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Nr. 8?

Zweites Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, (4. April *923

Was muh getan werden?

Lins wird von einem Deutschamerikaner ge­schrieben'

ALS im Jahre 1919 dieSteuben- 6octe11) vf America" (Steuden-Gesellschaft Amerikas) gegründet wurde, hatte man denRamen des bekannten Bürgerkrieg-Generals Steuben ge­nommen, da dieser, genau wie der Angloameri­kaner Washington, für jeden Deutschamerikaner als Symbol eines geehrten, verdienten Bürgers erscheinen muhte. Wie sich die nun seit fast drei Jahren bestehende Gesellschaft entwickelt hat, ist ein Beweis dafür, dah sowohl der Rame der Gesellschaft, als auch deren Ziele die richtigen waren. Einer der Hauptpunkte des Programms der Gesellschaft lautet: 3n Amerika muh heute das deutsche Ideal wiederhergestellt wer­den. Der Krieg hatte die ehemalige, weitaus­gedehnte German American Alliance erledigt und nun (am es darauf an, alle diese ehemaligen kultu­rellen Bestrebungen wieder aufzunehmen. Mit grobem Geschick und vieler Arbeit hat die Steu- ben-Gesellschast seither erfolgreich gearbeitet. Ihr Hauptorgan ist die in Reuyork City erscheinende Wochenschrift in englischer Sprache I s s u e s o f Lo-Day (Lagesfragen). Daneben sind in fast allen Städten sogenannteLinits" (Bereinigungen) gebildet worden, die das Deutschamerikanertum gesammell haben und es politisch zu richtigem Denken erziehen, hauptsächlich immer wieder be­tonen, welche groben Verdienste sich Deutsch­amerikaner um ihr neues Vaterland erworben: haben und welche Macht und Stärke in ihnen liegt, wenn sie gut geeinigt in einer Partei zusammen halten. Wo es sich um Fragen der Wahrheit und Aufklärung handelt, tritt die Steuben-Gesellschaft als energischer Verfechter auf. So zum .Beispiel hat gegen Ende März der Bayard Taylor Unit, Ar. 24 of Pittsburgh Pa. der Steuben-Gesellschaft, in seinem monat­lichen Aufruf auf die französische Terro­risierung deutscher Arbeiter an der Ruhr hingewiesen und zugleich auf die hinter­listige Propaganda Frankreichs in den Vereinigten Staaten selbst aufmerksam gemacht. Frankreichs Interesse ist es, einem auftretenden Boykott französischer Waren entgegenzuarbeiten, der zweifelsohne kommen wird, da die führende Zeitschrift der Steuben-Gesellschaft ihn befürwortet als eine Art Hilfe für das deutsche Volk in dieser schweren Zeit und als ein Gegenmittel? gegen die immer frecher auftretende Werbetätigkeit Frankreichs in den Vereinigten Staaten. 'Be­trachtet man den außerordentlichen Erfolg, den zum Beispiel die Irländer vor drei Jahren hatten, als sie einen Verruf englischer Waren organi­sierten und Englands Ansehen außerordentlich demütigten, so kann man nicht umhstr, anzunehmen, dah ein richtig organisierter Boykott französischer und belgischer Waren, in den Vereinigten Staaten von der jetzt weitverbreiteten Steuben-Gesellschaft in die Wege geleitet, von großem Erfolg gekrönt fein muß. Die Anmaßung Frankreichs, sein uner­hörter Militarismus und seine Weigerung, die amerikanischen Schulden zu bezahlen, haben die große Masse drüben für die Wahrheit besonders aufnahmefähig gemacht. Die Bedenken gegen Frankreichs Politik find bei der großen Oeffent- lichkeit in den Vereinigten Staaten erst in der letzten Zeit bemerkbar geworden, denn es bleibt ja den Franzosen der von ihnen so oft und laut an­gekündigte Erfolg versagt. Der Durchschnitts- amerifaner urteilt nach dem Erfolg und wird mißgestimmt, wenn er ausbleibt. Frankreich hat bis heute nicht das erreicht, was es der amerikanischen Oeffenllichkeit als Entschuldigung für sein mili­tärisches Ruhrabenteuer vorgehalten hatte, nämlich M o n e y, Geld. Der finanzielle Erfolg ist minimal und steht nicht im Verhältnis zu den französischen Anpreisungen.

Diesen günstigen Moment benutzt die Steu­ben-Gesellschaft sehr richtig, um ein für allemal französischer Arroganz und Lügen­propaganda die Spitze abzubrechen durch einen an gekündigten Warenbohkott französi­scher und belgischer Exporterzeug­nisse. Bei diesem Werke aber sollte hier in Deutschland mitgeholfen werden. Jeder einzelne, der Verwandte oder Bekannte drüben hat, soll niemals unterlassen, wenn er schreibt, zu erwähnen, dah der Warenverruf hilft und daß die Bekannten drüben auf diesen Warenverruf aufmerksam gemacht werden. Speziell bei Frauenartikeln und kosmetischen Er­zeugnissen sollte genau darauf geachtet werden, daß

sie nicht französischen Lirsprungs sind. Voraus­sichtlich wird die Steuben-Gesellschaft eine Liste veröffentlichen aller derjenigen Firmen, die Frankreichs Werbetätigkeit in den LI. S. A. unter­stützen und französische oder belgische Waren em« führen, und die Bollwerke der Werbetätigkeit drüben sind.

Das ganze deutsche Volk aber möge, wie seither, in seinem passiven Widerstand aushalten und dabei das Bestreben seiner Freunde und Gönner im Auslande belohnen. Lange wird es nicht dauern, so schriebPittsburgh Dolksblatt und Freiheitsfreund" kürzlich, und normale Zustände werden wieder herrschen, wenn Frankreich zur Vernunft gebracht worden ist.

Vernunft gebracht worden ist. D. I. D.

Bisher fünfzig französische Morde.

Die Reichsregierung veröffentlicht jetzt die Liste der von den Franzosen im Ruhrgebiet vom 15. Januar bis 6. April d. I. ermordeten Deut­schen. Die Liste verzeichnet 48 Todesopfer. Mater den meuchlings Erschossen en befinden sich neun Beamte, 34 Arbeiter, Angestellte und Kaufleute, ein Invalide, ein Greis von 70 Jahren, ein 16jäh- riger Lehrling, ein 14jähriges Mädchen und ein 8jähriger Knabe. Die Liste bildet in der schlich­ten Aufzählung dieser Mordtaten eine erschüt­ternde Anklage gegen die französische Dlutherr- schaft im deutschen Land, ein Dokument, das überzeugender als alle Worte die Wahrheit über diesefriedliche Aktion" Poincares in die Welt schreit.

1. In Bochum am 15. Januar Schlosser­lehrling Josef Dirwe, 161/2 Jahre alt, er­schossen.

2. In Langendreer am 19. Januar Kranken­pfleger Kowalski, von einem französischen Wachtposten erschossen.

3. In Ende bei Herdecke am 23. Januar Arbeiter Rudolf Drees, von einem französischen Wachtposten angeschossen und so schwer ver­wundet, dah er den Verletzungen erlag.

4. In Drechten am 1. Februar Bergmann Haumann, 61 Jahre alt, von einem französi­schen Wachtposten erschossen.

5. In Essen am 2. Februar Schuhmacher Hein­rich Stockhorst, von xtoci belgischen Soldaten in der Straßenbahn durg» zwei Schüsse getötet.

6. In Düsseldorf am 3. Februar die 14 Jahre alte Anna Schiffer, von einem französischen Soldaten vor dem Portal des Bahnhofs Bilk erschossen.

7. In Mainz-Kastel am 5. Februar Arbeiter Robert Kühns, 24 Jahre alt, erschossen.

8. In Mainz-Kastel am 5. Februar Racht- wächter Embach, von einem französischen Wacht­posten erschossen.

9. In Gelsenkirchen am 12. Februar Ober­wachtmeister Hutmacher, von einem der Gen­darmen durch Halsschuß tödlich verletzt.

10. In Aachen am 15. Februar Eisenbahn­schaffner Adolf Milles von belgischer Militär­patrouille durch einen Schuß so schwer verletzt, daß er seinen Verletzungen erlag.

11. In Bochum am 17. Februar Elektrotech- nrkerlehrling Gerhard S i e g h a r d t, 15 Jahre alt, durch Schüsse getötet.

12. In Bochum am 22. Februar Arbeiter Rose, durch Bauchschuß getötet.

13. In Oberhausen am 21./22. Februar Schutz­polizeibeamter Quert, durch einen Schuß schwer verletzt, dessen Folgen er am anderen Morgen erlag.

14. In Essen am 3. März Dahnarbeiter Franz Herold, von französischen Soldaten erschossen.

15. In Essen-Frohnhausen am 3. März Ge­richtsbeamter in Essen Hermann Löwe, durch einen Schuß schwer verletzt, so dah er starb.

16. Im Hoerde am 3./4. März Ingenieur Ewald Dirks, durch Bauchschuß schwer verletzt und an den Folgen gestorben.

17. In Bochum am 3./4. März Kaufmann Ludwig, von einem französischen Posten durch Bajonettstiche getötet.

18. In Gelsenkirchen am 5. März Bergmann ©roote, von dem französischen Posten auf der Zeche Westerholt erschossen.

19. In Gelsenkirchen am 8. März Eisenbahn­überwachungsbeamter S) oeHing, von einem französischen Posten erschossen.

20. In Schwanheim am 9. März Arbeiter Alexander Merz, von einem marvSanischen Wachtposten erschossen.

21. In Buer am 11. März Kriminalassistent Burghofs, von den Franzosen hinterrücks er­schossen.

22. In Buer am 11. März Elektromonteur Wittershagen, hinterrücks erschossen.

23. In Buer am 11. März Kranführer , F a h r b e ck, von den Franzosen hinterrücks er­schossen.

24. In Dortmund am 11. März Metall­arbeiter Chhssels, belgischer Staatsangehöri­ger von französischen Soldaten erschossen.

25. In Merzlich am 12. März Rottenarbeiter Heinrich Karl, von einem marokkanischen Sol­daten erschossen.

26. In Recklinghausen am 14./15. März Berg­mann Hoffmann, von einem französischen Posten erschossen.

27. In Horst-Emscher am 14. MärzLokomotiv- sührer von der Höh, durch drei Drustschüsse so schwer verletzt, daß er im Krankenhaus in Altenessen starb.

28. In Essen am 17./18. März Duch- druckereibesiher Kurt Schulte, von französischen Soldaten erschossen.

29. In Essen am 22. März Anstreichermeister Wilhelm Asbeck, 70 Jahre alt, durch vier bis fünf Schüsse schwer verletzt, dann seinen Ver­letzungen erlegen.

30. In Bochum am 23. März Bergmann Karl Bracht, von einem französischen Posten erschossen.

31. In Birgel am 13. Februar Putzer Franz Eltges, von einem farbigen Soldaten ohne jeden Grund erschossen.

32. In Sterkrade am 4. März Wilhelm R ö t» ters, 8 Jahre alt, von einem belgischen Sol­daten, der bei den Eltern Rötters im Quartier lag, fahrlässig erschossen.

33. In Dortmund Feuerwehrmann Doeck - mann; von französischen Soldaten erschossen.

34. In Oberhausen am 21./22. März Kessel- Heizer Hermann Droste, von französischen Sol­daten erschossen.

35. In Recklinghausen-Süd am 30 /31. März Invalide R i r u ch, von Franzosen erschossen.

36. -47. In Essen am 31. März Dureau- beamter Franz Göllmann, Kraftwagenführer Kasimir Janiak, Maschinist Walter Schwers, Hilfsarbeiter Helmuth Seel, Dreher Josef Zan­der, Dureaulehrling Arthur Blum, Schlosser- lehrling Hermann Dögemeier, Dreherlehrling Hans Müller, Schlosserlehrling Fritz Pie­per, Dreherlehrling Willi Wichartz, Berg­mann Emst M a n n e r tz auf Zeche Gustav, Ar.47 Aame noch nicht bekannt; Todesopfer der blu­tigen Vorgänge in den Kruppschen Werken am Karsamstag 1923.

48. In Barop am 6. April Kaufmann Ferdi­nand Heinze, im Städtischen Krankenhaus in Dortmund gestorben an den Folgen einer Kopf­verletzung, die er in Barop von französischen Soldaten erhalten hatte; Heinze hinterläßt eine Frau und fünf unmündige Kinder.

Rechnet man die letzten beiden Todesopfer von Essen dazu, so sind im ganzen bisher fünfzig Morde auf das Konto der Franzosen zu sehen.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 13. April 1923.

Dor Eintritt in die Tagesordnung erhebt Abg. W u l l e (Dtschvölk.) Protest gegen eine neue Maßnahme der preußischen Regier rng, die der Abgeordnete als einen Gewaltall bezeichnet. Der preußische Minister des Innern habe die Reichs­zentrale der Deutschvölkischen Freihcitspartei für geschlossen erklärt, die Räume beschlagnahmt ind die Beamten zur Verirehmung auf das Polizei­präsidium geführt. Kein einzelstaatlicher Mini­ster sei besagt, die Reichszentrale einer in allen deutschen Ländern bestehenden Partei xx schließen. Die Partei und inbsefondere deren Abgeordnete hätten baä Recht und die Pflicht, ein Bureau zu halten, von dem aus die politische Verbindung mit der Wählerschaft aufrechterhalten werden könne. Wenn die Reichsregierung ein derartiges Vorgehen gegen Abgeordnete und gegen die Reichsverfassung billige, so er re sie sich banke­rott, indem sie einen einzelstaatlichen Minister des Innern gegen die Reichsverfassung regieren lasse. Die drei deutschvölkischen Abgeordneten erwar­

teten, daß das Haus sich mit ihnen solidarisch erkläre.

Auf Anregung des Präsidenten Löbe be­schließt das Haus, durch den Geschästsordnungs- ausschuh prüfen zu lassen, ob etwa eine Be­schränkung der persönlichen Freiheit vorliege, welche die verfassungsmäßigen Rechte der Mtt» glieder beeinträchtige.

Der Gesetzentwurf über die Sicherstellung von Gegen,,änd.n. deren Anlieferung pfli ht nach Lern Versailler Vertrag streitig i|t, und) in allen drei Lesungen debattelos genehmigt.

Das Haus setzt fobann die Beratung deS Haushalts beim Verkehrsmini st erium fort, und zwar bei der Verwaltung der Reichs­bahn.

Der Ausschuß legt mehrere Entschließungen vor. LI. a. soll die freie Fahrt von Kindern bis zum 6. Lebensjahr ausgedehnt werden. Ferner wünscht der Ausschuß einen Ausgleich zwilchen den tech­nischen und nichttechnischen Reichsbeamlen sowie Herbeiführung von Ersparnissen durch Zusammen­fassung des Post- und Eisenbahnbetriebes be; Klein- und Reben bahn en.

Rach den Ausführungen des Berichterstatters Deglerk (Dntl.) balanciert der Etat im Oibi- nartum mit fast 10 Billionen Mark Das Extra» ordinariuin hat dagegen einen Anleihebedarf von rund2 Billionen. Die Personalersparnis hat große Fortschritte gemacht. Immerhin entfallen jetzt 18 Köpfe auf den Betriebskilometer gegenüber 13 Köpfen im Jahre 1923.

Der Ausschuß beantragt in einer weiteren Entschließung, daß die Einstellung von neuen Angestellten uni> Beamtenanwärtem oder jede Lie^rnahme aus den Ländern und Gemeinden in allen ReichsrSssvrts untersagt werden soll. In be­sonderen Fällen soll die Genehmigung des Haus­haltausschusses eingeholt werden.

Abg. Brunner (S.) spricht sich gegen eine Verringerung der Belegschaften bei den Haupt- Werkstätten aus, erkennt aber bei den Betriebs- Werkstätten an, daß ein großer Personalüberschuh besteht. Die Behauptung daß der Achtstundentag die Eisenbahn unrentabel mache, sei unzutreffend, Llebrigens komme eine schematische Durchführung des Achtstundentages bei der Eisenbahn gar nicht vor. Für die Technische Rothilfe dürften keine Mittel mehr bewilligt werden; beim die Gewerk­schaften würden die Rotstandsarbeiten selbst ver­richten. Eine Heraufsetzung der Frachten hält Redner im Augenblick nicht für zweckmäßig.

Abg Dr. Höf le (Z.) spricht unter allge­meinem Beifall den Eisenbahnern am Rhein und an foer Ruhr die höchste Anerkennung für ihre vaterländische Haltung aus und fordert, daß für die aus Trier vertriebenen Eisenbahner in jeder Weise gesorgt werde. Die Tarifpolitik der Eisen­bahn erdrossele geradezu manche Industtien und die Landwirtschaft. Die Moorkultur sei unmög­lich, wenn der Torf wegen der Höhe der Frachten nicht transportiert werden könne.

Abg. Dr. Reichert (Dtschntl.) wendet sich ebenfalls gegen die Tarrfpolttik der Eisenbahn. Der

IN

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EINEM TAGE ZUR

FRANKFURTER MESSE UND ZURÜCK

15. BIS 21. APRIL 1923

D P P P

731 955 ab Gießen an 756 *943

803 1Q49 tz B.-Nauheim A 553 359 8U 1055 | Friedberg 539 §49

344 1205 an Frankfurt ab 420 737

gleißend schillernden Ruancen, wie in der großen Stadt, sondern in wenigen starken, kräftigen Far­ben. Wenn sie jetzt in Berlin wäre oh, sie würde wahrscheinlich noch ganz matt vom Abend vorher sein, von irgendeiner Gesellschaft, bei der sie zuerst stundenlang neben einem Menschen ge­sessen und gegessen hatte, der sich bemühte, sie möglichst geistreich zu unterhalten, ober ihr mög­lichst viel Komplimente zu sagen. Dann hatte man sich in die über heißen Zimmer verteilt, die an­gefüllt waren mit den allermodernsten Möbeln und Kunst gegenständen Dieselben Gesprächsstoffe, dieselben Schlagworte, dieselben Geistreichigkeiten. Sie sah sie alle vor sich: die blassen, schlanken Frauen mit den zerrauften Kleofrisuren und den Künstlerkleidern, oder die überstarken, mit der mühsam gebändigten Fülle und den kostbaren Toi­letten. Die Männer im Frack mit dem Seiden­spiegel auf den Klappen, den Hals in den über­höhen Stehkragen eingepreßt, den die neueste Mullkrawatte abschloß sie sah die bartlosen Ge­sichter unserer Modernen von übermorgen, und sie hörte förmlich, wie Christian Reidhardt- mussen mit seiner leisen, etwas heiseren Stimme chr seine neuesten Lieder vomLeidenswege" vor­sprach. Rein, nicht vorsprach,vorhauchte". Er haßte sprechen, erhauchte" nur. Lind wie er da­stand, an den Türpfosten mit dem violetten Be­hang gelehnt Christian Reidhardt Aßmussen lehnte gern an violetten Tür behängen, da war er ganzmüde Linie", ganzLeidensmensch". Er litt immer und unter allem, unter der Farbe eines Kleides Gewandes sagte er unter dem Fall einer Falte, unter dem Rot eines Humrner- aufbaues, unter einemzerrissenen Stimmklang".

(Fortsetzung folgt.)

Das MMHtms.

Rvman von Luise Schulze-Brück.

4. Fortsetzung.

(Rachdruck verboten.)

Hans Dietrich prüfte mißtrauisch eine gelb­liche dicke Masse in einem bunt bemalten Por- zellannapf. Eva sah ihm lächelnd zu.Was ist Denn das?"

Das aufwartende schmucke Wirtstochterchen, das familiär mit den Gästen verkehrte es ge­hörte zu Frau Evas Freuden, daß der Rebstock das Institut des befrackten Kellners nicht kannte-, war beleidigt:Das is gewellten Rahm. Herr Doktor," sagte sie.

Gewellten Rahm," spottete Hans Dietrich. ,Es ist natürlich ein Verbrechen, daß ich noch nicht weiß, was das ist."

Mein Großvater hat immer gesagt, wenn mer im Himmel essen dürft, was mer wollt, denn wollt hään alten Dag nixt wie gewellten Rahm essen."

Frau Eva lachte belustigt, Hans Dietrich mußte mitlachen. Aber der gewellte Rahm auf besondere Art gekochte Sahne schien ihm nach einer Probe zu schmecken, ßangfam zog er die Schale zu sich heran und lud einen Berg davon auf seinen Teller.

Lind Sonndags da wollt hään en immer auf Schmandwaffeln geschmiert essen, hat hään immer gesagt," berichtete die Kleine.

So, auf Schmandwaffeln? Hm, ich weiß zwar nicht, was Schmandwaffeln sind, aber wenn Ihr Großvater in allem Eßbaren einen so guten Geschmack hatte, damt möchte ich allerdings auch

einmal Schmandwaffeln probieren, Fräulein Maari."

Maari lachte, bafo ihre weißen Zähne in ihrem rosigen Apfelgesicht blinkten.

Oh et geft och gut Sachen an der Mosel," sagte sie spöttisch.Ret nuten zu Berlin."

Das scheint so, Fräulein Maari. Lind da Sie nun eine so schätzbare Auskunft betreffs ge­wellten Rahm und Schmandwaffeln erteilt haben, so könnten Sie mir vielleicht auch mitteilen, woher er hob schnuppernd die Rase in die Luft woher dieser starke Dlumendust kommt, den ich eben rieche, und der entschieden von einer Blume stammt, die ich bisher nicht zu kennen das Ver­gnügen habe. Vielleicht ist es auch eine Mosel­blume, eine Spezialität der Mosel, wie der ge­wellte Rahm?"

Das Mädchen sah ihn erstaunt an. Aber bann kicherte sie vergnügt in sich hinein.Ich han immer gedacht, die Häären von Derliir, die kennten und wüßten alles auf der Welt, und reu wissen se noch nit emal et wichtigst, was et an der Mosel gewen dhut. Das is auch en Blum, die noren an der Mosel wächst, das is ja die Rebenblüt, die eso riecht. Lins' Haustraub fängt an zu blühen seit heut morgen, un wenn die in der Dlüt is, dann riecht das wie hunderttausend Resedcher. Lin in acht Dag, wenn die Dlüt in den Bergen im Gang is, dann riecht die ganz' Mosel wie ein groß Resedarabatt. Lin bat is et Schönst' was et geben kann, wer bat nit emal mitgemacht hat, der weiß garnit, was schön is."

Sie ging eilig mit dem großen Präsentierbrett hinaus, sie schämte sich ein wenig über die lange Rede. Aber daß der junge Herr, der auf alles so von oben heruntersah, nicht einmal wußte, was

gewellter Rahm war, und wie die Rebenblüte roch, das mar doch auch zu arg.

Frau Eva stand nachdenklich vor dem Reben­spalier, das den ganzen Südgiebel des großen Hauses mit dem Mansardendach und der großen Freitreppe überspann. Der Duft war köstliche sie hatte ihn schon am Morgen gespürt, doch nicht so stark wie jetzt. Sie mußte lange suchen, bis sie mit ihren ungeübten Städteraugen die Blüte fand. Das mußte sie fein, die kleinen gelblichen Haarbüschel auf seltsamen Gebilden, die wohl der Ansatz der künftigen Traube waren. Das Ganze kaum sichtbar und doch so stark dlfftend, so un­scheinbar und doch das Wichtigste für dies ganze so reich gesegnete Land.

Sie ging langsam auf den sauber gehaltenen Gartenwegen des Hausgartens. Bunte Sommer­blumen wucherten üppig um die Stämme der 2a» France- und Marechal-Riel-Rosen, die ganz mit sich eben öffnenden Blüten bebedt waren. Aus den Beeten stieg der kräftige Geruch der Küchen­kräuter, ein tausendfaches Summen war in der Lust, träge goldbraune Hummeln brummten, und schlanke Dienen schwirrten übet den Blütenkelchen alles war Fülle und Lleberfluß. Lind in das Dienen summen mischte sich jetzt ein vollerer Klang langsam schlug eine Glocke an, barm läutete sie mit vollen, lauten Tönen. Es war wie einKomm, komm!", das da durch die blauen Sommerlüste zog, es rief und lockte. Run machte sich auch Die Dierundachtzigjährige im Fährmannshause fertig zum Kirchgang.

Ein wunderliches Gefühl zog Frau Eva Ohlers Herz plötzlich zusammen. Hier war auch das Leben, das sie suchte, hier breitete es sich vor chr aus; nicht in tausend trüben, dumpfen,