ge­nommen haben, ist das Gefühl gegen das franzö­sische Hnrecht viel stärker entwickelt. Die eng- ' lisch en Arbeiter sehen in dem Vorgehen Frank­reichs den Gipfel des Imperialismus. Die Stimmung gegenüber den kämpfenden Kame­raden im Ruhrrevier ist die einer vollkommenen Solidarität, wie ja auch meine Entsendung nach dem Ruhrrevier beweist. Würde es freilich zu Gewalttätigkeiten im Ruhrrevier kommen, bann könnte diese Stimmung leicht Umschlagen. Wir würden eine Intervention, sei es des Völkcrbunbes, sei es Amerikas, begrüßen. Wie wllt unsere Kraft reichen wird, die Regierung in posittvem Sinne sn beeinflussen, läßt sich natürlich im voraus nicht sagen. Einen günstigen Hmstand bedeutet es, daß auch die kaufmännischen Kreise klar gegen die französische Politik Stellung genommen ha­ben. Eine aktive militärische Hnterstühung Frank­reichs durch 'England würben wir auf alle Fälle verhindern tonnen, aber die wird wohl für keine englische Regierung mehr in Frage kommen. Für uns von der Hnabhängigen Arbeiterpartei handelt es sich hier nicht um Frankreich ober Deutschland, sondern um einen Kamps zwischen dem Militaris­mus und der Arbeiterklasse Hnd da stehen wir mit unferm ganzen Herzen auf der Seite der kämpfenden Kameraden im Ruhrrevier.

* * *

. Friedrich Stampfer weist in einem be­sonderen Leitartikel desVorwärts" auf diese Tatsache hin,daß die englischen Arbeiter die ersten waren, die durch Entsendung des Ge­nossen Buxton nach dem Ruhrgebiet den Weg zu ihren kämpfenden Kameraden gefunden ha­ben". Stampfer war seBst ebenfalls im Ruhr­gebiet, und er schreibt über seineAuffassungen:

Der Kampf um die Kohle Farn nur mit kalt­blütiger He er Regung geführt werden. Darum ist in diesem Fall und bi; auf weiteres auch General­streik Generalunsinn. Die Arbeiterschaft ohne zu­verlässigste Sicherung der materiellen Wider- svmdsmög ichkctten in einen Generalstreik letz n, wäre geradezu ein Verbuchen. In wenigen Tagen wurde bas Hnternehmen mit Zusammen­bruch und blutigem Gemetzel enden und die zer­mürbten Massen wären zu weiterem Widerstand u-nfähig.

Mit den Kräften des Widerstandes hauszu- falten, sie rationell zu verwenden, mit dem klein- fctn Kraftaufwand die größte Wirkung zu er­zielen, das ist die Ausgabe, die jetzt geleistet wer- ben muß.

Allen Respekt vor den Herren, die sich nicht scheuen, -einen bequemen Villensitz mit dem Mi­litärgefängnis zu vertauschen. Aber man darf keinen Augenblick oergeffen, daß die moralische Widerstandskraft dieser Herren in ihrer sozialen Stellung unb-ihren wirtschaftlichen Verhältnissen einen starken Rückhalt besitzt. Der Arbeiter, der kleine Angestellte und Beamte lebt in ewiger