Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)
Hr. n Zweites Blatt
Der Feind steht im Lande!
Unter brutaler Vergewaltigung des deutschen Rechtes ist der französisch-bel- gische Feind in das Ruhrgebiet eingebrochen. Sein Ziel ist die möglichst weitgehende Schädigung der deutschen Wirtschaft und die Z e r r e ist u n g der Einheit des Deutschen Reiches.
Das wehr- und waffenlose Deutschland kann den Friedensbrechern nur die Berufung auf sein gutes Recht entgegensetzen. Die vom Ervberungsdrang Frankreichs eingegebene Verletzung dieses Rechtes müssen wir immer und immer wieder in die Welt hinausrufen, um das öf- fentliche Gewissen aufzurütteln. Mit dem gesprochenen Wort bei jeder passenden Gelegenheit darf nicht gespart werden, aber weit umfangreicher muh das geschriebene Wort benutzt werden zur Brandmarkung der feindlichen Ervbererplane.
Hier erwächst der P r e s s e eine besonders hohe vaterländische Aufgabe. Sie ist die b e st e W a f f e . die uns zur V e r t e i d i - gung unseres Rechtes, zu unseren Ermahnungen an das Weltgewissen in die Hand gegeben ist. Versteht das deutscheVolk in NiUen seinen Schichten und an allen Orten liefe Waffe scharf und schneidig zu erhalten, dann wird es ihm gelingen, seiner Anklage gegen das Anrecht Frankreichs und Belgiens den weite st en Widerhall zu sichern. Läßt das deutsche Volk diese Waffe ungenützt, dann schädigt es seine gute Säche selbst in schwerster Weise.
Mehr denn je zuvor ist es heute eine n a- lionale Pflicht aller Deutschen, oie Presse zu stützen und zu stärken zur erfolgreichen Führung des scharfen Abwehrkampfes gegen den französischen Imperialismus. Möge sich jeder Deutsche vor Augen halten, daß unsere Feinde eine mächtige Presse zu ihrer Verfügung haben, die nicht mit so ungeheuren Wirtschaftsschwierigkeiten flu kämpfen hat wie die deutsche Presse. Diesem gewaltigen feindlichen Propaganda- Apparat muh das deutsche Volk in zielbe- cvuhter Kraft seine Presse entgegensetzen, es muh diese zum wirtschaftlichen Durchhalten befähigen, damit in dieser schwersten Zeit unseres Vaterlandes das Ringen um öle öffentlicheMeinung nicht zum Schaden unseres guten deutschen Rechtes aus- geht. Anwandelbare Treue zur Presse, opferwillige Förderung ihrer vaterländischen Arbeit ist jetzt das Gebot der Stunde für die R e g i e r u n g und das Volk. Möge jeder gute Deutsche hier seine Pflicht tim!
Aus Stabt und Land.
Giehen, den 20. Januar 1923.
Amtliche Warnung vor der Fremdenlegion.
Das Kreisschulamt Dietzen erlätzt im lÄmtsverkündigungsblatt eine zeitgemäße Mittel- Lang an die Schulvorstände im Kreise Dietzen, in der zur Bekämpfung der Anwerbun- Senzur Fremdenlegion ausgesordert wird.
rt der Mitteilung heißt es:
„Es besteht Beranlassung, erneut und mit be- s anderem Rachdruck auf die Gefahren hinzuweisen, die unserer Jugend in der Fremdenlegion drohen. Es mutz mit Bedauern festgestellt werden, daß die Anwerbungen zur Legion ihrer Zahl nach nicht geringer werden, und es ist leider nicht da- can zu zweifeln, dah in der großen Mehrzahl die j ungen Leute sich freiwillig bei den franzosi» s.'chen Werbebureaus einfinden. Rach Mitteilung der französischen Presse sollen allwöchentlich rund 1100 Deutsche angewvrben werden, und der Andrang soll sogar so groh sein, dah diese hundert was einer noch gröberen Anzahl von Bewerbern ausgesucht werden können. Rach den von der zu- ssiändigen deutschen Stelle angestellten Ermitte» limgen muh angenommen werden, dah diese Zahlen nicht zu hoch gegriffen sind. Anter diesen Am- süänden wird man die sich jetzt häufenden Rachrich- t.m über zwangsweise Anwerbungen im un- desehten deutschen Gebiet mit Vorsicht auf- mrhrnen müssen. Es scheint leider Tatsache zu sein,
Unter dem Aeiheittbaum.
Roman von Clara Viebig.
U-. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Der gebückte Mann mit den dunklen traurigen Augen sah ihn gaiu fassungslos an: ihm t s'henkte der Herr einen Täler, ihm, dem Herz Rosenblatt? Wußte der Herr denn, wie's einem 1 aimen Juden zu mut ist? Verachtet, verspottet, schon die kleinen Kinder werden auf ihn gehetzt; ; KJitb das alles, sagen sie, nur darum, weil die i Zuden Iesum gekreuzigt haben. Wer's glaubt I i Eine grvhe Bitterkeit war rn des Rosenblatt Stimme: „Lieber Herr, gnäd'ger Herr, der Herr i drrf's glauben, darum wird der Zud nit mit * Steiner geschmissen."
Adami winkte ab; er fühlte, der Jude hatte < mcht, und doch mochte er's nicht gern hören. , Dielleicht, wenn andere Zeiten kommen, bessere, i*mn geht's eurem Volk auch einmal besser."
Herz Rosenblatt zog die Achseln hoch und »legte den Kopf hin und her; er schien's nicht zu : glauben. Aber dann, sich scheu umsehend, ob ■ Mohns am auch nichts erlauschte, trat er Wxrmi »iher, so nahe, dah dieser den Dunst von Knoblauch unb Armut spürte, und flüsterte: »Der : Lückler ist hier herum, er ist nit mehr auf bem ■ Hunsrück. And gebt auch Obacht auf Eure Rah i — auf Eure Rähl"
Was sollte das heitzen, dieses dringende .Lbachl auf Eure Räh?l" War der Bückler so »ich schon? Adami wollten fragen. Da hatte per Jude das Zeichen des Schweige rs gemacht, den Fnaer an die Lippen gelegt und ängstlich nach Doynscun herumgeschielt. —
Der Jude schien damals doch Gespenster ge-
datz die französischen Werbebureaus gar nicht mehr nötig haben, ihre Zuflucht zur zwangsweisen Anwerbung zu nehmen.
Der Reichsregierung ist es in einer Reihe von Fällen gelungen, junge Ceute, die minderiäh- r i g in Die Legion gekommen sind, durch Derhand- hingen mit der französischen Regierung frei zu bekommen. Es muh aber darauf hingewiesen werden, dah die Befreiung eines Angeworbenen zur Zeit sehr schwer zu erreichen ist und auherdem sehr hohe Kosten verursacht; schon die an Frankreich zurückzuerstattenden Werbeprämien machen bei der heutigen Kaufkraft unseres Geldes einen autzerordentlich hohen Betrag aus.
Für die Zustände in der Fremdenlegion ist eine amtliche Aeuherung des französischen Autzenministers bezeichnend, der u. a. erklärte, es herrsche in der Fremdenlegion eine, sehr strenge Disziplin, und sicher würden die größten Ansprüche an die Legionäre gestellt. Das liege einmal in der Ratur der Sache. Ebenso seien dir Anzuträglichkeiten schwer zu beseitigen, die sich daraus ergäben, dah die Fremdenlegion aus zusammengewürfelten Elementen bestände, die „bekanntlich nicht die besten Elemente seien". Es muh für uns von besonderem Interesse sein, zu Horen, in welcher Weise der französische Minister Über die Anglücklichen urteilt, die durch Allwissenheit oder Leichtsinn in die Legion geführt worden sind.
Wir empfehlen Ihnen, den Gefahren, die unserer Heranwachsenden Jugend in der Anwerbung für die Fremdenlegion drohen, fortgesetzt Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, und fordern Sie hiermit auf, alles zu tun und jede Gelegenheit zu benützen, um in eindringlichster Weise aufzuklären,' zu warnen und unsere jungen Volksgenossen vor diesem schweren, drohenden Anglück zu bewahren. Wir ordnen an, dah in der Fortbildungsschule und in den oberen Klassen der Volksschule in regelmässigen, kürzeren Zwischenräumen im Unterricht und auch sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit, z. B. bei Zusammenkünften, Ausflügen, Vortragsabenden usw. immer von neuem von der Fremdenlegion und ihren Gefahren gesprochen wird. Wir erwarten von allen Lehrpersonen, dah sie sich der hohen vaterländischen Ausgaben, die diese Sache bietet, stets bewuht bleiben und dah sie mit dazu beitragen, unsere jungen deutschen Volksgenossen vor unbedachtem Eintritt in die Fremdenlegion zu bewahren."
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** Die Hessi f che Vereinigung für Volks! unde hielt am 13. Januar In Dietzen ihre diesjährige ordentliche Mitgliederversammlung ab. Der Vorsitzende, Dr. Gg. Faber, gedachte zu Beginn der schweren Zeit. Seine Ausführungen gipfelten in der Verwahrung: „Die Hessische Vereinigung für Volkskunde gedenkt in diesen Schicksalstagen mit schwerem Herzen der Gefahr, die unserem Volkstum durch den Einbruch der Franzosen droht. Anendlicher Schaden an Gut und Blut, an Leib und Seele wird unserem deutschen Volke aus der Machtgier des Feindes erwachsen. Die Vereinigung erhebt schärfsten Ein- spruch gegen den ungeheuerlichen Rechtsbruch, gegen Willkür und Vergewaltigung. Die Vereinigung bittet die Volksgenossen im besetzten Gebiet, in Treue an ihrem Volkstum • festzuhalten, und sie hofft mit ihnen auf den Tag der Befreiung." — Aus dem Jahresbericht ist folgendes mitzuteilen: Die Vereinigung hat im laufenden Jahre 152 neue Mitglieder gewonnen. Der Fragebogen zur Erhebung volkskundlichen Stoffes fon ite aus Mangel an Mitteln nicht oerfan >t werden. Bind 21 der „Hess. Blätter für Volksku ide" ist fertig gedruckt 'und wird in den nächsten Tagen erscheinen. Reiche Gaben ermöglichten den Druck. Direktor Dr. Müller rn Felix bei Barcelona, ein geborener Giehener, schenkte der Vereinigung 25 000 Mk.; Dr. h. c. Schlapper, Direktor der Meguinwerke in Butzbach, überwies ihr 10 000 Mk.; die „Rol- gemeinschast" in Berlin gab 36 000 Mk.; der hessische Staat unterstützte sie mit einem namhaften Beitrag, der zufolge kürzlicher Zusicherung noch erhöht werden wird. Die Vereinigung tauschte 92 Zeitschriften, darunter 40 ausländische, die auf der Aniv.-Dibliothek ausliegen. Im Mai Der» öffentlichte Sie Vereinigung die Flurnamen von Kohden mit Salzhausen, die Ludwig Fleck in Kohden gesammelt hat. Die Kosten wurden ebenfalls durch Stiftungen und Staatszuschüsse aufgebracht. Die allgemeine Flurnamensammlung im Dolksstactt Hessen ist in gutem Wachsen begriffen. Es ist sehr schade, datz weitere Arbeiten nicht gedruckt werden können, weil sich bis jetzt kein Stifter der D^uckkvsten gesunden hat. Irn letzten halben Jahre fanden zwei anziehende und lehrreiche Vorträge statt, die unentgeltlich geboten wurden, obgleich die Kosten sehr hoch waren. Privatdozent Dr. Wagner aus Marburg sprach
sehen zu haben. Das war am Ausgang des Winters gewesen, und jetzt blühten an dec Mosel die Obflbäume längst, urtb auch hier oben sprosste junges Gras, und der Wald wagte es, sich zu begrünen. Von dem Hunsrück und von der Mosel war keine neue Schandtat gemeldet worden. Sollte es dem Generallommissar Zolsivet, der ein Kriegsgericht eingesetzt hatte, das jeden Einbruch mit Todesstrafe bedrohte, wirklich gelingen, durch Furcht die Räuber zu besiegen? Der Friedensrichter schüttelte den Kopf, er bezweifelte das. Die hatten keine Furcht, die wurden zu gut unterstützt von den Kohlenbrennern, von herum» ziehenden Hausierern und von den Bewohnern Der einsamen Höfe und Mühlen.
Die Müller waren nicht alle so sicher wie der Aetzmüllec unten bei Bertrich Das waren prächtige Menschen, die in dec Aetzmühle; die Söhne Kerle wie Riesen und den Eltern doch untertan. Ein Familienleben, das jetzt doppelt wohltuend berührte. War es in dieser Zeit, die so wüst war, ein wildes Durcheinander, nicht das einzige, sich eine Familie zu gründen, in der man Ablenkung fand vom Beruf und seinem Aerger, und auch die Erheiterung, die man bei dem allgemeinen Geldmangel nicht in Bällen, Theater und öffentlichen Lustbarkeiten suchen konnte? Eine ganz tolle Zeitl Anberechenbar, ungebärdig wie ein heimtückischer Krippensetzer — wer konnte den reiten?
Mit einer Gebärde des Anmuts stützte der noch junge Mann den Kopf in die Hand. In einer hochgekämmten, leicht gepuderten Tolle stand ihm das volle Haar über der Sttrn, unter vorspringenden Brauen blickten seine Augen klug. Er seufzte. In Koblenz beim Obertribunal war's au cf nicht angenehm gewesen und schwierig unter französischer Kontrolle zu arbeiten, aber man
über „Kultur und Volk", Pros. D. Dr. Diehl aus Friedberg über „Volkskundliches aus alten Psarr- besollu.igsnoten". Die Vereintgun; gehört zu den Vereinen, die die neue Zeitschrift „Volk und Scholle" heransgeben. Für das Archiv gingen zahlreiche Gaben ein, volkskundliche Arbeiten, Sammlungen, Gegenstände. Vieles von gcohem volkskundlichem Wert befindet sich im Lande, unbeachtet der Vernichtung preisgegeben. Im Archiv der Vereinigung gesammelt und geordnet, wäre es ein .Schah von unberechenbarem Wert, besonders für unsere nachfolgenden Geschlechter. Die Vereinigung bittet, dah weitere Kreise, namentlich aber Lehrer und Pfarrer, für das Archiv sammeln; Sagen, Bräuche vor, bei und nach der Arbeit und festlichen Gelegenheiten, Himmelsbriefe, S gensformeln, Volks- und Kinderlieder, alte volkskundliche Bücher, al.es das ist sehr willkommen. — Der Mindestbeitrag für das Jahr wurde auf 200 Mk. festgesetzt. — Anschließend an die Mitgliederversammlung hielt Pfarrer Hoffmann aus Bechtolsheim einen Vortrag über „Reste altheidnischer Kultur in Rheinhessen". Manches Bekannte erschien da in neuer Beleuchtung; Ma ienverehrung, Hagelseuer und Hagelfeiertage, Iohannesfeuer, Kirchweih- und Iahr- marktsbräuche; überall zeigt sich das Weiter» [eben ältesten Brauches der Gottesverehrung. Dann aber brachte der Redner auch vieles ganz Reues; besonders fesselnd waren seine Ausführungen über Reste des alten Daumkultes, die beim auch eine lebhafte Aussprache hervorriefen. — Aus den Verhandlungen und dem Dorttag konnte man die erhebende Gewißheit gewinnen, dah hier eifrige Kräfte am Werk find, die dahin streben, unserem deutschen Volke den Glauben an sich selbst und den Wert seines Wesens zu erhalten, überall die Liebe zum eigenen Volkstum zu vertiefen, damit sich unser Volk nicht selbst Der» •liere und sich nicht selbst aufgebe. Demi alle feindliche Willkür wird am geeinten Volkstum, das sich seiner Eigenart und seines Wertes bewußt ist. machtlos zerschellen.
•* Kriege roerein Gießen. Am 11. d. M. hielt der Kriegerverein, der neben der Pflege echter Kameradschaft die Antersttähung seiner bedürftigen Mitglieder und der Kriegsopfer im Auge hat, seine Hauptversammlung ab. Degrüht wurden die zahlreich erschienenen Mitglieder durch den 1. Vorsitzenden, Landgerichtsrat Trümpert, der in echt deutscher Art dem schmerzlichen Empfinden über den Einmarsch der Franzosen in das Ruhr gebiet Ausdruck gab. Aus dem von dem Schriftführer Albin Klein erstatteten sehr interessanten Jahresbericht ging u. a. hervor, dah der Verein außer 30 Kriegerwitwen weitere 400 Mitglieder zählt. Den Rechenschaftsbericht erstattete 5er Dereins- rechner Waas. Er gab ein günstiges Bild über geleistete Unterstützungen an Vereinsmitglieder und den Stand der Kasse. Hierbei entspann sich eine Aussprache über den zu leistenden Jahresbeitrag, da der Verein an die Krieger- kameradschaft Hassia jetzt erhebliche Beiträge ab» zuliefem hat und die Ausgaben des Bereinö ebenfalls gewachsen sind. Der Vorstand glaubte mit einem Vierteljahrsbeittag von 20 Mk. auszukommen, doch ging die Versammlung über diesen Antrag hinaus und setzte den Jahresbeitrag auf 100 Mk. fest, der halbjährlich mit 50 Mck erhoben werden soll. Der Vorstand wurde ermächtigt, minderbemittelten Mitgliedern den Beitrag teilweise oder ganz zu erlassen. Die neugebildete Gruppe der Kriegerhinterbliebenen setzte ihren Jahresbeitrag auf 50 Mk. fest. Eine Sammlung zugunsten der Hasfiaunterstühungskasse ergab über 844 Mk. Die seitherigen Vorstandsmitglieder wurden für das begonnene Jahr wiedergewählt. Als Vertreterin der Kriegerhinterbliebenen wurde weiter eine Kriegerwitwe in den Vorstand gewählt. An zwei Dereinsmitglie- der mit einer Zugehörigkeitzum Verein von über 40 Jahren und an neun Vereinsmitglieder mit einer solchen von über 25 Jahren konnten unter Anerkennung ihrer treuen Kameradschaft Ehrenurkunden nebst den entsprechenden Hassia-Ab- zeichen verliehen werden.
ch. Evangelischer Verband zur Pflege der weiblichen Jugend in Hessen Am Dienstag fand 'hier im Gemeindehaus der Stadtkirche die erste Konferenz des Kreisverbandes Ole ^Hessen des Verbandes der evangelischen weiblichen Jugend statt. Rach der Begrüßung und Schriftbetrachtung des Der-- bandsvorsihenden Pfarrer Strack- Wallern- 'fjmifen, hielt die Verbandsjugendpflegerin Frl. Hein- Rein'heirn ein Referat über die Aufgaben der Vereine und Kieisverbänbe. Als Ausgabe der Vereine bezeichnete sie die Heranbildung von Menschen Gottes, die bereit und fähig sind, für die Königsheiwschaft Jesu zu kämpfen. Die Krets- Derbänbe sollen die einzelnen Vereine enger zu
hatte wenigstens die Kollegen gehabt, Menschen, mit denen man abends eine Stunde beim Schoppen ein Wort, wechseln konnte. Hier oben war niemand. Es war wirklich Zeit, daß er jetzt Hochzeit machte. Er war über dreißig, die Demoiselle Braut wurde demnächst zwanzig — worauf noch warten? Es war ja nur mädchenhafte Ziererei von Sachen, daß sie noch immer nichts Dom Heiraten wissen wollte. Damals, als er noch in Trier beim Zivilgericht gewesen, war sie stets so liebevoll und entgegenkommend, daß er sich wohl einen glücklichen Bräutigam nennen durfte — aber jetzt?! Sie hatten sich zu lange nicht gesehen — das war's! Sobald als möglich mußte er sie besuchen, und dann wurde gleich der Hochzeitstag festgesetzt! Er verlor sich in einer angenehmen Träumerei.
Wie schon würde es sein, wenn eine junge Frau in Siefen jetzt so einsamen Stuben herum- ging! Das Haus an sich war gar nicht so übel, kein gewöhnliches Dors haus wie die Posthalterei und die Gastwirtschaft, es war ein Herrenhaus, weitläufig, mit großer Küche und Kellerei und fest gebaut. Das war auch nötig, die Winde bliesen oft gewaltig, selbst im Sommer war hier auf dem Eifelplateau immer ein leises Wehen. Aber welche Luft! Eine Reinheit, eine Frische, wie man sie nirgendwo anders fand. Ihm war es bis rns Innerste bebend, an einem frühen Morgen, ehe die Sonne scheitelrecht stand, über die betaute Flur zu gehen. Man vermißte es nicht, dah hier oben wenig Bäume schatteten; es lag etwas Unbegrenzte^, Freies, Schrankenloses über diesem HochlanS, das empfangens- sehnsüchtig sein Antlitz dem Kuh des Himmels entgegenhob. Abwärts lagen Wälder genug, Sunfel und undurchdringlich, geheimnisvolle Wild-
Samstag. 20. Januar 1923
sammenschsießen zu gemeinsamer Grstrebung dieses Zieles und Sazu helfen, den Gedanken der evangelischen weiblichen Jugendarbeit in immer weitere Kreise zu tragen. Die sich daran anschließende Aussprache brachte noch einige Ergänzungen und Anregungen. Alsdann wurde Aum Vorsitzenden des neuen Kreisverbandes Oberhessen Pfarrer D e y r i ch - Münzenberg gewählt. Dieser stellte dann die vorläufige Festvrdirung für das Kreisjugendfest auf, das am Sonntag Rogate (6. Mai) in Münzenberg sdattsinden ML Rach Besprechung weiterer Vereins- und Verba ndsf ragen schloß der Vorsitzende mit einem Dank an die beiden Gießener Vereine, die für die Schmückung des Saales und für Bewirtung gesorgt hatten, die anregend verlaufene Dev- sammlung.
** DeutscheDolkspartei. Am Montag fand in der „Stadt Wetzlar" eine sehr gut besuchte Frauenversammlung der D. V. P statt. Zu Beginn der Deranstaltung gedachte Frau Psafs unserer schwer bedrängten Schwestern und Brüder im besetzten Gebiet und jm Memelland und erinnerte in zu Herzen gehenden Worten an die letzte Demütigung, die dem deutschen Volle zugefügt worden. Frl. M. B i r n b a u m, M. d. L., erstattete darauf einen sehr interessanten Bericht über die Tätigkeit des Laichtages im letzten Vierteljahr. Rach verschiedenen Besprechungen allgemeiner Art, besonders über Mittelstandshilfe, erfreuten Frau Frank und Frau Z i e p r e ch t die Anwesenden durch den Gesang einiger Duette.
** Anfall, Ans allverhü tung und Anfallentschädigung. Mit lichtbild- sicher Darstellung der in gewerblichen Bettie- ben an den Geschlechtsorganen auftretenden hauptsächsichsten Verletzungen wurde im 8. Bortrage die Besprechung derjenigen Anfälle abgeschlossen, unter denen einzelne Organe zu leiben haben. Daraus demonstrierte Der Vortragende Anfälle, die den ganzen Körper mehr oder weniger in Mitleidenschaft ziehen, weil sie das Zentralnervensystem treffen und Bewußtseinsstörungen von längerer oder kürzerer Dauer Hervorrufen, wie bei Ohnmacht, H'tzschlag, Gehirnerschütterung, Blitz- unS Starkstromwirkung. Eine übersichtliche Schilderung solcher am Anfallsort photographisch aufgenommener Vorgänge gab über das Wesen derselben und die damit verbundenen Symptome Aufschluß. Die erste Hilfeleistung wurde an zahlreichen Lichtbildern erläutert.
•• Der Zehntausender der Hauptbetrag. Die Zehntausendmarkscheine, deren wir uns noch nicht lange erfreuen, bilden schon ihrem Betrage nach den Hauptteil der Banknoten. Schon nach bem Stande vom Ende Rovember hatten sie einen „Wert" von 292V2 Milliarden. Die Tausendmarkscheine mit „nur" 262Vs Milliarden sind dadurch an die zweite Stelle gerückt. Aeberhaupt ordnet sich jetzt der Gesamtwert der einzelnen Abschnitte nach deren Höhe. Es folgen die Scheine zu 500 Mark mit 1011/8 Milliarden, die zu 100 Mark mit ZI3/* Milliarden, die zu 50 Mark mit 21l/2, die zu 20 mit nicht ganz 31/? Milliarde unS" die zu 10 Mark mit 1700 Millionen. Der Stückzahl nach haben wir immer noch am meisten zu 100 Mark mit 7171 /2 Millionen, die Fünfziger mit 413, dann kommen die Tausender mit 262,5 Millionen, die Fünfhunderter mit 203, bi« Zwanziger mit 173, die Zehner mit 170 und die Zehn tausender mit 29 Millionen Stück, alles ohne Darlehnskassenscheine und ohne Rotgelb.
rSv. Malzkaffee und Gemüseplatten in Bahnhofswirtschaften. Von Reisenden wird vielfach gellagt, dah die Dahnhofswirte nicht den billigen Malz- oder Kornkaffee vorrätig halten und, wenn er verlangt wird, erklären, Ersatz-Kaffee müsse erst besonders gekocht werden, und SaS dauere 25 Minuten. Diese Klagen haben, wie die „Reichszentrale für Deutsche Verkehrswerbung" mitteilt, den Reichsverkehrsminister veranlaßt, in einer neuen Anordnung aus die Pflicht der Dahnhofswirte hinzuweisen, billige Erfrischungen feilzuhalten. Aus die wirtschaftliche Rotlage des Mittelstandes sei unbedingt Rücksicht zu nehmen, und die Bahn- hofswirte seien verpflichtet, Malz- oder Kornkaffee und Gemüseplatten zu führen, decen Preise dem reisenden Mittelstand erschwinglich sind. Der Reichsverkchrsminister macht es den Reichsbahndirektionen ausdrücklich zur Pflicht, diese Anordnung dauernd und gewissenhaft zu überwachen.
nisse, unb von Schluchten ein Meer, so tief und versunken, als ginge nie ein Menschenfuh bort
Friedrich 2ll>ami stand oft in Gedanken unb starrte hinab m bieses Meer: wer irrte da unten? Was ging ba alles vor? Schlupfwinkel über Schlupfwinkel. Wer in jenen Schluchten, in jenen Wäldern Bescheid wußte, bem war es leicht möglich, zu entfliehen, wenn ihm auch Jäger unb HunS auf ben Fersen waren. Als Beamter bet Justiz verwünschte er biefe Waldeinsamkeiten, dieses Gewirr von Schluchten; hinter jeder neuen Deigkusi h kam eine neue Schlucht, und so immer toiebet ehte unb wieder eine, bis alles Dort tiefem Blau, m dem als lichterer Streif der Laus der Mosel dämmerte, verschlungen ward. Aber) als Mensch liebte Adami biefe Landschaft; ev hatte sich so in sie hineingesehen, daß er sich nichts Schöneres wußte. Wenn er nur erst feiner jungen Fcau dies alles zeigen konnte! Wenn sie hier war, würde er sie in tauender Frühe schon hinaus- fühien, wenn Sie Lerche sich eben vom Ackerrain erhebt unb alles was OSem hat: Mensch, Tier, ®ia£ unb Blume, bas Wunber der Reuschöpfang allmorgenblich wieder erlebt. Ihre Hand würde er fassen, sie würden der Sonne entgegengehen, der Sonne des Himmels und ihres Glücks. Unb am Abend würde er sie wiederum führen, wieder denselben Weg zwischen Ackerrainen unb Ebereschen — verwacAme Bäumchen, bie ben Streifen ber Landstraße schüchtern säumen — sie würden stillstehen am Plateaurand, selber noch im Licht, aber unten webte schon Dämmerung. Blaudunkle Schatten in träumenden Gründen, Waldwafser- rau schen, Grillengesang, ferner Raubvogel schrei. Sie toürbe sich an ihn lehnen, die liebe Frau — tote herrlich war es doch, in solcher Stunde ju zweien zu sein!
(Fortsetzung folgt)


